vornehmlich auf die Festschreibung demokratischer Spielregeln in der Verfassung ankäme, 3 ist angesichts des empirischen Befunds problematisch. Mindestens genauso wichtig sind zweifellos die gemeinschaftlichen Lebenserfahrungen der Bürger, die in ihrer Summe gleichsam als kollektive Identität die Einstellung zu Staat und Gesellschaft prägen und einer freiheitlichen Demokratie förderlich oder hinderlich sein können. Nach diesen allgemeinen Überlegungen soll im Folgenden ein soziales Phänomen beleuchtet werden, das in der politischen Diskussion um Russland bisher wenig Beachtung fand, aber nichtsdestotrotz große Erklärungskraft birgt. Denn blat (dt. Vetternwirtschaft o. „Vitamin B“) war essentieller Bestandteil sowjetischer Lebenserfahrung und trug, wie unten im Detail zu zeigen ist, ebenso zu der großen Kluft zwischen privater und öffentlicher Sphäre bei, wie es deren Ausdruck war. Da hierbei nicht-staatliche soziale Netzwerke ins Blickfeld rücken, die sich zudem mit öffentlichen Belangen befassen konnten, ist nach der Verbindung zwischen blat und der Zivilgesellschaft, bzw. dem sozialen Kapital, zu fragen und damit nach möglichen sozialen Voraussetzungen für die demokratische Entwicklung der russischen Gesellschaft.
Anfang der 1990er Jahre erlebte der Begriff des sozialen Kapitals ein Revival und gilt seitdem, im Sinne einer demokratischen Sozialisierungsfunktion für die Gesellschaft, als Teil
des Zivilgesellschaftskonzepts. 4 Prominentester Vertreter dieser Theorie ist der amerikanische Soziologe Robert Putnam, der folgende Definition aufstellte:
Im Gegensatz zum physischen und humanen Kapital - Werkzeuge und Training, welche die individuelle Produktivität erweitern - bezieht sich „soziales Kapital“ auf Merkmale der sozialen Organisation, wie Netzwerke, Normen und soziales Vertrauen, welche die Koordination und Kooperation zum gegenseitigen Nutzen fördern. 5
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Putnam meinte mit der „sozialen Organisation“ nach Alexis de Tocqueville ein staatsunabhängiges, nicht-hierarchisches Vereinswesen (u.a. Musik-, Sport oder Hobbyvereine), welches in der Sowjetunion allerdings nicht existierte. Hinsichtlich des Ziels der Putnamschen Definition, nämlich der Generierung sozialen Vertrauens „in Koordination und Kooperation zum gegenseitigen Nutzen“, sollte dennoch die Frage nach der „Produktion“ sozialen Kapitals in nicht-staatlichen sozialen Netzwerken in der UdSSR gestellt werden. Man stößt nämlich heute im Gespräch mit Zeitzeugen vielerorts auf die Meinung, dass Freundschaft und gegenseitige Hilfe tragende Säulen der sowjetischen Gesellschaft gewesen wären.
