Blick verändert sich nicht nur dadurch, dass Ich Weltuntergang einmal gelesen habe und dann über Guantánamo nachdenke, sondern fächert sich aufgrund des weiter und noch einmal Lesens sowie wiederholt Denkens immer weiter auf. Kurz skizziert sieht der Denkprozess also folgendermaßen aus: Ich lese zunächst willkürlich ein literarisches Produkt und entscheide danach über was Ich denken möchte, um dann Beides gemeinsam und nicht um in Parallelen, sondern um an sich genauer und differenzierter, zu denken. Das Denken als ersten Schritt zum Handeln.
Weltuntergang von Jura Soyfer
Als Ich das Stück Weltuntergang von Jura Soyfer gelesen habe, ist mir nicht nur aufgefallen, dass das skizzierte Welt- und Menschenbild Jura Soyfers größtenteils im Widerspruch zu dem vehementen Einspruch des Kometen Konrad am Ende seines Stückes steht. Nicht nur das ist kennzeichnend für das Stück. Ich habe nicht nur das an seinen Worten bemerkt. Es ist offensichtlich, dass das vernichtende Urteil des allmächtigen Kosmos die Menschheit zu vernichten, nur weil die „Sphärenharmonie“ 3 durcheinander gekommen ist, deshalb nicht funktioniert, weil der Mensch die Möglichkeit haben sollte selbst über sein Glück oder Unglück zu entscheiden 4 . Das ist das Entscheidende am Menschenbild von Jura Soyfer. Der Mensch darf selbst entscheiden wie seine Zukunft aussehen wird. Der Mensch kann selber entscheiden, was mit ihm passiert. Entweder lernt er zunehmend aus seinen Fehlern und handelt demnach für eine Zukunft, die „herrlich und groß“ 5 ist oder er vernichtet sich selbst. Dafür braucht es keine andere Allmacht. Aus diesem Grund enden die Stücke von Jura Soyfer stets offen.
„[S]ie beweisen kein Dogma, sie sind alle Vorspiel auf dem Theater für die Handlung, die wir außerhalb des Theater selbst weiterspielen müssen. Wir sind es, auf die es ankommt. Das ‚Lied von der Erde,’ einmal bekrittelt, weil es uns nicht sagt, wie denn die Zukunft der Erde herrlich und groß werden soll, dieses Lied ist Appell zum Handeln; alle Szenen davor warnen uns, die Hindernisse zu unterschätzen.“ 6
3 Ebd. S. 62.
4 Anm. Blick auf den Schlusssatz des Stücks richten; Vgl: Jura Soyfer, „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“, Auf uns kommt’s an. Szenen und Stücke Bd. 2: Jura Soyfer. Werkausgabe, Hg. Horst Jarka, Wien/Frankfurt am Main: Deuticke 2002, S. 134.
5 Soyfer, „Weltuntergang“, S. 96.
6 Horst Jarka, „Realismus und Utopie. Das Werk Jura Soyfers und die Wandlungen Europas“, Jura Soyfer, Europa, multikulturelle Existenz, Hg. Herbert Arlt, St. Ingbert: Werner J. Röhrig Verlag 1993, S. 19-34.
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Szene für Szene fächert sich die Unveränderbarkeit und Unbelehrbarkeit der Menschen auf und kulminiert schließlich in dem Song des Guck, der resignierend feststellen muss, dass selbst die Wahrheit dem Eigennutzendenken des Menschen und dem Geschäft unterstellt ist 7 . Aufgrund von Blind- und Dummheit ist der Mensch prinzipiell verloren. Sie vertrauen den Mächtigen. „Diese Mächtigen aber sind in Soyfers Satire nicht nur dumm, sie sind gewissenlos und verbrecherisch.“ 8
Nicht am Kometen, einer dem menschliche Zugriff entzogenen Naturkatastrophe, wird sie zugrunde gehen, sondern an einer kurzsichtigen, auf Profitgier und privaten und nationalen Sonderinteressen gegründeten Machtpolitik und dem damit verbundenen Missbrauch der Wissenschaft. 9
Der Komet Konrad hat sich nicht in den Menschen verliebt, sondern in die Erde selbst; nicht den Menschen besingt er am Ende des Stückes Weltuntergang, sondern die Erde mit all ihrer Armut aber auch ihrem Reichtum. Nicht aufgrund des Menschen ist sich der Komet Konrad sicher, dass die herrliche Zukunft der Erde schon bald existieren wird, sondern aufgrund der Erde selbst. An diesem Punkt tut sich wiederum die Offenheit und Unklarheit bezüglich des Menschenbildes von Jura Soyfer auf. Er überlässt dem Menschen die Möglichkeit zu handeln, frei nach seinem Lebenscredo wie es Horst Jarka beschreibt: „Ich lehne mich auf, also bin ich“ 10 . Der Mensch ist zwar ein Teil dieser Erde, aber kein lebenswichtiger Teil dieses Planeten. Die Erde kann auch ohne den Menschen existieren. Der Mensch aber noch nicht ohne den Planeten Erde. Der Komet Konrad „[…] bringt es nicht übers Herz, die Erde zu zerstören“. Den Menschen überlässt er sich selbst.
