Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 5
1.1 Ausgangspunkt 5
1.2 Gliederung der Arbeit. 5
2 DEMENZ 7
2.1 Begriff der Demenz 7
2.2 Demenz - Herausforderung für das 21. Jahrhundert 7
2.3 Demenzmodelle. 8
2.3.1 Medizinische Aspekte. 8
2.3.1.1 Äthiologie (Ursachen) der Demenz. 8
2.3.1.2 Prävalenz der Demenz 9
2.3.1.3 Inzidenz von Demenzerkrankungen 10
2.3.1.4 Risikofaktoren 10
2.3.1.5 Die Diagnose der Demenzen 11
2.3.2 Auswirkungen der Alzheimer-Erkrankung im Krankheitsprozess 12
2.3.3 Einschätzung des biomedizinischen Krankheitsmodell der Demenz. 14
2.3.4 Soziologische Erklärungen 15
2.3.5 Sozialpychologische Erklärungen. 15
2.3.6 Citizenship-Ansatz. 17
2.4 Soziale Probleme im Zusammenhang mit Demenz 17
2.4.1 Exkurs: Gegenstandsdiskussion Sozialer Arbeit und Soziale Probleme. 18
2.4.1.1 Ausstattungs- und Positionsprobleme. 19
2.4.1.2 Austauschprobleme 20
2.5 Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession 21
2.6 Zwischenbilanz 23
3 MENSCHENWÜRDE 25
3.1 Bedürfnisse. 26
3.2 Bedürfnisse von Menschen mit Demenz nach Kitwood 30
3.3 Menschenrechte 32
3.4 Zwischenbilanz 33
3.5 Konflikt-Lösungsansatz 34
3.5.1 Exkurs: Anerkennung und Identität. 34
3.6 Exkurs: Lebensqualität. 36
3.6.1 Zusammenhänge zwischen Lebensbedingungen und subjektiven Wohlbefinden 36
3.6.2 Bedürfnisse, Ziele und Wohlbefinden 37
3.6.3 Gesellschaftliche Aspekte der Lebensqualität 37
3.6.4 Lebensqualität und Demenz 37
3.7 Menschenwürdige Lebensperspektiven für Menschen mit Demenz. 39
3.8 Aufgaben im Zusammenhang mit der Umsetzung 39
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4 SOZIALRAUM - EIN VIELSCHICHTIGER BEGRIFF 41
4.1 Physikalischer Raumbegriff als Erklärung für unser heutiges Raumverständnis auch in der Sozialen
Arbeit 41
4.2 Sozialraumbegriff und der Nutzen für Menschen mit Demenz. 42
4.2.1 Relationaler Sozialraumbegriff. 43
4.2.2 Perspektive der Betroffenen 43
4.2.3 Sozialraum von Menschen mit Demenz 44
4.2.4 Exkurs: Zuhause von Menschen mit Demenz 45
4.2.5 Das Sozialraumverständnis, das Grundlage für diese Arbeit ist 45
4.2.6 Sozialraum als Ressource 46
4.3 Sozialräumliche Handlungsansätze und Arbeitsprinzipien für die Arbeit mit Menschen mit Demenz 46
4.3.1 Gemeinwesenarbeit 46
4.3.2 Sozialraumorientierung 47
4.3.3 Gemeindepsychologische Perspektive. 48
4.3.4 Das Konzept der Community Care als Ergänzung 49
4.3.5 Die Rolle der Professionellen 50
5 NETZWERKARBEIT - EINE WICHTIGE RESSOURCE IM UMGANG MIT
MENSCHEN MIT DEMENZ 51
5.1 Sozialkapital. 52
5.2 Netzwerktypen 53
5.3 Netzwerkanalyse. 54
5.3.1 Vorteile und Nutzen der Netzwerkanalyse 55
5.4 Soziale Netzwerke im Alter und bei Demenz 55
5.5 Soziale Netzwerkarbeit/Soziale Vernetzung. 56
5.5.1 Begleitung von Gruppennetzwerken als Aufgabe Sozialer Arbeit 57
5.5.1.1 Anschubfunktion und Zielgruppenkontakt. 57
5.5.1.2 Information, Beratung, Gründungshilfe 57
5.5.1.3 Netzwerkmanagement. 58
5.5.1.4 Fortbildung. 58
5.5.1.5 Koordination, Vernetzung bestehender Netze, Organisationsentwicklung. 59
5.5.1.6 Evaluation 59
6 BÜRGERSCHAFTLICHES ENGAGEMENT UND DEMENZ. 59
6.1 Nachbarschaft und die anderen solidaritätsstabilisierenden Institutionen. 59
6.2 Was ist unter bürgerschaftlichen Engagement zu verstehen? 60
6.3 Stadtteilpolitik, Nachbarschaft 61
6.4 Motivation für bürgerschaftliches Engagement 62
6.5 Freiwilligenarbeit mit Menschen mit Demenz 62
7 ÜBERLEGUNGEN ZUR FINANZIERUNG SOZIALRÄUMLICHER ANSÄTZE IN DER
ARBEIT MIT MENSCHEN MIT DEMENZ 64
8 VISIONEN FÜR EIN MENSCHENWÜRDIGES LEBEN FÜR MENSCHEN MIT
DEMENZ ALS TEIL DER GESELLSCHAFT 66
8.1 Demenz als kulturelle Variante. 66
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8.2 Assistierte Inklusion 67
8.2.1 Was brauchen nun Assistentinnen? 68
8.3 Was noch zu tun ist 68
8.4 Deklaration der Rechte von Menschen mit Demenz 69
8.5 „Wenn ich groß bin, will ich auch dement sein“ 70
9 FAZIT 71
9.1 Zusammenfassende Überlegungen. 71
9.2 Abschließende Fragen und Gedanken. 72
10 LITERATURVERZEICHNIS. 74
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1 Einleitung
1.1 Ausgangspunkt
Die Ausgangsfrage für diese Arbeit ist, wie ein menschenwürdiges Leben von Menschen mit Demenz gelingen kann. Es erscheint jedoch sinnvoll genauer zu überlegen was unter Würde zu verstehen ist und welche Bedeutung sie für Menschen mit Demenz hat. Dafür ist es auch bedeutsam, den Begriff der Würde zu beschreiben und wie sie Menschen mit Demenz ermöglicht werden könnte. Zudem können sich für die Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession viel eher Handlungsmöglichkeiten daraus ergeben. Ja, vielleicht könnte es gerade Aufgabe Sozialer Arbeit sein, den Blick immer wieder unter dem Aspekt der Menschenwürde und der Menschenrechte auf Menschen mit Demenz zu lenken. Um die Möglichkeiten nicht allein auf das Individuum einzuengen und über traditionelle Formen der Versorgung (Heimunterbringung oder Betreuung durch Angehörige) hinaus zu denken, ist mir die Diskussion sozialräumlicher Aspekte wichtig. Deshalb sind weitere leitende Fragestellungen: Was leistet der Sozialraum? Wie kann dieser zu einem menschenwürdigen Leben mit Demenz beitragen? Zu überlegen ist auch, welche sozialräumlichen Handlungsansätze die Möglichkeiten allgemein und damit auch die Möglichkeiten zur Würde erweitern können.
In der gesamten Arbeit knüpfe ich an theoretische Ressourcen der Jugendhilfe, Behindertenarbeit und allgemeinen sozialarbeiterischen und sozialwissenschaftlichen Theorien an. Diese beschreibe ich und übertrage sie dann auf das Arbeitsfeld Demenz, weil entsprechende deutschsprachige Literatur, die sich auf Demenz bezieht, bisher nicht existiert. Deshalb wurde der Demenzbezug fast immer durch mich hergestellt, basierend auf vorhandenen Erkenntnissen anderer Arbeitsfelder.
1.2 Gliederung der Arbeit
Nach dem erkenntnistheoretischen Ausblick auf diese Arbeit soll nun einmal ein linearer Überblick über die Arbeit gegeben werden. Dies ist aufgrund der Komplexität der Ausführungen durchaus sinnvoll, damit der Gesamtzusammenhang erkennbar wird. Basis der gesamten Diskussion stellt das bisher vorhandene Wissen über Demenzerkrankungen dar. In diesem Zusammenhang wird zunächst der Begriff der Demenz erklärt (Kap. 2) und die Relevanz des Themas verdeutlicht. Daran anschließend werden Zugänge zur Demenz beschrieben, das medizinische Demenz-Konzept ebenso wie soziale Erklärungsansätze und diskutiert, was diese jeweils zu leisten vermögen. Die für die Soziale Arbeit im Zusammenhang mit der Demenz möglicherweise entstehenden sozialen Probleme werden beispielhaft benannt und erläutert, um erste Ansatzpunkte für sozialarbeiterisches Handeln erkennbar zu machen. Dazu erweist es sich als sinnvoll, anschließend auf Grundlage der von der IFSW (International Federation of Social Workers) herausgegebenen Definition zu diskutieren, was Soziale Arbeit ist. Es bietet sich dabei an, schon ein wenig den folgenden Kapitel vorzugreifen, indem ethische Prinzipien Sozialer Arbeit erklärt werden und die sozialarbeiterische Tätigkeit auf eine menschenrechtliche Basis gestellt wird.
Um Möglichkeiten einer menschenwürdigen Lebensperspektive zu diskutieren, ist es zudem unabdingbar, sich dem Würdebegriff (Seite 25 ff.) anzunähern und zu überlegen, was Würde bedeutet, und welche Instrumente es zur Verwirklichung gibt. Es kann angenommen werden, dass die Menschenrechte die Würde sichern sollen. Die Menschenrechte wiederum dienen dem Schutz und der Realisierung menschlicher Bedürfnisse. Zudem ist untersucht, dass Menschen sich in einem Zustand des Wohlbefindens befinden, wenn ihre Bedürfnisse weitestgehend verwirklicht sind (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 282). Deshalb erfolgt der Zugang zur Würde von Menschen mit Demenz über die Bedürf-nistheorie Obrechts (Seite 26 ff.). Konkret werden zudem die psychischen Bedürfnisse von
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Menschen mit Demenz herausgestellt und diskutiert, da diese vielfach vernachlässigt werden. Mit den beiden Kapiteln zu Demenz und zur Würde ist der Ausgangspunkt für die Überlegung geschaffen, wie ein menschenwürdiges Leben mit Demenz gelingen kann. Um den herkömmlichen, medizinisch geprägten und überwiegend individuumzentrierten Horizont Chancen zur Erweiterung zu bieten, wähle ich eine sozialräumliche Herangehensweise (v. a. Kap. 4). Der Sozialraum und sozialräumliche Strategien erweisen sich als sehr vielfältig, und es kann keine einheitliche Definition von Sozialraum erkannt werden. Aus diesem Grund diskutiere ich verschiedene Aspekte des Sozialraums und stelle die jeweiligen Möglichkeiten heraus, die mit ihm verbunden sind. Ein Exkurs beschäftigt sich mit einer Ausführung zum Zuhause von Menschen, da „zu Hause sein“ und „nach Hause wollen“ für Menschen mit Demenz häufig Thema ist. Daneben kann Zuhause (sowohl als symbolischer Ort als auch physischer Raum) Teil des Sozialraums sein. Bei dieser Diskussion werde ich (wie bereits erwähnt) überwiegend auf Literatur aus der Jugendhilfe zurückgreifen, weil dort bereits vielfach sozialräumlich gearbeitet wird, während in der Arbeit mit älteren Menschen (insbesondere solchen mit Demenz) die Sozialraumorientierung bislang kaum eine Rolle spielt und auch Soziale Arbeit dort weniger häufig anzutreffen ist.
In diesem Kapitel werden zudem sozialräumliche Strategien skizziert, um erste Möglichkeiten für sozialräumliches Handeln aufzuzeigen. In den beiden darauf folgenden Kapiteln werden die Möglichkeiten sozialräumlichen Handelns weiter ausgeführt: Durch die Möglichkeiten, die soziale Netzwerke (Kap. 5) und bürgerschaftliches Engagement (Kap. 6,) bieten. Anschließend werden Chancen des bürgerschaftlichen Engagementsdas vielfach in Netzwerken organisiert ist - für Menschen mit Demenz beleuchtet. Diese beiden Diskussionsflächen besitzen immer eine sozialräumliche Komponente, sind innerhalb eines Sozialraums verankert und stehen in Wechselbeziehung mit räumlichen Gegebenheiten.
Wie sozialräumliche Arbeitsweisen Sozialer Arbeit zur Verwirklichung der Würde von Menschen mit Demenz finanziert werden könnten, wird kurz überlegt (Kap. 7). Es geht nicht darum, einen fertigen Finanzierungsvorschlag zu liefern, sondern zum Weiterdenken anzuregen. Dieser kurze Abschnitt fungiert als Ergänzung des Vorangestellten. Abschließend entwerfe ich unter Anwendung der Methode des Brainstorming (vgl. Clark 1989) eigene Ideen dafür, was getan werden könnte, um für Menschen, die der „demenziellen“ Kultur angehören, ein menschenwürdiges Leben zu gestalten und was unternommen werden kann, um für sie einen Sozialraum zu erschließen oder ihre eigenen, vorhandenen Sozialräume zu erhalten (Kap. 8, Seite 66 ff.). Es geht dabei keineswegs um ein ausgereiftes Konzept, sondern um erste Vorschläge, die hier zur Diskussion gestellt werden sollen. Dabei vollziehe ich zuletzt einen Perspektivwechsel von dem, was für Menschen mit Demenz getan werden kann, zu den Rechten und Ansprüchen, die Menschen mit Demenz haben. Damit wird auch wieder der Bogen zu den ab Seite 32 aufgeführten Menschenrechten gespannt und der Citizenship-Ansatz (vgl. S. 17) erneut aufgegriffen.
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2 Demenz
2.1 Begriff der Demenz
Der Begriff der Demenz kommt aus dem Lateinischen: „de“ bedeutet so viel wie „weg“; „mens“ kann mit Geist, Verstand übersetzt werden. Gemeint ist also ein Verlust der geistigen Fähigkeiten, die den Menschen hinsichtlich seiner Intelligenz, wie auch seiner Person verändern (Falk, 2004, S. 32). Die Demenz zählt zu den häufigsten und folgenreichsten Erkrankungen des Alters neben Depressionen und Ängsten (Weyerer, 2005, S. 7, Schulz-Hausgenoss, 2004, S. 27).
2.2 Demenz - Herausforderung für das 21. Jahrhundert
Etwa 1,2 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland (vgl. BMFSFJ 2006, S. 5). Mit der steigenden Zahl älterer Menschen (Kondratowitz 1999) nimmt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen, speziell auch der Menschen mit Demenz eine Größenordnung an, die bislang menschheitsgeschichtlich völlig neu ist (vgl. Dörner 2007, S. 12 ff.). Im Jahre 2050 haben wir bereits mit 2,3 Mio. (Bickel 2006, S. 1) demenzkranken Menschen zu rechnen. Das sind etwa doppelt so viele wie heute (Bickel 2006, S. 1 f.) und entspricht etwa 2 % der Gesamtbevölkerung.
Die Mehrheit dieser Menschen wird zu Hause betreut. Die Erkrankung stellt eine hohe Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen dar (vgl. Seite 17 ff. zu sozialen Problemen). Wie kann die Lebenssituation dieser Menschen, besonders die der Betroffenen verbessert werden? Allen Fortschritten der Demenzforschung zum Trotz kann nicht auf einen wissenschaftlichen Durchbruch gewartet werden, der zurzeit auch nicht in Sicht ist. Bereits jetzt müssen passende Hilfs- und Versorgungskonzepte bereitgehalten werden, um Betroffene und deren Familien in angemessener Weise zu begleiten (vgl. BMFSFJ 2006, S. 6). Denn auch das Leben mit Demenz hat eine Würde, die es anzuerkennen gilt. Ein wichtiger Faktor für die Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Demenz ist die Einbindung aller Bürgerinnen, damit längerfristig Ängsten und daraus resultierender Ausgrenzung entgegengewirkt werden kann. Denn: „Die Gesellschaft der Zukunft wird auch eine Gesellschaft mit Demenz sein“ (BMFSFJ 2006, S. 6). Dies erfordert insbesondere eine Toleranz gegenüber dieser gänzlich anderen Lebensform. Dazu könnte Demenz als eine „Zivilisation zweiter Ordnung“ angesehen werden, die sich zwar unseren im Laufe der Biographie erlernten Kulturtechniken und kulturellen Normen (z. B. Essverhalten) entzieht, jedoch eine gleichberechtigte Anerkennung verdient (vgl. Dörner 2007; Klie 2002b, S. 69 f.).
Demenz stellt nicht ein fernes Szenario dar, sondern geht uns alle an: Fast jede ist bereits heute mittel- oder unmittelbar von der Thematik betroffen, hat eine Angehörige (Ehepartnerin, Mutter, Großmutter), die an einer Demenz erkrankt ist oder kennt wenigstens jemanden, der mit einem Menschen, der an einer Demenz erkrankt ist, zu tun hat. Zudem können generell alle älteren Menschen davon betroffen werden (Klie 2002b, S. 66). All diesen Menschen die Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben zu verweigern und ihre Menschenrechte und sozialen Bedürfnisse nicht zu berücksichtigen, kann dabei kaum als menschenwürdig angesehen werden. Die Gruppe älterer Menschen ist jedoch keineswegs eine homogene Gruppe, sondern auch hier können die allgemeinen Differenzierungs- und Heterogenisierungsprozesse wahrgenommen werden (vgl. Kondratowitz 1999, S. 247). Dementsprechend kann abgeleitet werden, dass es auch nicht DIE Menschen mit Demenz gibt, sondern eine Vielfalt demenzieller Ausprägungen besteht. Diese Vielfalt ist nicht allein durch die Erkrankung an sich bedingt, sondern steht auch im Zusammenhang mit unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen, Lebensformen u. Ä.
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Pflegequalität wird zwar als ein entscheidender Faktor für die Lebensqualität von Menschen mit Demenz angesehen (vgl. BMFSFJ 2006, S 6). Jedoch lässt sich daraus noch lange nicht ableiten, dass gute Pflege - die durchaus wichtig ist - allein für ein menschenwürdiges Leben ausreicht.
Aufgrund der Tatsache, dass es zukünftig noch weit mehr Menschen mit Demenz geben wird, lohnt es sich auch gesamtgesellschaftlich, darüber nachzudenken, wie ihnen ein menschenwürdiges Leben als Teil der Gesellschaft ermöglicht werden kann, wie Fähigkeiten, Bedürfnisse berücksichtigt und auch die Rechte der Betroffenen stärker in den Blickpunkt gerückt werden. Die Aufgabe, wie wir mit Demenz kranken Menschen umgehen wollen, stellt deshalb eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dar.
2.3 Demenzmodelle
Welche Erklärungen es für die Demenz als zunehmend auftretendes Phänomen gibt, soll im Folgenden ausgeführt werden. Medizinische Erklärungen kennzeichnen das gängige Paradigma. Gerade für die Soziale Arbeit sind jedoch auch soziologische und sozialpsychologische Erklärungen relevant, die ab Seite 15 erörtert werden.
2.3.1 Medizinische Aspekte
Dem biomedizinischen Krankheitsbegriff liegt ein lineares Denken zugrunde: Ein Auslöser führt durch seine Schädigung zu einer Organveränderung, die schließlich bestimmte Krankheitssymptome produziert (vgl. Waller 2002, S. 16 ff.). Bei der Demenz bedeutet dies, dass eine oder mehrere bislang nicht bekannte Ursachen zu neuropathologischen Veränderungen führen, die sich in spezifischen Symptomen zeigen und einen vorhersehbaren Verlauf haben. Demnach ist Demenz als ein Muster von Symptomen zu verstehen, das bei Erkrankungen des Gehirns (neurodegenerative Erkrankungen) auftreten kann, wenn eine Schädigung oder Zerstörung von Nervenzellen stattfindet. Kennzeichen für dieses Syndrom ist ein allmählich fortschreitendes Nachlassen der geistigen Leistungsfähigkeit (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Orientierung, Denkvermögen, Sprache), mit der eine Beeinträchtigung bei den Alltagsaktivitäten einhergeht. Zunächst sind dabei komplexe Aufgaben betroffen, später immer einfachere, wie z. B. Aufnahme von Nahrung u. Ä. (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 1).
2.3.1.1 Äthiologie (Ursachen) der Demenz
Unterschiedliche Krankheiten können zu einer Demenz führen. (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 1). Grundsätzlich kann unterschieden werden zwischen
- primären Demenzen; diese werden durch direkte Hirnschädigung verursacht, sie gehen also direkt vom Gehirn aus. Bei den primären Demenzen - deren Ursache eigenständige Hirnerkrankungen sind - kommen vor allem degenerative (Alzheimer-Demenz) und vaskuläre (die Gefäße betreffend) Veränderungen in Frage. Für diese Demenzformen gilt, dass sie bislang irreversibel sind.
- sekundären Demenzen, die Folge einer anderen Erkrankung (z. B. Tumor, Vitamin-B12-Mangel, Multiple Sklerose, Infektionen u. a.) sind. Sie sind teilweise reversibel, d. h. sie können bei erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankung wieder weitgehend abklingen. (vgl. Falk 2004, S. 38 f.).
Aufgrund der verschiedenen Ursachen, die zu einer Demenz führen können, ergibt sich ein sehr vielschichtiges klinisches Bild und ein unterschiedlicher Verlauf (vgl. Hauser 2005, S. 19).
Hier soll lediglich auf die primären Demenzen eingegangen werden, da sie wesentlich häufiger auftreten. Zudem sind deren Ursachen nicht behandelbar und deshalb muss mit den langfristigen Konsequenzen umgegangen werden. Das bedeutet, dass Soziale Arbeit hier neben der Medizin - gerade weil die Ursachen nicht beseitigt werden könneneinen wichtigen Beitrag leisten kann.
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Häufigste Ursache der primärer Demenzen ist die Alzheimer-Krankheit [ca. 50-70 % der Demenzen (vgl. Falk 2004, S. 39, Alzheimer Europe 2005, S. 1, Kruse & Gaber, 2002, S. 18)]. Dem folgen Krankheiten der Blutgefäße (vaskuläre Demenzen) mit ca. 10-20 % (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 1, Kruse & Gaber 2002, S. 18), die die Blutver-sorgung des Gehirns einschränken und dadurch Gewebeuntergänge (Hirninfarkte) her-vorrufen (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 1). Bei alten Menschen sind Alzheimer-Krankheit und vaskuläre Demenz häufig miteinander kombiniert und treten bei ca. 20 % der Erkrankungsfälle als Mischformen auf (Kruse & Gaber 2002, S. 19). Alle übrigen Ursachen primärer Demenzen sind äußerst selten: Pick-Krankheit (Frontotemporale Demenz), Creutzfeld-Jakob-Krankheit, Chorea-Huntington-Krankheit, Parkinson-Krankheit, Lewy-Körper-Krankheit. Diese sollen hier nicht weiter diskutiert werden, denn sie sind gemessen an der Gesamtzahl der Demenzen eher unbedeutend (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 1).
