1. Einleitung
Der Begriff „Sozialisation“ ist heutzutage in aller Munde, breit wird über dieses Wort spekuliert und diskutiert- ebenso viele Definitionen wie Diskussionen gibt es inzwischen auch zum Konzept der Sozialisation. In etlichen Büchern wird versucht, diesen Begriff darzustellen und ihn gleichzeitig von anderen, ihm verwandten Konzepten abzuheben, obwohl diese bei näherer Betrachtung in engem Zusammenhang mit dem Terminus der Sozialisation stehen. Im Folgenden sollen einige dieser wortverwandten Begriffe vorgestellt werden um sie letztlich voneinander, und vom Begriff der Sozialisation, abgrenzen zu können und ihre Gemeinsamkeiten untereinander besser zu verstehen.
2. Verwandte Begriffe- Einige Definitionen
Der Begriff der Sozialisation umschreibt grob gesagt den „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit zwischen Individuum und der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt (…).“ (Raithel 2007, S.60). Allein an dieser einführenden, kurzen Definition wird eine Verwandtheit zu Begriffen wie Bildung, Erziehung, Reifung und Enkulturation deutlich, denn ein Mensch muss all diese Prozesse durchlaufen, um ein gesellschaftsfähiges Wesen zu werden. Im Folgenden soll es um eben diese Begriffe gehen, denn ein Überblick hierüber erleichtert es, mit dem Begriff der Sozialisation umgehen zu können.
2.1. Bildung
Nach Adorno lässt sich Bildung im modernen Sinne als „die Förderung der Eigenständigkeit und Selbstbestimmung eines Menschen verstehen, die durch die intensive Auseinandersetzung mit der ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebenswelt entsteht“ (Adorno 1971, zit. nach Hurrelmann 2006, S.17). In älteren Quellen wird unter Bildung „die Kultivierung der verschiedenen Facetten von Menschlichkeit verstanden, um an den in einer Gesellschaft üblichen Lebensformen teilhaben zu können (Hurrelmann 2006, S.16). Heydorn definiert diesen Begriff folgendermaßen: „Mit jedem Menschen, der ihr zum Gegenstand wird, ist Bildung auf Zukunft gerichtet; sie vermittelt sich den historischen Prozessen durch anhebendes Menschsein. Damit werden wir frei, überwinden wir die Ängste, die wir über Jahrhunderte verinnerlicht haben, fassen Vertrauen zu uns selber. Erst damit hören wir auf, Opfer zu sein….“ (Kron 2001, S.80). Der Begriff der Bildung umfasst also mehr als die bloße Aneignung von Fakten, der Mensch als aktives, handelndes Subjekt soll hier mit einbezogen werden: „Bildung(…) meint die Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten in
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Selbstverfügung und aktiver Gestaltung mit dem Ziel der reflexiven Ausformung eines kultivierten Lebensstils.“ (Raithel 2007, S.36). Bildung soll, im modernen Sinne, also vielmehr als ein aktiver, lebensbegleitender Prozess eines jeden Individuums verstanden werden (vgl. Raithel 2007, S.37).
2.2. Erziehung
Ein weiterer, eng mit dem Sozialisationsbegriff verwandter Terminus lautet „Erziehung“. Dieser ist im Gegensatz zu anderen, im Folgenden aufgeführten Begriffen ein Alltagsbegriff: „Der Begriff Erziehung ist im Unterschied zu den „Kunstbegriffen“ Enkulturation und Sozialisation ein Alltagsbegriff. Es ist also nicht sinnvoll, eine Alltagsdefinition anzustreben, obwohl es immer wieder Versuche hierzu gibt“ (Raithel 2007, S.54). Hierunter versteht sich insbesondere „dasjenige Handeln, in dem die Älteren (Erzieher) den Jüngeren (Edukanden) im Rahmen gewisser Lebensvorstellungen (Erziehungsnormen) und unter konkreten Umständen (Erziehungsbedingungen) sowie mit bestimmten Aufgaben (Erziehungsgehalten) und Maßnahmen (Erziehungsmethoden) in der Absicht einer Veränderung (Erziehungswirkungen) zur eigenen Lebensführung verhelfen, und zwar so, daß die Jüngeren das erzieherische Handeln der Älteren als notwendigen Beistand für ihr eigenes Dasein erfahren, kritisch zu beurteilen und selbst fortzuführen lernen (Bokelmann 1970, zit. nach Raithel 2007, S.21). Diese erste, umfangreiche Definition zeigt zum einen, dass Erziehung immer etwas positives zu bewirken versucht und zum anderen, dass es immer Außenstehende, oft ältere Personen sind, die diesen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung fördern- dies zeigt auch die folgende Definition von Brezinka: „Als Erziehung werden Handlungen bezeichnet, durch die Menschen versuchen, die Persönlichkeit anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht zu fördern“ (Brezinka 1990, zit. nach Raithel 2007, S.22). Wie eng der Begriff Erziehung im Kontext zu den Begriffen Bildung und Sozialisation steht, zeigen folgende Textzitate: „Der Begriff Erziehung bezeichnet alle gezielten und bewussten Einflüsse auf den Bildungsprozess“ (Raithel 2007, S.22). „Ebenso wie „Bildung“ ist „Erziehung“ ein Unterbegriff von „Sozialisation““. (Hurrelmann 2006, S.17). Anders ausgedrückt hat diesen Tatbestand Tillmann in seinem Werk: „Erziehung als bewußte und geplante Beeinflussung der Heranwachsenden durch Erwachsene wird als Teil (als Unterkategorie) des Sozialisationsprozesses gesehen und entsprechend gewürdigt“ (Tillmann 1999, S.15).
