0 Einleitung 2
1 Theoretische und pädagogische Grundlagen 3
1.1 Neue Lernkultur 3
1.1.1 Lernen aus konstruktivistischer Sicht 3
1.1.2 Lernen zu lernen 4
1.2 Dialogisches Lernen 5
1.2.1 Dialogische Lernkultur 6
1.2.2 Entwicklung einer Feedback-Kultur als dialogische Praxis 6
1.3 Das Portfolio 6
1.3.1 Der Begriff Portfolio 7
1.3.2 Arten und Funktionen 8
1.3.2.1 Prozessorientierte Portfolios 8
1.3.2.2 Produktorientierte Portfolios 9
1.4 Das Portfolio als Instrument zur Förderung einer dialogischen Lernkultur -
Dokumentation von Lernprozessen und Arbeitsergebnissen 10
2 Ein Konzept zur Förderung einer dialogischen Lernkultur - Einführung eines
Portfolios zur Dokumentation von Lernprozessen und Arbeitsergebnissen im
Deutschunterricht einer dritten Jahrgangsstufe 11
2.1 Voraussetzungen der Kinder 11
2.2 Zielsetzung des Konzeptes 12
2.3 Konzeption des Portfolios vor dem Hintergrund der Zielsetzung 12
2.4 Bezug zu den Richtlinien und Lehrplänen 13
2.5 Bausteine des Konzeptes 14
2.5.1 Baustein 1: Thema und Art des Portfolios. 15
2.5.2 Baustein 2: Zieltransparenz 15
2.5.3 Baustein 3: Inhalt und Aufbewahrung 15
2.5.4 Baustein 4: Regeln und Rituale 15
2.5.5 Baustein 5: Offene Aufgabenstellung und offene Unterrichtformen 16
2.5.6 Baustein 6: Vorgaben und Qualitätskriterien Portfolio 16
2.5.7 Baustein 7: Qualitätskriterien Text 17
2.5.8 Baustein 8: Textüberarbeitung. 17
2.5.9 Baustein 9: Feedback - Gespräche führen 20
2.5.10 Baustein 10: Endprodukte - Arbeitsergebnisse 21
3 Praktische Erprobung und Teilreflexion des Konzeptes 22
3.1 Baustein 1: Thema und Art des Portfolios 22
3.2 Baustein 2: Zieltransparenz 23
3.3 Baustein 3: Inhalt und Aufbewahrung 23
3.4 Baustein 4: Regeln und Rituale 24
3.5 Baustein 5: Offene Aufgabenstellung und offene Unterrichtsformen 25
3.6 Baustein 6: Vorgabe und Qualitätskriterien Portfolio 25
3.7 Baustein 7: Qualitätskriterien Text 26
3.8 Baustein 8: Textüberarbeitung. 27
3.9 Baustein 9: Feedback - Gespräche führen 29
3.10 Baustein 10: Endprodukte - Arbeitsergebnisse 30
4 Lehrerfunktionen 31
5 Gesamtreflexion und Ausblick 33
6 Literaturverzeichnis 35
1
0 Einleitung
„Lernen in seinem Grundmuster ist ein dialogischer Prozess, die Lernenden werden als Co-Konstrukteure des entstehenden Wissens aufgefasst und behandelt.“ 1
Derzeit ist in aller Welt das Bestreben erkennbar, Schulleistungen zu dokumentieren und zu vergleichen. Man könnte vermuten, die Feststellung der Ergebnisse und ihre Darstellung durch Rangordnung und Skalen seien zur Hauptaufgabe der Schule geworden. Schulen konkurrieren miteinander, das Abschneiden der eigenen Schule bzw. des eigenen Landes im nationalen sowie internationalen Vergleich ist wichtig geworden.
Daraus lässt sich jedoch die positive Entwicklung fortsetzen, dass sich die Schule nicht damit begnügen darf, Arbeitsergebnisse festzustellen, sondern sie muss Lernprozesse, die sich hinter den Produkten verbergen, sichtbar machen. 2 Eine dialogische Form der Lernentwicklung, Leistungsrückmeldung und -bewertung erscheint daher notwendig.
