Westfälische Wilhelms-Universität Münster Fachbereich 02: Katholische Theologie
Hauptseminar: Theologie als Wissenschaft. Der Kirchenvater Hieronymus Wintersemester 2002/03
Die Position des Hieronymus in den
trinitätstheologischen Debatten des 4. Jahrhunderts,
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Hauptteil. 2
2. 1 Der biographische Hintergrund. 2
2. 2 Der theologiegeschichtliche Hintergrund. 3
2. 2. 1 Die Entwicklung des Streits. 4
2. 2. 2 Die Parteien in Antiochien. 6
2. 3 Hieronymus’ Meinung nach Brief 15. 8
3. Schluß. 12
Literaturverzeichnis 14
1
1. Einleitung
„Schroffe Gegensätze in der Beurteilung durch die Mitwelt sind das unvermeidliche Los aller, die als Führer ihrer Zeit neue Bahnen gewiesen haben. Erst der Abstand der Geschichte weitet das Blickfeld [...] und rückt die handelnden Personen in die rechte Beleuchtung. [...] Dem ‚heißblütigen Dalmatiner’ Hieronymus war das nicht beschieden.“ 1 - Diese, hier auf den Charakter des Hieronymus zielende Aussage, läßt sich mit Recht auch auf die ihm zuteil gewordene Bewertung als Theologe 2 beziehen, und zwar bis in die Gegenwart hinein: Stefan Rebenich weist darauf hin, daß über Hieronymus „fast durchweg aus der Retrospektive geurteilt wurde [Allerdings dürfte das im Bereich historischer Forschung auch kaum anders möglich sein; M. K.], daß, mit anderen Worten, aktuelle theologisch-konfessionelle und weltanschauliche Positionen die Beurteilung des Hieronymus bestimmten.“ 3
Denn obwohl gerade zu seiner Beurteilung „die Quellen so reichlich wie bei wenigen anderen seiner Zeit“ 4 fließen, ergeben sich v. a. zwei Schwierigkeiten: Zum einen ist Hieronymus bei der Formulierung seiner Schriften stets genau auf die Wirkung beim jeweiligen Rezipienten bedacht 5 . Zu den von ihm eingesetzten literarischen Mitteln gehört auch die Satire 6 , was die Unterscheidung zwischen ernst gemeinten und ironisierenden Aussagen z. T. nicht leicht macht. Zum anderen „finden sich bei ihm viele Widersprüche und eine inkonsequente Haltung in grundsätzlichen Fragen.“ 7 Diese Schwierigkeiten liegen auch der Analyse von Hieronymus’ Haltung zur
1 KIRCH, Konrad (Hrsg.), Helden des Christentums. Bd. I/3: Lehrer des Abendlandes, Paderborn 5 o. J. (Imprim. 1932), 39 [Künftig zitiert: KIRCH, Helden].
2 Z. T. wurde sogar bestritten, daß Hieronymus überhaupt als Theologe zu bezeichnen sei, vgl. FÜRST, Alfons, Hieronymus. Theologie als Wissenschaft, in: GEERLINGS, Wilhelm (Hrsg.), Theologen der christlichen Antike. Eine Einführung, Darmstadt 2002, 168-183, hier: 168 [Künftig zitiert: FÜRST, Hieronymus].
3 REBENICH, Stefan, Hieronymus und sein Kreis. Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen, Stuttgart 1992 (=Historia. Einzelschriften; 72), 10. [Künftig zitiert: REBENICH, Hieronymus]. - Dies gilt gerade auch für die in unserem Zusammenhang besonders interessierende Epistel 15, denn deren „Beurteilung [...] reflektiert folglich nur allzuoft den konfessionellen Standpunkt des Betrachters“ (Ebd., 110).
4 KIRCH, Helden, 39. - So sind allein „rund 130 Briefe“ überliefert (CONRING, Barbara, Hieronymus als Briefschreiber. Ein Beitrag zur spätantiken Epistolographie, Tübingen 2001 (=Studien und Texte zu Antike und Christentum; 8), 2 [Künftig zitiert: CONRING, Hieronymus]).
5 Vgl. CAMPENHAUSEN, Hans von, Lateinische Kirchenväter, Stuttgart ³1972, 148f. [Künftig zitiert: CAMPENHAUSEN, Kirchenväter]. - Daß er bei der Verfolgung seiner Ziele rhetorisch äußerst geschickt vorgeht - und daß diese Rhetorik bei der Lektüre seiner Schriften immer mitbedacht werden muß - wurde in dem dieser Arbeit zugrunde liegenden Hauptseminar sehr deutlich herausgearbeitet.
