Daniel Lennartz
Die Dezentrierung der Struktur würde demnach das Denken eines Fehlens dieses Zentrums oder eines festen Ursprungspunktes bedeuten. Das Signifikat ist das zu Bezeichnende und der Signifikant ist das Bezeichnende. Das Signifikat kann auch als der eigentlich Sinn und der Signifikant als Sinnträger verstanden werden. So ist z.B. das Wort Regenwolke ein Zeichen, der Signifikant und verweist auf das Signifikat, den Sinn, dass es schlechtes Wetter bzw. Regen geben wird. Jene zentrierten Begriffe werden von Derrida als Bedingung der abendländischen Philosophie angesehen. Das Zentrum macht die Struktur unbeweglich und jede nachträgliche Deutung von Sinn findet über das Zentrum immer wieder zu einer vorigen Bedeutung zurück. Mit einem solchen Verständnis von Struktur werden Substitutionen, Transformationen und Permutationen immer wieder so verstrickt, dass Begriffe bzw. die Struktur auf etwas reduziert werden, von dem angenommen wird, es stelle den wahren Sinn dar, das Sein oder auch Präsenz. Eine Wissenschaft, die Derrida zufolge so verfährt, ist die Archäologie. Diese Wissenschaft dachte Struktur schon immer als eine aus dem Spiel enthobene Präsenz und versuchte durch genannte Verstrickungen auf die sich vorgestellte Präsenz zurückzukommen, weil in der Vorstellung von Struktur vor dem besagten Bruch oder Ereignis alles auf einen Ursprung oder Zentrum zurückzuführen sei. Wenn dem aber so tatsächlich wäre, dann müsste „... die ganze Geschichte des Begriffs der Struktur vor dem Bruch, von dem wir sprechen, als eine Reihe einander substituierender Zentren, als eine Verkettung von Bestimmungen des Zentrums gedacht werden“ (Derrida, S. 116). Dies würde bedeuten, dass Zentren in geregelter Abfolge lediglich andere Bezeichnungen bekommen würden, das Zentrum als Begründung, oder Prinzip von etwas an und für sich dasselbe bleibt, nämlich die Präsenz. Demnach beziehen sich alle unterschiedlichen Bezeichnungen davon auf dieselbe unveränderliche Größe einer Präsenz.
Das Ereignis, das für die nun dargestellte Vorstellung von Struktur und der Geschichte des Begriffs den Bruch darstellt, ist der Zeitpunkt, von welchem an man sich der Strukturalität vergegenwärtigte, indem man das Denken der Strukturalität wiederholte. Man begann also darüber nachzudenken, dass man der Struktur stets ein Zentrum zudachte und dass „…der Vorgang des
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Bezeichnens […] diesem Gesetz der Präsenz im Zentrum unterordnete“ (Derrida, S. 117). Die Existenz des Zentrums in Form eines Anwesenden wird von Derrida nun verneint, weil das Zentrum durch den Vorgang des Bezeichnens mit seinen Substitutionen und Verschiebungen über sich hinausgetrieben wurde. Das Zentrum ersetzte nichts, was es vorher gegeben hatte, sondern wurde bewegt, woraus Derrida schließt, dass das Zentrum keine feste Größe sein kann, sondern eine Funktion, in der sich ein unendlicher Austausch von Zeichen abspielt. Die Sprache
Auf der Suche nach dem eigentlichen Sinn, das Signifikat, wird durch die Sprache, die durch ihre Zeichen, hier den Wörtern als Signifikanten, alles zu einem Diskurs. Der Diskurs meint in diesem Zusammenhang keine Diskussion, sondern einen Sinnzusammenhang, der erst durch die Sprache produziert wurde. Folgendes Beispiel soll dies leichter nachvollziehbar machen: „Der Begriff ‚Ausländerflut‘ ist eine Konstante im ‚Immigrations-Diskurs‘ in der BRD, ein Begriff, der impliziert, Immigranten träten in ‚Fluten‘ und damit als Naturphänomen und Naturkatastrophe auf. Hier fließen mehrere Diskurse ineinander (Katastrophen und Einwanderung beispielsweise). In diesem Zusammenhang heißt dann ‚Diskurs‘ nicht mehr nur ‚Diskussion‘ sondern eher so etwas wie ‚sprachlich produzierter Sinnzusammenhang, der eine bestimmte Vorstellung forciert, die wiederum bestimmte Machtstrukturen und Interessen gleichzeitig zur Grundlage hat UND ERZEUGT‘.“ 1
Die Zeit, in welcher sich dieser dezentrierender Bruch vollzog, war die Epoche von Nietzsche und Sigmund Freud und später auch von Heidegger. Alle drei kritisierten das starre Gegenwärtige. Nietzsche schrieb seine philosophischen Schriften, der bisherigen Methodik zum Trotz, vollkommen unsystematisch und romanhaft. Sigmund Freud suchte das Sein des Individuums nicht in dessen Identität, sondern im Unterbewusstsein und Heidegger wird als radikaler Dekonstrukteur der Metaphysik angeführt.
