Vorwort
Ich bedanke mich herzlich bei Dr. Stefan Valkanover für die engagierte und sehr hilfreiche Betreuung meiner Lizentiatsarbeit. Dr. Valkanover unterstützte mich sowohl fachlich als auch moralisch.
Ich bedanke mich ebenfalls bei Martin de Bruin, Informatikverantwortlicher am ISPW, für die freundliche Unterstützung bei der Erstellung des Online-Fragebogens und der Datenverwaltung sowie bei Katrin Lehnert, Assistentin am ISPW, für die wertvolle Beratung und Unterstützung bei statistischen Fragen und Problemen.
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Abstract
Die vorliegende Arbeit untersucht Motive für die Partizipation am Risikosport und die Risikowahrnehmung der Risikosportler. Die Probanden sind männliche Sportler, die eine oder mehrere Risikosportarten wie Base Jumping, Downhill Biking, Extrembergsteigen, Fallschirmspringen oder Freeriding betreiben. Denen gegenübergestellt wird eine Kontrollgruppe bestehend aus Sportstudenten, die Nicht-Risikosport betreiben. Eine Zusammenstellung von Motiven für die Risikosportpartizipation aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Verhaltenspsychologie oderbiologie, der Psychoanalytik, der Geschichte etc. zeigt eine mögliche Motivlandschaft auf. Das Sensation Seeking-Motiv, welches aus einem Konzept von Marvin Zuckerman (1994) stammt, wird separat und vertieft behandelt und auf dessen Stellenwert in der Motivlandschaft analysiert. Das Sensation Seeking-Motiv beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal, das durch das Bedürfnis nach Abwechslung und der ständigen Suche nach neuen, intensiven Reizen gekennzeichnet ist. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung zeigen, dass das Sensation Seeking-Motiv neben den Motiven Bewegungsfreude, Natur und Erholung einen hohen Stellenwert hat. Das Leistungs-, Fitness und Kontakt-Motiv scheint für die Risiko-sportler eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dass Risikosportler der untersuchten Risikosportarten hohe Sensation Seeker sind und sich die Risikosportarten gering in ihrem Sensation Seeking-Niveau unterscheiden, sind weitere Erkenntnisse. Kaum Unterschiede im Sensation Seeking-Niveau gibt es zwischen Experten und Novizen, jedoch besteht ein signifikanter Unterschied im Vergleich zu den Sportstudenten. Die Analyse der subjektiven Risikowahrnehmung der Risikosportler ergibt, dass von allen Sportlern die eigene Sportart nicht als gefährlich sondern als eher mittel- bis wenig gefährlich eingestuft wird. Die Kontrollgruppe schätzt die Gefahr in den Risiko-sportarten ähnlich ein wie die Risikosportler selbst. Ebenfalls keinen Unterschied gibt es in der subjektiven Risikowahrnehmung zwischen Novizen und Experten. Ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Sensation Seeking-Niveau und der subjektiven Wahrnehmung wird falsifiziert.
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Problemstellung. 6
2 Risikosport. 8
2.1 Definition von Risikosport. 8
2.2 Merkmale des Risikosports 11
2.3 Merkmale von Risikosportlern. 14
3 Motive im Sport. 16
3.1 Begriffserklärung von Motiv und Motivation 16
3.2 Vielfalt der Motive im Sport 18
4 Motive im Risikosport - eine Übersicht der Erklärungsansätze 20
4.1 Risiko- und Extremsport als Reizsuche - die Revisionstheorie nach Apter 20
4.2 Risiko- und Extremsport als Angstüberwindung 22
4.2.1 Angstlust nach Balint 22
4.2.2 Die Lust an der Angst - Erklärungsansatz nach Semler. 24
4.3 Risiko- und Extremsport als Grenzsuche. 25
4.3.1 Die Lust am Risiko - die Ordaltheorie von Le Breton 25
4.3.2 Allmer: die Suche nach persönlichen Leistungs- und Risikogrenzen 26
4.4 Suche nach aussergewöhnlichen Emotionszuständen - Das Flow-Konzept nach
Csikszentmihalyi. 28
4.5 Risikosport zur Suche nach Sicherheit: das Sicherheitssuche-Modell
von Von Cube. 29
4.6 Risikosport zur Identitätssuche - das Modell von Aufmuth 31
5 Sensation Seeking. 32
5.1 Das Sensation Seeking-Konzept 32
5.2 Erfassen des Sensation Seeking-Merkmals 34
5.2.1 Die Sensation Seeking Scale-V 35
5.2.2 Die deutschsprachige Version der SSS-V 36
5.2.3 Kritik an Zuckerman. 36
5.3 Sensation Seeking und Risikosport 37
5.4 Studien zum Sensation Seeking im Risikosport 38
5.4.1 Studien zu Risikosport im Allgemeinen 38
5.4.2 Spezifische Studien zu Bergsteigen. 39
5.4.3 Spezifische Studien zu Fallschirmspringen. 39
5.4.4 Studien zu diversen Risikosportarten. 40
6 Risikowahrnehmung 40
6.1 Begriffserklärung von Risikowahrnehmung 40
6.2 Risikoverhalten, Risikobereitschaft und Risikoakzeptanz. 42
6.3 Studien zur Risikowahrnehmung im Risikosport. 43
7 Objektive Gefährlichkeit der fünf Risikosportarten Freeriding, Downhill
Biking , Fallschirmspringen, Extrembergsteigen und Base Jumping. 45
7.1 Base Jumping. 45
7.2 Freeriding 46
3
7.3 Downhill Biking 47
7.4 Extrembergsteigen 48
7.5 Fallschirmspringen 49
8 Forschungshypothesen und Operationalhypothesen 50
8.1 Forschungshypothesen 50
8.2 Operationalhypothesen (OH) 52
8.2.1 OH zu den FH über die Partizipation am Risikosport. 52
8.2.2 OH zu den FH über das Sensation Seeking-Motiv. 53
8.2.3 OH zu den FH über die Risikowahrnehmung im Risikosport 53
9 Methode. 54
9.1 Untersuchungsverfahren und -instrumente. 54
9.1.1 Untersuchungsverfahren 54
9.1.2 Untersuchungsinstrumente 54
9.2 Stichprobe und Untersuchungsdurchführung 59
9.3 Untersuchungsplan und -design 60
