1. Einleitung
Der heilige Alban von Verulam gilt als der erste Märtyrer Englands. Seine Verehrung ist seit dem fünften Jahrhundert belegt, die älteste Fassung einer Passio Albani datiert aus der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts. Baus schreibt in seinem Handbuch der Kirchengeschichte der Alban-Legende eine gewisse historische Bedeutsamkeit zu, da mit dem frühesten überlieferten Bericht des Martyriums „der erste sichere Anhaltspunkt für das Vorhandensein von Christen auf den britischen Inseln“ 1 gegeben sei.
Bei der hagiographischen Erforschung der Alban-Legende wie auch bei der Analyse der verschiedenen Überlieferungen ergeben sich jedoch eine Vielzahl von Widersprüchen, Unklarheiten und Unwahrheiten. Einige dieser Probleme konnten in der Vergangenheit dank intensiver Forschungsarbeit gelöst werden, auf andere offene Fragen kann man bis heute noch keine befriedigenden Antworten geben, wieder andere strittige Punkte hatten eine Aufsplitterung der Expertenmeinung zur Folge und führten zu einer Polarisierung der verschiedenen Positionen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Probleme in der Erforschung der Alban-Legende aufzuzeigen und zu erläutern sowie die in der Wissenschaft vorgebrachten Lösungsansätze kritisch darzustellen. Zu diesem Zwecke ist die Arbeit wie folgt strukturiert:
Im zweiten Kapitel wird einführend die Legende des heiligen Alban von Verulam nach Beda Venerabilis’ Überlieferung wiedergegeben. Es wurde die Version des ‚Ehrwürdigen’ gewählt, da diese eine der ältesten Fassungen der Passio Albani darstellt, die zugleich den meisten nachfolgenden Geschichtsschreibern als literarische Vorlage diente. So stellt Wilhelm Meyer fest: „Dieser Bericht Beda’s findet sich in vielen Legendenhandschriften separat abgeschrieben, und er ist...die letzte Grundlage der verschiedenen lateinischen, angelsächsischen und altenglischen Versionen, Predigten und Gedichte, welche in England vorhanden sind sowie der ähnlichen
1 aus: Baus, K.: Handbuch der Kirchengeschichte. Bd. 1. Freiburg / Basel / Wien 1962. S. 430. (künftig zitiert: Baus)
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festländischen Literatur“ 2 .
Das dritte Kapitel ist als Hauptteil der vorliegenden Arbeit anzusehen. Es beschreibt die Überlieferungsgeschichte der Alban-Legende, von der frühesten Erwähnung im fünften Jahrhundert bis zu Lydgates mittelalterlichem Gedicht zu Ehren St. Albans. Die Entwicklung der Legende soll an dieser Stelle ebenso aufgezeigt werden wie die Veränderungen, Ausschmückungen und Übertreibungen der verschiedenen Autoren. Im vierten Kapitel wird einer der strittigen Punkte in der Alban-Forschung erläutert, hierbei handelt es sich um die ungeklärte Frage nach Albans Lebenszeit und Todesjahr. Die gegensätzlichen Sichtweisen sollen in diesem Abschnitt vorgestellt, die Argumente und jeweiligen Gegenargumente untersucht und kritisch beurteilt werden.
Kapitel 5 setzt sich mit einem weiteren Diskussionspunkt auseinander, nämlich der Lokalisierung des Alban-Martyriums. Die Identifizierung der ehemaligen römischen Siedlung Verulamium als Ort des Martyriums wird in Expertenkreisen zwar weitgehend anerkannt, dennoch gibt es zwei widersprechende Ansätze, die eine andere Lokalisierung favorisieren. Diese Positionen sollen vorgestellt und bewertet werden, genauso wie die in der Forschung etablierte Lokalisierung bei Verulam. Das sechste Kapitel klärt über einen mittlerweile nachgewiesenen Übertragungsfehler auf. Der Geschichtsschreiber Geoffrey of Monmouth gab in seiner Fassung der Alban-Legende im 12. Jahrhundert erstmals einen Namen für eine der Hauptfiguren der Passio an, er nannte den Geistlichen, der Alban zum Christentum bekehrte, Amphibalus. Diese Bezeichnung resultierte jedoch, wie der Wissenschaftler Loth feststellte, aus einem Lesefehler. Eine ausführliche Erläuterung dieses Vorgangs wird gegeben.
