Arbeit , Identität und Lebensführung -
Die personale Resonanz neuer Arbeitskonzepte
Gliederung
1. Einleitung 3
2. Begriffsbestimmungen 3
2.1 Arbeit und Akteur 4
2.2 Neue Techniken (NT) 4
2.3 Identität und Lebensführung 5
3. Industriearbeit 6
3.1 Transformation von Arbeitskraft in Arbeit 6
3.2 Blick zurück: Arbeit, Identität und Lebensführung - Teil 1 6
4. Theoretischer Hintergrund 9
4.1 System und Lebenswelt 9
4.2 Interaktion, Kolonialisierung und Mediatisierung 10
5. Hohe personale Resonanz - Arbeit, Identität und Lebensführung - Teil 2 11
6. Identitätskrisen 16
6.1 Arbeitslosigkeit (Wegbrechen) 16
6.2 Beispiel: Arbeitnehmerüberlassung (Austausch) 17
7. Zusammenfassung und Ausblick 18
Verwendete Literatur 19
1. Einleitung
Wirtschaftliche Produktionsstrategien und Arbeitsbedingungen sind seit den 1970er Jahren durch einen umgreifenden technischen Wandel gekennzeichnet. Dieser zeigt sich vorwiegend im Einsatz Neuer Techniken, der Arbeitsabläufe und -plätze rationalisiert, Tätigkeitsstrukturen und Erwerbsbiographien von Arbeitnehmern verändert und "[e]in Arbeitsverständnis, das in erster Linie durch einen starken Rückbezug der Arbeit auf die eigene Person gekennzeichnet ist," (Jäger 1999, 139) betont. Im Zentrum meiner Arbeit steht deshalb die Frage, welche Folgen der Wandel von Arbeitskonzepten auf die Identität und Lebensführung von Arbeitnehmern hat. Dabei soll bestimmt werden, wie der arbeitsgesellschaftliche Wandel in der Industriearbeit durch seine Veränderung des Verhältnisses von Organisation und Umwelt sichtbar, durch den Arbeitnehmer fassbar und in der Differenzierung von Tätigkeitsstrukturen und Sozialisationsformen reflektiert wird.
Im folgenden werde ich darum den Zusammenhang zwischen Arbeitssituation und Bewusstsein in der Kategorie der "Transformation von Arbeitskraft in Arbeit" (Minssen 2006, 19) skizzieren. Nach notwendigen Begriffsbestimmungen werfe ich einen Blick auf die Entwicklung "mechanisierter Produktion" (Mikl-Horke 2007, 37); Ziel soll sein, erste Eckpunkte des Dreiecks Arbeit, Identität und Lebensführung - AILzu finden. Anschließend bilde ich einen von Habermas begründeten theoretischen Rahmen ab und grenze die Makroebene seiner Begriffskonstellationen - System und Lebenswelt - kurz auf zwei Spannungsfelder ein. Abschnitt fünf baut darauf auf und erläutert Entwicklungen im Verhältnis des AIL - Dreiecks. In Kapitel 6 gehe ich auf das Gefüge einer Identitäts- und Strukturfindung innerhalb der Kategorie Arbeitslosigkeit am Beispiel der Zeitarbeit ein. Ein Resümee, ein Blick auf den Arbeitskraftunternehmer und der Ausblick auf einen eigenen Arbeitnehmertypus arbeitssoziologischer Perspektive schließt meine Arbeit ab.
2. Begriffsbestimmungen
Nach SCHUBERT und KLEIN hat Arbeit die Funktion, "die zur Existenzsicherung notwendigen Mittel zu beschaffen" (2006, 21). Gleichzeitig aber betont BERMES, "daß das Subjekt der Arbeit nicht nur als Träger einer Arbeitsorganisation auftritt, sondern das Arbeiten als einen […] Handlungstyp versteht, vermittels dessen sich das Subjekt realisiert" (2008, 46). In den folgenden drei Abschnitten soll deshalb ein qualitativer Arbeitsbegriff gefunden, der Begriff Neue Techniken benannt und ein Bezugspunkt der Realisation beider (Identität) gefunden werden.
