Einleitung
Mit der Publikation eines Teils seiner Tagebücher legt André Gide 1932 ± im Alter von 62 Jahren ± ein leidenschaftliches Credo zum Kommunismus ab und macht sich fortan unter dem Banner des Antifaschismus zusammen mit anderen Intellektuellen zum engagierten Verteidiger der Sowjetunion und der auf ihrem Boden entstehenden kommunistischen *HVHOOVFKDIW ,Q LKU VLHKW *LGH HLQH ÄSDWULH LGpDOH³ 2 , welche nach seiner Auffassung, der französischen Gesellschaft diametral gegenüber steht und in der er das Heil und die Zukunft der Menschheit sieht.
Im Juni 1936 bricht Gide zu einer zweimonatigen Reise in die Sowjetunion auf, von welcher er enttäuscht und ernüchtert zurückkehrt. Konfrontiert mit einer sowjetischen Realität, die er in diesem Maße nicht für möglich gehalten hätte, wendet sich Gide vom sowjetischen Kommunismus ab und wird sein einstiges Utopia auf eine Ebene mit Hitler-Deutschland stellen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Intellektuellen, welche in dieser Zeit ähnliche oder gleiche Erfahrungen machen, veröffentlicht Gide seine persönlichen (UNHQQWQLVVH0LWGHU3XEOLNDWLRQYRQÄ5HWRXUGHO¶8566³ 3 (im Folgenden: Retour) im selben Jahr seiner Reise VRZLH GHP NQDSS HLQ -DKU GDUDXI IROJHQGHQ Ä5HWRXFKHV j PRQ 5HWRXUGHO¶8566³ 4 (im Folgenden: Retouches) bricht Gide mit dem Kommunismus und macht sich unwiderruflich zum Renegaten der fortan von kommunistischer Seite aus geächtet wird. Einer der bedeutendsten Größen der französischen Literatur ± der zugleich einer der prestigeträchtigsten Intellektuellen der Volkfront ist ± vergreift sich am Kommunismus; und dies zu einem Zeitpunkt, da die Euphorie der ersten Stunde noch andauert, da der Faschismus immer weiter auf dem Vormarsch ist, und zudem der Bürgerkrieg in Spanien seinen Anfang nimmt.
1 A. Gide, André Gide. Journal 1889 t 1939, (1951, S.1132).
2 X']Uo[uµo[hXZX^X^Xv&vU](À}uîõXìòXíõïñU]vWY. Davet (Hg.), Littérature Engagée, (1950, S.98). xxxxxxxxxxxxxx
3 A. Gide, Z}µo[hXZX^X^., Gallimard, (Paris 1936).
4 A. Gide, Z}µZu}vZ}µo[hXZX^X^., Gallimard, (Paris 1937).
1
Nach Derrida bildet vor allem Retour den ÄPrototypHQ³ einer ganzen Reihe von nachfolgenden Publikationen und damit das Paradigma einer (mittlerweile) abgeschlossenen Tradition kritischer Schriften dieser Art. 5 Beide Texte ± diese werden im Folgenden aufgrund der gleichen Thematik parallel behandelt ± befassen sich, mit der Kritik am sowjetischen Kommunismus und basieren zum einem großen Teil auf den persönlichen Erfahrungen Gides und denen seiner Reisegefährten.
Wie ist zu erklären, dass Gide ± als gläubiger Christ mit bürgerlicher Herkunft ± sich innerhalb nur weniger Jahre voller Überzeugung einem atheistischen und klassenlosen politischen System zuwendet, um sich alsbald wieder von ihm zu distanzieren?