Die folgende Abbildung 1 veranschaulicht den prozentualen Anteil von Demenzursachen. Zur Vereinfachung wurden mittlere Werte herangezogen und gerundet (Quellen: Alzheimer Europe 2005, S. 1 ff., Hirsch & Holler 1999, S. 24; Kruse & Gaber, 2002, S. 19; Hauser 2005, S. 16; Stoppe 2007, S. 12. ff.)
Abbildung 1
Das Alter an sich ist keine Ursache für eine Demenz, doch steigt das Risiko an einer Demenz zu erkranken mit zunehmendem Alter deutlich.
2.3.1.2 Prävalenz der Demenz
Die Prävalenz ist definiert als Häufigkeit der Krankheitsfälle (neu Erkrankte und bereits länger Kranke) einer bestimmten Krankheit pro Zeiteinheit und Bevölkerungsgruppe (vgl. Waller 2002, S. 40).
Bislang gibt es kaum gesicherte Daten über die Prävalenz der demenziellen Krankheitsfälle. In internationalen Studien schwanken die Werte der Prävalenz sehr stark, da es keine klar definierten Kriterien zur Abgrenzung leichter kognitiver Störungen zum frühen Stadium der Demenz gibt (vgl. Hauser 2005, S. 9 f.). Bickel (2001, S. 109) gibt die Gesamtprävalenz im Mittel mit eine Rate von 7,2 % für die Altersgruppe über 65 Jahre an. Lediglich zur Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT) gibt es eine relativ gute Datenlage, da nur hier ein Konsens über diagnostische Kriterien besteht. Bei der vaskulären Demenz (VaD) hingegen ist die Falldefinition weniger präzise und damit auch die Datenlage weniger umfangreich (vgl. Stoppe 2007, S. 12).
Es zeigt sich einerseits, dass Frauen eine leicht erhöhte Prävalenz (0,1 - 3,2) (Weyerer 2005, S. 13) aufweisen, an einer Demenz zu erkranken. Dies könnte dadurch erklärt werden, dass diese älter werden, es also in dieser Altersgruppe aufgrund der höhe-
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ren Lebenserwartung mehr Frauen als Männer gibt. Andererseits wird - unabhängig von den Abweichungen zwischen verschiedenen Studien - offensichtlich, dass die Prävalenz mit zunehmendem Alter steigt. (Abweichende Daten zwischen den Einzelnen Definitionen könnten auf unterschiedlichen Diagnose-Kriterien oder ungleichen Erhebungsmethoden beruhen.)
2.3.1.3 Inzidenz von Demenzerkrankungen
Mit der Inzidenz wird die Rate der Neuerkrankungen an einer bestimmten Erkrankung pro Jahr beziffert. Sie ist unbeeinflusst von der Krankheitsdauer. In den meisten Studien wird die Inzidenz für demenzielle Erkrankungen in der Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen mit 1,5 - 2% angegeben (Hauser 2005, S. 10). Damit erkranken in Deutschland jährlich ca. 200.000 Menschen neu an einer Demenz (Weyerer 2005, S. 15).
Alzheimer-Krankheit und Alter:
Mit steigendem Lebensalter tritt die neurodegenerative Erkrankung vom Typ „Alzheimer“ häufiger auf. Von 1 % bei den 60-64-Jährigen steigt die Prävalenz auf 35 % bei den über 90-Jährigen (vgl. Stoppe 2007, S. 13). Die Inzidenz (Neuerkrankungsrate) steigt ebenfalls: von 0,36 % pro Jahr bei den 60- bis 64-Jährigen auf 0,66 % bei den über 90-Jährigen (vgl. Stoppe 2007, S. 13).
Auch der prozentuale Anteil der Alzheimer-Demenz an demenziellen Erkrankungen insgesamt steigt mit zunehmendem Alter. Somit ist die Wahrscheinlichkeit des Auftritts einer DAT (Demenz vom Alzheimer-Typ) umso höher, je älter ein Mensch ist (Stoppe, 2007, S. 13). Damit kann das Alter als größter Risikofaktor angesehen werden, an einer Demenz zu erkranken (Hauser 2005, S. 10).
2.3.1.4 Risikofaktoren
Risikofaktoren für die Demenz vom Alzheimertyp
Als sicherster Risikofaktor, an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, wird also, wie erwähnt, das höhere Lebensalter angesehen.
Ein erhöhtes Risiko (mindestens dreimal so hoch wie der Durchschnitt) besteht ebenso, wenn in direkter Verwandtschaft (Geschwister, Eltern) eine Demenz aufgetreten ist (Stoppe 2007, S. 17). Mutationen (Abwandlungen der Erbinformationen) verschiedener Chromosomen (1, 14, 21) konnten als genetische Faktoren lokalisiert werden (Alzheimer Europe 2005, S. 2, Stoppe 2007, S. 17). Sie führen zu einer vermehrten Produktion oder Ablagerung von Amyloid im Gehirn (vgl. Kurz & Diehl 2003, S. 10). Diese erbliche Form der Alzheimer Krankheit ist durch frühes Einsetzen (vor dem 65. Lebensjahr) und einen raschen Krankheitsverlauf gekennzeichnet (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 2). Häufiger ist jedoch eine Alzheimer-Variante mit Beginn nach dem 65. Lebensjahr. Hier spielen diese erblichen Faktoren keine Rolle (vgl. Kurz & Diehl 2003, S. 11). Bei den nicht-genetischen Faktoren wird u. a. der Einfluss von (Schul-)Bildung diskutiert. Allerdings ist hier Vorsicht geboten, da mit Bildung auch ein anderer Lebensstil einhergeht und neuropsychologische Tests u. U. anders bearbeitet werden. So ist festzustellen, dass Menschen mit höherer Bildung zwar zeitlich später erkranken, aber bei Erkrankungsbeginn neurobiologisch fortgeschrittenere Befunde aufzeigen. Dies deutet lediglich auf einen späteren Zeitpunkt des Krankheitsbeginns hin, weniger auf einen präventiven Effekt von Bildung (vgl. Stoppe 2007, S. 18 f.). Wahrscheinlich können Menschen mit höherer Bildung die krankheitsbedingten Ausfälle länger kompensieren. Mäßiger Alkoholgenuss kann als Risikofaktor weitestgehend ausgeschlossen werden (Kurz & Diehl 2003, S. 14). Allerdings kann erhöhter Alkoholkonsum zur Alkoholdemenz führen (nutritiv-toxisch oder metabolisch verursachte Demenzen [vgl. Weyerer 2005, S. 8]). Das Rauchen wird unterschiedlich bewertet (vgl. Stoppe 2007, S. 19, Kurz & Diehl 2003, S. 12).
Als weitere Risikofaktoren werden zwar diskutiert, können aber weitestgehend ausgeschlossen werden:
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- Weibliches Geschlecht: Die häufigere Betroffenheit von Frauen lässt sich auf die unterschiedliche Lebenserwartung und (Ko-)Morbidität zurückführen.
- Depressionen können eher als ein frühes Zeichen, denn als Risiko bewertet werden. Sie stellen außerdem eine vielfache Differentialdiagnose dar.
- Auch der Einfluss von Ernährung erscheint nicht besonders wahrscheinlich (vgl. Stoppe 2007, S. 19).
Zwischen den einzelnen Risikofaktoren (Gene, Bildung, sozioökonomischer Status, Ernährung, Aktivität, Umwelt) können Wechselbeziehungen festgestellt werden. Möglicherweise werden bestimmte Risikofaktoren nur in bestimmten Lebensabschnitten, bei einer bestimmten Dauer oder in Kombination mit anderen Faktoren wirksam (vgl. Stoppe 2007, S. 18).
Risikofaktoren für vaskuläre Demenzen
Vaskuläre Demenzen werden durch Erkrankungen der Hirngefäße verursacht (vgl. Hauser 2005, S. 18). Bei diesen Formen der Demenz existiert eine weniger gesicherte Datenlage (Stoppe 2007, S. 20). Der einzig gesicherte und sehr bedeutende Risikofaktor stellt die arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) dar. Daneben werden Diabetes mellitus, Hyperlipidämie (bei Übergewicht), Rauchen und extremer Alkoholkonsum als Risikofaktoren diskutiert (vgl. Kruse & Gaber 2002, S. 19), also Faktoren mit schädigendem Effekt der Blutgefäße.
2.3.1.5 Die Diagnose der Demenzen ICD und DSM
Die für Demenzen im internationalen Kontext entwickelten Kriterien sollen kurz umrissen werden. Die diagnostischen Kriterien für ein Demenz-Syndrom sind durch die DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen, 5. Ausgabe) und die ICD-10 (International Classification of Deseases 10, Internationale Klassifikation für Krankheiten und Todesursachen, 10. Revision) operationalisiert (vgl. Weyerer 2005, S. 32. Beide Klassifikationen ähneln sich sehr stark, sodass sie an dieser Stelle zusammengefasst dargestellt werden sollen. Kriterien sind:
1. Beeinträchtigungen des Gedächtnisses (die Fähigkeit, neue Informationen zu verarbeiten und erlernte Inhalte abzurufen ist vermindert)
2. mindestens eines der folgenden Störungsbilder
o Sprachstörung (Aphasie)
o Eingeschränkte Fähigkeit Bewegungen auszuführen, obwohl die Bewegungsfunktionen intakt sind (Apraxie)
o Schwierigkeiten, Dinge und Sachverhalte (wieder)-zuerkennen bzw. zu benennen, obgleich die sensorischen Funktionen vorhanden sind (Agnosie)
o Eingeschränkte Fähigkeit zu planen, zu organisieren, Reihenfolgen einzuhalten, zu abstrahieren (Störungen der Exekutivfunktionen)
Weiterhin müssen diese kognitiven Defizite aus Bereich 1. und 2. die soziale und berufliche Funktionsfähigkeit beeinträchtigen und eine Verschlechterung zum vorherigen Leistungsniveau darstellen. Die Auffälligkeiten müssen mindestens 6 Monate bestehen (vgl. Stoppe 2003, S. 24).
Diagnose der Alzheimer Demenz
Um die Differentialdiagnose „Alzheimer-Erkrankung“ zu stellen, müssen weitere Kriterien erfüllt sein:
Die Kriterien für die Demenz vom Alzheimer-Typ (DAT) sind nach der ICD-10 und der DSM-IV als Ausschlussdiagnose definiert (vgl. Stoppe, 2006, S. 39). Neben den oben angeführten Kriterien, ist für die Demenz vom Alzheimer Typ ein schleichender, allmählicher Beginn mit leichten Gedächtnisstörungen und fortschreitender Verschlechterung kennzeichnend (vgl. Weyerer 2005, S. 8; Hauser 2005, S. 17). Damit
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von einer Alzheimererkrankung ausgegangen werden kann, muss ausgeschlossen werden, dass die kognitiven Einbußen nicht zurückgeführt werden können auf:
- eine andere Krankheit des zentralen Nervensystems, die fortschreitende Gedächtniseinbußen verursacht (z. B. Hirntumore, subdurale Hämatome [Blutergüsse])
- systemische Erkrankungen, welche eine Demenz bewirken können (z. B. HIV-Infektion)
- Durch toxische Substanzen verursachte Erkrankungen (z. B. Alkoholgebrauch, der zum Korsakoff-Syndrom führen kann) (vgl. Stoppe, 2006, S. 39)
- Eine Depression. Im Zweifel sollte zunächst eine Behandlung des depressiven Syndroms erfolgen, um festzustellen, ob mit der Stimmungsaufhellung die kognitiven Störungen nachlassen (vgl. Gutzmann 2003, S. 84).
Tritt die Erkrankung bereits vor dem 65. Lebensjahr auf, spricht man von einem präsenilen Beginn. Beginnt die Erkrankung erst nach dem 60 bzw. 65. Lebensjahr - in der Regel im Rentenalter - spricht man von senilem Beginn. Schon zu Beginn der Erkrankung ist die Aufmerksamkeitsleistung beeinträchtigt. Frühe Kennzeichen einer Demenz vom Alzheimer-Typ können sein: Konzentrationsprobleme, Gefühl der Überforderung und rasche Erschöpfbarkeit. Auch depressive Verstimmungen, Antriebsarmut, Interesselosigkeit und unklare Ängste können frühe Anzeichen einer Demenz sein (vgl. Stoppe, 2006, S. 36 f).
Diagnostische Instrumente
Um die Diagnose „Demenz“ zu stellen ist eine ausführliche ärztliche Diagnostik er-forderlich. Diese umfasst:
- Die Eigenanamnese und
- Fremdanamnese (Angehörige), die Fragen nach Gedächtnis, Orientierung, Alltagsaktivitäten, früherer Leistungsfähigkeit und depressiven Symptomen einschließt
- Eine allgemeine körperliche Untersuchung
- Eine neurologische Untersuchung
- Den psychopathologischen Befund
- Testpsychologische Untersuchungen zur Feststellung der Leistungsfähigkeit, wie beispielsweise der Minimal-Mental-Status-Test (MMST), bei dem die kognitiven Funktionen erhoben werden.
- Laborparameter
- Elektrokardiogramm (EKG)
- Elektroenzephalogramm (EEG)
- Kraniales Computertomogramm (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) (vgl. Weyerer 2005, S. 9; Stoppe 2007, S. 50 ff.)
Zweck dieser Untersuchungen ist es vornehmlich, jene Ursachen der Demenz, die behandelt werden können, auszuschließen oder zu erkennen (vgl. Weyerer 2005, S. 9). Bisher konnten aus diesen Forschungen zur Demenz keine ursächlich ansetzenden therapeutischen Interventionen abgeleitet werden (vgl. Stoppe 2007, S. 25), mit denen die Demenz geheilt werden kann. Die Wirkung der derzeit auf dem Markt erhältlichen Antidementiva erzielen äußerst geringe Effekte. Negativergebnisse werden vielfach unterdrückt (Arznei-Telegramm 2007, S. 59). Deshalb empfiehlt z. B. das britische National Institut for Clinical Excellence (NICE) die gängigen Alzheimermittel Memantin, Galantamin, Rivastigmin und Donepezil nicht mehr durch den National Health Service zu bezahlen. Denn es konnte nicht festgestellt werden, dass diese Medikamente einen relevanten Einfluss auf die Lebensqualität haben (Arznei-Telegramm 2005, S. 31).
2.3.2 Auswirkungen der Alzheimer-Erkrankung im Krankheitsprozess
Die genannten Symptome (Seite 11) der Demenz gehen also weit über den Verlust rein geistiger Fähigkeiten hinaus und beeinflussen Wahrnehmung, Verhalten und Erleben der Betroffenen.
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Ereignisse und Dinge besitzen in der Welt der Menschen mit Demenz häufig eine andere Bedeutung als in der Welt der so genannten „Gesunden“. Da sich die Betroffenen nur im Anfangsstadium sprachlich mitteilen können, müssen die Bezugspersonen später versuchen, sich in die Situation des kranken Menschen einzufühlen. Ein Schlüssel zum Verständnis für Verhaltensweisen lässt sich dabei in der Biografie des Betroffenen finden (vgl. BMG 2005, S. 24 f). Nahe Angehörige können hier wichtige Hinweise geben, einerseits was das Verständnis von Verhaltensweisen betrifft, andererseits hinsichtlich der Wünsche und Einstellungen des Menschen mit einer Demenzerkrankung. Wichtig erscheint es, auf einer Gefühls-Ebene zu kommunizieren, indem man sich in die Gefühlswelt des Demenzkranken hineinversetzt (vgl. Trilling et al. 2001, S. 25). Zu Beginn der Krankheit steht in der Regel eine Verminderung der Merkfähigkeit im Vordergrund. Meist merken die Betroffenen den Verlust ihrer Fähigkeiten schneller als das Umfeld. Sie geraten häufig durcheinander, fühlen sich beschämt und verlegen. Ihre Vergesslichkeit versuchen sie z. B. durch Zurückhaltung in Gesprächen zu vertuschen und ziehen sich deshalb nicht selten zurück (BMG 2005, S. 34). Als Reaktion auf kognitive Probleme entwickeln Menschen mit einer Demenzerkrankung häufig depressive Symptome (vgl. Weyerer 2005, S. 16).
Schreitet die Krankheit weiter fort, sind den Betroffenen ihre Gedächtnisstörungen in der Regel nicht mehr bewusst. Dennoch leiden sie weiter an den indirekten Folgen, besonders dem Verlust der Unabhängigkeit. Durch den fortschreitenden Gedächtnisabbau gehen auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses verloren. Daraus resultiert, dass erworbene Fähigkeiten abnehmen und das Sprachvermögen nachlässt. Schließlich kann auch das Wissen über die eigene Person verloren gehen und damit die eigene Identität (BMG 2005, S. 26,).
Der Verlust der Urteilsfähigkeit und des Denkvermögens bewirkt weiter, dass Eindrücke und Informationen nicht mehr mithilfe des Verstandes geordnet und verarbeitet werden und keine logischen Schlussfolgerungen mehr getroffen werden können. Deshalb werden Erklärungen gegenüber dem demenzkranken Menschen, die auf Logik beruhen, nicht verstanden.
Beispiel: Ein demenzkranker Mensch will nicht mehr richtig essen. Es ist wenig hilfreich, den Betroffenen mit logischen Argumenten zu überzeugen, z. B. „Wenn du nicht genügend isst, wirst du krank!“. Stattdessen sollte den Betroffenen liebevoll begegnet werden und auf ihr besonderes Essverhalten Rücksicht genommen werden. Hierzu gehört z. B. das Angebot von „Fingerfood“. Das ist Nahrung, die im Vorübergehen mit den Fingern aufgenommen und in den Mund gesteckt werden kann, ohne dass Hilfsmittel wie Messer und Gabel benutzt werden müssen (vgl. Schwerdt 2004, S. 87, Wellerdiek 2005, S. 23 ff.).
Ebenso wenig können Menschen mit Demenz Fragen nach Gründen für ein bestimmtes Verhalten und für Gefühlsäußerungen beantworten. Logische Argumente helfen auch hier nicht weiter. Sinnvoller ist es, den Betroffenen auf der Gefühlsebene anzusprechen, Verständnis für seine Situation zu zeigen und gleichzeitig zu beruhigen, z. B empathisch auf ihn einzugehen. Denn bei einer demenziellen Erkrankung lassen zwar Denk-und Erinnerungsvermögen nach, doch Erlebnisfähigkeit und Gefühlserleben bleiben bis zum Tod erhalten (vgl. BMG 2005, s. 29 f.).
Beispiel 1 : Frau Kunze besucht mit einer Gruppe ebenfalls an Demenz erkrankter Frauen eine Ausstellung im historischen Museum. Das Museum ist ziemlich spärlich beleuchtet, die Räume überwiegend ohne Tageslicht, Gegenstände werfen Schatten, Ausgänge sind nicht leicht zu finden. Von Anbeginn wirkt Frau Kunze leicht beunruhigt. Schließlich äußert sie aufs höchste irritiert: „Das ist doch alles nicht richtig!“ „Das darf man nicht!“ „Was soll das hier?“ „Da stimmt doch etwas nicht!“. Eine der beiden begleitenden Gruppenleiterinnen versuchte Frau Kunze abzulen- 1 AlleBeispiele stammen aus der praktischen Erfahrung der Autorin in der Arbeit mit Menschen mit Demenz. Die darin vorkommenden Namen und personenbezogenen Daten wurden aus Gründen des Datenschutzes verändert.
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ken: „Ach, schauen Sie mal da drüben, was es da interessantes gibt.“ „Wollen Sie nicht mal schauen?“ Durch diese Einwürfe steigerte sich ihre Beunruhigung eher noch. Jetzt greift die zweite Begleiterin ein: Sie fasst behutsam am Ellenbogen und Unterarm. „Ich bleibe bei Ihnen und bringe sie sicher wieder nach Hause.“ Frau Kunze beruhigte sich und der Museumsbesuch konnte in dieser schützenden Begleitung fortgesetzt werden. - Die entscheidende Unterstützung für Frau Kunze be-stand darin, die Bedürfnisse nach Sicherheit und Orientierung zu erkennen und durch vor allem emotionale Gesten darauf einzugehen.
Der Verlust der Kompetenzen kann deshalb als besonders schmerzlich erlebt werden, weil nicht mit dem Verstand regulierend auf die Gefühle eingewirkt werden kann. So fehlt die Erinnerung an ähnliche Situationen, die erfolgreich bewältigt wurden und damit auch die Hoffnung, dass es wieder bessere Zeiten geben wird (vgl. BMG 2005, S. 39). Zunehmend verliert die Wirklichkeit ihren Sinn, mit einfachen Gegenständen (wie Bleistift, Besteck, Teller, Zahnbürste) kann nichts mehr angefangen werden und Tätigkeiten des Alltags (z. B. Nahrungsaufnahme) können nicht mehr selbständig bewerkstelligt werden (vgl. BMG 2005, S. 26 ff).
Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz nehmen auch die Kommunikationsmöglichkeiten immer weiter ab. Im emotionalen Bereich sind dennoch Fähigkeiten vorhanden. Z. B. emotionale Stimmungen wahrnehmen. Auch die Bereitschaft, auf Außenreize zu reagieren wird durch nachlassende kognitive Fähigkeiten nicht aufgehoben. Selbst wenn die Aussagen von Menschen mit Demenz für ihre Mitmenschen häufig unverständlich wirken und nur einfühlend interpretiert werden können, so wird doch angenommen, dass die „emotionale Kontaktfähigkeit bis zum Lebensende erhalten“ (Weyerer 2005, S. 16) bleibt. Hilfreich ist in der Regel ein Leben in vertrauter Umgebung und mit konstanten Bezugspersonen (vgl. Weyerer 2005, S. 16).
2.3.3 Einschätzung des biomedizinischen Krankheitsmodell der Demenz
Das (bio-)medizinische Erklärungsmodell ist in der fachlichen Diskussion vorherrschend, wenn es um die Annäherung an das Phänomen der Demenz geht. Nicht zuletzt wird dies dadurch bewirkt, dass es klar und einleuchtend wirkt und medizinische Erklärungen gesellschaftlich allgemein sehr angesehen sind. Die Diagnose ist auch als Vereinbarung unter Fachleuten hilfreich. Zwar ist dieser Erklärungsansatz gerade aufgrund der Linearität sehr einleuchtend, jedoch kann er kaum dem gesamten Erscheinungsbild gerecht werden. Denn es können z. B. beträchtliche neuropathologische Veränderungen vorliegen, ohne dass gleichzeitig eine klinisch relevante Demenz besteht. Genauso wie eine Demenz ohne charakteristische Neuropathologie bestehen kann (vgl. Kitwood 2005, S. 60 ff.). Das Maß der Beeinträchtigung bildet sich nämlich nicht unbedingt in den neuropathologischen Veränderungen ab und umgekehrt.
