S e i t e 3
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 3
Abk rzungsverzeichnis 5
Einleitung 7
Motivation und Zielsetzung 7
Herangehensweise 9
Hinweise zum Aufbau 10
I. TEIL: EXEGETISCHE UNTERSUCHUNGEN 12
1 Zum Bedeutungsspektrum der -Wortgruppe 13
1.1 Die traditionelle These 14
1.2 Die neue These 18
1.3 Fazit 21
2 Diakonisches Handeln in j disch-christlicher Tradition 23
2.1 Matthäusevangelium - einleitender Teil 23
2.2 Die Salz- und Lichtworte in Mt 5,13-16 28
2.2.1 Kontextanalyse - die Bergpredigt 28
2.2.2 Einzelexegese 34
Exkurs : Gute Werke 40
2.2.3 Zusammenfassung der Exegese 44
2.2.4 Biblische Aussagen über diakonisches Handeln 45
2.2.4.1 Diakonisches Handeln ist Teil der Identität der Kirche 45
2.2.4.2 Diakonisches Handeln wirkt missionarisch 46
2.3 Die Schilderung des Weltgerichts in Mt 25,31-46 47
2.3.1 Kontextanalyse - die Endzeitrede 47
2.3.2 Einzelexegese 51
2.3.3 Zusammenfassung der Exegese 57
2.3.4 Biblische Aussagen über diakonisches Handeln 57
2.3.4.1 Diakonisches Handeln ist Gerechtigkeitshandeln 57
2.3.4.2 Diakonisches Handeln ist Handeln an Gott selbst 58
2.3.4.3 Diakonisches Handeln ist konkretes Handeln 59
3 Gemeindediakonie der ersten christlichen Gemeinden 60
3.1 Die so genannte erste Diakonenwahl in Apg 6, 1-7 61
3.2 DiakonInnen in der biblischen Briefliteratur 64
3.3 Zusammenfassung 65
3.4 Biblische Aussagen über Gemeindediakonie 66
3.4.1 Gemeindediakonie orientiert sich an gesellschaftlichen Entwicklungen 66
3.4.2 Gemeindediakonie wird zur Qualitätssicherung delegiert 66
4 Fazit 67
5 Konsequenzen und Konkretionen 70
5.1 Berufsidentität 71
5.1.1 Das Professionalisierungsproblem von GemeindediakonInnen 73
5.1.3
5.2 Der Status 79
5.2.2
5.2.2.2
5.2.2.3 Mission und GemeindediakonInnen 88
5.2.3 Fazit 90
5.3 Handlungsfelder 91
5.3.2
5.3.3
6 Programmatische Perspektiven für die Berufskonzeption 100
7 Persönliches Schlusswort 106
VERZEICHNISSE UND ANLAGEN 108 Primärliteratur 109
Sekundärliteratur 109
Internet 116
Anlagen 117
Anlage 1 117
Anlage 2 121
Anlage 3 125
Abkürzungsverzeichnis
Biblische Bücher werden dem Abkürzungsverzeichnis des RGG 4 (1998) entsprechen abgekürzt.
A.a.O. am angegebenen Ort
bspw. beispielsweise
bzw. beziehungsweise
Ebd. Ebenda
EFH evangelische Fachhochschule
EKD Evangelische Kirche in Deutschland
GO Grundordnung
m.E. meines Erachtens
NT Neues Testament
nt neutestamentlich
Q Quelle Q bzw. Spruch-/Logienquelle
Q mt matthäischer Teil der Logienquelle
Q lk lukanischer Teil der Logienquelle
RGG Religion in Geschichte und Gegenwart
ThWNT Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament
TRE Theologische Realenzyklopädie
usw. und so weiter
VDWI Veröffentlichungen des Diakoniewissenschaftlichen Instituts
Vgl. Vergleiche
WUNT Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament
Einleitung
Motivation und Zielsetzung
Im Jahr 2003 wurden in meiner Heimat-Kirche, dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, revolutionäre Neuerungen im Bereich des Diakonats eingeführt: GemeindediakonInnen 2 werden seither ordiniert und sind dem Status nach PastorInnen gleichgestellt. 3 Dieser Beschluss stellt eine immense Aufwertung und Attraktivitätssteigerung des Berufsstandes von GemeindediakonInnen dar. Im Jahr 2003 begann ich das Studium der Religionspädagogik/ Gemeindediakonie an der evangelischen Fachhochschule Freiburg mit dem Ziel Gemeindediakonin zu werden. Erst im weiteren Verlauf meines Studiums realisierte ich, dass GemeindediakonInnen in den verschiedenen Kirchen ein sehr unterschiedlichen Stellenwert und Status beigemessen wird. In der badischen Landeskirche ist es z.B. bisher nicht möglich oder auf absehbare Zeit angedacht, GemeindediakonInnen einen Status vergleichbar mit dem meiner Heimat-Kirche zu verleihen. In dieser Spannung zwischen meinem persönlichen Hintergrund und den Erfahrungen in der Evangelischen Fachhochschule Freiburg stehend, beschäftigten mich von Anfang an Grundlagen meines Berufsstandes, dessen Stellenwert und Begründung in besonderem Maße. Es ergaben sich Fragen über die Berechtigung und den angemessenen Status meines zukünftigen Berufes. Wie wichtig sind GemeindediakonInnen? Und warum? Und welche Konsequenzen haben Antworten auf diese Fragen? Diese Fragen zogen sich durch mein gesamtes Studium.