Abschließend folgt das Literaturverzeichnis, unterteilt in Primär- und Sekundärtexte, sowie eine Auflistung benutzter Internet-Seiten. An dieser Stelle soll besonders auf die Arbeit von Wilhelm Meyer Die Legende des hl. Albanus, des Protomartyr Angliae, in Texten vor Beda (1904) hingewiesen werden. Der deutsche Wissenschaftler trug mit seinen Forschungsergebnissen wesentlich zu einer
2 aus: Meyer, W.: Die Legende des hl. Albanus, des Protomartyr Angliae, in Texten vor Beda. In: Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Bd. VIII. Berlin 1904. S. 14. (künftig zitiert: Meyer)
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Aufhellung der Überlieferungsgeschichte der Alban-Legende bei. Durch die Entdeckung dreier Handschriften aus dem sechsten Jahrhundert konnte Meyer erstmals die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen frühen Legendenversionen nachweisen und somit Fehlinterpretationen, Konjekturen und Interpolationen späterer Geschichtsschreiber offenbaren.
Des weiteren soll hier der Aufsatz St. Alban and St. Albans vom Bonner Historiker Wilhelm Levison, abgedruckt in Antiquity XV (1941), genannt werden. Levison stellt in seiner Schrift zahlreiche der offenen Fragen dar und bewertet sie anhand eigener Forschungsresultate. Hierbei bezieht er sich auch auf Meyers Studien und hinterfragt sie kritisch. Darüber hinaus gibt der Aufsatz einen Einblick in die Überlieferungsgeschichte sowie in die Tradition der Alban-Verehrung. Der kurze Text Review of W. Meyer’s ‚Die Legende des hl. Albanus, des Protomartyr Angliae, in Texten vor Beda’ (1905) von J. B. Bury erwies sich ebenfalls als sehr hilfreich bei der Erstellung der vorliegenden Arbeit. Bury analysiert hierin Meyers Argumentation und dessen Fazit. Der Forscher stimmt mit den Ergebnissen seines deutschen Kollegen zwar weitgehend überein, modifiziert Meyers Darstellung jedoch an einer Stelle.
Ebenso zu nennen ist der einleitende Teil des Buches John Lydgate: The life of Saint Alban and Saint Amphibal (1974), in dem der Herausgeber J. E. van der Westhuizen die Historie der Alban-Legende ausführlich beschreibt sowie strittige Forschungsmeinungen gegenüberstellt und bewertet.
Zuletzt soll noch darauf verwiesen werden, dass in der vorliegenden Arbeit aus Platzgründen auf die Untersuchung der strittigen Frage, ob Alban von Verulam und Albin von Rom dieselbe Person waren, verzichtet wird. Die Darstellung, Erläuterung und Beurteilung dieser Problematik allein würde genügend Stoff für eine dreißigseitige Hausarbeit liefern. Es sei nur kurz gesagt, dass in der benutzten Sekundärliteratur sehr oft von einer Verwechslung beider Heiliger gesprochen wird. So schreiben Stadler / Heim im Heiligenlexikon: „Einige halten ihn (St. Albinus, d. Verf.) für eine Person mit dem heiligen Alban von Verulam in England, aber mit Unrecht“ 3 . Auch das Lexikon für Theologie und Kirche weist darauf hin, dass der
3 aus: Stadler, J. / Heim, F.J. (Hrsg.): Heiligen-Lexikon. Bd. 1. Augsburg 1858. S. 114.
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Protomärtyrer Alban von England häufig mit dem heiligen Albinus verwechselt werde 4 .