Neben der Möglichkeit, sich durch die Diagnosestellung auf die Erkrankung einstellen zu können - was jedoch meist auch Unterstützung voraussetzt - ist eine Diagnose auch deshalb wichtig, weil sie wenigstens einen Teil des Verhaltens von Menschen mit Demenz erklärt. Das kann Angehörigen helfen, das veränderte Verhalten des Menschen mit Demenz zu verstehen und besser damit umgehen zu können. Für die Sozialarbeiterinnen ist das Wissen über medizinische Erklärungen aus zweierlei Gründen wichtig: Erstens ist ein Grundwissen an medizinischen Erklärungen für den Austausch im multiprofessionellen Team wichtig (z. B. um mit Ärztinnen 2 zu kommunizieren). Zweitens kann es hilfreich sein, die Anzeichen für eine Demenz zu erkennen, wenn man in der sozialarbeiterischen Praxis mit älteren Menschen in Kontakt kommt.
2 In dieser Arbeit verwende wird zur besseren Leserlichkeit immer nur die weibliche Form. Es sind jedoch immer beide Geschlechter gemeint. Namen und Orte in den Beispielen sind zum Schutz der Person durch die Autorin verändert.
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2.3.4 Soziologische Erklärungen
Für Soziale Arbeit ist jedoch auch über die medizinische Definition hinausgehendes Wissen obligatorisch. Um das Verhalten zu verstehen und Handlungsspielräume für Soziale Arbeit zu eröffnen, haben soziale Ansätze eine große Bedeutung. Soziologische Erklärungen gehen davon aus, dass Demenz eine Abweichung darstellt, die eine Behinderung zur Folge hat. Demnach sind nicht allein die Schädigung der Nervenzellen und die daraus resultierenden Symptome entscheidend, sondern die Folgen, die sich daraus ergeben. Wobei die Definition der WHO in der Internationalen Klassifikation der Behinderung IDIDH-1 noch von einer Schädigung (Impairment) ausgeht, die eine Behinderung/Einschränkung (Disability) für den individuellen Menschen hat und zu einer Benachteiligung (Handicap) führt (vgl. Cloerkes 2001, S. 4). Diese eher individuumzentrierte und defektorientierte Sichtweise wurde 2000 von der ICIDH-2 abgelöst, die den gesellschaftlichen Kontext berücksichtigt, in dem Menschen mit Behinderung leben und positive Möglichkeiten aktiver, selbst bestimmter Teilhabe als Ziel erfasst. Behinderung wird unter diesem Blickwinkel als prozesshaftes Geschehen mit positiven wie negativen Möglichkeiten beschrieben (Cloerkes 2001, S. 5). Denn durch geeignete Bedingungen, z. B. einen verständnisvollen Umgang und geeignete Wohnformen können die Auswirkungen der Demenz gemildert werden. Wegen ihrer Komplexität ist diese Definition jedoch etwas schwer zu fassen.
Die Definition der WHO stellt also einen recht umfassenden Zugang zur Behinderung dar, dennoch ist kritisch anzumerken, dass der Ansatzpunkt eine Schädigung als objektive Abweichung von einer Norm angesehen wird. Was ist jedoch die „Norm“, wenn nahezu 40 % der über 90jährigen (Gaebel et al. 2001) an einer Demenz erkrankt sind? Fraglich ist auch, woran sich die Normabweichung misst. Inwieweit ist die Schädigung zudem objektiv z. B. durch medizinische Diagnosestellung sicher festzustellen? Denkbar wäre auch, dass eine Behinderung einen sozialen Bewertungs- und Abwertungsprozess wiedergibt, der dann eine Schädigung verursacht (vgl. Cloerkes 2001, S. 5), wie dies auch von Kitwood (2005) in dessen Überlegungen einbezogen wird. Es bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass an der Behinderung nicht allein die Veränderung im Gehirn (biomedizinisches Modell) beteiligt ist, sondern auch Umweltfak-toren, die auf vorhandene Veränderungen einwirken und diese beeinflussen und in irgendeiner Weise als abweichend beschrieben werden.
2.3.5 Sozialpychologische Erklärungen
Der dialektische Erklärungsansatz der Demenz nach Kitwood (2005) bezieht ebenfalls Umweltfaktoren mit ein, legt den Schwerpunkt jedoch auf die Interaktion. Es wird darin deutlich, dass an dem Abbauprozess auf jeden Fall sozialpsychologische und gesellschaftliche Faktoren beteiligt sind.
Dieser Sichtweise zu Folge ist die Ursache der Demenz „nicht linear, sondern vielfältig und interaktional“ (Kitwood 2005, S. 62). Danach ist die Demenz ein andauerndes Wechselspiel zwischen Neuropathologie einerseits und sozialpsychologischen Faktoren (z. B. der Interaktion) andererseits.
Kitwood geht dabei gar so weit, aufzuzeigen (und bezieht sich auf eine Studie von Michael Meacher, 1972), dass im Einzelfall allein psychische, soziale und allgemeine Beschaffenheiten ausreichen können, um Menschen dement werden zu lassen (Kitwood 2005, S. 74). Auch konnte festgestellt werden, dass es aufgrund belastender Ereignisse, z. B. Verlust eines geliebten Menschen, bei Menschen mit Demenz häufig zu einem dramatischen Einbruch der Funktionsfähigkeit kommt. Dies kann nicht allein damit erklärt werden, dass der verstorbene Mensch bestehende Defizite kompensierte (vgl. Morton 2002, S. 125). Denkt man dies konsequent weiter, so lassen Kitwoods Überlegungen den Schluss zu, dass umgekehrt sogar personale und auch geistige Funktionen teilweise wieder hergestellt werden können (Morton 2002, S. 126), wenn entsprechende Rahmenbedingungen bestehen. Hier könnte - mit aller Vorsicht - schließlich sogar von einem
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Therapie-Ansatz gesprochen werden, der völlig anderer Art ist als der, der sich aus dem medizinischen Krankheitsparadigma ergibt. Dies könnte z. B. bedeuten, dass ein demenzieller Prozess dadurch aufgehalten oder verlangsamt werden kann, wenn für den betroffenen Menschen eine schützende und zugleich spezifisch anregende Lebensumgebung gestaltet wird.
Kitwood (2005) leugnet dabei keineswegs die Neuropathologie der Demenz und kritisiert nicht, dass im medizinischen Konzept der Demenz falsche Behauptungen aufgestellt würden. Was er kritisiert ist, dass das medizinische Krankheitsmodell für sich beansprucht, ein vollständiges Bild der Demenz zu entwerfen, während es psychologische und soziale Faktoren vernachlässigt (vgl. Morton 2002, S. 127 ff.). Aus Kitwoods Sicht kann die Demenz als Folge einer komplexen Interaktion von Persönlichkeit, Biographie, körperlicher Gesundheit, neurologischern Beeinträchtigungen und Sozialpsychologie verstanden werden (vgl. Morton 2002, S. 129 ff.). Zentraler Ansatzpunkt Kitwoods ist das Person-Sein der Menschen mit Demenz. Seinen Forschungen zufolge wird gerade das Person-Sein durch die Art, wie mit Menschen mit Demenz umgegangen wird, vielfach untergraben. Person-Sein erklärt er dabei nicht in Abhängigkeit von bestimmten Eigenschaften, sondern vielmehr als Interaktion, die das Person-Sein ausmacht. Der Mensch ist Person durch andere Menschen (vgl. Buber 2006). Sein „Person-Sein“ hängt also von zwischenmenschlichen Beziehungen, von Interaktion ab, davon, von anderen als Person wahrgenommen zu werden. Kitwood kritisiert, dass das Person-Sein eines Menschen mit Demenz dadurch untergraben wird, dass eine Entwertung der subjektiven Realität des Erlebens der Kranken stattfindet. Indem alles Verhalten allein durch den hirnorganischen Prozess erklärt wird, kommt die Bedeutung der Interaktion mit anderen und den daraus resultierenden Reaktionen zu kurz (vgl. Kitwood 2005, S. 75 f.). Deshalb geht es vor allem um den Erhalt des Person-Seins.
Interessant an diesen Überlegungen ist, dass die Interaktion und die Person in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und berücksichtigt werden. Nicht allein hirnorganische Veränderungen durchdringen den Demenzprozess, sondern auch Umweltfaktoren und die Menschen im Umfeld und deren Verhalten prägen die Demenz. Die Anerkennung, die Wertschätzung und die Beziehungen der Menschen mit Demenz haben entscheidende Rückwirkungen auf die Demenz.
Wichtig an Kitwoods (2005) Darlegungen ist zudem, dass die Demenz beeinflusst werden kann. Diejenigen, die mit Menschen mit Demenz arbeiten, können positiv oder negativ auf die Demenz einwirken. Auch wenn Kitwood als Psychologe den Schwerpunkt auf den Einfluss der Interaktion und menschliche Beziehungen legt, berücksichtigt sein Konzept dennoch, dass auch sozial-strukturelle Wertsysteme auf die Demenz einwirken. Dies zeigt sich z. B. daran, dass nur geringe Mittel zur Verfügung gestellt werden, um eine umfangreiche Betreuung von Menschen mit Demenz zu gewährleisten. Dies wirkt sich u. a. auch auf die Pflegenden und deren Zufriedenheit und damit Leistungsfähigkeit negativ aus (vgl. Morton 2002, S. 138 ff.).
Somit ergibt sich eine Wechselbeziehung zwischen Umweltfaktoren (vor allem anderen Menschen) einerseits und der Neuropathologie andererseits. Sozialpsychologische Auseinandersetzungen mit der Demenz scheinen also der Realität besonders gerecht zu werden, weil sie die Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Faktoren berücksichtigen. Zudem ermöglichen sie ein weites Spektrum von (auch sozialarbeiterischen) Handlungsmöglichkeiten, weil der Demenzprozess beeinflusst werden kann.
Stärker als der medizinische Ansatz eröffnen soziologische und sozialpsychologische Begründungszusammenhänge Handlungsmöglichkeiten, auch und gerade für die Soziale Arbeit. Demenz wird damit verstanden als ein Interaktionsprozess, der positiv wie negativ für die Betroffenen beeinflusst werden kann.
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2.3.6 Citizenship-Ansatz
Viele Überlegungen gehen von der Frage aus, was für Menschen mit Demenz getan werden kann. Selten wird darüber nachgedacht, was Menschen mit Demenz uns geben können. Das Citizenship-Modell (Citizenship bedeutet Bürgerschaft) nimmt solch eine eher ungewöhnliche Perspektive ein: Menschen mit Demenz werden hier als Bürgerinnen betrachtet, die ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum leisten und dafür auch die Möglichkeiten erhalten müssen (Marshall & Tibbs 2006, S. 18). Es geht insofern nicht nur darum, dass wir etwas Gutes für die Menschen mit Demenz tun, sondern dass sie die gleichen Rechte beanspruchen wie gesunde Menschen auch (vgl. Menschenrechte S. 32). So haben Menschen das Bedürfnis sich auszudrücken, sich sinnvoll zu betätigen, sich als wertvoll zu erfahren, Anerkennung zu bekommen und in Kontakt und Austausch miteinander zu treten. Demokratische Gesellschaften sind dabei verpflichtet, die Rahmenbedingungen zu gestalten, die ihren Bürgerinnen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ermöglicht. Meist sind Menschen mit Demenz jedoch davon ausgeschlossen. Einen alternativen Ansatz demonstriert das Ausstellungsprojekt „demenz art“. Hier können sich Menschen mit Demenz künstlerisch ausdrücken, werden ihre Bilder in einem Ausstellungsprojekt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und andere können dadurch erfreut werden (vgl. Wißmann 2006).
Ein weiteres Beispiel der Teilhabe von Menschen mit Demenz am gesellschaftlichen Prozess und des Citizenship-Ansatzes: In einem Theaterprojekt in Moers standen Menschen mit Demenz gemeinsam mit Schauspielern auf der Bühne, haben also diese künstlerische Ausdrucksform aktiv mitgestaltet. Auf diese Weise konnte über die künstlerische Sichtweise der Demenz der Dialog gefördert werden (Schröder 2005, mehrkultur 55plus 2007). Künstlerische Ausdrucksformen sind typisch menschliche Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken und mit anderen zu kommunizieren. Gleichzeitig benötigen Menschen dafür keine rationalen, sondern emotional-kreative Fähigkeiten, die Menschen mit Demenz noch zur Verfügung stehen und mit denen sie sich gegenüber normalsinnigen Menschen behaupten können. Hierfür benötigen sie allerdings die entsprechenden Chancen (Rahmenbedingungen, Anregungen, materielle und personale Ressourcen). Aufgabe der Sozialen Arbeit in diesem Zusammenhang ist es, einmal wieder „kata-lysatorische Wirkung“ zu entfalten: Dies bedeutet, nicht die entsprechenden Leistungen selbst zu erbringen, sondern Menschen mit Demenz in angemessener Weise mit Fachleuten (z. B. Kunsttherapeutinnen) so in Verbindung zu bringen, dass sie innerhalb der von der Sozialarbeit mitgestalteten Rahmenbedingungen kreativ-kommunikative Wirksamkeit entfalten können. Es wäre notwendig, auf dieser Basis weitere Möglichkeiten zu entwickeln, damit Menschen mit Demenz ihre Bürgerrechte leben können. Jede der dargestellten Sichtweisen (Medizin, Sozialpsychologie usw.) konzentriert sich auf einen Ausschnitt der Demenz. Sie müssen jedoch nicht als unvereinbare Gegensätze gesehen werden, sondern können als verschiedene Seiten eines Würfels gesehen werden, der zusammengenommen die Demenz ausmacht. Je nachdem, von welcher Seite dieser angeblickt wird, zeigt sich ein bestimmter Ausschnitt. Nur, wenn man sich ihm von verschiedenen Seiten annähert, ergibt sich ein Gesamtbild. Marshall & Tibbs (2006, S. 15) sprechen von einem „Dreieck“, wahrscheinlich gibt es jedoch weitaus mehr Ansatzpunkte.
2.4 Soziale Probleme im Zusammenhang mit Demenz
Die oben aufgeführten Auseinandersetzung mit verschiedenartigen Erklärungsmöglichkeiten - oder besser gesagt: Annäherungen - an das komplexe Geschehen der Demenz geht also über den medizinischen Bereich hinaus. Vielleicht sind gar die sozialen Probleme, die mit der Demenz einhergehen, ein weitaus größeres Problem als das (rein) medizinische Problem. Mit den im Folgenden auszugsweise aufzuzeigenden Problemen zeichnet sich das Handlungsfeld ab, in dem Soziale Arbeit tätig werden könnte. Zunächst soll dazu jedoch in einem Exkurs das Thema „soziale Probleme“ auf allgemeiner Ebene diskutiert werden.
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2.4.1 Exkurs: Gegenstandsdiskussion Sozialer Arbeit und Soziale Probleme Die Gegenstandsdiskussion in der Sozialen Arbeit erscheint fast uferlos. Am we-
nigstens strittig ist wohl die Überlegung, dass es soziale Arbeit auf irgendeine Weise mit den Individuen und der Gesellschaft zu tun hat. Jedoch teilt sie diesen wirklich sehr allgemeinen Gegenstandsbereich mit einigen anderen Professionen (Erziehungswissenschaft, Recht, Pflegewissenschaften) (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 181). In der Soziologie ist ein „soziales Problem“ eine Sammelbezeichnung für eine Menge ungleicher gesellschaftlicher Erscheinungen, „denen immer eine Diskrepanz zwischen sozialen Standards oder Wertvorstellungen und deren Realität bzw. den tatsächlichen Abläufen zugrunde liegt“ (Cloerkes 2001, S. 16).
Die Theorie Sozialer Arbeit von Kaspar Geiser (2007) jedoch erklärt soziale Probleme als Anforderungen, denen Menschen gegenübergestellt sind. Soziale Probleme als Gegenstandsbereich Sozialer Arbeit zu beschreiben wird vielfach wegen der damit verbundenen negativen Zuschreibungen, potentieller Stigmatisierung und dem negativen Bild heftig kritisiert (vgl. Sahle 2004, S. 296 ff.). Dem ist entgegenzuhalten, dass Soziale Arbeit tatsächlich mit Problemen beschäftigt ist - und wenn es auch nur um deren Prävention geht. Mit der Vermeidung, dem Ausweichen vor sozialen Problemen in der Gegenstandsdiskussion werden diese gewiss nicht verhindert. Es erscheint mir als ein hilfreiches Instrument, Soziale Probleme als Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit anzunehmen, um überhaupt zu entscheiden, ob es einen sozialarbeiterischen Handlungsbedarf gibt. Hinzu kommt, dass „soziale Probleme“ zwar problematisch sind, jedoch jeder Mensch sozialen Problemen und Anforderungen gegenübergestellt ist. Die meisten Menschen sind jedoch in der Lage, ihre Probleme überwiegend mithilfe interner oder externer Ressourcen zu bewältigen. Nur wenn diese nicht ausreichen, sind (sozialarbeiterische) Hilfen notwendig (vgl. Geiser 2007). Des Weiteren ist es nützlich, Probleme klar zu benennen, zu begründen und nicht schönzureden, dabei aber trotzdem die Ressourcen einzubeziehen, die zur Bewältigung sozialer Problem beitragen können. Denn andernfalls besteht die Gefahr, dass unklar bleibt, was und warum mit welchem Ziel getan wird.
Es ist schließlich auch Aufgabe sozialer Arbeit, auf Probleme aufmerksam zu machen und sich für Menschen einzusetzen, die nicht in der Lage sind, ihre Bedürfnisse aus eigenen Kräften zu bewältigen. Andernfalls würden gerade jene Menschen, die besonders vulnerabel sind (wie dies z. B. bei Menschen mit Demenz der Fall ist) nicht berücksichtigt werden. Wichtig ist dabei sicherlich, dies reflektiert zu tun und Menschen nicht zu entmündigen, aber ihnen die Unterstützung zu bieten, die sie benötigen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
Was ist jedoch unter „sozialen Problemen“ zu verstehen, die für die Soziale Arbeit relevant sind? Bei der systemischen Sichtweise Staub-Bernasconis (2007) werden Individuen als Teile sozialer Systeme betrachtet. In dieser Beziehung wird weder ein Individuum als Funktionsträger für funktionale Ganzheiten (Gesellschaft) betrachtet (soziozentrischholistisches Paradigma), noch stehen Individuum als Analyseeinheit im Zentrum, denen immer der Vorrang gewährt wird (individualistisches, subjektzentriertes Paradigma). Vielmehr werden Individuen als psychobiologische Systeme gesehen, die Fähigkeiten besitzen und soziokulturelle Gegebenheiten gestalten können (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 169). Diese systemische Sicht erscheint mir deshalb hilfreich, weil dabei sowohl die individuellen Merkmale einer Person, als auch die gesellschaftlichen Einflussfaktoren erklärt und berücksichtigt werden. Auf Demenz bezogen bedeutet dies, dass der Prozess sowohl durch krankheitsbedingte und persönliche (Charakter-)Eigenschaften, als auch durch gesellschaftliche und Interaktionelle Faktoren beeinflusst wird und darüber erklärt werden kann.
„Soziale Probleme“ bezeichnen das Paket an Problemen, das mit den Bedürfnissen von Individuen nach Einbindung in die soziale Umwelt zusammenhängt (Obrecht 2001, S. 14). Wenn ein Individuum, also ein Mensch, vorübergehend oder dauernd nicht in der La-
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ge ist, seine Bedürfnisse und Wünsche aufgrund seiner Einbindung in soziale Systeme in ausreichendem Maße zu befriedigen, dann entstehen soziale Probleme (Staub-Bernasconi 2007, S. 182). D. h., aufgrund unzureichender Einbindung in soziale Systeme, fehlende individuelle Kompetenzen, unzureichende Austauschbeziehungen in Form von Unterstützungsnetzwerken oder mangelnder Macht können die Bedürfnisse eines Individuums nicht befriedigt werden (Staub-Bernasconi 2007, S. 66). In der Regel sind Menschen in der Lage, die meisten ihrer Bedürfnisse aus ihren internen und externen Ressourcen heraus zu befriedigen und Mangelsituationen selbst auszugleichen. Wenn diese Ressourcen fehlen oder diese nicht bekannt sind, um aus eigener Anstrengung die bestehenden Probleme auszugleichen, zu lösen oder zu mildern, ist Soziale Arbeit gefordert (vgl. Geiser 2007, S. 66). Verfügen Menschen im Zusammenhang mit der Demenz also nicht über ausreichende Ressourcen oder haben keinen Zugang zu ihnen, um Bedürfnisspannungen auszugleichen (vgl. Obrecht 2005), ergibt sich sozialarbeiterischer Handlungsbedarf. Manchmal genügt es dann schon, wenn auf die Rechtsansprüche des Klienten hingewiesen wird, wie sie im Sozialgesetzbuch formuliert sind. Staub-Bernasconi (2007, S. 183 ff.) unterscheidet dabei verschiedene Dimensionen, in denen sich soziale Probleme abzeichnen (können). Es kann dabei nicht davon ausgegangen werden, dass die Adressaten als „Experten in eigener Sache“ ihre Probleme selbst als soziale Probleme erkennen und artikulieren können. Dieser Aspekt ist gerade für die Arbeit mit Menschen mit Demenz bedeutsam, die ganz speziell ihre Probleme eher schamvoll verheimlichen und sie teilweise auch nicht artikulieren können bzw. deren Bedürfnisse auch nicht ausreichend von der Umwelt wahrgenommen werden. Nach dem Motto: „Die beschwert sich ja nicht“. Dabei kann auch z. B. das „Umherwandern“, das für Menschen mit Demenz typisch ist und oftmals einfach als „Unruhe“ abgewertet wird, als Möglichkeit erkannt werden, Bedürfnisse auszudrücken (vgl. Marshall & Tibbs 2006, S. 71). Aus ethischer Sicht ist dabei zu fragen, unter welchen Bedingungen von außen bei sozialen Problemen eingegriffen werden kann, zumal es häufig außerhalb des Betreuungsrechts und der Pflegeversicherung keinerlei rechtliche Grundlage gibt. Wer weiß also, was gut für einen Menschen ist?
Beispielhaft sollen hier einige soziale Probleme beleuchtet werden, die bei Menschen mit Demenz besonders häufig vorzufinden sind, vielfach jedoch aus meinen Erfahrungen heraus im Vergleich zu pflegerischen Problemen nur recht wenig Beachtung finden, oder gar nicht als soziale Probleme erkannt werden und als „störendes Verhalten“ medikamentös behandelt werden.
