Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1. Hintergründe zur Person Peter Weiss 4
1.2. Forschungsstand zu den verschiedenen Darstellungsebenen
des Widerstehens 5
2. Vorstellung der verschiedenen Darstellungsebenen 8
2.1. Die Ebene der Geschichte 8
2.1.1. Widerstand innerhalb der KPD 9
2.1.2. Widerstand der Künstler und Kämpfer im Exil 12
2.1.3. Die deutsche Widerstandsbewegung 14
2.2. Die Ebene der Bildung und der Kunst 18
2.2.1. Bildung als Form des Widerstands 18
2.2.2. Kunstrezeption als Ausdruck des Widerstands 20
2.2.2.1. Der Pergamonaltar 22
2.2.2.2. Goyas „Die Erschießung der Aufständischen“ 24
2.2.2.3. Géricaults „Das Floß der Medusa“ 26
2.2.2.4. Literarische Rezeption: Kafka und Neukrantz 29
2.3. Die Ebene der Sprache 31
2.3.1. Die Konstruktion des Ich-Erzählers 31
2.3.2. Die Sprache 34
2.3.3. Textbild - Textblock 37
3. Fazit 38
3.1. Vernetzung der verschiedenen Darstellungsebenen 39
3.2. Das romaninterne Widerstandsbild 40
3.3. Weitere Ansätze zur Untersuchung des Widerstehens in der „Äd“W 42
Literaturverzeichnis S. 44
Abbildungsverzeichnis S. 48
2
1. Einleitung
Die drei Bände der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss 1 entstanden in den Jahren
zwischen 1971 und 1981 und wurden einzeln 1975, 1978 und 1981 in der BRD im Suhrkamp Verlag und 1983 in der DDR im Henschel Verlag veröffentlicht. Inhaltlich geht es in diesen um die ästhetischen, historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen der europäischen Linken in den Jahren des antifaschistischen Widerstandskampfes. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die Analyse der verschiedenen Darstellungsebenen des Widerstehens dieser Romantrilogie. Im Zuge dessen soll herausgefunden werden, wie das Motiv des Widerstands hier auf verschiedene Weise dargestellt wird. Um sich diesem Ziel zu nähern werden aus den vielen verschiedenen Ebenen, die die Romantrilogie zu diesem Thema bereit hält, drei ausgewählt, die näher betrachtet und diskutiert werden. Hierbei handelt es sich um die Ebenen der Geschichte, der Kunst, der Bildung und der Sprache. Auf der Ebene der Geschichte wird herausgearbeitet, wie der Widerstand anhand historischer Ereignisse und historischer Personen dargestellt wird. Als Themen dieser Ebene dienen der Widerstand innerhalb der KPD, der Widerstand der Künstler und Kämpfer im Exil und die Darstellung der deutschen Widerstandsbewegung am Beispiel der Gruppierung „Rote Kapelle“. Die Ebene der Kunst und der Bildung beinhaltet die Themen der Bildung als Form und der Kunstrezeption als Ausdruck des Widerstands. Hierbei wird die Selbstschulung der beschriebenen Arbeiterfiguren fokussiert und gezeigt, wie die im Roman besprochenen Kunstwerke zum Ausdruck des Widerstands werden. Dabei dienen sowohl bildnerische Kunstwerke (der Pergamon-Altar, Goyas „Die Erschießung der Aufständischen“, Géricaults „Das Floß der Medusa“) sowie literarische Kunstwerke (Kafkas „Das Schloss“, Neukrantz´ „Barrikaden am Wedding“) als Beispiele. Auf der Ebene der Sprache werden die Erzählperspektive des Romans, das Textbild und die Sprache selbst in den Blick genommen. Auf dieser Ebene gilt es herauszufinden, ob und wie die Sprache des Romans ebenfalls als Ausdruck des Widerstands wahrgenommen werden kann. Nach der Analyse dieser Ebenen, wird die Frage dominieren, wie es Peter Weiss trotz all der unterschiedlichen Erzählstränge, Themen und Motive gelungen ist, ein in sich geschlossenes Werk zu schaffen, das den Leser zwar zu ausführlicher Rezeptionsarbeit anregt, jedoch den Lese- und Gedankenfluss in keiner Weise behindert. Am Ende dieser Arbeit soll ein Ausschnitt des literarischen Widerstandsbildes von Peter Weiss stehen, wel-
1 WEISS,Peter: Die Ästhetik des Widerstands. Frankfurt am Main 1985. (Im Folgenden mit „ÄdW“ abgekürzt. Nachweise dieses Primärtextes werden im Text in Klammern mit der Abkürzung ÄdW, der Angabe des Bandes und der Seite angegeben; alle anderen in den Fußnoten.)
