Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g S 3
2. Die Mitleidstheologie 4
3. Parzivals erste Schritte in die Welt (Überblick) 5
3.1. Erziehung durch Leid 9
3.2. Seine drei Sünden 10
4. Urteile gegen Parzivals Mitleidsfähigkeit 10
4.1.Die Forschungsmeinung von K. Mertens Fleury 10
4.2. Sigune und Cundrie 12
5. Urteile für Parzivals Mitleidsfähigkeit 13
5.1. Wolframs religiöse Darstellung 13
5.2. Gott als Zuchtmeister 14
6. Schluss 15
7. Literaturverzeichnis 17
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1. Einleitung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Mitleidsfähigkeit Parzivals. Einleitend werde ich das Thema Mitleid allgemein behandeln, wobei die Theologie des Mitleids den Schwerpunkt bilden wird. Mit diesem Vorwissen wird das Problem von der Mitleidsfähigkeit Parzivals verständlicher.
Als Erstes werde ich darauf eingehen was Mitleid überhaupt ist, wie sich die Theorie dazu entwickelte und was diese Theorie mit dem Mitleid Parzivals zutun haben könnte. Als nächstes werde ich den Werdegang des jungen Parzival erläutern, denn diese Ereignisse könnten ausschlaggebend für seine, für Sünden, erklärten Handlungen sein. Dies werde ich noch unter dem Gesichtspunkt „Erziehung durch Leid“ bearbeiten und schließlich seine Sünden noch einmal kurz zusammenfassen.
Diese Hausarbeit wird nicht nur eine Meinung darstellen, sondern sie wird aus dem Für und Wider Parzivals Mitleidsfähigkeit bestehen.
Ich werde mit der Meinung gegen Parzivals Mitleidsfähigkeit beginnen, da dies die herrschende Meinung ist. Das Kapitel für Parzivals Mitleidsfähigkeit wird daher eher eine Kritik an der ersten Interpretation sein.
Die Argumentationen gegen Parzivals Mitleidsfähigkeit erarbeite ich zuerst anhand des Forschungstextes von Katharina Mertens Fleury und dann durch die Figuren Sigune und Cundrie, die Parzival aus diesem Grund verfluchen.
Das Kapitel, das die Argumentation für Parzivals Mitleidsfähigkeit behandeln wird, werde ich gliedern in „Wolframs religiöse Darstellung“ und in „Gott als Zuchtmeister“. Darin werde ich versuchen Parzival für mitleidsfähig erklären zu können. Ich hoffe, ich werde damit ein rundes, übersichtliches und stimmiges Konzept über die Mitleidsfähigkeit Parzivals fertigen können.
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2. Die Mitleidstheologie
Im Zuge des frömmigkeitsgeschichtlichen Paradigmenwechsels im 12. Jahrhunderts wurde auch das Phänomen des Mitleids neu gedeutet. Die mystische Theologie interpretierte das Verhältnis des gläubigen Menschen zu Gott als persönliche Begegnung. Das soteriologische 1 Versprechen der Mystik besteht in der Erreichbarkeit des Heils auf dem Wege der affektiven Identifikation mit Christus. 2
„Auf eben diesen konstituenten mystischer Spiritualität basiert auch die Neubestimmung und Neubewertung des Mitleids.“ 3
Die traditionelle Mitleidstheologie war an den Begriff der Misericordia 4 geknüpft. Es fand eine Debatte über die Frage statt, ob die Misericordia als Fehler oder Tugend einzuschätzen sei. 5
Sie wurde von Platon, Aristoteles und den Stoikern als unbewältigten Seelenschmerz kritisiert, als eine nicht von der Vernunft, sondern vom Affekt geleitete Haltung. In diesem Sinne definierte Seneca 6 Mitleid als seelisches Leiden und lehnte es als Fehlhaltung einer schmächlichen Seele ab. Der stoische Weise vermöge kein Mitleid zu empfinden, da er über seelische Leiden erhaben sei. Augustinus 7 stellte den angeblichen Widerspruch von Affekt und Vernunft aber in Abrede, denn insofern Mitleid zu solidarischem Eingreifen und somit zu einer vernünftigen Tat führe, sei auch der auslösende Affekt selbst vernünftig. 8 Aus dem moraltheologischen Konzept der Misericordia wurde im 12. Jahrhundert eine neue, mystisch geprägte Mitleidsvorstellung abgeleitet. Anknüpfungspunkt für die Neubestimmung des Mitleids war der Begriff der Compassio. Dieser Begriff bezeichnete ursprünglich ein definitorisches Teilelement der affektiven Identifikation mit dem Leid des Anderen. 9 Die Compassio geht auf die Bibel zurück und bezieht von dort ihre Faszination und Wertigkeit. Der Komplex der nicht fest definierten religiösen Nachfolge ist in den Evangelien und Apostelbriefen integriert. Diese Nachfolge besteht in einem völligen Freiwerden zum totalen
1 Soteriologie: Die Lehre von der Erlösung des Menschen durch Jesus Christus in der christlichen Theologie.
2 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden. S. 283.
