Lehrstuhl für Methoden der empirischen Sozialforschung und angewandte Soziologie
Hauptseminar Befragung und Befragtenverhalten
Wintersemester 2002/2003
- Hausarbeit - SozialeErwünschtheit,
das Problem, die Lösung(en)?!
Christian Hunkler
Sozialwissenschaften, 7. Semester Nebenfach: BWL - Marketing
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 4
2. Das Problem 5
2.1 Definitionen 5
2.2 Systematisierung der verschiedenen Ansätze 7
2.2.1 Persönliche Prädisposition (Need for social Approval kurz NSA) 7
2.2.2 Item Charakteristik (Trait Desirability kurz TD) 8
2.2.3 Situationaler Ansatz - die Einflüsse der Interviewsituation 9
2.3 Das eigentliche Problem: möglicherweise falsche Ergebnisse. 11
2.4.1 Auswirkungen auf die Validität von Messinstrumenten 11
2.4.2 Mögliche Auswirkungen auf die Reliabilität. 12
2.4.3 Resultierende falsche Ergebnisse 12
2.4 Nachweis bzw. Entdeckung von Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit 12
3. Die Lösung(en)? 13
3.1 Skalen zur Erfassung des „Need for social approval“: die Marlowe-Crowne Skala 14
3.2 Techniken, die soziale Erwünschtheit nicht miterfassen. 15
3.2.1 Der Implicit Association Test 16
3.2.2 Randomized Response Technique. 17
3.2.3 Begrenzte Möglichkeiten dieser Techniken. 17
3.3 Ein theoriegeleiteter „mehrdimensionaler“ Ansatz für SD-Verzerrungen. 18
4. Fazit Ausblick 21
5. Literatur 23
6. Nicht zitierte Literatur. 25
7. Anhang 26
3
1. EINLEITUNG
Eines der zentralsten Probleme quantitativer Forschung sind Antwortverzerrungen durch soziale Erwünschtheit (im folgenden SD-Bias 1 ), denn sie werden häufig als Erklärung für bestimmte Resultate herangezogen (vgl. DEMAIO 1985: 257). Gemeint ist damit, dass Pro-banden in Umfragen nicht nur ihre „wahre“ Meinung angeben, sondern tendenziell versuchen ein günstiges Bild von sich selbst zu zeichnen (vgl. SELLTIZ ET AL. 1976), was dann zur Verzerrung des „wahren Antwortwertes“ führen kann.
Um die in der Literatur vorgeschlagenen Lösungswege adäquat bewerten zu können muss zunächst genauer definiert werden, was unter sozialer Erwünschtheit zu verstehen ist, welche Auswirkungen das Vorliegen von sozialer Erwünschtheit auf die Messung von latenten Konstrukten hat (was also genau das Problem ist) und unter welchen Umständen mit Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit zu rechnen ist. Diese Fragestellungen werden in Abschnitt 2 „das Problem“ behandelt, vor allem die konkurrierenden Thesen zur Entstehung dieser Verzerrungen. Einerseits werden persönliche Eigenschaften als Ursache herangezogen; andere Autoren sehen Item-spezifische Unterschiede zur Erklärung heran und drittens werden situationale Faktoren als Erklärung für Verzerrungen herangezogen. Im dritten Abschnitt erfolgt dann ein Überblick über verschiedene Lösungsmöglichkeiten. Generell kann man eine Lösung in der Konstruktion von Messinstrumenten sehen, die den Einfluss von SD-Verzerrungen von vorneherein minimieren bzw. ausschließen. Ein anderer Weg ist der Versuch, die Verzerrungen zu quantifizieren, um sie so „herausrechnen“ zu können. Die Messung von SD-Verzerrungen ist notwendige Bedingung für beide Arten der Lösung. Für die erste Lösung muss in einer Art Erfolgskontrolle sichergestellt werden, dass wirklich keine SD-Verzerrungen miterfasst werden. Für den zweiten Weg ist die Messung und damit die Erklärung des Zustandekommens von Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit zentral, da nur auf Basis dieses Wissens der wahre Wert aus den tatsächlichen Antworten „errechnet“ werden kann. Zusammenfassend sollen im zweiten Abschnitt also verschiedene teilweise konkurrierende theoretische Annahmen über die Entstehungsbedingungen von SD-Verzerrungen gegenübergestellt werden. Im dritten Abschnitt werden dann darauf basierende Modelle der Erklärung des SD-Biases verglichen. Im vierten Abschnitt werden die Vorbzw. Nachteile der erläuterten Modelle bzw. Lösungsvorschläge diskutiert
1 Englischsprachige Fachbegriffe für Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit sind „Social Desirability Bias“ oder „Social Desirability Response (Set)“. Hieraus leiten sich die geläufigen Abkürzungen SD-Bias, SD-Effekt oder SD-Verzerrungen ab, die im Folgenden benutzt werden.