3
2.1 Arbeit und Akteur
Der Begriff der - menschlichen - Arbeit lässt sich über verschiedene Eckpunkte eingrenzen. Die Kategorie des Handelns ist zum Beispiel auf die Verrichtung einer sich wiederholenden Tätigkeit ausgerichtet, bindet die Nutzung von Wissen oder initiiert
Optimierungsbestrebungen. 1 Arbeit soll danach als zweckgebunden, prozessorientiert und - in einem wirtschaftlichen Sinne - wertschöpfend gelten. Sie findet regelnd und geordnet in Organisationen statt und ist nach CONZE heute "durch den allgemein gültigen oder als gültig geforderten Grundsatz der sozialen Gleichheit sowie der technisch-ökonomischen Effizienz bestimmt" (2004, 215). Sie soll kein Ausgangspunkt von Eigentum oder Reichtum eines Akteurs (Kocka 2001, 8) sein und nicht pa-
thetisch verstanden werden 2 ; allerdings versteht sie sich als lebensnotwendiger Ausdruck menschlicher Strategien zur Bewältigung von Produktion und Erwerb. Ihre positive Wertschätzung erfährt Arbeit durch den von BERMES betonten Zusammenhang zwischen Erwerb und Sinnstiftung. Die Abkehr von restriktiv angelegten Arbeitsverhältnissen hin zu neuen Berufs- und Tätigkeitsstrukturen durchbricht die Schranken ausschließlicher ökonomischer Existenzsicherung. Dies bedeutet allerdings auch, dass sich eine Entkopplung von Lohn und Arbeitsanforderungen bemerkbar macht (Fuchs-Heinritz u.a. 2007, 51). Diese Anforderungen (zum Beispiel Ver-antwortung, Qualifikation) spiegeln sich im Verständnis des Akteurs von seiner "Arbeitskraft" wider und fordern das Unternehmen und den Arbeitnehmer zur Organisation von Maßnahmen auf, diese Arbeitskraft zu bestimmten Bedingungen (Arbeitsverträge, Gewerkschaftsmitgliedschaft) zu entäußern (vgl. Minssen 2006, 20 ff.).
2.2 Neue Techniken (NT)
Der Begriff Neue Techniken bezeichnet Möglichkeiten zur computergesteuerten Automatisierung von (Industrie-) Produktion, Verwaltung und Teilen der Privatsphäre (Kommunikationstechnologien). NT eröffnen neue Fertigungs-, Arbeits- und Lebensbedingungen und bilden damit die "Basis für eine grundlegende Verschränkung aller Teilbereiche der Arbeits- und Lebenswelt" (Jäger 1989, 16). Sie sind dem modernen Arbeitsverständnis immanent und in ihrer Form evolutionär.
1 BERMES notiert zum Beispiel fünf Strukturmerkmale, die Arbeit nicht als bloßes Verhalten, sondern als Handeln typisieren: Unabgeschlossenheit, Zeitgebundenheit, Optimierung, Expertenwissen sowie Beherrschbarkeit. (vgl. Bermes 2008, 60 ff.)
2 Wie z.B. bei ARENDT: "Die Neuzeit hat im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen, und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln." (Arendt 2005, 12)
4
2.3 Identität und Lebensführung
Ein wesentliches Merkmal des Normallebenslaufs ist "seine Dreiteilung und die Pri-orität der Erwerbsphase". Daneben sind Lebensplanung und Lebensführung heute "um das Erwerbssystem herum organisiert" (Burkart 2008, 540) und bilden dort die im folgenden zu beschreibende "tatsächliche Erfahrung des Ich in einer bestimmten sozialen Situation" (Berger/Berger/Kellner 1987, 69) ab. 3 Wichtigster Bestandteil des Identitätsbegriffs ist das kommunikative Element, das soziale Vorgaben initiiert bzw. auf sie reagiert - auf die Arbeitswelt bezogen, bedeutet dies eine Vervielfältigung sozialer Rollen und Rationalitäten.
In Anlehnung an JÄGER soll Identität deshalb in seiner zeitlichen und inhaltlichen Struktur "in der sozialen und betrieblichen Realität" (1989, 11) in mehreren Punkten benannt werden: I. die Aufnahme Neuer Techniken in den Arbeitsprozess, II. Ökonomie (Arbeit und Intension), III. Arbeit als Lebensbild und IV. Unternehmensstruktur (Mikro-Umwelt). Daraus ergeben sich zweckrationale Handlungsmodelle innerhalb eines "betrieblichen" Systems (Industrieunternehmen), dem Handlungsimpulse einer Lebenswelt gegenüber stehen (zum Beispiel die "Gruppenzugehörigkeit" des Arbeiters), die zwar immer vorhanden, den handelnden Individuen aber nicht immer bewusst sind. Die Lebensführung also wird durch eine betriebliche Identität des mit Arbeit beschäftigten determiniert (zu System und Lebenswelt vgl. Kapitel 4). Dieser Prozess funktioniert aber auch anders herum: Die durch betriebliche Strukturen hervorgerufene "aktive, reflexive und […] verstärkt zweck-rationale Organisation [der] alltäglichen Lebensführung" (Voß 1994, 288, zitiert nach Jäger 1999, 141) reproduziert unter dem Stichwort einer ganzheitlichen Nutzung des Arbeitsvermögens Fähigkeiten im Sinne außerbetrieblicher Zusammenhänge und Erlebnissphären des Individuums (vgl. ebd.), welche Arbeitsanforderungen bestärken oder bilden. Der Aufbau des Dreiecks Arbeit, Identität und Lebensführung soll in diesem Text deshalb auf eine Einstellung zur Arbeit hindeuten, die wenig funktional geprägt ist und durch den Arbeitsinhalt wesentlich bestimmt wird. Als Fußpunkt stehen Identität und Lebensplan, während im Zirkel der Begriff der Selbstverwirklichung angestrebt wird. Dieser weicht von der Idee durch seine systemisch-rationale Struktur als Handlungsrahmen ab und initiiert Reflexion und Transformation der Identität (Resonanz).