2 Im Folgenden verwende ich diese umstrittene Schreibweise im Bemühen um eine inklusive und
gerechte Sprache im Sinne der gleichzeitigen Verwendung von weiblicher und männlicher Form. In
meinen Bemühungen um einen flüssigen Text verwende ich desweiteren ausschließlich die in der
Badischen Landeskirche übliche Berufsbezeichnung GemeindediakonIn und verzichte auf die
Erwähnung der in anderen Gliedkirchen der EKD verwendete Bezeichnungen für diesen
Berufstand. Berufsangehörigen mit anderslautenden Bezeichnungen sind aber selbstverständlich
ebenso gemeint bzw. angesprochen.
3 Vgl. Anlage 1
Ferner erlebte ich die unterschiedlichsten Reaktionen auf meinen Berufswunsch als Gemeindediakonin. Häufig begegnete mir die Vermutung, DiakonInnen seien kleine PastorInnen bzw. Hilfs-PastorInnen. Wiederholt stellten sich Fragen wie diese: „Warum brauchen wir denn eigentlich GemeindediakonInnen?“ „Warum kann das nicht die Pfarrerin bzw. der Pfarrer tun?“ Oder: „Ich bin eigentlich gegen GemeindediakonInnen, weil ich finde, dass mehr ehrenamtliches Engagement gefördert werden sollte.“ Bei einem Bewerbungsgesprächen begegnete mir der gut gemeinte Satz: „Es ist ja nicht so schlimm, dass sie theologisch nicht so tiefgehend ausgebildet sind.“ Nein, das ist nicht so schlimm. Denn das ist nicht meine Profession. Es ist ja auch nicht schlimm, dass PastorInnen pädagogisch nicht so tiefgehend ausgebildet sind. All diese Statements zeigen ein großes Unverständnis davon, was GemeindediakonInnen sind und was sie tun. Seit Jahrzehnten spitzt sich die Frage nach der Notwendigkeit von GemeindediakonInnen in dem Zweifel zu, ob die Gemeinde neben dem Pfarrer überhaupt einen zweiten Beruf oder gar ein zweites ordiniertes Amt verträgt.
Die Notwendigkeit von GemeindediakonInnen, ihr Berufsfeld und ihre spezifische Professionalisierung sind meiner Erfahrung nach für viele Mitarbeiter und Mitglieder der Kirche nicht selbstverständlich. So müssen GemeindediakonInnen ihre Berufsidentität sowie ihre Daseinsberechtigung immer und immer wieder selbstbewusst begründen und erklären können. Vertreter dieses Berufsstandes brauchen ein stabiles Selbstvertrauen, und eine Sicherheit darüber, was ihre Tätigkeit begründet und als dringend notwendig ausweist. Denn, wenn GemeindediakonInnen selber nicht wissen, wozu es sie gibt, wie sollen es dann andere verstehen? Und warum machen sie es dann?
Im Rahmen meiner Diplomarbeit erhielt ich von Frau Prof. Dr. Kirchhoff die Möglichkeit, mit Studierenden im ersten Semester in einem Seminar Teile der vorliegenden Arbeit zu erarbeiten und meine eigenen Erträge zu präsentieren. So bat ich die Studierenden ihre Berufsidentität zu beschreiben, indem sie benennen sollten, wozu es GemeindediakonInnen gibt. Es folgten erstaunlich viele Negativdefinitionen ihres Berufsstandes. Kaum jemand zählte spezifische Aufgaben oder Kompetenzen von GemeindediakonInnen oder ein für GemeindediakonInnen spezifisches Fachwissen auf, welches ihre berufliche
Existenz berechtigt. Hinzu kam, dass nahezu alle Wortmeldungen von angehenden GemeindediakonInnen den Berufsstand in Abgrenzung zum Pfarramt definierten. Außerdem ließen einige der Definitionen den Berufsstand der
GemeindediakonInnen sehr in die Nähe von ehrenamtlich engagierten MitarbeiterInnen rücken. Teilweise war ein berufliches Selbstwertgefühl zu erahnen, konnte aber nicht eindeutig kommuniziert werden. Das Thema dieser Arbeit ist mein Herzensanliegen. Ich möchte eine biblischtheologische Begründung unseres Berufsstandes formulieren. Ich will klären können, warum es GemeindediakonInnen gibt, und ob bzw. warum sie so notwendig für die Kirche und in der Kirche sind. Auf diese Weise sehe ich diese Arbeit als einen Beitrag zur Stärkung des beruflichen Selbstbewusstseins von GemeindediakonInnen in der Praxis und im Studium. Doch nicht nur Studierende und GemeindediakonInnen sind Adressaten dieser Arbeit. Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass die hier erarbeiteten Inhalte in Gemeinden und Kirchen sowie Gemeinde- und Kirchenleitungen bekannt und vor allem immer mehr umgesetzt werden!
Herangehensweise
Eine Annäherung an den Berufsstand von GemeindediakonInnen ist in unterschiedlicher Art und Weise sinnvoll. So wäre eine historische Herangehensweise denkbar, die die Entwicklung des Berufes untersucht. Ebenso wäre es wertvoll, die bekenntnismäßigen oder rechtlichen Grundlagen des Berufes zu beleuchten und zu reflektieren. Die Confessio Augustana, das darin enthaltene Ämterverständnis oder die Stellung von GemeindediakonInnen in der Grundordnung der EKD oder ihrer Gliedkirchen, wäre ein interessantes Forschungsfeld. Auch die eingehendere Beschäftigung mit
Professionalisierungstheorien oder die empirische Untersuchung und Beschreibung einer spezifischen Professionalität von GemeindediakonInnen wäre
eine reizvolle Herausforderung, wie sie gerade in diesem Jahr Rainer Merz auf faszinierende Art und Weise in seiner Dissertation 4 bewältigt hat. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen musste ich mich leider für einen Zugang zum Thema entscheiden.
