1. Einleitung 4
1.1. Fragestellung und Vorgehen 5
1.2. Forschungsstand 5
2. „Tauwetter“ in der S.U 6
2.1. Chrušþëv und der XX. Parteitag der KPdSU 7
3. Das Jahr 1956 in Polen. 9
3.1. Der Aufstand in Pozna und die Massenproteste im Herbst. 9
3.2. Die Ursachen der polnischen Krisen 11
3.2.1. Die Spaltung der PZPR 11
3.2.2. Eine polnische Zivilgesellschaft. 12
4. Das Jahr 1956 in der DDR 14
4.1. Der Umgang mit den Ergebnissen des XX. Parteitag der KPdS.U 14
4.2. Rebellion der Intelektuellen 15
4.3. Der Konflikt im Politbüro 17
4.4. Die Situation an den Universitäten. 19
4.5. Wirtschafts- und Versorgungslage im Jahr 1956 19
4.6. Tiefere Ursachen für die relative Ruhe in der DDR. 20
4.6.1. Der „Lernschock“ des 17. Juni 1953. 21
4.6.2. Offene Grenze 22
5. Resümee und Folgen 22
Abk ürzungsverzeichnis 27
Bibliographie. 27
3
Einleitung
Richtete sich 2003, zum fünfzigsten Jahrestag des Juniaufstandes in der DDR, die mediale und publizisitische Gedenkaufmerksamkeit in Deutschland vorrangig auf den nationalen Kontext, so ließ sich 2006, aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Ungarnaufstandes, erfreulicherweise beobachten, dass die Berichterstattung in Hörfunk, TV und Presse um eine Einordnung der ungarischen Ereignisse im Herbst 1956 in die Entwicklungen des kommunistischen Krisenjahres 1956 bemüht war. Insbesondere wurde ein enger Bezug zu den Ereignissen des im Februar 1956 stattgefundenen XX. Parteitages der KPdSU und der sog. Entstalinisierungsrede des russischen KP-Führers Chrušþëv hergestellt. 1 Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhielten jedoch die Entwicklungen in Polen und der DDR. Ein Grund hierfür mag sein, dass es nicht zu einem gesamten national-revolutionären Aufstand wie in Ungarn kam, der ähnlich wie 1953 in der DDR durch sowjetische Intervention blutig niedergeschlagen wurde. Jedoch kam es gerade in Polen in Folge des XX. Parteitages der KPdSU im Jahr 1956 örtlich zu ähnlichen Entwicklungen wie in Ungarn an deren Ende sich die polnischen Kommunisten mit einer Begrenzung ihres im Grunde noch totalitären Herrschaftsanspruches abfinden mussten. Begrenzte Autonomie von Kirchen, Kultur- und Wissenschaftskreisen war die Folge. 2 Anders hingegen in der DDR, hier folgten auf den XX. KPdSU Parteitag keine schweren Erschütterungen von Partei, Wirtschaft und Gesellschaft. Im Gegenteil, der erste Mann im Staate, Walther Ulbricht, konnte wie schon in der Junikrise 1953, die Ereignisse nutzen, und seine Position innerhalb der SED, als auch gegenüber der SU zu festigen. Somit stand am Ende des Jahres 1956 einer zaghaften Liberalisierung in Polen eine verstärkte „Re“-Ideologisierung 3 und zunehmende Repression in der DDR gegenüber. Wieso verlief das Jahr 1956 in der DDR und Polen so unterschiedlich?
1 Siehe hierzu die Medienresonanzauswertung auf der vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED - Diktatur betriebenen Internetseite zum Ungarnaufstand 1956, www.ungarn1956.de, Abruf 28.07.2009, 11.00 Uhr.
2
Vgl. Holzer, Jerzy 2003: Die Erfahrung des Totalitarismus. In: Lawaty, Andreas; Orlowski, Hubert (Hrsg.): Deutsche und Polen. Geschichte - Kultur - Politik, München, S. 481.
3 Somit lässt sich, wenn auch nur abgeschwächt, das Leitthema des Hauptseminars als Kontrastfolie auf Entwicklungen innerhalb des Ostblocks anlegen.