3 BERGER/BERGER/KELLNER formulieren einen offenen, differenzierten , individuierten und besonders reflexiven Identitätsbegriff, dessen Impuls weniger die primäre Sozialisation eines Akteurs ist, sondern die Bereitschaft zur Transformation von Identitäten als moderne Lebensverwirklichung. (1987, 70 ff.) Diese Bereitschaft ist der Grundtenor dieser Arbeit.
5
3. Industriearbeit
Ausgangspunkt für die folgenden Betrachtungen ist die sogenannte Zweite industrielle Revolution am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Zu ihren Rahmenbedingungen stellt MIKL-HORKE beispielhaft fest, dass neben dem Einsatz von Werkzeugen und Maschinen - womit noch keine Neue Techniken gemeint sind - "nicht die Arbeitsteilung als solche [...] das typische Merkmal der Industrie, sondern eine bestimmte Art der Zerlegung und Verteilung der Arbeit" (Mikl-Horke 2007, 36) ist. Im Mittelpunkt der Entwicklung stehen damit zum Beispiel ausführende Teilarbeiten am Fließband oder die Konstituierung einer Arbeiterklasse als Reaktion auf das bestehende Lohnarbeitssystem.
3.1 Transformation von Arbeitskraft in Arbeit
Die von MINSSEN und anderen mit dem Transformationsproblem formulierten Zugriffspunkte des Unternehmens auf seine Kapitalverwertung - Technik, Organisation und Arbeit(er) - münden in "die Differenz zwischen der Fähigkeit zu arbeiten und der Entäußerung dieser Fähigkeit" (2006, 19). Mit der Erfindung der Dampfmaschine und der beharrlichen Entwicklung einer Produktionweise, "in der die Teilung und der Rhythmus von Arbeit [nun] von der Maschine bestimmt wurden" (Mikl-Horke 2007, 36) werden alle drei Zugriffspunkte zeitgleich greifbar und forcieren die Aus- bzw. Umgestaltung von Unternehmensstrukturen und Arbeitsprozessen.
3.2 Blick zurück: Arbeit, Identität und Lebensführung - Teil 1
I. Die Aufnahme Neuer Techniken in den Arbeitsprozess
Computergesteuerte Produktion und eine flächendeckende systemische Rationalisierung durch Neue Techniken sind für die Entwicklung der mechanisierten Produktion bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein noch kein Thema. Dennoch entwikkelten sich im Zuge einfacher technischer Innovationen Prinzipien einer Produktionsstrategie, die als (wirtschaftlich) optimierte - "wissenschaftliche" - Betriebsführung (ebd., 65) die Arbeitsorganisation und ihre Zerlegung (Spezialisierung, Leistungsvorgaben, Trennung von Planung und Ausführung) neu beschreibt. Die technische Komponente als Ausgangspunkt des Produktionsprozesses gewann nach Taylor erst um 1900 und durch Ford an Bedeutung. Serienfertigung und Massenproduktion von standardisierten Produkten durchliefen nun beispielsweise mechanische Beförderungen, wobei einzelne Werkstücke in begrenzten Schritten
6
Arbeit zitieren:
Silvio Zimmermann, 2009, Arbeit, Identität und Lebensführung – Die personale Resonanz neuer Arbeitskonzepte , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Rolle von Regierungen im Gesetzgebungsprozess - Deutschland und Gr...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Seminararbeit, 19 Seiten
Dienstleistungsmanagement wird immer bedeutender in einem modernen Die...
Stellen Sie strategisches und ...
Seminararbeit, 18 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Silvio Zimmermann's Text Arbeit, Identität und Lebensführung – Die personale Resonanz neuer Arbeitskonzepte ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Silvio Zimmermann hat den Text Arbeit, Identität und Lebensführung – Die personale Resonanz neuer Arbeitskonzepte veröffentlicht
Silvio Zimmermann hat einen neuen Text hochgeladen
Arbeit und Identität im Jugendalter
Die Auswirkungen der gesellsch...
Jürgen Mansel, Heike Kahlert
Arbeit neu denken. Repenser le travail
Alain Ehrenberg, Iring Fetscher, Felix Heidenreich, Elisabeth Krüger, Jan Müller, Angela Oster, Jean Claude Monod
Resonanz: Energy Dynamics in Conscious Organizations from Hierarchy to...
Stephano Sabetti, Matt Sabetti
Personale Identität oder menschliche Persistenz?
Ein naturalistisches Kriterium
Cordula Brand
Wer bin ich? Personale Identität im Film
Eine philosophische Betrachtun...
Alina Singer, Irmbert Schenk, Hans Jürgen Wulff
Orientierung & Identität | Orientation and Identity
Porträts internationaler Leits...
Dieter Mayer, Erwin Bauer
0 Kommentare