Gegenstand dieser Arbeit bildet damit die Analyse des Prozesses von Hin- und Abwendung Gides zum bzw. vom Kommunismus in den Jahren 1931 bis 1937. Als erstes wird dabei Gides Einstellung zu sozialen und politischen Fragestellungen vor 1931 beleuchtet. In Kapitel Zwei richtet sich der Fokus ± unter Berücksichtigung des historischen Kontexts ± auf sein öffentliches Engagement von 1932 bis 1936. Kapitel Drei analysiert sodann mögliche Gründe und Ursachen für Gides Hinwendung zum Kommunismus und bildet damit die Ausgangsbasis für Kapitel Vier, in welchem es zu einer systematischen Untersuchung und Interpretation der von Gide in Retour und Retouches formulierten Kritik kommt. Ziel der Arbeit soll letztendlich sein, die für Gide erfahrene Diskrepanz zwischen imaginärer Wunschgesellschaft und seiner Wahrnehmung der sowjetischen Realität transparent zu machen, um ein klares Bild der Gideschen Konzeption des Kommunismus zu erhalten.
xxxxxxxxxxxxxx
5 Vgl. J. Derrida, Rückkehr aus Moskau, (2005, S.55).
2
1. André Gide: YHUVOµHQJDJHPHQW
André Paul Guillaume Gide, französischer Schriftsteller, Intellektueller und vorübergehender Anhänger des Kommunismus, wird am 22. November 1869 in Paris geboren. Als Einzelkind einer gut situierten calvinistisch-protestantischen Familie der NRQVHUYDWLYHQÄKDXWHERXUJHRLVLH³ZlFKVWGide in finanziell gesicherten Verhältnissen auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist Gide ein schöngeistiger und privilegierter Schriftsteller mit starkem Hang zur Selbstreflexion, welcher sich seiner gesellschaftlichen Klassenzugehörigkeit wohl bewusst ist und dies bereits in seinen Werken thematisiert. 6 Wenn auch oft begleitet von Müdigkeit und Selbstzweifeln, befindet er sich in den IROJHQGHQ-DKUHQÄDXIGHU+|KHVHLQHUSchaffenskraft³ 7 1908 gründet er mit Freunden die Zeitschrift ÄNouvelle Revue Francaise³, welche 1911 mit der Angliederung eines Verlagshauses zum zentralen Publikationsorgan seiner Werke wird und die literarische Landschaft Frankreichs nachhaltig beeinflusst. Thematisiert die NRF bis zum ersten Weltkrieg keine politischen Inhalte, so regen sich auch in Gide bis dato keine nennenswerten Fragen politischer oder sozialer Natur, vielmehr verschreibt er sich ± mittlerweile in seinen Dreißigern ± ganz und gar der künstlerischen Beschäftigung. 8 Dies soll sich erst 1925/26 im Rahmen seiner Reise in die französischen Kolonialgebiete Kongo und Tschad ändern. Die Gründe für den Ausschluss solcher Themen vor 1925, sind keinesfalls in einem Desinteresse an gesellschaftlichen Fragen zu sehen, vielmehr sind persönliche und künstlerische Motive als Ursache in Betracht zu ziehen.
1.1 Zur Bedeutung moralischer, sozialer und politischer Fragen bei André Gide vor 1931
Zunächst sei zu erwähnen, dass Gide vom französischen Symbolismus der Jahrhundertwende geprägt ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts löst sich Gide von diesem Kreis und damit vom Einfluss Stéphane Mallarmés, einem der wichtigsten geistigen Führer
6 Vgl. T. Connor, André Gides politic's: Rebellion and Ambivalence, (2001, S.173). Für einen Überblick über Gides künstlerische Konzeption vor 1925 vgl. E.R., Curtius, Französischer Geist im zwanzigsten Jahrhundert, (1965, S.40-72). Zum Verhältnis Gides zur russischen Kultur (insb. seine sehr enge Beziehung zu Dostojewskis Werk) vgl. :XK[]vU André Gide. A Critical Biography, (1953, S.288 f.), vgl. weiter C. du Bos, Dialog mit André Gide, (1961, S. 288-325).
7 P. Schnyder, in: P. Schnyder (Hg.), André Gide, Autobiographisches, Tagebuch 1903 t 1922, (1990, S.14).
xxxxxxxxxxxxxx
8 Bereits 1893 notiert Gide in sein Tagebuch: "Ne pas faire de politique et ne presque jamais lire les journaux." (A. Gide, (1951, S.49).