3 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden.S. 283 Zeile 16 -20.
4 Lat. Barmherzigkeit.
5 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden.S. 284.
6 Seneca war ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit.
7 Augustinus war einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und ein wichtiger Philosoph an der Zeitenwende zwischen Antike und Mittelalter.
8 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden.S. 284.
9 Ebd. S. 285.
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Gehorsam gegenüber Christus. 10 Bezugspunkt für die Neuinterpretation des Mitleids wurde somit die Passion Christi. 11 Und es zeigt sich deutlich der Trend zur Compassio an den Basistexten für Lehre. 12
Die viktorianische Mitleidstheologie ist christologisch ausgerichtet, denn sie propagiert ein Mitleiden, das in doppelter Weise im Leiden des Erlösers begründet ist: „als Mitleiden nach Christi Vorbild und als Mitleiden mit Christus selbst.“ 13
Bernhard von Clairvaux 14 stimmte mit den Viktorianern in der Einschätzung der Compassio insofern überein, als er sie ebenfalls auf das Leiden Christi bezog. Ihm ging es um die einfühlende Versenkung der Seele in das Leiden Christi und um die Begegnung des Gläubigen mit Christus im Affekt des Mitleidens. 15 Diese Idee rückte das Leiden der Gottesmutter mit ihrem gekreuzigten Sohn in den Mittelpunkt. Bernhard von Clairvaux deutete im Rahmen einer Marienpredigt das Mitleiden der Gottesmutter als Ausdruck unermesslicher Liebe. 16
Im 12. Jahrhundert lassen sich mindestens zwölf Theologen benennen, die diesen Gedanken aufgriffen. Und auf dem Boden der viktorianischen und bernhardischen Mitleidstheologie erblühte die literarische Gattung der Marienklage. 17
Wolfram von Eschenbach entwickelte in seinem Parzival den Wandel des Heldenbildes auf die Liebes- und Leidensmystik Clairvaux‘s, was ein frömmigkeitsgeschichtliches Phänomen des 12. Jahrhunderts war. 18
3. Parzivals erste Schritte in die Welt (Überblick)
Herzeloyde hat sich, aus Schmerz über den Tod ihres Mannes und um ihren Sohn davor zu bewahren, nicht genauso umzukommen wie sein Vater, in die Einsamkeit von Soltane zurückgezogen. 19 Sie lässt ihrem Sohn keine höfisch- ritterliche Erziehung zuteil werden und kann doch nicht verhindern, dass er Ritter wird. 20 Eines Tages trifft Parzival im Wald drei
10 Schwarz- Mehrens, E.: Zum Funktionieren und zur Funktion der Compassio im ‚Fließenden Licht der Gottheit‘ Mechthilds von Magdeburg. S. 47f.
11 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden.S. 285 Zeile 9 -10.
12 Schwarz- Mehrens, E.: Zum Funktionieren und zur Funktion der Compassio im ‚Fließenden Licht der Gottheit‘ Mechthilds von Magdeburg. S. 57.
13 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden.S. 285 Zeile 22 -23.
14 Der Heilige Bernhard von Clairvaux war ein mittelalterlicher Abt, Kreuzzugsprediger und Mystiker.
15 Kraß, A.: Die Mitleidsfähigkeit des Helden.S. 285 -286.
16 Ebd. S. 286.
17 Ebd. S. 286.
18 Ebd.S. 282.
19 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 117, 7 -10.
20 Bumke, J.: Wolfram von Eschenbach. S. 43.
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Ritter und hält sie für himmlische Wesen. 21 Von den Rittern erfährt Parzival, dass der König Artus ihn selbst auch zu einem Ritter machen kann. 22 Parzival fasst daraufhin den Entschluss Ritter zu werden und bricht am nächsten Morgen auf. 23 Doch bei seiner Abreise packt Herzeloyde die Verzweiflung und sie bricht tot zusammen. 24 An einer Waldlichtung findet er das Zelt der Herzogin Jeschute. 25 Da er einen Ratschlag von seiner Mutter nicht richtig versteht, fällt er über Jeschute her und raubt ihren Ring und ihre Spange. 26 Der Ratschlag seiner Mutter lautete jedoch anders:
Als ihr Ehemann Orilus nach Hause kommt, glaubt er, Jeschute habe ihn betrogen. Daraufhin hebt er die eheliche Gemeinschaft mit ihr auf und zwingt sie, auf alle Bequemlichkeiten des adligen Lebens zu verzichten. 28
Parzival hört auf seiner Weiterreise eine Frau im höchsten Jammer weinen und in ihrem Schoß erblickt er den toten Fürsten Schionatulander. 29 Es stellt sich heraus, dass Sigune, die ihren toten Liebsten betrauert, Parzivals Cousine ist und ihr Geliebter in einem ritterlichen Kampf ums Leben gekommen ist. 30
Auf seinem weiteren Weg zum Artushof begegnet er dem Ritter Ither, der in Unfrieden den Hof verlassen hat. 31
Parzival wird auf dem Hof ausgelacht, nachdem er fragt:
32 „Wer wird mich zum Ritter machen?“
Mit der Forderung, dass er die rote Rüstung des Ritters vor dem Hofe haben will, tritt Parzival Ither gegenüber. 33 Bei diesem Zweikampf kommt Ither ums Leben und Parzival erwirbt die
21 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 120, 24 -28.
