1. Einleitung: Das „Modell-Andorra“ und Max Frischs Thematisierung des Antisemitismus
„Das Andorra dieses Stückes hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens, gemeint ist auch nicht ein andrer wirklicher Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Modell.“ 1
Andorra ist zwar geographisch existent, Max Frisch aber bezieht sich in seinem Werk auf ein fiktives Andorra, einen unbestimmten Ort, zu einer unbestimmten Zeit. Sein Andorra als Modell kann und soll für alle Länder, Städte, Dörfer und Gemeinden stehen. Denn überall ist solch ein Verhalten, aus dem Hass und Gewalt hervor gehen, wie Frisch es auch in seinem Drama beschreibt, der Gesellschaft untereinander und besonders gegenüber Minderheiten möglich. Jedes Land kann zu einem Andorra werden. Wie diese frei erfundene Stadt steht auch der im Werk beschriebene Antisemitismus, der sich hier besonders gegen Andri richtet, beispielhaft für Frischs eigentliches Anliegen, welches er mit Andorra verdeutlichen wollte, der Vorurteilsproblematik. Jede Gesellschaft ist durch Vorurteile belastet, die sie in ihrer Entscheidungsfindung, Beurteilung, subjektiven Empfindung und vielem mehr beeinflussen. „Eigentlich handelt das Stück gar nicht vom Antisemitismus [...]. Der Antisemitismus ist nur ein Beispiel.“ 2 Diese Aussage tätigte Max Frisch in einem Gespräch mit Curt Riess, der während des Krieges, der Nachkriegszeit und bis in die 1990er Jahre als Journalist und Schriftsteller tätig war und bedeutende Zeitgenossen in Artikeln und Nachkriegsbüchern portraitierte. 3 Nun stellt sich die Frage ob der Antisemitismus für die Darstellung und Beschreibung der Bildnis- und Vorurteilsthematik geeignet ist. Die Grausamkeiten und Geschehnisse des II. Weltkriegs sind auch heute noch in den Köpfen der Menschen präsent und das damalige Schicksal der Juden hängt unmittelbar mit den Gedanken an die semitische und auch die antisemitische Bevölkerung zusammen. Die Erinnerungen an die Zeit im Dritten Reich unter dem Hitlerregime, die Verfolgung und die gnadenlose Vernichtung der Juden lassen Zweifel aufkommen, ob Max Frischs Wahl des Antisemitismus zur angeblich lediglich besseren Beschreibung rassistischer Vorurteilsbildungen gerechtfertigt ist oder ob die Unmenschlichkeit, welche aufgrund sinnlosen Judenhasses die ganze Welt erschütterten, dadurch an Schrecken verliert und verharmlost wird.
1 Frisch, Max: Andorra. Stück in zwölf Bildern. Frankfurt/ Main 1961.
2 Riess, Curt: Mitschuldige sind überall. Eine Unterhaltung mit Max Frisch über sein neues Stück. In: Die Zeit (03.11.1961). Nr.45.
3 Vgl.: Munzinger-Archiv GmbH (Hrsg.): Curt Riess.
http://www.munzinger.de/search/portrait/Curt+Riess/0/8286.html (letzter Zugriff: 23.04.2009)
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Für die Beantwortung dieser Frage ist es notwendig, Frischs Einsatz antisemitischer Vorurteile, Gewalt und Verfolgung zu analysieren, um zu erkennen, inwieweit eine offensichtliche Verbindung des Dramas Andorra zu den Geschehnissen im Dritten Reich besteht, die zur Verharmlosung der Problematik beitragen könnte.
Da die Figur des Andri in dem Werk stets im Mittelpunkt steht, setze ich sie ebenfalls in den Fokus meiner Betrachtungen.