Andererseits hält es der Wissenschaftler Beck für möglich, dass Alban von Verulam und Albin von Rom identische Person waren, zumal der 22. Juni der Festtag beider Heiliger sei. Der Forscher erklärt seine Annahme anhand mittelalterlicher Schriften, in denen Alban als englische Bezeichnung und Albin als deutscher und französischer Name des ersten Märtyrer Englands dargestellt werde 5 . Auch Reclams Lexikon der Heiligen und biblischen Gestalten 6 , Brauns Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen Kunst 7 und Aurenhammers Lexikon der christlichen Ikonographie 8 berichten von einer späteren Umänderung des Namens von Alban in Albin.
Die Legende des Hl. Alban 9 2.
Alban, der in der Provinz Britannia lebt, trifft zur Zeit der Christenverfolgungen 10 auf einen Geistlichen 11 , der sich auf der Flucht befindet und ihn um Hilfe bittet. Obwohl Alban die römischen Götter verehrt, versteckt er den Christen in seinem Haus und schützt ihn somit vor der Ergreifung. Der tägliche Kontakt mit dem Priester, dessen Lobgesänge und Erzählungen erwecken in Alban
Interesse für die christliche Religion, er lässt sich unterrichten und tritt schließlich zum Christentum über. Verstärkt wird sein Bekenntnis durch einen Traum, in dem
4 vgl.: Turck, U.: Alban. In: LThK, Bd. 1, Sp. 269. (künftig zitiert: Turck)
5 vgl.: Beck, M.: St. Alban in Uri. Ein Zeuge spätantiken Christentums. In: Zeitschrift für schweizerische Geschichte 1 (1948). S. 277 ff.
6 vgl.: Keller, H.L. (Hrsg.): Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Stuttgart 1968. S. 25. (künftig zitiert: Keller)
7 vgl.: Braun, J.: Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen Kunst. Stuttgart 1943. S. 49. (künftig zitiert: Braun)
8 vgl.: Aurenhammer, H.: Lexikon der christlichen Ikonographie. Wien 1959. S. 77. (künftig zitiert: Aurenhammer)
9 Version nach Beda Venerabilis. Die Gründe, warum diese Version der Alban-Legende hier wiedergegeben wird, wurden in der Einleitung erläutert.
10 Albans Lebensdaten sind in der Forschung umstritten, aus diesem Grunde wird hier keine zeitliche Einordnung genannt. Die wissenschaftliche Diskussion um die Datierung wird in Kapitel 4 aufgegriffen und eingehend untersucht.
11 Einige Quellen bezeichnen den Geistlichen mit dem Namen Amphibalus. Die Problematik hinsichtlich dieser Benennung wird im sechsten Kapitel dargestellt und erläutert.
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ihm Gott erscheint und vom Leiden, Sterben und der Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus berichtet.
Eines Tages nähern sich dem Haus Soldaten, die nach dem versteckten Kleriker suchen. Alban verhilft dem Verfolgten rechtzeitig zur Flucht, indem er ihm seine Kleidung überlässt. Auf diese Weise kann der Geistliche den Häschern unerkannt entkommen. Alban selbst jedoch tritt im Priestergewand des Flüchtlings den Soldaten entgegen, lässt sich gefangen nehmen und vor Gericht führen. Der Richter bietet Alban die Freiheit an, wenn er nur die christlichen Lehren verleugne und den römischen Göttern opfere. Der Angeklagte bekennt sich jedoch offen zum Christentum, auch Folterungen schwächen ihn nicht in seinem Glauben. Daraufhin wird Alban zum Tode durch Enthauptung verurteilt.
Der Weg zur Hinrichtungsstätte führt über eine Brücke, diese ist jedoch versperrt von Neugierigen und Schaulustigen. Alban betet zu Gott, worauf sich die Wassermassen des Flusses teilen und einen Weg für den Verurteilten und seinen Henker freimachen. Als der Scharfrichter 12 dieses Wunder wahrnimmt, wirft er sein Schwert zu Boden, fällt auf die Knie und lobpreist Gott; aus diesem Grunde wird er von Soldaten misshandelt.