2.4.1.1 Ausstattungs- und Positionsprobleme
Folgende individuelle Ausstattungs- bzw. Positionsprobleme (vgl. Geiser 2007; Staub-Bernasconi 2007) kommen in Frage:
Im Zusammenhang mit Demenz tritt häufig abweichendes, von Außenstehenden als störend beurteiltes Verhalten auf, z. B. die bereits erwähnte Unruhe. Dieses abweichende Verhalten kann jedoch auch als gesellschaftliche verhinderte Entwicklung von Handlungskompetenzen beurteilt werden. Das Bedürfnis nach Fähigkeiten zur Bewältigung von Situationen, nach Kontrolle und Kompetenz ist damit verletzt. Beispiel: Frau Schulz lebte in dem Altenheim, in dem ich ein Praktikum absolvierte. Beim Frühstück und Abendessen war sie nicht in der Lage, ihr Brot selbst zu schmieren. Deshalb bediente sie sich immer bei Herrn Schmitt, ihrem Tischnachbarn, nahm sein Brot, sobald es fertig bestrichen war. Herrn Schmitt schien das an sich nicht zu stören: „Ach, dann mach ich mir eben noch eins. Wir haben ja genug. Soll ja keiner hungern hier“, war seine Reaktion. Damit war die Sache für Beide geklärt. Jedoch griff eine Pflegekraft immer in die Situation ein, um dieses von der Pflegekraft als „unangemessen“ deklarierte Verhalten von Frau Schulz zu unterbinden. Dadurch war Frau Schulz nicht in der Lage, ihre noch vorhandene Kompetenz in dieser Situation zu nutzen. Die Kompetenz von Frau Schulz bestand
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darin, dass sie sich Hilfe holte und dank Herrn Schmitts nachbarschaftlichen Verhaltens zu ihrem Brot hätte kommen können.
Die Erkrankung bzw. Behinderung und besonders deren soziale und psychische Folgen stellen ein soziales Problem dar (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 183). So wird die demenzielle Erkrankung als eine Abweichung von der gesellschaftlichen Norm bewertet, auch wenn kritisch gefragt werden kann, ob die Demenz nicht einfach eine mögliche Le-bensform darstellt (vgl. Klie 2002b, S.66 ff.). Trotzdem wird die Erkrankung eindeutig negativ bewertet. Folglich sind Menschen mit einer Demenz in unserer Gesellschaft eher wenig anerkannt. Das Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit sowie das nach gesellschaftlicher Anerkennung werden nicht erfüllt. Dies scheint ein entscheidender Faktor. Hinzu kommt, dass vielfach auch diejenigen, die mit Menschen mit der Behinderung Demenz arbeiten, beispielsweise Altenpflegekräfte, eher weniger anerkannt werden im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, die mit sozial respektierten Klientel arbeiten. Auch die Erkenntniskompetenzen (Staub-Bernasconi 2007, S. 183) können bei Menschen mit Demenz verhindert sein, denn oft bekommen Menschen mit Demenz keine Informationen darüber, was um sie herum vor sich geht oder auf eine Weise, die nicht ihren Kompetenzen und Einschränkungen gerecht wird.
Beispiel: Frau Schlauer, die im Altenheim lebte, wurde nach einem Sturz ins Krankenhaus gebracht, um dort geröntgt zu werden. Allerdings fuhr aus Mangel an Zeit niemand von den Pflegekräften mit, sondern Frau Schlauer wurde lediglich bei den Fahrern des Krankenwagens „abgegeben“. Zwar wurde ihr gesagt, dass sie ins Krankenhaus gefahren werde, aber auf ihre Fragen und ihre Verunsicherung ging niemand ein. Sie schien nicht zu verstehen, was um sie herum vor sich ging. Mit den kurzen Erklärungen des Krankenwagenfahrers konnte sie nichts anfangen. Sie verstand die Situation nicht und begann zu schimpfen, sich „aggressiv“ zu verhalten und sich bei der Untersuchung so wenig „kooperativ“ zu verhalten, dass die Untersuchung abgebrochen werden musste.
Das Bedürfnis nach Informationen zur Orientierung und dem Verstehen, was um sie herum vor sich ging, war nicht erfüllt. Zudem fehlen Menschen mit Demenz - besonders wenn die Erkrankung weiter fortschreitet - soziale Mitgliedschaften, weil z. B. die Gruppen, zu denen sie bislang gehörten, nicht auf die Erkrankung eingerichtet sind. Beispielsweise fühlen sie sich u. U. nicht mehr in ihrem Freundeskreis zugehörig, denn sie können sich nicht an Gesprächen beteiligen und niemand macht sich die Mühe, ihnen geduldig zuzuhören. Ähnlich ging es Frau Blauer in dem Chor, in dem sie seit Jahrzehnten mitwirkte: Eine Zeit lang konnte sie sich auch mit der Demenzerkrankung bei den Proben und Auftritten beteiligen, las die Texte vom Blatt. Irgendwann jedoch war sie im Chor nicht mehr zu tragen, denn bei neuen Liedern sang sie häufig völlig falsch mit. Somit fehlte ihr diese für sie wichtige soziokulturelle Zughörigkeit, denn sie fühlte sich dem Chor sehr zugehörig. Zudem konnte auch ihr Bedürfnis nach sozialer Mitgliedschaft in dem Bereich nicht mehr befriedigt werden und die Anerkennung, die mit Singen verbunden war, fiel weg.
Insgesamt ist die soziale Zugehörigkeit in Form einer Funktion, verbunden mit Rechten und Pflichten auch im näheren Umfeld und der Gesellschaft nicht gewährleistet. Eine pflegerische (SGB XI) und soziale (SGB XII) Grundversorgung ist zwar in der Regel sichergestellt, soziale Bedürfnisse werden jedoch nicht oder weniger berücksichtigt.
2.4.1.2 Austauschprobleme
Auch hinsichtlich des Austausches (des Nehmens und Gebens) treten bei Menschen mit Demenz verstärkt soziale Probleme auf. Menschen mit Demenz leben z. B. durch Pflege in abhängigen Beziehungen, sind auf andere angewiesen und haben nicht immer das Gefühl, etwas zurückgeben zu können. Sie werden vielleicht von der eigenen Tochter gepflegt, werden aber nicht mehr dafür eingesetzt, die Enkelkinder zur Schule zu bringen oder auf andere Weise für sie zu sorgen. Das Bedürfnis nach Austauschgerech-
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tigkeit ist damit verletzt. Auch im Heimkontext bestehen zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen meist abhängige Beziehungen. Zu fragen ist deshalb, wie Menschen in der Pflege z. B. stärker einbezogen werden könnten, damit ihre verbleibenden Fähigkeiten gezielter genutzt werden können und es zu einem fairen Tausch von Gütern und Ressourcen kommen kann. Denn vielfach erkennen ältere Menschen auch nicht, dass sie für die Pflege Geldleistungen erbringen und somit ein Anrecht auf Pflege haben, sodass die Hilfe nur schwer angenommen werden kann.
Zusätzlich ist ein entscheidendes Problem, dass gemeinsame „Erkenntnis/Empathie-/Reflexionsprozesse“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 184) bei Menschen mit Demenz behindert sein können. Für sie hat z. B. Zukunft keine Bedeutung. Sie leben überwiegend in der Vergangenheit oder schließlich nur noch in der Gegenwart - ohne Vergangenheit (und das entwickelte Vertrauen und Erfahrung) und Zukunft. Die gesunden Menschen in ihrem Umfeld jedoch leben in der Gegenwart, haben eine Vergangenheiten und planen für die Zukunft. Sie beschäftigen sich mit Alltagsproblemen, die für Menschen mit Demenz lediglich in ihren Konsequenzen bedeutsam sind. Insofern ist es schwierig, eine gemeinsame Kommunikationsebene zu finden. Über Biographiearbeit kann Kommunikation und darüber Empathie verwirklicht werden (Bruce 2003, S. 43f.). Über gemeinsames Singen von biographisch bedeutsamen Liedern z. B. können gemeinsame positive Aktivitäten verwirklicht werden. Über die Brücke der Vergangenheit (dies können auch Lieder aus der Vergangenheit sein) wird Kommunikation in der Gegenwart möglich. Auch die Validation (Feil 2005) bietet - bei aller Umstrittenheit des Konzepts - eine Kommunikationsmöglichkeit. Hinzu kommt, dass in unserer Gesellschaft Gefühle eher wenig ernst genommen werden, was auch die Gefahr birgt, die Gefühlsäußerungen von Menschen mit Demenz wenig zu berücksichtigen. Folglich kann das Bedürfnis nach emotionaler wie kognitiver Zuwendung, Liebe, Freundschaft und Sinngebung verletzt sein (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 184).
Bei den beispielhaft aufgeführten Problemen, handelt es sich weniger um pflegerische Probleme und Aufgaben, sondern um soziale Probleme und dahinter stehende soziale Bedürfnisse, die das gesamte Leben der Betroffenen betreffen. So ist eine behinderte Teilhabe weniger ein pflegerisches, denn ein soziales Problem. Insofern ist sind Menschen mit Demenz durchaus eine Zielgruppe Sozialer Arbeit, die durch ihren Generalismus und den Bezug zur gesamten Lebenswelt einen breiteren Blick als andere Berufsgruppen einnimmt und soziale Probleme berücksichtigt.
2.5 Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession
Allgemein beschäftigt sich Soziale Arbeit also mit der Lösung sozialer Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen, die oben beschrieben wurden, und fördert den sozialen Wandel (IFSW 2000, Staub-Bernasconi 2007). Es sollte ihr also auch darum gehen, die soziale Situation von Menschen mit Demenz zu verbessern, damit Betroffene ihr Leben besser gestalten können (vgl. IFSW 2000). Handlungsgrundlage bilden soziale Gerechtigkeit und die Prinzipien der Menschenrechte, die in dieser Arbeitzusammengefasst als Würde - die Leitlinie der Diskussion markieren. Aus dem Respekt und vor der Würde und Gleichheit der Menschen resultieren humanitäre und demokratische Ideale, denen sich Soziale Arbeit verpflichtet fühlt. Dabei konzentriert sich Soziale Arbeit - wie ab Seite 26 weiter ausgeführt - auf die Bedürfnisse und unterstützt im Sinne eines ressourcenorientierten Vorgehens die Stärken von Menschen. (In ihren Bedürfnis-
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sen) verletzte, ausgestoßene Menschen sollen befreit werden, ihre Stärken erkannt und Integration gefördert werden (IFSW 2000). Das bedeutet, dass es Aufgabe Sozialer Arbeit sein muss, verletzte Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu benennen und durchzusetzen, dabei ihre Stärken zu nutzen. Weiterhin zeichnet sich das Ziel ab, zu ihrer Integration beizutragen (IFSW 2000).
Professionelle Soziale Arbeit ist dabei als Zusammenschluss von Praxis und Theorie auf einer Wertebasis zu verstehen, die Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit betont. Diese Werte ergeben sich aus der Achtung vor der Gleichheit und Würde aller Menschen und den Rechten, die daraus folgen (vgl. IFSW 2000; IFSW 2004). Im Zentrum steht damit die Wahrung der körperlichen, psychischen, emotionalen und spirituellen Integrität und das Wohlergehen jeder Person (vgl. IFSW 2004). Daraus resultieren folgende Prinzipien:
Prinzipien Sozialer Arbeit: Die Achtung der Selbstbestimmung 1.)
„Sozialarbeiter/innen sollten das Recht der Menschen achten und fördern, eigene Wahl und Entscheidungen zu treffen, ungeachtet der Werte und Lebensentscheidung, vorausgesetzt, dass dadurch nicht die Rechte und legitimen Interessen eines anderen gefährdet werden“ (IFSW 2004).
Angesichts knapper Ressourcen kann dieses Prinzip zu einem zweischneidigen Schwert werden: Dann z. B., wenn ein Mensch mit Demenz eine wenig gute Lösung „autonom“ wählt, weil die Alternativen ähnlich miserabel wären. Zum Beispiel wird Menschen mit Demenz, die aufgrund ihres beeinträchtigten Essverhaltens Untergewicht bekommen, als „Lösung“ eine Magensonde angeboten. Diese würde sie aber von oralen Erlebnismöglichkeiten weitgehend abkoppeln. Die erfahrene Sozialarbeiterin könnte stattdessen auf die Möglichkeit verweisen, verstärkt Wunschkost oder Fingerfood (vgl. Schwerdt 2004) anzubieten. Würde stattdessen nur die Alternative „Abmagerung / Verhungern“ oder „Magensonde“ angeboten, wäre dies zynisch. Aufgabe Sozialer Arbeit muss es darum sein, die Möglichkeiten der Betroffenen so zu erweitern, dass sie den tatsächlichen Bedürfnissen gerecht wird. Förderung des Rechts auf Beteiligung 2.)
„Sozialarbeiter/innen sollten das volle Einbeziehen und die Teilnahme der Menschen, die ihre Dienste nutzen, fördern, so dass sie gestärkt werden können in allen Aspekten von Entscheidungen und Handlungen, die ihr Leben betreffen“ (IFSW 2004).
Hier geht es also darum, die Teilhabemöglichkeiten von Menschen zu stärken, eine angemessene Beteiligung zu ermöglichen. Das betrifft nicht nur die Beteiligung an Entscheidungen der Hilfe, sondern alle Lebensbereiche. Als Aufgabe Sozialer Arbeit resultiert damit, Bedingungen so zu gestalten, dass zur Beteiligung in gesellschaftlichen Situationen beigetragen wird. Sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen kann für Menschen mit Demenz z. B. heißen, bei einem Theaterstück mitzuwirken, das aufgeführt wird (vgl. Seite 17 f.).
Mit jeder Person ganzheitlich umzugehen 3.)
„Sozialarbeiter/innen sollten sich mit der Person als Ganzes innerhalb der Familie, der Gemeinschaft, sowie der sozialen und natürlichen Umwelt beschäftigen, und sollten darauf bedacht sein, alle Aspekte des Lebens einer Person wahrzunehmen“ (IFSW 2004).
Dieses Prinzip ist eigentlich selbstverständlich und selbsterklärend. Angesichts der Komplexität von Problemlagen und der Dringlichkeit bestimmter Anliegen, müssen jedoch manchmal einzelne Aspekte gesondert behandelt werden. Stärken erkennen und fördern 4.)
„Sozialarbeiter/innen sollten den Schwerpunkt auf die Stärken des Einzelnen, der Gruppen und der Gemeinschaften richten um dadurch ihre Stärkung weiter zu fördern“ (IFSW 2004).
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Anlass dafür, dass Sozialarbeit tätig wird, sind in der Regel Probleme. Für die Lösung dieser Probleme empfiehlt es sich, die Stärken der Personen, Gruppen oder Gemeinschaften zu nutzen und diese weiter auszubauen. Es sollten außerdem nicht allein die Ressourcen der Betroffenen einbezogen werden, sondern auch die des Umfeldes. Zu den Stärken von Menschen mit Demenz im persönlichen Bereich (interne psychische Ressourcen) gehört die Gefühlswelt, die sehr lange erhalten bleibt. Zudem bleibt auch das Langzeitgedächtnis (insbesondere frühe Kindheitserinnerungen) relativ lange erhalten. Automatisierte Abläufe, d. h. einfache motorische Tätigkeiten, die immer ausgeübt wurden, ohne darüber nachdenken zu müssen, können sehr lange ausgeführt werden. - Externe Ressourcen können z. B. günstige familiäre und nachbarschaftliche Bedingungen sein, eine gute Infrastruktur an unterstützenden Einrichtungen, eine gemütliche Wohnung, in der sich die Betroffene sicher fühlt usw.
Damit Soziale Arbeit nicht allein von juristischer Fremdbestimmung lebt, müsste die Leitidee der Menschenwürde und der Menschenrechte mit allen theoretischen, praktischen und empirischen Grundlagen in die Ausbildung und Praxis integriert werden. Zusammen mit einer wissenschaftlichen Ausbildung könne dies zu einer Anerkennung als Profession führen (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 287).
Leitlinie und Handlungsbasis Sozialer Arbeit sind also die Menschenrechte und es geht darum, die Würde der Menschen mit Demenz anzuerkennen und ihnen Würde zu ermöglichen. Bei allen Handlungen dienen die Prinzipien der Menschenrechte und der Menschenwürde (Seite 25 ff.), als Leitplanke. Über vorhandene oder zu erschließende Ressourcen kann zur Verwirklichung von Bedürfnissen beigetragen werden. Soziale Probleme sind Ausgangspunkt für sozialarbeiterisches Handeln. Die Art der Probleme und deren Inhalte bestimmen dann, welche Verfahren angewandt werden, um zu Lösungen zu gelangen. Hierzu können verschiedene Handlungstheorien genutzt werden (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 271 ff.):
- Ressourcenerschließung
- Bewusstseinsbildung
- Modell-, Identitäts- und Kulturveränderung
- Handlungskompetenz-Training und Teilnahmeförderung
- Soziale Vernetzung und Ausgleich von Rechten und Pflichten
- Umgang mit Machtquellen und Machtstrukturen
- Kriterien- oder Öffentlichkeitsarbeit
- Sozialmanagement
Diese Handlungstheorien können und müssen teilweise miteinander kombiniert werden.
2.6 Zwischenbilanz
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Demenzerkrankungen eine häufige Beeinträchtigung von älteren, speziell hochaltrigen Menschen sind. Nach wie vor wird dabei Demenz ausschließlich oder wenigstens überwiegend als medizinisches Problem betrachtet. Neben dem medizinischen Ansatz, der die Demenzerkrankungen weder umfassend erklären kann, noch Heilung für die Demenzerkrankung bietet, wurden (bio)psychosoziale Aspekte vorgestellt und hinsichtlich ihrer Bedeutung diskutiert. Dabei wird von der Medizin immer wieder in Aussicht gestellt, in Zukunft wenigstens einige Formen der Demenz heilen zu können. Allerdings hilft das weder den Menschen, die im Moment an einer Demenz leiden, noch ist zu erwarten, dass bei der Komplexität der Materie alle Formen der Demenz heilbar werden. Das verweist auf die besondere Bedeutung psychosozialer Ansätze im Umgang mit Menschen mit Demenz.
Dabei lässt sich die Bedeutung Sozialer Arbeit in diesem Feld entdecken: Soziale Arbeit ist vor allem für die Bearbeitung sozialer Probleme, die im Zusammenhang mit der Demenz auftreten, zuständig. Sie stellt ein Zusammenspiel von praktischer Tätigkeit und Theorie auf einer gemeinsamen Wertebasis dar.
Menschen mit Demenz werden zahlenmäßig in der Zukunft noch bedeutsamer werden, die Frage aber ist, ob ihnen auch eine größere Bedeutung zugestanden werden wird,
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ob sie mehr Anerkennung erfahren werden und als Teil unserer Gesellschaft anerkannt werden und ob ihre Fähigkeiten zukünftig deutlicher berücksichtigt werden. Ziel sollte es sein, menschenwürdige Lebensperspektiven für Menschen mit Demenz zu entwickeln.
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3 Menschenwürde
Wie kann unter den bestehenden Bedingungen jetzt und in Zukunft ein menschenwürdiges Leben für Menschen mit Demenz gestaltet werden? Damit erwogen werden kann, wie eine menschenwürdige Begleitung und Betreuung realisiert werden kann, soll zunächst überlegt werden, wie der Begriff der Würde greifbar werden könnte. Im Kontext Sozialer Arbeit möchte ich mich dem Begriff so annähern, dass sich daraus Handlungsmöglichkeiten für die Soziale Arbeit ableiten lassen. Aufbauend auf die Bedürfnistheorie von Werner Obrecht und die theoretischen Erkenntnisse von Staub-Bernasconi zu Menschenwürde und Menschenrechten kann erklärt werden, wie Menschenwürde verwirklicht werden kann. Dabei werde ich mich auf die Be-dürfnistheorie von Werner Obrecht (2001, 2005) stützen sowie auf die Forschungen von Silvia Staub-Bernasconi (2006) zurückgreifen. Sie stellen dar, dass Menschen dann ihre Würde erhalten, wenn ihre Bedürfnisse erfüllt sind. Durch die Realisierung der Menschenrechte, d. h. wenn diese verwirklicht werden, wird auch ein Großteil der Bedürfnisse erfüllt. Eine grundlegende Frage bleibt, auf welche Weise diese Bedürfnisse erkannt und Möglichkeiten erschlossen werden, um diese zu verwirklichen. Von dieser recht allgemeinen Ebene aus soll darauf aufbauend speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingegangen werden. Sie haben zwar die gleichen Bedürfnisse wie andere Menschen, bestimmte Bedürfnisse - die gewöhnlich selbstverständlich befriedigt werden - treten nach Kitwood (2005) jedoch besonders deutlich her-vor.
Der Begriff der Menschenwürde ist ein sehr schillernder Begriff, der auf eine lange Kulturgeschichte zurückblicken kann und häufig gerade dann diskutiert wird, wenn Würde nicht selbstverständlich ist. So kann es als Konsequenz der beiden Weltkriege betrachtet werden, dass sich ausgerechnet in ihrer Folge erneut die Frage nach der Würde des Menschen stellte. Die Uno-Menschenrechtserklärung von 1948 betont in ihrer Präambel wie auch in Art. 1 eindeutig die Würde der Menschen (vgl. Office of the High Commissioner for Human Rights 1948) und auch unser Grundgesetz (Art. 1, I) bekennt sich zur Unantastbarkeit der Menschenwürde. Aufgabe des Staates ist es, sie zu achten und zu schützen. Diese gilt selbstverständlich für alle Menschen, also auch für Menschen mit Demenz. Ausgangspunkt für diese Erklärung der Menschenrechte waren die Schrecken der beiden Weltkriege. Damals bedurfte der Begriff offenbar keiner weiteren juristischen Erklärung, denn den Menschen war klar, was dieser Begriff bedeutete (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. S. 272). Wie können wir uns aber heute dem nähern, was Würde für Menschen, insbesondere für solche mit Demenz, bedeutet? Oder ist der Begriff mittlerweile zu einer Worthülse verkommen, angesichts weltweit immer wieder auftretender Missachtung der Menschenwürde?