9.4 Untersuchungsauswertung und Auswertungsverfahren 60
10 Darstellung, Interpretation und Diskussion der Ergebnisse. 61
10.1 Motive für die Partizipation am Risikosport. 61
10.1.1 Stellenwert des SS-Motivs im Vergleich zu anderen Motiven. 61
10.1.2 Vergleich des Motivs „Risikosuche“ unter den Risikosportarten 67
10.1.3 Vergleich der Motive der Risikosportler und der Kontrollgruppe für die
Sportpartizipation. 69
10.1.4 Persönliche, zusätzlich erwähnte Motive der Risikosportler 72
10.2 Sensation Seeking 73
10.2.1 SS-Niveau der Risikosportsportler und der Kontrollgruppe 73
10.2.2 Unterschiede im SS-Motiv zwischen Novizen und Experten 76
10.3 Risikowahrnehmung. 78
10.3.1 Einschätzung des objektiven Risikos in den Sportarten 78
10.3.2 Unterschied in der Bewertung der Gefährlichkeit der Sportart nach Novizen und
Experten 81
10.3.3 Unterschied zwischen objektivem und subjektivem Risiko 82
10.3.4 Zusammenhang zwischen der subjektiven Risikowahrnehmung und
dem SS-Niveau der Sportler 84
10.3.5 Unterschied in der Risikowahrnehmung zwischen Risikosportlern
und der Kontrollgruppe. 85
11 Schlussfolgerungen, Kritik und Ausblick. 86
11.1 Schlussfolgerungen. 86
11.2 Kritik an der methodischen Vorgehensweise. 88
11.3 Ausblick 89
Literaturverzeichnis 90
Anhang 95
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Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Das Drei-Zonen-Modell nach Apter. 22
Abb. 2: Motivkomplex der Grenzsuche 27
Abb. 3: Modell des Flow-Zustands 29
Abb. 4: Risikoverhalten als kognitiver Prozess. 43
Abb. 5: Stichprobe (absolute Häufigkeiten) 59
Abb. 6: Mittelwerte von Alter nach Sportart 60
Abb. 7: Mittelwerte Motive Base Jumping 62
Abb. 8: Mittelwerte Motive Downhill Biking. 63
Abb. 9: Mittelwerte Motive Extrembergsteigen 64
Abb. 10: Mittelwerte Motive Fallschirmspringen 65
Abb. 11: Mittelwerte Motive Freeriding 66
Abb. 12: Mittelwerte Motiv „Risikosuche“ 67
Abb. 13: Mittelwerte Motive Risikosportler und Kontrollgruppe 70
Abb. 14: SS-Werte der Risikosportarten nach der SS-Skala. 74
Abb. 15: Mittelwerte von den Novizen und Experten auf der Total Score,
TAS und ES 77
Abb. 16: Bewertung der Unfallwahrscheinlichkeit in den Risikosportarten
durch die Risikosportler. 78
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Klassifizierung und Vielfalt der Motive im Sport 18
Tab. 2: Unvorhersehbare (Natur-) Gefahren beim Freeriden 46
Tab. 3: Gefahren als Folge von Kontrollverlust oder Fehleinschätzung 47
Tab. 4: Reliabilitätsanalyse Motiv „Leistung“ 55
Tab. 5: Reliabilitätsanalyse Motiv „Risikosuche“ 56
Tab. 6: Reliabilitätsanalyse Motiv „Fitness“ 56
Tab. 7: Reliabilitätsanalyse Motiv „Kontakt“ 57
Tab. 8: Reliabilitätsanalyse Motiv „Erholung“ 57
Tab. 9: Reliabilitätsanalyse Motiv „Bewegungsfreude“ 57
Tab. 10: Reliabilitätsanalyse Motiv „Natur“ 58
Tab. 11: Mittelwerte der Motiv-Items in den fünf Risikosportarten. 61
Tab. 12: Post-Hoc-Test (Scheffé) Mittelwertvergleiche des Motivs „Risikosuche“
unter den erfassten Sportarten. 68
Tab. 13: Mittelwerte aller Motive der Kontrollgruppe/ Risikosportler. 69
Tab. 14: Mittelwerte der SS-Werte in den Risikosportarten. 73
Tab. 15: Mittelwerte der Total Score, der TAS und der ES
bei Novizen und Experten 76
Tab. 16: Geschätzte Unfallwahrscheinlichkeit in den Risikosportarten. 79
Tab. 17: Mittelwerte der Bewertung der Gefahr in der eigenen Sportart 83
Tab. 18: Produkt-Moment-Korrelation zwischen SS Total Score und geschätzter
Unfallwahrscheinlichkeit in den Risikosportarten. 84
Tab. 19: Mittelwerte der Gefährlichkeit nach Sportart von
Risikosportlern / Kontrollgruppe 85
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1 Einleitung und Problemstellung
Menschen springen mit einem Fallschirm von Hochhäusern, befahren einen frisch verschneiten Steilhang einer Bergflanke mit dem Snowboard, rauschen mit atemberaubender Geschwindigkeit auf dem Mountainbike einen Abhang hinunter oder erklettern im Alleingang einen Achttausender im Himalajagebirge. Diese Tätigkeiten lösen bei Laien-Zuschauern Faszination, aber auch Unbehagen aus, denn es macht den Anschein, als würden sich die Sportler für ein wenig „Spass“ einem hohen Todes- oder Unfall-Risiko aussetzen. Es entsteht aber auch der Eindruck, dass der mögliche Gewinn bei diesen sportlichen Aktivitäten sehr gross sein muss für den einzelnen Sportler, sodass er überhaupt die hohen Kosten wie den Tod oder andere physische und psychische Schädigungen in Kauf nimmt. Sowohl die Frage nach der Wahrnehmung des Risikos durch den Sportler als auch die Frage nach den Motiven, die für ihn von Bedeutung sind, damit er solche risikoreichen Sportarten ausübt, ist von persönlichem Interesse.
Die vorliegende Arbeit untersucht einerseits, welche Motive für die Partizipation am Risikosport zentral sind und andererseits, inwiefern die Sportler ein Risiko wahrnehmen und einschätzen. Als Risikosport gelten nur diejenigen Sportarten, welche ein hohes Risiko in dem Sinne beinhalten, dass ein Misserfolg - ob durch Selbstverschulden oder durch äussere Einflüsse verursacht - schwerwiegende Konsequenzen für Leib und Leben mit sich bringt. Base Jumping, Freeriding, Downhill Biking und Extrembergsteigen sind Teil der Risikosportarten. Fallschirmspringen zählt aufgrund des technischen Fortschritts nicht mehr dazu. Trotzdem bezieht sich die Untersuchung auf diese fünf Sportarten.
