Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 03
2. Entstehungsgeschichte des Heckerkults 05
3. Ausprägungsformen des Heckerkults 06
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3.1. Stammtischparolen unspezifischer Protest: Die „Hecker hoch “-Rufe
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3.2. Sentimentale Verklärung und Erinnerung: Bilder, Büsten, Pfeifenköpfe
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3.3. Symbolische Identifikation: Vollbart, Heckerhut und blaue Bluse
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3.4. Mund-zu-Mund-Propaganda: Lieder und Gerüchte
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3.5. Kontaktaufnahme: Sympathieerklärungen und Fantourismus
4. Grundlegende Elemente des Heckerkults 12
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4.1. Idealisierung und Heroisierung
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4.2. Ikonisierung und Sakralisierung
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4.3. Vereinfachung komplexer politischer Zusammenhänge
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4.4. Radikalismus und Gewaltbereitschaft
5. Die Funktion des Heckerkults für die demokratische Bewegung 15
6. Fazit: Friedrich Hecker - ein gescheiterter Revolutionär? 17
7. Quellen und Literatur 19
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1. Einleitung
„Dass die Popularität des Vormärzpolitikers Friedrich Hecker 1848 überhaupt Züge der kultischen Verehrung annahm, ist zweifelsohne zunächst auf sein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Revolutionsprozess zurückzuführen. Nur deshalb konnte er zum Mythos werden, weil ihm der Zusammenbruch bei Kandern später keine Chance mehr ließ, sich in der Praxis nachhaltig zu diskreditieren, was andernfalls unvermeidlich gewesen wäre.“ 1 Was der Historiker Rudolf Muhs im Jahre 1986 niederschrieb, musste, gemessen an der Sichtweise der Nachkriegsgeneration auf Hecker, wie ein Sakrileg erscheinen. Hatte man den demokratischen Revoluzzer doch erst kurz zuvor als adäquate republikanische Symbolgestalt wiederentdeckt 2 ; gewissermaßen als Beweis dafür, dass auch Deutschland seine „Männer des Volkes und der Tat“ in der Vergangenheit zu bieten habe: Singvereine waren in Heckers Namen gegründet worden 3 , Straßen nach ihm benannt 4 , sogar die CDU hatte sich hinreißen lassen, auf Wahlanzeigen mit ihm zu werben 5 , ganz zu schweigen von der Heckerbegeisterung der 68er: Der „Ausbruch aus der bürgerlichen, juristisch-parlamentarischen Karriere in den Aktionismus, den bewaffneten Aufstand - das ‚in die Waagschale werfen’ der Existenz“ sei ein Versuch gewesen, „über den Kleinbürgerschatten zu springen und Wunschträume von freie (sic!) Republik revolutionär durchzusetzen“ 6 , so urteilte beispielsweise noch Klaus-Peter Klingelschmitt. Und in gewisser Weise schien der Anführer des gescheiterten badischen Aprilaufstands 1848 ja auch wirklich wie gemacht zum neuen deutschen Volkshelden, mit seiner Aura von Idealismus und Sentimentalität, dem Kontrast von reinem Wollen und tragischem Untergang... Aber nun also das. Der einsame Kämpfer für das Recht, in dem man sich so gern ein wenig selbst widergespiegelt hatte, nichts weiter als ein selbstverliebter Radikaler ohne historische Bedeutung? Der „edle Hecker“ ein Großmaul, der den Revoluzzer, „als der er in die politische Folklore einging“ 7 , allein aus Unfähigkeit zum Kompromiss markierte?
1 Rudolf Muhs: Heckermythos und Revolutionsforschung. In: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins 134 (1986), S. 422-441, hier: S. 423.
2 Peter Assion: Der Heckerkult. Ein Volksheld von 1848 im Wandel seiner geschichtlichen Präsenz. In: Zeitschrift für Volkskunde 87 (1991), S. 53-76, hier: S. 53f.
3 Besonders eindrucksvoll die Präsentation der 1985 gegründeten „Hecker-Gruppe Singen“ auf ihrer Homepage: http://www.peter-lienhard.de/hecker_gruppe_singen.htm.
4 Stellvertretend sei genannt die Heckerstraße in Karlsruhe-Knielingen (so benannt 1946; weitere Informationen unter: http://www.knielingen.de/cms/index.php?option=com_content&view=article&id= 128:heckerstrasse&catid=46:strassen&Itemid=76 ). Darüber hinaus finden sich Heckerstraßen und -wege u. a. in Kassel, Schwetzingen und Mainz.
5 Assion: Heckerkult, S. 54.
6 Klaus-Peter Klingelschmitt: Vivat hoch! - Die freie Republik! Friedrich Hecker - ein deutscher Mythos. Stuttgart 1982, S. 167.