Guantánamo Bay Naval Base
Kontinuitäten tun sich innerhalb der Geschichte auf. Das 20. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Lager 11 . Ob nun mit den campos de concentraciones, die die Spanier 1896 auf Kuba zur Unterdrückung von Volksaufständen in der Kolonie einrichteten, die Geschichte der Konzentrationslager tatsächlich beginnt oder nicht sei dahingestellt 12 . Wichtig ist im
7 Anm. „Wahr ist, was die Kurse stützt,/ Falsch, was keiner Aktie nützt,/ Spricht, wer gewitzt.“; Vgl: Soyfer, „Weltuntergang“, S. 94 & Vgl: Ebd. S. 92-93 & Vgl: Jarka, Jura Soyfer. Leben, Werk, Zeit, S. 274..
8 Horst Jarka, Jura Soyfer. Leben, Werk, Zeit, Wien: Löcker Verlag 1987, S. 275.
9 Ebd. S. 276.
10 Vgl: Ebd. S. 518.
11 Vgl: Zygmont Baumann, „Das Jahrhundert der Lager?“, Genozid und Moderne. Strukturen kollektiver Gewalt im 20. Jahrhundert Bd. 1, Hg. Mihran Dabag/Kristin Platt, Opladen: Leske & Budrich 1998, S. 81-99.
12 Vgl: Giorgio Agamben, Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik, Übers. Sabine Schulz, Freibugr/Berlin: Diaphanes 2001; (Orig. Mezzi senza fine - Note sulla politicia, Turin: Bollati Boringheri 1996), S. 43.
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Zusammenhang mit dem daraus folgenden amerikanisch-spanischen Krieg und der resultierenden Besetzung Kubas durch die USA, dass am 23. Februar 1903 vertragliche Festlegungen über die Guantánamo Bay verhandelt wurden, die den Vereinigten Staaten von Amerika Teile dieser Bucht territorial zuerkannten. Mit den Internierungslagern Camp X-Ray und Camp Delta reicht diese Form von territorialer Zuerkennung und militärischer Nutzung in die Gegenwart, somit ins 21. Jahrhundert. Die Hoffnungen diese Kontinuität zu durchbrechen ruhen auf dem ersten, schwarzen Präsidenten der USA, Barack Obama. 13 Dieser Mann unterschreibt am 22. Januar 2009, zwei Tage nach seinem Amtsantritt, ein Dekret, das die Schließung des Internierungslagers in Guantánamo auf Kuba sobald als möglich vollzogen werden soll, spätestens jedoch in einem Jahr. Folterung wird von Barack Obama ab sofort nicht mehr in seinem Land geduldet; keine Erniedrigungen; keine Gewalt; Errichtung von rechtsstaatlichen Verhältnissen. 14 Das ist das Ideal. Das ist der Traum. Barack Obama steht dafür mit seinem Namen. Seit dem Jahre 2002 dienen bzw. dienten die Lager Camp X-Ray und Camp Delta für Inhaftierungen mutmaßlicher Terroristen. Das Besondere an diesen Internierungslagern ist, dass laut eines Reports des IKRK aus dem Jahre 2007, also von einer offiziellen, internationalen Institution, Menschen- und Völkerrechte nicht eingehalten werden 15 . Von anderer offizieller Seite bestätigte auch das FBI Folter- und umstrittene Verhörmethoden 16 . Die Inhaftierten sind des Weiteren in Guantánamo nicht als echte Häftlinge anzusehen, die ein Recht auf Verteidigung und ein rechtsstaatliches Verfahren haben. Es sind staaten- und rechtenlose Menschen (Detainee), denen keinerlei Beweise für ihre Anschuldigungen entgegengebracht werden, möglicherweise gar nicht entgegen gebracht werden können. Menschen foltern Menschen. Eine sehr einfache Formel beschreibt die Unzulänglichkeit der Internierungslager auf Guantánamo. Die ehemalige republikanische Regierung der USA unter Georg W. Bush hat hier nicht nur versagt, sondern ist moralisch, ethisch und menschrechtlich gescheitert. Ob die amtierende demokratische Regierung unter Barack Obama diesen Scherbenhaufen wieder aufräumen kann, ist fraglich, zumindest aber
13 Vgl: „Mr. President, we have such high hopes for you, because you, with your moral vision of history, to be able and compelled to change this world into a better place.“; Elie Wiesel, „Buchenwaldgedenkrede“, YouTube.com, http://www.youtube.com/watch?v=5dnoWvI7YbU&feature=related, 07.06.2009.
14 Vgl: „Obama Signs Executive Order on Gitmo”, The New York Times,
http://video.nytimes.com/video/2009/01/22/us/politics/1231545962740/obama-signs-executive-order-ongitmo.html, 27.06.2009.
15 Vgl: „Book Cites Secret Red Cross Report of C.I.A. Torture of Qaeda Captives “, The New York Times
11.07.2008,
http://www.nytimes.com/2008/07/11/washington/11detain.html?_r=1&scp=10&sq=red%20cross%20guantanam o&st=cse, 27.06.2009.
16 Vgl: „FBI-Mitarbeiter bestätigen Misshandlungen in Guantanamo”, sueddeutsche.de 03.01.2007, http://www.sueddeutsche.de/politik/372/360196/text/, 27.06.2009.
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Thomas Ochs, 2009, Mit Jura Soyfer über Guantánamo denken, Munich, GRIN Publishing GmbH
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