Inhaltsverzeichnis
1 Simmels Darstellung von Moderne. 3
2 Die physischen und psychischen Schwierigkeiten des Lebens in der „Reizflut“ der
Gro ßstadt 4
2.1 Intellektualität. 5
2.2 Blasiertheit 7
3 Schutzmechanismen des „Typus Großstädter“ 9
4 Probleme und Herausforderungen der Großstadt. 9
4.1 Individuelle Ebene. 9
4.1.1 Subjektivismus als Abwehr gegen Überwältigung der äußerlichen Kultur und Technik. 10
4.1.2 Die Großstadt als „Nährboden der Mode“ 11
4.1.3 Gegen die Entfremdung der objektiven Kultur- Interieur 13
4.2 Soziale Ebene 14
5 Zusammenfassung. 16
6 Summary 17
Literaturverzeichnis. 18
2
1 Simmels Darstellung von Moderne
Georg Simmel (1858-1918) lebte in der Metropole Berlins in der Zeit von der Entwicklung um und nach der Jahrhundertswende 1 Simmel wird oft als einziger echter Philosoph seiner Zeit oder erster Soziologe der Moderne genannt, da er die Fähigkeit besaß, die Merkmale der ihm zeitgenössischen Gesellschaft in einer innovativen, einzigartigen Weise zu betrachten. 2 Der Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ ist eine überarbeitete Version vom Vortrag vom urspruenglich 21 Seiten, den Simmel in 1903 vor der Gehe-Stiftung in Dresen gehalten hat. Er berührt allgemeine gesellschaftliche Phänomene wie die Arbeitsteilung und die Geldwirtschaft, die in den neukapitalistischen Städten stattgefunden haben. Die Prozesse wie die Zunahme an Reichtum, Kapital und Industrie ebenso wie die von Arbeitern und Verelendung finden gerade in diesen Zentren der „modernen Geschichte“ statt. 3 In der Zeit entstehen und vertiefen sich auch die Unterschiede zwischen kapitalistischer und feudalistischer Produktionsweise, somit sichtbar wird ein spezifischer Stadt-Land Gegensatz. Im Mittelpunkt des berühmten Artikels aus 1903 stand jedoch nie der industrielle, wirtschaftliche Prozess selbst, sondern eher die Auswirkungen eines solchen Prozesses auf die menschliche Psyche. 4 Der Zitat schildert seine Auffassung vom Schreiben über Moderne: „Das Wesen der Moderne überhaupt ist Psychologismus, das Erleben und Deuten der Welt gemäß den Reaktionen unseres Inneren und eigentlich als einer Innenwelt, die Auflösung der festen Inhalte in das flüssige Element der Seele…“ 5 Das Ziel von der simmelischen Analyse und zugleich ein der einleitenden Ansätze des Essays „Die Großstädte und das Geistesleben“ lautet, „die Produkte des spezifisch modernen Lebens nach ihrer Innerlichkeit“ zu untersuchen.“ 6 So werde ich in meiner Hausarbeit der Analyse solcher Erscheinungen vom XIX. Jahrhundert wie Ausdehnung der Geldwirtschaft, Reizüberflutung und zwischenmenschliche Wechselwirkungen widmen. Ich möchte insbesondere die Gefühle von Menschen um Jahrhundertwende kennen. Simmel wurde selber von den Zeitgenossen als „intellektueller Neurastheniker” bezeichnet. 7 In dem Essay, sowie in anderen seinen Schriften beschäftigt er sich mit nervösen Energien als neue, negative Folge der großstädtischen Lebensweise. 8 Die nervöse Spannung, die auch heute den Nerv der Zeit trifft, war also schon
