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Prähispanische Kulturen in mexikanischen Schulgeschichtsbüchern:
1. Schulbücher als Spiegel und Schöpfer von Alltagsmeinungen über Ethnien?
Auf dem "Platz der drei Kulturen" in Mexiko-Stadt stehen Bauwerke aus drei Zeitepochen dicht beieinander: ein zerstörter Aztekentempel, ein ehemaliges spanisches Kloster und moderne, mehrstöckige Zweckbauten des 20. Jahrhunderts. Wenn hier die militärische Niederlage der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan als schmerzhafte Geburt eines gegenwärtigen me stizischen Mexikos interpretiert wird, so drückt sich eine Haltung aus, die man immer wieder im mexikanischen Alltag beobachten kann: das Andenken und die archäologischen Überbleibsel der prähispanischen Hochkulturen werden gepflegt und in Ehren gehalten; das Christentum und die modernere Kultur der europäischen Eroberer scheinen sich nicht nur in Form von Kolonialbauten über die früheren Kulturen gelegt und diesen ein jähes Ende bereitet zu haben, sondern bestimmen die Schicksale des Landes bis heute - die renovierungsbedürftigen Hochhäuser rund um den Platz bilden ein lebendiges Zeugnis dafür. Doch wird die Zerschlagung der alten Kulturen nicht als Niederlage gewertet, denn ihr Erbe ist angeblich in den Bewohnern des heutigen Mexiko -einem Volk von Mestizennoch lebendig.
Kaum jemand wird leugnen wollen, dass gegenwärtig ein Grossteil der mexikanischen Bevölkerung aus Mestizen besteht. Die Gedanktafel verschweigt jedoch, dass längst nicht alle Mexikaner Mestizen sind, so werden z.B.
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zwischen 8 -12% unter ihnen auch heute noch einer indianischen Ethnie zugerechnet, d.h. als direkte Nachfahren der altamerikanischen Bewohner der Region betrachtet. 1 Doch diesen bleibt nur eine Existenz am Rande der sich als modern verstehenden mexikanischen Gesellschaft. F ür das moderne Mexiko sind sie ein Dorn im Auge, gerne spielt man ihre Anzahl herunter oder blicktnicht ohne Scham- von oben auf sie herab.
Nur vereinzelt hört man mexikanische Stimmen, die die widersprüchliche Haltung vieler ihrer Landsleute -Verherrlichung der prähispanischen Kulturen und Geringschätzung oder Vergessen der aktuellen Indígenas 2 - aufdecken und offen ankreiden. Einer dieser Kritiker ist der Anthropologe Guillermo Bonfil Batalla:
La presencia de lo indio en muros, museos, esculturas y zonas arqueológicas abiertas al púbico se maneja, esencialmente, como la presencia de un mundo muerto. Un mundo singular, extraordinario en muchos de sus logros; pero muerto. El discurso oficial traducido en lenguaje plástico o museográfico, exalta ese mundo muerto como la semilla de origen del México de hoy. Es el pasado glorioso del que debemos sentirnos orgullosos, el que nos asegura un alto destino histórico como nación, aunque nunca quede clara la lógica y la razón de tal certeza. El indio vivo, lo indio vivo, queda relegado a un segundo plano, cuando no ignorado o negado; ocupan, como en el Museo Nacional de Antropología, un espacio segregado, desligado tanto del pasado glorioso como del presente que no es suyo: un espacio prescindible (Bonfil, 91).
Ausgehend von dieser Beobachtung im mexikanischen Alltag, die sich auch in einigen literarischen oder wissenschaftlich-essayistischen Schriften widerspiegelt, geht es mir in der vorliegenden Arbeit darum, zu überprüfen, inwieweit die
1 Das nationale statistische Datenamt (INEGI) nimmt als Kriterium der ethnischen Zugehörigkeit lediglich das Beherrschen einer indianischen Sprache. Eine juristische Definition des
Indígena existiert in Mexiko nicht. Bonfil (vgl. S. 46-49) sieht die Sprache als unzulängliches Definitionskriterium an und spricht von einem "etnocidio estadístico".