Der erste Teil der Arbeit setzt sich mit dem Begriff „Risikosport“ auseinander (Kapitel 2). Da dieser jedoch nicht eindeutig abgrenzbar zum „Extremsport“ ist, wird Letzterer ebenfalls betrachtet. Es wird erklärt, was eine Sportart zu einer Risikosportart macht und die Merkmale eines Risikosportlers werden dargestellt. Zudem wird erläutert, mit welchen zentralen Problematiken zum Risikosport sich die Sportwissenschaft beschäftigt.
Im zweiten Teil werden zuerst mögliche Motive für eine Sportpartizipation erläutert (Kapitel 3). Anschliessend werden Motive für die Risikosportpartizipation zusammengestellt aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Verhaltenspsychologie oder -biologie, der Psychoanalytik, der Geschichte etc. (Kapitel 4). Die verschiedenen Ansätze werden nicht vertieft behandelt, ausgenommen das Sensation Seeking-Konzept von Marvin Zuckerman (1994) (Kapitel 5). Es ist eines der meist erforschten Konzepte und ein möglicher Erklärungsansatz. Diese Theorie wurde zu Beginn der 1970er-Jahre in den Vereinigten Staaten durch Zuckerman entwickelt und bis heute vielfach verwendet und angepasst. Sensation Seeking ist ein relativ
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überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal, das sich durch das Bedürfnis nach Abwechslung und der ständigen Suche nach neuen Reizen, unter Inkaufnahme von Risiken, auszeichnet. Das Sensation Seeking-Merkmal wird mit der Sensation Seeking Scale V, einem psychometrischen Erhebungsinstrument, bestehend aus den vier Subskalen „Thirll and Adventure Seeking“ (TAS), „Experience Seeking“ (ES), „Disinhibition“ (Dis) und „Boredom Susceptibility“, erfasst. Nach der Theorie von Zuckerman (2007) haben Personen mit einer hohen Sensation Seeking-Ausprägung das Bedürfnis nach häufiger Abwechslung und sind ständig auf der Suche nach starken Reizen. Starke Sensation Seeker finden solche starken Reize in riskanten Tätigkeiten wie sehr schnelles Auto- bzw. Motorradfahren, Rauschmittelkonsum, ungeschütztem Geschlechtsverkehr und auch im Risikosport. Eine Vielzahl von Studien (vgl. Zuckerman, 2007) über verschiedene Risikosportarten belegen (Kapitel 5.4), dass sich Risikosportler durch höhere Werte in der Gesamtpunktzahl, auf der TAS und der ES von Breitensportlern abgrenzen. Ebenfalls weisen Experten gegenüber Novizen (im Risikosport) eine höhere Ausprägung im Sensation Seeking-Merkmal auf. Durch die Behandlung dieses Konzepts hat sich eine weitere Forschungsfrage entwickelt:
Welchen Stellenwert hat das Sensation Seeking-Merkmal für die Partizipation am Risikosport im Vergleich zu den anderen Motiven und welche Rolle spielt dabei die subjektive Risikowahrnehmung?
Die sportbezogene Risikowahrnehmung (Kapitel 6) spielt bei der Partizipation am Risikosport eine bedeutende Rolle, denn das subjektiv wahrgenommene Risiko und die wahrgenommenen eigenen Fähigkeiten entscheiden über die Ausübung von riskanten Aktivitäten. So wird bei Risikosportlern bzw. starken Sensation Seekern eine geringe subjektive Risikowahrnehmung vermutet. Nach der Studie von Allmer (1998) gibt es zwei angewandte Strategien, die zur Partizipation am Risikosport führen: die Relativierung (eigene Gefährdung wird im Vergleich zu anderen gefährlichen Tätigkeiten als gering eingestuft) und die Unterschätzung des Risikos. Die Studie von Schumacher & Roth (2004) belegt, dass die Risikosportler im Gegensatz zu den Sportlern, die weniger riskante Sportarten ausüben, eine geringere subjektive Risikowahrnehmung und eine erhöhte Selbstwirksamkeit aufweisen. Eine andere Studie von Rossi & Cereatti (1993) berichtet von einem positiven Zusammenhang zwischen der objektiven Gefahr (Unfallzahlen) und der Höhe des Sensation Seeking-Niveaus (Kapitel 6.3). Aufgrund all dieser Studienergebnisse ist die subjektive Risikowahrnehmung bei der Partizipation am Risikosport in den fünf genannten Sportarten Teil der Untersuchung. Es wird zudem überprüft, ob ein Zusammenhang zwischen dem Sensation Seeking-Niveau und der subjektiven Risikowahrnehmung besteht, denn hierzu gibt es noch keine Forschungserkenntnisse. Im dritten, dem empirischen Teil dieser Arbeit werden zuerst die Forschungs- und Operationalhypothesen, die Methoden und die Erhebungsinstrumente vorgestellt (Kapitel 8 und 9). In der Untersuchung selber werden, neben der Erfassung des
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Sensation Seeking-Niveaus mittels der Sensation Seeking Skala V, die Motive für die Partizipation an den fünf Risikosportarten Base Jumping, Downhill Biking, Fallschirmspringen, Extrembergsteigen und Freeriding untersucht. Die Sportarten Base Jumping, Downhill Biking und Freeriding werden erstmals in einer Studie berücksichtigt. Gabler (2002) untersuchte in einer Studie eine grosse Anzahl von Breiten-sportlern mithilfe eines Motiv-Fragebogens und extrahierte sechs Motivgruppen aus den 24 enthaltenen Motiv-Items, die unterschiedlich stark zur Partizipation am Sport führen. Derselbe Fragebogen wird in dieser Arbeit zur Untersuchung des Stellenwerts von Sensation Seeking in der Motivlandschaft verwendet. Zusätzlich wird die subjektive Risikowahrnehmung der Sportler erfasst: Einschätzen der Gefährlichkeit der Sportarten, geschätzte Unfallwahrscheinlichkeit in den Sportarten und Schätzen der Unfallzahlen.
Im letzten Teil folgt die Darstellung, Interpretation und Diskussion der Ergebnisse der empirischen Studie (Kapitel 10). Die Zusammenfassung der Ergebnisse, die kritische Reflexion der Methoden und der Ausblick bilden den Schluss dieser Arbeit (Kapitel 11).
2 Risikosport
In diesem Kapitel werden unterschiedliche Definitionen von „Risikosport“ vorgestellt. Es wird dabei versucht, den Begriff „Risikosport“ vom Begriff „Extremsport“ abzugrenzen, obwohl diese in der Literatur zum Teil synonym verwendet werden. Ebenfalls Gegenstand dieses Kapitels ist die Beschreibung der Merkmale von „Risikosport“ sowie von „Risikosportlern“.