1 Vgl. Frisby (1984: 35).
2 Ebd., S. 34.
3 Vgl. Marx (1953: 382).
4 Vgl. Frisby (1984: 35).
5 Ebd., S. 19f.
6 URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
7 Vgl. Frisby (1984: 39).
8 Ebd., S. 39.
3
in dem modernen auf die Geldwirtschaft gebauten Stadtleben anwesend. Ist die „Steigerung des Nervenlebens“ 9 nicht auch ein Merkmal unserer Zeit? Es ist nicht zu übersehen, dass die heutige Aufgeregtheit und Hast aus gleichen Motiven wie bei Simmels Zeitgenossen hervorgeht. Die Schuld für die Spannung tragen immer noch „Tempo und die Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens.“ 10
In diesem Zusammenhang beschreibe ich auch die typischen Distanzierungsmechanismen eines Menschen vor den überwältigenden Dingen der Stadt wie Intellektualität, Blasiertheit, die jedoch die Hypersensibilität nur verstärken können: „Die von Simmel in groben Zügen dargestellten neurotischen Verhaltensweisen resultieren weitgehend aus dem Schwanken zwischen einer zu nahen Konfrontation mit Menschen und Dingen und einer übermäßigen Distanzierung von ihnen.“ 11 Dieses Schwanken charakterisiert die Moderne und zwingt die „Anpassungen der Persönlichkeit, durch die sie sich mit den ihren äußeren Mächten abfindet.“ 12 Es geht hier aber nicht um die schlichte Anpassung an einen gesellschaftlichtechnischen Mechanismus, sondern immer in unserem Zeitalter aktuelle Forderung eines Individuums „Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermachte der Gesellschaft, des geschichtliche Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik zu bewahren.“ 13 Den aktuellen Inhalten gerade verdankt der Essay, dass er immer noch zu den Grundlagentexten der Stadtsoziologie gehört.
2 Die physischen und psychischen Schwierigkeiten des Lebens in der „Reizflut“ der
Großstadt
Wenn Simmel heute gelebt hätte, würde er den heute populären Begriff der „Reizflut“ als „rascher und ununterbrochener Wechsel äußerer und innerer Eindrücke“ 14 beschreiben. Da der Mensch, sowohl ein Großstädter als kleinstädtischer Typ ist in seiner psychologischen Auffassung „ein Unterschiedswesen, d. h. sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt.“ 15 Der Reizflut des
9 URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
10 URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
11 Frisby (1984:39).
12 URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
13 Simmel (1989: 187).
14 Ebd. S. 188.
15 Ebd., S. 188.
4
städtischen Lebens stellt dabei viel höhere Anforderungen als Routine und Erwartbares der Kleinstadt, wo
„beharrende Eindrücke, Geringfügigkeit ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen.“ 16
Die Folge der Konfrontation mit einer Erlebnisvielfalt ist nach dem Soziologen eine „Steigerung des Nervenlebens.“ 17 die charakteristisch für eine moderne nervöse Persönlichkeit ist. „In ihrer extremsten Form erzeugt die ständige Bombardierung der Sinne mit neuen oder immer wechselnden Eindrücken die neurasthenische Persönlichkeit, die schließlich der großen Anzahl der auf sie einstürzenden Eindrücke und Konfrontationen nicht mehr gewachsen ist.“ 18 Die Neurose ist eine weitere Konsequenz einer Distanzierung von der Natur 19 und der Ausdehnung der Geldwirtschaft. Die Krankheit, die wir im städtischen Leben finden, drückt sich in unbestimmter Sehnsucht sowie Halt und Rastlosigkeit aus. 20 An der Stelle der inneren Sicherheit der vormodernen Zeit tritt ein sicher dem Simmel gutbekanntes „Gefühl von Spannung, Erwartung, ungelöstem Drängen“ 21 Simmel beschrieb jene äußere Unruhe als ein Merkmal des naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters. 22 Neuroasthenie im städtischen Leben versteckt sich hinter zunehmender Aktivität des Individuums, die „ sich bald als Tumult der Großstadt, bald als Reisemanie, bald als wilde Jagd der Konkurrenz, bald als die spezifisch moderne Treulosigkeit, auf den Gebieten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnungen, der Beziehungen offenbart.“ 23 Andererseits bezeichnet Soziologe „die äußeren Hast und Aufgeregtheit“ nicht nur einfach als Merkmale seiner Epoche, sondern fragt nach ihrer tieferen Herkunft, Seele eines Menschen: “Der Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele treibt dazu, in immer neuen Anregungen eine momentane Befriedigung zu suchen.“ 24
2.1 Intellektualität
Die Unfähigkeit der Menschen, auf neue Reize mit der ihnen angemessenen Energie zu reagieren, nötigte als dem Soziologe zufolge, Intellektualität, bzw. Verstand. Der Verstand ist