Ein Konzept, das sowohl Lernprozesse als auch Arbeitsergebnisse dokumentiert, bedarf einer offenen und dialogischen Lernkultur. Mit dem Portfoliokonzept wird ein Rahmen für wechselseitige Rückmeldungen geboten, so dass inhaltliche Gedanken über Lernen und Leistung transparent werden. Im Rahmen dieser Lernkultur wird die Bereitschaft und Fähigkeit zu lebenslangem Lernen grundgelegt. 3
Das komplexe System der KGS Jülich bietet seit Beginn des Schuljahres 2004/05 mit Einführung des „Konzepts der Flex“ - Konzept des jahrgangsübergreifenden Unterrichts in den Klassen 1 und 2 - Raum für die Förderung einer solchen Lernkultur. Leitgedanke dabei ist, allen Kindern mit unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht werden zu können. Dazu werden den Kindern entsprechend differenzierte Lernangebote und Methoden des Lernen lernens angeboten. Dieses Konzept ist, orientiert an konstruktivistischen Sichtweisen, geprägt von Selbststeuerung, Lernprozessorientierung und Dialog.
Die Kolleginnen, die in der Flex arbeiten, unterrichten abgesehen von Fachunterricht in höheren Klassen in der Eingangsstufe, während Lehrerinnen und Lehrer aus den 3. und 4. Jahrgangsstufen, in denen jahrgangsbezogen unterrichtet wird, in diesen Stufen „verweilen“. Durch meinen selbständigen Unterricht in den Fächern Deutsch und Religion in der Klasse 3d stellte ich fest, dass die oberen Klassen bezüglich Konzepten zur Lernprozessorientierung, Methoden zum Lernen des Lernens verbunden mit einer dialogischen Praxis ausbaufähig erscheinen, hier Handlungsbedarf besteht.
Ziel ist es, mit der Einführung eines Portfolios zur Dokumentation von Lernprozessen und Arbeitsergebnissen einen Beitrag zu leisten, aufbauend auf sowie schöpfend aus dem Konzept der Flex-Klassen, eine dialogische Lernkultur in der dritten Jahrgangsstufe zu fördern, so dass auch dort verstärkt das Kind als selbständiger aktiver Lerner bzw. als selbständige aktive Lernerin im Fokus steht.
1 http://buf.bildung.hessen.de/hint/mate/Winter_Leistungsbew.pdf abgerufen am 14.03.08.
2 Vgl. Rauschenberger, H. (2002): Leistungserziehung als Leistungsdialog. S. 40.
3 Vgl. ebd. S. 41.
2
Im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit werden zunächst theoretische Überlegungen zur neuen Lernkultur, der Bedeutung des Lernen lernens sowie zum dialogischen Lernen und zur dialogischen Lernkultur dargelegt. Darauf aufbauend werden allgemeine Überlegungen und Definitionen zum Begriff Portfolio sowie das Portfolio als Instrument zur Förderung einer dialogischen Lernkultur diskutiert. Vor diesem Hintergrund wird daran anschließend das Portfoliokonzept zur Förderung einer dialogischen Lernkultur exemplarisch am Thema „Kreatives Schreiben im Frühling“ in einem dritten Schuljahr vorgestellt. Im Anschluss daran wird die praktische Erprobung dieses Konzeptes darstellt und reflektiert. In einem nächsten Kapitel werden auf der Grundlage der Rahmenvorgabe für den Vorbereitungsdienst in Studienseminar und Schule die zugrunde liegenden Lehrerfunktionen, die der Planung und Durchführung zugrunde lagen, dargelegt sowie reflektiert. Den letzten Teil der Arbeit bildet ein Ausblick zur Weiterführung des Konzeptes, welcher mit der Gesamtreflexion verknüpft ist.
1 Theoretische und pädagogische Grundlagen
Im Folgenden werden theoretische und pädagogische Grundlagen für das Verständnis des Konzepts zur Förderung einer dialogischen Lernkultur dargestellt. Bevor der Begriff dialogische Lernkultur definiert wird, sollen zunächst Begrifflichkeiten wie „neue Lernkultur“, „Lernen aus konstruktivistischer Sicht“ sowie das „Lernen des Lernens“ erläutert werden. Dadurch soll der dialogische Lernbegriff verständlich werden, der wiederum eng mit dem konstruktivistischen Lernbegriff zusammenhängt.