2 Zwar wird das Wort "Indio" noch häufig in der deutschen und mexikanischen wissenschaftlichen Literatur verwendet (vgl. Zitat v. Bonfil), doch hat es in beiden Sprachen eine abwertende
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beschriebene Haltung durch mexikanische Schulbücher vermittelt wird. Da auch Wissenschaftler und Schulbuchschreiber niemals ganz von ihrer Erziehung und ihren persönlichen Werten absehen können, ist anzunehmen, dass sie in irgendeiner Form in die Schulbücher eingeflossen ist, und sich auf diese Weise in den Köpfen der nachfolgenden Generationen fortsetzen wird. Im folgenden werde ich mich allerdings nur auf einen Teil dieses doppelseiten Bildes der indianischen Völker beschränken: Ich beabsichtige, die Darstellung der prähispanis chen Kulturen in mexikanischen Schulgeschichtsbüchern zu verfolgen, und dabei vor allem auf die Gewichtung dieses Themenkomplexes innerhalb des schulichen Curriculums, Schwerpunkte und Auslassungen, sowie wertende Stellungnahmen zu achten. 3 Zusätzlich w ird mich die Frage beschäftigen, ob die Geschichtsbücher Aussagen bezüglich der ethnischen Identität der heutigen Mexikaner enthalten, die mit den prähispanischen Kulturen in Zusammenhang stehen. Als Hintergrund und Vergleichsgrundlage dienen wissenschaftliche Schriften zur Geschichte und Kulturgeschichte Mexikos.
Anmerkung zu den Begriffen "Nation", "Kultur" und "Volk":
a) Nation: In dieser Arbeit verwende ich "Nation" im Sinne von "Wir-Gruppe (hier: der Mexikaner), die nationalstaatlich organisiert ist", ohne dabei den Begriff mit "Volk" gleichzusetzen oder bestimmte ethnische oder kulturelle Gemeinsamkeiten (z.B. Sprache) zu unterstellen. Zu untersuchen gilt, ob die Schulbücher solche Gemeinsamkeiten behaupten.
b) Kultur/Volk: Die Schulbücher verwenden den Begriff "Kultur" in verschiedenen Bedeutungen, erstens im Sinne von "Gesamtheit der Verhaltenskonfigurationen eines Volkes (vgl. das Zitat auf S. 9 dieser Arbeit); weiterhin als Synonym von Volk (Wir-Gruppe die diese Verhaltenskonfigurationen -Spr ache, Kü- Konnotation.Ich werde im folgenden das spanische "Indígena" bzw. das auch nicht so recht befriedigende deutsche Wort "Indianer" u. das dazugehörige Adjektiv "indianisch" verwenden.
3 Die in dieser Arbeit verwendeten Kürzel für die Schulbücher sind in der Bibliographie aufgeschlüsselt.
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che, Kunst, Technik usw.- teilt); aber auch in der Bedeutung von Entwicklungsstufe, die mehrere Völker eint (z.B. kulturelle Eigenheiten, die von den Archäologen in die Kulturperioden Präklassik, Klassik und Postklassik zusammengefasst werden), und schliesslich im Sinne von "Hochkultur". Die Begriffe "Kultur" und "Zivilisation" werden dabei nicht eindeutig unterschieden (auch im spanischen Larousse werden sie übrigens als Synonyme ausgegeben), so spricht z.B. P5 sowohl von cultura als auch von civilización mesoamericana, olmeca usw. Eine Definition des Begriffes "Kultur" gibt es nur in P3, diese wird aber nicht durchgängig in allen Büchern respektiert. Ich werde im folgenden in Anlehnung an die Schulbücher "Kultur" sowohl im Sinne von Volk (hier: Gruppen, denen von Historikern, Archäologen oder Anthropologen Gemeinsamkeiten zugeschrieben werden, wie z.B. die Olmeken, Maya, Tarahumara usw.) verwenden, als auch im Sinne von Verhaltenskonfigurationen dieser Völker.
2. Schulsystem und Schulbücher in Mexiko
Das mexikanische Schulsystem ist nicht horizontal gegliedert, wie das deutsche. Alle Schüler durchlaufen eine 6 -jährige Grundschule ( Primaria ), an die sich eine 3 -jährige Sekundärschule ( Secundaria) anschliesst. Seit 1992 erstreckt sich die Schulp flicht bis zum Ende der Secundaria, doch die Realität ist von diesem Soll noch weit entfernt. 4 Wer noch weiterlernen will, besucht eine in der Regel 3 -jährige Aufbauschule ( escuela preparatoria oder bachillerato), deren Abschluss zur Aufnahme eines Studiums befähigt, bzw. das Recht erteilt, an der Aufnahmeprüfung einiger Universitäten teilzunehmen. Nun wäre es allerdings weit gefehlt zu glauben, diese Einheitsschule würde eine Chancengleichheit garantieren oder die Kinder verschiedener gesellschaftlicher S chich-
4 NachSchätzungen haben gegenwärtig ca. 65% aller 18-jährigen Mexikaner die Secundaria beendet. Die Primaria beendeten im Jahr 2000 schätzungsweise 84,5% der Kinder, die diese 6 Jahre vorher begannen. Zu Beginn der 90-er Jahre waren es laut Statistik nur 70,1%. Daten ent-
nommen aus der Homepage der SEP (siehe Bibliographie).
