Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Literatur 5
3. Vorgeschichte 6
4. Einordnung des Instrumentes und Beschreibung 8
5. Die Erfindung des Bandonion 9
5.1. Zeitlich Einordnung 10
5.2. Die Fakten für Heinrich Band 12
5.3. Die Fakten gegen Band 18
6. Fazit 24
7. Perspektive 25
8. Literatur- und Quellenverzeichnis 26
Abbildungen 27
2
1. Einleitung
Das kleine Dorf Carlsfeld im Erzgebirge macht alljährlich von sich reden, wenn im Herbst das Bandonion-Festival ansteht. Ein fast schon vergessenes Instrument wird wieder zum Leben erweckt und das oft mit internationalen Gastspielen aus dem Genre Tango. Mit diesem Event möchten die Menschen in Carlsfeld an die glanzvollen Zeiten dieses ehemals populären Handzuginstrumentes erinnern und auf eine lange Tradition der Herstellung solcher Instrumente in ihrem Ort und der ganzen Region verweisen. Die berühmtesten und heute immer noch gespielten Instrumente wurden von Alfred Arnold in Carlsfeld gebaut. Nicht zu unterschätzen sind demnach auch die Exportzahlen nach Argentinien mit mehr als 30.000 Stück, wodurch dort das Bandonion zum Volksinstrument avancierte.
Aber auch in der Stadt Krefeld am Rhein wird in unregelmäßigen Abständen an das Bandonion gedacht. Den Bezug stellt hier der Erfinder des Bandonions Heinrich Band her. Leider hat das Instrument in Deutschland an Bedeutung verloren und junge Bandonionspieler sind rar. Selbst in ganz Europa gibt es derzeit nur noch zwei Universitäten (Paris und Rotterdam) an denen es möglich ist Bandonion zu studieren. Zwölf Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkrieges gab es laut Hans-Peter Graf 1038 Bandonionvereine mit zirka 14.000 Mitgliedern in Deutschland. 1 Der älteste davon und heute immer noch aktive Verein befindet sich in Chemnitz. Er gründete sich 1874 mit dem Namen „Harmonika-Verein-Chemnitz“. Aber auch in anderen deutschen Städten gibt es Vereine mit einer mehr als 100jährigen Tradition, die immer noch existieren. Allerdings haben alle Vereine mit erheblichen Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Fehlende Lehrmöglichkeiten und die Ablösung durch das Akkordeon wiegen schwer in der Perspektive des Bandonion, wobei es schon jetzt seine mehr als 150jährige Existenz auch einer speziellen Musikrichtung verdanken muss - dem Tango. Durch seine unverwechselbare Klangfarbe und seinen Charme bezeichnen Kenner das Instrument auch als die Seele des Tangos. Die einstige Massenproduktion der Instrumente gibt es nicht mehr. Nur noch vereinzelte, kleine Betriebe bauen heute noch diese Instrumente und kümmern sich um die Instandhaltung von bestehendem Material.
Die Zukunft scheint ungewiss und der Bekanntheitsgrad des Bandonions schwindet. Sieht man von geübten Spielern und Zuhörern einmal ab, scheitert schon die konkrete Benennung solcher Instrumente. Verwirrt durch geschichtliche Namensgebung, ist es auch nicht
1 Vgl. Hans-Peter Graf: Entwicklungen einer Instrumentenfamilie: Der Standartisierungsprozeß des
Akkordeons, Frankfurt am Main, 1998, S. 165.
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verwunderlich, dass viele Menschen nicht den Unterschied, zwischen Harmonika, Handharmonika, Ziehharmonika, Bandonion, Akkordeon oder beispielsweise Konzertina kennen. Ferner sind die Formen und Ausprägungen des Bandonions wiederum eine Sache für sich, die sich in dem Tonumfang und Anordnung der Töne variantenreich unterscheiden. Erst Ende der zwanziger Jahre einigte man sich auf das so genannte Einheitsbandonion (144 Töne) was eine Art Norm vorgeben sollte.
Wird nach dem Erfinder gesucht wird in viele Lexika und Überblickswerken auf Heinrich Band verwiesen, der dem Instrument seinen Namen gab:
„Bandoneon, ein von dem Krefelder Musiklehrer Heinrich Band 1846 entwickelter Konzertinatyp in meist quadratischer Form mit wechseltöniger Mechanik und einem eigenen Griffsystem. 2 “
„Bandonenon, um 1846 in Weiterentwicklung der Konzertina geschaffenes Harmonikainstrument mit Knopfgriffen für Baß und Diskant, benannt nach seinem Erfinder Heinrich Band.“ 3
„Bandoneon (auch Bandonion), um 1845 von Heinrich Band (1821-1860) als Weiterentwicklung der Konzertina gebautes Harmonikainstrument (Ziehharmonika), das keine Akkordknöpfe besitzt, aber mit Hilfe der auf beiden Seiten angebrachten Spielknöpfe bis zu 164 Töne hervorbringen kann. (…).“ 4
„Der Krefelder Musiklehrer lernte in Chemnitz die Konzertina kennen (von Uhlig) und benutzte das Instrument in seinem Stadtorchester. Band verbesserte die Konzertina, baute erst ein 64-töniges später ein 88-töniges Instrument und nannte es Bandonion“ 5
Anlass an dem Sachverhalt zu zweifeln bietet hingegen ein Lexikonartikel des neuen Universallexikons von Bertelsmann. Unter dem Begriff Bandoneon ist folgendes zu lesen:
2 Anthony Baines: Lexikon der Musikinstrumente, Art. Konzertina, aus dem Englischen übersetzt von
Martin Elster, Stuttgart, 1996, S. 173.