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cher beispielhaft für das gesamte Werk zeigt, wie das Thema Widerstand auf unterschiedlichste Weise bearbeitet werden kann. Zusätzlich wird ein kurzer Ausblick auf weitere Formen des Widerstehens gegeben, die die „ÄdW“ bereithält, die in der vorliegenden Arbeit aufgrund der vorgegebenen Kürze jedoch nicht weiter berücksichtigt werden konnten. Im Vorfeld der eigentlichen Analyse wird im Folgenden eine kurze Übersicht über Peter Weiss´ Leben und über den Forschungsstand der verschiedenen Darstellungsebenen des Widerstehens gegeben.
1.1. Hintergründe zur Person Peter Weiss
Der biographische Überblick ist aus zwei Gründen notwendig. Zum einen um Peter Weiss´ Widerstandsbild herauszuarbeiten und zum anderen, da in die Romantrilogie in weiten Teilen autobiographisches Material eingeflossen ist. Im Folgenden soll nicht die gesamte Biographie von Peter Weiss berücksichtigt, sondern nur die Bereiche in den Blick genommen werden, die für die nachfolgende Untersuchung von Interesse sind. Vor allem zum Verständnis seiner ästhetischen Methode ist es hierbei wichtig, seine Exilerfahrungen und seinen Politisierungsprozess, der sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre vollzog, zu betrachten.
Ich wuchs in Deutschland auf; wir emigrierten vor dem Krieg, und ich habe oft darüber nachgedacht, was wohl aus mir geworden wäre, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, einen jüdischen Vater zu haben, so dass ich emigrieren musste. 2
Die Erfahrung des Exils, kommt vor allem in seinen Frühwerken „Fluchtpunkt“ und „Abschied von den Eltern“ zum Ausdruck. Hierbei führten Vertreibung und Entwurzelung jedoch vorerst nicht zur Erweiterung seines politischen Bewusstseins. Seine Konflikte galten vielmehr der existentiellen Bedrohung und seinem Traum von einem freien Künstlerleben. Daher gehörten zu seinen größten Vorbildern dieser Zeit keine sozialistischen oder kommunistischen Revolutionäre, sondern unter anderem der Schriftsteller Hermann Hesse, den er 1937 persönlich kennenlernen durfte 3 .
Neue Erfahrungen sammelte er ab 1939 durch den Eintritt in die Arbeitswelt in der Fabrik seines Vaters. Hier erst entwickelte sich, unter dem Einfluss Kafkas, sein Interesse für den
2 Weiss, zitiert nach: Mazenauer, Beate: Vision einer Gesellschaft der Vernunft. Peter Weiss´ langer Weg in den Sozialismus, in: Bergmann, Theodor und Mario Kessler (Hrsg.): Ketzer im Kommunismus. Alternativen zum Stalinismus. Mainz 1993, S. 308.
3 Vgl. Bellin, Klaus: Das Lauschen auf die Stimme. Hermann Hesse und Peter Weiss erzählen von ihrer Freundschaft, in: Neues Deutschland, 06.04.2009, S. 20.
