Inhalt
1. EINLEITUNG 3
2. DAS BILDUNGSSYSTEM 4
2.1. FUNKTIONALE DIFFERENZIERUNG 4
2.2. ZUM BEGRIFF ERZIEHUNG. 4
2.3. FUNKTIONEN VON ERZIEHUNG 5
2.4. DIE FRAGE DER CHANCENGLEICHHEIT. 6
3. DAS DEUTSCHE SCHULSYSTEM. 7
4. DIE SITUATION VON MIGRANTENKINDERN UND -JUGENDLICHEN IM DEUTSCHEN
SCHULSYSTEM 9
4.1. BILDUNGSSTAND UND BILDUNGSBETEILIGUNG. 9
4.2. SCHÜLERLEISTUNGEN 11
4.3. DIE SITUATION TÜRKISCHSTÄMMIGER SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER. 11
5. DAS BILDUNGSNETZWERK UM FETHULLAH GÜLEN. 12
5.1. ZUR PERSON 12
5.2. DAS NETZWERK. 13
5.3. AKTIVITÄTEN IN DEUTSCHLAND. 15
6. DIE GÜLEN-SCHULEN’ IN DEUTSCHLAND 15
6.1. DAS PRIVATGYMNASIUM TÜDESB BERLIN. 16
6.2. DIE SEMA-PRIVATSCHULE MANNHEIM 17
6.3. DAS PRIVATGYMNASIUM VIB HANNOVER 18
7. DIE FUNKTIONEN DER GÜLEN-SCHULEN’ IM DEUTSCHEN BILDUNGSSYSTEM. 19
8. FAZIT 22
T
LITERATUR. 24
1. GEDRUCKTE PUBLIKATIONEN 24
2. INTERNETQUELLEN 25
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1. Einleitung
Im Sommer 2008 wurde ein türkischer Prediger namens Fethullah Gülen in einer gemeinsamen Online-Umfrage der britischen Zeitschrift Prospect und der amerikanischen Foreign Policy zum bedeutendsten zeitgenössischen Intellektuellen gewählt. Für westliche Leser geschah dies sehr unerwartet, ist Gülen hierzulande doch eher unbekannt. Laut Müller (2008) kam das überraschende Ergebnis durch eine groß angelegte Kampagne der Zeitschrift Zaman in der Türkei zustande. Diese gehört zu einer weltweit agierenden Bildungsbewegung, deren inoffizieller Kopf Fethullah Gülen ist. Die Mobilisationskraft der Fethullaçilar, wie seine Anhänger genannt werden, ist also überaus beeindruckend.
Die Recherche ergab, dass die Bewegung auf mehreren Kontinenten zahlreiche Schulen und andere Bildungseinrichtungen gegründet hat. Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen die in den letzten Jahren in mehreren deutschen Städten gegründeten Privatgymnasien in Trägerschaft türkischstämmiger Migranten, die sehr wahrscheinlich alle dem Netzwerk um Gülen zugerechnet werden können und fast ausschließlich türkischstämmige Schülerinnen und Schüler unterrichten. Untersucht werden soll, welche Funktionen die Privatschulen im deutschen Bildungssystem haben, ob sie einen Beitrag zur Integration zu leisten im Stande sind und welche Rolle Fethullah Gülen und seine Bewegung bei den Schulen spielen. Unter Integration wird im Folgenden speziell die so genannte kulturelle Integration (Heckmann 2001: 343f.) verstanden, d.h. die Beherrschung der deutschen Sprache und des für die hiesige Gesellschaft notwendigen Wissens. Diese Form der Integration kann im weitesten Sinne als Schulerfolg bezeichnet werden. Die in Medienberichten häufig auftretende Frage der Segregation in den Schulen, begründet durch die Tatsache, dass sich das Klientel der Schulen vorwiegend aus türkischstämmigen Migranten zusammensetzt, wird lediglich ergänzend betrachtet.
Die weiteren Bildungseinrichtungen in Deutschland, zumeist Nachhilfezentren sowie auch einige Realschulen und Kindergärten, die teils unter derselben Trägerschaft wie die Gymnasien stehen, können nicht näher behandelt werden.
Theoretische Grundlage der Arbeit bildet das Erziehungssystem aus der Sicht des System-theoretikers Niklas Luhmann. In Kapitel 2 werden insbesondere die Funktionen dieses Systems sowie die Frage der Chancengleichheit im Schulsystem dargestellt. Im dritten Kapitel wird der konkrete Aufbau des deutschen Schulsystems beschrieben. Kapitel 4 berichtet von der Stellung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in
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diesem System, wobei auf die türkischstämmigen gesondert eingegangen wird. Im fünften Kapitel wird schließlich Fethullah Gülen und das ihn umgebende Bildungsnetzwerk vorgestellt. In Kapitel 6 werden exemplarisch drei Privatgymnasien mit Daten und Fakten, aber auch Ansprüchen und Zielen präsentiert. Im abschließenden Kapitel 7 werden die eingangs erwähnten Fragen nach tatsächlichen Funktionen, Absichten und Zukunftsperspektiven der Gymnasien analytisch betrachtet und der Versuch unternommen, eine Antwort zu finden, inwieweit sie zur Integration türkischstämmiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland beitragen können.
