Inhalt
1. Einleitung 2
2. OuLiPo 2
2.2. Die Methoden. 3
2.3. Die "contrainte" 4
2.4. Die Einbeziehung des Lesers 5
3. Oulipistische Merkmale in "Se una notte d'inverno un viaggiatore" 6
3.1. Die zweite Person Singular 6
3.2. Der Leser 7
3.2.1. Der reale Leser 7
3.2.2. Der fiktive Leser als Hauptfigur. 8
3.3. Die zweite Person Singular als contrainte. 9
3.3.1. Sprachliche Besonderheiten 10
3.3.1.1. Rede vs. Anrede 10
3.3.1.2. Indikativ vs. Imperativ 11
3.3.1.3. Fragen an den Angesprochenen 12
3.3.1.4. Wechsel des Angesprochenen. 13
3.3.2. Ambiguitäten der zweiten Person 14
3.3.2.1. Realer und fiktiver Leser. 14
3.3.2.2. Der Leser der Romanfragmente 15
3.3.2.3. "Lettore" und "Lettrice" 16
4. Zusammenfassung. 17
5. Literatur. 18
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1. Einleitung
Während seiner Zeit in Paris beschäftigte sich Italo Calvino intensiv mit den neuen Strömungen der französischen Literatur, mit Nouveau Roman, Tel Quel, vor allem aber mit der Arbeit der Gruppe Oulipo. Am 8. November 1972 nahm er zum ersten Mal an einem Treffen dieser Gruppe teil und wurde kurz darauf offizielles Mitglied. Calvino selbst schreibt in einem Nachwort seines 1979 in französischer Übersetzung erschienenen Romans Il castello dei destini incrociati über sein Verhältnis zu Oulipo:
J'avais en ce temps là pris connaissance des activités de l'OuLiPo, fondé par Raymond Queneau et François
Le Lionnais. Je partegeais avec l'OuLiPo plusieurs idées et prédilections: L'importance des contraintes dans
l'œuvre littéraire, l'application méticuleuse de règles du jeu très strictes, le recours aux procédés
combinatoires, la création d'œuvres nouvelles en utilisant des matériaux préexistants. L'OuLiPo n'admet que
des opérations conduites avec rigueur, dans la confiance que la valeur poètique peut se dégager de structures
extrèmement contraignantes. 1
Im Gegensatz zu Il castello dei destini incrociati ist sein 1979 entstandener Roman Se una notte d'inverno un viaggiatore kein rein oulipistischer Roman - vielmehr findet sich in ihm eine ganze Ansammlung verschiedener Literaturtheorien, sowohl umgesetzt in der Konzeption des Romans, als auch referierend eingebettet in die Erzählung selbst 2 . Konzeptionell enthält der Roman jedoch viele oulipistische Merkmale, von denen eines in dieser Arbeit genauer untersucht werden soll, und zwar die Verwendung der zweiten Person Singular als contrainte.
Hierzu wird in Kapitel 2 zunächst ein Einblick in die Arbeiten und Methoden des Arbeitskreises OuLiPo gegeben, bevor in Kapitel 3 die Verwendung der zweiten Person in einem Roman im Gegensatz zu der üblicherweise ersten oder dritten Person untersucht und die verschiedenen Auswirkungen ihrer Verwendung unter oulipistischen Gesichtspunkten genauer betrachtet werden.
2. OuLiPo
2.1. Der Arbeitskreis
Der Arbeitskreis, der sich zunächst S.L.E. ("Séminaire de Littérature Expérimentale"), später Oulipo ("Ouvroir de Littérature Potentielle") nannte 3 , wurde am 24. November 1960 auf Initiative des Schriftstellers Raymond Queneau und des Mathematikers François Le Lionnais
1 Zitiert nach Kern-Momberg: Italo Calvino in Paris, S. 170-171.
2 Vgl. Kern-Momberg: Italo Calvino in Paris, S. 200.
3 Vgl. Lescure: "Kleine Geschichte von Oulipo", in: Boehncke/Kuhne: Anstiftung zur Poesie, S. 31-32.
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gegründet. Es handelt sich hierbei um ein Forum für experimentelle - oder genauer: potentielle Literatur, das Schriftstellern neue Methoden der Literaturproduktion bieten möchte. Mitglieder waren - und sind bis heute - Schriftsteller mit Interesse an streng wissenschaftlichen und mathematischen Methoden sowie literarisch interessierte Mathematiker.