3
der Bewegung. Doch bleibt er stark geprägt von der Richtung als solcher ± insbesondere von deren wichtigstem Merkmal: das alltägliche Leben und die profanen Dinge aus künstlerischen Werken fernzuhalten. 9 1935, auf dem Höhepunkt seines politischen Engagements erkennt er retrospektiv:
2XL MH SD\H DXMRXUG¶KXL PHV GpQLV G¶DQWDQ GH FH ORQJ WHPSV R PH SDUDLVVDLW LQGLJQH GH UpHOOH
attention tout ce que je savais transitoire et ressortissant à la politique, j O¶KLVWRLUH /¶LQIOXHQFH GH
0DOODUPpP¶\SRXVVDLW 10
Weiterhin ist zu erwähnen, dass Gide sich selbst jegliche Kompetenzen politischer und wirtschaftlicher Natur abspricht und die Beantwortung derartiger Fragen lieber Ä6SH]LDOLVWHQ³EHUOlVVW1RFKEHUHLWVYROOXQGJDQ]GHP.RPPXQLVPXV]XJHZDQGW schreibt er in sein Tagebuch:
Je sHQVUHVWHPRQLQFRPSpWHQFHHWMHODVHQVGHSOXVHQSOXVWDQGLVTXHP¶RFFXSHGHFHVTXHVWLRQV SROLWLTXHVpFRQRPLTXHVILQDQFLqUHV>@&HVTXHVWLRQVVRQWVLFRPSOLTXpHVTXHSOXVRQV¶HQRFFXSH moins on y voit clair ; moi du moins. 11
1918 erklärt Gide:
2XLOHVTXHVWLRQVSROLWLTXHVP¶LQWpUHVVHQWPRLQVHWMHOHVFURLVPRLQVLPSRUWDQWHVTXHOHVTXHVWLRQV sociales; les questions sociales moins importantes que les questions morales. 12
In dieser Hierarchie wird Gides immer noch gültige Aussage bezüglich seiner Präferenz für moralische Fragen transparent. 13 Sie liefert einen weiteren Beleg für die Absenz sozialer und politischer Inhalte in seinem bisherigen Werk. Gide, der zu seinen Lebzeiten das Individuum immer als erkenntnisbringender erachtet als die Gesellschaft im Ganzen, richtet, ausgelöst durch das strenge puritanische Umfeld seiner Kindheit und der in
9 Vgl. M. Klaus, André Gide und die Krise des modernen Denkens, (1966, S.85): ^]^Çu}o]vUPZ um ihren Dichter-Führer Stéphane Mallarmé, verpönten das Interesse an sozialen Fragen als bµvlºvo]ZZµvbvµ]ZZUÀZvlµooals bbilligen JournalismusZX^UÀgl. auch: J. K[]en, (1953, S.318): ^Y Á}l}((}(Zb}v]vPv]Z}(}]vÇo](X_
10 A. Gide (1951, S.1237), vgl. auch M. Winock, Le siècle des intellectuels, (1997, S.142.).
11 A. Gide (1951, S.1120).
12 A. Gide (1951, S.668).
13 sPoX:XK[]v, (1953, S.319): cdZY}v(}'][v]}v(}u}]o}uuv]}]]À}vW Z}ÀÁZou]vP]}]ÇZPÀ}u}o}ouX_Mit der Hinwendung zum Kommunismus zu Beginn der dreißiger Jahre ändert sich Gides HierarchitX]cµ]}vu}o^v(ºihn in den xxxxxxxxxxxxxx
Hintergrund, ]vµ]vv̵vPu]vcµ]}v}]o^Á]vP]Z]v,]vÁvµvP̵u Kommunismus zu einer Notwendigkeit.