7 Muhs: Heckermythos, S. 425.
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Dessen historische Leistung, „hätten nicht etliche Menschen dabei ihr Leben eingebüßt, geradezu lächerlich“ 8 erschiene? Der heroische Aprilaufstand nichts weiter als ein „Wanderputsch im Räuberlook“ 9 ?
Um Muhs' teilweise polemisch gehaltenem Aufsatz gerecht zu werden, muss man ihn aus seiner Entstehungszeit beurteilen. Muhs schrieb gegen eine sich immer deutlicher offenbarende Tendenz an, die demokratischen Leitfiguren von 1848 zur Traditionsbildung moderner Ideologien zu missbrauchen und die realen historischen Proportionen damit zu verzerren. Wenn er diese Entwicklungen, gerade auch im Hinblick auf die 68er-Literatur, kritisiert, ist ihm sicher recht zu geben. Mittlerweile jedoch sind unsere Kenntnisse über Friedrich Hecker in vielen Bereichen deutlich erweitert worden. Neben dem verdienstvollen Werk Sabine Freitags „Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners“ 10 , das vor allem auch in der Würdigung seiner postrevolutionären Politik in Amerika Neuland betrat, sind hierbei verschiedene Arbeiten über den Heckerkult zu nennen, namentlich Peter Assions volkskundlich geprägter Aufsatz 11 und ein Kapitel in Isabella Beltings Buch über „Mode und Revolution“ 12 . Alles in allem ergibt sich aus dieser Literatur, dass Muhs mit seinen wütenden Kommentaren über Heckers Bedeutung für die Revolution wohl kaum weniger weit über das Ziel hinausgeschossen ist, als viele seiner Vorgänger - allerdings in entgegen gesetzter Richtung. Zwar liegt er in seiner Erkenntnis, die Vorstellung vom „edlen Hecker“ und „Mann der Tat“ sei zum größten Teil auf Legendenbildung zurückzuführen, durchaus richtig, er scheint aber dabei zu übersehen, dass Hecker ja gerade in dieser Funktion (als Legende) seine größte Bedeutung für die Revolution erst gewann - eine im Grunde viel größere Bedeutung, als er sie durch weitere aktive Mitarbeit jemals hätte erreichen können. Ziel dieses Aufsatzes ist es daher einerseits, zu beweisen, dass es im Zeitalter der Revolution ausschließlich einer „charismatischen“ Persönlichkeit wie Hecker möglich war, eine Verehrung in den Ausmaßen des Heckerkults auszulösen, andererseits aber die eminente politische Bedeutung hervorzuheben, die diese Verehrung für die junge demokratische Bewegung gewann.
8 Muhs: Heckermythos, S. 425.
9 Ebd., S. 426.
10 Sabine Freitag: Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners. Stuttgart 1998 (= Transatlantische historische Studien Bd. 10).
11 Assion: Der Heckerkult.
12 Isabella Belting: Mode und Revolution. Deutschland 1848/49. Hildesheim 1997.
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2. Entstehungsgeschichte des Heckerkults
Kurz nachdem Heckers Versuch, gegen die Kompromisspolitik der Frankfurter Paulskirche gewaltsam eine badische Republik durchzusetzen, im Frühjahr 1848 gescheitert war, begann sich anfangs besonders im Badischen, später aber auch in Teilen des übrigen Deutschlands, eine fast personenkultartige Verehrung für den emigrierten Revolutionär zu entwickeln. Dieser Umstand erscheint, wenn man ihn mit dem recht geringen Zulauf zu seinen Freischaren vergleicht, zunächst paradox - warum einem „Volkshelden“ nachtrauern, wenn man ihn zuvor, als die Möglichkeit dazu bestanden hatte, nicht aktiv unterstützen wollte? Demokratische Vordenker und Poeten wie Georg Herwegh oder Ludwig Schanz waren mit der Erklärung rasch bei der Hand: „Die Scharen jener feigen Lumpen / verachten wir für alle Zeit, / die ihn geehrt bei vollen Humpen / und ihn verließen in dem Streit. / Die Volksacht tut sie in den Bann. / Es lebe Hecker! Stoßet an!“ 13 In Wahrheit lagen die Dinge hingegen ein wenig tiefer: Heckers Unternehmen war äußerst überstürzt geplant und beschlossen worden; sein impulsives Temperament hatte ihm hier bei der Entwicklung der Dinge wohl keine andere Wahl gelassen 14 . Der Zeitpunkt des Aufstands war denkbar schlecht gewählt; er fiel in die Phase der revolutionären Euphorie, als man allgemein noch Vertrauen in die zu schaffende Nationalversammlung und die Kooperation mit den Fürsten setzte 15 ; auf dem Land spielte daneben auch eine Rolle, dass die Osterfeiertage und die Erntezeit kurz bevor standen 16 . Darüber hinaus waren die potentiellen Aufstandskandidaten größtenteils arm und schlecht bewaffnet; zugleich verlangte Hecker aber - ganz bürgerlicher Idealist -, dass sie für mindestens sechs Tage Verpflegung mitbringen sollten, um nicht auf Plünderungen angewiesen zu sein 17 . All das, zusammen mit den entschlossenen Gegenmaßnahmen der badischen Regierung Bekk 18 , hatte eine tätige Unterstützung des Heckerzugs für die Bevölkerung durchaus unattraktiv gemacht. Wenig später aber begannen die brutale Niederschlagung des Aufstands durch die Regierungstruppen, die Verfolgung und Verhaftung zahlreicher Beteiligter und Mitwisser sowie die fortdauernde Agitation der Demokraten weit verbreitete Teilnahme
13 Ludwig Schanz: Das Hecker-Lied von Ludwig Schanz und die deutsche Marseillaise. Leipzig 1848. Abgedruckt in: H. C. Grünefeld (Hrsg.): Die Revolution marschiert. Kampflieder der Unter-drückten und Verfolgten. Bd. 2: 1806-1930. Mannheim 2006, S. 181. Mit Pathos und Sarkasmus verarbeitet Herwegh das Geschehen in seinem Gedicht „An Hecker“ (Hans-Georg Werner (Hrsg.): Herweghs Werke in einem Band. Berlin und Weimar 4 1980, S. 168-171).