1.1 Neue Lernkultur
Das Schlagwort „Neue Lernkultur“ beschreibt einerseits die Suche einer Neudefinition des Verhältnisses von Lehren und Lernen und dient andererseits als Oberbegriff für verschiedene Reformansätze der vergangenen 30 Jahre. 4 Die Verwendung des Begriffs „neue Lernkultur“ bei der Suche nach erweiterten Lehr- und Lernformen erscheint berechtigt, da es sich nicht lediglich um die Reform einzelner Unterrichtsmethoden handelt, sondern um Versuche, den Unterricht, das Lehren und Lernen in einen neu definierten Zusammenhang zu bringen. Dabei rückt die Betrachtung des Lernens gegenüber dem Lehren erkennbar ins Zentrum. 5
1.1.1 Lernen aus konstruktivistischer Sicht
Entgegen der behavioristischen Auffassung, Lernen als Reaktion auf einen Reiz zu betrachten sowie den Lernenden und die Lernende als passiv und extern gesteuert anzusehen, 6 treten heute konstruktivistische Ansätze in den Fokus, die den Lernenden und die Lernende als aktiven Konstrukteur oder aktive Konstrukteurin von Wissen sieht. 7 Aus konstruktivistischer Sicht betrachtet ist Lernen folglich ein „aktiver, selbstgesteuerter, konstruktiver, sozialer und
4 Vgl. Winter, F. (2004): Leistungsbewertung. S. 4.
5 Vgl. Ebd. S. 4.
6 Vgl. Retterath, G. (1997): Lernen als konstruktive Tätigkeit des Kindes planen. S. 79.
7 Vgl. Mandl, H. (2006): Wissensaufbau aktiv gestalten. Lernen aus konstruktivistischer Sicht. S.29.
3
situativer Prozess“, der eine veränderte Lehrerrolle fordert. Lehrende werden nicht weiter als Wissensvermittler betrachtet, sondern die veränderte Rolle beinhaltet vielmehr „Beratung, Unterstützung, Bereitstellung von Material, Ermutigung, Anregung, Moderation und Zurückhaltung“ 8 .
Neben individuellen Erfahrungen beeinflussen Motivation und die Interaktion mit anderen Personen den Lernprozess des Lernenden bzw. der Lernenden. 9 Aus diesem Grund ist es wichtig, Schülerinnen und Schülern regelmäßig einen Erfahrungsaustausch im Dialog und in Gruppen ermöglichen. 10
Zielzustand einer neuen Lernkultur sind Schülerinnen und Schüler als selbständige aktive Lerner mit Lehrerinnen und Lehrern als Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter bzw. Lernberaterinnen und Lernberater. 11
1.1.2 Lernen zu lernen
Im Rahmen der Bestrebung zur Hinwendung zu einer neuen Lernkultur kommt einer stärkeren Lernprozessorientierung eine besondere Bedeutung zu. Die Lernenden lernen, ihre eigene Arbeit zu reflektieren, Lernen wird reflexiv. Ein großer Teil dieser Bemühungen verbindet sich mit dem Stichwort Lernen zu lernen. Heute wird dies insbesondere unter der Perspektive, „dass lebenslang gelernt und umgelernt werden muss“ als notwendig betrachtet. 12 Neben dem Lernen als Informationsaufnahme kommt dem lebenslangen Lernen und somit der Lernkompetenz eine zentrale Bedeutung zu. 13 „Das Lernen zu lernen und ein Leben lang lernfähig zu bleiben, ist für das Leben in der heutigen Gesellschaft von besonderer Bedeutung.“ 14 Zentrale Aufgabe der Schule ist die Förderung der Fähigkeit und Bereitschaft, das eigene Lernen bewusst und zielgerichtet zu gestalten und mit anderen zu kooperieren. Laut Richtlinien des Landes NRW soll „das Lernen selbst zum Thema“ im Unterricht werden, so dass die Kinder lernen, ihre Lernwege zu verstehen. 15 Wichtige Voraussetzungen dafür sind zum einen „kognitive und metakognitive Strategien, die das Lernen regulieren, planen, überwachen und steuern“ als auch „motivationale und willensgesteuerte
Bedingungsfaktoren“. 16 Dies impliziert, neben dem Nachdenken über das eigene Lernen sowie dem Aufbau von Lernstrategien, die Entwicklung einer vielseitigen Methodenkompetenz. Aufgabe der Schule ist überdies, Lernarrangements zu schaffen, die selbstgesteuertes Lernen und Könnenserfahrungen ermöglichen sowie die Freude am Lernen erhalten. 17
8 Ebd. S. 29.
9 Vgl. ebd. S. 29.
10 Seminar Vettweiß (2008) gekürzt von Posmik, R.: Welche Bedeutung hat der konstruktivistische Lernbegriff für meinen Unterricht? Materialsammlung aus der Kompaktphase.