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Surrealismus und den Existentialismus sowie, angeleitet durch den Berliner Sozialpädagogen Max Hodann, seine soziale Wahrnehmungsfähigkeit. In dieser Zeit begann er sich vornehmlich für Arme und Unterdrückte einzusetzen, was vor allem seine Projekte in schwedischen Jugendvollzugsanstalten belegen. Auch in seinen späteren literarischen Werken, wie dem „Vietnam Diskurs“ und „Trotzki im Exil“, drückte sich dies aus. Gerade letzteres brachte ihm jedoch in den von ihm bevorzugten Ländern des Sozialismus heftige Kritik und Ablehnung ein. Aus dieser Ablehnung resultierte ein physischer und psychischer Zusammenbruch im Jahre 1970, dessen Ursache er im Politischen gefunden zu haben glaubte. Von nun an postulierte er die Identität von Ästhetik und Politik 4 - diese Annahme eröffnete
ihm die Möglichkeit, die Beschäftigung mit Literatur als eine Form der politischen Arbeit zu deuten. Hiervon zeugen auch seine Notizbuchaufzeichnungen vom 10.08. bis zum 20.12.1970, mit dem Titel „Rekonvaleszenz“, die unter anderem die eigene künstlerische Entwicklung, die persönliche Vergangenheit, seine Erkrankung, sein Verhältnis zur DDR und die Bedeutung seines Exils in Stockholm beinhalten. In diesen deutet sich sein persönlicher Konflikt an:
Es handelt sich dabei um die Frage, ob sich der Künstler durch seine Subjektivität bzw. durch seine Distanz, die er beim Schreiben zu seinem Gegenstand, also auch zu den sozial Benachteiligten ein- 5 nimmt, schuldig macht.
Sein Selbstvorwurf zielt hierbei darauf, dass er in seinen früheren Werken zur Ich-Bezogenheit neigte, während andere in seiner Umgebung gegen die Ausbeutung gekämpft hätten. Um dies näher zu ergründen, befragte Weiss noch lebende Widerstandskämpfer und Hinterbliebene über ihren Kampf und ihre Situation in den Zeiten des Widerstandes. Aus dieser detaillierten Forschungs- und Rekonstruktionsarbeit resultiert die „ÄdW“, die somit an die Stelle der „Rekonvaleszenz“ tritt, die nur fragmentarisch erhalten blieb.
1.2. Forschungsstand zu den verschiedenen Darstellungsebenen des Widerstands In der folgenden Darstellung geht es nicht um die kontroverse Rezeptionsgeschichte und die diversen Interpretationen der „ÄdW“. Beides böte genug Stoff für eine eigenständige Untersuchung und ist zudem aus der heutigen Sicht nur noch als historisch anzusehen, da die Reaktionen und Grundsatzdiskussionen, die die Trilogie nach ihrem Erscheinen hervor-
4 Vgl.z.B. Weiss, Peter: Notizbücher 1971-1980. 2 Bände. Frankfurt am Main 1981, S. 719. (Im Folgenden mit NB II, S. … abgekürzt)
5 Schmitt, Maria C.: Peter Weiss „Die Ästhetik des Widerstands“. Studien zu Kontext, Struktur und Kunstverständnis. St. Ingbert 1990, S. 67.
5
rief, seit der deutschen Wiedervereinigung kaum noch Aktualität besitzen. Stattdessen werden hier die verschiedenen Darstellungen des Widerstehens innerhalb der „ÄdW“ thematisiert und wie diese bislang in der Sekundärliteratur bearbeitet worden sind. Desweiteren werden die Begriffe „Darstellungsebenen“, „Widerstand“ und „Widerstehen“ näher definiert.
