Thomas Ochs
Intermediale Übersetzung
Sommersemester 09
Dokumentarfilm als Medienkombination
- Nuit et Brouillard (1955, Resnais) -
2
Inhaltsverzeichnis
1.
Hinführung zum Thema ... 3
2.
Historisches Material als Medium begreifen ... 5
3.
Filmanalyse bezüglich Unterschiedlichkeit von Bildern in Nuit et Brouillard... 7
4.
Dokumentarfilm als Medienkombination anhand von Nuit et Brouillard ... 10
5.
Schlussbemerkung... 12
6.
Literatur- und Quellenverzeichnis ... 14
7.
Filmverzeichnis... 14
3
1. Hinführung zum Thema
Grundsätzlich ist das Verständnis den Film als ein eigenständiges Einzelmedium zu begreifen
heute so weit vorgeschritten, dass es schwer fällt einen bestimmten Film unter dem
intermedialen Gesichtspunkt der Medienkombination zu begreifen. Medienkombination setzt
nämlich voraus, dass sich mindestens zwei Medien in ihrer Eigenständigkeit begegnen und
auch deutlich sichtbar wird in welcher Art und Weise. Ab welchem Punkt sich nun ein
bestimmtes Medium innerhalb eines bestimmten Films als eigenständig erweist, muss
natürlich bis ins Detail gedacht und analysiert werden. Es bedeutet nicht beim sofortigen
Sichtbarwerden eines medialen Aspektes (Botschaft
1
), dass dadurch gleichzeitig die
Eigenständigkeit dieses Mediums im jeweiligen Film selbst gegeben ist. Um diese
Definitionsproblematik an einem bestimmten Filmbeispiel zu erörtern, muss ein weiteres
Problemfeld aufgefächert werden um danach in eine detaillierte Fragestellung einzusteigen.
Der Dokumentarfilm unterscheidet sich von vielen anderen Filmrichtungen unter anderem
dadurch, dass er auf Fakten/Tatsachen oder auch historische Materialien rekurriert und
versucht ein hohes Maß an Objektivität zu gewährleisten. Im Speziellen fungiert das
historische Material oftmals als Beweismittel bestimmter Thesen und Argumente. Die Gefahr
liegt auf der Hand und ist unter zahlreichen Gesichtspunkten und Fragestellungen schon
mehrfach theoretisch abgehandelt worden. Es sollte also bekannt sein: das Medium als
Übermittler kann immer trügerisch sein. Die Wichtigkeit der kritischen Wahrnehmung ist
demnach von immenser Bedeutung.
Das Bild ist aus Vielem gemacht. Damit ist seine Natur als Amalgam beschrieben,
seine Unreinheit, seine Vermischung sichtbarer und ungeordneter Dinge, trügerischer
und erhellender Sachverhalte, visueller Formen und gedanklicher Vorgänge. Das Bild
ist also weder alles [...] noch ist es nichts [...].
2
Natürlich schließt sich aus diesen Bestimmungen keine neue Erkenntnis, jedoch ergeben sich
daraus innerhalb des aufgeworfenen Problemfelds einige interessante und diskussionswürdige
Aspekte. Historisches Bildmaterial (Film und Fotografie), welches innerhalb vieler
Dokumentarfilme Verwendung findet, kann nicht nur deshalb nicht als ein absolutes Faktum
herhalten, weil es eben auch immer trügerisch sein kann und die Potenz aufweist den
1
Vgl: Sybille Krämer, ,,Das Medium als Spur und Apparat", Medien - Computer - Realität.
Wirklichkeitsvorstellungen und Realität, Hg. Sybille Krämer, Frankfurt am Main: 1998, S. 81.
2
Georges Didi-Huberman, Bilder trotz allem, München 2007, S. 99.
4
Empfänger in seiner Wahrnehmung zu beeinflussen, sondern auch aufgrund der ihm eigenen
Geschichte und dem immer mitschwingenden Gedächtnis seiner bisherigen Verwendung.
Daraus resultiert ein besonderer medialer Charakter des historischen Materials (Vgl: Kap. 2).