11 Vgl. Bartnitzky et al. (2006): Mein Lernordner Portfolio für die Grundschule. S. 3
12 Winter, F. (2004): Leistungsbewertung, S. 11 f.
13 Vgl. Müller, A. (2005): Erlebnisse durch Ergebnisse. S. 1
14 Ministerium für Schule und Weiterbildung: Richtlinien für die Grundschulen des Landes Nordrhein-Westfalen. Entwurf MSW (2008), S. 13.
15 Vgl. ebd. S. 13.
16 Mandl, H. (2006): Wissensaufbau aktiv gestalten. Lernen aus konstruktivistischer Sicht. S. 30
17 Ebd. S. 30.
4
1.2 Dialogisches Lernen
Der Begriff „Dialog“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Im Miteinander sprechen hindurchgehen zum Sinn“. 18 Dabei kann „Dia“ übersetzt werden mit dem Begriff „hindurch“ und „Logos“ mit „Sprache, Wert, Geist, Sinn“. 19 Ein Dialog ist unabhängig von der Zahl der Sprechenden und stellt „eine gemeinsam verantwortete Sache, welche im miteinander Sprechen und Handeln gestaltet wird“, 20 dar. Das miteinander Lernen entsteht durch den dialogischen Prozess des miteinander Arbeitens und Sprechens. 21 Der Dialog wird dabei über fachliche Inhalte in einer Klasse herbeigeführt und erfolgt einerseits zwischen Lehrperson und Lernenden, andererseits innerhalb der Schüler- und Schülerinnengruppe. Initiiert durch einen schriftlich formulierten, offenen Auftrag, setzen sich die Kinder auf unterschiedlichem Niveau damit auseinander und dokumentieren Arbeitsergebnisse, auf dessen Grundlage Ideen, Arbeitsweisen etc. für die Lehrkraft transparent werden. Dadurch können individuelle Rückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler erfolgen. 22 Das Dialogische Lernen ist ein Konzept, bei dem die Suche nach Qualitäten in den Arbeiten der Lernenden und ihre Nutzung für nachfolgende Lernprozesse im Vordergrund stehen. In einen am dialogischen Lernen orientierten Unterricht werden zugleich Diagnose und Förderung integriert. Wichtige Instrumente dialogischen Lernens sind beispielsweise offene Aufträge, Lernjournale (Reisetagebücher) oder wechselseitige Rückmeldungen. 23
Dabei werden Lehrerinnen und Lehrer als Partner der Kinder in einem dialogischen Prozess, in dem die Sicht der Kinder auf ihre Ziele, Schwierigkeiten und Lernmöglichkeiten ernst genommen werden, betrachtet. Zugleich wird die Kompetenz zur Planung und Kontrolle der eigenen Arbeit, somit der Aufbau metakognitiver Strategien, gefördert. 24 Kennzeichnend für das dialogische Konzept im Unterricht nach Ruf und Gallin ist, dass sowohl Lehrkraft als auch Lernender gleich viel Zeit und Energie dafür aufwenden, den anderen zu verstehen. Folglich übernehmen, wie in jedem guten Gespräch, die beteiligten Partner abwechselnd die Rolle des Produzenten und des Rezipienten ein. 25 Das Bemühen, sich dem anderen verständlich zu machen, wechselt immer wieder mit dem Bemühen, den anderen zu verstehen. Somit lernen im Sinne des konstruktivistischen Lernbegriffs sowohl Lehrende als auch Lernende. 26
18 http://www.dialogisches-lernen.de/Dialogisches_Lernen_in_Schulen.pdf abgerufen am 20.03.08.
19 Ebd.
20 Ebd.
21 Vgl. Ebd.
22 Vgl. Goetz, N. B.; Ruf, U. (2007): Das Lesejournal im dialogisch konzipierten Unterricht. S. 133 f.
23 Vgl. Ruf, U.; Winter, F. (2006). Qualitäten finden. Der Blick auf Defizite hilft nicht weiter. S. 56.
24 Vgl. Brügelmann, H.; Brinkmann, E. (2006): Sprachbeobachtung und -förderung am Schulanfang. S. 32.
25 Vgl. Ruf, U.; Ruf-Bräker, R. (2002): Von Ort zu Ort - Dialogisches Lernen durch fachliche Herausforderungen und durch Austausch mit anderen. S. 67.