22 Ebd. Vers 123, 7.
23 Ebd. Vers 126, 9 -14.
24 Ebd. Vers 128, 16 -22.
25 Ebd. Vers 129, 27 -31.
26 Ebd. Vers 130, 26 -29. 27 Ebd. Vers 127, 25 -28.
28 Ebd. Vers 33, 5 -134, 22.
29 Ebd. Vers 138, 9 -24.
30 Ebd. Vers 40, 15 -27; 139, 28 -29.
31 Ebd. Vers 145, 15 -16. 32 Ebd. Vers 147, 23.
33 Ebd. Vers 154, 4 -7.
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Rüstung des Roten Ritters. 34 Was Parzival zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß ist, dass Ither ein Verwandter von ihm ist.
Eines weiteren Abends kommt Parzival bei dem Fürsten Gurnemanz an, der ihn bewirtet und beherbergt. 35 Bei Gurnemanz bleibt Parzival vierzehn Tage und dieser lehrt ihm höfisches Benehmen und ritterliche Waffentechnik. 36 Nach dem Abschied von Gurnemanz gelangt Parzival in die Stadt Pelrapeire, die von König Clamide belagert wird. 37 Parzival besiegt am nächsten Morgen die Truppen und befreit die Stadt. 38
Danach heiratet er die Königin Condwiramurs. 39 Nach einem kurzen Eheglück 40 nimmt Parzival Abschied von ihr, um seine Mutter aufzusuchen; von deren Tod er bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts weiß. 41
Nach diesem Abenteuer gelingt Parzival nach Munsalwaesche, wo eine lähmende Trauer herrscht. 42 Als seinen Wirt erkennt er den Fischer wieder, den er zuvor an einem See getroffen hat. Es handelt sich um den Gralskönig Anfortas. Auf dieser Burg geschehen seltsame Dinge; die Ritterschaft versammelt sich in einem Saal und ein Knappe kommt mit einer Lanze herein, von deren Spitze Blut hinunterläuft. 43
Er trug ein Schwert, aus dessen Spitze Blut hervor quoll und von dem Schaft bis auf die Hand
Daraufhin kommen vierundzwanzig Jungfrauen feierlich gekleidet herein und bringen kostbare Steinplatten und Kerzen. Am Ende erscheint die Königin Repanse de Schoye mit dem Gral auf einem Seidentuch tragend und setzt ihn vor dem König Anfortas ab. 45 Parzival, der seinen Wirt fragen möchte, was das alles bedeutet, unterdrückt die Frage, da er sich an Gurnemanz` Mahnung erinnert:
34 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 155, 7-11.
35 Ebd. Vers 162, 6-7.
36 Ebd. Vers 163, 2-6; 170, 7 -14; 173, 20 -22.
37 Ebd. Vers 180, 15 -25; 180, 28; 194, 18 -23.
38 Ebd. Vers 199, 18 -23.
39 Ebd. Vers 200, 6 -9; 2001, 19 -20; 202, 23 -28.
40 Ebd. Vers 202, 29 - 203, 5.
41 Ebd. Vers 223, 17 -19.
42 Ebd. Vers 227, 6; 229, 15 -17.
43 Ebd. Vers 231, 17 -26.
44 Ebd. Vers. 231, 15- 24.
45 Ebd. Vers 235, 25 -26f.; 236, 10 f.
46 Ebd. Vers 171, 17.
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Parzival bemerkte wohl denn Reichtum und das große Wunder. Wegen der Mahnung des zu vielen
Er dachte: „ Gurnemanz riet mir, ich solle ohne Bruch an der großen Treue nicht viel fragen.“
„Auch ohne zu fragen, werde ich schon erfahren, was es mit dieser Rittergemeinschaft auf sich hat.“ 48
Auch als Anfortas ihm sein Schwert als Geschenk überreicht, stellt Parzival nicht die erlösende Frage. 49 Die darauffolgende Nacht verbringt er in unruhigen Träumen. 50 Am nächsten Morgen ist die ganze Burg leer und beim überqueren der Burgbrücke wird Parzival ein Fluch nachgerufen. 51
Nun trifft er zum zweiten Mal auf Sigune, die ihren toten Geliebten in den Armen hält und weint. 52 Sie verflucht ihn, als sie erfährt, dass er auf Munsalvaesche war und die erlösende Frage nicht gestellt hat. 53
Euch verdross das Fragen als ihr bei dem Gral wart. Ihr saht viele treulose Jungfrauen, die Garschiloyen und Repanse de Schoyen zufielen und ihr saht ein Silbermesser und ein blutigen Speer.