2.1 Definition von Risikosport
Der Begriff „Risikosport“ wird in der Literatur unterschiedlich ausgelegt. Vielfach werden als Synonyme die Begriffe „Extremsport“ oder „Funsport“ verwendet. Daher ist es schwierig, die Begriffe Extrem- und Risikosport voneinander abzugrenzen. Das sportwissenschaftliche Lexikon definiert „Risiko im Sport“ bzw. „Risikosport“ wie folgt: Die allgem. Bedeutung des Phänomens, als Wagnis bzw. Gefahr in einer unsicheren/ ungewissen Unternehmung, erfährt unter sportwiss. Sichtweisen eine Reihe von aspektbezogenen Differenzierungen. So bieten →Sport und →Spiel generell die Möglichkeit mit Risiken unterschiedlichster Art umzugehen, sie sinnvoll zu dosieren und zu kalkulieren. Bereits das Kind muss lernen, im Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten das jeweilige R.abzuschätzen [sic] und auf der Basis seines
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Könnens auch Risikobereitschaft zu entwickeln. Die sog. R.-Sportarten (Klettern, Drachenfliegen, Fallschirmspringen, Wildwasserfahren und dgl.) erfordern ein hohes Mass an Technikbeherrschumg [sic], perfekte Ausrüstung und angemessene Sicherungsmassnahmen, um eine gewissenhafte R.-Vorsorge zu gewährleisten. (Röthig, 2003, S. 452) Diese Definition erklärt nicht, was Risiken sowohl im Sport als auch für den Sportler bedeuten können. Sie besagt nur, dass es im Risikosport um eine Abschätzung und um einen speziellen Umgang mit Risiken geht. Röthig zählt jedoch erste Risikosportarten auf und beschreibt Voraussetzungen für dessen Ausübung. Eine Definition, welche den Begriff über die Psyche eines Risikosportlers definiert, liefert der Brockhaus Sport (2007):
Das Ausüben sportlicher Disziplinen, die durch extreme physische und psychische Beanspruchung sowie durch ein objektiv vorhandenes und/oder subjektiv empfundenes Gesundheits- bis Lebensrisiko gekennzeichnet sind. Der innere Drang, Risikosport zu betreiben, kann u. a. im Bestreben begründet sein, gefährliche Situationen durch körperliche Geschicklichkeit zu meistern, und ist im Allgemeinen von Leidenschaft oder sogar Besessenheit geprägt. Stets wird dabei das mit der sportlichen Aktivität verbundene Risiko bewusst gesucht und als ››Nervenkitzel‹‹ genossen. Zu den Disziplinen des Risikosports zählen z.B. →Canyoning, Free-Solo-Climbing (→ Freeclimbing) und →Rapjumping. Der Übergang zum →Extremsport ist fliessend. (S. 377) Nebst der Aufzählung weiterer Risikosportarten verweist Brockhaus auf den fliessenden Übergang zum Extremsport. Deshalb soll die Definition von „Extrem-sport“ zur Klärung des Begriffs „Risikosport“ hinzugezogen werden: Das Ausüben aussergewöhnlicher, z.T. risikoreicher sportlicher Disziplinen, bei denen der Betreffende höchsten physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt ist. Extrem bezieht sich dabei u. a. - je nach Sportart - auf folgende Faktoren: 1) den für die Ausübung notwendigen Mut (z.B. Bungeejumping, Skysurfing); 2) die hohen technischen Anforderungen, besonders wegen des Verzichts auf erleichternde Hilfsmittel (z.B. Freeclimbing); 3) die Konfrontation mit z.T. extremen Natur- und Witterungsbedingungen (z.B. Extrembergsteigen); 5) die enormen physischen Belastungen beim Zurücklegen von Ultralangstrecken (z.B. 100km-Lauf, Marathonschwimmen, Ironman-Triathlon). Der Übergang von Extremsport zu →Risikosport ist fliessend. Es kann auch Überschneidungen mit Disziplinen des →Trendsports geben. (Der Brockhaus Sport, 2007, S. 149)
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Nach dieser Definition gehören nicht alle Extremsportarten zum Risikosport. Die Überschneidung beider Begriffe findet sich in der Auslegung des Begriffes „extrem“. Dieser beinhaltet Faktoren wie Mut, hohe technische Anforderungen, enorme physische Belastungen etc. . Risikosport beinhaltet demnach extreme Faktoren. Meyers Online-Lexikon liefert eine Definition von Extremsport, welche den Risiko-sport als Teil dessen integriert:
Extremsport, das Ausüben aussergewöhnlicher sportlicher Disziplinen, wobei der Betreffende höchsten physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt ist. Ist bei Durchführung der betreffenden Disziplin ein objektiv vorhandenes und/oder subjektiv empfundenes Gesundheitsbis Lebensrisiko vorhanden, spricht man auch vom Risikosport. Dabei wird das mit der sportlichen Aktivität verbundene Risiko bewusst gesucht und als »Nervenkitzel« genossen. (Meyers Lexikon online, 2008, 22. September)
Risikosport gilt nach Meyers Online-Lexikon als Extremsport unter der Bedingung, dass ein zusätzliches Risiko für die Gesundheit oder das Leben besteht. Opaschowski (2000) macht in seinem Werk über „Extremsport als Zeitphänomen“ keinen Definitionsversuch von Extremsport, obwohl „Extremsport“ im Titel des Buches enthalten ist. Er verwendet den Begriff „Risikosport“ analog zum Begriff „Extremsport“.
Die verschiedenen Definitionen, die jeweils andere Schwerpunkte zur Klärung des Begriffes „Risikosport“ haben, verdeutlichen die Komplexität um den Begriff „Risiko-sport“. Zur Vertiefung und zum Verständnis des Begriffs soll der folgende Diskussionsschwerpunkt zum Risikosport aus Sichtweise der Sportwissenschaft und der Sportler bzw. der Bevölkerung hinzugezogen werden:
Die Sportwissenschaft legt den Diskussionsschwerpunkt auf die Frage, ab welcher Risikohöhe eine sportliche Aktivität zu den Risikosportarten zählt. Als Risikosport gilt für sie, wenn ein bestimmtes Mass an objektivem Risiko vorhanden ist. Eine Beurteilung für das Vorhandensein eines bestimmten objektiven Risikos ist jedoch schwierig, denn die Risikosituationen sind individuell und von einzigartigem Charakter: Jede Gefahrensituation erhält durch die unterschiedlichen inneren und äusseren Bedingungen einen eigenen Charakter und ist von den Fähigkeiten des Sportlers abhängig. Währenddem also eine Aktion für einen aussenstehenden Betrachter sehr riskant erscheinen kann, stuft sie der Sportler wegen seiner Vorbereitung und seinem Wissen um seine körperlichen und psychischen Fähigkeiten als weniger riskant ein - der Sportler versucht das Risiko auf ein Minimum zu
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reduzieren. Übrig bleibt das unkalkulierbare Restrisiko, das durch unvorhersehbare Situationen gegeben ist (Allmer, 1998).