26 Vgl. Ruf, U.; Ruf-Bräker, R. (2002): Von Ort zu Ort - Dialogisches Lernen durch fachliche Herausforderungen und durch Austausch mit anderen. S. 67.
5
1.2.1 Dialogische Lernkultur
Häufig nehmen Lehrerinnen und Lehrer ausschließlich wahr, was Schülerinnen und Schüler nicht leisten, der Blick richtet sich demzufolge auf Fehler und Hemmnisse im Lernprozess. Verborgen bleiben hingegen die Qualitäten, die in den Schülerleistungen stecken. Ein dialogisch angelegter Unterricht macht diese Qualitäten, die Denk- und Lösungsansätze der Lernenden, transparent und stärkt die Kompetenzen aller Lernenden. Zudem haben Lehrkräfte oft nur wenig Zugang zur Art und Weise, wie Schülerinnen und Schüler an eine Aufgabe herangehen oder welche Überlegungen sie dabei anstellen. Will man etwas über die Herangehensweise erfahren, muss man mit den Lernenden in einen Dialog treten. Dazu braucht es einen Unterricht, der es zulässt, eigene Gedanken zu entwickeln, zu erproben und nach Antworten zu suchen. Voraussetzung dafür sind offene Aufträge der Lehrkräfte an die Kinder. Im Interesse eines förderdiagnostischen und kompetenzorientierten Unterrichts bietet die dialogische Lernkultur die Chance, den Lernentwicklungsstand der Kinder und Misskonzepte transparent zu machen. Nur so können die Lernenden dort abgeholt werden, wo sie stehen. Auch in den neuen Richtlinien und Lehrplänen des Landes NRW ist der Einbezug des Lernprozesses fest verankert. 27 Der Fokus der Aufmerksamkeit rückt somit auf die begleitende Beobachtung von Lernprozessen der Kinder, da diese aussagekräftiger ist als punktuelle Tests, die lediglich das Lernprodukt in den Blick nehmen. 28 Eine Beobachtungshilfe, die den gesamten Lernprozess transparent macht, ist das Schreibprozess-Portfolio, das in Kapitel 1.3.2 näher dargestellt wird.
1.2.2 Entwicklung einer Feedback-Kultur als dialogische Praxis
Feedbackverfahren 29 haben zum Ziel, durch Schaffung einer neuen Lernkultur ein verändertes Verhältnis zwischen Lehrperson und Lernenden zu schaffen. Dies setzt ein neues Verständnis der Lehrer- bzw. Lehrerinnenrolle voraus: Feedback geben sowie aufnehmen sind dabei wichtige Kriterien für die veränderten Anforderungen. 30
Mittels Verfassen von Rückmeldungen geben sich Lehrperson und Lernende Rechenschaft über Vorstellungen, Wertungen und Triebkräfte, die beim Stellen und Lösen eines Arbeitsauftrags wirksam waren. Durch die Verbindung von vorangegangenen und nachfolgenden Arbeitsphasen erhält der Unterricht eine innere Kontinuität.
1.3 Das Portfolio
Das Portfoliokonzept bietet die Möglichkeit, sowohl Lernprodukte als auch Lernprozesse zu reflektieren und dadurch im Sinne des dialogischen Lernens Erkenntnisse für das weitere Lernen zu erhalten. Es ist nicht nur eine Form der Dokumentation und Bewertung von
27 Ministerium für Schule und Weiterbildung: Richtlinien für die Grundschulen des Landes Nordrhein-Westfalen. Entwurf MSW (2008), S. 16.
28 Vgl. Kapitel 0.
29 Vgl. Winter, F. (2004). Eine ausführliche Darstellung der Feedbackverfahren würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten. Aus diesem Grund sei hier lediglich die Anmerkung notiert, dass
Feedbackverfahren Rückmeldeverfahren sind, die auf drei Ebenen verlaufen können: Schülerfeedback
(Selbsteinschätzung), Lehrerfeedback, Peerfeedback (unter Schülerinnen und Schülern in der Gruppe).
