Nationalsozialismus versammelt, mit dem Ziel, das gegenwärtige Bild zu korrigieren und zu ergänzen.
Die Beantwortung dieser und anderer Fragen, stellt sich als große Herausforderung. Kaplan versucht den Leser den Holocaust von einer ganz bestimmten Seite zu zeigen. Dabei wird Schritt für Schritt aufgezeigt, wie sich der Alltag jüdischer Frauen und ihrer Familien in den Dreißiger Jahren abspielte und dramatisch veränderte, bis hin zum Krieg und seiner grausamsten Seite: den Deportationen. Die Herausgeberin, selbst Tochter jüdischer Flüchtlinge und somit persönlich eng verbunden mit dem Thema, richtet sich an ein breit gefächertes Publikum, wie Schüler, Lehrer, Studenten, Professoren, Interessierte oder Menschen, die wie sie eine persönliche Beziehung zu dem Thema haben. Denn immerhin legt sie viel wert auf genaue Untersuchungsmethoden, stellt empirische Forschungen, Analysen und Statistiken vor, sowie Interviews, Zeitzeugenberichte, Briefe, Tagebücher und Memoiren. Bei ihrer Informationsrecherche verlässt sie sich auf Bundesarchive, Staatsarchive, Landeshauptarchive, sowie ihrer Hauptquelle, dem Leo Baeck Institute in New York. Die meisten ihrer Thesen werden durch Zitate unterstützt. So argumentiert sie im Kapitel sieben: „An einigen Sammelstellen rissen Beamte die Familien auseinander […]“ (Kaplan: 276) und bekräftigt diese These mit einer Aussage von Elisabeth Freund:
Die Szenen, die sich dort abspielten, sollten unbeschreiblich gewesen sein. Die Familien sind getrennt worden, man hat Eheleute auseinander gerissen, Kinder fortgeschleppt, Eltern dagelassen. (Kaplan: 276)
Es ist weniger eine große Kritik an die Verbrechen und Untätigkeit der Mitmenschen, sondern eher der Versuch einer Darstellung des Leids von Jüdinnen und Juden aus ihren Perspektiven. Das Buch ist eine Art Sammelsurium an schriftlich festgehaltenen subjektiven Erfahrungen und macht es sich insgesamt zur Aufgabe eben diese im historischen Hintergrund richtig einzuordnen und sinngemäß wieder zu geben. In gut gegliederten Überschriften scheint die Autorin dies nahezu perfekt erreicht zu haben. In den ersten fünf Kapiteln des Buches liegt der Schwerpunkt in den Alltagserfahrungen, den langsam anwachsenden Prozess der Unterdrückung in der Gesellschaft und die Einschränkung politischer Rechte, die ihren Höhepunkt 1938 mit den Nürnberger Gesetzen erreichten. Dabei werden in sprachlich verständlicher Form Einblicke über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stand der Juden, die Rolle der Frau in der Familie, sowie die Beziehungen zu nichtjüdischen Familien
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gegeben. Viele jüdische Erwerbstätige mussten im Rahmen der
Gleichschaltungspolitik bereits 1933 ihre Berufe aufgeben. So kam es zu Massenentlassungen in etwaigen Berufszweigen, wie Lehrer und Lehrerinnen, die den Platz somit für „arische“ Bewerber frei machten (Kaplan: 44). Viele Frauen trafen die Entscheidungen über die Zukunft ihrer Familien, ließen sich Umschulen, gingen zur Volkshochschule, erlernten neue Berufe, nachdem ihre Ehemänner wirtschaftlich gerichtet wurden (Kaplan: 51). Kaplan beschreibt, dass die zunehmende Angst der Jüdinnen und Juden von ihren „arischen“ Nachbarn und Mitmenschen denunziert zu werden, sie veranlassten ihre geliebte Heimat zu verlassen und in ein fremdes Land auszuwandern (Kaplan: 96). Denn oft sorgten Anschuldigungen dafür, dass Unschuldige sich auf dem Schafott wieder fanden. Wo Anfang 1933 die Beantragung von Visen noch leicht zu erhalten war, verschärfte sich die Situation außenpolitisch zunehmend und mit Ausbruch des Krieges bewilligten fast keine Länder mehr Einreisen von Deutschen (Kaplan: 188). Hierfür liefert das Buch folgende Zahlen:
