Der Minne als zentrales inhaltliches Problem der Tristandichtung werden in den zahlreichen Bearbeitungen verschiedene Bedeutungen beigemessen. Dieses Phänomen steht in engem Zusammenhang mit der jeweiligen Moralvorstellung der Zeit, in der die einzelnen Autoren wirkten. Gottfrieds von Straßburg 1 „Tristan“ ist etwa zwischen 1205 und 1210 entstanden und somit nahezu 15 Jahre später als Eilharts von Oberge 2 „Tristrant“ So scheint es kaum verwunderlich, daß Gottfried die Liebe bereits zum thematischen Mittelpunkt hinsichtlich ihres Wesens und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft macht (vgl. Prolog, Minne-Exkurs), während Eilhart sie eher als das „Andere“ sieht, das den alten Werten „Ehre und Treue“ gegenübersteht. Der jüngere Dichter stellt uns den Liebestrank daher als Teil der epischen Handlung vor, der ältere verleiht ihm vielmehr einen symbolischen Charakter.
Um die unterschiedlichen Darstellungen sicher rekonstruieren zu können, ist man zunächst von den überlieferten Quellen abhängig. Dabei treten jedoch Probleme hinsichtlich der Vollständigkeit auf. Die „Tristrant-Fassung“ Eilharts ist teilweise lückenhaft, und Gottfried konnte seine Erzählung - vermutlich weil er starb - nicht mehr beenden. RANKE, LICHTENSTEIN, BUSCHINGER und SPIEWOK sind die Herausgeber der Urtexte und liefern außerdem eine neuhochdeutsche Übersetzung. Moderne Forscher wie FURSTNER, HATTO, KRASCHEWSKI-STOLZ, RANKE, SCHINDELE oder
SCHRÖDER sind sich einig, daß die Auslegung der Liebestrankepisode für die gesamte Tristan-Erzählung
ausschlaggebend ist. Mit Hilfe der modernen Literatur und trotz der oben beschriebenen Quellensituation werde ich in der vorliegenden
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Arbeit zunächst versuchen, den Zeitpunkt für die Entstehung der Liebe bei Tristan und Isolde festzulegen, der für die Bedeutung des Minnetrankes von großer Wichtigkeit ist. Danach erläutere ich die Wirkung des Trankes und werde abschließend versuchen, seine Bedeutung je nach Autor zu definieren. Um in das Thema einzuführen, liefere ich zu Beginn der Arbeit einen Überblick über die historische Verbreitung der Minnetranksymbolik.
Der Glaube an ein Zaubermittel, das die Sinne des gewünschten Objekts magisch überwältigt, besitzt eine feste literarische Tradition. Diese hat ihren Anfang bereits in der Antike durch Dichter wie Vergil oder Horaz, in deren Schriften der Liebeszauber der von Aeneas verlassenen Dido oder die Magie der Hexe Canadia beschrieben werden. Im Mittelalter setzt sie sich mit den Riten des Satan- und Hexenkultes und deren Ausbreitung fort. 3 In den Ritterepen des Mittelalters treten überwiegend gesellschaftlich hochstehende Frauen hervor, die spezielle Kenntnisse über Heilkräuter besitzen. Dazu gehören beispielsweise die Schwester des König Artus, die dem verletzten Erec ein heilkräftiges Wundpflaster bereitet oder die mächtige Zauberin in Heinrich van Veldekes „Eneide“, die den Helden genesen läßt. In der Tristandichtung ist es die Königin Isot, die es versteht, Tristans vergiftete Wunde zu heilen, den gefährlichen Dämpfen der abgeschnittenen Drachenzunge entgegenzuwirken, und die den Liebestrank braut, der für die Hochzeitsnacht ihrer Tochter mit dem König Marke bestimmt ist. Ihre übernatürlichen Kräfte sind durch diese Darstellungen kaum zu bestreiten. Aus den unterschiedlichen Bezeichnungen für den Minnetrank des Tristanstoffes geht die Vielfalt der Interpretationen dessen hervor, was ein solcher Trank repräsentiert. So nennt ihn Bèroul „poison“, an anderer Stelle „vin“; Gottfried bezeichnet ihn als „tranc von minnen“, der nur scheinbar einem Wein gleicht (disen tranc vür win, (11462). Im Unterton schwingt jedoch stets die ursprünglich sakrale Funktion des Getränkes als berauschendes Mittel mit. Der Ort der Einnahme stimmt in sämtlichen
Tristanbearbeitungen überein. Es ist das Meer bzw. der Rand des
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Meeres, das fern von jeglicher Behausung oder fremder Gesellschaft und daher prädestiniert für die Entfaltung dämonischer Gewalten ist. Dieses Phänomen hat sich Gottfried eindrucksvoll zu nutze gemacht, indem er mit dem Wortspiel um lameir (11986-11989) die Seelenstimmung der Liebenden evident macht. Ausführungen, Verzierungen oder Metaphern solcher Art finden sich bei Eilhart nicht.