4
2. DAS PROBLEM
Ein jedes Problem fängt mit seiner genauen Beschreibung an. Aus diesem Grund werden in Abschnitt 2.1 einige ausgewählte Definitionen analysiert. Dieser Abschnitt nimmt einen relativ großen Raum der Arbeit ein, weil hier anhand der verschiedenen Definitionen einige dem gesamten Forschungsgebiet zugrundeliegende Annahmen dargestellt werden. Abschnitt 2.2 bringt die verschiedenen Aspekte der Definitionen in eine systematische Ordnung. Das eigentliche Problem - die Auswirkungen auf Messinstrumente - wird in Abschnitt 2.3 erläutert. In 2.4 wird ein Beispiel von nachgewiesenen Antwortverzerrungen, die der sozialen Erwünschtheit zugeschrieben werden, vorgestellt. Hierbei soll deutlich werden, dass Ansätze, die eine einzelne Entstehungsbedingung operationalisieren, meistens nur in der Lage sind Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit zu entdecken; erklären und sicher nachweisen lassen sie sich damit meistens nicht. Das führt dazu, dass meistens nicht sicher auf den wahren Wert geschlossen werden kann.
2.1 Definitionen
Zusammen mit der Zustimmungstendenz ist die soziale Erwünschtheit eine der wichtigsten Formen von Antwortverzerrungen. SCHNELL ET AL. (1999: 331ff) begründen die zentrale Stellung des SD-Effektes damit, dass verschiedene Formen der Antwortverzerrung auf ihn zurückgeführt werden können: Meinungslosigkeit, Item-Nonresponse, Antwortverfälschung und Sponsorship-Effekt stellen Spezialfälle von SD-Verzerrungen dar. Leider verzichten Schnell et al. auf eine explizite Definition.
In der Vielzahl von theoretischen und empirischen Arbeiten, die seit den Anfängen in den Fünfzigern veröffentlicht wurden, findet sich jedoch eine erstaunliche Anzahl verschiedener Definitionen, die unterschiedliche Aspekte implizit beziehungsweise explizit betonen: 2 “Social desirability … a tendency to give favorable picture of oneself“ (SELLTIZ ET AL. 1976) Diese erste Definition sieht die Ursache für SD-Verzerrungen in der Tendenz zu positiver Selbstdarstellung. Die Annahme, dass Befragte versuchen sich positiv darzustellen, das heißt sich positive Eigenschaften und Verhaltensweisen bzw. sozial erwünschte Meinungen zuzuschreiben und negative zu leugnen, ist in alle Definitionen und Ansätzen enthalten. Unklar ist, wie diese Annahme theoretisch begründet werden kann. Am ehesten eignet sich die Theorie des Selbstwertschutzes und der Selbstwerterhöhung. Nach STAHLBERG ET AL. (1985: 79) sind
2 Hier kann der Behauptung von DEMAIO (1985) „definitions of the term [gemeint ist Social Desirability] are rare and uninformative“ nicht zugestimmt werden. Zumindest selten sind Definitionen für soziale Erwünschtheit nicht; die hier zitierten stellen nur eine Auswahl dar.
5
Menschen grundsätzlich motiviert, „... ihr Selbstwertgefühl zu schützen bzw. zu erhöhen“. Das führt nach der gängigen Hypothese „dazu, das Ausmaß ihrer positiven Eigenschaften zu überschätzen, dasjenige ihrer negativen Eigenschaften dagegen zu unterschätzen.“ (ebenda: 89). Selbstwertschutz- und Selbstwerterhöhungsmotive werden in der Sozialpsychologie als wichtige Determinanten menschlichen Verhaltens angesehen und dementsprechend häufig in unterschiedlichen Bereichen als Erklärungsprinzip bzw. als Grundlage herangezogen (vgl. Stahlberg et al. 1985). Somit kann diese Annahme als hinreichend begründet gelten. Die Anfänge der SD-Forschung beschäftigen sich hauptsächlich mit dieser Annahme (siehe unten: Abschnitt 3.1).