Im Laufe der exegetischen Untersuchungen wurde mir bewusst, dass es mein besonderes Anliegen ist, eine biblisch-theologische Begründung des Berufsstandes der GemeindediakonInnen zu erarbeiten. Es ist viel über die historische Entwicklung geschrieben worden. Ebenso ist kirchengeschichtlich sowie -politisch viel zum Thema gesagt worden und noch zu sagen. In dieser Arbeit ist das „Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments gegeben ist“ 5 die Grundlage der Überlegungen zum Berufsstand der GemeindediakonInnen. Nach dem sprichwörtlichen Motto back to the roots will ich prüfen, welche biblisch-theologische Grundlagen für den Beruf der GemeindediakonInnen existieren und welche Konsequenzen diese haben bzw. haben müssten, wenn die Kirche sich „auf das in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments bezeugte Wort Gottes, die alleinige Quelle und oberste Richtschnur ihres Glaubens, ihrer Lehre und ihres Lebens“ 6 gründen will.
Hinweise zum Aufbau
Die vorgelegte Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert: An ausführliche exegetische Untersuchungen schließen Folgerungen der Erträge dieser Untersuchungen an, um eine biblisch-theologische Begründung des Berufsstandes der
GemeindediakonInnen formulieren zu können. Anfangs werde ich den der Berufsbezeichnung DiakonIn zugrunde liegenden griechischen Begriff diakonos auf sein Bedeutungsspektrum hin untersuchen. Dieser Schritt ist deswegen so fundamental, weil eine falsch verstandene Berufsbezeichnung einer konstruktiven
4 Vgl. Merz (2007).
5 GO der EKD (2003).
6 Vorspruch, GO der Evangelischen Landeskirche in Baden (2006).
Profilierung des Berufsstandes der GemeindediakonInnen im Wege stehen könnte. Anschließend werden einige biblische Texte exegetisch auf ihre Aussagen über diakonisches Handeln, Gemeindediakonie und GemeindediakonInnen untersucht: Zunächst stehen biblische Aussagen zu diakonischem Handeln im Vordergrund, die anhand zweier matthäischer Texte erarbeitet werden. Darauf folgen Untersuchungen von Texten der Apostelgeschichte und biblischer Briefliteratur auf ihre Aussagen zu gemeindlicher Diakonie und GemeindediakonInnen. Im zweiten Teil dieser Arbeit werden Folgerungen der erarbeiteten biblischen Aussagen über diakonisches Handeln und Gemeindediakonie formuliert. Anhand exemplarischer Konkretionen werde ich darstellen, dass diese biblische Aussagen Konsequenzen für den heutigen Berufsstand von GemeindediakonInnen haben müssen. Diese werden anschließend als programmatische Perspektiven für eine Berufskonzeption vorgestellt.
1 Zum Bedeutungsspektrum der -Wortgruppe
Die Berufsbezeichnung von GemeindediakonInnen besteht aus den Substantiven Gemeinde und DiakonIn, die jeweils so mehrdeutig sind, dass das Komposita nicht eindeutig wird, sondern im Gegenteil unterschiedlichst gefllt werden kann. Der Teilbegriff Gemeinde kann die Gemeinde als ein Haus oder eine Versammlung von Menschen, eine Kirchen-, Pfarr- oder Anstaltsgemeinde meinen. Whrend hierunter demzufolge mehrere in sich eindeutig definierbare Begriffe gemeint sein knnen, ist der Begriff DiakonIn semantisch unklar. Neben der Bezeichnung Diakon ist der der Diakonie verbreitet, welcher gewhnlich als Synonym fr Liebesttigkeit (Caritas) verwendet 7 wird. Dementsprechend erscheint das Epitheton diakonisch als ein motivanzeigendes Beiwort fr dasjenige soziale Handeln, das aus christlichem Glauben erwchst. 8 Ein Diakon wre folglich ein Mensch, der aufgrund seines christlichen Glaubens eine Liebesttigkeit ausfhrt. Fr dieses landlufige Verstndnis von Diakonen oder Diakonie findet sich allerdings kaum ein Anhaltspunkt in der etymologischen Wortbedeutung. Die Grundlage des Wortes Diakon ist das griechische Wort /diakonos, welches hufig mit Diener bersetzt wird. Fr das, was wir heute mit Dienen oder Dienst meinen, findet das Griechische sechs verschiedene Begriffe 9 : Douleuein, latreouin, leiturgein, hypäretein, hierourgein und diakonein.