16 URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
17 Vgl. Simmel (1903:188).
18 Frisby (1983: 36).
19 Vgl. Simmel (1930: 551).
20 Ebd., S.551.
21 Ebd., S.546.
22 Ebd., S.551.
23 Ebd., S.551.
24 Ebd., S.551.
5
„das am Wenigsten empfindliche, von den Tiefen der Persönlichkeit am weitesten abstehende psychische Organ.“ 25 Der Ansturm von Stimuli im Alltag kann einen Großstadtmenschen nicht bombardieren, wenn er dieses Schutzorgan benutzt. 26 Dank seiner flexiblen Kraft wird unsere Sensibilität, das empfindliche, erschütterbare Gemüt geschützt. 27 Man muss an der Stelle deuten, dass Simmel den Verstand nicht nur eine Form der Selbsterhaltung betrachtet. Intellektualität ist sozusagen nicht nur ein Schutzorgan, sondern ein Werkzeug der von Geld beherrschten Epoche. Die Bedeutung des Geldes weist weit über seine ökonomische Funktion hinaus. Typisch für die modernen Gesellschaften der rasche soziokulturelle Wandel ist Ergebnis der geldwirtschaftlichen Entwicklung. 28 Umgekehrt konnte man sich die Durchsetzung der Geldwirtschaft kaum ohne spezifische geistige Haltungen vorstellen. Ebd. Nach Simmel die Bedingungen für das wirtschaftliche Wachstum liegt in einem unbeschränkten Begehren nach dem Absolute, in diesem Fall, Gütern und Geld. 29 Das religiös-psychische Bedürfnis der Ausrichtung des Lebens auf das Religiös-Absolute wurde durch die Ausrichtung des Geistes auf Geld ersetzt. 30 Seitdem gehört das Geld und Güteranhäufung zum absoluten Zweck seines Lebens: „Unter der Herrschaft des Privateigentums besteht der sichtbarste und bequemste Weg, ein Ziel zu erreichen, im Erwerb und in der Vermehrung von Gütern.“ 31 Die Einführung des Geldes zum Symbol hat auch eine Reihe von Veränderungen in der alltäglichen Denkweise verursacht: ”denn das Weltverhältnis des modernen Menschen wird erst mit der entwickelten Geldwirtschaft ein ökonomisch rationales, rechnendes.“ 32 Die Ausdehnung der Geldwirtschaft und die Herrschaft des Verstandes stehen in Beziehung: „Ihnen gemeinsam ist die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen.“ 33 Produzenten und Konsumenten in der Großstadt stehen in der unpersönlichen Beziehung, die keinen Acht auf alles Individuelle hat. Der Abnehmer der Waren ist hier der unbekannte Markt, dessen Wert nur als Tauschwert befasst ist. Im Gegensatz zu großstädtischen Geldtransaktionen kennen sich gewöhnlich die Produzenten und Konsumenten auf dem Lande gut. Ihnen ist eher die Einstellung einer formalen Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte fremd, da sie ihre Kontakte,
25 Ebd., S. 189.
26 Vgl. Frisby (1984: 44).
27 Vgl. Simmel ( 1989: 189).
29 Vgl. Flottow (1995:126).
30 Vgl. Simmel (1989: 674).
31 Ebd., 304.
32 Veblen (1993: 49).
33 URL: http://socio.ch/sim/verschiedenes/1903/grossstaedte.htm
6
Arbeit zitieren:
Katarzyna Majewska, 2008, Indifferenz und Intellektualität als Reaktionen auf das Leben in der modernen Metropole, München, GRIN Verlag GmbH
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