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2.3. Reifung
Während der Terminus der Reifung in vielen Werken zum Thema „Grundbegriffe der Soziologie und Pädagogik“ unberücksichtigt bleibt, schenkt Hurrelmann diesem Begriff besondere Aufmerksamkeit: „Zur Bezeichnung des Ergebnisses eines gelungenen Prozesses der Sozialisation wird häufig der Begriff „Reifung“ verwendet. In psychologischer und pädagogischer Denkweise wird unter Reife ein Entwicklungsstand der Persönlichkeit gefasst, bei dem ein optimales Maß von Verhaltenssicherheit und sozialer Orientierung erreicht ist, sodass ein Mensch in bestmöglichem Einklang mit einen persönlichen Ressourcen den Anforderungen der Umwelt gerecht werden kann und zu einer vollen Teilhabe am kulturellen und gesellschaftlichen Leben in der Lage ist. In diesem Verständnis hat der Begriff Reifung eine Nähe zum Begriff der (geglückten) Bildung, nimmt also eine normative Zielsetzung für die Sozialisation vor.“ (Hurrelmann 2006, S.18). Dieses, etwas längere, Zitat von Hurrelmann zeigt zum einen wie wichtig die Reifung für ein jedes Gesellschaftsmitglied ist und zum anderen, wie eng auch dieser Terminus mit dem Begriff der Sozialisation in Zusammenhang steht, ebenso wie eine erfolgreiche Sozialisation ist auch ein Reifungsprozess nicht ohne anerzogene Moral-, Wert- und Normvorstellungen, die in einer Gesellschaft gelten, möglich. Gerade diese Aussage verdeutlicht noch einmal, wie wichtig auch der Prozess der Enkulturation ist, um als „reif“ zu gelten, denn eben dieser Prozess verhilft einem jeden Menschen, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren und ihm auferlegte Werte und Normen zu akzeptieren und zu verinnerlichen.
2.4. Enkulturation
Der Begriff Enkulturation beschreibt im Großen und Ganzen den Prozess der Eingliederung in eine Gesellschaft. „Enkulturation meint das Erlernen der kulturellen Lebensform bzw. den Erwerb kultureller Basisfähigkeiten. Es ist der grundlegende Prozess des Hineinwachsens in die Kultur und das Erlernen kultureller Überlieferungen (vgl. WURZBACHER 1963, 15), wozu zentral das Erlernen der Sprache gehört.“ (Raithel 2007, S.59). Hurrelmann erweitert diese Aussage um folgenden Tatbestand: „Ebenso wie der Sozialisationsprozess allgemein vollzieht sich der spezifische Prozess der Enkulturation nur teilweise als eine bewusste Vermittlung von Inhalten und Techniken; die meisten Aspekte werden unbewusst in die tägliche Interaktion und Kommunikation mit wichtigen Bezugspersonen einbezogen“ (Schmerl 1987, zit. nach Hurrelmann 2006, S.18). Der Prozess der Enkulturation hat zwei Absichten: Zum einen lernt der Mensch „eine Grundpersönlichkeit auszubilden, aufgrund derer er „wie alle anderen“ in seiner Kultur handeln kann. Dies bedeutet in vieler Hinsicht für
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Arbeit zitieren:
Hanna Ruehle, 2008, Sozialisation - Eine Annäherung an den Begriff, München, GRIN Verlag GmbH
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