1. Einleitung
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der als einer der Hauptvertreter des deutschen Idealismus gilt, wurde am 27. Januar 1775 in Leonberg geboren und starb am 20. August 1854 in Bad Ragaz in der Schweiz. Seine Ideen sind geprägt durch die geistige Welt der Aufklärung und das Geschehen um die französische Revolution.
Während seines Studiums befasst er sich viel mit Kant und Fichte, deren Einfluss in seinen Schriften zu bemerken ist. So kann man in seiner Dissertation eine große Nähe zu Fichte zu erkennen, später bricht er jedoch mit ihm. Auch ein recht großer Einfluss Spinozas auf Schellings Denken ist zu bemerken. Er hinterlässt Spuren auf verschiedenen Gebieten, u.a. in den Naturwissenschaften und der Theologie, aber auch den Rechts- und Staatswissenschaften und der Medizin. In seiner Philosophie macht er einige Wandlungen durch, im Großen kann sein Werk jedoch in zwei Hauptperioden unterteilt werden, die durch die Ab-handlung Über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809), welche im Folgenden näher untersucht werden soll, getrennt werden. Schelling selber bezeichnet diese zwei Perioden als negative und positive, andere nennen sie korrekter pantheistische und theistische Periode.
Buchheim kommentiert in seiner Einführung zu Schellings Werk die Bedeutung und die Zuordnungsmöglichkeit dieses Werks:
„Die Freiheitsschrift, von vielen als Aufbruch Schellings zu neuen Ufern des Denkens gedeutet, ist dennoch in mancherlei Hinsicht eine Rückkehr zu seinen alten, aber zwischenzeitlich verlorenen oder verdeckten Überzeugungen. Beides schließt sich ja auch keineswegs aus.“ 1
Allerdings veröffentlichte Schelling nach diesem Werk 40 Jahre keine bedeutenden Werke mehr. 2
Kritik erhält Schelling für dieses Werk teilweise, weil er seinen Gedankengang nicht sichtbar gliedert. Statt dessen trägt sie wie eine Erzählung vor und verzichtet auf jegliche Einteilung. Buchheim schafft es auch an dieser Stelle, Schellings Leistung und nicht sein Ungenügen zu betonen:
1 Buchheim, IX
2 Vgl. Baumgarten: Übersicht. S.2
2
„Aufgrund der […] ´gesprächsweisen´ Darlegungsform ihrer Gedanken ist die Freiheitsschrift von jeher ein schwer zu durchschauender, in Gliederung und Gedankenführung scheinbar verschwommener Text. Doch hat […] dieser Anschein Methode, und unter seiner Oberfläche läßt sich eine scharf gegliederte Struktur des Argumentationsgangs ausmachen.“ 3
Im Folgenden soll der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Frage nach dem Bösen liegen.
2. Überblick über das Problemfeld
Die Einleitung hat bei Schelling die Funktion, die wesentlichen philosophischen Begriffe zu klären, um dann die sich stellende Aufgabe zu präzisieren. Zu Beginn stellt Schelling dar, welche Absicht er mit seiner Schrift hat. So greift die Freiheitsschrift „die idealistische Orientierung von Schellings Frühschriften in einer nunmehr zum ´System´ gereiften Form wieder auf.“ 4 Die „Wechseldurchdringung des Realismus und Idealismus“ zu erreichen, war nach eigenen Angaben schon in seinen früheren Werken die „ausgesprochene Absicht seiner Bestrebung,“ 5 wie er schreibt.
Zu dem naturphilosophischen reelen Teil, den er in einer früheren Schrift, der ´Darstellung meines Systems´, behandelt hat, folgt nun ein ideeler Teil, der nun zum ersten Mal von ihm voll ausgearbeitet worden ist. „Während Thema und Aufgabe der Realphilosophie die Vereinigung des ´Gegensatzes von Natur und Geist´gewesen ist, muß nun der diesem überge-ordnete und ´eigentliche´ Gegensatz erörtert werden, nämlich ´der von Notwendigkeit und Freiheit`.“ 6
Schelling behandelt also zunächst die Möglichkeit einer philosophischen Untersuchung über das Wesen der menschlichen Freiheit: So geht es ihm zum einen darum, den richtigen Begriff der Freiheit zu finden und zum anderen möchte er den Zusammenhang des Begriffs der Freiheit mit einer philosophischen Weltsicht
3 Buchheim, IX
4 Ebd. S.169
5 Schelling, S.23
6 Buchheim, S.169
3
(=System) darlegen. Beide Untersuchungen fallen bei ihm zusammen, auch wenn laut Schelling oft dagegen eingewendet werde, dass Freiheit und System nicht zusammenpassen würden. Er lehnt diesen Einwand jedoch mit der Begründung ab, dass dann jede Philosophie, die einen Anspruch auf Einheit und Ganzheit erhebt, Freiheit ausschließen müsste.