In der gesamten Arbeit schließt die männliche Form von Personenbezeichnungen die weibliche mit ein. Der Lesbarkeit halber erfolgt die weibliche Bezeichnung (Schülerinnen, etc.) nur teilweise.
2. Das Bildungssystem
2.1. Funktionale Differenzierung
Laut der Luhmannschen Systemtheorie leben wir heute in einer Welt der funktionalen Differenzierung, die das alte Ständesystem (in Luhmanns Worten: die stratifikatorische Differenzierung) abgelöst hat. Während das Leben der Menschen früher weitgehend durch ihre Geburt und damit die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht bestimmt wurde, besteht die heutige Gesellschaft aus unterschiedlichen Systemen, die untereinander gleichwertig sind und jeweils eine spezifische Funktion für die Gesellschaft erfüllen. Diese so genannten Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Familie, Gesundheit, Recht, Erziehung u. a.
gewähren allen Menschen Zugang. 1
2.2. Zum Begriff Erziehung
Luhmann spricht anstelle des Bildungssystems vom Erziehungssystem. 2 Erziehung ist für ihn eine „intentionale Tätigkeit, die sich darum bemüht, Fähigkeiten von Menschen zu entwickeln und in ihrer sozialen Anschlussfähigkeit zu fördern.“ (Luhmann 2002: 15) In anderen Worten: „Als Erziehung haben alle Kommunikationen zu gelten, die in der Absicht des Erziehens in Interaktionen aktualisiert werden.“ (ebd.: 54) Er grenzt den Begriff von der Sozialisation ab, die man entsprechend als ‚absichtslose Erziehung’ bezeichnen könnte. (ebd.: 53) Bei der
1 Siehe dazu ausführlich Luhmann 1981 und 1998
2 Zu seiner Kritik am Bildungsbegriff siehe z.B. Luhmann 2002: 186ff.
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erzieherischen Tätigkeit handelt es sich um die „’Vermittlung’ von Wissen und Können“ (ebd.: 43). Dabei geht es noch nicht um das, was tatsächlich ankommt bzw. wie dieses später verwendet wird, sondern nur um das Vermitteln an sich. Dieses findet normalerweise in Schulen statt, indem ein Lehrer zur selben Zeit viele Schüler unterrichtet. (ebd.) Die Absicht des Erziehers muss dabei eine gute sein. Er soll den zu Erziehenden nicht schädigen, sondern ihm etwas Gutes tun. Daraus folgt, dass der Erzieher auch den Zögling bzw. dessen Verhalten (als gut oder schlecht) bewerten muss (ebd.: 55f.) Man erkennt die Absicht zu erziehen daran, dass jemand versucht, „Wissen und Können an jemanden zu vermitteln, der darüber noch nicht verfügt. Dies ,noch nicht’ ist als in die Zeitdimension aufgelöstes Paradoxon erkennbar. Es beruht auf der Annahme, dass ein und dieselbe Person etwas nicht-können und können kann.“ (ebd.: 59) Das Vermitteln kann diese Paradoxie eventuell auflösen, jedoch kann der Erzieher nicht wissen, ob es funktionieren wird. Ob die Vermittlung gelungen ist, wird nachträglich durch Zeugnisse und Tests überprüft (ebd.: 59f.)
2.3. Funktionen von Erziehung
In der Erziehung geht es vor allem um „die Vorbereitung des Einzelmenschen auf sein späteres Leben, um seinen ‚Lebenslauf’“ (ebd.: 47) Die wichtigste Funktion von Erziehung ist somit das Ermöglichen einer Karriere. Einzelne Lebensabschnitte sind wichtig für spätere bzw. die späteren bauen auf den früheren auf. Ohne dass man sich in der Schule beweist, wird man anschließend also kaum beruflichen Erfolg haben können. Dennoch ist Schulerfolg keine Garantie für Erfolg im Wirtschaftssystem, weil die Kriterien auf dem Arbeitsmarkt ganz andere sind (ebd.: 71f.)