Ihr tragt den Eiterzahn eines Wolfes, da die Galle der Treue euch so neu bekleidet. Ihr hättet Erbarmen mit eurem Wirt haben und nach seiner Not fragen sollen, an dem Gott solch
Auch Jeschute trifft er daraufhin zum zweiten Mal. Sie trägt alle Zeichen der Entbehrung und Erniedrigung. 55 Orilus und Parzival kämpfen um die Ehre der Jeschute und als Parzival gesiegt hat 56 und schwört, dass er kein Liebesverhältnis mit Jeschute hatte, versöhnen sich die beiden Eheleute. 57 Sie werden am Artushof feierlich empfangen. 58 Artus macht sich auf die Suche nach Parzival, um ihn in der Artusrunde aufzunehmen. 59 Parzival, der sich schon in der Nähe des Artushofes aufhält, wird durch Blutstropfen im Schnee an seine geliebte Frau Condwiramurs erinnert. Er versinkt in Liebesgedanken und
47 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 239, 8 -13.
48 Ebd. Vers 239, 16f.
49 Ebd. Vers 240, 2.
50 Ebd. Vers 245, 1 -3.
51 Ebd. Vers 247, 1 -7; 247, 26 -29.
52 Ebd. Vers 249, 11 -15.
53 Ebd. Vers 251, 29 -252, 1; 254, 25 -30. 54 Ebd. Vers 255, 1 -20.
55 Ebd. Vers 256, 11 -257, 32.
56 Ebd. Vers 265, 10 -19.
57 Ebd. Vers 266, 7 -9; 268, 7 -10; 270, 22.
58 Ebd. Vers 274, 19 -275, 9ff.
59 Ebd. Vers 280, 16 -18.
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nimmt nicht wahr, was um ihn herum geschieht. 60 Zwei Ritter kämpfen gegen Parzival und werden von ihm von ihren Pferden geworfen. 61 Gawan schafft es dann den Bann zu lösen, indem er die Blutstropfen mit seinem Mantel verdeckt. 62 Parzival wird feierlich in der Tafelrunde aufgenommen. 63 Plötzlich erscheint die Gralsbotin Cundrie und verflucht Parzival, weil er auf der Gralsburg nicht die erlösende Frage gestellt hat. 64 Parzival gelobt nun, nicht zu ruhen, bis er den Gral wiedergefunden hat und den kranken Anfortas erlöst hat. 65 Er fühlt sich nach der Verfluchung von Gott verlassen und sagt sich von ihm los. Parzival irrt nun verlassen durch die Welt. 66
3.1. Erziehung durch Leid
In Wolframs Werken ist das Leid des Menschen in der Welt, das entscheidende Thema. So auch im Parzival, denn in fast allen Gestalten und Szenen des Gedichts tritt uns Leid entgegen. 67
Das entscheidende an Wolframs Parzival ist, dass er durch seine Leiden erzogen wird und dabei viel dazu lernt. Der Mensch muss durch viele Trübsale hindurch, denn Gott muss sich, um sich zu offenbaren, dem Menschen in die Verborgenheit entziehen. Der Mensch wird während dieser Zeit für das Heil reif, so dass die Geschichte als ein Reifen der Menschen durch Leid und Gott verstanden werden kann. Mit diesem Gedanken ist das Übel erklärt und Gott als der Urheber dieses Übels gerechtfertigt. 68
In der Haupthandlung begegnet uns in gesteigertem Maß das Leid in allen denkbaren Formen: das Leid der Herzeloyde, der Jeschute und der Sigune. Sie stellen drei verschiedene Typen des Leides dar. Auch der Ritter Gurnemanz, der den Tod seiner drei Söhne erfahren hat, stellt eine Form des leidvollen menschlichen Daseins dar. Doch Parzival schafft ihm noch weiteres Leid, indem er ihn verlässt, obwohl Gurnemanz in ihm einen neuen Sohn gesehen hatte. Ebenso stößt er seine Ehefrau Condwiramurs in tiefes Leid als er sie verlässt. Parzival, der schon so viel Leid über andere gebracht hat, kommt durch die Trennung von Condwiramurs in tiefes sehnsüchtiges Leiden. 69
60 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 282, 10 -29.
61 Ebd. Vers 288, 21 -26; 295, 17 -22.
62 Ebd. Vers 301, 21 -29.
63 Ebd. Vers 305, 7 -18.
64 Ebd. Vers 312, 26 -29; 315, 17 -318, 4.
65 Ebd. Vers 319, 1 -10.
66 Bumke, J.: Wolfram von Eschenbach. S. 57.
67 Maurer, F.: Leid. S. 115.
68 Wieners, P.: Das Gottes- und Menschenbild Wolframs im ‚Parzival‘. S. 121.
69 Maurer, F.: Leid. S. 115 -118.
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Das Schicksal führt ihn zur Gralsburg, wo er nun abermals schwerstes Leiden in den verschiedensten Ausdrucksformen erlebt. Und nun kommt ein neues und tieferes Leid über ihn selbst, ein Leid, das er sich durch sein Verhalten selber zugezogen hat. Das Entscheidende ist, wie Parzival nun reagiert. Er verhärtet sich und fällt in Trotz und Unglauben. Durch die öffentliche Schmähung durch Cundrie schließt sich Parzival selbst aus der Artusrunde aus. Folge dieses schweren Leides, der Entehrung, ist die Absage Parzivals an Gott.
