1. Einleitung S. 1
S. 1 1.1 Einführung in die wissenschaftliche
Relevanz
S. 3 1.2 Forschungsstand
S. 5 1.3 Aufbau und Vorgehensweise
S. 5 2. Nietzsches politische Zentralmotive und seine Verwendbarkeit für den Faschismus
S. 5 2.1 Die Verbindung eines Machtstaates mit einem Zweckstaat
S. 8 2.2 Der Kriegsbegriff bei Nietzsche
S. 9 2.3 Die Politische Rassenontologie Nietzsches
S. 11 3. Fazit
S. 13 4. Bibliographie
1
1. Einleitung
1.1 Einführung in die wissenschaftliche Relevanz
Kaum einem Philosophen kann treffender das Prädikat: eindeutige politische Zweideutigkeit, zweideutige politische Eindeutigkeit, zugeschrieben werden als Friedrich Nietzsche. Kurt Tucholsky formulierte 1932 in diesem Zusammenhang treffend: „Einige Analphabeten der Nazis, die wohl deshalb unter die hitlerischen Schriftgelehrten aufgenommen worden sind, weil sie einmal einem politischen Gegner mit dem Telephonbuch auf den Kopf gehauen haben, nehmen Nietzsche heute als den ihren in Anspruch. Wer kann ihn nicht in Anspruch nehmen! Sage mir, was du brauchst, und ich will dir dafür ein Nietzsche-Zitat besorgen. Bei Schopenhauer kann man das nicht so leicht: Bei Nietzsche … Für Deutschland und gegen Deutschland; für den Frieden und gegen den Frieden; für die Literatur und gegen die Literatur - was sie wollen.“ 2
Und doch oder aber eben gerade deswegen galt Nietzsche lange Zeit in der Rezeption unter Historikern, Philosophen und Politikern aller Couleur als intellektueller Wegbereiter des nationalsozialistischen Gedankengutes und der faschistischen Ideologie. Um die Frage nach einer wie auch immer gearteten Vorläuferschaft Nietzsches zu beantworten sollte ein Blick in seine Werke genügen, hierbei fällt auf, dass in keinem einzigen seiner Texte die Vokabel Faschismus oder auch faschistisch fällt. Woraus schöpfen also derartige Behauptungen ihre Legitimation?
Ein kurzer biographischer Exkurs bietet eine erste Antwort. Nietzsche blieb gegenüber allen einschneidenden sozialen und politischen Freiheitsbewegungen seiner Zeit skeptisch: dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes, dem Aufstand der Pariser Kommune 1870 und dessen Niederschlagung, oder aber auch der Entstehung der Sozialdemokratie, er zeigte sich gänzlich unberührt. Stattdessen sympathisierte er mit vorkapitalistischen Zuständen: der antiken Sklavengesellschaft, und exakt jener Schnittpunkt machte ihn für Kritiker so angreifbar, denn „ (…) kein anderes politisches Projekt der späteren Zeit stand ihm näher als das des
1 Faust I, Verse 1938-39.
2 Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke, Reinbeck bei Hamburg, 1975, Bd. 10, S. 14.
2
Faschismus.“ 3 Aus Sicht des aktuellen Forschungsstandes wäre es gänzlich vermessen Nietzsche einen Faschisten zu nennen, er findet sich heute gänzlich entnazifiziert. Und doch geistert die Begrifflichkeit des “Protofaschismus“ in Abgrenzung zum Faschismus im Zusammenhang mit Friedrich Nietzsche durch die Forschungsliteratur und es finden sich eine Vielzahl von Parallelen zwischen dem Denken des Philosophen und der Definition dieses Terminus. Unter Protofaschismus lassen sich zunächst alle Ansichten ansiedeln die zeitlich vor dem Faschismus auftraten und sowohl Metaphysik als nicht länger möglich, als auch Nihilismus als nicht länger nötig damit begründen, dass Gewalt ohne weiteres Ziel gerechtfertigt sei. 4 Protofaschismus ersetzt demzufolge Moral und Werte, sowie deren Begründbarkeit, durch Gewalt, Grausamkeit, Krieg und Sklaverei um derer selbst willen, der Faschismus ergänzt diese theoretischen Grundannahmen um einige weitere Aussagen und durch ein politisches Tun. Nietzsches normativer Diskurs der Destruktion „(…) versammelt wie kein anderer Züge des Protofaschismus.“ 5 Eine Frage auf die Antwort wie sich Nietzsche zu den politischen Entwicklungen, die in Italien und Deutschland ca. vierzig Jahre nach seinem Tod vonstatten gingen, positioniert hätte, bleibt schwierig zu beantworten, festzuhalten ist seine Instrumentalisierung durch die Herrschenden, offen bleibt aber die Frage ob und in welchem Umfang seine Überlegungen diese Instrumentalisierung mit verursacht haben.