Der weitere Weg führt Alban auf eine Anhöhe. Als der Verurteilte dort vor einem großen Stein niederkniet und Gott um Wasser bittet, entspringt eine sprudelnde Quelle aus dem Fels und löscht Albans Durst. An dieser Stelle wird der Gläubige von einem zweiten Scharfrichter enthauptet und stirbt den Märtyrertod. Der Henker, der auch seinen bekehrten Vorgänger mit dem Schwert richtet, wird von Gott bestraft und verliert das Augenlicht.
Dies geschah am 22. Juni nahe der römischen Siedlung Verulamium 13 . An der Stelle des Martyriums wurde später eine prachtvolle Kirche zu Ehren Albans erbaut, dort geschahen in der Folgezeit noch zahlreiche Wunder.
12 Der Scharfrichter, der nach Albans Wundertätigkeit den christlichen Glauben annimmt, wird in einigen Quellen Aracle oder auch Heraclius genannt. Siehe hierzu auch Kapitel 3.
13 Das heutige St. Albans in Hertfordshire nahe London.
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Heiden versuchen in Gegenwart des Richters, Alban zur Anbetung eines römischen Götterbildes zu zwingen.
Abbildung und Bildbeschreibung (übersetzt) aus: Cathedral & Abbey Church of St Alban. Abrufbar unter: http://www.stalbanscathedral.org.uk/photos/pagans.htm (Datum: 8.2.2003)
Eine Quelle entspringt nach Albans Gebet.
Abbildung und Bildbeschreibung (übersetzt) aus: Cathedral & Abbey Church of St Alban. Abrufbar unter: http://www.stalbanscathedral.org.uk/photos/triple.htm (Datum: 8.2.2003)
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Albans Enthauptung und das Schicksal des Scharfrichters.
Abbildung und Bildbeschreibung (übersetzt) aus: Cathedral & Abbey Church of St Alban. Abrufbar unter: http://www.stalbanscathedral.org.uk/photos/beheading.htm (Datum: 8.2.2003)
3. Die Überlieferung der Alban-Legende
Die erste Erwähnung von Alban, dem „heiligen Protomartyrer Englands“ 14 , findet sich in der Vita S. Germani, der Biographie des Bischofs Germanus von Auxerre 15 , die Constantius von Lyon 16 um 480 niederschrieb. Die Vita berichtet, dass der Bischof im Jahre 429 zusammen mit seinem Amtskollegen Lupus von Troyes eine Reise nach England unternahm, um dort die sich ausbreitenden Lehren des Pelagianismus zu bekämpfen. Nach beendeter Missionsfahrt besuchten die beiden Kleriker das Grab des Märtyrers Alban in Verulam, um für ihren Erfolg zu danken. Conpressa itaque perversitate damnabili eiusque auctoribus confutatis animisque omnium fidei puritate conpositis, sacerdotes beatum Albanum martyrem, acturi Deo per ipsum gratias, petierunt. 17
14 aus: Torsy, J.: Lexikon der deutschen Heiligen. Köln 1959. S. 21. (künftig zitiert: Torsy)
15 vgl.: Kötting, B.: Germanus von Auxerre. In: LThK, Bd. 4, Sp. 755 f: Germanus (* um 378, † 31. Juli 448) war seit Juli 418 Bischof von Auxerre. Er wird als Heiliger verehrt.
16 vgl.: Gruber, J.: Constantius v. Lyon. In: LexMA, Bd. 3, Sp. 173: Constantius’ exakte Lebensdaten sind unbekannt. Der Presbyter war Schüler des Germanus von Auxerre.
17 aus: Constantius von Lyon: Vita Germani episcopi. In: MG SS. Rer. Merov. VII, Kap. 16, S. 262.
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Karsten Kramer, 2003, Alban von Verulam, der erste Märtyrer Englands - Probleme und Lösungsansätze bei der Erforschung seiner Legende, München, GRIN Verlag GmbH
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