In Wolframs Parzival ist die Beziehung zur göttlichen Gnade und die Möglichkeit einer Lösung aus christlicher Haltung neu. 70
In dem letzten Kapitel „Gott als Zuchtmeister“ werden wir sehen, dass sich dieser Ansatz der Erziehung durch Gott als Interpretation für Parzivals Mitleidsfähigkeit herausarbeiten lässt.
3.2. Seine drei Sünden
Die drei Sünden, die auch in der Forschung vorwiegend als „Schuld“ Parzival erörtert wurden, sind: der Tod der Mutter, die nach seinem Abschied tot zusammenbricht; die Tötung des ihm verwandten Ither und schließlich die Unterlassung der erlösenden Frage auf der Gralsburg. Diese drei Sünden haben gemeinsam, dass er sie alle drei begeht, ohne es zu wissen und zu wollen. 71
4. Urteile gegen Parzivals Mitleidsfähigkeit 4.1. Die Forschungsmeinung von K. Mertens Fleury 72
Katharina Mertens Fleury beurteilt die Situation auf der Gralsburg folgendermaßen: Parzival scheint auf der Gralsburg vieles zu bemerken, doch kaum das Leiden des Anfortas und das Geheimnis des Grals. Die bewusste Wahrnehmung des Leidens erweist sich somit als problematisch. Der Zustand des Anfortas enthüllt sich Parzival erst in den weiteren Szenen. Erst Trevizent wird Parzival detailliert erklären, was auf Munsalvaesche auf dem Spiel stand und was es mit dem Leiden des Gralskönigs auf sich hat. Wie sehr das Leiden des Gralskönigs für Parzival verhüllt ist, spiegeln seine späteren Aussagen gegenüber Sigune.
70 Ebd. S. 118 -121.
71 Ebd. S. 124.
72 Dr. Katharina Mertens Fleury ist Mitarbeiterin in der Abteilung für Ältere deutsche Literatur; Lehrstuhl Kiening an der Universität Zürich. Sie publizierte: Leiden lesen. Bedeutungen von compassio um 1200 und die Poetik des Mit-Leidens im 'Parzival' Wolframs von Eschenbach. Berlin/New York 2006 (Scrinium Friburgense 21).
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Parzival berichtet hier lediglich voller Bewunderung über das Geschehene und ihm scheinen vor allem die Pracht und die Uneinnehmbarkeit der Burg, die Wunder und die Frauen aufgefallen zu sein. Schließlich gibt er dann zu, nicht nach den wundersamen Dingen gefragt zu haben.
Fraglich ist, ob Parzival in die gesehenen Wunder auch das Leiden einschließt. Bereits vor der Lanzenpräsentation zeigt sich, dass das Leid des Gralskönigs, die Gralsgesellschaft mit betrifft. Dabei besteht allerdings ein Bemühen, Parzival diese Trauer zu verbergen:
Das Unglück ließen sie ihn nicht bemerken. 73
Die Lanzenpräsentation stellt eine eigene Inszenierung dar. Es handelt sich also um zwei getrennte Vorgänge. Sie unterscheidet sich zunächst schon dadurch, dass nun zwei verschiedene Eingänge in den Saal benutzt werden. Die Gralsprozession findet in höfischer Gemessenheit statt, die vorausgehende Lanzenpräsentation verläuft hingegen in Hast. Auch die Reaktion der Gralsgesellschaft bei der Vorführung der Lanze, bildet einen deutlichen Kontrast zur Gralsprozession, denn bei dem Anblick der Lanze beginnt die Gralsgesellschaft laut zu klagen. Die Lanzenpräsentation löst somit eine emotionale Reaktion des Mitleids aus, die an den Gegenstand gebunden ist, denn das Weinen bricht schlagartig ab, als die Lanze wieder hinausgebracht wird. Welcher Kummer hinter der Lanzenpräsentation steht, enthüllt sich Parzival nicht in dieser Szene, sondern erst später bei Trevizent. 74 „Parzival erzählt, dass er wohl die Lanze und die Trauer gesehen hat, doch die Bedeutung der Vorführung scheint ihm bis zur Unterweisung des Trevizent nicht klar zu sein.“ 75 Denn mit der Reaktion auf den Anblick der Lanze wird Parzival ein imperativ auszuführendes Handlungsmodell vorgeführt, das ähnlich wie die Schwertübergabe Geltung besitzt. Das Schwert, das Parzival überreicht wird, kann als Repräsentation des Leidens Anfortas gewertet werden. Mit dieser Übergabe ist auch eine Handlungsverpflichtung verbunden; sie fordert eine Reaktion heraus, von der die erwartete Frage ausgehen soll. Parzival wäre nun an der Reihe gewesen zu reagieren. Dass die Repräsentation des Leidens eine affektive Reaktion, nämlich das Mitleid und damit die Frage nach dem Leiden des Anfortas, auslösen soll, legen später Sigune und die Gralsbotin Cundrie nahe. 76