Angeregt wurde die vorliegende Interpretation der „ÄdW“ als ein Modell mit mehreren Ebenen durch das Werk Ulrich Engels, der in seiner Untersuchung die Geschichtsschreibung der Trilogie auf drei verschiedenen Ebenen untersuchte. Bei ihm bildete E1 die Ebene der Geschichte des antifaschistischen Widerstands, E2 die der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert und E3 die gesamte Menschheitsgeschichte, die im dem Roman anhand der Kunstwerke rezipiert wird 6 . Im weiteren Verlauf seiner Arbeit interpretierte er die im Roman besprochenen Werke der Literatur, der Architektur und der bildenden Kunst als Texte. Deren pädagogischer und emanzipatorischer Gehalt treibe die Protagonisten des Romans „zu einem politisch und ästhetisch bewussten (Widerstands-) Handeln an“ 7 . Unter anderem durch die Abwandlung dieses Modells und die Zuspitzung auf den Aspekt des Wider-stands, ist es zu der vorliegenden Untersuchung gekommen. Einen weiteren Anreiz bildeten die Notizbücher Peter Weiss´, in denen er festlegte „Roman: 3 verschiedene Ebenen halten. Die Arbeit. Die Weiterbildung. Die Illegalität“ 8 . Dies wurde im vorliegenden Fall
in die schon genannten Ebenen umgewandelt. Der Terminus „Darstellungsebenen“ bezeichnet hier also die verschiedenen motivischen Bereiche, in denen sich Widerstand bzw. Widerstehen ablesen lässt. 9 Einen weiteren Ansatz bildete die Arbeit von Ingeborg Gerlach , die unter anderem die
Aspekte Widerstand, Erzähler, Geschichte, Kunst und Sprache beinhaltet. Diese bot eine erste Orientierung und half beim Sondieren der verwendeten Literatur. Gerlachs Arbeit konzentriert sich dabei vor allem auf die Motive des Standhaltens und des Widerstehens, wobei der letztere Begriff in den Titel dieser Arbeit übernommen wurde. Zur weiteren Definition der Begriffe „Widerstand“ und „Widerstehen“ wurde die Arbeit Ehrhard Neuberts herangezogen. Dieser beschreibt zwar die verschiedenen Erscheinungsformen politischer Gegnerschaft in der Oppositionsgeschichte der DDR, gibt dabei aber allgemeingültige De- 6 Vgl.Engel, Ulrich: Umgrenzte Leere. Zur Praxis einer politisch-theologischen Ästhetik im Anschluss an Peter Weiss´ Romantrilogie „Die Ästhetik des Widerstands“. Münster und Freiburg 1998, S. 202.
7 Ebenda, S. 293.
8 NB II, S. 349.
9 Gerlach, Ingeborg: Die ferne Utopie. Studien zu Peter Weiss´ „Ästhetik des Widerstands“. Aachen 1991.
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finitionen der Begriffe „Widerstand“ und „Widerspruch“ 10 , die im Folgenden aufgrund
ihrer Plausibilität übernommen werden. „Widerstand“ definiert sich hier als Menschenrechtsbewegung, mit dem Ziel der Wiederherstellung des Rechts. Hierbei betont Neubert, dass sich der Widerstand, im Gegensatz zur Opposition, nicht in legalen Handlungsräumen bewegen konnte und seine Legitimierung allein aus der Ablehnung des totalitären Staates schöpfte und daher direkte oder indirekte Gewalt nicht ausgeschlossen war. In Abgrenzung dazu definiert er „Widerspruch“ als bewusste politische Abweichung. Dieser war zumeist nicht an grundsätzliche Ideologien gebunden und bildete keine eigenen Strukturen und Strategien aus. Er bestand unter anderem aus dem politischem Widerspruch im Alltag, der kritischen Meinungsäußerung und vereinzelten Protesthandlungen. Die Definition dieses Begriffes wird hier auf den des „Widerstehens“ angewendet. Widerstehen meint hier also die Ablehnung des politischen Systems ohne die Bindung an die Weisungen einer Organisation.