14 Muhs: Heckermythos, S. 424f., Wolfgang v. Hippel: Revolution im deutschen Südwesten. Das Großherzogtum Baden 1848/49. Stuttgart 1998, S. 146 und Freitag: Friedrich Hecker, S. 31f.
15 Veit Valentin: Geschichte der deutschen Revolution von 1848-49, Bd. 1. Berlin 1930, S. 491.
16 Ebd.
17 Freitag: Friedrich Hecker, S. 119.
18 Andreas Lück: Friedrich Hecker. Rolle, Programm und politische Möglichkeiten eines Führers der radikal-demokratischen Bewegung von 1847/48 in Baden. Berlin 1979, S. 73f.
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für den Emigranten in der Schweiz zu erwecken, die sich im Zusammenhang mit dem Vertrauens- und Popularitätsverlust der Nationalversammlung zu einer wahren Heldenverehrung steigerte. Zwar ist Rudolf Muhs' polemische Wendung vom „Wanderputsch im Räuberlook“ in Teilen durchaus berechtigt: Tatsächlich muss man Heckers Unternehmen mehr waghalsigen Idealismus unterstellen als nüchterne Erfolgsaussichten 19 . Aber das war nicht das Entscheidende. Wichtiger war vielmehr, dass Hecker mit seinem Aufstand drei bedeutende „soft skills“ demonstriert hatte, die die meisten Revolutionäre in ihrer späteren Konfrontation mit den Anforderungen objektiver Politik zu verlieren schienen - Mut, Entschlossenheit und Glaubwürdigkeit. Nur auf diese Weise konnte er für die Demokraten ein Feld besetzen, das sich in der Folgezeit als ungleich fruchtbringender erweisen sollte, als alle sachlichen und ideellen Argumente, nämlich das der Sympathie und Achtung in der einfachen Bevölkerung 20 . In welchen Formen diese Gefühle im Allgemeinen zum Ausdruck kamen, soll im nächsten Punkt dargelegt werden.
3. Ausprägungsformen des Heckerkults
3.1. Stammtischparolen & unspezifischer Protest: Die „Hecker-hoch“-Rufe
Es gab viele Möglichkeiten, Hecker seine Teilnahme zu beweisen. Allen gemeinsam war zunächst, dass sie von Seiten der Regierungen als entsprechendes politisches Bekenntnis gewertet und zumeist mit drakonischen Strafen geahndet wurden. In der Verbreitung und im Grad der jeweiligen Identifikation mit Hecker gab es jedoch weitreichende Unterschiede. Die unspezifischste und mit Sicherheit am weitesten verbreitete Form des Heckerkults waren die so genannten „Hecker-hoch“-Rufe, die 1848/49, teils sogar noch bis zur Jahrhundertwende, in vielen Volksversammlungen und Wirtshäusern zu hören waren 21 . Den genauen Bedeutungsgehalt dieser Rufe zu eruieren, dürfte schwer fallen, da es natürlich kaum verlässliche bzw. objektive Daten für die Art ihrer Verwendung gibt. Sicher scheint jedoch, dass sich die Rufe paradoxerweise in den meisten Fällen nicht unmittelbar auf die Person Hecker selbst bezogen, sondern eher auf die Bedeutung, die man ihr zumaß: Nicht um den „wirklichen, veritablen Hecker aus Baden, ehemaligen Abgeordneten und
19 Lück: Friedrich Hecker, S. 74f.
20 Assion: Der Heckerkult, S. 64.
21 Ebd., S. 65f.
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Arbeit zitieren:
Kilian Spiethoff, 2009, Der Heckerkult in seiner Funktion für die demokratische Bewegung 1848/49, München, GRIN Verlag GmbH
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