4
Jugendjahren folgenden Emanzipation 14 , seinen Blick schon früh auf psychologische Fragen und stellt herrschende bürgerliche Moralvorstellungen ± und damit seine eigene geistig-moralische Herkunft ± stets von neuem in Frage. 15 Bevor Gide 1925/26 in den französischen Kongo aufbrechen soll und sich erstmals eingehend mit sozialen Fragen auseinandersetzt, lassen sich einige Ereignisse in seiner Biografie freilegen, die den Eindruck einer Beschäftigung mit sozialen oder gar politischen Fragen erwecken könnten. 16 So engagiert sich Gide 1912 im Rahmen einer Gerichtsverhandlung als Geschworener in Rouen. Mit beharrlichem Eigenantrieb (er insistierte sechs Wochen auf seine Berufung zum Gericht) gilt sein Interesse jedoch hauptsächlich der Beantwortung moralischer und psychologischer Fragen. Primär geht es ihm um die Analyse des französischen Rechtssystems, sowie um die Erforschung des damit verbundenen Verhältnisses eines subjektiven Gerechtigkeitsbegriffs seitens der Geschworenen und der tatsächlichen Verurteilung, welche direkte Folgen für den jeweils Angeklagten nach sich zieht. Gide sieht dieses Verhältnis als Produkt eines Wechselspiels rationaler und irrationaler gesellschaftlicher Kräfte während der Verhandlungen. Er interessiert sich besonders für die Tatsache, dass kleine Zufälle im Prozessablauf zu schwerwiegenden Entscheidungen führen, die das weitere Schicksal eines Menschen bestimmen können. 1914 veröffentlicht er seine Gerichtserfahrungen in ÄSouvenirs de Cours d¶Assises³, 1930 folgen weitere Veröffentlichungen besonderer Gerichtsfälle in der von Gide publizierten Reihe ÄNe jugez pas³, diese beinhalten: Ä/¶$IIDLUH5HGXUHDX³ und ÄLa séquestrée de Poitiers³. *LGH JHKW HV EHL DOO GHP XP GHQ Ä(LQEOLFN LQ GHQ XQHUIRUVFKWHQ %H]LUN >GLH@ WHUUDH LQFRJQLWDH³ 17 der menschlichen Seele, er sucht moralische Fragen im Kontext von Wahrheit und Gerechtigkeit zu beantworten und webt seine Erkenntnisse stets in sein literarisches Werk ein. 18
Question sociale? ±&HUWHV 0DLV OD TXHVWLRQ HVW DQWpFpGHQWH /¶KRPPH HVW SOXV LQtéressant que les
hommes. 19
14 Vgl. dazu A. Sheridan, André Gide: A Life in the Present, (2000, S.29, 43, 95), vgl weiter :XK[]vU(1953, S.103).
15 Vgl. K. Mann, (1966, S.59).
16 Vgl. J. Lambeth, Gide and Justice: The immoralist in the Palace of Reason, in: T. Connor (2000, S.73).
17 E. Jackson, Zu Soziale Plädoyers, in: P. Schnyder & R. Theis (Hg.), André Gide, Gesammelte Werke VI, Reisen und Politik, (1996, S.419). xxxxxxxxxxxxxx
18 A. Guerard, André Gide, (1963, S.4).
19 A. Gide (1951, S.93).
5
Im Rahmen einer Anschuldigung in einem Artikel der Libres propos 20 , in dem es heißt, Gide habe sich vor 1925/26 nicht für soziale Fragen interessiert, verteidigt sich Gide entschlossen und gibt an, er habe sich schon dreißig Jahre zuvor, während seiner ersten Afrikareise, mit lokalen sozialen Belangen auseinandergesetzt und lediglich zu diesem Zeitpunkt kein Tagebuch geführt. 21 Vor diesem Hintergrund kommt Gides Reise nach Afrika 1925 eine umso größere Bedeutung zu, veröffentlicht er doch konkrete Kritik an der französischen Gesellschaft in einem nicht-fiktiven Werk und nimmt damit Teil am öffentlichen Diskurs über den französischen Kolonialismus. Der Zeitraum 1925/26 markiert somit einen entscheidenden Wendepunkt in Gides Leben: von nun an beginnt eine Auseinandersetzung mit sozialen Fragen YRQ GHQHQ VLFK GHU $XWRU YRQ Ä/HV 1RXUULWXUHV WHUUHVWUHV³ELVKHUGLVWDQ]LHUWKDWWH 22