Staub-Bernasconi (2006, S. 279) nützt gerade die Missachtung der Menschenwürde, um diesen Begriff klarer zu fassen. Sie geht dabei von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Formen der Missachtung der Menschenwürde aus. Sie sind Ausgangspunkt dessen, was nicht sein soll. Hieraus entwickelt sie Menschenwürde als ein Art Gegenkonzept: Mit diesem Gegenkonzept beschreibt sie Menschenwürde als das, was sein soll und berücksichtigt dabei in erster Linie die Bedürfnisse. Diese sind in Menschenrechten (vgl. 32) enthalten und dienen ihrerseits dazu, die Würde zu sichern. Vernichtung, bittere Armut, Diskriminierung, Betrug, psychisches Leiden, Rechtswillkür u. a. Grausamkeiten dürften universell unbestritten sein. Variabel sind lediglich die Formen, Methoden und Strukturen, durch die dieses Leid zugefügt werden kann, wie auch teilweise individuelle Schmerzgrenzen in qualitativer und quantitativer Hinsicht (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 279). Aufschlussreich ist auch die Beobachtung, dass z. B. Gewalt gerade dort besonders auftritt, wo eine beachtliche Unausgewogenheit von Reichtum und Macht gegenwärtig ist (vgl. Kitwood 2005, S. 132). Vielleicht zeigt sich gerade darin, dass
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die meisten Menschen keine Demenz bekommen wollen, dass viele Menschen mit Demenz nur begrenzt unter Bedingungen leben, die als menschenwürdig angesehen werden können. Auch wenn dies sicher nur einen Teilaspekt darstellt, weshalb Menschen nicht an Demenz leiden wollen.
Gerade in zivilisierten Gesellschaften sind Menschenrechtsverletzungen und das damit verbundene Leiden nicht immer offensichtlich. Vielmehr gibt es vielfältige subtile Formen der Herabwürdigung, des Verächtlichmachens von Personen, die häufig in gewöhnliche Interaktionen eingebettet sind (vgl. Kitwood 2005, S. 132). Dieser Gesichtspunkt wird unten noch weiter ausgeführt.
Dabei sollten im Sinne einer systemischen Ethik (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 270 ff.) weder die Werte des Einzelnen noch die der Gesellschaft absolut gesetzt werden, sondern davon ausgegangen werden, dass sich individuelle und soziale Werte gegenseitig bedingen. Dem liegt eine Menschenbild zugrunde, das teils fremd, sozial oder kulturbestimmt ist, teils selbst bestimmt, also autonom ist. Dies erscheint insofern einleuchtend, als dass Menschen z. B. jene, die mit einer Demenz leben, einerseits ihr eigenes Erleben haben, andererseits jedoch auch von ihren biographischen Erfahrungen, die sie innerhalb eines kulturellen Kontextes (z. B. Nachkriegszeit) gelebt haben und von den Menschen im derzeitigen Lebensumfeld beeinflusst werden. Kitwood (2005) geht in ähnlicher Weise von einer Dialektik der Demenz aus: Dass sich nämlich neuropsychologische Veränderungen im Gehirn und sozialpsychologische Faktoren (also Einflussfaktoren im sozialen Umfeld, die er als „maligne, bösartige Sozialpsychologie“ bezeichnet) den Demenzprozess und damit auch die Würde von Menschen mit Demenz (negativ) beeinflussen. Philosophische, soziologische, christliche und juristische Diskurse über die Menschenwürde verdeutlichen die Schwierigkeiten und Differenzen, ein Menschenrechtskonzept zu bestimmen. Dabei lässt sich eine eindeutige und umfassende Definition von Menschenwürde kaum finden (vgl. Suschek 2004, S. 52). Menschenrechte und auch die Menschenwürde sind dabei jedoch vor allem in der westlich-europäischen Kultur und einer christlichen Tradition verankert. Wie lässt sich in einer pluralistischen Gesellschaft dennoch eine allgemein gültige Argumentationsbasis für die Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte begründen? Ausgangspunkt dafür könnte eine wissenschaftliche Be-dürfnistheorie sein, nach der es Zweck und Aufgabe der allgemeinen Menschenrechte ist, die Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen. Menschenwürde als Wert ist dabei als Eigenschaft zu verstehen, die Menschen befähigt, ihren Alltag zu gestalten, ein Selbst- und Gesellschaftsbild, also eine Identität zu entwickeln und ihr gesellschaftliches Umfeld so zu verändern, dass der soziokulturelle Soll-Zustand erreicht wird (Staub-Bernasconi 2006, S. 280 f.). Menschenwürde ist dabei zugleich Wesensmerkmal und Gestaltungsauftrag (vgl. Wetz 2002).
3.1 Bedürfnisse
Bedürfnisse bzw. Bedürfnisspannungen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie von bevorzugten Zuständen, d. h. von einer bestimmten organismischen Größe (Wert) abweichen (Obrecht 2005, S. 40). Ein drohender oder tatsächlicher defizitärer Zustand wird dabei durch Affekte, also emotionale Bewertungen angezeigt, die Verhalten motivieren. Das sichtbare Verhalten kann dabei ganz unterschiedlich ausfallen. In diesem Zusammenhang muss also unterschieden werden zwischen den Bedürfnissen auf der einen Seite und den Maßnahmen zu ihrer Befriedigung und der Priorisierung auf der anderen Seite (vgl. Obrecht 2005, S. 40). Es ist dabei zu unterscheiden zwischen Bedürfnissen, die zwar nicht bewusst sind, jedoch als Spannungszustände erlebt werden einerseits, und andererseits deren Interpretation und Bezeichnung mit Begriffen, die kulturell und biographisch geprägt sind. Bewusste Bedürfnisse werden als Wünsche bezeichnet. Dabei können biologische, biopsychische und biopsychosoziale Bedürfnisse unterschieden werden. (vgl. Obrecht 2001, S. 11). Dadurch, dass Organismen selbstgesteuerte, autopoietische Systeme sind, ergeben sich biologische Bedürfnisse im engeren Sinne. Psychische Bedürfnisse resultieren aus der Tatsache, dass solche Organismen durch
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ein komplexes Nervensystem gesteuert werden und eine angemessene Funktion des Nervensystems von bestimmten sensorischen Grundstimulationen und Informationen abhängt. Weil Menschen selbstwissensfähig sind und ihr Verhalten in ihrer sozialen Umwelt über emotio-kognitive Mechanismen regeln, ergeben sich schließlich soziale Bedürfnisse (vgl. Obrecht 2005, S. 46).
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Bedürfnisse als Abweichungen von Sollwerten des Organismus müssen nicht voll bewusst sein, denn dass diese bewusst werden setzt Begriffe voraus, um die nicht bewussten Bedürfnisse als solche wahrzunehmen. Folglich hängt die bewusste Wahrnehmung von Bedürfnissen davon ab, ob ein geeigneter sprachlicher Code dafür erlernt wurde bzw. vorhanden ist. Auch bei Menschen, die die Fähigkeit besitzen, Bedürfnisse bewusst zu beschreiben, kommt es vor, dass diese nicht bewusst bemerkt werden. Dies kann z. B. daran liegen, dass sie kurzfristig verdrängt werden, weil gerade andere Ziele dominierend sind (z. B. wird bei einer interessanten Aktivität zeitweilig das Hungergefühl vergessen) (vgl. Obrecht 2005, S. 42). Bezogen auf Demenz bedeutet das: Auch wenn Menschen mit Demenz teilweise ein volles Selbstbewusstsein abgesprochen wird, haben sie dennoch diese Bedürfnisse.
Unterschiedlichste empirische Untersuchungen belegen dazu, „dass ein Mensch, der auf Grund der ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen die meisten der mit seinen Bedürfnissen verbundenen Werte realisieren kann, sich in einem Zustand des objektiven und subjektiven Wohlbefindens befindet“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 281). Insofern ist seine Würde gewahrt. Interessant scheint in diesem Zusammenhang auch, dass das Wohlbefinden wiederum positive Wirkungen auf Anstrengungsbereitschaft, Gedächtnis, Leistungen, Urteilsbildungsprozesse (Staub-Bernasconi 2007, S. 281), Leiden und Beschwerdewahrnehmung hat (Waller 2002, S. 15). Dies verdeutlicht: wenn das Wohlbefinden von Menschen mit einer Demenz durch ein geeignetes Umfeld gefördert wird, ist davon auszugehen, dass davon auch Gedächtnisleistungen profitieren: Diese können dann möglicherweise erneut Einfluss auf die Regulierung des Wohlbefindens der Betroffenen nehmen.
Hingegen sind Bedürfnisbeschränkungen immer schmerzlich, führen zu sozialen, psychischen und körperlichen Beeinträchtigungen. Das gilt nicht nur für die Einschränkung von Grundbedürfnissen, zu denen die Bedürfnisse auf Überleben, physischer Unversehrtheit, Schutz vor Kälte, Nässe, Hitze und andere Gesundheitsgefahren zählen. Ebenso gehören zum Menschsein Bedürfnisse nach wahrnehmungsgerechter und kognitiver Stimulation, Abwechslung, affektiven Zielen (Sinn, Hoffnung), emotionaler Zuwendung, sozialer Anerkennung, Austauschgerechtigkeit und einige andere (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 281 f.), die in Abbildung 2 auf Seite 26 zu finden sind. Sinnvoll in diesem Zusammenhang ist auch die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen, die unterschiedliche Elastizität und Sättigungsgrade aufweisen können und Wünschen, die wenigstens in der Fantasie unbegrenzt sein können. Wünsche sind dabei als bewusst gewordene und in Begriffe gekleidete Bedürfnisse. Sie enthalten meist bestimmte Ziele. Wünsche sind also auch von bestimmten äußeren Situationen geprägt, von denen sich ein Mensch die Befriedigung eines Bedürfnisses erhofft. Dies macht Wünsche ökonomisch und sozialpolitisch ausbeutbar (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 282). Ich möchte die Unterscheidung von Wunsch und Bedürfnis anhand eines Beispiels erläutern: Menschen mit Demenz äußern vielfach, dass sie „nach Hause“ wollen. Dies könnte als ein Wunsch verstanden werden, dem jedoch ein Bedürfnis zu Grunde liegen kann. Beispiel: Frau Müller lebt in ihrer eigenen Wohnung und kommt einmal wöchentlich für einen Vormittag zu einem Gruppenangebot für Menschen mit Demenz. Immer dann, wenn während des gemeinsamen Abräumens des Frühstücksgeschirrs, für sie eine Situation entsteht, die durch Aufbruch und Verunsicherung darüber, was nun kommt gekennzeichnet ist, erklärt sie, dass sie nach Hause möchte. Dies ist zunächst einmal ein Wunsch, dem jedoch das Bedürfnis nach orientierungs- und handlungsrelevanter Information (vgl. Seite 26) zugrunde liegen könnte. (Zu Hause verbindet sie vielleicht mit Orientierung, dort findet sie sich zurecht.) Möglich wäre auch, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einem sozialen System, z. B. Familie, ihre Aussage motiviert, weil sie das Abwaschen an ihre Tätigkeit innerhalb der Familie erinnert. Die Zugehörigkeit zu einem sozialen System gibt zu-
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dem Sicherheit. Dies zeigt auch, dass Bedürfnisse in vielfältiger Weise miteinander verknüpft sind.
Weiter ist zu unterscheiden zwischen legitimen und illegitimen Wünschen. Letztere sind solche, die die Bedürfnisbefriedung anderer Menschen beeinträchtigen (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 282).
Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass Menschenwürde für die Soziale Arbeit als „angemessene Befriedigung biologischer, psychischer und sozialkultureller Bedürfnisse“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 282 3 ) definiert werden kann. Wenn sich Menschen in einem „Zustand des objektiven und subjektiven Zustand[s] des Wohlbefindens“ (Staub-Bernasconi a.a.O.) befinden und Abweichungen aus eigenen Vermögen oder durch kollektive Ressourcen und Bemühungen wieder herstellen können oder erhalten können, ohne ihre Ansprüche auf Bedürfnisbefriedigung - also ihre Menschenrechte - preiszugeben, dann ist ihre Menschenwürde verwirklicht (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 282).
Aus bedürfnis- und systemtheoretischer Sicht können weder inhaltliche noch formal-rechtliche Gründe es rechtfertigen, dass entweder Freiheitsrechten oder Sozialwerten der Vorrang gegeben wird. In der Praxis allerdings können individuelle und kollektive Rechte jedoch durchaus in Widerspruch zueinander stehen und in Dilemmata führen, die ein Abwägen und Aushandeln von Kompromissen erforderlich machen (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 282.).
3.2 Bedürfnisse von Menschen mit Demenz nach Kitwood
Nachdem nun die Menschenwürde und Menschenrechte auf bedürfnistheoretischer Basis thematisiert wurden, erscheint es lohnenswert, speziell auf die Bedürfnisse einzugehen, die Menschen mit Demenz haben. Genau genommen geht es dabei darum, mit einem anderen Blickwinkel auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu schauen, um dadurch ein umfassenderes Bild zu erhalten. Dazu möchte ich das Konzept des personzentrierten Ansatzes nach Kitwood (2005, siehe auch Seite 15 ff. dieser Arbeit) heranziehen, bei dem es vor allem darum geht, die Persönlichkeit zu achten, Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und darauf einzugehen und mit ihnen in ihrer Sprache zu kommunizieren (vgl. Morton 2002, S. 12). Es findet also eine Akzentverschiebung von der Menschenwürde allgemein hin zu dem Person-Sein, der Individualität statt. Zwar werden Umweltfaktoren - gerade die Beziehung zu anderen Menschen - berücksichtigt aber es werden eindeutige Schwerpunkte gesetzt, die für Menschen mit Demenz von besonderer Bedeutung zu sein scheinen und die Subjektivität von Menschen in den Mittelpunkt rücken. Dieser Ansatz ist deshalb, auch für die Soziale Arbeit interessant, weil hier Demenz (wie auf den Seiten 15 ff. beschrieben) nicht nur als medizinische Kategorie aufgefasst wird (vgl. Kitwood 2005, S. 107).
Grundlegende Werte dieses Ansatzes sind die Achtung gegenüber Personen (vgl. auch Art. 1 GG), moralische Solidarität und In-Beziehung-Treten (vgl. Kitwood 2005, S. 148; auch Buber 2006).
Wichtiger Ausgangspunkt des person-zentrierten Ansatzes ist die Einzigartigkeit von Personen. Deshalb sind Verallgemeinerungen nur als Richtlinien und Hinweise zu verstehen, die nicht von dem Versuch ablenken dürfen, die jeweilige Person zu verstehen (vgl. Kitwood 2005, S. 108). Denn neben dem Wissen, welche Bedürfnisse Menschen haben und wie diese zur Würde beitragen, erscheint es wichtig, auf die Person mit Demenz individuell einzugehen, und auf diese Weise auch deren Bedürfnis nach Unverwechselbarkeit und sozialer Anerkennung zu erfüllen.
Eine Kooperative von Bedürfnissen, die sich um das Bedürfnis nach Liebe gruppieren, stellt Kitwood als besonders wichtig für den Erhalt des Person-Seins heraus (vgl. Kitwood 2005, S. 121). Diese Gruppe kann der Ebene der biopsychosozialen Bedürfnisse zugeordnet werden. Damit umfasst sie zwar nur einen Teil der menschlichen Bedürfnisse,
3 Kursivschrift durch die Autorin
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und kann somit nicht allein zur Menschenwürde, wohl aber zum Person-Sein beitragen. Bemerkenswert erscheint diese Gewichtung deshalb, weil diese Dimension in der Betreuung von Menschen mit Demenz vernachlässigt wird, indem es dabei tendenziell um die biologischen, allenfalls auch noch die biopsychischen Bedürfnisse geht. Um das eingangs erwähnte Bedürfnis nach Liebe reihen sich die Bedürfnisse nach Trost, primärer Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität. Im Alltag werden diese Bedürfnisse besonders bei Menschen mit Demenz vielfach missachtet. Das zeigt sich auch daran, dass für Menschen mit Demenz primär (ab einem gewissen Grad des Hilfebedarfs) nur der Anspruch auf Pflegeleistungen bewilligt wird (SGB XI). Abgesehen von Rentenleistungen (SGB VI), die allerdings mit der Demenz nichts zu tun haben. Ein Anspruch, der soziale Bedürfnisse berücksichtigt, ist darin jedoch kaum enthalten. Aber auch allgemein werden in der zwischenmenschlichen Interaktion diese Bedürfnisse manchmal missachtet, weil Menschen es verlernt haben, einer Person als Du zu begegnen, zuzuhören, in echte Interaktion zu treten (vgl. Buber 2006). Kitwood (2005, S. 133 ff.) schlägt verschiedene Arten der positiven Interaktion vor, die das Person-Sein stärken sollen. Diese Art der Interaktion richtet sich nach den Bedürfnissen, der Persönlichkeit und den Fähigkeiten der jeweiligen Person und erfordert ein hohes Maß freier Aufmerksamkeit (vgl. Kitwood 2005, S. 140). Solche positiven Interaktionen können hier in Anerkennung, Verhandeln, Zusammenarbeiten, Spielen, Feiern, Entspannung, Validation, Halten, Erleichtern, Geben bestehen. Bei der Anerkennung wird einer Person mit Demenz ihre Einzigartigkeit noch einmal dadurch bestätigt, dass sie mit Namen begrüßt wird oder ein achtsames Zuhören über einen längeren Zeitraum erfolgt. Also eigentlich ganz einfache Handlungen, bei denen sich der Mensch als Person anerkannt fühlen kann. Diese Anerkennung erfolgt niemals ausschließlich verbal, sondern kann sogar vollkommen wortlos erfolgen - z. B. durch direkten Blickkontakt (vgl. Kitwood 2005, S. 134). Hier geht es also nicht nur um die formale Erfüllung von Interaktionsbedürfnissen, sondern um die tatsächliche Anerkennung einer Person. Neben dieser ersten Aufgabe, positive Interaktion zu erzeugen, liegt die zweite Aufgabe darin, zur Fortdauer dieser Interaktion beizutragen, denn bei Menschen mit Demenz ist es recht wahrscheinlich, dass die Interaktion wieder abreißt, da beispielsweise manche Menschen mit Demenz besonders verletzlich sind oder bei schwerer kognitiver Beeinträchtigung einmal gebildete Absichten rasch wieder vergessen werden (vgl. Kitwood 2005, S. 134 f.). Nicht zu vergessen: Auch die betreuenden Personen bringen ihren eigenen Mangel an Interaktionsfähigkeit und andere Probleme in die Situation ein. Diese Betrachtungsweise der Bedürfnisse ist insofern für Soziale Arbeit interessant, als sie sich auf die Interaktion des Einzelnen mit der Umwelt bezieht. In diesem Bereich kann auch Soziale Arbeit als Profession einen Beitrag leisten, denn Sozialarbeitende sind „Spezialistinnen und Spezialisten für die Bearbeitung von sozialen Beziehungen“ (Geiser 2007, S. 151). Die Profession trägt dazu bei, Individuen in soziale Systeme auf eine Weise einzubetten, dass deren Bedürfnisse befriedigt werden können. Diese - von Kitwood (2005) herausgestellten - Bedürfnisse sind sicherlich hilfreich, jedoch sollte Soziale Arbeit nicht auf der sehr individuellen, genau genommen auf Interaktion und Subjektivität konzentrierten Ebene von Bedürfnissen stehen bleiben, sondern auch Bedürfnisse nach Austauschgerechtigkeit berücksichtigen, die bei Kitwood nicht explizit genannt werden. Zudem sind auch Fragen der Macht zu thematisieren.
Menschen mit Demenz sind in verstärktem Maße zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse auf andere Menschen angewiesen. Selten sind sie in der Lage, ihre Bedürfnisse aus sich heraus zu erlangen. Deshalb ist für diese Menschen ganz besonders sozialarbeiterische Intervention gefordert, gerade wenn die Ressourcen im Umfeld nicht zur Befriedigung der Bedürfnisse mit Menschen beitragen.
Es erfordert gutes Einfühlungsvermögen, um die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz wahrzunehmen. Hierfür erscheint das Konzept der person-zentrierten Gesprächsführung nach Rogers (1983) und dessen Grundhaltung förderlich. Er fordert von den Helfenden, drei Prinzipien zu verwirklichen: Echtheit, Wertschätzung und Empa-
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thie. Echtheit meint, unverstellt zu sein und sich nicht hinter einer professionellen Fassade zu verstecken. Darin zeigt sich bereits das zweite Element: die Wertschätzung, der Respekt, die Achtung und die Wärme, die ich dem anderen Menschen entgegenbringe. Und schließlich nicht weniger wichtig: Das Bemühen, zu verstehen, wie ein Mensch seine Welt erlebt (Empathie). Das bedeutet, Anteil nehmend ganz beim Anderen zu sein (Tausch 2000). Dieses fordert den Menschen als Ganzes und ermöglicht dadurch auch Beziehung. Es ist eine, vielleicht die zentrale Aufgabe, Möglichkeiten zu entwickeln, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu erkennen und Wege zu erschließen, diese zu befriedigen.
3.3 Menschenrechte
Bei den Menschenrechten handelt es sich um solche Rechte, die jedem Menschen aufgrund dessen, dass er Mensch ist, zustehen. Ziel der Menschenrechte ist es, die Würde jedes Menschen zu wahren. Folgende Merkmale kennzeichnen die Menschenrechte (vgl. Krennerich 2006/2007): Sie sind
- angeboren und unveräußerlich. Von Geburt an stehen sie jedem Menschen zu und können somit weder erworben noch aberkannt werden.
- egalitär, d. h. sie stehen jedem Menschen gleichermaßen zu, unabhängig der Hautfarbe, des Geschlechts, der Kultur, der politischen Anschauen, der Herkunft oder eines sonstigen Status. Aufgrund des Selbstverständnis lassen sie keinerlei Diskriminierung zu
- unteilbar, d. h. es handelt sich um Rechte, die sich wechselseitig bedingen und eine Einheit bilden, um in ihrer Gesamtheit die Würde des Menschen zu schützen. Politische, bürgerliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte gehören also zusammen.
- Universell: Menschenrechte beanspruchen eine weltweite Gültigkeit. Über kulturelle Eigenheiten und Traditionen hinweg zeigen sie einen Grundbestand an Rechten auf, der für alle Menschen gelten soll.
Menschenrechte lassen sich philosophisch begründen, sind darüber hinaus jedoch auch in Verfassungen als Grundrechte (z. B. im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland) und in Menschenrechtsverträgen verankert (vgl. Krennerich 2006/2007). Wichtigste Instrumente des internationalen Menschenrechtsschutzes sind die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) von 1948, der „Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte“ und der „Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“, beide 1976 in Kraft getreten (vgl. Krennerich 2006/2007). Im deutschen Grundgesetz sind einige bürgerliche und politische Menschenrechte festgehalten. Einige sind als Menschenrechte im engeren Sinne formuliert, d. h. sie gelten für alle, andere sind als Bürgerrechte formuliert, die lediglich deutschen Staatsbürgerinnen garantiert werden (vgl. Krennerich 2006/2007). Mit Ausnahme etwa des Schutzes der Familie und vereinzelt freiheitlicher Auffassungen sozialer Menschenrechte (z. B. Berufsfreiheit) wird im Grundrechtskatalog auf soziale Menschenrechte verzichtet (vgl. Krennerich 2006/2007).