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ten zusammenbringen. Dies verhindert die Differenzierung der Schulen in Federales (die dem Bundesstaat unterliegen), Estatales (die hauptsächlich von den einzelnen Bundesländern getragen werden), Autónomas (ein geringer Prozentsatz der Schulen, die v on einer einer öffentlichen, autonomen Universität verwaltet werden) und Privadas. Letztere verlangen teilweise ein recht hohes Schulgeld, sind unter Umständen konfessionell gebunden (die öffentlichen Schulen sind seit der Trennung von Staat und Kirche im Jahre 1857 laizistisch), und bieten bessere Lernbedingungen: eine bessere schuliche Ausstattung (Schulgebäude, Labore, Computer u.a.), oftmals besser qualifizierte Lehrkräfte und wesentlich kleinere Lerngruppen. Allerdings kann nur eine kleine Minderheit d er mexikanischen Kinder und Jugendlichen solch eine Schule besuchen. 5
Alle diese Schulen -auch die privaten- unterliegen der Kontrolle des auf nationaler Ebene organisierten staatlichen Erziehungsministeriums (SEP). Dieses erstellt u.a. die Programme für jedes Fach und jeden Jahrgang. Seit 1959 gibt es das libro gratuito heraus, das kostenlos an alle Schüler der Primaria verteilt wird. So soll weitgehend sichergestellt werden, dass alle Kinder in Mexiko Zugang zu Schulbüchern der Grundschule haben und aus serdem ein und demselben Programm folgen (einzelne Privatschulen tanzen aber auch hier aus der Reihe und arbeiten mit anderen Büchern, die allerdings demselben Programm folgen). Ab der Secundaria ist jeder Schüler bzw. dessen Eltern selbst für die Anschaffung der Schulbücher verantwortlich. Das Erziehungsministerium gibt jährlich eine Liste mit den autorisierten Lehrbüchern pro Fach heraus (ca. 8 bis 15 verschiedene Titel), aus welcher sich die einzelnen Schulen oder Lehrer das für das jeweilige Jahr zu verwendende Buch heraussuchen. Oftmals bleibt die gültige Liste für ein Fach über mehrere Jahre hinweg konstant, die Schulen wechseln aber trotzdem das Lehrbuch mit jedem neuen Schuljahr, so dass für
5 Bezogen auf das gesamte Ausbildungssystem von Vorschule bis Universitát besuchen 12,1% der Schüler und Studenten private Institutionen, für die Primaria sind es nur 7,4% ( SEP)
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jüngere Geschwister wieder neu gekauft werden muss.
Die gegenwärtigen Geschichtsprogramme der SEP wurden 1993/94 neu erstellt. Die derzeit autorisierten Schulbücher sind mehrheitlich in ihrer Erstauflage im Jahre 1994 entstanden. Für die hiesige Arbeit habe ich die vier libros gratuitos für Geschichtsunterricht i n der Grundschule herangezogen (für die Jahrgangsstufen 1 und 2 gibt es keine eigenen Geschichtsbücher), sowie jeweils eines der autorisierten Geschichtsbücher jeder Jahrgangsstufe der Sekundärschule. Alle autorisierten Bücher folgen, wie gesagt, genau demselben Programm, und unterscheiden sich nur in der Aufmachung (Bilder usw.) und im Stil der Abfassung. Grundsätzlich kann also davon ausgegangen werden, dass alle mexikanischen Kinder, die die obligatorische Schulpflicht durchlaufen, mit denselben geschichtlichen Themenkomplexen in derselben Gewichtung vertraut gemacht werden.
3. Darstellung der prähispanischen Kulturen in mexikanischen Schulgeschichtsbüchern
3.1 Umfang der Darstellung der prähispanischen Kulturen im Gesamtcurriculum des obligatorischen Geschichtsunterrichts Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich das Geschichtsprogramm der einzelnen Jahrgangsstufen in Tabellenform vorstellen. Bei den Teilen in blauer Schrift handelt es sich um diejenigen Bücher, die im Zusammenhang dieser Arbeit relevant sind und aus denen im folgenden die einschlägigen Kapitel zur Untersuchung herangezogen werden.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Dorit Heike Gruhn, 2001, Prähispanische Kulturen in mexikanischen Schulgeschichtsbüchern: Glorreiche Vergangenheit einer Nation?, München, GRIN Verlag GmbH
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Der Untergang des Aztekenreiches und die Folgen im 16. Jahrhundert
Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche
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