1.2 Die Hinwendung zu sozialen Themen
Im Juni 1925 verreist Gide, ermüdet von den Arbeiten an seinem soeben abgeschlossen 5RPDQ ÄLes faux-monnayeurs³, sehnsüchtig nach Afrika. 23 Auf der Reise entdeckt er ± eher aus Zufall ± den schädlichen Einfluss, den eine französische Konzessionsgesellschaft (Compagnie Forestière Sangha-Oubangui) auf die Lebensbedingungen der lokalen schwarzen Bevölkerung ausübt. Er reibt sich stark an der profitorientierten Ausbeutung der schwarzen durch die weiße Bevölkerung. Diesmal ist er nicht, wie am Gericht in Rouen 1912, in der Rolle eines Unbeteiligten Beobachters, er fühlt sich berechtigt und verpflichtet zu schreiben und öffentlich zu sprechen um etwas gegen das diskriminierende Ausbeutertum zu unternehmen. 24 Gleichzeitig schämt er sich, in der Rolle des Beobachters auch die Rolle eines Repräsentanten Frankreichs, der Zivilisation und der weiße Rasse einzunehmen. 25 Dass Gide gerade diese Konzessionsgesellschaft in den Mittelpunkt seiner Kritik rückt hat einen einfachen Grund: Hier, lokal vor Ort, erblickt er die soziale Ungleichheit mit eigenen Augen und sieht sich unmittelbar konfrontiert mit dem
20 http://hri.shef.ac.uk/gide/works/GideDetail3.5.1.htm (Libres Propos, anonymer Artikel vom 20.08.1927).
21 Vgl. dazu A. Gide (1951, S.1154-56). Zu Beginn des ersten Weltkrieges (1914/15) engagiert sich Gide elf Monate im Flüchtlingswerk cFoyer franco-belgue^UÀgl. dazu A. Gide (1951, S.508): cYUi[]µuo] }}uouvuZUu[Ç]v µuvX^
22 sPoX̵:XK[]vU~íõñïU^.321).
23 Vgl. A. Gide (1951, S.806Wc:v}uoµµµo}vP}}µu[v}]X^
xxxxxxxxxxxxxx
24 Vgl. A. Gide (1951, S.1156Wc YUt µi[À]µvµ[µvµo}]Uu!uoÀ}]UoX^
25 Vgl. R. Maurer, v ']o[hZ^S, (1983, S.19f.).
6
Ausbeutungsverhältnis von Kolonialherren und Kolonialisierten, dessen Ausdruck sich vor allem in dem Besitz unterschiedlicher Privilegien begründet. 26 Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner kritischen Reiseberichte ÄLe Voyage au Congo³ (1927) und ÄLe Retour du Tchad³ (1928), die auf den Tagebüchern während seines Aufenthaltes in Afrika vom Juli 1925 bis zum Juni 1926 basieren, beschäftigt sich Gide stärker als je zuvor mit VR]LDOHQ )UDJHQ :LQRFN QHQQW LKQ LQ GLHVHU $QJHOHJHQKHLW GHQ ÄFontinuateur de 9ROWDLUH³. 27 Er beginnt Zeitungsartikel zu veröffentlichen, nutzt seinen Einfluss in der Öffentlichkeit und er inszeniert bewusst einen Presserummel um Aufmerksamkeit zu erhalten. 28 Weiterhin bemüht er sich in regem Briefverkehr eine Erneuerung der von ihm verurteilten Kautschukkonzessionen zu verhindern und versendet 600 Exemplare seines ÄLe Retour du Tchad³ an Politiker. 29
Gide verharrt in seiner maßgeblichen Kritik, welche einzig Kritik an Symptomen des französischen Kolonialismus ist und nie das System als Ganzes kritisiert, bei diesem einen Unternehmen, dabei trägt er seine individuellen europäischen Vorstellungen 30 stets in nicht-westliche Länder wie den Kongo, den Tschad, die Türkei (1914) oder aber die Sowjetunion (1936). 31 Für ihn, der die Gerechtigkeit in jeder Hinsicht zum persönlichen
26 Vgl. W. Putman, Writing the Wrongs of French Colonial Africa: Voyage au Congo and Le Retour du Tchad, in: T. Connor, (2000, S.100), vgl. weiter, A. Gide in: R. de Saint Jean, La Revue hebdomadaire, 09.11.1927 ~ZWllÁÁÁXP]]vXvl}uzvµlWz}vP}lZz^z:vzsXZuoWc>]v !u}µÆ u ]oµÆµoUµÆÇUi[vvoÇ}o}v]µoÇ}o}v] U[]ov}v o] Uo}o}v]]}vuµÀ]X^