Douleuein oder douloun bezeichnet im NT an 33 Stellen den Dienst eines Sklaven. Fr diesen hat sein eigener Wille und Motivation keine Bedeutung. Er muss seinen Dienst tun, da er seinem Herrn untersteht. Der Dienst im kultischen, also auch gottesdienstlichen Bereich, wird blicherweise eher mit latreouin bezeichnet. Fr diesen Bereich benutzt das Neue Testament aber auffallend profane Begriffe. Dahingegen wird in den 26 Fundstellen im Neuen Testament latreou auf das ganze Leben eines Christen ausgeweitet (Rm 12,1): Das ganze Leben soll Gottesdienst sein! Leiturgein wiederum beschreibt den Dienst eines Priesters, wie aus 14 Stellen
7 Philippi (1981), 621.
8 A.a.O., 621.
9 Vgl. Luz (2005), 17. Sowie: Vgl. Rienecker (2004), 346.
im NT zu entnehmen ist. Hierourgein meint im Griechischen auch den priesterlichen Dienst, ist im NT aber nur in Röm 15,16 zu finden. Hier bezeichnet Paulus mit diesem Begriff seine Verkündigungstätigkeit. Diese Textstelle zeigt, wie nahe sich die verschiedenen Begriffe sind, da sie in Röm 15,16.25.27 im gleichen Kontext verwendet werden. Das Verb hypäretein meint im Griechischen das Dienen des Rudersklaven und findet sich als Verb nur in der Apg (Apg 13,36; 20,34; 24,23). Das Substantiv wird weitere 20 Mal im NT gebraucht. Diakonein, also das Verb dienen erscheint dort 37 Mal. Daneben taucht 34 Mal das davon abgeleitete griechische Wort für Dienst und 29 Mal das für Diener auf. Gegenwärtig bestehen vor allem zwei vorherrschende Thesen darüber, was dieses Verb diakonein und die davon abgeleiteten Begriffe diakonos und diakonia bedeuten. Nach der traditionellen These meint diakonia einen „Dienst der Liebe am Nächsten, und zwar in der Niedrigkeit, wie Jesus sie gelebt hat“ 10 , während die neue These dem widerspricht und diakonia als eine Vermittlertätigkeit deutet, welche „die Beauftragung als wichtigsten Aspekt“ 11 bewertet. Diese Thesen werden im Folgenden dargestellt.
1.1 Die traditionelle These
Nach der traditionellen These von Herman Wolfgang Beyer 12 bezeichnete diakonia im Profangriechischen einen niedrigen Tischdienst im Sinne von bei Tisch aufwarten. Er stellt fest, dass der Schwerpunkt des Begriffes „auf der Unterworfenheit des Dienenden“ 13 liege und dieses Dienen in „den Augen eines Griechen etwas Minderwertiges“ 14 sei. Nach dieser traditionellen Deutung bezeichnete diakonein im Hellenismus eine minderwertige Tätigkeit, die eines freien Mannes unwürdig war, wie auch in Lk 22,27a herausgestellt werde: „Wer ist
10 Benedict (2003), 127.
11 Hentschel (2007), 85.
12 Beyer (1935).
13 A.a.O., 81.
14 Ebd.
größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende?“ 15 Beyer geht davon aus, dass dieser Begriff aus der griechischen Alltagssprache stammt und erst im Judentum auf den Kult und die tätige Nächstenliebe bezogen worden sei. 16 Dort sei er aber bis in das Spätjudentum immer weniger als Hingabe am Nächsten sondern immer stärker als „verdienstliches Werk vor Gott empfunden“ 17 worden. Anschließend, so vermutet Beyer, sei diakonein im sich neu bildenden Christentum im Sinne des eigenen Ethos völlig umgedeutet worden. So werde im NT mit der Selbstbezeichnung Jesu als diakonos ein Paradigmenwechsel eingeläutet. In Mt 20,26b-27 wird deutlich, dass es nicht bei der Selbstbeschreibung Jesu bleibt, sondern dass diakonein die Sendung und den Auftrag Jesu an seine Nachfolger darstellt: „wenn jemand unter euch groß werden will, wird er euer Diener [=diakonos] sein, und wenn jemand unter euch der Erste sein will, wird er euer Sklave sein.“ Diakonein wurde laut Beyer durch Jesus „zum Inbegriff der gottgewollten sittlichen Haltung des ihm nachfolgenden Menschen gemacht.“ 18 Daher werde die Tätigkeit der Apostel wird mit diesem Wort beschrieben wie beispielsweise in 2Kor 3,3 und 2Kor 6,3. Im Petrusbrief wird die zentrale Bedeutung des Dienens für jeden Christen betont: „Wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat, so dient damit einander als gute Verwalter der verschiedenartigen Gnade Gottes!“(1Petr 4,10)
Beyer ist der Meinung, das Christentum hätte den ursprünglich profanen Begriff des eher unwürdigen Dienens zur programmatischen Beschreibung eines Christusnachfolgers umgedeutet. Angemerkt sei hier noch, dass Beyer diesen Vorgang reichlich grenzwertig als Reinigung des Dienstbegriffs „von den Verfälschungen, die er im Judentum erfahren hat“ 19 betrachtet. Weiterhin wurde er in seiner Interpretation stark von Wilhelm Brandts Untersuchung „Dienst und