Unklar bleibt bei dieser Definition allerdings, wie Befragte das Aussehen des „positiven Bildes“ herausfinden sollen. An welchen Kriterien orientieren sie sich, um sich vorteilhaft zu präsentieren; woher „wissen“ die Befragten welche Antwortalternative bei einem Item die sozial erwünschte am ehesten abbildet. Die beiden nächsten Definitionen geben zumindest eine Antwort auf diese Frage:
„Socially desirable responding (SDR), the tendency of individuals to present themselves favorably with respect to current social norms and standards, ...“ (ZERBE ET AL. 1987: 250) „... social desirability bias: answers which reflect an attempt to enhance some socially desirable characteristics or minimize the presence of some socially undesirable characteristics. Source of the expectations or values influencing answers can be the person himself (ego threatening), the perception of the interviewer, or society as whole.“ (U.S. DEPARTMENT OF HEALTH, EDUCATION, AND WELFARE 1977: 47; zitiert nach DEMAIO 1985)
Leider keine eindeutige: ZERBE ET AL. (1987) sehen als Orientierungsstandard soziale Normen und Standards an. Es handelt sich also implizit um die gesellschaftlichen Standards, die auch das US DEPARTMENT OF HEALTH (1985) nennt. Allerdings beinhaltet deren Definition als Quelle der Beurteilungsstandards auch den Interviewer sowie die befragte Person selbst. Es wird auf keine Regel verwiesen, wann welcher Standard oder möglicherweise deren Kombination(en) zur Beurteilung der sozialen Erwünschtheit/Unerwünschtheit einer Antwortalternative genutzt werden. 3
Eine Annahme, die in keiner der zitierten Definition explizit formuliert wurde, implizit aber allen Ansätzen und Definitionen unterstellt werden kann, ist das Konzept des wahren Wertes. Bei BALLARD ET AL. (1988: 227) wird es - wenn auch nicht mit dem eigentlichen Fachbegriff 4 angesprochen:
“…social desirability response bias - a person’s tendency to answer questions in a socially desirable, rather than a truthful manner.“ (BALLARD ET AL. 1988: 227)
3 Auf diese Art der Definitionen bezieht sich DEMAIOS KRITIK (1985) wohl hauptsächlich.
4 Der eigentliche Fachbegriff in der Englischen Literatur wäre „true value“.
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Implizit ist jedoch auch bei den anderen Definitionen klar, dass eine Antwortverzerrung immer eine Abweichung von einer „richtigen“ Antwort sein muss. Da an keiner Stelle auf ein anderes Konzept als das des „wahren Wertes“ aus der klassischen Testtheorie verwiesen wird, kann diese Annahme als implizit vorausgesetzt gelten.
2.2 Systematisierung der verschiedenen Ansätze
Zusammengefasst spiegeln die in Abschnitt 2.1 zitierten Definitionen eine geläufige Art der Unterteilung der Entstehungsbedingungen sozialer Erwünschtheit ab: persönliche Prädispositionen und Item-Charakteristik (was ist bei welchem Item genau als sozial erwünschte Antwortalternative zu sehen). Vor allem aus der soziologischen Perspektive heraus werden die Entstehungsbedingungen in anderer Art und Weise unterteilt: ESSER (1986: 317) unterscheidet zwischen sozialer Erwünschtheit „als in der Persönlichkeit verankertes Bedürfnis nach sozialer Anerkennung“ und durch die Situation der Befragung verursachte Abweichung vom wahren Wert. Das Interview ist nach ESSER (1991: 59; 1997) als „eine ‚soziale Situation’ zu sehen“, in der die Befragten, wie in anderen Situationen handeln und dabei nicht nur den Fragebogen selbst, sondern alle Aspekte der Situation in Betracht ziehen. Demnach werden in der Situation der Befragung vor allem zwei Quellen der Erwartungen wichtig: internalisierte Rollenerwartungen, die zu kultureller sozialer Erwünschtheit führen und aktuelle (in bezug auf die Befragungssituation) Merkmale und Signale der Situation, die zu situationaler sozialer Erwünschtheit führen (vgl. ESSER 1986: 317ff). Dass die Verzerrung der Antworten dabei Item-spezifisch ist, „von der Art der erfragten Merkmale (...) abhängt“ setzt Esser voraus (ESSER 1986: 317). Situationsbedingte Ursachen sind demnach die bereits erwähnten normativen Erwartungen der Gesellschaft sowie weitere situationale Umstände, die bis jetzt nicht erwähnt wurden (z.B. die Anwesenheit Dritter oder der erkennbare Sponsor der Umfrage). Im Folgenden werden alle erwähnten Entstehungsbedingungen für soziale Erwünschtheit systematisch in drei Klassen unterteilt, wobei nicht auf Essers Unterteilung, sondern auf die eingangs (Abschnitt 2.2) erwähnte Klassifizierung 5 zurückgegriffen wird, die um eine weitere Entstehungsbedingung ergänzt wird: den Einflüssen der Interviewsituation.