Dieser Medialitätscharakter hat zur Folge, dass der Dokumentarfilm eben auch unter einem
Blickwinkel der Medienkombination betrachtet werden könnte, wenn ersichtlich heraus
gearbeitet wird, dass besondere Eigenschaften der Einzelmedien historisches Material und
Filmbildern gegeben sind (Vgl: Kap. 4). Um diese These in ein aussagekräftigeres Verhältnis
zu stellen, findet ein ganz bestimmter Dokumentarfilm als Analysepunkt Verwendung. Es
wird sich im Laufe dieser Abhandlung im Idealfall herausstellen, dass sich mit Nuit et
Brouillard von Alain Resnais aus dem Jahre 1955 ein ganz bestimmter und
geschichtsträchtiger Film für die paradigmatische Beispielhaftigkeit der aufgeworfenen These
gefunden hat. Besonders die Archivaufnahmen, also das historische Bildmaterial,
[...] die durch diesen Film bekannt wurden, wurden später in zahlreichen anderen
Dokumentarfilmen wieder verwendet und haben sich so dem Zuschauer eingeprägt. Das
kann zu einer gewissen Abstumpfung führen; das Maß der Eindringlichkeit schwindet mit
dem Bekanntheitsgrad der Aufnahmen. Die technische Visualisierbarkeit von
Kriegsschrecken hat im zwanzigsten Jahrhundert die Erinnerungsarbeit ganz erheblich
beeinflusst. Durch die vielfältige Konfrontation mit historischem Bildmaterial teilen viele
in hohem Maße ein audiovisuell gesteuertes historisches Bewußtsein.
3
Im folgenden Kapitel sei zunächst geklärt, inwieweit historisches Material - aus den bereits
angeführten Überlegungen heraus - als eine Form von Medium begriffen werden kann. Vor
allem wenn von der ureigensten Bestimmung des Mediums als Mittler ausgegangen wird. Das
Medium ist das, was eine bestimmte Mittelungsfunktion für Informationen/Sinn einnimmt -
grundlegend Medium als eine Spur innerhalb der mitgeteilten Botschaft
4
. Im Weiteren wird
dieser Medialitätscharakter des historischen Materials auf das Filmbeispiel Nuit et Brouillard
anzuwenden sein, um die These der Medienkombination innerhalb des Dokumentarfilms
exemplarisch zu bestätigen.
3
Ewout van der Knaap, Nacht und Nebel. Gedächtnis des Holocaust und internationale Wirkungsgeschichte,
Göttingen: Wallstein Verlag 2008, S. 7.
4
Vgl: Sybille Krämer, ,,Das Medium als Spur und Apparat", S. 81.
5
2. Historisches Material als Medium begreifen
Dass Dokumente/Materialien einer Zeit immer auch ein Teil dieser Zeit sind und somit auch
als das betrachtet werden müssen, also auch Rücksicht darauf genommen werden muss unter
welchen Prämissen Dokumente entstanden sind bzw. welche Dokumente eben nicht
entstanden sind, rückt die Frage nach der Medialität (also nach dem, was Bilder mitteilen
können) solcher Dokumente unmittelbar ins Zentrum der folgenden Diskussion. Aus dieser
Problematik resultiert nämlich nicht nur das, was Walter Benjamin in seinem Aufsatz Über
den Begriff der Geschichte von 1939 schreibt, sondern auch das, was Georges Didi-Huberman
in dem zu Beginn dieser Abhandlung angeführten Zitat konstatiert (Vgl: Kap. 1).
Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu
sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der
Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.
5
Die Bedeutung von historischen Materialien bestimmt sich immer auch gerade dadurch, dass
diese Dokumente Geschichte mitbestimmen und selbst eine Geschichte haben. Durch die
Mitbestimmung der Geschichte aufgrund der in ihnen eingegrabenen Geschichte vermitteln
sie natürlich unweigerlich eine Information/Sinn, einen Teil dessen, was vergangen ist, aber
verschweigen eben auch den Teil, den sie nicht selbst dokumentieren und möglicherweise in
keiner Art und Weise je dokumentiert wurde, somit verschollen bleibt. Das Resultat eines
historischen Materials kann folglich niemals ein absolutes Beweismittel für die Geschichte
sein. Die Beweiskraft solch eines Zeitdokuments also niemals als unwiderruflich faktisch
angenommen werden, da zu keiner Zeit eine uneingeschränkte und objektive Gewissheit
vorliegen kann. Freilich ist es im Detail müßig darüber theoretisch zu schreiben und die
Diskussion insoweit sinnlos, da es natürlich durchaus logisch ist, dass es keine absolute
Objektivität innerhalb des menschlichen Denkens geben kann
6
, aber aus dem Gesagten
resultiert ein wichtiger und in diesem Zusammenhang gewinnbringender Aspekt. Aus der
Tatsache folgend, dass ein Zeitdokument auch immer ein produziertes Dokument der Zeit ist -
somit eine eigene Geschichte hat -, resultiert die Medialität dieser Dokumente und daraus
wiederum die durchaus legitime Konstatierung, dass historisches Material als ein Medium
5
Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Hg. Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1991, S. 696.
6
Anm. Es ist hier von einem an dem Empirismus angelehnten Weltbild auszugehen; die Problematiken und
Gründe, die diese Bestimmung wissenschaftlich dokumentieren würden, können jedoch hier nicht geleistet
werden; Vgl: Rationalismus.
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