15 Alle Bibelzitate aus der revidierten Elberfelder Übersetzung (1999).
16 Vgl. Beyer (1935), 83.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Beyer (1935), 83.
Dienen im Neuen Testament“ 20 geprägt. Brandt sah diesen Dienst des NT vor allem im Wirken der Kaiserswerther Diakonissen verwirklicht. So wurde unser heutiger Diakonie-Begriff stark von der Inneren Mission des 19. Jahrhunderts geprägt. Zahlreiche Lexika übernahmen die Befunde Beyers unkritisch. Unter anderem ist hier das RGG 21 in der dritten Auflage von 1958 oder das griechisch-deutsche Wörterbuch von Bauer zu nennen. Alles in allem finden sich in den gebräuchlichen Wörterbüchern zum NT immer wieder Hinweise auf die Niedrigkeit des Dienens. So wird diakonia zumeist als Hilfeleistung und der diakonos als Helfer und Diener übersetzt 22 und so verweist Bauer beispielsweise auf die Bedeutung Unterstützung und auf den niedrigen Tischdienst 23 . Dort werden als Grundbedeutungen für diakonos die deutschen Bezeichnungen Diener oder Helfer als Übersetzungen angeboten 24 . Ebenso wird hier auf Jesus als Vorbild für diakonisches Handeln verwiesen, der seine Nachfolger dazu aufruft, so wie er ein Diener [diakonos] für andere zu sein. Bei Bauer wird ferner das kirchliche Amt des Diakons und der Diakonin erwähnt, welches besonders mit Verweisen auf Hinweise im Timotheus-, Philipper- und Römerbrief belegt wird. Aufgrund einiger Verse wird ein so genanntes dreigliedriges Amt angenommen. Laut Bauer kann unter Diakonie ein Dienst im Auftrag der Kirche verstanden werden. Doch darauf soll später näher eingegangen werden. 25
Neben dieser Prägung unseres heutigen Verständnisses der diak-Wortgruppe kursiert in manchen Kreisen eine etymologische These. Diese besagt, das griechische Wort für Diener, also diakonos, würde aus zwei zusammengesetzten griechischen Begriffen bestehen. Bei drei verschiedenen Variationen dieser These wird dia mit durch, hindurch übersetzt. Anschließend stellen diese Variationen Vermutungen über den folgenden angeblichen Teilbegriff -konos/-konia/-konein
20 Vgl. Brandt (1931).
21 RGG (1958).
22 Vgl. Kassühlke (1997), 44.
23 Bauer (1988), 368.
24 A.a.O., 369.
25 Vgl. Kapitel 3.2 DiakonInnen in der biblischen Briefliteratur.
an. Dieser wird bspw. als konos Haus 26 , als ein verwandter Begriff von conari sich abmühen 27 oder als konis Staub 28 identifiziert. Diesen Variationen entspringen demnach die unterschiedlichste Bedeutungen, die aber alle drei in eine hnliche Richtung weisen: Die zwei ersteren meinen, ber die Ursprungsbedeutung Hauswirtschaft wre die Hauptbedeutung von diakonos ( ) Diener entstanden. So sei mit dem Verb diakonein ursprnglich Dienen am Tisch oder den Lebensunterhalt versorgen gemeint 29 . Die dritte Variante betont die Unterwrfigkeit des Dieners, indem sie ihren bzw. seinen Dienst als durch den Staub gehen beschreibt. 30 Abzulehnen sind alle drei bersetzungsversuche, da das a in dieser Wortbedeutung kurz, das in diakonos aber lang ist. 31 Zusammenzufassen ist: Zum Verb diakonein wird nach der traditionellen These dienen, helfen und für jemanden sorgen assoziiert. Dabei lag der Gedanke an die Innere Mission des 19. Jahrhunderts zugrunde. So ist es naheliegend, dass immer noch Begriffe wie Demut, Hingabe und Selbstlosigkeit mitschwingen, wenn jemand nach dieser weit verbreiteten Tradition als DiakonIn bezeichnet wird. Nach der traditionellen These wird demnach unter einem Diakon ein Mensch verstanden, der einen untergeordneten Dienst der Nchstenliebe im Auftrag Jesu und seiner Kirche versieht. Im Vordergrund des Verstndnisses steht dabei meist der erste Teil dieser Definition: Der untergeordnete oder gar unterwrfige und demtige Dienst am Menschen mit christlicher Motivation.
26 Vgl. Wikipedia, Diakonie (2007).
27 Coenen (1997), 941.
28 Horstmann (2007), 24.
29 Lexikon zur Bibel (2004), 346.
30 Horstmann (2007), 24.
31 Ebd.
1.2 Die neue These
Von dieser traditionellen These abweichend entstand in den letzten Jahrzenten eine Neuinterpretation des Diakonie-Begriffs durch John N. Collins. Der katholische Theologe aus Australien vertritt die These, der griechische Wortstamm des Begriffs Diakonie stelle nicht karitative Hilfsleistungen, die tätige Nächstenliebe oder den Hilfebedürftigen, sondern den Gehorsam eines Mandatsträgers in den Mittelpunkt. 32 Bisher wurden Collins Untersuchungen nicht in die deutsche Sprache übertragen. Hans-Jürgen Benedict war der Erste, der Collins Thesen im deutschen Sprachraum bekannt machte. 33 In der gleichen Tradition steht Anni Hentschel mit ihrer Dissertation „Diakonia im Neuen Testament“. 34 Beide beschreiben, dass Collins durch den Vergleich der Verwendung von diakonia, diakonos und diakonein im NT und ihrem Gebrauch in paganen antiken Quellen zu einer „Re-Interpretation“ 35 , also einer Neuinterpretation oder Umdeutung des Begriffes gelangte. Collins kann im Gegensatz zu Beyer keine Umdeutung der diak-Wortgruppe im NT zu dessen Bedeutungsspektrum in der griechischen oder gar jüdischen Umwelt entdecken. Mit dieser Neudeutung des Diakonie-Begriffes stellt Collins die „ganze Auslegungstradition in Frage.“ 36 Die traditionelle These, die besonders durch Beyer 37 und Brandt 38 entstand, bezeichnet Collins als Missverständnis und „Engführung des griechischen Lexems und seiner Bedeutungsgehalte.“ 39 Collins erkennt in den Worten rund um den Wortstamm diakonia gerade nicht die tätige Nächstenliebe, den Dienst am Nächsten, die Barmherzigkeit und den demütigen und hingegebenen Dienst: „Care,