27 M. Winock, (1997, S.224).
28
']À((vo]ZuíñXíìXíõîó]vv]lo~cLa
Détresse de notre Afrique équatoriale^) in der
cRevue
de Paris^ºíôõõ]Z^Çu
29 A. Sheridan, (2000, S.417, 421).
30 Unfähig als französischer Europäer eine afrikanische Sicht der Dinge einzunehmen, befreit er sich damit gleichzeitig von der Pflicht afrikanische Probleme zu thematisieren und weicht sodann auf ein Thema aus, welches innerhalb seines Interessengebietes liegt: Frankreich. (Vgl. dazu W. Putman, Writing the Wrongs of French Colonial Africa: Voyage au Congo and Le Retour du Tchad, in: T. Connor, (2000, S.107). Während seiner Reise ist Gide ein Fremder in diesem Land und bewertet, wie viele andere vor ihm auch, Afrika nach seinen eigenen, nach europäischen Maßstäben. Die Beurteilung von Landschaften, Städten und Bevölkerung, welche Gide in seinem Reisebericht oftmals nur in Abgleich mit bekannten, französischen Objekten möglich ist, erfolgt in repetitiver und stereotyper Weise, oftmals herablassend und gezeichnet vom dekadenten Beigeschmack kultureller Überlegenheit wie sie typisch für viele damalige Besucher exotischer Länder war. (Vgl. dazu ibid., S.98 f.). Bereits 1914, elf Jahre vor seiner Reise in den Kongo, reist Gide in die Türkei und äußert sich in ähnlicher Weise über Kultur und Volk, welches er nur oberflächlich und lµÌÁ]o]PZWc>}µuµµ[}vµ]uP]voµo]VoUÀ]uvUo u ]X^~Vgl. A. Gide, (1951, S.400, vgl. weiter dazu ibid. S. 416).
31 So bezichtigt ihn die ]µvPc>[,µuv] ^nach seiner Rückkehr mehrmals einer nur unzureichenden
xxxxxxxxxxxxxx
Kritik am Kolonialismus so z.B.: G. Aucouturier, Un littérateur français µ}vP}U]vo[,µuv] À}u 8.5.1927 (http://hri.shef.ac.uk/gide/works/GideDetail3.1927.5.pdf).
7
Leitprinzip und zum moralischen Imperativ erhebe, für jemanden, der sich dem Wert der Wahrheit und dem der Authentizität eng verbunden fühle, sollte in kommenden Jahren ±
WURW] ÄHXURSlLVFKHU %ULOOH³ ± eine Möglichkeit zur umfassenderen Systemkritik gegeben sein. 32 Zwar soll er diese Gelegenheit in seinen kritischen Reiseberichten seiner Afrikareise 1925/26 noch nicht voll und ganz ausschöpfen, so kann die Publikation seiner Afrikakritik ± sowie die damit verbundene Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit in Form von Polemiken und direkten Angriffen auf Gide selbst ± als ÄVorspiel³ der Veröffentlichungen seiner Russlandbücher von 1936/37 bezeichnet werden. 33 Ist Gide Ende der zwanziger Jahre noch zurückhaltend in seiner Kritik und gänzlich ohne öffentliches Engagement, so ändert sich dies zu Beginn der dreißiger Jahre. Wie viele andere Intellektuelle auch bezieht er in dieser Zeit stärker als je zuvor politisch Position, sein politisches Engagement jener Zeit soll nun ± unter Einbezug des historischen und politischen Kontextes jener ereignisreichen Jahre ± näher beleuchtet werden.