3 Wolfgang Ruf: Lexikon der Musikinstrumente, Art. Bandoneon, Mannheim 1991, S. 36.
4 Jörg Theilacker: Art. Bandoneon: Microsoft Encarta 2007 DVD, Microsoft Cooperation 2006.
5 Herbert Gerbeth & Autorenkollektiv: Das Akkordeon, Leipzig 1964, S. 31.
4
„Bandoneon, eine Konzertina mit mehr als 88 Tönen, die der Krefelder Händler H. Band (*1821-1860+) seit etwa 1845 herstellen ließ.“ 6
Hier wird demnach nicht darauf verwiesen, das Heinrich Band das Bandonion auch selbst gebaut hatte oder er auch der Erfinder des Instrumentes sein sollte. Allerdings hat schon Karl Oriwohl in seinem Buch über das Bandonion fatale Irrtümer über das Bandonion richtig gestellt. 7 Darunter eben auch das Bertelsmann-Lexikon hier von 1953: „Bandonion, ein nach dem Erfinder Heinrich Band benanntes Instrument für Tanz und Unterhaltungsmusik. Die Melodie wird mit der rechten Hand auf einer Klaviertastatur, die begleitenden Akkorde werden mit der linken Hand auf Knopfreihen gespielt, wesentliche Verbesserungen durch den internationalen Hersteller Hohner.“ 8
Bei dieser Darstellung muss davon ausgegangen werden, dass der Autor den Artikel teilweise mit dem Akkordeon verwechselt hat oder einfach noch nie ein Bandonion zu Gesicht bekam. Die Frage nach dem Erfinder ist ungewiss, wenn die Primärquellen angeschaut werden. Allenfalls zweifelhafte Indizien verweisen auf Heinrich Band als Erfinder des Bandonions. Wird also Heinrich Band zu Unrecht die Erfindung des Bandonions angerechnet oder irrt sich das Bertelsmann-Lexikon, wenn es behauptet, dass Band seine Instrumente nur herstellen ließ?
Diese Frage über den Ursprung des Erfinders soll im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen, nachdem eine knappe Einführung in Quellen und Literatur sowie in Vorgeschichte und Einordnung des Instrumententyps vorgenommen wird.
2. Literatur
Quellen über das Bandonion in Bezug auf seine Herkunft sind vage und rar. Dabei sind zwei Titel, auf die immer wieder verwiesen wird, von besonderer Bedeutung. Das ist zum einen Karl Oriwohls Monografie „ Das Bandonion - Ein Beitrag zur Geschichte der Musikinstrumente“ 9 und Maria Dunkels Werk:“ Bandonion und Konzertina - Ein Beitrag zur Darstellung des Instrumentaltyps“ 10 .
6 Art. Bandoneon: Bertelsmann das neue Universallexikon, München 2006, S. 83.
7 Karl Oriwohl: Das Bandonion. Ein Beitrag zur Geschichte der Musikinstrumente mit durchschlagenden
Zungen, 2. Auflage, Berlin 2004, S. 10.
8 Art. Bandoneon: Bertelsmann-Lexikon, Band 1, Güthersloh 1953, S. 324.
9 Karl Oriwohl: Das Bandonion. Ein Beitrag zur Geschichte der Musikinstrumente mit durchschlagenden
Zungen, 2. Auflage, Berlin 2004.
10 Maria Dunkel: Bandonion und Konzertina. Ein Beitrag zur Darstellung des Instrumentaltyps, München
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Karl Oriwohl beschäftigt sich in seiner Monographie mit eher praktischen Informationen über das Bandonion. Seine kurz gefassten und leicht verständlichen Passagen versuchen einen Abriss über die Tradition des Bandonions zu geben. Er erklärt die Funktionsweise, macht Angaben zu Herstellern und hat eine umfassende Sammlung mit Tabellen, welche die Griffweise der verschiedenen Typen darstellen. Da Oriwohl selbst Bandonion spielt, weiß er wovon er spricht, was auch in seinen Aufzeichnungen deutlich wird. Auf der anderen Seite geht Maria Dunkel von der mehr theoretischen Sichtweise an die Fragestellung des Bandonions heran. Ihre wissenschaftliche Arbeit erläutert hier den Instrumentaltypus mit seinen musikalischen Möglichkeiten. Weiterhin zeigt sie Zeichnungen und Schlüssel sowie Konzepte und Technologien über die Fertigung des Instrumentes. Aus Sicht der Primärquellen müssen in diesem Zusammenhang drei Archive genannt werden in denen Informationen über dieses Thema von Interesse sind.