Schelling stellt sich in Anlehnung an Spinoza die Frage, ob durch die Existenz der Dinge in Gott schon die Freiheit im System verneint ist, was er jedoch verneint. Denn „Immanenz bedeutet zwar Identität, aber diese muß weder als Einerlei der Dinge mit Gott noch als ihr Verschwinden vor Gott aufgefaßt werden.“ 7 Die Problemstellung konkretisiert Schelling in Bezug auf den Pantheismus, denn dieser kann verschieden interpretiert werden. Versteht man unter Pantheismus ganz allgemein die Immanenz der Dinge in Gott, steht er nicht im Widerspruch zur menschlichen Freiheit, denn nur der allmächtige Gott ist es, der dem Menschen die Freiheit raubt. Menschliche Freiheit kann es nur geben, wenn Gott nicht allmächtig ist. Allerdings ist dies eine sehr allgemein gehaltene Bestimmung und damit nicht besonders aussagekräftig.
Schelling stellt diesem immanenten Pantheismus drei konkretere Formen, nämlich die des identifizierenden Idealismus entgegen. Unter diese fallen neben der Identifikation Gottes mit den Dingen („Alles ist Gott“), dessen Umkehrung („Jedes einzelne Ding ist Gott“) und schließlich die Aufhebung aller Individualität („Die Dinge sind nichts“). Alle drei Formen disqualifiziert Schelling jedoch als ungenügend und kommt zu dem Schluss, dass die Freiheit des Menschen und seine Abhängigkeit von Gott kein Widerspruch darstellt:
„Die Folge der Dinge aus Gott ist Selbstoffenbarung Gottes. Gott aber kann nur sich offenbar werden in dem, was ihm ähnlich ist, in freien aus sich selbst handelnden Wesen; für deren Sein es keinen Grund gibt als Gott, die aber sind, so wie Gott ist.“ 8
Daraus folgt für Schelling, dass gerade „Immanenz in Gott und Freiheit“ nicht nur keinen Widerspruch darstellen, sondern darüber hinaus „gerade nur das Freie, und soweit es frei ist, in Gott ist, das Unfreie, und soweit es unfrei ist, notwendig außer Gott.“ 9
7 Jantzen, S.64
8 Schelling, S.19
9 Ebd. S.20
4
In seiner Untersuchung zum Pantheismus gelangt Schelling zu der Überzeugung, dass der Fatalismus des spinozistische Pantheismus, der die menschliche Freiheit ausschließt, nicht aus seiner Pantheismusauffassung herrührt, sondern aus seinem Determinismus und Objektivismus. Spinoza ist also nicht Fatalist, weil er pantheistisch denkt, denn - wie Schelling aufgezeigt hat - schließen sich Pantheismus und Freiheit nicht aus. Spinozas Fehler liegt Schellings Meinung nach also nicht darin, „daß er die Dinge in Gott setzt, sondern darin, daß es Dinge sind - in dem abstrakten Begriff der Weltwesen, ja der unendlichen Substanz selber, die ihm eben auch ein Ding ist.“ 10 Für Schelling sind Spinozas Argumente gegen die Freiheit deterministisch und nicht pantheistisch, wenn er „den Willen als eine Sache“ behandelt und daraus beweist, „daß er in jedem Fall des Wirkens durch eine andere Sache bestimmt sein müsse“, woraus „seine mechanische Naturansicht“ nur folgerichtig ist 11 .
Für Schelling hingegen ist der Wille „Mittler zwischen Substanz und Subjekt“ und daher auch das erste Wirkliche, nämlich „Ursein,“ 12 welches sich bloß ontologischer oder transzendentaler Denkweise entzieht.
„Es gibt in der letzten und höchsten Instanz gar kein anderes Sein als Wollen. Wollen ist Ursein, und auf dieses allein passen alle Prädikate desselben: Grundlosigkeit, Ewigkeit, Unabhängigkeit von der Zeit, Selbstbejahung.“ 13
Erst beim Idealismus lohnt es sich für Schelling, die Untersuchung über die menschliche Freiheit zu beginnen. 14 Allerdings ist auch dieser, obgleich „wir ihm den ersten vollkommenen Begriff der formellen Freiheit verdanken“, „nichts weniger als vollendetes System.“ 15 Der Idealismus vermag die Schwierigkeiten, die in diesem Begriff liegen, nicht zu lösen, es ist zu sehen „daß die tiefsten Schwierigkeiten, die in dem Begriff der Freiheit liegen, durch den Idealismus für sich genommen so wenig auflösbar sein werden als durch irgend ein anderes partielles System.“ 16 Er kann nur einen allgemeinsten oder bloß formellen Begriff der Freiheit geben, der aber nicht ausreicht. Für Schelling ist der „reale und
10 Ebd. S.22
11 Ebd.
12 Jantzen, S.65
13 Schelling, S.23
14 Vgl. Ebd.
15 Ebd. S.23
16 Ebd. S.25
5
Arbeit zitieren:
Lydia Kanngießer, 2008, Göttliche und menschliche Freiheit in der Philosophie von F. W. J. Schelling, München, GRIN Verlag GmbH
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