Der Name Oulipo ("Ouvroir de Littérature Potentielle") vereint in sich neben dem zentralen Begriff Littérature zwei weitere Begriffe, die wesentliche Merkmale des Arbeitskreises darstellen: Ouvroir ('Werkstatt') betont die Arbeit, die Übung, das Handwerk, das der Literaturschreibung zugrunde liegt - weshalb man im oulipistischen Zusammenhang hierfür auch durchaus die Bezeichnung Literaturproduktion verwenden kann. Potentielle ist der dritte Begriff und ein ganz wesentliches Merkmal des Arbeitskreises. Die Potentialität der Literatur tritt in verschiedener Hinsicht in Erscheinung. Am augenfälligsten ist dies, wenn mit Hilfe bestimmter Techniken der Oulipisten aufgezeigt wird, dass ein Text immer nur eine von vielen Möglichkeiten seiner Realisierung darstellt. Die wichtigsten innerhalb des Arbeitskreises entwickelten Methoden werden im Folgenden kurz angesprochen:
2.2. Die Methoden
Die Absicht von Oulipo liegt nicht nur darin, neue Literatur zu erschaffen. Ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit seiner Mitglieder besteht in der genauen, zum Teil mathematischen Analyse bestehender Literatur ("die analytische Richtung" 4 ), um herauszufinden, "ob bekannte Texte bislang unbekannte Strukturen aufweisen und ob sie sich für die Anwendung [...] neu entwickelter Methoden eignen" 5 . Ein schönes Beispiel hierfür ist die von Raymond Queneau entwickelte Quenine, eine Weiterentwicklung der traditionellen Sextine, bei der sechs Reimwörter in sechs Strophen à sechs Verse nach einem festgelegten Muster permutiert werden. Die Quenine stellt eine Generalisierung dieses Kombinationsmusters dar, indem sie sich nicht auf die Anzahl sechs beschränkt, sondern Permutationen nach dem vorgegebenen Muster auch mit anderen Zahlen ermöglicht. 6 Neben lyrischen Texten sind hier als weitere Beispiele Buchstaben- und Wortspiele zu nennen, die zu einem recht großen Teil eine alte und fast vergessene literarische Tradition haben, wie zum Beispiel Anagramme, Homophonien, Palindrome oder Lipogramme. 7
4 Le Lionnais: "La Lipo", in: Boehncke/Kuhne: Anstiftung zur Poesie, S. 20.
5 Boehncke/Kuhne: Anstiftung zur Poesie, S. 136.
6 Vgl. Ritte: Das Sprachspiel der Moderne, S. 122-123.
7 Ausführliche Beschreibungen dieser und weiterer Methoden finden sich z.B. in Boehncke/Kuhne: Anstiftung
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Die Arbeit mit solchen bereits vorhandenen Regeln brachte die Oulipisten bald dazu, "eigene Regeln und Methoden zu erfinden und durch Experimente zu erproben" 8 . Hier sind z.B. die Gegenstücke des Lipogramms zu nennen, bei denen nur bestimmte Vokale oder Vokale in einer festgelegten Reihenfolge vorkommen dürfen. 9 Auch die Methode "S + 7", bei der jedes Substantiv eines vorgegebenen Textes durch das 7. folgende Substantiv eines Wörterbuches ersetzt wird, ist ein typisch oulipististisches Sprachspiel, das sich beliebig mit anderen Wortarten und Zahlen variieren lässt. Ein Meister solcher Sprachspiele war Georges Perec, der es vor allem auch meisterhaft verstand, verschiedene Methoden zu komplexen literarischen Werken zu kombinieren. 10 Dieser als "synthetische Richtung" 11 bezeichnete Zweig von Oulipo schafft also unter Verwendung neuer oder auch aus der Mathematik bekannter Methoden neue Formen von Literatur.
In beiden Arbeitsrichtungen, sowohl der analytischen wie auch der synthetischen, wird letztendlich deutlich, dass Literatur jeglicher Art immer nur eine von vielen Möglichkeiten ihrer Realisierung darstellt, je nachdem, welche Methode der Textproduktion zugrunde liegt.
2.3. Die "contrainte"
Eine wichtige Erkenntnis der Oulipisten war, "daß alle Literatur auf bewußt oder unbewußt akzeptierten, im Grunde aber immer arbiträren Konventionen beruht" 12 . Dies beginnt schon bei der Ausgangsbasis der Literatur, der Sprache, die zweifellos - wie wir spätestens seit Ferdinand de Saussure wissen - auf arbiträren Regeln und Konventionen beruht. 13 In der Lyrik findet man eine große offensichtliche Vielfalt an Regeln bezüglich Form und Struktur und bei genauerer Betrachtung betrifft dies tatsächlich jegliche Form von Literatur, aufgrund dessen diese sich - beispielsweise in verschiedene Gattungen - unterscheiden und kategorisieren lässt.