Zur Aufnahme der pädagogischen Aspekte und der Subjektentwicklung der Protagonisten, 11 und Arnim Bernhard 12 erste Anreize. Beide be-gaben die Arbeiten von Stefan Howald
schäftigen sich mit dem Bewusstwerdungs- und Politisierungsprozess durch die Rezeption der verschiedenen Kunstwerke. Besonders wichtig erschien bei Howalds Einführung, dass er sich mit dem Kampf um die Aneignung von Kultur der Protagonisten befasste. Im Zuge dessen bescheinigte er der „ÄdW“ das Konzept einer „emanzipative[n] Pädagogik“ 13 , welche sich darin ausdrücke, dass die Figuren durch die Rezeption der Kunstwerke und durch ihre Diskussionen ihr Bewusstsein erweitern. Bernhard hingegen beschränkte seine Untersuchung auf die Emanzipation des Ich-Erzählers. Unter rein pädagogischen Gesichtspunkten untersuchte er hierbei dessen Subjektentwicklung und unterschied diesen individuellen Bildungsprozess von dem des Kollektivs.
Die politische Ebene der Kunstwerksrezeption, ihr revolutionäres Potential und der Termi- 14 nus der kämpfenden Ästhetik wurde hingegen den Werken von Maria C. Schmitt und Roswitha Schieb 15 entnommen. Hierbei stellte vor allem Schmitt heraus, dass zum Verständnis der romaninternen Geschehnisse das Wissen um deren historische Hintergründe
10 Vgl. Neubert, Ehrhard: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989. Bonn 2000, S. 25-33. 11 Howald, Stefan: Peter Weiss zur Einführung. Hamburg 1994.
12 Bernhard, Armin: Der Bildungsprozess in einer Epoche der Ambivalenz. Studien zur Bildungsgeschichte in der Ästhetik des Widerstands. Frankfurt am Main 1996.
13 Howald, Stefan: Peter Weiss zur Einführung, S. 138. 14 Schmitt, Maria C.: Peter Weiss´ „Die Ästhetik des Widerstands“.
15 Schieb, Roswitha: Das teilbare Individuum. Körperbilder bei Ernst Jünger, Hans Henny Jahnn und Peter Weiss. Stuttgart 1997, S. 13-30, 274-346.
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nötig sei. Daher beschreibt sie ausführlich die verschiedenen Arten der Geschichtskonzeption des Romans. Dabei vertritt sie die Meinung, dass die im Roman behandelten Kunstwerke nur dann richtig eingeordnete und interpretiert werden könnten, wenn ihre politischen Hintergründe klar seien. So analysiert sie beispielsweise Weiss´ Zusammenlesen der Werke Kafkas und Neukrantz´ im Zusammenhang mit der marxistischen Kunsttheorie, wobei sie vor allem die Avantgarde-Diskussion und die Kafka-Rezeption hervorhebt. Schieb deutet indessen die im Roman dargestellte Menschengeschichte, als Geschichte des kollektiven Leidens. Sie vertritt hierbei die These, dass die Individuen zu einem Teil des kämpfenden Großorganismus werden und so die Grenzen ihres bedrohten und ausgelieferten Daseins überwinden. Beide verweisen in ihren Interpretationen jedoch auch auf den Ästhetik-Begriff von Peter Weiss selbst, der im Oktober 1972 schrieb: „Schönheit: sie ist zu finden in den Gesichtern des Widerstands“ 16 und damit den Begriff der Schönheit auf das politische Handeln übertrug. Wie sich dieses Widerstandsverständnis auf den verschiedenen Ebenen darstellt, soll im Folgenden vorgestellt und interpretiert werden.