Diese Arbeit strebt eine schwierige aber objektive Gradwanderung an: zum einen zwischen allem was sich heute als pronietzscheanisch gibt und Nietzsche rehabilitiert, und zu vergessen scheint, dass das was wir heute unter Politik verstehen, als Freiheit der Diskurse, von Nietzsche als Verfall, Dekadenz, Degeneration und Nihilismus betitelt worden wäre. Und zum anderen zwischen der Feststellung, dass Nietzsche von jeher die Sklaverei zur Vorbedingung für die Entwicklung und Entstehung von Kultur erhob, damit die nicht zu leugnenden Parallelen zum pädagogischen Konzept des Nationalsozialismus und der politischen Maßlosigkeit des Faschismus.
3 Taureck, Bernhard H.F.: Nietzsche und der Faschismus - Ein Politikum, Leipzig, 2000, S. 11.
4 Vgl. ebd.
5 Ebd., S. 13.
3
1.2 Forschungsstand
Die Bandbreite der für diese Arbeit relevanten Nietzscherezeptionen, d.h. Werke die Nietzsche in Zusammenhang mit nationalistischer, rassistischer, antisemitischer und faschistischer Ideologie in Verbindung bringen, ist sehr groß und begann bereits unmittelbar nach seinem Ableben.
1904 fiel der Name Nietzsche in einer Bemerkung des amerikanischen Psychologen G. Stanley Hall, der darum bemüht war den Völkermord an den Indianern in den Vereinigten Staaten mit Aussagen Nietzsches, so Stellungnahmen zu Rassismus und Selektion, zu untermauern. 6
Zwischen 1936 und 1946 machte Martin Heidegger den Philosophen in der Schrift „Nietzsche und der Faschismus“ zum Thema, nähert sich dabei den Aussagen Georg Lukás an, der den „Willen zur Macht“ zum zentralen Vergleichsargument zwischen Nietzsche und dem Faschismus erhob. Heidegger verzichtet allerdings auf eine wirklich stringente und nachvollziehbare Argumentation, ebenso wie auf die Klärung zentraler Begrifflichkeiten, vermeintlich um seine eigenen Verstrickungen und seine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus zu kaschieren. 7 Der wohl schlagkräftigste Text hinsichtlich des Herstellens von Verbindungen zwischen dem Schaffen von Nietzsche und dem italienischen Faschismus, der bekanntlich zeitlich gesehen vor dem Germanofaschismus entstand, war das 1921 veröffentlichte Schriftstück „Relativismus und Faschismus“. Mussolini hatte Nietzsche bereits schon vorher interessiert rezipiert und baute einige seiner wesentlichen Elemente, wie die Ablehnung der Existenz wissenschaftlicher ewiger Wahrheiten, in seine Legitimation der Entfesselung des Faschismus in politischer und erkenntniskritischer Hinsicht mit ein. 8 Diese Ansicht wurde zum identitätsstiftenden Hauptargument des Faschismus vor allem in Abgrenzung zum Bolschewismus, der feste Gesetzmäßigkeiten als ideologische Grundlage beinhaltete. Giulio Evola gilt in der Forschungsliteratur als der Theoretiker, welcher die größte Schnittmenge zwischen Nietzsche und Faschismus aufzeigte, ihn gar zu einer Art Messias dieser Denkrichtung erhob. Er prägte die Formel: Nietzsche Faschismus, und stellte ein Bindeglied zwischen Nietzsches politischem Rangordnungskonzept und dem hierarchisch strukturiertem NS-Rassenstaat her: „(…) Die Gestalt
6 Vgl. Stannard, David E.: American Holocaust, New York / Oxford, 1992, S. 245, 336.
7 Vgl. Taureck, Bernhard H.F.: Nietzsche und der Faschismus - Ein Politikum, Leipzig, 2000, S. 121 f.
8 Vgl. Taureck, Bernhard H.F.: Nietzsche und der Faschismus - Ein Politikum, Leipzig, 2000, S. 123.
4
Arbeit zitieren:
Hendrik Schneider, 2008, Friedrich Nietzsche in der Rezeption des Faschismus und Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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