32 Vgl. Brandt (2004), 2.
33 Benedict (2003).
34 Hentschel (2007).
35 Vgl. Collins (1990).
36 Brandt (2004), 1.
37 Beyer (1935).
38 Brandt (1931).
39 Hentschel (2007), 22.
concern, and love (…) - are just not part of their field of meaning.” 40 Er stellt drei Bedeutungsbereiche fest, in denen die diak-Wortgruppe verwendet wird: „Message, agency, attendance upon a person or in a household.“ 41 Auf deutsch in etwa: Botengänge, Übermittlung von Botschaften, Ausführung von Aufgaben, Aufwartung gegenüber einer Person bzw. Arbeiten in einem Haushalt. 42 Demnach geht es bei Diakonia nicht um den Dienst am Nächsten, sondern um „den Dienst für einen Herrn, um das Dienen im Namen, im Auftrag und im Interesse einer übergeordneten Instanz.“ 43 Als Beispiel verweist Collins auch auf die Bezeichnung des Götterboten Hermes als diakonos. 44 Das Griechisch-Englische Lexikon, das aus Bauers Wörterbuch entstanden ist, folgt Collins‘ neuer Übersetzung: Hier wird auf die Übersetzung „to function as an intermediary, act as gobetween/agent, be at one’s service” verwiesen. Christus wäre demnach nach Mk 10,45b nicht als Diener gekommen, sondern „to carry out an assignment, zu deutsch: (…) um einen Auftrag (eine Aufgabe) auszuführen.“ 45
Collins versteht unter diakonos weniger einen Diener als einen Gesandten, einen Beauftragten, einen Vermittler bzw. einen Übermittler und unter diakonein ein dazwischen gehen. Dabei können die zu übermittelnden Güter sowohl Nachrichten als auch Speisen sein. Das Überbringen von Speisen, also die Bedeutung von bei Tische dienen ist allerdings laut Collins nicht die Grundbedeutung, wie Beyer behauptet, sondern nur „eine mögliche Bedeutung von dazwischen gehen.“ 46 In der Weiterführung dieses Gedankens stellt der Diakonie-Begriff laut Collins die Beauftragung in den Vordergrund.
40 Collins (1990), 254.
41 Vgl. a.a.O., 335.
42 Vgl. Hentschel (2007), 22.
43 Brandt (2004), 2.
44 Collins (1990), 90ff., 194.
45 Brandt (2004), 4.
46 Benedict (2003), 129.
Die „von den heutigen Exegesen behauptete Niedrigkeit“ 47 des diakonos steht dabei keineswegs im Vordergrund der Wortbedeutung, da dieser Begriff nicht den Status beschreibt, sondern eher eine Aktivität benennt.
Da dieser Begriff laut Collins nicht aus der Alltagssprache stammt, sondern in Gedenkinschriften und Zusammenhängen tief religiöser Natur zu finden ist, wertet die Tätigkeit der diakonia den Beauftragten im Gegensatz zu Beyers Aussagen stark auf: Der Begriff enthält eine „Konnotation von etwas Speziellem, ja Würdigem.“ 48 Durch diese Re-Interpretation wird aus dem Diakon also ein Vermittler oder ein Beauftragter. Collins Forschungsergebnisse widersprechen demnach dem traditionellen Gebrauch des deutschen Begriffes Diakon oder Diakonie. In der sehr wesentlichen Dimension des Status schaffen sie m.E. Weite und werten die als DiakonInnen Bezeichneten stark auf. Durch diese Neudeutung wird ein entscheidender Konflikt der Diakonie gelöst. Theißen führt Argumente für eine „Legitimitätskrise der Hilfe“ 49 an, die negative Nebenwirkungen von Hilfe und Hilfehandlungen aufzeigen. Unter anderem nennt er das soziologische Argument, dass Hilfe „oft nur eine kaschierte Form von Machtausübung und damit zumindest anfällig für die Schädigung des anderen“ 50 sei. Die Geschichte der Entwicklungspolitik als Machtpolitik ist ein unrühmliches Beispiel dafür. Wenn Hilfehandeln innerhalb von Diakonie aber als Vermittlungstätigkeit verstanden wird, geht es gerade nicht mehr darum, die eigene Macht auszubauen und zu sichern. Hier geht es immer um den Auftrag eines anderen, einer höheren Instanz. Je nach Status des Auftraggebers kann ein diakonos „mit einem hohen Autoritätsanspruch auftreten“ 51 . Dazu ist er aber freilich nur berechtigt, solange er sich auftragsgemäß verhält. Laut Collins Untersuchungen sind im NT mit den zu übermittelnden Gütern meist Botschaften vom Himmel, Botschaften zwischen den Kirchen oder Beauftragungen der Kirche
47 Ebd.
48 Benedict (2003), 129.
49 Theißen (1999), 35.
50 A.a.O., 36.
51 Hentschel (2007), 86.
gemeint. Der diakonos meint im NT kein/e DiakonIn im Sinne eines Amtes. Dass DiakonInnen im Neuen Testament etwas völlig anderes waren als heute, wird an anderer Stelle noch einmal ausführlicher thematisiert. 52 Hier ist aber festzuhalten, dass ein/e DiakonIn ein „Agent in heiligen Angelegenheiten“ 53 ist.