2. Der (zeit-)geschichtliche Hintergrund
Wenn man sich mit dem Drama Andorra beschäftigt, muss man bedenken, dass die endgültige Fassung, welche 1961 uraufgeführt wurde, aus Max Frischs Prosaskizze Der andorranische Jude von 1946 entstand. Die Idee zu Andorra und der erste Entwurf kamen ihm also in den Anfängen der Nachkriegszeit, wodurch deutlich wird, dass Frisch selbst, der ursprünglich aus der Schweiz stammt, sich mit den Vorkommnissen und Konflikten des II. Weltkriegs aus-einandersetzte und diese mit seinem Entwurf womöglich verarbeiten wollte. Anders als bei Frisch, waren die Schrecken des Krieges nicht mehr unmittelbar in den Köpfen der Bevölkerung, als Andorra 1961 in der Endfassung erschien. Der antisemitische Hass und die Verbrechen der Nationalsozialisten waren im Leben der Menschen nicht mehr präsent. Die Bevölkerung war in den 50er und 60er Jahren eher mit dem Wiederaufbau, der Restauration und dem wirtschaftlichen Aufschwung beschäftigt, als die Vergangenheit kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. Somit war es Frischs Ziel sich gegen die Verdrängung des Krieges zu wenden und die Gesellschaft zum Nachdenken anzuregen. Einerseits wollte er mit der Vorurteilsthematik die gesellschaftliche Intoleranz und Ignoranz, sowie die Mitschuld der gesamten Gesellschaft, bezüglich der Judenverfolgung und der brutalen Vernichtung dieser, verdeutlichen, andererseits sollte die neutrale Stellung der Schweiz und dessen Verhältnis zu Deutschland und den Juden im II. Weltkrieg hinterfragt werden. „Mit dem Festhalten am Modellhaften soll zurückgewonnen werden, was zuvor in der dramatischen Funktionalisierung der Fabel vom andorranischen Juden verlorengegangen ist: die geschichtlichen Verhältnisse in ihrer realen Bewegung, denen der Spiegel vorgehalten werden sollte.“ 4
Jedoch gibt Frisch durch die Betonung der Vorurteilsproblematik und des Modellcharakters Andorras dem Publikum und der Leserschaft die Möglichkeit, die in Andorra beschriebene Thematik nicht auf sich selbst und auf die Kriegsgeschehnisse zu beziehen, was ihm erst den großen Erfolg dieses Dramas ermöglichte.
4 Petermann, Gerd Alfred: Max Frisch und die Psychologie. Kritische Anmerkungen zu Interpretationen von Andorra. In: Knapp, Gerhard P. (Hrsg.): Max Frisch. Aspekte des Bühnenwerks. Bern 1979, S.313-339, hier: S.315-316.
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„Die stoffliche Bindung an eine konkrete politische Situation im Gewande der humanitären Allgemeinverbindlichkeit führt leicht dazu, daß [sic!] sich beide Komponenten gegenseitig aufheben - mit dem Resultat Null.“ 5
Durch das mögliche Ausweichen ins Unverbindliche wird Frischs Absicht, auf die Verant-wortung jedes Einzelnen hinzuweisen, also verdrängt. 6
3. Der Einsatz des Antisemitismus als Vorurteilsproblematik
Vorurteile spielen nicht nur in der Beziehung zwischen einzelnen Individuen eine große Rolle. Sie existieren ebenso zwischen bestimmten Kulturen, Ländern und Nationen. Bestimmten Menschen oder Menschengruppen schreiben wir bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zu, die unserer Vorstellung und unserer Unwissenheit entspringen und oftmals nicht gerechtfertigt sind.
Wird in die Vorurteilsproblematik der Antisemitismus oder auch anderer Rassenhass eingebaut, so sind oftmals radikale und gewalttätige Handlungen die Folge, wie auch in Frischs Drama Andorra und an den Judenverfolgungen während des II. Weltkrieges zu erkennen ist.
3.1 Die Bildnisthematik - Das Selbst- und das Fremdbild der An-dorraner
„Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herren, und nicht von Menschen, die seine Geschöpfe sind.“ 7 Dieses Gebot äußert der Pater im Bezug auf das Gespräch mit Andri im siebten Bild, indem er den vermeintlichen Juden auffordert seine Identität anzunehmen und diese zu akzeptieren.
Kein Andorraner hält sich an dieses Gebot. Sie machen sich ein Bildnis von Andri, dem scheinbaren Repräsentanten des Judentums und sie machen sich ein Bildnis von sich selbstwie sie ihr Land sehen und wie es nach außen wirken soll. Jedes dieser Bildnisse beruht auf Vorurteile, Angst und Hass.
Der Tischler, der Pater, der Soldat, der Wirt, der Doktor, der Geselle und der Jemand stellen in Andorra Personen des öffentlichen Lebens dar, die dem privaten Handlungsbereich der Barblin, dem Lehrer Can, der Mutter und Andri gegenüberstehen. Diese sieben Gestalten „[...] können kaum als echte Charaktere bezeichnet werden. Statt unabhängige Individuen zu ver- 5 Schmidt-Brümmer,H.: Das Tabu der „Zeitlosigkeit“. Die Problematik von Frischs „Andorra“ kennzeichnet die deutsche Gegenwartsdramatik. In: Westdeutsches Tageblatt (26.04.1963), Nr.97.
6 Vgl.: Bourger, Désirée: Unverdaute Trauer. Das Kulturthema Essen in George Taboris Holocaust-Dramen. Göttingen, Georg-August-Universität, Dissertation, 2002, S.21.
7 Frisch, Max: Andorra. Stück in zwölf Bildern. Frankfurt/Main 1961, S.65.
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Arbeit zitieren:
Lisa Hornung, 2009, Die Vorurteilsproblematik anhand des Antisemitismus in Max Frischs „Andorra“, München, GRIN Verlag GmbH
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