GLIEDERUNG
I. Einleitung 1
II. Hauptteil 2
1. Die Gegenwart als Hyperrealität. 2
2. Die Gabe 3
3. Das Ereignis des 11. Septembers. 5
4. Der 11. September und die Medien. 8
5. Die Kritik und die Implosion des Systems. 10
III. Schluss 12
IV. Quellenverzeichnis. 13
1. Primärliteratur. 13
2. Sekundärliteratur 14
-1- I. Einleitung
Die meisten zeitgenössischen Philosophen äußerten sich in Form von Schriften zu den Ereignissen des 11. Septembers. Doch keine Reaktion rief eine solche Entrüstung hervor wie Jean Baudrillards Beitrag „L’esprit du terrorisme“ in der französischen Zeitung Le Monde. Bezeichnend für diesen Artikel ist, dass Baudrillard den 11. September aus rein analytischer Sicht betrachtet und dabei Mitleid, Entrüstung und die Einteilung in Gut und Böse außen vor lässt. Dass Baudrillard, nachdem er sich all die Jahre mit den Medien beschäftigt hat, genau weiß, wie man am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist wahrscheinlich. Aber der Vorwurf, dieser Text versuche, um der Aufmerksamkeit willen zu provozieren 1 , ist unberechtigt. Die harsche Kritik an seinem Essay kam hauptsächlich von Leuten, die sich auf sein Gedankenexperiment nicht einlassen wollten und, wie immer bei Baudrillard, seinen Thesen mangelnde Beweiskraft vorwarfen. Doch es ist nicht zu übersehen, dass Baudrillard ein Experte auf dem Gebiet des Terrorismus ist. Schon seit den 70er Jahren beschäftigt er sich mit Terrorismus, der Globalisierung, der Rolle Amerikas und dem World Trade Center. So kann sich Baudrillard bei seiner Analyse des 11. Septembers auf eine große Anzahl Begrifflichkeiten stützen, die er in seinen früheren Werken entwickelt hat. Diese müssen im Vorfeld geklärt werden, damit die Analyse vollkommen verstanden werden kann. Die Quellenlage zu Baudrillards Thesen ist spärlich. Nach seinem Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod wurden seine Werke kaum noch in größerem Maße von der Forschung besprochen. Seine Arbeitsweise wurde als unwissenschaftlich angesehen, sie galt als spekulativ, zu wenig belegt. Da er sich fast ausschließlich der Analyse von Zeitgeschehen und dem kritischen Blick in die Zukunft widmete galt er bald als ein philosophischer Science-Fiction-Autor. Sein Stil hat auch zu diesem Ruf beigetragen. Folgt Der symbolische Tausch und der Tod noch einer wissenschaftlichen Struktur, so sind die meisten seiner späteren Schriften als Essays verfasst. Essays ermöglichen eine lockere Struktur, da sie keinem wissenschaftlichen Anspruch genügen wollen. Aus diesem Grund wurden Baudrillards Schriften hauptsächlich in den Feuilletons besprochen und nicht in der soziologischen Fachpresse.
1 Siehe: Hetzel, Andreas: Das reine Ereignis. Philosophische Reaktionen auf den 11. September,
in: Lorenz, Martin N. (Hrsg.): Narrative des Entsetzens. Künstlerische und intellektuelle Deutun-
gen des 11. Septembers, Würzburg 2004, S. 275f.