2. Vorstellung der verschiedenen Darstellungsebenen
2.1. Die Ebene der Geschichte
Um das später zu behandelnde Kunstverständnis der „ÄdW“ zu verstehen, ist es notwendig, vorher die in der Trilogie zum Ausdruck kommende Geschichtskonzeption zu beleuchten. Geschichte konstituiert sich hierbei unter anderem dadurch, dass sie von den Figuren erinnert und durch Kunstwerke tradiert wird 17 . Wie Hanenberg herausgestellt hat, ist
der Geschichtsbegriff allerdings nicht eindeutig, da er auf verschiedene Weise verstanden werden kann. Für die „ÄdW“ schlägt er deshalb folgende Definition von Geschichte vor, die im Folgenden übernommen wird:
Von Geschichte zu sprechen sei dann legitim, wenn in der Gegenwart ein vergangenes Ereignis erscheint. Vergangenheit und ihre Vergegenwärtigung sind die beiden Kennzeichen dessen, was hier 18 unter Geschichte verstanden wird.
16 NB II, S. 176.
17 Zum Vergleich: Aleida Assmann spricht aktuell davon, dass Geschichte in Form von Medien im kulturellen Gedächtnis verankert wird. Vgl. Assmann, Aleida: Die Last der Vergangenheit, in: Zeitgeschichte Online -Fachportal für die Zeitgeschichte. Auf: http://www.zeithistorische-forschugen.de/app_support/print.aspx? tabid=40208791&mID=12125&ModId=12125, Zugriff: 08.03.2009, 20.08 Uhr.
18 Hanenberg, Peter: Peter Weiss. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Schreiben. Berlin 1993, S. 10.
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Peter Weiss hat viele historische Fakten in sein Romangeschehen, das fest in der Zeit von 1937 bis 1945 und ihren real existierenden geschichtlich-gesellschaftlichen Konfrontationen verankert ist, einfließen lassen. Ein Beispiel hierfür bilden die einzelnen Figuren, die, bis auf den Ich-Erzähler und dessen Eltern, realen Vorbildern entsprechen. Diese Darstellungen resultieren aus persönlichen Gesprächen (so zum Beispiel mit Rosalinde von Ossietzky, Herbert Wehner und Lotte Bischoff), aus persönlicher Kenntnis (besonders Max Hodann) und vor allem aus der sorgfältigen Recherche des Autors. Dieser akribische Dokumentarismus, der auch die Begehung der behandelten Orte einschließt, ist in Weiss´ Notizbüchern belegt. Bei aller Faktizität, die diese Trilogie aufweist, sollte jedoch nicht vergessen werden, dass es sich trotz allem um einen Roman, also um ein fiktives Werk handelt.
Wie vor allen Dingen in der Arbeit von Ingeborg Gerlach konstatiert wurde, wird in der „ÄdW“ „Geschichte von unten, aus der Sicht der Betroffenen, über deren Köpfe hinweg `große Politik´ gemacht wird“ 19 beschrieben. Gegen diesen Zustand wehrt sich der Erzähler, indem er seine Geschichtsschreibung aus eigenen Erfahrungen heraus betreibt. Schon diese Art der Berichterstattung kann demnach als Akt des Widerstehens betrachtet werden. Wie Widerstand anhand der historischen Ereignisse und der historischen Personen dargestellt wird, wird im Folgenden untersucht.
2.1.1. Widerstand innerhalb der KPD
Im Folgenden wird analysiert, wie der Widerstand innerhalb der KPD dargestellt wird. Hierbei geht es einerseits um die Auflehnung des Individuums gegen das omnipotente Kollektiv und andererseits um die Spaltung der Arbeiterbewegung als Begründung für das Scheitern des Widerstandes.
Der Ich-Erzähler ist am Beginn des Romans noch parteiloser Mitstreiter der Kommunistischen Partei, den selbst die täglich in Berlin miterlebten Repressionen nicht entmutigen konnten, seinen politischen Kampf fortzuführen. Er, der seine politische Identität schon früh durch die Lektüre proletarischer Werke gefunden hat, fühlt sich dieser Partei und der Sowjetunion, als einzigem sozialistischem Land der Welt, verbunden. In dem Gespräch mit seinem sozialdemokratischen Vater (ÄdW I, S. 122-169) werden die langjährigen und fortdauernden Konflikte zwischen diesen beiden Flügeln der Arbeiterbewegung deutlich.