73 Eschenbach, W.: Parzival Vers 227, 17.
74 Mertens Fleury, K.: Leiden lesen. S. 137 -143.
75 Ebd. S. 143 Zeile 15 -17.
76 Mertens Fleury, K.: Leiden lesen. S. 144 -146.
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4.2. Sigune und Cundrie
Sigune erklärt Parzival, dass er sich nach dem Leid des Anfortas hätte erkundigen müssen. Er erfährt von Sigune, wie er mit dem Leid des Anfortas verknüpft ist und wie er, weil er nicht geholfen hat, eine Schuld auf sich geladen hat. Sigune hatte voll Zuversicht erwartet, dass Parzival den Gralskönig retten würde. Doch Parzival steht noch am Beginn seiner Entwicklung und sie erkennt dessen Unfähigkeit und Schuld. Daraufhin lehnt sie ihn, aus Verzweiflung gegenüber ihrer eigenen Schicksalsschuld, ab.
Nun will er sich ändern und das von ihm unbewusst getane Böse als seine Schuld annehmen. Und auch Cundrie klagt ihn des Frageversäumnisses an, verflucht ihn dazu noch und wirft ihm Mangel an Erbarmen vor.
Zur Besonderheit dieser Situation gehört, dass Parzival in seinem alltäglichen Bewusstsein, alles wieder vergisst, was er von Sigune erfahren hat. Er sucht weiter König Artus und seine Tafelrunde und wird erst dort wieder seiner eigenen Schuld inne, als Cundrie ihn verflucht. Cundrie bringt ihm wieder ins Bewusstsein, was Sigune vorher schon angedeutet hatte. 77 Zwar vertreten diese beiden Figuren verschiedene Positionen in der Beurteilung von Parzivals Handeln, doch besteht in einer Ansicht Übereinstimmung: Sigune und Cundrie sprechen in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit des Mitleidens.
Das präsentierte Leid erfordert als Zeichen der Anteilnahme und Identifikation einen zuneigenden Ausdruck. 78 Denn das Mitleid setzt die Anteilnahme am Unglück anderer Menschen voraus. 79 Dies bedeutet dann auch die Anteilnahme am Kummer der Gralsgesellschaft, die Möglichkeit des Verstehens und somit die Überwindung des Leides und der Trauer.
77 Lampe, B.: Parzival. Gralssuche und Schicksalserkenntnis. S. 262 -263.
78 Mertens Fleury, K.: Leiden lesen. S. 146 Zeile 18 -19.
79 Hamburger, K.: Das Mitleid. S. 10.
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5. Urteile für Parzivals Mitleidsfähigkeit
5.1. Wolframs religiöse Darstellung
In der Wolframschen Dichtung muss man zunächst das Wort triuwe 80 als Wort der religiösen Sphäre empfinden. Man muss begreifen, dass zwischenmenschliche Bindungen wie Minne, Ehe, Freundschaft, Familie und Lehnsverhältnis gottbezogen erscheinen, wo immer das Wort triuwe diese zwischenmenschliche Bindung benennt. 81
Gott und die Welt sind in Wolframs Dichtung so eng aufeinander bezogen, dass der im gesellschaftlichen ausbrechende Konflikt des Helden unweigerlich zu einem religiösen Konflikt wird. Das Scheitern im Höfischen und Ritterlichen ruft unweigerlich Hass gegen Gott hervor. Dadurch, dass Wolfram das Nebeneinander von Religiösem und Ritterlichem ineinander wandelt, wird die Frage nach ritterlicher Sittlichkeit und Vollendung zu einer primär religiösen Frage. Um die religiöse Verwurzelung dieses höfischen Rittertums zu überhöhen, lässt Wolfram ritterliche Tugenden im Gralbereich transparent werden, indem er sie auf religiöse Tugenden zurückleitet und ihren Wert am Anteil der religiösen Grundtugend der triuwe misst. Die Verletzung der Sittlichkeit verstößt in ihrer schwersten Form gegen die triuwe. Somit ist Parzivals Weg zum Gral religiös gesehen der Weg der Verschuldung und Sünde. Erst das Gefühl der Sündhaftigkeit lässt Parzival das Wunder der göttlichen triuwe erfahren. 82 Für Wolfram bedeutet triuwe primär die Liebe Gottes, die menschliche Liebe und Frömmigkeit entzündet. 83
Ein weiterer Versuch wäre, ob aus Wolframs Darstellung der drei erörterten Vorgänge, Tod der Mutter, Tötung Ithers, Unterlassung der Frage ein direkter Hinweis auf eine Verschuldung Parzivals, auf die dichterische Auffassung als Sünde durch den Dichter selbst gegeben wird. 84 Doch dass seine Mutter bei seiner Abreise tot zusammenbricht, sieht und ahnt Parzival in Wolframs Darstellung nicht. Eine Schuld Parzivals lässt sich hier nicht eindeutig erkennen, denn dass die Mutter versucht hat, ihm die Kenntnis des Rittertums und die Berührung mit ihm fernzuhalten, war ein vergeblicher Versuch. Wolfram deutet auch nichts dergleichen an. 85 Was die Szenen mit Ither betreffen muss man beachten, dass Parzival zwischen den beiden Begegnungen bei dem Ritter Artus war und dort Anregungen für das zweite Zusammentreffen mit Ihter entstanden sind. Während der ersten Begegnung sind sie in echt menschlicher
80 Übersetzung: Mitleid, Liebe, Güte, das Gute, Tugend; Charakter; Gewissen. Aus Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch.