4
1.1. Fragestellung und Vorgehen
Ausgehend von dem Postulat, die DDR und die Warschauer Pakt Staaten nicht als monolithischen Block zu betrachten, soll die Frage beantwortet werden, warum es in Polen 1956 zu Aufständen und einem Führungswechsel innerhalb der PZPR kam und in der DDR die Lage den Anschein nach vergleichsweise ruhig blieb. Um sich der Frage zu nähern, wird einleitend in Abschnitt 2 auf die sowjetischen Entwicklungen nach Stalins Tod bis zum XX. Parteitagtag der KPdSU im Februar 1956 eingegangen, welcher mit als Auslöser und Katalysator kommender Ereignisse in den Warschauer Pakt Staaten gilt. In Polen zeigten sich Krisenerscheinungen in Form eines Aufstandes in Pozna sowie eines Machtwechsels innerhalb der PZPR. Verbunden mit einer kurzen Schilderung der Ereignisse soll anhand der Analysekategorien Partei und Gesellschaft in Kapitel drei auf die Ursachen der beschriebenen Entwicklungen eingegangen werden. An Hand der gleichen Kategorien wird in Kapitel vier die Situation in der DDR innerhalb des gleichen Zeitraums beleuchtet. Um jedoch eine ausreichende Antwort auf die Frage nach den Ursachen der „Friedhofsruhe“ in der DDR geben zu können, wird zusätzlich in Kapitel Vier noch auf die Auswirkungen des Lernschocks vom 17. Juni 1953 sowie die offene Grenze zur BRD eingegangen. Abschließend soll zusammenfassend die Hauptfrage beantwortet werden und ein kurzer Überblick über die Folgen des Jahres 1956, sowohl für die DDR, als auch für Polen gegeben werden.
1.2. Forschungsstand
In der polnischen Forschung bildete das Jahr 1956 immer schon einen wichtigen ezugspunkt bei der Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur. Die Debatten drehten sich hierbei vor allen um zwei Punkte. Zum einen die schwächere Anbindung Polens an die SU nach den Ereignissen des Jahres 1956 und zum anderen die Diskussion, ob sich Polen im Verlauf des Jahre 1956 vom totalitären zum autoritären System wandelte. 4 Damit verbunden, die wie auch in Deutschland teilweise erbittert geführte Debatte um den Totalitarismusbegriff. In der Erforschung der DDR wurde das Krisenjahr erst ab Mitte der 90iger Jahre zum 40. Jahrestag des Ungarnaufstandes stärker wahrgenommen. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Debatten in den 90iger Jahren um die Bewertung des 17.
4 Vgl. Dudek, Antoni 2004: Die polnische Geschichtsschreibung und die Erinnerung an die Volksrepublik Polen. In: Bensussan, Agns; Dakowska, Dorota; Beaupr Nicolas (Hrsg.): Die Überlieferung der Diktaturen. Beiträge zum Umgang mit Archiven der Geheimpolizeien in Polen und Deutschland nach 1989, Essen, S 220.
5
Juni, 1953, den Mauerbau 1961 und der adäquaten Beschreibung des Diktaturcharakters kreisten. 1996 erschien der erste Sammelband in dem sowohl auf die Bedeutung des Jahres 1956 innerhalb der DDR eingegangen wurde als auch ein Bezug zu den sowjetischen und polnischen Ereignissen hergestellt wurde. 5 Eine umfassenden Einbettung der Rolle der DDR innerhalb der Warschauer Paktes und des RGW wurde zwar weiterhin als Disiderat angemahnt 6 stand jedoch bis Mitte des neuen Jahrzehnts weitgehend aus. 7 Mit dem 50 Jahrestag der Aufstände in Ungarn und Polen sowie des XX.. Parteitages stieg die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema an. Eine Ausgabe der APUZ erschien zum Thema, Fachbeiträge und Monografien wurden veröffentlicht. Hervorzuheben ist hier etwa die 2007 von Wentker vorgelegte Monographie zur Außenpolitik der DDR, in dem es ihm gelingt detailliert nachzuzeichnen wie die SED Führung die Ereignisse im polnischen Herbst wahrnahm und auf sie reagierte. 8 Eine detaillierte Sicht auf die Herrschaftsrepräsentation und deren Funktionsweise im Jahr 1956 sowohl in Polen als auch in der DDR gibt Behrends in seiner 2006 erschienenen Monographie. 9 Mit seiner engen Bezugnahme auf die Ereignisse des XX.. Parteitages gelingt es ihm vor allen die unterschiedlichen Auswirkungen der Geheimrede in Polen und der DDR auf die jeweiligen Parteiapparate detailliert nachzuzeichnen.