Zusammenfassend ist der Risikosport nur bestimmbar, wenn dabei die Wahrnehmung und die Absicht des handelnden Sportlers berücksichtigt wird. Der Sportler muss die Risiken abschätzen und versucht, diese durch seine sportartspezifische Handlungskompetenz zu minimieren. Der Handlungsausgang und die Folgen von Risikosportsituationen sind daher grundsätzlich offen. Risikosport grenzt sich von Extremsport insofern ab, weil ein zusätzliches Risiko für die Gesundheit oder das Leben besteht - Für den Extremsport sind eher eine extreme Zeitdauer oder eine Distanzsteigerung von konventionellen Sportarten charakteristisch. Trotzdem können Risikosportarten „extrem“ ausgeübt werden, beispielsweise durch eine starke Verlängerung der Zeitdauer oder der Distanzen (z. B. ein 24 Stunden-Downhill mit dem Mountainbike).
Nach dem Versuch, Risikosport zu definieren, soll im folgenden Kapitel vertieft auf die Frage eingegangen werden, welche Merkmale typisch sind für Risikosport. Dabei werden diejenigen Merkmale behandelt, die den verschiedensten Risikosportarten gemeinsam sind.
2.2 Merkmale des Risikosports
Nach Göring (2006) sind die folgenden Elemente konstitutiv für den Risikosport: Individualität: Das Risiko in Risikosportarten resultiert aus individuellen Handlungs-anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten. Es ist eine Komponente, die nicht nur individuell unterschiedlich ausfallen kann, sondern auch subjektiv je nach Bedingungen und/ oder der Tagesform anders bewertet wird. Jedes Risiko ist demnach absolut individuell und bezieht sich nur auf eine konkrete Situation zu einem bestimmten Tag und auf die einzelne Person.
Situationsbegrenzung: Das Risiko ist begrenzt auf eine reale Situation, der man sich bewusst stellt, um sie zu bewältigen. Es gibt bei Risikosportarten klar begrenzende Anfangs- und Endpunkte, welche die Kernaktivität der Risikosportart kennzeichnen und somit das Risikomoment der Sportart definieren.
Freiwilligkeit: Risikoaktivitäten und die daraus folgenden Risikosituationen werden freiwillig und bewusst aufgesucht, mit dem Ziel, diese zu meistern. Die Risikoaktivitäten und -situationen werden nicht in Kauf genommen um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen (Göring, 2006, S. 50).
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Für Semler (1994) ist insbesondere die erhöhte Gefahr charakteristisch für Risiko-sport. Er schreibt, dass das gemeinsame, verbindende Element der Risikosportarten Situationen sind, welche risikoreich sind und grosse Gefahren in sich bergen, die zu Schaden an Leib und Leben führen (S. 21).
Allmer (1998, S.62-63) nennt in Anlehnung an Aufmuth (1989, S.125), der selbst Bergsteiger ist, fünf wesentliche Merkmale, die für Risikosport (und Extremsport) charakteristisch sind:
Ausserordentliche körperliche Strapazen: Die Anstrengungen der Risiko- und Extremsportaktivitäten strapazieren den Körper - teilweise bis zur totalen Erschöpfung. Körperliche Qualen und nicht selten auch verlorene Gliedmassen müssen als Preis für das Erreichen des Ziels gezahlt werden. Besonders die Konfrontation mit widrigen Naturkräften wie Hitze, Kälte, Regengüsse und schwere Stürme usw. beanspruchen den menschlichen Körper.
Ungewohnte Körperlagen und -zustände: Für viele Risiko- und Extremsportarten bestehen extreme und riskante Anforderungen darin, dass der Körper in ungewohnte Lagen und Zustände gebracht wird. Zu diesen gehören beispielsweise der freie Fall, das Schweben in Luft und Wasser, hohe Geschwindigkeiten und Beschleunigungen, schnelle Rotationsbewegungen und extreme Körperseitenlagen, die völlig neue Körperorientierungen verlangen.
Ungewisser Handlungsausgang: Kennzeichnend für riskante und extreme Situationen ist, dass der Erfolg und der Misserfolg einer Handlung gleich wahrscheinlich sind.
Unvorhersehbare Situationsbedingungen: Im Risiko- und Extremsport treten Situationsbedingungen auf, welche nicht vorhersehbar sind: So weiss der Sportler nur wage, welche Situationsbedingungen auftreten werden, ob eine gegebene Situation bestehen bleibt oder zu welchem Zeitpunkt eine bestimmte Situation eintreten wird.
Der Grad der Vorhersehbarkeit ist umso geringer, je weniger Informationen über eine bevorstehende Situation eingeholt werden können.
Lebensgefährliche Aktionen: Die Gefahr, das Leben zu verlieren, ist in Risiko- und Extremsportaktivitäten grösser als in allen anderen Sportaktivitäten. Gefährdungen der körperlichen Unversehrtheit können entweder aus Fehlern, Unachtsamkeit und Leichtsinn des Sportlers resultieren oder sich aus einer plötzlichen Verschlechterung der Situationsbedingungen ergeben. Ein Scheitern bzw. ein Misserfolg infolge von Personen- und Situationsfaktoren führt unmittelbar zur Lebensbedrohung. Demgegenüber spiegelt sich der Erfolg unmittelbar im Überleben wider.
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Allmer geht davon aus, dass die genannten Merkmale nicht bei allen Risiko- und Extremsportaktivitäten eine gleich hohe Bedeutung haben. Die Kriterien zur Kennzeichnung der vielfältigen Risiko- und Extremaktivitäten müssen daher unterschiedlich gewichtet werden. Bei einer Ultra-Ausdauersportart beispielsweise dominieren die ausserordentlichen körperlichen Strapazen, während lebensgefährliche Aktionen weniger typisch sind.