1.3 Fazit
Die traditionelle These, dass Diakonie bzw. diakonisches Handeln ein selbstloser und niedriger Dienst am Nächsten sei, ist nach diesen Darstellungen überholt. Bei Collins wird ersichtlich, dass das griechische Wortes im NT keine Umprägung erfährt, sondern im NT wie im Hellenismus eine Beauftragung von Höchster Stelle meint. Demnach geht es bei diakonia „um Vermittlungstätigkeiten aller Art.“ 54 Vermittelt werden können Güter für materielle Grundbedürfnisse, wie in Apg 6,2, gleichermaßen kann aber auch die Vermittlung einer Botschaft gemeint sein, wie in Apg 6,4 beschrieben. Konsequenzen macht Wilfried Brandt 55 durch einen Vergleich zwischen dem Gebrauch der Begriffe Mission und Diakonie deutlich: Mission wird landläufig mit Evangelisation gleichgesetzt, meint im eigentlichen Wortsinn aber lediglich die neutrale Sendung. Ebenso ist es mit der Diakonie: Gewöhnlich wird darunter der Liebesdienst der Christen verstanden. Tatsächlich meint es aber allgemein einen Vermittlerdienst, die Ausführung eines Auftrages. Der entscheidende Unterschied liegt in der Bekanntheit dieser Tatsache. Während der Begriff Mission immer wieder umgangssprachlich in der ursprünglichen Bedeutung verwendet wird, bleibt die eigentliche Bedeutung des Wortes Diakonie bisher meist unbeachtet und muss bei Übersetzungen und Interpretationen immer bewusst mit bedacht werden. Zu beachten ist die Reihenfolge: Christliche DiakonInnen sind demnach zunächst Beauftragte und erst in der Ausführung
52 Kapitel 3.2 DiakonInnen in der biblischen Briefliteratur.
53 Benedict (2003), 130.
54 Leutzsch (2007), 2345.
55 Vgl. Brandt (2004), 5.
dieses Auftrages, welcher bspw. dem Liebesgebot Christi (Mk 12,31f) entspricht, auch „hilfreich sozial Handelnde und Dienende.“ 56 Diakonie im Sinne von tätiger Liebe ist also nach Collins nur dann Diakonie wenn sie im Auftrag einer höheren Instanz verstanden wird und nicht automatisch jeder - oder eben ausschließlich -Dienst am Nächsten, jede tätige Nächstenliebe.
Nun bleibt zu klären, wie in dieser Arbeit die Worte Diakonie, diakonisches Handeln und der Begriff (Gemeinde-)DiakonIn verwendet wird. In unserer Alltagssprache sind häufig karitative Tätigkeiten impliziert, wenn von Diakonie oder diakonischem Handeln die Rede ist. Wie gezeigt wurde, kann aber eine besondere Wohltätigkeit oder Hilfsbereitschaft bei einem diakonos nicht vorausgesetzt werden. Keineswegs ist es aber auszuschließen, „dass das Lexem in einem entsprechendem Kontext (…) auch eine karitative Tätigkeit umschreiben kann.“ 57 Da diese Arbeit sich mit dem Berufsfeld der christlichen GemeindediakonInnen auseinandersetzt, wird im Folgenden Diakonie und diakonisches Handeln immer in einem christlichen Horizont verwandt. Weil aber innerhalb der jüdischchristlichen Religion das Liebesgebot eine zentrale Rolle spielt 58 , werde ich im Weiteren die Begriffe Diakonie und diakonisches Handeln als vermittelndes Handeln im besonderen Sinne verwenden, nämlich im Sinne der Vermittlung von karitativen Tätigkeiten und Hilfehandeln. Diakonie und diakonisches Handeln umschreibt in dieser Arbeit also die Nächstenliebe in Wort und Tat, die im Auftrag des dreieinen Gottes geschieht. Ich möchte betonen, dass es meinem Verständnis von Diakonie entspricht, dass diakonisches Handeln Wort und Tat beinhaltet. Denn auch mit Worten werden „gute Taten“ 59 getan. Wichtig ist hierbei, dass Diakonie und diakonisches Handeln nur in einem Sinne karitativen Tätigkeiten entspricht: Ausschließlich als Konsequenz des Auftrages Gottes.
56 Benedict (2003), 131.
57 Hentschel (2007), 88 58 Vgl.: Kapitel 2.2.2: Exkurs: Gute Werke. 59 Vgl. ebd.
2 Diakonisches Handeln in jüdisch-christlicher Tradition
Anhand von zwei Exegesen wird die Rolle von diakonischem Handeln in der jüdisch-christlichen Tradition untersucht und dargestellt. Zunächst folgt eine Exegese der Salz- und Lichtworte in Mt 5,13-16. Dieser Text erscheint mir in diesem Zusammenhang besonders geeignet, weil er für die Beschäftigung mit Diakonie recht untypisch ist und vergleichsweise selten angeführt wird. Der zweite untersuchte Text ist die Schilderung des Weltgerichts in Mt 25,31-46, der einen eher klassischen Diakonie-Text darstellt. Da beide Texte matthäisch sind, wird den Exegesen eine Einleitung in das Matthäus-Evangelium vorangestellt.