2. „Tauwetter“ in der SU
Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 gab es in der SU eine Phase der zaghaften Liberalisierung. Der Roman von Ilja Ehrenburg „Tauwetter“ gab diesem Zeitraum seinen Namen. Unmittelbar nach Stalins Ableben kam es zu einer Korrektur stalinistischer Beschlüsse. Im Jahr 1953 gab es eine erste Generalamnestie, bei der vor allem Gefangene
5 Vgl. Hahn, Hans-Henning; Olschowsky Heinrich (Hrsg.): Das Jahr 1956 in Ostmitteleuropa, Berlin.
6 Vgl. Foitzik, Jan 2004: DDR-Forschung und Aufarbeitung der kommunistischen Diktaturen in Ostmitteleuropa und Russland. In: Eppelmann, Rainer, Faulenbach, Bernd, Mählert, Ulrich (Hrsg.): Bilanz und Perspektiven der DDR Forschung. Paderborn u.a., S. 377.; Jarausch, Konrad H 2004: Plädoyer für eine differenzierte DDR-Geschichte, In: : Bensussan, Agns; Dakowska, Dorota; Beaupr Nicolas (Hrsg.): Die Überlieferung der Diktaturen. Beiträge zum Umgang mit Archiven der Geheimpolizeien in Polen und Deutschland nach 1989, Essen, S. 237.
7 Auch der 2000 vom Forschungsverbund SED Staat der FU Berlin herausgegeben Sammelband „Satelliten nach Stalins Tod“ nahm in seinen Beiträgen kaum eine vergleichende Perspektive ein sondern kam eher in einer Aneinanderreihung von Beiträgen mit nationaler Perspektive daher, vlg. Hegedüs, Andras B; Wilke, Manfred (Hrsg.): Satelliten nach Stalins Tod. Der „Neue Kurs“, 17. Juni 1953 in der DDR, Ungarische Revolution 1956. Berlin 2000.
8 Vgl. Wentker, Hermann 2007: Außenpolitik in engen Grenzen. Die DDR im internationalen System 1949-1989, München, S. 151-160.
9 Behrends, Jan, C 2006: Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln, Weimar, Wien.
6
aus dem Gulag-System entlassen wurden. Noch zu Lebzeiten des gefürchteten Lawrenti Berija wurde per Politbürobeschluss das Tragen von Konterfeien lebender Parteigenossen untersagt, um so den Personenkult Einhalt zu gebieten. Die Einstellung des permanenten Terrors und die Abschaffung von Sondergerichten im September 1953 waren weitere Zeichen für das Abziehen des stalinistischen Frostes. Erste kritische Prawda Artikel, begleitet von der Einrichtung einer Untersuchungskommission im November 1955, fragten nach dem Verbleib von Parteigenossen und „ehrlichen Sowjetbürgern“ während der Stalinzeit. 10
Parallel dazu sorgte der „Neuen Kurs“ in der Wirtschaftspolitik 11 zu einem, wenn auch auf niedrigen Niveau, steigenden Lebensstandard der Bevölkerung. Ein Kurs, der auch in den ostmitteleuropäischen Staaten durchgesetzt wurde. Ebenso lässt sich in den internationalen Beziehungen ein Tauwetter erkennen, da Moskau nach Stalin dringend eine Phase der Konsolidierung benötigte. Als Beispiele hierfür lassen sich das Waffenstillstandsabkommen in Korea, der Österreichische Staatsvertrag vom 15.05.1955, der Besuch Adenauers in Moskaus im April 1955 sowie der Besuch Chruschtschows im Juni 1955 im bis vor kurzen offiziell durch die SU verteufelten Yugoslawien nennen. 12 Einig war sich die sowjetische Führung nach 1953, dass der Staatsterror gegen die Bevölkerung aufhören musste, seine lähmende Wirkung auf die sowjetische Gesellschaft war unverkennbar 13 . Eine weitere Aufgabe bestand, spätestens nach Integration der BRD in die NATO, in der Konsolidierung des eigenen Hegemonialbereiches. Die Verabschiedung des Warschauer Vertrages im Mai 1955 und die Gewährung der „vollen Souveränität“ für die DDR im September desselben Jahres sind Zeichen für diese Konsolidierungsbemühungen der SU.