2. Engagement 1932-1936: Antifaschismus, Kommunismus und die Verteidigung der Kultur
Angesichts der immer stärker werdenden faschistischen Kräfte in Europa ± Mussolini hat seinen Platz bereits 1922 in Italien eingenommen, Hitler und die Nationalsozialisten übernehmen die Macht in Deutschland 1933 und der Franquismus hält ab Mitte 1936 Einzug in Spanien ± beginnt in Frankreich zu Beginn der dreißiger Jahre eine Zeit der Polarisierung der politischen Rechten und Linken. Die Sowjetunion, besonders im Kontext Hitlers Machtergreifung 1933, wird seinerzeit zum Bollwerk des Antifaschismus, zur YHUKHLXQJVYROOHQ %DXVWHOOH GHU (UVFKDIIXQJ HLQHV ÄQHXHQ 0HQVFKHQ³ 34 und dient vielen Intellektuellen als Gegenentwurf zum angeschlagenen System des Kapitalismus der
32
was to remain faithful to his owv]vP]ÇUZ]U}ZµZX^In: (T. Connor, 2000, S.2), Peter Schnyder uZ]']ocÌvov]Z-Z]Z<P}]^]vvctZZ]P]((^U}Á]]v cµvvZP]]P&}µvPvZµZvÌ]^µU]vWWX^ZvÇ~íõõòU^XíòX
33 Vgl. R. Maurer, Zu den Rußlandbüchern, in: P. Schnyder, Gesammelte Werke VI, Reisen und Politik, (1996,
xxxxxxxxxxxxxx S.398).
34 Vgl. R. Saage, Utopische Profile 4: Widersprüche und Synthesen des 20. Jahrhunderts, (2006, S.537).
8
Arbeit zitieren:
Martin Völkner, 2009, André Gide und der Kommunismus, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Weg zur Tugend ist der Weg zur Mitte - Die Mesotes-Lehre von Arist...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 19 Seiten
Das Bildungsmotiv in Platons Höhlengleichnis
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Die theoretische und die politische Lebensform nach Aristoteles (Nikom...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Referat (Ausarbeitung), 21 Seiten
Das "erhabne Drama der Revolution"
Kunstdiskurse in Georg Büchner...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 18 Seiten
Der Bildungsgedanke in Platons Höhlengleichnis
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 18 Seiten
Bedingungsloses Grundeinkommen
Eine Frage der sozialen Gerech...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Essay, 10 Seiten
Die attische Philosophie: Sokrates, Platon und Aristoteles
Philosophie - Philosophie der Antike
Hausarbeit, 12 Seiten
Die direkte Demokratie und ihre Institutionen
Referenden, Volksbegehren und ...
Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika
Seminararbeit, 29 Seiten
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)
Hausarbeit, 11 Seiten
Die Mesoteslehre des Aristoteles in der Nikomachischen Ethik
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Seminararbeit, 26 Seiten
Freie Software, Open Source und Linux
Soziologie - Wissen und Information
Hausarbeit (Hauptseminar), 43 Seiten
Die Idealismus-Kritik des Realisten Büchner: Zum Stellenwert des Kunst...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 20 Seiten
Gerechtigkeitstheorien des 20. Jahrhunderts
Zwei Ansätze im Vergleich John...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Hausarbeit, 22 Seiten
Eine Auseinandersetzung mit de...
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Seminararbeit, 15 Seiten
Martin Völkner's Text André Gide und der Kommunismus ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Martin Völkner hat den Text André Gide und der Kommunismus veröffentlicht
Martin Völkner hat einen neuen Text hochgeladen
Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer
Anna Kaminsky, Dietmar Müller, Stefan Troebst
Der Hitler-Stalin-Pakt in der Propaganda des Leitmediums
Der"Völkische Beobachter" über...
Moritz Florin
Der Hitler-Stalin-Pakt, der Krieg und die europäische Erinnerung
Osteuropa - Nr. 7-8, 2009
Manfred Sapper, Volker Weichsel
Una paradoja histórica : Hitler, Stalin, Roosevelt y algunas consecuen...
José Varela Ortega
0 Kommentare