2.1 Matthäusevangelium - einleitender Teil (1) Verfasser
Als Verfasser des Matthäusevangeliums ist wahrscheinlich nicht der Apostel Matthäus anzunehmen, wie die Bezeichnung dieser Schrift nahelegt. Die starke Bezugnahme des Matthäusevangeliums auf das Markusevangelium, also die Orientierung eines Augenzeugen an einer Schrift eines Nicht-Augenzeugen, wäre kaum erklärbar. Der Verfasser des Matthäusevangeliums nimmt den Augenzeugen Matthäus wahrscheinlich wegen dessen herausragenden Stellung in der Ursprungsgemeinde des Evangeliums in Anspruch. Laut Schnelle ist der Verfasser ein Vertreter eines „liberalen hellenistischen Diaspora-Judenchristentums.“ 60 Hinweise auf einen heidenchristlichen Verfasser widerlegt besonders ausführlich Ulrich Luz 61 in seinem Matthäus-Kommentar. Es ist anzunehmen, dass der Urheber als Lehrer in seiner Gemeinde tätig und gebildet, wenn auch nicht rabbinisch geschult, ist. 62
60 Schnelle (2005), 265.
61 Vgl. Luz (1985), 62-65.
62 Vgl. Schnelle (2005), 263-264
(2) Zeit und Ort der Abfassung
Der genaue Ort der Abfassung des Matthäusevangeliums ist umstritten. Laut Schnelle 63 kann aber Syrien als Entstehungsort und die Zeit um 90 n. Chr. als Abfassungszeit angenommen werden.
(3) Adressaten
Die matthäische Gemeinde wird wesentlich von dem Bruch mit Israel bestimmt. 64 Die Distanz zu nicht christusgläubigen Schriftgelehrten und Pharisäern und ihrem Tun wird beispielsweise in Mt 6,1-18; 23,1-36 sehr deutlich. Ob die Heidenmission in der matthäischen Gemeinde Usus war, ist umstritten: Schnelle meint, durch den so genannten Missionsbefehl (Mt 28,18-20), dem eine zentrale Stellung im Matthäusevangelium zukommt, würde deutlich, dass die Heidenmission schon Teil der gemeindlichen Aktivitäten war. Doch verweist er auf Luz, der die Spannung zwischen Mt 10,5f und Mt 28,19f hervorhebt. Luz vermutet die Gemeinde auf dem Weg zur Öffnung für die Heidenmission und ist der Ansicht, Matthäus beziehe mit seinem Evangelium gezielt Stellung für diese neue Richtung der Gemeinde. Petrus scheint in der matthäischen Gemeinde eine besondere Stellung zuzukommen, worauf das Felsenwort in Mt 16,17-19 hindeutet und die ihm zugeschriebene Vollmacht zum Binden und Lösen. Indem diese Vollmacht anschließend (Mt 18,18) ebenso der Gemeinde zugeschrieben wird, wird Petrus zum Vorbild und Beispiel für einen Nachfolger Christi.
63 Vgl. a.a.O., 265f.
64 A.a.O., 266.
(4) Matthäus als Synoptiker
Wie schon erwähnt, rezipiert das Matthäusevangelium stark das Markusevangelium als Quelle. Daneben lag vor allem die Logienquelle Q vor, aus der einige Redekomplexe wie beispielsweise zumindest Teile der Bergpredigt stammen. Mithilfe von Q wird die vorliegende Schrift durch eine ethische Dimension ergänzt. Denn nach Mt sind das Gesetz und die Propheten nicht aufgehoben, sondern werden durch das Handeln Jesu und seiner Nachfolger erfüllt. Schnelle 65 erläutert, dass mit Erfüllung die Vollmacht Jesu über die Interpretation der Tora gemeint ist.
Mt will die Menschen an ihre ethische Verantwortung im Angesicht des kommenden Gottesreiches erinnern. 66 Daneben existiert Sondergut des Mt. Luz nimmt an, dass Mt Texte „aus mündlicher Tradition übernommen und erstmals schriftlich formuliert“ 67 hat. Lediglich einige Sondergutgleichnisse nimmt er von dieser Theorie aus und vermutet, dass ihm diese sowie Teile der Bergpredigt bereits schriftlich vorlagen.
(5) Komposition des Evangeliums
Das Matthäusevangelium ist keine Sammlung von Perikopen, sondern eine zusammenhängende Erzählung. 68 Der Evangelist „stellt formal oder inhaltlich ähnliche Stoffe zusammen“ 69 , wie bspw. an der Gleichnissammlung, der Wundergeschichtensammlung oder der Pharisäerrede erkennbar wird.
65 Schnelle (2005), 266.
66 A.a.O., 276f.
67 Luz (1985), 31.
68 Vgl. a.a.O., 19.
69 Luz (1985), 19.
Arbeit zitieren:
Nathalie Abel-Klaiber, 2008, Wozu brauchen wir Gemeindediakone/innen?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Nathalie Abel-Klaiber gefällt Wozu brauchen wir Gemeindediakone/innen?
Nathalie Abel-Klaiber's Text Wozu brauchen wir Gemeindediakone/innen? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Nathalie Abel-Klaiber hat den Text Wozu brauchen wir Gemeindediakone/innen? veröffentlicht
Ständige Diakone - Stellvertreter der Armen?
Projekt Pro Diakonia: Prozeß -...
Klaus Kießling
Diakonische Pflege im Wandel: Nächstenliebe unter Zeitdruck
Studien zur Pflege 1
Christel Kumbruck
Peter Bubmann, Götz Doyé, Hildrun Keßler, Dirk Oesselmann, Nicole Piroth, Martin Steinhäuser
0 Kommentare