-2- II. Hauptteil
1. Die Gegenwart als Hyperrealität
Baudrillard entwickelte seine Kernthese in den 80er Jahren, vor allem in seinem Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod, in dem er das Verschwinden der Wirklichkeit diagnostiziert. Demnach wurde die Wirklichkeit durch ein Zeichensystem ersetzt, das keinen Referenten mehr hat. Die Zeichen, die Objekte referieren, verweisen nur aufeinander und nicht auf etwas Reales. Baudrillard unterscheidet hierbei zwischen Imitation und Simulation. Die Imitation von Realität beschreibt er anhand von Landkarten. Von einem Territorium wird eine Karte gezeichnet, die aber immer auf das Territorium verweist. Im Falle der Simulation kann von der Kultur nicht mehr auf die Natur rückgeschlossen werden. „Jemand, der eine Krankheit fingiert, kann sich einfach ins Bett legen und den Anschein erwecken, er sei krank. Jemand, der eine Krankheit simuliert, erzeugt an sich eigene Symptome.“ 2 Die Zeichen, in Entsprechung zu den Symptomen, sind kein Verweis auf etwas Natürliches, sondern eine gesteigerte Form von Realität, die aber vom Realen nicht zu unterscheiden sind. So ist die Realität der Medien interessanter und intensiver als die Realität, die uns umgibt, und dies führt zu einer „Substituierung des Realen durch Zeichen des Realen“ 3 , zu einer „Liquidierung der Referentiale“ 4 . Das, was wir als Realität empfinden, ist ein Effekt medialer Inszenierung nach uns bekannten Codes. Dieses System, in dem die Zeichen regieren, nennt Baudrillard „Simulakrum“. Innerhalb dieses Simulakrums leben wir in einer Hyperrealität, die nicht als einfache Täuschung verstanden werden darf. Denn auf eine Täuschung kann auch eine Enttäuschung folgen. In der Hyperrealität ist dies nicht möglich, da nicht mehr zwischen Realität und Trugbild, Wahrheit und Blendwerk unterschieden werden kann. Der Abstand zwischen Abbild und Original ist immer kleiner geworden, bis er, wie in unserer Hyperrealität der Fall, nicht mehr vorhanden ist. „Während das Reale dadurch definiert war, dass man von ihm eine Imitation oder ein äquivalentes Produkt herstellen konnte, stellt das
2 Baudrillard, Jean: Wie nicht simulieren oder: Gibt es ein jenseits der Medien? In: La-
gaay, Alice/Lauer, David: Medientheorien: eine philosophische Einführung, Frankfurt a.
M. 2004, S. 140.
3 Ebd., S. 141.
4 Ebd., S. 140.
-3-Hyperreale zugleich Original und Abbild dar (womit deren Unterscheidung hin-fällig wird).“ 5
Das Reale ist demnach nicht mehr mit der Natur oder der Wahrheit ver-bunden. Die Schuld hierfür gibt Baudrillard den Medien. Sie verzerren das wahre Geschehen, indem sie es in Zeichen umwandeln. Lars Qvortrup schreibt: „The world is not ‘constructed’, but ‘formatted’ by the mass media. ‘Our’ world i.e., the world we accept as our common world as citizens is not reality but the mass media’s reality.“ 6
Auf diese Problematik werde ich in meiner Analyse des 11. Septembers und der Medien eingehen.
2. Die Gabe
Baudrillard baut seine Theorie der Gabe auf den Arbeiten des Anthropologen Marcel Mauss auf. Mauss vergleicht in seinem Hauptwerk Die Gabe (1925) das Schenkverhalten verschiedener archaischer Kulturen miteinander und gewinnt dadurch allgemeine Erkenntnisse über die Regeln und die Kraft des Schenkens. Die Gabe besteht nach Mauss aus einer Einheit von drei Verpflichtungen: des Gebens, des Annehmens und des Erwiderns. Dadurch, dass all diese Stufen verpflichtend sind, gibt es durch die Gabe keine Anhäufung von Reichtümern, keinen absoluten Gewinn. Denn die Gabe muss immer erwidert werden, sonst muss derjenige, der nicht erwidert, mit einem Gesichtsverlust rechnen. Die Gabe ist ein Verlustgeschäft, eine Verschwendung. 7
Baudrillard sieht in diesem symbolischen Tausch die direkte Opposition zum Warentausch der Konsumgesellschaft. Die kapitalistische Logik des Tausches fördert eine Vermehrung der Reichtümer und nicht ihre Vernichtung. Der symbolische Tausch hat im Kapitalismus keine Bedeutung mehr, außer in der einseitigen Gabe des Systems. Aus der Gabe der Arbeit, der sozialen Sicherheit, der Kultur und natürlich der Medien speist das System seine Macht. „[D]ie symbolische Gewalt leitet sich von einer Logik des Symbolischen her: von der Reversion, der unaufhörlichen Reversibilität der Gegengabe, und umgekehrt durch die einsei-
5 Kneer, Georg:Jean Baudrillard, in: Kaessler, Dirk (Hrsg.): Aktuelle Theorien der So-
ziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne, München 2005, S. 157.
6 Qvortrup, Lars: The Hypercomplex Society. New York, 2003, S.155.
7 Mauss, Marcel: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften,
Frankfurt a. M. 1999. Siehe auch: Adloff, Frank/Mau, Steffen: Vom Geben und Nehmen zur So-
ziologie der Reziprozität, Frankfurt/New York 2005, S. 61-72.
Arbeit zitieren:
Verena v. Waldow, 2008, Baudrillard, die Medien und der Terrorismus, München, GRIN Verlag GmbH
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