In der Regel werden drei Generationen von Menschenrechten unterschieden. Möglicherweise wäre der Begriff der „Dimension“ jedoch angemessener, damit deutlich wird, dass alle drei zusammengehören (vgl. Krennerich 2006/2007). In der ersten Generation werden klassische bürgerliche und politische Freiheits-und Beteiligungsrechte ausformuliert. Diese sind überwiegend in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert. Darin enthalten ist z. B. ein allgemeines Diskriminierungsverbot und grundlegende Schutzrechte (wie das Recht auf Leben, das Verbot der Folter und unmenschlicher Strafe usw.), die als elementar für den Schutz der Menschenwürde anzusehen sind. Außerdem umfasst die erste Generation der Menschenrechte bürgerliche Freiheits- und politische Beteiligungsrechte (persönliche Freiheit und Sicherheit, Versammlungsfreiheit usw.) sowie
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justizbezogene Rechte (wie die Gleichheit vor dem Gesetz, faires Verfahren usw.) (vgl. Krennerich 2006/2007).
Die Rechte der zweiten Generation entstanden seit dem 19. Jahrhundert in der Folge der industriellen Revolution und beinhalten wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (wsk-Rechte oder soziale Menschenrechte). Ausformuliert sind diese vor allem im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der UN (VN-Sozialpakt). Dieser umfasst u. a. das Recht auf Arbeit und soziale Sicherheit, auf Wohnen, Wasser, Gesundheit und Bildung. Lange Zeit wurden diese Rechte eher als politische Zielvorgaben und nicht als „echte“ Menschenrechte betrachtet. Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts jedoch gelten sie als einklagbar (im Sinne materieller Justiziabilität). Auf nationaler Ebene gibt es jedoch kaum rechtliche Durchsetzungsmechanismen, um die wsk-Menschenrechte (im Sinne prozessualer Justiziabilität) einzufordern. In der dritten, jüngsten Generation der Menschenrechte werden eher allgemeinabstrakte, übergeordnete Rechte wie z. B. das Recht auf saubere Umwelt, Frieden oder auf Entwicklung genannt. Bislang sind solche Rechte kaum gesetzlich kodifiziert. Sie sind lediglich in rechtlich nicht bindenden UN-Deklarationen festgehalten. In einer systemischen Ethik, bei der weder den individuellen (Freiheits-)Rechten noch den sozialen Rechten der Vorrang gegeben wird, weil sich diese gegenseitig bedingen (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 270 f.) wird für eine wissenschaftlich begründete Be-dürfnistheorie als Begründungsbasis plädiert. Demnach wird der Zweck der Menschenrechte darin gesehen, dass sie darauf zielen, die Bedürfnisse von Menschen zu gewährleisten (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 280 f.). Für Menschen mit Demenz als besonders wichtig erachte ich:
- den Schutz der Würde (Art 1, I GG)
- das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, (Art 2, I GG)
- das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2, II GG)
- das Diskriminierungsverbot, Benachteiligungsverbot von Menschen mit Behinderung (Art 3, III GG)
Die Würde kann als übergeordnetes Ziel betrachtet werden, das dann erreicht ist, wenn die Bedürfnisse befriedigt sind, bzw. aus den eigenen Ressourcen ein Bedürfnisgleichgewicht hergestellt werden kann.
Entfaltungsmöglichkeiten sind für Menschen mit Demenz deshalb bedeutsam, weil oft die Gefahr besteht, dass Menschen eingeschränkt werden, sich auszudrücken und ihre Bedürfnisse auszuleben, mit der Begründung, dass ihre Sicherheit gefährdet sei, wenn sie nicht in ihrer Bewegung eingeschränkt werden. Gewiss kann es im Einzelfall notwendig sein, Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Diese sollen jedoch nicht generell über das Bedürfnis gestellt werden, sich auszudrücken und die eigene Persönlichkeit zu zeigen.
Selbstverständlich sollte für Menschen mit Demenz das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gelten. Dieser Punkt spricht die auch die immer wieder auftretende (körperliche) Gewalt in der Pflege an. Zu diskutieren und im Einzelfall zu präzisieren ist zudem, was körperliche Unversehrtheit bedeutet. Beim grundgesetzlichen Verbot der Benachteiligung von Menschen mit Behinderung ist zu überlegen, auf Welche Weise Benachteiligung verhindert werden kann und welche Bedingungen hergestellt werden, damit ein gleichberechtigtes Leben für Menschen mit Demenz möglich ist.
3.4 Zwischenbilanz
Zusammenfassend kann als Arbeitshypothese festgehalten werden, dass die Menschenwürde bei Menschen mit Demenz dann gewahrt ist, wenn die Bedürfnisse der Menschen befriedigt sind und/oder sie in der Lage sind, diese aus den vorhandenen Ressourcen wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Kitwood (2005) hat einige Leitlinien entworfen, wie durch „positive Arbeit an der Person“ (Kitwood 2005, S. 133) psychologische Bedürfnisse berücksichtigt werden können. Es wäre für die Zukunft erforderlich, ein
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Werkzeug zu entwickeln, wie Bedürfnisse von Menschen mit Demenz beobachtet und beachtet werden können. Das Dementia Care Mapping (DCM) bietet eine Beobachtungsmethode für die Pflege, bei der über das Wohlbefinden die die Pflegequalität gemessen werden soll. Die Theorie des Dementia Care Mappings beruht auf Kitwoods personzentriertem Ansatz (vgl. Müller-Hergl 2004).
Die Lebensqualität von Menschen mit Demenz wurde an der Heidelberger Universität umfangreich erforscht und ein Instrument zur Erfassung der Lebensqualität Demenzkranker entwickelt (H.I.L.D.E) (Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg 2006). Allerdings stehen dabei nicht so sehr Bedürfnisse im Vordergrund, sondern vielmehr verschiedenen Dimensionen objektiv messbarer Lebensqualität. Damit entstand immerhin ein wichtiger Baustein für die Entwicklung eines Instrumentariums für die Wahrnehmung von Bedürfnissen und damit zur Wahrung der Menschenwürde von Menschen mit Demenz.
3.5 Konflikt-Lösungsansatz
Vielfach sind Sozialarbeiterinnen mit Konflikten konfrontiert, bei denen verschiedene Bedürfnisse (vgl. Seiten 25 ff. und 32 f.) gegeneinander abgewogen werden müssen. Marshall & Tibbs (2006, S. 83 ff.) schlagen deshalb einen Konflikt-Lösungs-Ansatz vor, z. B. durch Verhandlung oder Mediation. Je nach dem gesetzlichen Auftrag, dem professionellen Verständnis und den Interessen der Betroffenen kann die Position von Sozialarbeiterinnen ganz unterschiedlich ausfallen. Beispielsweise wäre eine Sozialarbeiterin, die als rechtliche Betreuerin (nach §§ 1896 ff. BGB) eingesetzt ist, an dem Willen und dem Wohl der Betreuten (§ 1901 BGB) orientiert. Aber auch da kann es zu Konflikten kommen: Das Risiko der Eigengefährdung z. B. durch Sturz steht möglicherweise in Konflikt mit dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit der Betroffenen. Aber Bedürfnisse der Betroffenen können auch im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Pflegenden stehen. Eine konfliktreiche Frage im Umgang mit Gruppen könnte auch lauten: wann sind die Bedürfnisse des Einzelnen und wann die der Gruppe vorrangig? Wie kann ein Kompromiss ausgehandelt werden? (vgl. Marshall & Tibbs 2006, S. 83 ff.). Für solche Konflikte oder gar Dilemmata gibt es niemals allgemein gültige Entscheidungen, sondern sie sind im Einzelfall auszuhandeln und möglichst mit allen Beteiligten abzustimmen. Sinnvoll wäre es, an dieser Stelle weiterzudenken und Handlungsleitlinien zu entwerfen, um mit solchen Situationen umzugehen. Ein demokratischer Diskurs (Staub-Bernasconi 2006, S. 270) ist an dieser Stelle angebracht, bis sich auf diesem Weg ein Konsens einstellt oder ein Kompromiss geschlossen wird. Ein geeigneter Rahmen dafür müsste noch entwickelt werden. Eine Möglichkeit bilden klinische Ethik-Komitees (vgl. Marckmann 2007, S. 134 ff.), die jedoch vor allem für stationäre Einrichtungen vorgesehen sind. Die Thematik Sozialer Arbeit als Konfliktmanagement wäre es wert, an anderer Stelle weiter konzipiert zu werden. An dieser Stelle würde die Diskussion allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Menschen mit Demenz können zu der Gruppe der so genannten „vulnerable individuals“ gezählt werden, die vielfach an den gesellschaftlichen Realitäten leiden (vgl. Staub-Bernasconi 2006, S. 283 f., Kitwood 2005) und deren Würde immer wieder bedroht ist. In der öffentlichen Diskussion zum Thema Demenz treffen wir auf viele pauschale Vorurteile, die bisweilen Menschen mit Demenz einen „Lebenswert“ absprechen. Aufgabe Sozialer Arbeit ist es, die gesellschaftlich häufig anzutreffende Entwürdigung von Menschen mit Demenz (vgl. Kitwood 2005, S. 25) öffentlich zu kritisieren und auf Probleme hinzuweisen. Dabei liegt eine Kombination der Stigmata „psychische Erkrankung“ und „Alter“ vor (vgl. Bruce 2004, S. 124 f.). Dies macht die Brisanz der anzutreffenden Konflikte besonders deutlich.
3.5.1 Exkurs: Anerkennung und Identität
Anerkennung ist ein menschliches Grundbedürfnis und leistet einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung der eigenen Identität - die bei einem Menschen mit Demenz großen Veränderungen unterworfen ist. Wenn ich noch einmal auf die These zurückgreife (vgl.
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Seite 33 u. A.), dass die Würde dann gewahrt ist, wenn Bedürfnisse befriedigt sind, so trägt Anerkennungserfahrung zur Würde bei.
Ein weiterer Gesichtspunkt, der an dieser Stelle hinzugefügt werden kann, ist der der Identität. Denn infolge einer Demenz kann sich auch die gesamte Persönlichkeit verändern. Besonders gravierend ist der Verlust des Wissens über das eigene Selbst, die Erinnerung an die eigene Lebensgeschichte und die eigenen Fähigkeiten und die dadurch bedingte Auflösung der eigenen Identität (vgl. Opitz 1998, S. 92). Demenzkranken geht zudem häufig die Fähigkeit zur Hoffnung und zur Steuerung der eigenen Befindlichkeit verloren, da ihnen beruhigende Erinnerungen und gute Erfahrungen verloren gehen. Dies führt nicht selten dazu, dass Menschen mit Demenz unruhig, aggressiv, misstrauisch, vorwurfsvoll oder lustlos-mürrisch reagieren (vgl. Opitz 1998, S. 93). Durch Gespräche und Aktivitäten, die an die Lebensgeschichte erinnern, kann diese Identität gestärkt werden. Durch Rückbesinnung auf die Leistungen eines Lebens kann die Selbstachtung auch in Zeiten der Pflegebedürftigkeit gestärkt werden (vgl. Trilling et al. 2001, S. 49). Wo Worte ihre Bedeutung verloren haben, kann mit Gerüchen und Liedern gearbeitet werden.
Was aber ist nun unter Anerkennung zu verstehen und wie trägt diese zur Identitätsbildung bei? Während früher gesellschaftliche Kategorien wie Klasse, Milieu, Status maßgeblich für die Identitätsbildung waren und über diese Gruppierungen relativ selbstverständlich Anerkennung erfuhren, gilt dies für die heutige Identitätsbildung nicht mehr. Vielmehr muss die Anerkennung im Austausch gewonnen werden (vgl. Keupp et al. 2006, S.252). Das bedeutet für die Zielgruppe der Menschen mit demenziellen Erkrankungen, dass für den Erhalt - oder besser gesagt: die Gestaltung - der Identität Interaktion und darin enthaltene Anerkennung notwendig sind. Zwar wird gesagt, die Identität löse sich bei Menschen mit Demenz auf, und müsse durch das Umfeld durch Biographiearbeit u. ä. wieder gestärkt werden. Das ist sicherlich ein wichtiger Faktor, weil durch Rückgriff auf die biographischen Erfahrungen Vertrautheit geschaffen werden kann und damit ein Gefühl der Sicherheit. Anerkennung kann jedoch aus meiner Sicht auch bedeuten, die Veränderung, der ein Mensch mit Demenz unterworfen ist, anzuerkennen; möglicherweise sogar wertzuschätzen, dass sich dieser Mensch verändert hat, eine veränderte Identität angenommen hat. So haben mir pflegende Töchter gelegentlich berichtet, dass sich ihre Beziehung zu dem kranken Elternteil verbessert habe, weil in der Demenz Eigenschaften aufgetaucht seien, die früher vermisst wurden: Da wird z. B. der als herrisch erlebte Vater plötzlich weich und anschmiegsam. Oder eine auf aktives Versorgen anderer fixierte Mutter kann nun Hilfe und Unterstützung mit Genuss und Dankbarkeit annehmen. Dies sind allerdings Prozesse, die Zeit und gelegentlich Unterstützung brauchen. Es gilt also, beides zu berücksichtigen.
Nun stellt sich die Frage, in welchen Formen und in welchem Rahmen Anerkennung realisiert werden kann. Keupp et al. (2006, S. 254) beziehen sich bei der Erklärung, wo Anerkennung stattfindet, auf Honneth, der die Anerkennung in Primärbeziehungen (Freundschaft, Liebe), in Rechtsverhältnissen (Rechte) und in einer Wertegemeinschaft (Solidarität) unterscheidet. Diese drei Bereiche sollten also berücksichtigt werden, wenn es darum geht, sozialarbeiterisch Möglichkeiten zu erschließen, um Anerkennung zu bewirken.
Abwertung:
Menschen mit Demenz zu begleiten und mit ihnen umzugehen, ist eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe. Es scheint allerdings so zu sein, dass vielfach auch diejenigen, die mit demenzkranken Menschen zu tun haben, der Gefahr unterliegen, ebenfalls stigmatisiert zu werden. Manches, was zum Thema Anerkennung und Identität bei Menschen mit Demenz gesagt wurde, hat Gültigkeit für die Helfenden. Es müsste also nicht nur darum gehen, Menschen mit Demenz deutlicher anzuerkennen und ihnen u. a. dadurch Würde zu verleihen, sondern auch darum, diejenigen, die direkt mit ihnen zu tun haben und diese pflegen und begleiten (also Angehörige, Pflege-
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kräfte, vereinzelt Sozialarbeiterinnen) anzuerkennen. Dies ist eine äußerst anspruchsvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit, die es gilt zu wertschätzen.
3.6 Exkurs: Lebensqualität
Für viele Menschen erscheint es erstrebenswert, ein langes Leben zu haben. Zugleich betonen sie auch den Wunsch nach einer hohen Lebensqualität. Es erweckt dabei den Eindruck, dass die Frage der Lebensqualität ausgerechnet dann, wenn sie beispielsweise durch Beeinträchtigungen bedroht ist oder gar der Prozess des Alterns selbst als Schmälerung der Lebensqualität erlebt wird (vgl. BFSFJ 2002, S. 71). In der wissenschaftlichen Diskussion lassen sich zwei Konzeptualisierungen von Lebensqualität unterscheiden: objektive Merkmale und subjektive Bewertung der Lebensqualität, die in integrativen Ansätzen miteinander in Beziehung gesetzt werden (vgl. BFSFJ 2002, S. 71 ff.).
Beim Ansatz objektiver Lebensbedingungen wird von aktiven und kreativen Individuen ausgegangen. Das Ausmaß, in dem ein Mensch über mobilisierbare Ressourcen verfügt, mit dem er seine Lebensbedingungen beeinflussen kann, dient dabei als Basis der Lebensqualität. Demnach ist Lebensqualität die Fülle der zur Verfügung stehenden Ressourcen, die zur Erreichung der Ziele und Bedürfnisse eines Individuums relevant sind. Dazu gehören z. B. Einkommen, Gesundheit, mentale Fähigkeiten, körperliche Leistungsfähigkeit, soziale Netzwerke, Infrastruktur des Wohnumfeldes. (vgl. BFSFJ 2002, S. 71). Dieser objektive Ansatz vernachlässigt allerdings, dass die von außen festgestellte Situation unter Umständen durch jedes Individuum ganz unterschiedlich erlebt werden kann. Denn die Beurteilung dessen, was Lebensqualität ausmacht, setzt immer ein Werturteil voraus. Einige Bewertungen können jedoch individuell verschieden sein. Das legt nahe, die subjektive Bewertung der eigenen Lebensumstände als Grundlage für die Einschätzung der Lebensqualität zu verwenden (vgl. BFSFJ 2002, S. 71 f.). Aber auch dieser Ansatz erscheint einseitig, wenn er losgelöst von der Lebenslage betrachtet wird (vgl. BFSFJ 2002, S. 73).
Hilfreich ist in diesem Zusammenhang ein integrativer Ansatz, bei dem beispielsweise zwischen dem Input als Merkmale der Lebenslage und dem Output, den Resultaten, dem subjektiven Wohlbefinden unterschieden werden. Objektive und subjektive Lebensqualität sind keine alternativen Vorstellungen, sondern beide Aspekte der Lebensqualität sind zu beachten, wenn die gesamte Lebenssituation erfasst werden soll (vgl. BFSFJ 2002, S. 73).
3.6.1 Zusammenhänge zwischen Lebensbedingungen und subjektiven Wohlbefinden
Es wird in der Regel nicht von einem alleinigen Einfluss der Lebensbedingungen auf das subjektive Wohlbefinden ausgegangen, sondern es wird angenommen, dass dazwischentretende Einflüsse einen Zusammenhang zwischen Input- und Outputvariablen schaffen. So konnte z. B. anhand des objektiven Gesundheitsstatus gezeigt werden, dass dieser die subjektive Auslegung der eigenen Gesundheit beeinflusst und diese wiederum auf die Lebenszufriedenheit einwirkt. Objektive Lebensbedingungen konnten in der Regel nicht das subjektive Wohlbefinden vorhersagen. Ausschließlich Wohnbedingungen und Geschlecht konnten einen direkten Einfluss auf das globale subjektive Wohlergehen voraussagen: So äußerten Frauen eine geringere Lebenszufriedenheit als Männer, Heimbewohnerinnen gaben ein geringeres Wohlbefinden an als Personen, die in der eigenen Wohnung lebten (vgl. BFSFJ 2002, S. 74). Der Aspekt, dass Menschen, die in der eigenen Wohnung leben, zufriedener sind als diejenigen, die im Heim leben, kann so ausgelegt werden, dass es Ziel sein sollte, Menschen möglichst lange in der eigenen Wohnung leben zu lassen. Es kann aber genauso gut sein, dass Menschen, die im Heim leben, stärker eingeschränkt sind, mehr auf Hilfe angewiesen sind und sich deswegen weniger wohl fühlen. Oder sie erleben sich als weniger kompetent, fühlen sich deshalb weniger zufrie-
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den. Festgehalten werden kann zunächst lediglich das Bestehen einer Korrelation, ohne daraus auf Kausalität schließen zu können.
3.6.2 Bedürfnisse, Ziele und Wohlbefinden
Innerhalb bedürfnistheoretischer Überlegungen zur Lebensqualität wird Lebensqualität danach bemessen, inwieweit Bedürfnisse oder Lebensziele befriedigt sind. Diese Herangehensweise räumt die interindividuelle Gewichtung einzelner Bedürfnisse und Ziele ein. Diesem Konzept zufolge wird Wohlbefinden als Erreichung unterschiedlicher Ziele und Bedürfnisse betrachtet (vgl. BFSFJ 2002, S. 74 f.).
Ereignisse sind dabei nicht primär positiv oder negativ, sondern es hängt davon ab, welcher Wert einem Lebensereignis beigemessen wird, was deutlich von der motivationalen Struktur der einzelnen Person abhängt. Veränderungen in Bereichen, denen keine große Bedeutung angerechnet wird, haben demnach wenig Einfluss auf die Lebenszufriedenheit. Erfolg oder Misserfolg in Lebensbereichen hingegen, die als zentral eingeschätzt werden, um individuelle Ziele zu erreichen haben einen erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden. Ähnlich verhält es sich mit Ressourcen: Nicht alle zur Verfügung stehenden Ressourcen sind gleich notwendig für die von einer Person verfolgten Ziele. Folglich konnte auch gezeigt werden, dass Ressourcen, die als belangvoll für die eigenen Bedürfnisse eingeschätzt wurden, einen größeren Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden haben. Wenn also die Werte, Motive und Ziele einer Person berücksichtigt werden, kann eher eingeschätzt werden, welchen Einfluss die äußeren Bedingungen auf das subjektive Wohlergehen haben (vgl. BFSFJ 2002, S. 74). Um die Lebensbedingungen also so zu beeinflussen, dass sie sich positiv auf das Wohlbefinden eines Menschen mit Demenz auswirken, ist deshalb zu fragen, was für den einzelnen Menschen wichtig ist.
3.6.3 Gesellschaftliche Aspekte der Lebensqualität
Die bisherigen Überlegen bezogen sich allein auf das Individuum. Zu ermitteln wäre jedoch auch die gesellschaftliche Dimension der Lebensqualität, inwieweit Gesellschaften es ihren Mitgliedern - hier speziell Menschen mit Demenz - ermöglichen, objektive und subjektive Lebensqualität zu erlangen. Ein Aspekt wäre z. B. die Möglichkeit sozialer Inklusion. Diesem Gedanken liegt die Idee zugrunde, dass Gesellschaften darauf zielen sollten, ihre Mitglieder in soziale Netze zu integrieren. Darum wird in dieser Arbeit auch der Netzwerkgedanke diskutiert werden (siehe Seite 51 ff.). Diese Überlegungen sind vornehmlich bei der Bewertung sozialpolitischer Maßnahmen wichtig. Kriterien sollten entwickelt werden, mit denen individuelle Lebensqualität ermöglicht oder wenigstens wahrscheinlicher wird (vgl. BFSFJ 2002, S. 74 f.).
3.6.4 Lebensqualität und Demenz
In jüngerer Zeit mehren sich Arbeiten, die sich mit der Lebensqualität von Menschen mit Demenz auseinandersetzen. Es stellt sich dabei heraus, dass besonders der „Sinn für Ästhetik“ (Freude an Stimulation durch Musik, Farben, Beobachtungen) und die Fähigkeit zur Interaktion und Kommunikation besonders wichtig sind für die Lebensqualität von Menschen mit Demenz. Sinnvoll ist es auf jeden Fall auch, die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität zu erfassen. Fraglich ist allerdings, wie die subjektive Lebensqualität dann erfasst werden kann, wenn Menschen mit Demenz nicht mehr fähig sind, ihre eigene Befindlichkeit so auszudrücken, dass andere dies verstehen können (vgl. BFSFJ 2002, S. 78). Das im HILDE-Projekt (Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität Demenzkranker) erstellte Instrument zur Erfassung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz legt einen Schwerpunkt auf die Beobachtung der Emotionen (vgl. Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg 2006). Hier kommt der Beobachtung der Mimik und daraus zu erschließenden Emotionen ein viel versprechendes Gewicht zu. Der Ausdruck positiver Emotionen kann einen Anhaltspunkt für eine gute Lebensqualität bieten (vgl. BFSFJ 2002, S. 78).