19 Gerlach, Ingeborg: Die Ferne Utopie, S. 50.
9
Im Gegenzug zu den überlieferten Auseinandersetzungen jedoch streben es der Ich-Erzähler und sein Vater an „mit These und Antithese einen für beide gültigen Zustand zu erreichen“ (ÄdW I, S. 126). Hierdurch repräsentieren sie eines der zentralen Themen des Romans, den Versuch zur Schaffung der Arbeitereinheit, der antifaschistischen Volksfront, welches von den verschiedenen Figuren immer wieder diskutiert wird. Im real-historischen Kontext ist dieser Versuch gescheitert, da beide Parteien selbst hinsichtlich der nationalsozialistischen Bedrohung nicht imstande waren ihre Differenzen ruhen zu lassen. Der Erzähler sagt hierzu über den Flügel der Sozialdemokraten, dass diese bereit wären „Deutsch-land eher einem Vernichtungskrieg auszuliefern, als mit der Kommunistischen Partei in ein Bündnis einzutreten“ (ÄdW I, S. 146) - gleiches lässt sich jedoch auch von der anderen Seite behaupten 20 . Dass die Einheit in der Familie des Erzählers zum größten Teil verwirklicht wird, schafft es, „die Einheit als Utopie aufrechtzuerhalten“ 21 .
Diese „Utopie der Einheit“ drückt sich bei Weiss auch dadurch aus, dass er seinem Ich-Erzähler bei seinem künstlerischen Werdegang nicht die sogenannten „Arbeiterschriftsteller“ an die Seite stellt, sondern solche, die sich eher im „solidarischen Gegensatz zur Poli- 22 tik der Kommunistischen Partei und der Komintern“ befanden. Zu nennen sind hier Ka-
rin Boye, die aus der Sowjetunion enttäuscht von der dortigen Wirklichkeit zurückkehrte, und Bertolt Brecht, der seit der Expressionismus-Debatte mit Lukács stark kritisiert wurde. Geschichtschreibung bei Weiss meint desweiteren auch eine Darstellung entgegengesetzt der Parteigeschichtsschreibung. Deren Hauptschwachpunkt läge in der Forderung nach unbedingtem, blindem Gehorsam, der von Weiss als Wurzel allen Übels angesehen wird. Daher sieht er einen weiteren Grund für das Scheitern des Widerstandes neben der Uneinigkeit innerhalb der kommunistischen Partei, vor allem in der undemokratischen Organisationsstruktur des Widerstands. Dies drückt sich deutlich in seiner Behandlung des Spanischen Bürgerkriegs aus. Die Freiwilligen, die ihr Leben aus ideologischer Überzeugung aufs Spiel setzen, werden hier durch die parteipolitischen Ränke, wie die Unterdrückung der Nachrichten über die Moskauer Prozesse und das Verschweigen interner Auseinandersetzungen, immer mehr verunsichert und demotiviert. In den offenen Gesprächs- und Dis-kussionsrunden unter der Leitung von Max Hodann hingegen, können die Interbrigadisten ihre Kritik formulieren und ihre Identität weiterentwickeln. Hier werden am Beispiel des
20 Vgl. z.B. Bracher, Karl Dietrich: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahr-hundert. Stuttgart 1984.
21 Kessler, Achim: „Schafft die Einheit!“ Die Figurenkonstellation in der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss. Berlin und Hamburg 1997, S. 54. 22 Ebenda, S. 58.
10
Arbeit zitieren:
Birgit Stubbe, 2009, Die verschiedenen Darstellungsebenen des Widerstehens in Peter Weiss´ "Die Ästhetik des Widerstands", München, GRIN Verlag GmbH
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