30 Vollmer, V. (2004): Lernen sichtbar machen. Kinder beobachten ihre Lernprozesse. S. 30.
6
Lernprozessen und Arbeitsergebnissen, sondern ein vielseitiges Instrument zur Etablierung einer neuen Lernkultur und zur Praktizierung eines veränderten Umgangs mit Schülerleistungen insgesamt. 31 Im Folgenden wird zunächst der Begriff Portfolio 32 definiert sowie darauf aufbauend der Begriff Schreibprozess-Portfolio 33 für den Deutschunterricht erläutert, da diese Art des Portfolios den Gegenstand des Konzeptes der vorliegenden Arbeit bildet.
1.3.1 Der Begriff Portfolio
Für den Begriff Portfolio existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Definitionen, was angesichts der Fülle möglicher Anwendungsbereiche verständlich ist. 34 Ein Konsens über Definition und Merkmalliste von Portfolios konnte bisher nicht erstellt werden, da die Ansätze je nach Autorin und Autor variieren. 35
Der Begriff Portfolio setzt sich aus den lateinischen Wortstämme portare (tragen) und folium (das Blatt) zusammen. Im wörtlichen Sinne ist ein Portfolio demnach „eine Möglichkeit, Blätter zu tragen, eine Sammelmappe für die verschiedensten Dokumente.“ 36 Der französische Begriff porte-feuille, die Brieftasche, bringt die Bedeutung einer Mappe bzw. einer Sammlung zum Ausdruck. Im pädagogischen Bereich hat sich das Portfolio aus der Praxis heraus entwickelt. 37 Erst seit einigen Jahren dringt es in das deutsche Bildungssystem vor, ausgehend vom anglo-amerikanischen Raum. 38 Die folgende Definition nach Kolb unterstreicht die konstruktivistische Sichtweise, die Betrachtung des Portfolios als Instrument zur Dokumentation von Lernprozessen und Arbeitsergebnissen sowie zur Förderung einer dialogischen Lernkultur:
„Ein Portfolio im schulischen Kontext lässt sich […] zusammenfassend charakterisieren als
persönliche, dynamische und strukturierte Sammlung von Schülerarbeiten sowie Rückmeldungen an
die Lernenden, welche Lernergebnisse, Lernspuren und den Lernprozess - die Geschichte des Lernens
- auf der Basis einer bewussten Auswahl dokumentieren. Ein konstituierendes Merkmal von Portfolios
sind reflexive Elemente: Kommentare und Erläuterungen zu Dokumenten und zum Lernprozess sowie
Selbsteinschätzungen der Lernenden.“ 39
Dabei kann die Sammlung Dokumente aller Art, wie bspw. Fotos, Bauten, Bilder etc., enthalten. 40 Das Portfolio als Dokumentationsform des Gelernten soll individuelle Lernwege und Fortschritte bezüglich der grundlegenden Lernziele dokumentieren und die Reflexion der Lernprozesse erleichtern. 41 Das Portfolio unterscheidet sich von einfachen Sammlungen der Schülerinnen und Schüler, indem die Arbeiten reflektiert und kommentiert werden. Verwendet man den Begriff „Portfolio“, so ist damit stets eine „reflexive Praxis“ zu
31 Winter, F. (2004): Leistungsbewertung. S. 203.
32 Vgl. Kapitel 1.3.1.
33 Vgl. Kapitel 1.3.2.1.
34 Vgl. Winter, F. (2004): Leistungsbewertung. S. 188
35 Vgl. Bohl, T. (2006): Prüfen und Bewerten im offenen Unterricht. S. 147.
36 Kolb, A. (2007): Portfolioarbeit. Wie Grundschulkinder ihr Sprachenlernen reflektieren. S. 19.
37 Vgl. Häcker, T. (2006): Vielfalt der Portfoliobegriffe. Annäherungen an ein schwer fassbares Konzept. S. 33.
38 Vgl. ebd. S. 33.
39 Kolb, A. (2007): Portfolioarbeit. Wie Grundschulkinder ihr Sprachenlernen reflektieren. S. 21.
40 Vgl. Müller, A. (2005): Erlebnisse durch Ergebnisse. Das Lernportfolio als multifunktionales Werkzeug im Unterricht. S. 9.
41 Vgl. Hecker, U. (2004): Den Leistungen ein Gesicht geben. S. 13.
7
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Christina Weiser, 2008, Förderung einer dialogischen Lernkultur - Einführung eines Portfolios zur Dokumentation von Lernprozessen und Arbeitsergebnissen im Deutschunterricht einer dritten Jahrgangsstufe , München, GRIN Verlag GmbH
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