6 Vgl. FÜRST, Alfons, Art. Hieronymus, in: DÖPP, Siegmar/GEERLINGS, Wilhelm (Hrsg.), Lexikons der antiken christlichen Literatur, Freiburg 1998, 289.
2
trinitätstheologischen Debatte des 4. Jahrhunderts zugrunde, zu der er sich in seiner Epistel 15 an Damasus von Rom geäußert hat.
Um sich seiner Position zu nähern, soll die Epistel zunächst in den biographischen Rahmen des Hieronymus sowie in den größeren Kontext der theologischen Diskussion eingeordnet werden unter besonderer Berücksichtigung der konkreten, für Hieronymus auch persönlich wichtigen Situation in Antiochien. Sodann soll versucht werden, die Aussagen des Hieronymus in Epistel 15 zu deuten - wobei es gilt, mit dem Vorhandensein der oben genannten „Stolpersteine“ zu rechnen. Zum Schluß wird ein Antwortversuch gemacht werden müssen auf die Frage, inwieweit Hieronymus - soweit aus der Analyse der Epistel 15 erkennbar - die Bedeutung der Trinitätsdebatte tatsächlich verstanden und sich ernsthaft damit auseinander gesetzt hat.
2. Hauptteil
2. 1 Der biographische Hintergrund
Die Abfassungszeit der Epistel 15 läßt sich in die Jahre zwischen 376 und 379 datieren 8 , also in die Zeit, in der sich Hieronymus als Eremit in der Wüste von Chalkis 9 aufhielt. Wenn man mit der modernen Forschung sein Geburtsjahr um 347 ansetzt 10 , war er also etwa 30 Jahre alt. Seiner Zeit in der Wüste ging ein - zeitlich allerdings sehr unsicherer -Aufenthalt in Antiochien voraus 11 . In diese östliche Metropole kam Hieronymus während einer Pilgerfahrt mit dem Ziel Jerusalem und war wohl aufgrund einer
7 ALTANER, Berthold, Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg 5 1958 [Künftig zitiert: ALTANER, Patrologie], 363f., vgl. auch CAMPENHAUSEN, Kirchenväter, 149.
8 Nach SCHADE, Ludwig, Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte Schriften. Aus dem Lateinischen übersetzt. III. Band, München 1937 (= Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 18), 81[Künftig zitiert: SCHADE, Schriften], ist 376 das Weihedatum des im Brief erwähnten Bischofs Vitalis und 379 das Jahr, in dem die ebenfalls erwähnten ägyptischen Bekennerbischöfe, die von Kaiser Valens 373 nach Syrien verbannt worden waren, in ihre Heimat zurückkehrten. - Genauere Datierungen, wie sie z. B. Conring (376/377, vgl. CONRING, Hieronymus, 202) oder Lawler (376, vgl. LAWLER, Thomas Comerford, Jerome’s first letter to Damasus, in: GRANFIELD, P./ JUNGMANN, J. A. (Hrsg.), Kyriakon. Festschrift Johannes Quasten, Münster 1970, Bd. 2, 548-552 [Künftig zitiert: LAWLER, Letter], hier: 548) vornehmen, werden jedoch m. E. zu wenig begründet. Vgl. auch REBENICH, Hieronymus, 98, der die Vermutung, Hieronymus sei 377 wieder nach Antiochien zurückgekehrt - auf diese stützt sich z. B. Lawler -, als „völlig willkürlich“ bezeichnet.
9 Zur genaueren Bestimmung des Ortes vgl. REBENICH, Hieronymus, 86-98, der gegen frühere Lokalisierungsversuche zu dem Schluß kommt, daß Hieronymus zu dieser Zeit in Maronia, 45 km östlich von Antiochien, auf dem „Landsitz“ seines Freundes Evagrius lebte.
10 Vgl. hierzu mit Verweis auf genauere Untersuchungen z. B. REBENICH, Hieronymus, 21.
11 Vgl. zur Unsicherheit der Chronologie ebenfalls REBENICH, Hieronymus, 98-100.
Arbeit zitieren:
Magnus Kerkloh, 2003, Die Position des Hieronymus in den trinitätstheologischen Debatten des 4. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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