Eng mit der Deutung der Liebestrankepisode verbunden ist die Frage nach dem Zeitpunkt, an dem sich Tristan und Isolde ineinander verlieben. Denn wenn sich das Paar bereits vor dem Genuß des Trankes bewußt oder unbewußt geliebt haben sollte, wäre der Trank nichts anderes als eines von vielen epischen Motiven oder Symbolen. 4 In diesem Fall weichte G ottfried von den früheren Tristan-Fassungen ab, indem er den Trank seiner Eigenschaft als causa causans entzöge.
Es gelte demnach zu belegen, daß die Liebe zwischen Tristan und Isolde erst nach dem Genuß des Liebestrankes entsteht. Diesbezüglich ist HATTO der Auffassung, daß Gottfried bewußt das Bild des Falken für Isolde einsetzt, als er sie bei ihrem gemeinsamen Auftritt mit Tristan vor dem Dubliner Hof beschreibt. 5 Der Falke steht in der mündlichen Dichtung des deutschen und slawischen Raumes traditionell 6 für den Liebhaber, dessen Boten oder Vorboten und für muot. Isolde erscheint dem Publikum verführerisch, ungezwungen und frei (wie ein Vogel). Die Beschreibung als Falke krönt außerdem die Vergleiche mit anderen Vogelarten:
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In der Tristan-Dichtung Gottfrieds wird der Falke jedoch nicht ausschließlich als valke bezeichnet, sondern auch als vederspil. So heißt es in den Versen 10896f beispielsweise:
RANKE übersetzt vederspil hier im Sinne eines „Lockvogels“: ...als ob die Liebe selbst sie geformt hätte/ zu ihrem Lieblingsspielzeug,... HATTO 7 lehnt derartige Wertungen ab und will die schlichte Bezeichnung „Falke“ beibehalten. Er argumentiert, daß ein Lockvogel kein herrlicher Falke sein könne, da er beim Anlocken anderer Vögel verletzt werden könnte und daher nicht besonders wertvoll sein dürfe - ganz im Gegensatz zu der hübschen Isolde, die dem freien Falken auf dem Aste gleiche. Bei dieser Argumentation begeht HATTO jedoch den Fehler, die Symbolik mit der tätsächlichen Erzählung zu verwechseln; schließlich wird Isolde lediglich mit einem Falken verglichen. Nach der Übersetzung von vederspil durch LEXER 8 wird HATTOs Einwand erneut relativiert, indem dieser die Bedeutung „zur Vogelbeize abgerichteter Vogel, Falke“ nennt. Dabei ist festzuhalten, daß die Abrichtung immer einen gewissen Zweck voraussetzt. In dem Verlauf der Erzählung erscheint Isolde zunächst zwar als freies Wesen. Dieses scheint aber von der Minne für die Minne geschaffen worden zu sein, um letztendlich zu einem unbestimmten Zeitpunkt (hier Genuß des Trankes) von der Minne in ihren Bann bzw. Dienst gezogen zu werden (vgl. 10896f). Die Position RANKEs, daß Gottfried unter anderem mit der Wortwahl vederspil bereits den weiteren Verlauf andeutet, darf demnach nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Hinweise auf eine Zuneigung vor dem Genuß des Trankes finden sich laut SCHINDELE und COMBRIDGE außerdem in den Versen 8312-8315, die Tristans erste Rückkehr aus Irland beinhalten:
Arbeit zitieren:
Miriam Riekenberg, 1999, Die Bedeutung des Minnetranks im Tristrant Eilharts von Oberge und im Tristan Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag GmbH
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