Solche Regeln und Konventionen werden von den Oulipisten systematisch und wissenschaftlich erforscht, weiterentwickelt und auch neu erfunden. Innerhalb von Oulipo spricht man hierbei von der contrainte, den Regeln, die der Literaturproduktion
zur Poesie, S. 73-132 oder in Schreiber: Queneau, Mathematik und 'Potentielle Literatur', S. 7-14.
8 Boehncke/Kuhne: Anstiftung zur Poesie, S. 136.
9 Vgl. Boehncke/Kuhne: Anstiftung zur Poesie, S. 89-91.
10 Vgl. Ritte: Das Sprachspiel der Moderne.
11 Le Lionnais: "La Lipo", in: Boehncke/Kuhne: Anstiftung zur Poesie, S. 20-21.
12 Penzenstadler: Die Poetik der Gruppe Oulipo, S. 165.
13 Saussure: Cours de linguistique générale.
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zugrundeliegen und die sich der Autor - das ist das Entscheidende - selbst auferlegt. Damit wendet sich Oulipo gegen den Mythos der Inspiration. Dichtung ist im Sinne von Oulipo "eine primär handwerkliche, durch und durch bewußte und kalkulierende Aktivität, die sich nie dem Zufall der Inspiration oder des psychischen Automatismus überläßt" 14 . Die künstlerische Freiheit ist damit nicht aufgehoben, sondern vielmehr wiederhergestellt, indem der Autor die Regeln bewusst auswählt und nicht unbewusst irgendwelchen konventionellen Regeln folgt oder in Stereotype verfällt. Die contrainte ist also nicht destruktiv zu verstehen. Der Schaffensprozess wird nicht blockiert, sondern nur eingeschränkt, was zu einer höheren Reflexivität führt: Wo eine Blockade durch eine selbst auferlegte Regel auftaucht, muss die Kreativität nach anderen Möglichkeiten des Ausdrucks suchen - ein weiterer Aspekt der potentiellen Literatur.
2.4. Die Einbeziehung des Lesers
Literatur ist eine Form von Kommunikation. Diese Funktion wird von den Oulipisten ebenfalls bewusst eingesetzt, indem sie den Leser mehr oder weniger aktiv in den literarischen Entstehungsprozess mit einbeziehen. So ist bei den Sprachspielen und an bestehenden Texten vorgenommenen Manipulationen die Erschließung eines (neuen) Sinns durch den Leser durchaus intendiert. Der oulipistische Umgang mit Sprache und Text führt „zu einer grundlegenden Reflexion über die Funktionsweise von Sprache, über spezifische literarische Verfahren und allgemein über den Umgang mit literarischen Texten bzw. über das Wesen der literarischen Kommunikation“ 15 . Die Erkenntnis, die bei der Betrachtung von textmanipulierenden Techniken gewonnen werden kann, besteht vor allem darin, dass „die Sinnkonstitution [...] allemal primär eine Leistung des Lesers [ist], die zwar nicht von der Textstruktur, aber von den Erzeugungsmechanismen des Textes unabhängig ist“ 16 . Wirklich aktiv gefordert ist der Leser dagegen bei literarischen Werken, wie den Cent mille milliards de poèmes oder Un conte à votre façon von Raymond Queneau. Diese Werke bestehen jeweils aus einzelnen Textbausteinen, die erst vom Leser zusammengesetzt werden müssen, um ein literarisches Ganzes zu ergeben. 17 Die Kombinationsmöglichkeiten der einzelnen Teile sind äußerst vielfältig und stellen wiederum ein sehr schönes Beispiel für die Potentialität der Literatur dar.
14 Penzenstadler: Die Poetik der Gruppe Oulipo, S. 166.
15 Penzenstadler: Die Poetik der Gruppe Oulipo, S. 169.
16 Ebenda, S. 170.
17 Siehe hierzu Schreiber: Queneau, Mathematik und 'Potentielle Literatur', S. 5-6.
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Arbeit zitieren:
Petra Jecker, 2005, Die zweite Person Singular als oulipistisches Merkmal in Italo Calvinos Roman "Se una notte d'inverno un viaggiatore", München, GRIN Verlag GmbH
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