81 Schwietering, J.: Parzivals Schuld. S. 22.
82 Ebd. S. 15f.
83 Ebd. S. 22.
84 Maurer, F.: Leid. S. 130.
85 Ebd. S. 131.
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Haltung beieinander. Doch bei der zweiten Szene ist Parzival fordernd. Es scheint, dass Parzival glaubt, nun Anspruch auf das Pferd und die Rüstung Ithers zu haben. Als Ither daraufhin wütend wird, schlägt Parzival ihn tot. 86 Die Äußerungen Keies und die halbe Zustimmung des Königs (150,11) bringen den unerfahrenen Jungen dazu, dass aus seinem Wunsch ein Begehren und eine Forderung wird. Vieles steht dort, was Parzival entlastet, aber kein Wort Wolfram darüber, ob er schuld sei. Vielmehr plädiert Wolfram während der Tat immer wieder auf die tumbheit 87 des Täters.
Schließlich geht es um Parzivals Verhalten auf der Gralsburg. Der Ausruf des Dichters:
Oh weh, dass er dort nicht fragte! Deswegen bin ich für ihn nicht froh! 88
drückt nicht die eindringlichen und ausdrücklichen Bemühungen aus, darzustellen, wie gern Parzival gefragt hätte und dies nur wegen der Lehre des Gurnemanz unterlässt. 89 Auch hier ist sich Parzival keiner Schuld bewusst und auch Wolfram spricht ihn nirgends schuldig. 90
5.2. Gott als Zuchtmeister
Herzeloyde lehrt ihren Sohn Parzival eine Gotteslehre die missverständlich und korrekturbedürftig ist. Diese Lehre hebt zwei Momente heraus; erstens Gottes strahlende Leuchtkraft und zweitens seine Bereitschaft, den Menschen helfend beizustehen. Die Unmissverständlichkeit erkennt man an der Begegnung Parzivals mit den Rittern: 91
Als der Ritter so sprach, dachte der Knabe es wäre Gott
wie ihm Herzeloyde die Königin erzählte, denn sie unterrichtete ihn von dem leuchtenden Schein Gottes. 92
Das Motiv der strahlenden Schönheit erhält in dieser Szene noch eine ganz andere Bedeutung. Während Parzival von dem Glanz der Ritter beeindruckt ist, steht er selber mit „Blütenkranz männlicher Schönheit“ 93 vor den Rittern. Die Schönheit, die aus dem bäuerlichen Gewand
86 Maurer, F.: Leid. S. 131f.
87 Übersetzung: Unverständigkeit, Torheit, Dummheit, unbesonnenes, unkluges, einfältiges Wesen, törichte Handlung. Aus Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch.
88 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 240, 2f.
89 Maurer, F.: Leid. S. 132.
90 Ebd. S. 132.
91 Bumke, J.: Wolfram von Eschenbach. S. 44.
92 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 122, 21- 24.
93 Eschenbach, W.: Parzival. Vers 122, 13.
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strahlt, steht hier für die Erwähltheit des Toren Parzival. 94 Parzivals Schönheit wird als Licht wahrgenommen, sie strahlt von seiner Person aus. 95 In Parzivals Erziehung kann also eine besondere Bevorzugung gesehen werden; er soll vielleicht gerade nicht von der von Gott gesetzten Norm abfallen, sondern über die Norm erhoben werden. Dieser Gedanke einer Erhöhung durch Leid ist der abendländischen Frömmigkeit nicht fremd. Dieser Gedanke ist mit der Nachfolge Christi und der bernhardischen Leidensmystik verbunden. 96 Es kann nicht einsichtig gemacht werden, wieso Parzival nur dann echtes Mitleid zeigt, wenn er die erlösende Frage stellt, wieso Parzival nicht gerade dadurch echtes Mitleid bekundet, dass er nicht fragt. Und es bleibt auch offen, warum man Parzival, weil er nicht fragt, dem Vorwurf mangelnder Nächstenliebe macht, da Parzival doch nicht wissen kann, dass seine Frage Hilfe bringen würde. 97
Die märchenhaften Bedingungen, unter denen Parzival den Gral findet, können als Zeichen gedeutet werden, dass die Gnade allein den Weg des Menschen bestimmt. Mit dieser Hilfe konnte Wolfram das Wirken Gottes aufzeigen, ohne dass er Gott als handelnde Person in seinem Roman einzuführen brauchte. 98
Es entspricht der Forderung christlich- ritterlicher Ethik, dass Parzival aus Rücksicht auf das Leid des Anfortas nicht gleich fragt, sondern auf eine günstige Gelegenheit wartet, in der er Anfortas helfen kann. 99 Parzivals tut demnach das, was allein er tun kann; es gibt aus seiner Sicht keine Alternative für sein Handeln.