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Eine solche lediglich auf positive Gefühle eingeengte Sicht der Lebensqualität scheint nur einen (wenn auch wichtigen) Aspekt der Lebensqualität zu erfassen. Entscheidender könnte es sein, dass Menschen mit Demenz Beziehungen zu Anderen pflegen und diese nutzen können (vgl. BFSFJ 2002, S. 79). Damit bietet sich ein klarer Ansatzpunkt, um die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu verbessern. Diese Überlegungen stimmen zudem mit den Empfehlungen Kitwoods (2005) überein, der dafür plädiert, die Interaktion zum Erhalt des Person-Seins zu verbessern.
Lebensqualität von Menschen mit Demenz
Ist das Leben mit Demenz allein Leiden, oder stellt es lediglich eine andere, lebenswerte Form menschlichen Lebens dar? Dies lässt sich wohl nicht einfach mit ja oder nein beantworten, sondern ist abhängig von den Bedingungen - letztlich ähnlich wie auch bei gesunden Menschen.
Wenn das Leben mit Demenz von außen nur noch als ein „dahinvegetierender Körper“ erscheint - so greift es der vierte Altenbericht der Bundesregierung (vgl. BFSFJ 2002, S. 178) auf - liegt es nahe, die Pflege als leidvolle Verlängerung des Lebens zu sehen und die Gesellschaft wird in diesem Fall wenig gewillt sein, in neue Betreuungsmöglichkeiten zu investieren.
Logisch betrachtet allerdings sind Menschen ja auch abhängig von den äußeren Rahmenbedingungen, den Umweltfaktoren, von denen sie beeinflusst und möglicherweise auch beeinträchtigt werden. Die im vorherigen Absatz dargestellte Situation kann also auch damit zusammenhängen, dass eben Leiden dadurch entsteht, dass keine Sorge für das Leben getragen wird. Vermutlich trifft beides zu.
Besonders negativ fällt die Beurteilung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz dann aus, wenn diese mit denselben Maßstäben erfasst wird, wie in gesunden Zeiten bzw. mit den Normen gesunder Hochaltriger verglichen wird. Die Demenz verändert jedoch Wahrnehmung, Erleben, Verhalten, Sprache usw., sodass hier eine spezifische Erfassung der Lebensqualität als erforderlich angesehen wird. Der Bericht der Bundesregierung von 2002 (S. 178) empfiehlt deshalb, neben der subjektiven Lebensqualität objektive Kriterien und Verhaltensbeobachtungen verstärkt zu berücksichtigen. Gerade bei schwererer Erkrankung müssen Verhalten, Reaktionen und affektive Äußerungen der Menschen mit Demenz beobachtet und die Angaben der Betreuenden genutzt werden. Die Ergebnisse werden allerdings durch eigene Emotionen, Wahrnehmung und Erfahrungen der Beobachter geprägt und lassen folglich großen Raum für Missbrauch und Missinterpretation. Besonders schwer lassen sich Bereiche wie Selbstwahrnehmung, Zufriedenheit mit dem aktuellen Zustand u. Ä. objektiv messen (vgl. BFSFJ 2002, S. 178). Angehörige, die sich belastet, vielleicht gar überlastet fühlen, mögen die Lebensqualität pflegebedürftigen Menschen vielleicht negativ beurteilen.
Würde und Lebensqualität
Würde ist etwas, das zum Menschen dazu gehört, Teil des Menschen ist, aber auch ein Wert, der ihm zugeschrieben wird. Sie kann in engem Zusammenhang mit menschlichen Bedürfnissen erklärt werden. Die Würde gebührt einem jeden Menschen und ist auch grundgesetzlich geschützt. Menschen wird über die Würde ein Wert beigemessen. Die Würde ist unantastbar (GG Art. 1), d. h. sie darf nicht in Frage gestellt werden. Gerade dann, wenn sie gefährdet scheint, muss genau bedacht werden, was sie ausmacht. Ein bedeutender Faktor dabei sind die Bedürfnisse und dabei ganz besonders die Anerkennung durch andere. Beziehung spielt also auch hier wieder eine wesentliche Rolle.
Lebensqualität dagegen erscheint eher eine Art wirtschaftliches Kriterium. Hat das Leben noch eine Qualität, oder ist es nicht mehr lebenswert? könnte hier gefragt werden. Lebensqualität ist nicht etwas, das selbstverständlich als zum Menschen dazugehörig gedacht wird. Bei der Erklärung beider Begriffe werden allerdings teilweise ähnliche Erklärungen herangezogen, z. B. Bedürfnisse (siehe Seite 26).
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3.7 Menschenwürdige Lebensperspektiven für Menschen mit Demenz
In den letzten Jahren wurden vielfältige Konzepte entworfen, um Menschen mit Demenz eine angemessene Versorgung zu bieten. Inzwischen gibt es z. B. eine Vielzahl von Wohngemeinschaften und andere Modellprojekte (vgl. Klie 2002a). Von solchen Projekten, die relativ teuer sind bzw. bei denen das Engagement der Angehörigen gefordert ist, profitieren allerdings vor allem jene Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Position (sie haben Geld und Angehörige, die sich um sie kümmern) ohnehin privilegiert sind. Wie aber kann eine Begleitung stattfinden, die einer möglichst großen Gruppe von Menschen zugute kommt?
Sicherlich bietet sich hier ein Ansatz an, der über die direkt betroffenen Menschen mit einer Demenz hinausgeht: nämlich Konzepte, die bürgerschaftliche Aktivitäten mit einbeziehen. Wenn hier z. B. Menschen ohne Erwerbsarbeit einbezogen werden, kann ein solches Projekt Integration beider Seiten leisten: Es ermöglicht bessere Einbeziehung von Menschen mit Demenz durch bürgerschaftliches Engagement. Und es bietet eine sinnstiftende Aufgabe für Arbeitslose, die hier ein befriedigendes Arbeitsfeld erleben dürften. Damit würden z. B. sowohl arbeitslose Menschen als auch Menschen mit Demenz wieder „Bedeutung für Andere“ (Dörner 2007, S. 29) erlangen und sich das Gesundheitsrisiko beider Gruppen mindern. Insofern ist ein solcher bürgerschaftlicher Ansatz (vgl. Seite 59 ff.) von gesamtgesellschaftlichem Interesse. D. h. natürlich nicht zwangsläufig, dass nun alle Menschen, die arbeitslos sind, zukünftig mit Menschen mit Demenz arbeiten müssen. Aber es ist davon auszugehen, dass eine gewisse Anzahl arbeitsloser Menschen hier Anerkennung erlangen könnte.
Beachtet werden sollte dabei immer auch - und daran wird vordergründig nur selten gedacht - dass sich Menschen mit Demenz, genauso wie alle anderen, einbringen wollen und Anerkennung brauchen (vgl. S. 17 dieser Arbeit).
3.8 Aufgaben im Zusammenhang mit der Umsetzung
Aufgrund der künftig zu erwartenden größeren Zahl älterer Menschen werden auch die mit dem Alter einhergehenden psychischen Erkrankungen absolut gesehen zunehmen. Und je älter Menschen werden, desto größer ist auch das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Insofern können Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im Alter immer weniger als Ausnahmen angesehen werden, für die professionelle Lösungen angeboten werden, sondern dies betrifft alle (Keupp 2006b, S. 4). Dabei wird es keine einfache Ant-wort darauf geben, wie und wo jemand wohnen und leben wird, sodass die Lösungen weitestgehend mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmen (vgl. Keupp 2006b, S. 6). Um die Vorstellungen der betroffenen Menschen deutlicher zu berücksichtigen, ist es erforderlich, die Anbieterdominanz zu überwinden und von den Bedürfnissen der Menschen und den sich hieraus ergebenden Notwendigkeiten auszugehen (Keupp 2006b, S. 9). Ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Faktor für die psychische Gesundheitauch angesichts der Demenz - scheint ein „verlässliches Netz sozialer Beziehungen“ (Keupp 2006a) zu sein, das in alltäglichen Situationen unsere Handlungsfähigkeit sichert, auf das wir jedoch auch in Krisensituationen zurückgreifen können (Keupp 2006a). Und auch für Menschen mit Demenz sollte das Normalisierungsprinzip in dem Sinne gelten, dass auch für Menschen mit Demenz menschliche Grundbedürfnisse wie das nach einer eigenen Wohnung, nach materieller Absicherung und nach sozialen Kontakten und Interaktion gelten. Die Hilfsangebote sollten anhand dieses Prinzips gedacht und entwickelt werden (vgl. Keupp 2006a). Ich sehe darüber hinaus aber auch die Bedürfnisse nach Teilhabe usw. als genauso wichtig an. Es sollte also nicht willkürlich eine Auswahl an Bedürfnissen getroffen werden, die wichtig sein könnten, sondern einerseits vom einzelnen Menschen her gedacht werden, andererseits auch wissenschaftliche Erkenntnisse über Bedürfnisse (vgl. Seite 26) hinzugezogen werden. Die professionelle Unterstützung muss an den Bürgerinnen und auf das Gemeinwesen bezogen aufgebaut werden. Sie sollte also vorhandene informelle Hilfesysteme un-
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terstützen, statt sie zu ersetzen. Deshalb sollte die gesamte Arbeit im Gesundheitswesen darauf zielen, soziale Netzwerke (siehe Seite 51 ff.) zu fördern (vgl. Keupp 2006a). Zudem sollten Hilfen im psychosozialen Bereich immer von der Lebenswelt, dem Alltag der Betroffenen her angegangen werden. Deshalb sollte immer danach gefragt werden, wie Menschen auch in besondern Problemsituationen in ihren vertrauten Lebenszusammenhängen verbleiben können. Besonders für ältere Menschen und ganz besonders für Menschen mit Demenz, die sich ohnehin eher schwer in einer neuen Umgebung zurechtfinden, ist dies besonders bedeutungsvoll. Trotz hochtechnisierter Hilfe - oder gerade deswegen - können stationäre Spezialeinrichtungen nicht die Vertrautheit des eigenen Zuhauses als gesundheitsfördernden Faktor ersetzen. Es müssen also immer zuerst alle ambulanten Hilfsmöglichkeiten ausgeschöpft werden (Keupp 2006a). Man könnte sogar soweit gehen, alles daran zu setzen, Möglichkeiten zu schaffen, die es allen Menschen ermöglichen, in ihrer gewohnten Umgebung alt zu werden (vgl. Dörner 2007), dem Sprichwort zufolge „einen alten Baum verpflanzt man nicht“.
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4 Sozialraum - ein vielschichtiger Begriff
Der Sozialraum wurde in der Tradition Sozialer Arbeit immer wieder thematisiert und kann insofern auf eine lange Geschichte zurückblicken. Heute hat der Begriff des Sozialraums geradezu Konjunktur: Sowohl in sozialpolitischen Debatten, im sozialwissenschaftlichen Diskurs, als auch in der Sozialen Arbeit ist in den vergangenen Jahren vielfach die Rede vom Sozialraum. Vor allem in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren wurde der Sozialraumgedanke wieder verstärkt in den Blickpunkt Sozialer Arbeit gerückt - vor allem in der Jugendhilfe. So arbeitet z. B. der ASD (Allgemeiner Sozialdienst) in der Regel Quartiersbezogen, Hilfen zur Erziehung werden im sozialen Zuständigkeitsbereich erbracht usw. (vgl. Hinte 2001, S. 234 ff.).
Meist - oder wenigstens sehr häufig - wird allerdings offen gelassen, welches Verständnis von „Sozialraum“ oder „Raum“ überhaupt der Diskussion oder Arbeit zugrunde liegt. Denn Sozialraum ist keineswegs ein eindeutig definierter, vielleicht auch gar kein klar definierbarer Begriff. Darum ist es an dieser Stelle interessant, zunächst zu beleuchten, welche Überlegungen es zur Sozialraumdebatte gibt und welches Verständnis ich dieser Arbeit zugrunde legen will. In diesem Zusammenhang ist auch die historische Entwicklung insofern aufschlussreich, als dadurch zum einen unser Raumverständnis geprägt wurde. Zum anderen Räume in der Regel auch eine historisch geprägte Komponente besitzen (vgl. Kessl & Reutlinger 2007, S. 26).
Bei diesem Kapitel bin ich mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass es eine große Zahl von Betrachtungen des Sozialraums gibt, die allein mehr als eine Diplomarbeit füllen könnten. So viel der Begriff des Sozialraums auch verwendet wird, so unklar scheint er dabei häufig. Oft wird der Begriff vorausgesetzt, ohne dass erklärt wird, was sich hinter dem Gedanken des Sozialraums verbirgt (Kessl et al 2007, S. 28 f.). Tatsächlich ist der Begriff keineswegs so klar, sondern es gibt durchaus unterschiedliche Konzepte zur Erklärung des Sozialraums (Reutlinger 2006, S. 23 ff.). Deshalb betrachte ich lediglich einen kleinen Ausschnitt der Auseinandersetzungen mit dem Sozialraum, der für diese Arbeit relevant erscheint. Einen ausführlichen Überblick über die Sozialraumdiskussion in den unterschiedlichen Wissenschaften bietet z. B. das von Kessl et al. (2005) herausgegebene „Handbuch Sozialraum“.
4.1 Physikalischer Raumbegriff als Erklärung für unser heutiges Raumverständnis auch in der Sozialen Arbeit
Lange Zeit spielte der Raum als grundlegende Dimension menschlichen Lebens in sozialwissenschaftlichen Erörterungen eher eine untergeordnete Rolle und auch in der pädagogischen Diskussion wurden Räume häufig lediglich als Vorbedingung pädagogischen Vorgehens beurteilt (vgl. Kessl & Reutlinger 2007, S. 7). Möglicherweise waren die Naturwissenschaften - speziell die Physik - den Sozialwissenschaften etwas voraus. Lange Zeit wurde auch in der Physik von einem absoluten Raum ausgegangen, der ohne Beziehung zu etwas außerhalb seiner selbst existiert und gleich und unbeweglich bleibt (Isaac Newton 1643 - 1727). Auch durch die Ergänzung Newtons zum „relativen Raum“, bleibt das Verständnis von Raum das eines Behälters, der zwar mit verschiedenen Elementen befüllt werden kann, doch auch als leerer Raum weiter vorhanden ist. Dieses Bild des Raums erklärt möglicherweise die nach wie vor gegenwärtige Vorstellung eines starren, unbeweglichen Raumes mit beliebigen Möglichkeiten der „Einrichtung“ (vgl. Löw 2006, S. 9 ff.). Jedoch stellt bereits Gottfried Wilhelm Leibniz die Vorstellung eines absoluten Raumes in Frage. Er hielt den Raum für etwas Relatives, das sich durch das Zusammenspiel, die Anordnung verschiedener Teile zueinander ergibt (vgl. Löw 2006, S. 11).
Um 1830 zeigt dann der Mathematiker Carl Friedrich Gauß (zeitgleich mit zwei weiteren Mathematikern, aber unabhängig von ihnen), dass auch eine nichteuklidische Geo-
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metrie möglich ist. D. h., dass es nicht die einzig logische Geometrie geben kann. Dies veränderte auch die Einstellung zum Raum: Die Vorstellung vom Raum als einem Prinzip, das vor jeder Erfahrung liegt, erschien nicht mehr zutreffend (vgl. Löw 2007, S. 12). Wenig später bewies Albert Einstein (1879 - 1955), dass auch die Geometrie des Universums nicht euklidisch ist. Mit der Relativitätstheorie veränderte sich das physikalische Raumbild ganz entscheidend. Dieses neue Verständnis von Räumlichkeit ist dadurch geprägt, dass die Verhältnisse, die den Raum bilden, in ständiger Bewegung sind. Raum ist auch abhängig von der Zeit sowie dem Bezugssystem der Beobachtenden (vgl. Kahan 1997, S. 61 ff.; Löw 2006, S. 12). Wichtig ist, dass sich einige der von Einstein angeführten Argumentationsketten der Intuition zunächst verschließen (vgl. Kahan 1997, S. 131). Dies könnte z. B. auch erklären, weshalb sich absolute Raumvorstellungen vielfach so hartnäckig behaupten.
Ausschlaggebend für die folgenden Überlegungen ist, dass durch diese neuen physikalischen Erkenntnisse das Bild, das wir vom Raum haben, revolutioniert wurde (vgl. Löw 2006).
4.2 Sozialraumbegriff und der Nutzen für Menschen mit Demenz
Lange Zeit wurde auch hier von einem absoluten Raumbegriff ausgegangen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass ein Raum erst durch die beteiligten Körper zu einem Raum wird (Kessl et al. 2007, S. 21).
Während der Begriff des Raums umgangssprachlich eher für physikalischmaterielle Objekte, d. h. konkrete Orte oder Plätze (z. B. der Lister Platz in Hannover) verwendet wird, bezieht sich die Vorstellung des Sozialraums auf den gesellschaftlichen Raum und den menschlichen Handlungsraum (vgl. Kessl et al. 2007, S. 23). Somit schließt der Begriff den von handelnden Subjekten gestaltete Raum ebenso mit ein wie den verdinglichten Raum/Ort.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Sozialraum z. B. von Menschen mit Demenz, nicht identisch ist mit dem administrativ erfassten Wohnbezirk, dem Quartier oder Stadtteil, denn der Konstruktionsprozess von Räumen würde dabei schlicht ignoriert (Kessl et al. 2007).
Sozialraum benennt sich also nicht zuerst den physisch-materiellen Raum. Das Interesse innerhalb einer Sozialraumperspektive gilt vielmehr dem menschlich aufgebauten Raum der Beziehungen und Interaktionen sowie der sozialen Verhältnisse. Die Vorsilbe „sozial“ bezieht sich also auf die sozialen Zusammenhänge im räumlichen Kontext. Somit kann mit Sozialraum „der gesellschaftliche Raum und der menschliche Handlungsraum bezeichnet [werden], das heißt der von handelnden Akteuren (Subjekten) konstituierte Raum und nicht nur der verdinglichte Ort (Objekte)“ (Kessl & Reutlinger 2007, S. 23). Ein lediglich territorial ausgerichtetes Raumverständnis, das ein bestimmtes Quartier als Sozialraum definiert, scheint allerdings in der Praxis leichter brauchbar. Denn wie soll sozialräumlich gearbeitet werden nach dem Prinzip der Gemeinwesenarbeit z. B., wenn kein gemeinsamer Sozialraum gefunden wird, für den es eine administrative Zuständigkeit gibt?
Raum wird aber erst dann real, wenn die verschiedenen Körper zusammenspielen und die Bestimmung des Raums hängt damit auch von der eingenommenen Perspektive des Betrachters ab (vgl. Kessl & Reutlinger 2007, S. 20 f.). Ein sozialarbeiterisches Verständnis im Rahmen von Stadtentwicklungsprogrammen, in dem einfach davon ausgegangen wird, dass der für bestimmte Bevölkerungsgruppen relevante Raum mit dem administrativ zusammengefassten Bezirk (z. B. Stadtteil) zusammenfällt, ignoriert den Prozess, in dem Räume konstruiert werden. Der Heterogenität sozialer Zusammenhänge kann es nicht gerecht werden (vgl. Kessl & Reutlinger 2007, S. 23).
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4.2.1 Relationaler Sozialraumbegriff
Der gesellschaftlichen Realität wird am ehesten ein relationaler Sozialraumbegriff gerecht. Denn darin wird berücksichtigt, dass Räume von Menschen durch ihre Handlungen und Interaktionsprozesse geschaffen werden, sie jedoch gleichzeitig auch selbst Be-standteil dieser Prozesse sind. Konstruktivistische und materialistische Dimensionen des Sozialraums lassen sich also nicht voneinander trennen, sondern gehören zusammen, bedingen sich gegenseitig (Kessl et al. 2007, S. 25 ff.). Sozialraum entsteht also aus dem Wechselspiel von „symbolischer Wirkung materialisierter Raumordnungen und deren permanente (Re)Konstruktion“ (Kessl. et al. 2007, S. 27). Folglich ist es vom jeweiligen Kontext abhängig, was Raum bedeutet. Problemtisch dabei ist, dass er durch diese umfassende und wechselseitige Sicht auch schwerer zu erfassen ist und komplizierter erscheint.
Beim relationaler Raumbegriff wird also die Vorstellung berücksichtigt, dass Räume das Ergebnis sozialer Prozesse und gleichzeitig deren Bestandteil sind. Allerdings sind die Möglichkeiten von Menschen, diese Konstruktionsprozesse zu beeinflussen, sehr unterschiedlich. Damit die vorherrschende Ordnung von Raum nicht übersehen wird, die den Konstruktionsprozess beeinflussen, sind auch immer die manifestierten Raumordnungen, die sich z. B. historisch entwickelt haben, zu berücksichtigen. Materialistische Raumtheorien setzen deshalb bei den bereits bestehenden räumlichen Ordnungen an und untersuchen vor allem deren Einfluss auf die sozialen Zusammenhänge. Als von grundlegender Bedeutung kann die ökonomische Ausstattung angesehen werden. Soziale Arbeit, die sich materialistischen Raumvorstellungen verschreibt, würde also vor allem solche Ausstattungsfragen beachten (vgl. Kessl & Reutlinger 2007, S. 26). Für die Praxis ist es wichtig, sich die jeweilige Auffassung von Sozialraum zu verdeutlichen und reflexiv damit umzugehen, um sicherzustellen, dass diese Vorstellung brauchbar ist und Handlungsmöglichkeiten erlaubt. Eine Definition bringt immer eine Einschränkung mit sich, die notwendig ist, um handlungsfähig zu sein und nicht aufgrund der Vielfalt zu lähmen. Wenn beispielsweise ein Stadtteil als sozialer Brennpunkt deklariert wird, bietet das Möglichkeiten, tätig zu werden. Es birgt jedoch auch die Gefahr, diesen Stadtteil derart einzuengen oder gar zu stigmatisieren, sodass folglich niemand mehr gerne dorthin ziehen möchte.