Ungefähr 37 000 Juden verließen Deutschland im Jahre 1933. […] 1934 flohen 23000. Gegen Ende des Jahres [1935] waren 21 000 emigriert, gefolgt von weiteren 25 000 im Jahre 1936 und 23 000 im Jahre 1937. Mit zunehmender Verfolgung im Jahre 1938 wanderten weitere 40 000 aus. (Kaplan: 111)
Diese detaillierten statistischen Zahlen liefern ein genaues Bild der Fluchtbewegung seit Beginn der „Machtergreifung“ Hitlers und zeigen, dass die Autorin innere, sowie äußere Betrachtungen erwägt und somit dem Buch jegliche Oberflächigkeit nimmt. Nur wenige Bilder verwendet die Herausgeberin in ihrem sehr ausführlich gehaltenen Buch. So zum Beispiel zwei Fotos der Jüdischen Winterhilfe, wo auf einem der Fotos eine Gruppe Frauen beim Kartoffelschälen gezeigt wird und auf dem anderen eine Sammel- und Abholstelle für getragene Kleider. Gezielt wurden diese Fotos in den Kontext der zunehmenden Hilfsbedürftigkeit und Versorgungsschwierigkeiten von Jüdinnen und Juden gesetzt. Jüdische Hilfsorganisationen, wie die Jüdische Winterhilfe in Berlin, sorgten für Essen und Kleidervergabe. Leider wird trotz der beiden Fotos nur kurz auf einigen Seiten später auf die Tätigkeit dieser Organisation eingegangen. Unter den beiden Abbildungen werden nur allgemeine Bezüge und Erläuterungen gestellt. Somit ist ebenso nicht der genaue Standort und realhistorische Bezug vorhanden. Das erweckt dementsprechend nur den Eindruck einer rein bildlichen Veranschaulichung des Themas ohne tiefgründige
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Hintergrundinformationen über den Ausstellungszeitraum oder Personen auf dem Foto. Einige Kapitel weiter jedoch, trifft genau das Gegenteil ein. Ein sehr seltenes Hochzeitsfoto eines jüdischen Brautpaares mit Davidstern, das 1942 geschossen wurde, steht im direkten Textzusammenhang. Kaplan zitiert hierfür Hermann Samter, ein Angestellter der Berliner Jüdischen Gemeinde, aus seinen Briefen vom 30. November 1941 und vom 7. Februar 1943: „Charakteristisch […] ist […] mehr noch die Flut von Eheschließungen. Fast jede Freundschaft führt jetzt kurz vor unserem Ende noch zur Ehe“ (Kaplan: 236).
Im siebenten Kapitel zeigt Marion Kaplan nun auf der Grundlage von Aussagen aus den Zeugnissen des bekannten jüdischen Schriftstellers und Philologen Victor Klemperer (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945), wie schwer die Zwangsarbeit für viele war und die zunehmende Angst vor der Trennung von der Familie, sowie der Deportation. Diese Angst, so beschreibt Kaplan, führte zu wachsenden Selbstmorden, als einzigen Ausweg. Dies untermauert die amerikanische Schriftstellerin mit erschreckenden Zahlen und bezieht ihre Informationen über die Taten aus Abschiedsbriefen (Kaplan: 257). Klemperer selbst, der mit seiner Frau eine „Mischehe“ führte, findet in vorigen Seiten besondere Erwähnung. Zu Kriegsbeginn kam es zu großen Lebensmittelrationen für Juden. Die ihnen zugeteilten Lebensmittelkarten waren schnell aufgebraucht und so mussten sie viele Gefälligkeiten tun oder stehlen, so auch Klemperer. Bekannt wurde der deutsche Literaturwissenschaftler durch seine Abhandlung LTI (Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs), ist ein wichtiger Zeitzeuge in Bezug auf das jüdische Schicksal während des nationalsozialistischen Regimes und sollte von daher kein Verzicht im Rahmen dieses Buches sein.
