Der Kirchenschatz, teilweise auch als Gnadenschatz bezeichnet, ist ein theologisches Konstrukt des Mittelalters, reicht in seinem Kerngedanken aber bis in die Geschichte der Alten Kirchen zurück. 1 Es handelt sich allerdings nicht um einen materiellen Schatz, den man in Form von Gold und Silber in Schatzkammern aufbewahren könnte, sondern eben um einen theologischen. Dieser Kirchenschatz stellte die Basis des Ablasshandels des Mittelalters dar und entsprechend ist es wenig verwunderlich, dass nicht nur der Ablass selbst von Martin Luther in seinen 95 Thesen kritisiert wird, sondern er auch direkt Stellung zum Basisgedanken bezieht. 2 Umso verwunderlicher ist es jedoch, dass gerade dieser Basisgedanke in der neueren Forschung wenig beachtet wird. Der Kirchenschatz wird immer in den Publikationen mit ein bis zwei Sätzen abgehandelt, jedoch nicht weitergehend beschrieben. Dies soll im Folgenden aber getan werden. Zuerst gilt es aber noch einmal kurz aufzuzeigen, wie die historischen Bedingungen für die 95 Thesen Martin Luthers aussahen.
1 vgl. Poschmann, Bernhard: Der Ablass im Lichte der
Bussgeschichte, Bonn 1948, S. 83f. [im Folgenden zitiert als
Poschmann: Ablass]
2 entsprechend bei Wehr, Gerhard: Martin Luther. Mystische
Erfahrung und christliche Freiheit im Widerspruch, Schaffhausen
1983, S. 98. [im Folgenden zitiert als Wehr: Marin Luther]
2
Man könnte hier fast meinen, dass Martin Luther allein aus reiner Wut darüber, dass die Menschen in Wittenberg mit Ablassbriefen zu ihm kamen und sie ohne reuige Gegenleistung im Beichtstuhl einlösen wollten, die 95 Thesen verfasst und veröffentlicht hat. 3 Dies alles dann auch noch an jenem Vorabend wo in der Allerheiligen-Kirche zu Allerheiligen der Portiunculaablass gewährt wurde. 4 Dabei ist alleine der Tag, ganz zu schweigen der Thesen-Anschlag selbst, in der Forschung umstritten. 5 Zu klären ist an dieser Stelle jedoch viel mehr, warum Luther die Thesen verfasste und den Disput suchte. Grund war wohl
3 vgl. v. Loewenich, Walter: Martin Luther. Der Mann und das
Werk, München 1982, S. 107f. [im Folgenden zitiert als v.
Loewenich: Martin Luther]
4 ein auf die Fürbitte Franziskus von Assisi zurückgehender Ablass,
der auch der Wittenberger Allerheiligen Kirche gewährt wurde, vgl.
Brecht, Martin: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation 1483 ±
1521, Stuttgart 1981, S. 175f. [im Folgenden zitiert als Brecht:
Martin Luther]
5 Gerade Wehr und v. Loewenich vertreten hier teils sehr
unterschiedliche Meinungen. Während Gerhard Wehr einen
Thesenanschlag an der Tür und auch zum tradierten Datum stark
bezweifelt, vertritt v. Loewenich die Meinung, dass es eine typische
Bekanntmachung bzw. ein Ladung zu einem wissenschaftlichen
Disput durch einen Professor war und die Kirchentür ganz
selbstverständlich als schwarzes Brett der Universität angesehen
wurde. Auch den Tag des Anschlages hält v. Loewenich für richtig,
da Luther so auch auf gelehrte Besucher, die zu Allerheiligen in die
Stadt kamen, hoffen durfte. Vgl. Wehr: Martin Luther, S. 91ff., als
gegenteilig hierzu v. Loewenich: Martin Luther, S. 103f., als auch S.
110.
3
in der Tat der Punkt, dass die Menschen Ablassbriefe kauften und damit später zu Luther zur Beichte kamen und eine Einlösung erwarteten. 6 Die Biografen sind sich hier einig, dass dies ein Auslöser gewesen sein kann. Folgt man aber der Argumentation Martin Brechts, hat sich Luther bereits einige Jahre zuvor schon mit dem Ablass beschäftigt und gegen diesen gepredigt. 7 Luther war hier der Meinung, dass der Ablass den Menschen das Fürchten lehre t dies allerdings nicht vor der Sünde selbst, sondern eben nur vor der zu erwartenden Strafe. Luther erkannte, dass die Strafe des Fegefeuers in den Menschen zu großer Angst führte und es alleine diese Angst war, die dafür sorgte dass der Ablasshandel cflorierte^. 8 In der Allerheiligen Kirche selbst predigte er daher bereits vor Veröffentlichung seiner Thesen gegen die dort angewandte Ablasspraxis. 9 Er machte sich hierüber hinaus jedoch noch weitere Gedanken und stieß zum Kern des Ablasshandels vor t dem Kirchenschatz. Bereits
6 Ein Kauf der Ablassbriefe in Wittenberg war nicht möglich.
Friedrich der Weise untersagte einen Verkauf von Ablassbriefen in
seinem Herrschaftsgebiet, was jedoch weniger theologische, sondern
eher wirtschaftliche Gründe hatte. Die Wittenberger mussten hierzu
also in das benachbarte Gebiet gehen und die Ablassbriefe dort
kaufen, vgl. v. Loewenich: Martin Luther, S. 107f.
7 Brecht: Martin Luther, S. 183.
8 Brecht: Martin Luther, S. 174f.
9 Brecht: Martin Luther, S. 183.
4
1514 war er der Meinung, dass man nicht nur vom Kirchenschatz nehmen dürfe, sondern man auch etwas hinzufügen müsse. 10 Auch war er bereits vor Veröffentlichung der 95 Thesen der Meinung, dass der Papst nicht über alle Verdienste Jesu Christi und der Kirche verfügen könne und dass der Ablass keinem Menschen etwas bringen würde, höchstens dem Reuigen und eben der würde so auch ohne Ablass die Buße ableisten. 11 Jedoch erst mit der Veröffentlichung der 95 Thesen geht Martin Luther auf diese Thematik weiter ein und betrachtet auch das Kernstück, den Kirchenschatz genauer. Im Folgenden wird daher nun zu klären sein, worum es sich beim Kirchenschatz überhaupt handelt und warum er für Luther von so großer Bedeutung war.
Der Kirchenschatz selbst ist wie bereits gesagt ein theologisches Konstrukt, welches bis in das 2. Jahrhundert zurück reicht bzw. dort seine Wurzeln hat. Nikolaus Paulus führt die erste Nennung des Kirchenschatzes auf ein Schreiben der Gemeinde Lyon an die Brüder in Asien von 177 n. Chr. zµºlU ]v u ] À}v cº(o]vv
10 Brecht: Martin Luther, S. 182.
11 Brecht: Martin Luther, S. 185ff.
5
Arbeit zitieren:
Liam Hopewell, 2009, Martin Luther, die 95 Thesen und der Kirchenschatz, München, GRIN Verlag GmbH
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