Schneider & Rheinberg (1995) sprechen gar davon, dass Risiko- und Extremsportaktivitäten unter „Ernstfallbedingungen“ stattfinden (S. 424). Für Hartmann (1996, S. 74) gibt es gemeinsame, spezifische Faktoren für Risiko-und Extremsportarten, die jedoch in wechselnder Kombination und in variablem Ausmass die einzelnen Aktivitäten der Risikosucher bestimmen. Es sind: • Körperbetonung, Exponierung des eigenen Körpers
• Körperliche Fitness, Körperbeherrschung, Geschicklichkeit, Technik als Voraussetzung
• Motorische Bedürfnisse, Bewegungsdrang, Mobilität • Bedürfnis nach Geschwindigkeit und (Quer-) Beschleunigung • Aufsuchen von Tiefen- und/ oder Drehschwindel
• Aufsuchen körperlicher und/ oder seelischer Belastungen, teilweise über längere Zeit mit extremen Anforderungen, Dauerleistungsfähigkeit • Aufsuchen von Risiken und Gefahren - vom einfachen Verletzungsrisiko bis hin zur akuten Todesgefahr
• Aufsuchen von unterschiedlich getönten Erregungszuständen wie Spass, Hochgefühl, Angst, Nervenkitzel, Thrill, Angstlust • Aufsuchen von Trance- und Rauschzuständen
• Voraussetzung und Herausforderung bestimmter Charaktereigenschaften wie Mut, Wagemut, Tollkühnheit, Nervenstärke, Gelassenheit, Coolness, Diszipliniertheit, Unsicherheit, Konzentrationsfähigkeit, Geistesgegenwart, Flexibilität, Durchhaltevermögen
• Implikation des Steigerungsmotivs: höher, tiefer, schneller, weiter, länger, strapaziöser, spektakulärer, tollkühner, eleganter, perfekter • Bedürfnis nach Überschreitung persönlicher und absoluter Grenzen, Rekordleistungen und Vorstoss in völlig neue Leistungsdimensionen (das Unmögliche möglich machen).
Für Schleske (1977) ist der Situationsdruck typisch für Risikosportarten. Nach Schleske sind Risikosportarten mehrheitlich mit einem Handlungszwang verbunden, d. h. Handlungsziele müssen kurzfristig abgewandelt und „dem sich ständig verändernden Verlauf der Situation angepasst werden“ (S. 34). Nicht in jeder Risiko-
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situation ist ein spontaner Abbruch der Aktivität möglich wie z. B. beim Base Jumping.
Stern (2003a, 2003b) grenzt Risikosport vom traditionellen Sport mithilfe einer Kontrastierung ab: Während der Wettkampfsport auf Sieg und Niederlage sowie einer allgemeinen Vergleichslogik basiert, ist der Risikosport durch die „Tendenz der Entformalisierung“ gekennzeichnet, d. h., das Fehlen starrer Regeln und Grenzen ermöglicht dem Einzelnen individuelle Freiheiten der Aktivitätsgestaltung. Das Risiko wird, im Vergleich zum Spitzensport, um seines Selbst willen gesucht (Stern, 2003a, S. 190).
Folgende Merkmale stehen für Stern im Zentrum des Risikosports: • Freiwilligkeit: Risiken werden bewusst aufgesucht und nicht bloss in Kauf genommen
• Todesrisiko: Fehlverhalten erreicht die Dimension der vermeintlichen Todesnähe
• Situationsbegrenzung: Das Risiko ist genau begrenzt auf eine bestimmte Situation, der man sich stellt, und besitzt eine klar abgrenzbare Start- und Endphase
• Individualität: Das Risiko wird bestimmt durch die individuellen Bedürfnisse, Einschätzungen und Fähigkeiten des Sportlers
• Selbstkontrolle: Die Risikosituation ist von den Sportlern ausgewählt und im Bezug auf die Schwierigkeiten und Emotionen sowie durch die Motivation selbst kontrolliert (Stern, 2003a, S. 191).
Ein gesamtheitlicher Vergleich der Merkmale aller erwähnten Autoren zeigt, dass Freiwilligkeit, Selbstkontrolle, Einzigartigkeit und Ernstfallcharakter der Risikosituation, ungewohnte Körperlagen und -zustände, Gefährlichkeit u. a. stets als Merkmale genannt werden. Nun stellt sich unweigerlich die Frage, was denn ein Risikosportler ausmacht. Weisen Risikosportler spezielle Merkmale und Fähigkeiten auf? Was unterscheidet ihn von einem Nicht-Risikosportler?
2.3 Merkmale von Risikosportlern
In diesem Kapitel wird untersucht, mit welchen spezifischen Merkmalen und Fähigkeiten ein Risikosportler ausgestattet sein kann, damit er fähig ist Risikosportarten zu betreiben.
Semler (1994) beschreibt die Risikosportler als risikosuchende Menschen, „die einer gefährlichen Tätigkeit nachgehen, sich ihrer Gefährdung bewusst sind und auf diese Gefährdung ganz normal und vernünftig reagieren, nämlich mit Angst“ (S. 15). Durch die erworbenen Fähigkeiten, mit deren Hilfe die Gefahr kontrolliert werden kann, ver-
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liert die Angst ihren Schrecken. „Als Risikosucher lebt man besser mit ihr, weil man gelernt hat, mit ihr umzugehen“ (S. 159). Typische Wesenszüge von Risikosuchern sind das „Bedürfnis nach Reizvariation und in der Bereitschaft, auch nach neuen und unüblichen Lösungen zu suchen, wenn die gegebenen Bedingungen ausgeschöpft sind und keine Steigerung der Anforderungen mehr zulassen.“ (Semler, 1994, S. 108).
Balint (1959) bezeichnet in seiner Theorie die „Philobaten“, zu denen auch die Risikosportler gehören, als „robuste, unerschütterliche, kühne Helden, die ihre Unabhängigkeit geniessen, ohne mit der Wimper zu zucken, den Gefahren ins Auge sehen und stolz ihren eigenen Weg gehen“ (S. 37).
Nach Clausen (2003, S. 40) besitzen Risikosportler überdurchschnittliche mentale und bewegungsbezogene Fertigkeiten. Ohne diese Fertigkeiten ist ein Scheitern vorprogrammiert.
Aufmuth (1996) schreibt den Risiko- und Extremsportlern besondere Charaktereigenschaften zu, da von diesen eine Vielzahl von Fähigkeiten verlangt wird. Aufmuth betont, dass Risiko- und Extremsportler • eine starke Willenskraft besitzen • Energiepotentiale mobilisieren können • nach den Grenzen des Machbaren und Erlebbaren streben • Härte nach aussen demonstrieren und doch zu den besonders Sensiblen gehören, die sich verletzlich zeigen oder innerlich ausgegrenzt fühlen (zitiert nach Opaschowski, 2000, S. 124).