Marion Kaplan geht es darum, ihr Werk so nahe wie möglich an der historischen Wahrheit zu bringen. Aus diesem Grund hat sie sich einiger etwas längeren Ausführungen zu Einzelschicksalen bedient. So sind zum einen Anna und Salomon Samuel - Die Odyssee eines jüdischen Ehepaares im sechsten Kapitel und zu anderen Drei Berichte über das Leben im Versteck unter dem Titel Leben im Untergrund aufzufinden. Wie bereits deutlich macht, geht es ihr zunächst um die Wiedergabe subjektiver Erfahrungs- und Erlebnisberichte. Die vier schicksalhaften Geschichten versprechen bewegende und ergreifende Momente unter besonderen Umständen, in denen jüdische Frauen überlebten und wider jegliche Hoffnung auf Hilfe unter „Ariern“ stießen. Die Erzählungen konzentrieren sich ganz bewusst auf
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das Erlebte während des bereits ausgebrochenen Krieges. Damit schafft die Autorin gegen Ende des Buches einen ergreifenden Höhepunkt ihrer zuvor vielfältig aufgeführten jüdischen Schicksale. Dadurch erreicht sie einen sich wieder schließenden sachbezogenen Kreis, der zum Ausgangspunkt ihres Buches führt, nämlich dem Mut zum Überleben, dem Titel des Werkes. Dieser methodisch sehr gut gelungene Übergang ist klar strukturiert und erkennbar. Einzuordnen lässt sich das historische Buch in deutscher Geschichte, jüdischer Geschichte und Frauengeschichte. Das Thema steht im ständigen aktuellen Bezug, das als Mahnmal und Erinnerung im kulturellen Gedächtnis der Menschen allgegenwärtig sein sollte. Die Autorin macht es sich zur Aufgabe, dies schriftstellerisch zu unterstützen. Die von ihr anfänglich gestellten Fragen werden bis auf das Detail hin empirisch und akribisch beantwortet. Die unzähligen Beispiele von jüdischen Familien und ihren Reaktionen auf die langsam aufkommende Bedrohung geben dem Leser ein genaues Bild und erstaunen darüber hinaus über sehr gut recherchierte Berichte.
Ein wesentlicher, aber eher unscheinbarer Punkt, der zu meiner positiven Kritik beiträgt, ist die Ziffer der in Deutschland lebenden Juden von 525 000 im Jahre 1933, die bereits zu Beginn der Ausführung erwähnt wird und die Zahl von 15 000 Überlebenden am Kriegsende, die Kaplan noch vor der Schlussbetrachtung einbringt. Es ist in der Tat kein Leichtes, sich mit eines der zentralsten historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts auseinander zu setzen. Dennoch schafft es die amerikanische Geschichtswissenschaftlerin, das Schicksal von 525 000 jüdischen Menschen allegorisch anhand „weniger“ aufgeführter Beispiele zu thematisieren, zusammenzufassen und dem Leser einen tiefen Einblick in das Geschehen zu geben. Die Argumentation ist logisch durchdacht und strukturiert, weißt aber dennoch ein paar Mängel auf. In Anbetracht des Ganzen sind diese negativen Kritiken natürlich minimal. Der Titel des Buches wird im ersten Teil sehr intensiv behandelt, was bedeutet, dass hier mehr von jüdischen Frauen und ihren Erlebnissen berichtet wird. Leider nimmt dies zusehends ab und Kaplan berichtet nur noch verallgemeinernd. Ein Abweichen des Themas ist das auf keinen Fall, aber doch ein Abweichen der zentralen Fragestellung, die sich auf die weibliche jüdische Gesellschaft richtet. Des Weiteren fehlt es im Bereich der Anschaulichkeit an graphischen Darstellungen. Bei der Vielzahl an Statistiken scheint das sogar erforderlich, da der Leser in manchen Passagen fast von Zahlen und Fakten
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überschwemmt wird. Hinzukommt die geballte Information, die auf jüngere Leser wohl eher verwirrt als aufklärt. Deshalb empfiehlt es sich das Buch eher für wissenschaftliche Arbeiten im höheren Schulwesen und findet sehr gute Verwendung in akademischen Kreisen. Doch wie bereits erwähnt, liefert dieses überaus anregende Buch von Marion Kaplan aufschlussreiche Einblicke in die sechs Jahre andauernde schrittweise Einengung des jüdischen Lebensbereichs.
Literaturhinweis
Kaplan, Marion: Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland. Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 2003 1 .
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Arbeit zitieren:
Sandra Triepke, 2008, Rezension: Marion Kaplan - Der Mut zum Überleben. Jüdische Frauen und ihre Familien in Nazideutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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