Während in der Pädagogik das Kind als Medium des Erziehungssystems gilt, spricht sich Luhmann dafür aus, dass vielmehr der Lebenslauf eben dieses Medium repräsentiert, besonders weil heute längst nicht mehr nur Kinder, sondern auch Erwachsene Teil dieses Systems sind. (ebd.: 89ff.) Er ist der Ansicht, „daß Wissen die Form ist, die im Medium Lebenslauf dieses Medium reproduziert. Denn auf der Basis von Wissen gewinnt man andere
Möglichkeiten, dem weiteren Lebenslauf eine Richtung zu geben.“ (ebd: 97) 3 Wissen wiederum sei schwer zu beschreiben. Wichtig sei jedoch: „Für das Erziehungssystem ist Wissen immer individuelles Wissen und in diesem Sinne eine Form, die dem Lebenslauf Chancen gibt oder auch, wenn sie fehlt, Chancen verbaut“ (ebd.: 98) Außerdem ist Wissen
3 Zu den Begriffen Medien und Form siehe Luhmann 2002: 82ff.
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etwas, was man wiederholt verwenden kann und womit man jedoch auch Neues erkennen kann. (ebd.: 99) Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die erste Funktion des Erziehens in der Ermöglichung einer Karriere auf der Basis von Wissensvermittlung besteht. Die andere Funktion von Erziehung ist die Selektion. Der Erziehende bzw. Lehrer hat auch den Auftrag, das Lernverhalten zu kommentieren, es entweder zu bestätigen oder zu korrigieren. Um die Erfolge der Erziehung zu beurteilen, gibt es Noten, die Vergleichsmöglichkeiten bieten. Frühere und spätere Leistungen eines Schülers können ebenso verglichen werden wie die Leistungen mehrerer Schüler. (ebd.: 62ff.)
Die Einführung von Noten und (Aufnahme)prüfungen führte in der Geschichte auch dazu, dass die Selektion nach und nach von sozialer Schichtung abgekoppelt wurde, dass also nicht mehr der soziale Status über den Lebenslauf entschied. Luhmann weist jedoch darauf hin, dass dieser Wandel nur unvollständig geschieht, da der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen immer noch besteht (ebd.: 67) Auch hat das Streben nach guten Noten nichts mit der sozialen Herkunft zu tun, obwohl letztere durchaus die Erfolgschancen beeinflussen kann. (ebd.: 73)
2.4. Die Frage der Chancengleichheit
Schulen schreiben sich selbst gern noch eine weitere Funktion zu: allen Kindern gleiche Startchancen zu bieten. Luhmann (2002: 127) zufolge ist dies in der Realität allerdings kaum zu erreichen:
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Der im folgenden Kapitel beschriebene Aufbau des Schulsystems zeigt deutlich, wie unwahrscheinlich es speziell in Deutschland für Schülerinnen und Schüler ist, durch ihren familiären Hintergrund verursachte Startnachteile im Laufe ihrer Schulkarriere auszugleichen.
3. Das deutsche Schulsystem
Das Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland umfasst fünf Stufen. Es beginnt mit dem Kindergarten und endet im Bereich der Weiterbildung. Im Folgenden liegt jedoch der Fokus auf dem Schulsystem, so dass der tertiäre Bereich, d.h. das Hochschulwesen, sowie der Bereich Weiterbildung nicht näher beschrieben werden.
Da die Kulturhoheit und somit die Gesetzgebungsbefugnis bei den Bundesländern liegt, können Teile des Schulwesens in den einzelnen Ländern unterschiedlich gestaltet sein. Allerdings folgen sie alle einem Grundgerüst, das vom Bund festgelegt wird und für alle Länder gilt. (KMK 2007: 32) Dieses gliedert sich wie folgt:
Der Elementarbereich umfasst vorschulische Einrichtungen wie Kindergärten und ähnliche Einrichtungen (Schulkindergärten, Vorklassen) für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Der Besuch dieser Einrichtungen ist in der Regel freiwillig. (ebd.: 33) Zur Finanzierung werden im Gegensatz zum kostenlosen Schulbesuch nach Einkommen gestaffelte Elternbeiträge erhoben; in einigen Ländern ist seit jüngster Zeit das letzte Kindergartenjahr beitragsfrei. (Avenarius et al. 2007: 62)
Mit Erreichen des schulpflichtigen Alters, nach Vollendung des sechsten Lebensjahres, treten die Kinder in eine der gesetzlichen Vorgabe nach für alle Schülerinnen und Schüler gleiche
Grundschule ein. 4 In der Regel umfasst der Primarbereich die Jahrgangsstufen 1 bis 4 und ist im Gegensatz zum Elementarbereich verpflichtend. Für Kinder mit speziellem Förderbedarf
4 Dass Grundschulen in der gelebten Realität sowohl in Bezug auf ihre Klientel als auch auf ihre Bildungsarbeit alles andere als gleich sind und somit sehr unterschiedliche Chancen auf den Übergang in weiterführende Schulen bieten, zeigt sehr eindrücklich Radtke (2004: 165ff.)
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Arbeit zitieren:
Denise Roellig, 2009, Türkische Privatschulen in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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