Opaschowski (2000, S. 126) beschreibt Risiko- und Extremsportler als Grenzgänger und Erfolgsmenschen, die zum grössten Teil jung, ledig und höher gebildet sind. Die Eigenschaft „höher gebildet sein“ ist vor allem relevant, weil eine höhere Bildung zumeist auch eine höhere soziale Sicherheit einschliesst. Diese höhere soziale Sicherheit ist nach Cube (1990) ein wichtiger Grund für das Aufsuchen von riskanten Situationen. Zudem ist auch die Ungebundenheit (keine Familie zu haben) ein wichtiger Faktor, weil deshalb keine Rücksicht auf Mitmenschen genommen werden muss, welche dem Protagonisten nahe stehen und sich sorgen oder den Risikosport kritisch hinterfragen könnten.
Szczesny-Friedmann (1982, S. 240-279) weist in ihrer Studie, bestehend aus 30 Probanden verschiedener Risikosportarten, folgende Eigenschaften für die Risiko-sportler nach:
• Die Risikosportler haben ein starkes Bedürfnis nach Reizvariation, welches sie hauptsächlich in der aktiven Auseinandersetzung mit der nicht-sozialen Umwelt befriedigen.
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• Risikosportler neigen stärker zu Selbstgenügsamkeit und Eigenständigkeit. Sie glauben, ihre Handlungen und die daraus folgenden Konsequenzen selbst bestimmen zu können, unbeeinflusst von externen Faktoren. • Sie verfügen über eine starke Leistungsbereitschaft und Selbstvertrauen in Risikosituationen.
• Sie neigen gleichzeitig zur Akzentuierung der potenziell gefährlichen Elemente einer Reizsituation, ohne jedoch auf bestimmte Kategorien von Angstsituationen besonders anzusprechen.
Alle Autoren scheinen sich einig zu sein, dass Risikosportler besondere Charaktereigenschaften aufweisen (müssen), da von ihnen eine Vielzahl von Fähigkeiten verlangt wird. Genannt werden unter anderem die starke Willenskraft, eine starke Leistungsbereitschaft, das Streben nach den Grenzen des Machbaren, Selbstgenügsamkeit, Eigenständigkeit, eine höhere Bildung und eine höhere soziale Sicherheitaber auch das Bewusstsein um die Gefährlichkeit und Gefährdung. Nach der Charakterisierung von „Risikosport“ und „Risikosportlern“ soll im anschliessenden Kapitel geklärt werden, weshalb ein Mensch überhaupt Sport betreibt. Dabei werden die vordergründigen, bedeutsamen Motive untersucht.
3 Motive im Sport
Ein wesentlicher Teil dessen, was wir Persönlichkeit nennen, bezieht sich auf die Motivationsthematik. Für das Handeln des Menschen stellen motivationale Aspekte eine wichtige Teilerklärung dar. (Gabler, 2002, S. 11)
Dieses Zitat von Gabler (2002) impliziert, dass das Betreiben von Sport bzw. Risiko-sport teilweise motivational begründbar ist. In Kapitel 3.2 wird aufgezeigt, dass diese Gründe sowohl vielfältig als auch individuell sind und nach der Sportart variieren. Zuerst werden jedoch noch die Begriffe „Motiv“ und „Motivation“ geklärt.
3.1 Begriffserklärung von Motiv und Motivation
Die Begriffe „Motiv“ und „Motivation“ bedeuten umgangssprachlich, dass jemand etwas gerne macht oder erklären, warum jemand etwas tut (Gabler, 2002, S. 11). In der Psychologie sind Motive:
Beweggründe für ein Verhalten, unterschieden von seinem konkreten Ziel, d. h. der richtungsgebende, leitende, antreibende seelische Hinter-
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und Bestimmungsgrund des Handelns. Nach dem stärkeren Motiv richtet sich meist das Geschehen - die schwächeren Motive werden abgedrängt. Einer Handlung geht selten ein einzelnes Motiv, meist ein Motivbündel, voraus, das Wahlmöglichkeiten vorstellen hilft und mögliche Folgen erwägt. Dem Motiv kommt somit auch ein spezialisierendes Moment zu, das affektiv emotional oder intellektuell unterbaut ist. Stark motiv-bildend sind Gewöhnungen, fixierte Einstellungen, Werthaltungen. (Häcker, 2004, S. 652)
Eine ähnliche Definition liefert Nowotny (1982, S. 129): Bei ihm ist das Motiv ein „bewusstgewordenes Bedürfnis, das zielgerichtete Verhaltensabläufe steuert“. Merkmale von motivbedingten Handlungen beinhalten: • das Erleben des Antriebs, des Irgend-Etwas-Müssens als kennzeichnend für Innenerleben des Handelns
• die Gerichtetheit bzw. das Abzielen der Handlung auf einen künftigen Zustand, auf ein bestimmtes Ereignis
• den Übergang von einem Zustand der Spannung zur Lösung derselben. Motive sind demnach nicht direkt beobachtbare Hintergründe für ein Verhalten, das auf einem wahrgenommenen Bedürfnis gründet und zu einem Ziel führt. Der Begriff Motivation wird nach Häcker (2004) folgendermassen definiert: Annahmen über aktivierende und richtungsgebende Vorgänge, die für die Auswahl und Stärke der Aktualisierung von Verhaltenstendenzen bestimmend sind. Die intervenierenden Motivationsvariablen sollen erklären, warum ein Mensch oder Tier sich unter bestimmten Umständen gerade so und mit dieser Intensität verhält. Motivationsvariablen sind neben den Stimulus-Bedingungen die wichtigsten Verhaltensdeterminanten. (Häcker, 2004, S. 653)
Nach Nowotny (1982, S. 129) ist Motivation alles, „was das Verhalten in einer gegebenen Situation bestimmt“. Dabei wirkt die Motivation von zwei gegensätzlichen Polen aus: zum einen vom erlebenden und strebenden Subjekt aus als interner Pol mit den Trieben, Wünschen, Bedürfnissen, Neigungen, Planungen usw. und zum anderen vom auslösenden und angestrebten Objekt her als externer Pol mit dessen Anreizwerten und Aufforderungs- bzw. Vermeidungscharakter.
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3.2 Vielfalt der Motive im Sport
Motive für die Partizipation am Sport gibt es viele. Gabler 1 (2002) unterscheidet 30 Motive und nimmt eine Klassifizierung vor. Er teilt die Motive in „ichbezogene“ Motive und in Motive „im sozialen Kontext“ ein und unterscheidet damit, ob sich ein Motiv in erster Line direkt auf die eigene Person bezieht oder ob es dabei auch andere Personen einschliesst. Gabler unterzieht die Motive einer weiteren Klassifizierung, welche bezweckt, inwiefern sich die Motive auf das Sporttreiben selbst, auf das Ergebnis des Sporttreibens oder auf das Sporttreiben als Mittel für weitere Zwecke (vgl. Tab. 1) beziehen.