1 Schmidt, Fabian (2002): Handbuch der Globalisierung. [online] Homepage. Url:
http://www.handbuchderglobalisierung.de/ [Stand: 02.06.2008].
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Jene angeführten Beispiele sind jedoch im selben Zirkel gefangen, nämlich der Verwendung der Sprache für ihre Kritik. Die Sprache als Mittel der Kommunikation nimmt sich Phänomenen an, indem es gleichartige zentrierte Begriffe schafft, welche Grundlage der Kommunikation ist, da so allgemein verständliche und zustimmungsfähige Denkfiguren möglich sind. Dies bedeutet, dass man die Philosophie nicht kritisieren kann, ohne auch auf deren Begriffe zurückzugreifen. „Dieser Zirkel ist einzigartig; er beschreibt die Form des Verhältnisses zwischen der Geschichte der Metaphysik und ihrer Destruktion: es ist sinnlos, auf die Begriffe der Metaphysik zu verzichten, wenn man die Metaphysik erschüttern will“ (Derrida, S. 118). Somit ist auch der für die Dekonstruktion wichtige Begriff des Zeichens ein „Komplize“ der abendländischen Metaphysik. Er wird verwendet, um zu erklären, dass Begriffe auf etwas verweisen, das gar nicht vorhanden ist wie z.B. das schlechte Wetter, das durch eine bestimmte Wolke angekündigt wird. Das Zeichen „die Wolke“ steht demnach für etwas anderes als nur für die Wolke selbst; es steht für etwas, das nicht anwesend ist - eine Repräsentation als Stellvertretung für die nicht vorhandene Präsenz. Das Zeichen stellt eine aufgeschobene Gegenwart dar. „… der Ausdruck ‚Zeichen‘ wurde seinem Sinn nach stets als Zeichen von, als auf ein Signifikat hinweisender Signifikant begriffen und bestimmt“ (Derrida, S. 120). Würde man versuchen die Differenz, als Phänomen der abendländischen Philosophie, zwischen Signifikant und Signifikat aufheben, so wäre der Begriff Signifikant obsolet, da es nur noch auf den zu weisenden Sinn gäbe, auf den nicht mehr verwiesen wird.
Es kann also auch kein über alles erhabenes Signifikat geben, auf das durch das Signifikant verwiesen wird. Der Sinn ergibt sich erst nachträglich; beispielsweise aus der Interpretation von Texten. Gefangen im Zirkel
Weiterhin setzt sich Derrida an dieser Stelle mit dem Werk Lévi-Strauss‘ auseinander, der in seinem Vorwort von „Le cru et le cuit“ schreibt, dass er den Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und Intelligibilität zu überwinden versuchte, indem er sich auf die Zeichenebene begab. Intelligibilität meint im Gegensatz zur Sinnlichkeit, welche die Dinge nur durch die Wahrnehmung erfährt, das Vermögen, rein geistige Dinge wie Ideen zu erfahren.
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Arbeit zitieren:
Daniel Lennartz, 2008, "Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen", München, GRIN Verlag GmbH
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