Die russische Soziologin Anna Ledeneva hat sich in einer Pionierarbeit eingehend mit einer besonderen Form der sowjetischen Freund- und Hilfsbereitschaft beschäftigt und verband diese mit dem russischen, eher negativ behafteten Terminus blat. 6 Zwar ist eine direkte Übersetzung ins Deutsche schwierig, doch kommen ihm Vetternwirtschaft oder Vitamin B recht nahe. Ein von Ledeneva befragter Beamter aus Moskau gab folgendes Beispiel:
Wenn du einen Bekannten hattest, der im Laden arbeitete, konntest du schwer erhältliche Produkte kaufen. Du hast zwar den gleichen Preis bezahlt, aber durch deinen Bekannten wusstest du, wann du zu kommen hast, konntest mehr kaufen oder brauchtest nicht einmal anzustehen. 7
Im Kern meint blat - ähnlich wie die Korruption, allerdings ohne den Einsatz von Gelddie Ausnutzung öffentlicher Positionen für private Zwecke. Die häufigste Anwendung fand sich in der Beschaffung von Konsumgütern, doch beschränkte sich der Terminus nicht nur darauf. So spielte blat eine Rolle für die Regelung durchaus öffentlicher Belange, wie etwa der Erlangung eines Arbeitsverhältnisses, der Kindererziehung (z.B. einen Platz an der gewünschten Schule oder Universität), der Absolvierung des Militärdienstes (z.B. einen Dienstort in der Nähe des Heimatorts) oder bei der Nutzung staatlicher Vergnügungs- und Erholungseinrichtungen (z.B. durch einen Bekannten an der Theaterkasse oder im Schwimmbad). Zusammenfassend schlug Ledeneva folgende Definition vor:
Blat war ein Austausch von „Zugangsgefälligkeiten“ [favours of access] unter den Bedingungen des Mangels und einem staatlichen System der Privilegien. Eine „Zugangsgefälligkeit“ erfolgte auf öffentliche Kosten. Sie diente den Bedürfnissen des ^///^^^, '''''''''''':< sssss>EsZZ&E///^^^^ ///////^
persönlichen Konsums und reorganisierte die offizielle Verteilung des materiellen Wohlstands. […] Verknüpft mit persönlichen Netzwerken eröffnete blat über persönliche Kanäle Zugang zu öffentlichen Ressourcen. 8
Obwohl blat der offiziellen Ideologie zuwiderlief - denn der sozialistische Staat hatte den Anspruch, sämtliche Bedürfnisse zu erfüllen - war es selbst in den Rängen der Parteielite (nomenklatura) zu finden. So berichtete eine leitende Bankangestellte aus einer Novosibirsker nomenklatura-Familie:
Mein Vater hätte sich sein Hobby, aus einem Hubschrauber zu jagen, was er jedes Jahr tat, niemals leisten können. Das war nur über Beziehungen möglich. Sie waren drei Bosse und der Vorsteher des Flughafens, die das immer zusammen machten. Sie waren Freunde aber auch durch ihre Arbeit verbunden. Deshalb hatten sie immer die Möglichkeit, einander nützlich zu sein. 9
Dass blat lange Zeit unerkannt blieb, was seiner Beständigkeit nur förderlich war, lag an den vielfältigen Verkennungsstrategien der darin Involvierten. So wurde es oft bei anderen ausgemacht, aufgrund der negativen Note des Begriffs für den eigenen Fall aber abgestritten. Die eigenen Kontakte als blat-Netzwerk zu verstehen hätte das eigene Ego gekränkt, während es moralisch richtig erschien, einem Freund zu helfen:
Meine Beziehungen sind freundschaftliche Bindungen und nichts weiter. Es ist ja nicht so, dass ich eine Gegenleistung erwarte, wenn ich jemandem einen freien Theaterbesuch ermögliche, aber da ich selten Zeit habe, könnte mein Freund vielleicht einen Termin im Krankenhaus für mich arrangieren. 10
Ich sehe es nicht als blat, dass meine Tante meiner Frau geholfen hat, eine Anstellung als Buchhalterin zu bekommen. Buchhaltung war zwar nicht ihr Beruf, aber sie war gebildet, hatte ein Diplom und konnte zählen. Sie war dort gut aufgehoben und arbeitete gut. Diejenigen, die durch blat reinkommen, arbeiten nicht, sie nehmen nur Geld. 11
Diese Beispiele verdeutlichen, wie die Rhetorik der Familie, Freundschaft oder der gegenseitigen Hilfe blat verschleierte oder zumindest rechtfertigte. Auch die verzögerte, mittelbare und in jedem Fall unentgeltliche „Rückzahlung“ trugen zu dieser Verschleierung bei. Denn im Gegensatz zur Bestechung oder dem informellen Tauschhandel waren die „Zugangsgefälligkeiten“ nicht direkt oder auch nur gleichwertig rückerstattbar. Stattdessen
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Arbeit zitieren:
Markus Huth, 2009, Zivilgesellschaft in Russland?, München, GRIN Verlag GmbH
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