Erstens das Krefelder Stadtarchiv, hier lagern Zeitungsberichte, Geschäftsbriefe und andere Hinweise über Heinrich Band. Zweitens das Archiv der North Carolina University in Raleigh, die über eine Autobiographie von Carl Zimmermann verfügen und drittens das Schlossbergmuseum in Chemnitz wo es 2001 zu einer Ausstellung über das Bandonion kam. In Carlsfeld beschäftigt sich zudem auch noch Klaus Wallschläger mit der Aufarbeitung der Geschichte des Bandonions. In seinem Besitz sind zudem noch unveröffentlichte Briefe und Unterlagen, die leider aus privaten Gründen nicht zugänglich sind. Die kleine Ausstellung und Sammlung von Bandonions sowie ähnlichen Instrumenten wird abgerundet durch die hauseigene Produktion. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Sammler und Interessierte, die das Bandonion zu mehr als einer Liebhaberei für sich entdeckt haben.
3. Vorgeschichte
Als der Vorfahre des Bandonions oder besser gesagt der Instrumente mit durchschlagenden Zungen, gilt die chinesische Sheng. Diese mit dem Mund angeblasene Orgel soll von dem mystischem Erfinder Kaiser Huang Ti (2700 v. Chr.) gebaut worden sein. 11 Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass einfachere Instrumente noch ein wenig älter sind, als Beispiel könnte da das kambodschanische Zungenhorn oder das laotische Zungenspiel genannt werden. 12
In Europa wird eine Mundorgel bei Michael Pretorius 1619 abgebildet und Christian Friedrich Ludwig Buschmann war möglicherweise der erste, der einen Balg zum Anblasen der Zungen
1987.
11 Vgl. Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens, Berlin 1923, S. 163.
12 Vgl. Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente, Berlin 1913, S. 234b und 359b.
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benutzte. 13 Die Erfindung, welche aber zum bahnbrechenden Erfolg des Bandonions wurde, ist in Chemnitz zu suchen.
Carf Friedrich Uhlig stellte im Jahr 1834 die erste Deutsche Konzertina her. Dieses viereckige Instrument war wechseltönig 14 und mit fünf Knöpfen an jeder Seite bestückt. Somit hatte die erste Deutsche Konzertina 20 Töne (Abb. 1).
Bereits 1829 hatte Charles Wheatstone (1802 - 1875) in London ein Patent erworben, das die Idee der späteren Englischen Concertina beinhaltete. In seiner Patentschrift von 1829 wird jedoch der Name Concertina nicht benutzt. Erst 1844 ließ sich Wheatstone eine gleichtönige 15 Duet Concertina patentieren. 16 Diese zeichnet sich im Gegensatz zur Deutschen Konzertina mit einer chromatischen 17 Tonfolge aus.
Im Laufe der 30er und 40er Jahre wurden die Handzuginstrumente von Uhlig immer wieder verbessert und an die Bedürfnisse der Spieler angepasst. Da die ersten Instrumente mit nur 20 Tönen ausgestattet waren, wurden nach und nach weitere Tonarten hinzugefügt und 1840 begann die Herstellung von dreireihigen Instrumenten die nun schon 56 Töne erzeugen konnten. Weitere Arten mit 60, 64 und 76 Tönen folgten. 18
Den Modellen fehlte aber unter anderem noch die Möglichkeit vollständig in Moll zu spielen. Bei der zweireihigen Konzertina (C/G) gelingt es die Akkorde A-Moll, D-Moll, H-Moll und E-Moll zu kombinieren, F-Moll oder G-Moll funktionieren beispielsweise nicht, da die Töne As und Bb fehlen. Zwar gibt es nur 12 verschieden Töne in unserer abendländischen Musik, was aber nicht darüber hinweg täuschen darf, dass bei einem 76tönigem Instrument immer
13 Vgl. Oriwohl, S. 2.
14 Abhängig von der Richtung der hindurchströmenden Luft entstehen unterschiedliche Töne. Somit sind
auf einem Knopf durch Zug und Druck des Balges zwei unterschiedliche Töne zu finden.
15 Auf Zug und Druck der gleiche Ton.
16 Vgl. Oriwohl, S. 3.
17 Chromatik bezeichnet in der Musik die Einteilung einer Oktave in zwölf Halbtonschritte.
18 Vgl. Johann David Wünsch (Schwiegersohn von Carl Friedrich Uhlig) in: Leipziger Tageblatt,
Nachdruck in: Zeitschrift für Instrumentenbau, XI, Leipzig 1890, S. 19-21.
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Arbeit zitieren:
Norman Giolbas, 2009, Das Bandonion und seine Erfinder, München, GRIN Verlag GmbH
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