2.2.1 Persönliche Prädisposition (Need for social Approval; kurz NSA)
Die „historisch gesehen“ ersten Determinante für soziale Erwünschtheit ist relativ unumstritten. Unter der Annahme, dass Menschen generell ein Motiv haben sich selbst positiv darzustellen, also ein Bedürfnis nach sozialer Zustimmung (übersetzt der „Need for social appro-
5 DieseKlassifikation, zumindest die ersten beiden Klassen werden in der gängigen Literatur auch gemacht. Zum Beispiel DEMAIO 1985.
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val) wird angenommen, dass sie nicht nur den wahren Wert berichten, sondern das, was sie als sozial erwünscht ansehen. Es wird angenommen, dass Befragte mit hohen NSA-Werten in größerem Maße sozial erwünscht antworten.
Das Ausmaß dieses Bedürfnisses wird üblicherweise mit dafür konstruierten Skalen gemessen. Der erste Vorschlag für eine Skala bzw. ein Messinstrument, das soziale Erwünschtheit erfasst stammt von ALLEN L. EDWARDS (1957). Es wurde versucht sowohl die NSA-Komponente als auch die Item-Charakteristik (TD siehe 2.2.2) zu erfassen. Durch den Prozess der Skalenkonstruktion - auf den hier nicht genauer eingegangen werden soll 6 - ist allerdings unklar was genau Edwards Skala misst. Es wird angenommen, dass sie soziale Erwünschtheit sowie Zustimmungstendenzen misst (vgl. DeMaio 1985: 260). Außerdem korreliert sie hoch mit anderen Skalen, die aus demselben Datensatz stammen, aus dem sie konstruiert wurde und für die angenommen wird, dass keine soziale Erwünschtheit vorliegt. Stöber (2001) findet zum Beispiel Konfundierungen zwischen der Abwesenheit von seelischen Störungen und sozialer Erwünschtheit.
Es existiert eine Reihe weiterer Skalen, die zur Messung des NSA konstruiert wurden. Sie alle beinhalten mehr oder weniger große methodische und praktische Probleme, die für die vorliegende Arbeit nicht interessant sind und deshalb nicht erläutert werden. Durchgesetzt hat sich schließlich als Standardmessinstrument die Marlowe-Crowne Social Desirability Scale (vgl. STÖBER 2001: 222). Ihre Konstruktion wird in Abschnitt 3.1 kurz beschrieben.
2.2.2 Item Charakteristik (Trait Desirability; kurz TD)
Schon in den Definitionen finden sich kontroverse Standpunkte inwiefern das Item bzw. das Thema selbst das Ausmaß der SD-Verzerrungen beeinflusst. Klar ist auf jeden Fall, dass unterschiedliche Items einen unterschiedlichen Anreiz zu sozial erwünschtem Antworten hervorrufen. Ein hoher Wert auf einer der NSA-Skalen wirkt sich nur dann aus, wenn es sich um ein Thema handelt, für das es sozial eher erwünschte bzw. eher nicht erwünschte Ant-wortalternativen gibt. Phillips et al. (1972) zeigen, dass das Bedürfnis nach sozialer Erwünschtheit und die “Trait Desirability” zwei unterschiedliche und unabhängig Konzepte sind, aber beide einen Einfluss auf das Antwortverhalten haben. An was orientiert sich der Befragte aber: sind es die gesellschaftlichen Normen, wie es zum Beispiel die Definition von ZERBE ET AL. (1987) nahe legt, oder eher an den Erwartungen über das was der Interviewer als sozial erwünscht ansehen würde. Eine dritte Möglichkeit ist das Konzept der „self- 6 Nachzulesenbei EDWARDS, ALLEN L., 1957, The Social Desirability Variable in Personality Assessment and Research. New York: Dryden Press. Ein kurzer Überblick über die Konstruktion der Skala und ihre Probleme findet sich bei DEMAIO (1985).
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Arbeit zitieren:
Christian Hunkler, 2002, Soziale Erwünschtheit das Problem die Lösungen, München, GRIN Verlag GmbH
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