6. Schluss
Wir wissen nun, dass die Mitleidstheologie von Wolframs ‚Parzival‘ dem frömmigkeitsgeschichtlichen Phänomen und der Leidensmystik Bernhard Clairvaux‘ s des 12. Jahrhundert folgt. Und dass es auch noch viele andere Theorien über das Mitleid gibt, die uns hier nicht weiter helfen.
Das Kapitel „Erziehung durch Leid“ zeigt, dass Parzival diesen Weg einschlagen muss, da Gott ihn durch die Leiden, die ihm dadurch widerfahren, erziehen möchte. Inwieweit dies geschieht wurde in Kapitel „Gott als Zuchtmeister“ noch einmal genauer erläutert.
94 Bumke, J.: Wolfram von Eschenbach. S. 44.
95 Hahn, I.: Parzivals Schönheit. S. 210.
96 Wieners, P.: Das Gottes- und Menschenbild Wolframs im ‚Parzival‘. S. 122.
97 Ebd. S. 123.
98 Ebd. S. 124.
99 Ebd. S. 125.
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Da ich diese Hausarbeit, wie ich bereits in der Einleitung voraus gesagt habe, als ein Für und Wider aufgebaut habe und mit der Meinung gegen Parzivals Mitleidsfähigkeit begonnen habe, wirkt die Interpretation für Parzivals Mitleidsfähigkeit wie eine Art Erleichterung. Denn das Katharina Mertens Fleury die ausbleibende Frage als Sünde bezeichnet, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. Ich habe an keiner Stelle der Gralsprozession herauslesen können, dass Parzival Anfortas und die Menschen auf der Burg hätte befreien können. Parzival hätte sicher gefragt, was da vor sich geht, wenn er von Gurnemanz nicht die Mahnung des zu vielen Fragens erhalten hätte. Für mich ist das eine ganz logische Konsequenz und die hat nichts mit einer Fähigkeit für oder gegen Mitleid zu tun. Gott erzieht Parzival, damit er das Wunder der göttlichen triuwe erfährt. Wichtig bei dieser Interpretation ist, dass Wolfram Parzival niemals schuldig spricht. Und diese Aussage ist für mich die Lösung über Parzivals Mitleidsfähigkeit. Ich beurteile ihn hiermit für mitleidsfähig.
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7. Literaturverzeichnis: Quelle:
- Eschenbach, Wolfram: Parzival. Bd. 1: Buch 1-8. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2007.
Sekundärliteratur:
- Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. 7. neu bearb. Aufl. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler 1997.
- Hahn, Ingrid: Parzivals Schönheit. Zum Problem des Erkennens und Verkennens im ‚Parzival‘. In: Verbum et signum. Beiträge zur mediävistischen Bedeutungsforschung. Studien zur Semantik und Sinntradition im Mittelalter. Bd. 2. Hrsg. von H. Fromm, W, Harms u. U. Ruberg. München: Wilhelm Fink Verlag 1975.
- Hamburger, Käte: Das Mitleid. Stuttgart: Klett- Cotta Verlag 1985.
- Kraß, Andreas: Die Mitleidsfähigkeit des Helden. Zum Motiv der Compassio im höfischen Roman des 12. Jahrhunderts (‚Eneit‘ - ‚Erec‘ - ‚Iwein‘). In: Wolfram-Studien. Hrsg. von Haubrichs, Lutz, Vollmann- Profe. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. 2000.
- Lampe, Bernd: Parzival. Gralssuche und Schicksalserkenntnis. Bd.1. 8. Aufl. Dürnau: Verlag der Kooperative 2000.
- Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. unveränderte Aufl. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 1992.
- Maurer, Friedrich: Leid. Studien zur Bedeutungs- und Problemgeschichte besonders in den großen Epen der staufischen Zeit. 3. Auflage. Bern und München: Franke Verlag 1964.
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- Mertens Fleury, Katharina: Leiden lesen. Bedeutung von compassio um 1200 und die Poetik des Mit- Leidens im ‚Parzival‘ Wolframs von Eschenbach. In: Scrinium Friburgense Bd. 21. Hrsg. von Bizzari, Flüeler u.v.a. Berlin und New York: Walter de Gruyter 2006.
- Schwarz- Mehrens, Elisabeth: Zum Funktionieren und zur Funktion der Compassio im ‚Fließenden Licht der Gottheit‘ Mechthilds von Magdeburg. In: Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 410. Hrsg. von U. Müller, F. Hundsnurscher u.v.a. Göppingen: Kümmerle Verlag 1985.
- Schwietering, Julius: Parzivals Schuld. Zur Religiosität Wolframs in ihrer Beziehung zur Mystik. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann 1946.
- Wieners, Peter: Das Gottes- und Menschenbild Wolframs im ‚Parzival‘. Bonn: Rudolf Habelt Verlag GmbH 1973.
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Julia Stekeler, 2009, Über die Mitleidsfähigkeit Parzivals, München, GRIN Verlag GmbH
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