Versuchen in Deutschland ab, die sich auf die „Goethe-Zeit“ (Friedrich Meinecke) oder das „Abendland“ beriefen (siehe unten). Dieser Bruch beinhaltet auch, dass das Recht durch Men-schenhand, ohne Fundierung auf ein „Naturrecht“, eine historische Gesetzlichkeit oder göttlichen Befehl in neuer Form wieder aufgerichtet werden muss. Dies ist die Alternative zum „gegenwärtigen Nihilismus“ (S. 29), den sie auf intellektueller Ebene diagnostiziert. Hannah Arendt lehnt also angesichts des Bruches in der Entwicklung der Zivilisation in Folge der totalitären Herrschaft philosophisch-politische Ansätze ab, die darauf basieren, sich auf hergebrachte Werte rückzubesinnen. Dies begründet sich in der kulturellen Linie, die sie, ohne sie dezidiert auszuformulieren, zwischen der griechischen Antike und den Problemen der aktuellen Epoche zieht. Diese Probleme, die schließlich in ihrem kulturellen Zusammenbruch enden, sind Überbevölkerung und atomisierte Massen, aber auch die Philosophie des Utilitarismus, die die Vorraussetzungen des Totalitarismus geschaffen hat. Hannah Arendts hier gegebene Totalitarismusdefinition zeichnet sich durch ihre Betonung des Anti-Pluralismus und damit des Charakters totalitären Terrors im Lager aus, der auf die „Vernichtung des genuin Politischen“, nämlich des Menschlich-individuellen zielt (Vollnhals: Totalitarismusbegriff, 2006, S. 6).
Hermann Aubin hat in seiner historisch argumentierenden Schrift „Abendland, Reich, Deutschland und Europa“ (1957) einen solchen, von Arendt strikt abgelehnten Versuch der Traditionsfindung unternommen. Tatsächlich fokussieren sich sowohl sein Reichs- als auch sein Europabegriff um die Figur des „Abendlandes“, welches er als Ergebnis politischkultureller und nicht zuletzt religiöser Gemeinsamkeiten ansieht. Auch er lässt diese Linie bei den hellenistisch-römischen Ursprüngen beginnen, die, ergänzt durch Christentum und Kirche und revitalisiert durch den Einbruch der Germanen, die Ursprünge einer linearen Aufwärtsbewegung abendländischer Zivilisation darstellen. Abzugrenzen ist dieser kulturelle Inhalt historisch vor allem von Islam und christlich-orthodoxem Bekenntnis, verkörpert durch das ost-römische Reich, sowie später allgemeiner von der russischen Kultur. Diese abendländische Grundidee verschiedenster Völker, zusammengefasst als politisches Reich unter der Kaiserkrone der Karolinger, ging seiner Ansicht nach durch das Kaisertum nicht nur, aber in erster Linie auf das „Deutsche“ Reich des Mittelalters über. Von dort aus wirkte es kulturell in ganz Europa, vor allem aber konstant in die Gebiete östlich von Deutschland hinein und war gleichzeitig abendländische Bastion gegen die Türken. Die Idee des Abendlandes soll also gleichzeitig durch historische Veränderungen hindurch ideelles Bindeglied der Völker Europas gewesen sein und gleichzeitig seit dem Mittelalter in Deutschland zutiefst verinnerlicht und nach außen getragen worden sein. Die Ausweitung des Abendlandes über die unbedeu-
Arbeit zitieren:
Christoph Sprich, 2009, Aubin und Arendt: Rückbesinnung auf das Abendland oder totalitärer Bruch der Zivilisation?, München, GRIN Verlag GmbH
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