Tab. 1: Klassifizierung und Vielfalt der Motive im Sport (Gabler, 2002, S.17)
1 Gabler ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen. Er entwickelte einen
in der Sportwissenschaft viel verwendeten Fragebogen zur Erhebung der Motive für das Sporttreiben.
Dieser Fragebogen ist ein Bestandteil der empirischen Untersuchung der vorliegenden Arbeit (vgl.
Kapitel 9).
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Gabler’s Studie zu den Motiven im Sport
Gabler führte im Jahre 2001 eine Studie durch, in welcher er mittels Fragebogen 800 Bürger und Bürgerinnen nach den Motiven ihres Sporttreibens untersuchte. Als häufigste Motive wurden Spass und Freude an der Bewegung, Steigerung des Wohlbefindens und Ausgleich zum Alltag sowie Fitness, Gesundheit, Entspannung und Stressabbau genannt.
Mittels der Faktorenanalyse liessen sich die zahlreichen Motive auf sechs Motivgruppen reduzieren: Leistung, Kontakt, Fitness, Erholung, Bewegungsfreude und Natur. Gabler fand zudem heraus, dass die Motive geschlechtsspezifisch unterschiedlich sind und vom Alter abhängen. Für die Männer waren leistungsbezogene Motiv-Items wie „sportliche Ziele verfolgen“, „sich mit anderen messen“, „sportliches Können verbessern“ und „körperliche Anstrengung“ von viel grösserer Bedeutung als für die Frauen. Ebenfalls waren die Motive „Nervenkitzel“ und „Spannendes erleben“ wichtiger für das männliche Geschlecht. Gabler stellte altersspezifische Unterschiede bezüglich einzelner Motive fest: Die leistungsbezogenen Motive (z. B. „sportliche Ziele“, „sportliches Können verbessern“) und der Motivkomplex „Spannung und Nervenkitzel“ schienen mit zunehmenden Alter an Bedeutung zu verlieren. Ebenso trieben Menschen mit zunehmenden Alter Sport aus „Freude an der Bewegung“, „um sich wohl zu fühlen“ und „aus gesundheitlichen Gründen“. Deshalb überraschte es auch nicht, dass das Motiv „jung bleiben“ mit zunehmenden Alter wichtiger wurde (Gabler, 2002, S. 20-21). Interessant war auch, dass die 15 bis 18-jährigen und die über 65-jährigen höhere Werte hinsichtlich des Motivskomplex „soziale Kontakte“ aufwiesen als die Altersgruppe zwischen dem 19. bis 64. Lebensjahr. Dass das Motiv „Nervenkitzel“ (Risiko, Abenteuer, Spannung) am Ende der Rangliste aufgeführt ist, klärt die Tatsache, dass Gabler 800 Breitensportler und nicht Risiko-sportler untersuchte. Dieses Motiv, welches laut den Definitionen von Kapitel 2 für die Risikosportler bedeutend ist, kann zusammen mit Gabler’s Motiv „Spannendes erleben“ unter dem Begriff „Sensation Seeking-Motiv“ zusammengefasst werden. Dieses ist Teil der vorliegenden empirischen Arbeit (vgl. Kapitel 8). Das nachfolgende Kapitel befasst sich mit unterschiedlichen psychologischen Erklärungsansätzen für das Betreiben von Risikosport.
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4 Motive im Risikosport - eine Übersicht der Erklärungsansätze
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze auf die Frage, weshalb sich Menschen freiwillig lebensbedrohenden Gefahren im Risikosport aussetzen. Je nach Forschungsdisziplin und Perspektive werden dabei andere Ansätze in den Vordergrund gestellt. Es gibt nicht die psychologische Erklärung für die Partizipation am Risikosport. Vielmehr gibt es nebeneinander bestehende Ansätze, die sich zum Teil überschneiden oder ergänzen. Der gemeinsame Nenner der meisten Ansätze ist, dass die Motive für Risikosport vor allem aus der Suche nach Emotionen, besonderen Zuständen, Erlebnissen, Reizen und Grenzen gründen (Allmer, 1995, S. 60-89). In diesem Kapitel werden verschiedene Erklärungsansätze der aktuellen Literatur dargestellt. Sie beruhen auf verschiedenen Modellen aus der Verhaltensbiologie, der Verhaltenspsychologie, der Psychoanalytik, sind verhaltensorientiert oder nach der Zeitgeschichte begründet. Die verschiedenen Ansätze werden nicht vertieft be-handelt, ausgenommen das Sensation Seeking-Konzept von Zuckerman (2007). Detailliert beschrieben wird es anschliessend in Kapitel 5, da dieses die Kerntheorie der vorliegenden Arbeit bildet.
4.1 Risiko- und Extremsport als Reizsuche - die Revisionstheorie nach Apter
Für die Autoren Apter (1992) und Zuckerman (2007) ist das Eingehen von Risiken mit dem Erfahren von gewissen Reizen verbunden. Beide postulieren, dass die Suche nach dem Reiz in Form von Risiken ein Persönlichkeitsmerkmal ist. Dabei versucht Apter seine Aussagen mit der Revisionstheorie zu belegen, während Zuckerman seine Hypothesen mithilfe seiner Sensation Seeking Scale empirisch zu belegen versucht (vgl. Kapitel 5).
Apter (1992) geht in seinem Buch „Im Rausch der Gefahr“ der Frage nach, weshalb immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen.
Er geht davon aus, dass das Aufsuchen oder die Meidung riskanter Situationen persönlichkeitstypisch ist. Nebst diesen beiden Extremen gibt es einen individuell geprägten Wechsel zwischen der Suche nach starker Erregung (z. B. Nervenkitzel) und der Vermeidung von Erregung (z. B. Angst). Je nach Stimmung strebt der Mensch nach Erregung oder Vermeidung. „Einige Menschen zeigen die Tendenz, über längere Zeit im Zustand der Suche oder der Vermeidung von Erregung zu bleiben, bevor sie wechseln, während andere schon nach kurzer Zeit vom einen zum anderen Bedürfnis übergehen“ (Apter, 1992, S. 101).
Apter (1992) schreibt, dass die verschiedenen Ausprägungen der Suche nach Erregung oder Vermeidung angeboren sind und auf einer biologischen Basis beruhen.
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Arbeit zitieren:
Christian Stöckli, 2009, Motive und Risikowahrnehmung im Risikosport - Eine Analyse von fünf Risikosportarten, München, GRIN Verlag GmbH
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