2.1. Chrušþëv und der XX. Parteitag der KPdSU
Vom 14. bis 25. Februar 1956 fand in Moskau der XX. Parteitag der KPdSU statt. Dieser kann innersowjetisch als ein Kapitel der Diadochenkämpfe, die seit dem Tod Stalins in der sowjetischen Führung tobten, gesehen werden. Innerhalb der SU-Führung
10 Vgl. Hildermeier, Manfred 1998: Geschichte der Sowjetunion 1917- 1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates, München, S. 757 ff..
11 Die einseitige Ausbau der Schwerindustrie wird verlangsamt, um so den Bereich der Konsumgüterindustrie zu stärken.
12 Vgl. Luks, Leonid 2000: Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Von Lenin bis Jelzin, Regensburg, S. 435ff..
13 Vgl. Hildermeier: S. 758.
7
war zu diesem Zeitpunkt unklar, wie stark mit Stalin zu brechen sei. 14 Chrušþëv, dem 1. Sekretär des ZK der KPdSU gelang es, die Frage in seinem Sinne zu klären und sich so die Vormachtstellung innerhalb von Partei und Staat zu sichern. Am letzten Tag des XX. Parteitages hielt er eine geheime Rede vor den ausschließlich sowjetischen Delegierten des Parteitages. In einem vierstündigen Scherbengericht wurde Stalin von seinem fast heiligen Sockel gerissen. Neben den Verbrechen, die in der Partei begangen wurden, brandmarkte Chrušþëv unter anderem die Fehler Stalins im II. WK, seinen Personenkult sowie die Schauprozesse. 15
Es war für viele im Auditorium ein Schock. Der gütige und weise Vater Stalin ein gemeiner Verbrecher. Was waren die Beweggründe für die folgenschwere Rede? Chrušþëv trat die Flucht nach vorn an und schaltete so seine innerparteilichen Widersacher aus. In dem er sich als Modernisierer und läuterungswilliger Genosse gab, diskreditierte er die langjährigen Paladine Stalins, insbesondere Molotow, Kaganowitsch und Malenkow die tief in die Verbrechen Stalins verstrickt waren. Selber trat somit seine eigene, nicht unerhebliche, Rolle in der Terrormaschinerie in den Hintergrund. In seinen Ausführungen wurde der Übeltäter klar benannt, während die Partei in Unschuld gebadet und als Opfer des Größenwahnsinns eines Mannes dargestellt wird. Ideologie und Herrschaftsordnung konnte somit unangetastet bleiben. 16 Es gelang Chrušþëv so seine eigene Machtbasis innerhalb der Partei auszubauen und den Fortbestand des totalitären Regimes zu sichern 17 . Stalin für alles verantwortlich zu machen, half somit auch der Frage nach systemimmanenten Fehlern aus dem Weg zu gehen. 18 Eine Sichtweise, die von den meisten Genossen der KPdSU, auch auf Grund der eigenen Verstrickungen in den Terror, bereitwillig mitgetragen wurde. Ganz anders, wie weiter unten noch gezeigt wird, jedoch in den Staaten unter sowjetischer Vorherrschaft. Der von Chrušþëv inszenierte „zweite Tod“ Stalins verschärfte die latente Systemkrise in Ostmitteleuropa und entwickelte eine eigene Krisendynamik. 19
Von gleichsam großer Bedeutung war auch die erste Rede Chrušþëvs auf dem XX. Parteitag. Die hier offiziell vorgestellte Prämisse der friedlichen Koexistenz 20 beider
14 Vgl. Ebd.: S. 757.
15 Vgl. Ebd.: S. 764.
16 Vgl. Behrends, S. 329, 333..
17 Meiner Ansicht handelte es sich in der SU auch nach Stalins Tod um ein totalitäres System. Nur das eben nach Stalins Tod die Durchsetzung eines neuen Wertesystems/Ideologie weitgehend abgeschlossen war und es bei bestimmten Merkmalsausprägungen wie permanenten Terror zu Wandlungen kam.
18 Vgl. Schroeder, Klaus 2000: Der SED-Staat. Partei, Staat und Gesellschaft 1949-1990. München, S. 133.
19 Vgl. Behrends: S. 328; Hildermeier: S. 765f.; Luks: S. 447.
20 Malenkow prägte diesen Begriff schon kurz nach Stalins Tod vgl. Hildermeier: S. 437.
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