4.2.2 Perspektive der Betroffenen
Ein anderes Verständnis von Sozialraum geht von der Perspektive der Betroffenen aus, die den (ihren) Sozialraum schaffen und auf diesen einwirken. Dabei spielt es eine Rolle, welche biographischen Aufgaben sie zu bewältigen haben und welche Bedeutung dem materiellen Raum und der sozialen Welt zugeschrieben wird. Insofern ist es unmöglich, soziale Räume einfach von außen einzurichten, sondern sie entstehen durch Prozesse in sozialräumlichen Dimensionen. Insofern ist das Adjektiv „sozialräumlich“ vielleicht sinnvoller als das Substantiv Sozialraum (vgl. Reutlinger 2006, S. 29). Diese Sichtweise geht von Menschen als handelnden Subjekten aus, die ihre eigenen Sozialräume konstruieren. Aufgrund struktureller Faktoren (z. B. Entfernungen) und subjektiver Faktoren (z. B. Geschlecht, Alter) können diese Sozialräume sehr unterschiedlich gestaltet sein (vgl. Reutlinger 2006, S. 30).
Wenn nun die Sozialraumkonstitution von den jeweils Betroffenen aus gedacht wird, so leuchtet es ein, dass ein Mensch mit Demenz nicht unbedingt das als sozialen Raum ansieht, was ein junger Mensch als seinen Sozialraum betrachtet (vgl. Reutlinger 2006, S. 38). Zudem werden wohl auch nicht alle Menschen mit einer Demenz - selbst wenn sie im selben Stadtteil leben - unbedingt in dem gleichen Sozialraum leben. Die administrativen, von Planern festgelegten Einteilungen von Sozialräumen stimmen selten mit dem Sozialraum ihrer Bewohnerinnen überein. Diese Aufteilung erschwert es, Angebote auf bestimmte Zielgruppen zuzuschneiden, besonders deshalb, weil sich diese Lebenswelten selbst immer wieder verändern (vgl. Santen & Seckinger 2005, S. 50).
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Fraglich bleibt schließlich, ob die unmittelbare räumliche Umgebung für die Lebenswelt vieler Adressatinnen tatsächlich noch maßgeblich ist. Für die Kommunikation via Internet oder Mobiltelefon spielt der physikalische Ort, an dem sich jemand befindet, nur noch eine untergeordnete Rolle. Auch der Freundeskreis vieler Menschen setzt sich nicht ausschließlich aus Menschen der unmittelbaren Nachbarschaft zusammen (Santen & Seckinger 2005, S. 51).
Zusätzlich bewegen sich die meisten Menschen in unterschiedlichen Sozialräumen. So ist beispielsweise der Sozialraum, in dem eine Person die Einkäufe erledigt, häufig ein anderer als der, indem sich der Freundeskreis befindet. So können innerhalb eines physischen Raums, der gleichzeitig auch ein Sozialraum sein kann, selten alle für die Lebenswelt einer Person bedeutsamen Faktoren angetroffen werden. (vgl. Santen & Seckinger 2005, S. 51). Hier spricht man von „Verinselung“ der Sozialräume.
4.2.3 Sozialraum von Menschen mit Demenz
Ich will nun versuchen diese abstrakte Raumkonstruktion auf Menschen mit Demenz zu übertragen. Auch sie leben und handeln natürlich immer innerhalb eines Sozialraumes. Dieser ist einerseits geprägt durch den materiellen Raum (Wohnung, Stadtteil, Zugangsmöglichkeiten), der sich wiederum historisch und kulturell entwickelt hat und andererseits durch den sozialen Interaktionsraum, nämlich die Beziehungen, in denen sie leben.
Insofern ist der Sozialraum auch hier kein starres Gebilde, sondern vielmehr ein veränderbarer Zustand, der immer wieder neu gestaltet wird. Verändert sich eine Komponente, kann Frau Müller z. B. nicht mehr alleine die Treppe steigen, verändert sich damit ihr materielles wie auch ihr soziales Umfeld. Wenn sich keiner um sie kümmert, sie nur noch den Tag alleine zu Hause verbringt, verringert sich auch der Raum, in dem soziale Kontakte stattfinden. Es könnte jedoch sein, dass sich ihre Kontakte dann nicht unbedingt verringern, wenn sie weiterhin viel Besuch bekommt. Die eher materielle Veränderung (nicht mehr Treppen steigen zu können) kann also ganz unterschiedlich gestaltet werden. Mehr als Gesunde sind Menschen mit Demenz dabei jedoch auf die Unterstützung anderer angewiesen.
Überlegenswert erscheint es mir, ob sich der Sozialraum bei älteren Menschen, insbesondere mit Demenz nicht in der Regel verkleinert, ihr Handlungsspielraum abnimmt und ob damit die Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse zu befriedigen nicht stets geringer werden. Untersucht ist, dass sich der Bewegungsradius von älteren Menschen verringert, sie sich nicht mehr so weite Strecken von ihrer Wohnung fortbewegen. Zusätzlich zu anderen Einschränkungen sind diese Menschen daher darauf angewiesen, ihre Bedürfnisse innerhalb dieses enger werdenden Radius befriedigen zu können. Somit sind ältere Menschen wieder viel stärker auf das direkte Umfeld angewiesen (vgl. Schumann o. J., S. 5). Es kann daher gefragt werden, ob sich der Sozialraum älterer Menschen, insbesondere jener mit einer demenziellen Veränderung, wieder deutlicher auf das unmittelbare Umfeld, die Nachbarschaft bezieht. Denn durch körperliche und geistige Einschränkungen kommt es vermutlich auch zu einem eingeschränkten Bewegungsradius. Sowohl hinsichtlich des physischen Raums, als auch mit Blick auf den bzw. die Beziehungsräume. Ist der Sozialraum im Sinne von Beziehungen, innerhalb der sich ein Mensch mit Demenz bewegt, noch relativ groß und sind viele Kontakte vorhanden, so ist möglicherweise auch der materielle Raum größer, denn es sind andere da, die diesen Menschen z. B. zu einer Veranstaltung mitnehmen.
Allerdings nehmen auch die Beziehungen im Alter, speziell im hohen Alter generell ab, denn immer mehr Verwandte und Freunde sterben oder sind selbst nicht mehr so mobil. Mit einer Demenz ist es dann auch schwieriger, mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, weil die Kommunikationsmöglichkeiten erschwert sind. Dies hat zur Folge, dass weniger Ressourcen zur Verfügung stehen, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen.
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4.2.4 Exkurs: Zuhause von Menschen mit Demenz Gedanken zur Hingehörigkeit von Menschen mit Demenz
Ich möchte an dieser Stelle kurz auf die Bedeutung des „Zuhause-Gefühls“ von Menschen mit Demenz eingehen. Denn vielfach, gerade im Pflegeheim, äußern Menschen mit Demenz den Wunsch, „nach Hause“ zu wollen. Es geht dabei darum, welcher Sozialraum und unter welchen Bedingungen ein Gefühl von Vertrautheit für Menschen mit Demenz geschaffen werden kann.
Menschen mit Demenz fühlen sich häufig fremd in unserer Welt und es ist für beide Seiten - Menschen mit Demenz und gesunde Menschen in der Umgebung - schwer, eine gemeinsame Empathie-Ebene zu finden (vgl. Soziale Probleme S. 17 f.). Für Menschen mit Demenz ist es kompliziert, sich in der Welt zurechtzufinden, die wir als Realität bezeichnen (wobei diese ja auch immer nur subjektiv wahrgenommen wird). Umgekehrt stellt es auch für „gesunde“ Menschen eine Herausforderung dar, sich auf die Welt eines Menschen mit Demenz einzulassen.
Nun kann gefragt werden, wie und unter welchen Bedingungen sich Menschen mit einem Ort verbunden fühlen. Ist Heimat überhaupt ortsgebunden? Ist ein Heimatgefühl überhaupt abhängig von einem bestimmten Ort? Oder hängt es davon ab, ob durch Beziehungen Vertrautheit hergestellt wird? Oder von beidem? Durch Biographiearbeit z. B. kann ein Gefühl von Vertrautheit geschaffen werden (Trilling et al. 2001). Denn vielleicht ist es richtig, was der deutsche Philosoph und Psychiater Karl Jaspers formuliert „Heimat ist da, wo ich verstanden werde und verstehe“. Menschen mit Demenz können eventuell nicht mehr eigenständig entscheiden, wo sie sich aufhalten möchten. Sei es, weil sie tatsächlich mit einer Entscheidung überfordert und damit von anderen abhängig sind, sei es, weil von außen erkannt wird, dass sie sich nicht mehr versorgen können.
4.2.5 Das Sozialraumverständnis, das Grundlage für diese Arbeit ist Im Kontext dieser Arbeit will ich Folgendes unter Sozialraum verstehen: Beziehungen brauchen Räume. Daher sind Sozialräume aber nicht zwangsläufig
fest einem physikalischen Ort zugeordnet. Wichtiger ist der Raum, in dem Beziehungen und Interaktion stattfinden und zwar vor allem, wenn er für diese genutzt wird. Dabei spielen physisch-materielle Räume eine Rolle, wie die Wohnung, von der aus Telefonate geführt werden, wo Besuch empfangen wird. Aber auch Plätze, der Stadtteil und öffentliche Einrichtungen wie z. B. eine Schule können als Sozialraum verstanden werden, wenn dort Interaktion der Betroffenen stattfindet. Es sind also mit Sozialraum auch gesellschaftliche Orte gemeint. Ebenso können symbolische und virtuelle Räume als Sozialraum gedacht werden: Ein symbolischer Raum könnten z. B. die Erinnerungen an die Vergangenheit sein, über die kommuniziert werden kann. Ausgangspunkt ist jedoch ein konkreter physischer Raum, in dem sich der Mensch, der sich erinnert, befindet. Im Rahmen meiner Projektpraxis habe ich z. B. in einem Raum einer Altenbegegnungs- und Beratungsstelle über den symbolischen Raum der Erinnerung der Teilnehmerinnen einer Gruppe (Erinnerungspflege) einen Raum für Beziehungen geschaffen.
Das Internet als virtueller Raum, der nicht ortsgebunden ist, dient genauso als Raum, über den Kommunikation stattfindet. Die Menschen, die das Internet benutzen, können sich dabei an ganz unterschiedlichen Räumen aufhalten. Diese Überlegungen verdeutlichen, dass sich Menschen in unterschiedlichen Sozialräumen bewegen und diese in der Regel verschiedene, teilweise auch überschneidende Funktionen erfüllen. Genauso wie die Menschen mit denen sie interagieren in den verschiedenen Sozialräumen unterschiedlich, aber auch identisch sein können. Dies wird vielfach mit dem Begriff der „Verinselung“ (vgl. Seite 44) von Sozialräumen umschrieben (Reutlinger 2006, S. 30).
Folglich müsste zunächst analysiert werden, welche sozialräumlichen Einflüsse auf einen einzelnen Menschen einwirken, in welchen Sozialräumen er sich bewegt und welche
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Wirkungen dies hat und wie der Sozialraum so gestaltet und aufgebaut werden kann, dass er den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird.
Die Definition von Lüttringhaus halte ich als Arbeitsdefinition für sehr brauchbar, weil sie deutlich einprägsamer ist als lange Erklärungen (2001b, S. 10): „Soziale Räume sind Orte, (…) wo wir Beziehungen bzw. Kontakte zu anderen haben“ 4 . Obgleich diese Definition als sehr gegenständlich aufgefasst werden kann, sind doch die Komponenten von Ort und Beziehungen in ihr enthalten, auch wenn keinerlei Aussage darüber getroffen wird, wie diese zustande kommen, außer, dass sie durch den Aktionsradius der Menschen geprägt sind.
4.2.6 Sozialraum als Ressource
Es gibt auch Konzepte, in denen der Sozialraum als Ressource verstanden wird (vgl. Hopmann 2006, S. 127 f.). Bei diesem Schwerpunkt wird lediglich ein Aspekt des Sozialraums herausgegriffen, ohne den Sozialraum vorher als Ganzes zu erfassen. Vielleicht ist dies jedoch auch gar nicht notwendig. Der Sozialraum wird in solchen Konzepten vor allem als Ressource für bürgerschaftliches Engagement betrachtet. Da könnte z. B. die ältere Dame sein, die Nachhilfeunterricht gibt oder die Frau mit Demenz, die im Kindergarten noch vorlesen kann. Professionelle Unterstützung ist in der Regel notwendig, um diese Personen miteinander in Verbindung zu bringen. Dies funktioniert jedoch nur in relativ überschaubaren Sozialräumen mit einer begrenzten Personenzahl von 200 - 3000 Einwohnerinnen. Dies erfordert planerische Strategien und fallübergreifende Bedarfslagen sind zu ermitteln. Zu analysieren wäre dabei unter anderem, welche Ressourcen sich aktivieren lassen. Die Ressource des bürgerschaftlichen Engagements wird ab Seite 59 genauer beleuchtet werden.
Deutlich wurde an den bisherigen Ausführungen, dass es kein einheitliches Verständnis des Sozialraumbegriffs gibt, dieser jedoch manchmal verwendet wird, ohne klar anzugeben, was darunter verstanden wird. Für die weitere Erörterung ist ausschlaggebend, dass durch diese Blickrichtung die Sicht psychosozialer Arbeit, speziell der Sozialen Arbeit erweitert werden kann. Es wird also die räumliche Komponente von Beziehungen, sozialen Problemen und deren Lösung bedacht.
4.3 Sozialräumliche Handlungsansätze und Arbeitsprinzipien für die Arbeit mit Menschen mit Demenz
Können Sozialräume auch von außen geschaffen werden? Bei der sozialraumorientierten Vernetzung beispielsweise werden Aktionen und Maßnahmen verschiedener Akteure vor Ort institutions- und ressortübergreifend aufeinander abgestimmt mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der Bewohnerinnen zu verbessern. Dadurch entstehen neue Sozialräume, wo zuvor keine waren und zusätzliche Ressourcen können freigelegt werden (vgl. Reutlinger 2006, S. 38 f.). In diesem Zusammenhang könnte man sich beispielsweise vorstellen, dass bei einem sozialräumlichen Vorgehen nicht allein die Pflege und vor allem die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz im Vordergrund stehen, sondern diese mit den Bedürfnissen anderer Bewohner im Stadtteil abgestimmt und vernetzt werden. So könnte das Bedürfnis nach einer Aufgabe auch anderen Menschen zukommen. Eine immer sehr musikalische Frau mit einer demenziellen Erkrankung könnte z. B. bei einer Veranstaltung beim Singen den Ton angeben oder Zuschauer mit einem Solostück erfreuen und hätte somit eine Aufgabe, von der auch andere profitieren.
4.3.1 Gemeinwesenarbeit
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Gemeinwesenarbeit und Sozialraum: Bei der „Gemeinwesenarbeit geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen in Sozialen Räumen im Sinne der dort lebenden Menschen“ (Lüttringhaus 2001c, S. 263). Es ist also ein sozialräumliches Arbeitsprinzip, bei dem die klassischen Bereiche Sozialer
4 Hervorhebung durch die Autorin
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Arbeit (Arbeit mit Einzelnen, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit) integriert werden. Dies erfordert einerseits die Tätigkeit vor Ort, also im Stadtteil, dort wo die Menschen leben, in ihren Sozialräumen und Lebenswelten. Andererseits ist die Arbeit auf anderen Systemebenen (z. B. Politik, Wirtschaft, Verwaltung) notwendig. Damit sind Sozialarbeiterinnen in der Gemeinwesenarbeit an den Schnittstellen zwischen den Lebenswelten der Adressatinnen und Institutionen tätig (vgl. Lüttringhaus 2001c, S. 263). So verdeutlicht das Arbeitsprinzip der Gemeinwesenarbeit den Zusammenhang zwischen persönlichen, sozialen, materiellen und infrastrukturellen Bedingungen. Insofern reicht es unter Umständen nicht aus, Beziehungsarbeit und Hilfe für Einzelne zu leisten, sondern es erfordert auch Ressourcenarbeit. Dazu ist es erforderlich, die Grundlagen (z. B. angemessener Wohnraum, kommunikative Treffpunkte) zu schaffen, damit z. B. Selbsthilfe möglich ist.
Auch wenn primär mit Einzelnen gearbeitet wird, erscheint es wichtig, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, Daten über mögliche „Schieflagen“ zu berücksichtigen und fallübergreifende Möglichkeiten zu nutzen oder zu aktivieren. Menschen werden damit nicht isoliert betrachtet, sondern als Personen im Feld, innerhalb eines bestimmten Sozialraums mit strukturierenden Bedingungen. Damit die Arbeit mit Einzelnen innerhalb des Feldes jedoch gelingen kann, ist es erforderlich, fallunspezifisch zu arbeiten. D. h. den Sozialraum zu erschließen, Kontakte zu knüpfen, Austausch zu suchen oder mit anderen zu kooperieren, um gemeinsam Lösungen zu finden (vgl. Lüttringhaus 2001b, S. 9 f.). In der Arbeit mit Menschen mit Demenz könnte es also darum gehen, nicht ausschließlich mit Einzelnen und Gruppen zu arbeiten, sondern Bedingungen zu schaffen (außerhalb der direkten Arbeit mit den Betroffenen), die zur Würde beitragen. Dabei liegt eine Herausforderung darin, neue Sozialräume im Sinne von Beziehungsräumen für Menschen mit Demenz zu schaffen, die eine zusätzliche Teilhabe ermöglichen. Wie aber könnten die aussehen? Vielleicht ließen sich über bürgerschaftliches Engagement neue Sozialräume schaffen (vgl. 59 ff.).
Die durch Vernetzung entstandenen Sozialräume der Professionellen könnten möglicherweise auch neue Sozialräume für Menschen mit Demenz schaffen, wenn man die Erkenntnisse Reutlingers (2006, S. 40) bezüglich Jugendlicher auf ältere Menschen überträgt. Er fand, dass durch Vernetzung neue Ressourcen bereitgestellt bzw. besser koordiniert werden und u. U. die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz besser berücksichtigt werden.
Eine sozialräumliche Utopie könnte es sein, vielen Menschen große Möglichkeiten zur Lebensführung zu ermöglichen (vgl. Reutlinger 2006, S. 41).
4.3.2 Sozialraumorientierung
Während in der Kinder- und Jugendhilfe oft von Sozialraumorientierung gesprochen wird, ist es in der Altenhilfe (speziell der Arbeit mit Menschen mit Demenz) weniger populär, sozialräumlich vorzugehen. Zwar ist es durchaus üblich, dass z. B. die Sozialstationen für bestimmte Stadtteile zuständig sind, ansonsten ist aber weniger vom gesamten Sozialraum die Rede. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Soziale Arbeit ohnehin nicht selbstverständlich in der Altenhilfe vertreten ist, sich hier nicht auf eine so lange Tradition berufen kann und zudem durch das dort vorherrschende medizinische Paradigma - das nicht zuletzt durch die Einführung der Pflegeversicherung verfestigt wurde - eine Randstellung einnimmt (vg. Schweppe 2005, S. 337 ff.).
Während also in der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen sozialräumliches Vorgehen in der Regel gar nicht erst thematisiert wird, so scheint doch auch in der Jugendhilfe das Verständnis von Sozialraumorientierung äußerst heterogen zu sein (vgl. Reutlinger 2006, S. 26 ff.). Teils wird unter sozialräumlichen Ansätzen oder Arbeitsformen eine pädagogische Strategie verstanden, teils eher ein politisches Vorgehen, eine neue Form zur Finanzierung der Kommunalverwaltung darunter verstanden (vgl. Reutlinger 2006, S. 26). In der praktischen Umsetzung zeigt sich dieses vielfältige Verständnis von Sozialraumorientierung beispielsweise darin, dass bei einigen Modellen nur ein Träger für ein Stadtge-
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biet zuständig ist, während in anderen Modellen möglichst viele Einrichtungen miteinander kooperieren. Dabei geht es bei einigen Modellen vornehmlich darum, verschiedene Bereiche miteinander zu verbinden, bei anderen eher darum, die soziale Infrastruktur des Stadtteils zu verbessern. Selten steht jedoch bei den aktuellen Diskussionen das breite Spektrum der Interpretations- Ausgestaltungsmöglichkeiten im Zentrum, sondern es geht darum, wie Städte territorial so gestaltet werden können, dass die Kommunen kostengünstiger arbeiten können (vgl. Reutlinger 2006, S. 26 f.). In der Regel findet dabei jedoch lediglich eine gebietsweise Einteilung statt, indem z. B. ein „`Stadtteil mit besonderen Entwicklungsbedarf´ als Sozialraum definiert wird“ (vgl. Reutlinger 2006, S. 27). Damit besteht jedoch die Gefahr, dass soziale Probleme, die nicht allein im Stadtteil verursacht werden, an einzelne Stadtteile abgegeben werden (vgl. Reutlinger 2007, S. 27 f.). Diese Problematik sollte bei der Verankerung sozialräumlicher Vorgehensweisen in der Altenarbeit beachtet werden.
Homogenität oder Heterogenität
Beziehungen innerhalb eines Stadtteils sind als Ressource zu bewerten, denn sie bieten Schutz vor sozialer Isolation. Sie können aber auch Zwänge auferlegen. Für die Funktion des Sozialraums spielt dabei auch die Homogenität der Bewohnerinnen eine Rolle, denn diese fördert - neben anderen Faktoren wie Räume für Kontakte - die Kontakt-und Beziehungsaufnahme. Sie erleichtert es, ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen und macht eine Identifikation wahrscheinlicher, die dann auch solidarische Hilfe ermöglicht. Durch die Zugehörigkeit kann ein verbesserter Zugang zu bestimmten Waren und Dienstleistungen geschaffen werden, erzeugt jedoch gleichzeitig Abhängigkeiten. Außerdem sind manche in einem bestimmten Sozialraum erlernten Fähigkeiten möglicherweise nur in diesem zu gebrauchen und fördern außerhalb desselben eher den Ausschluss des Betroffenen. Ein Extremfall solch exklusiver Beziehungen stellt die Mitgliedschaft in einer kriminellen Bande dar, in der es zwar nach innen starke Verbindungen gibt, nach außen aber bewirkt sie in der Regel erhebliche Devianz und gesellschaftliche Sanktionen. Dies verdeutlicht die Ambivalenz von Segregation: zwar fördert sie Integration in einen ganz speziellen Bereich, kann aber gleichzeitig eine Desintegration nach außen bewirken (vgl. Schneider 2005, S. 87).
Um den Sozialraum wirklich als Ressource zu nutzen, stellt sich die Aufgabe, eine Balance zwischen schließenden und öffnenden Aspekten zu wahren, eine Balance von Stabilität und Mobilität (Schneider 2005, S. 88), von Homogenität und Heterogenität. niedrigschwellige Angebote, die dezentral organisiert werden und bei denen auch die Professionellen aus den entsprechenden Stadtteilen stammen, sichern zwar, dass sie den Stadtteil tatsächlich kennen und ein großes Verständnis haben, es kommt aber gerade bei problematischen Stadtteilen fast einer Abschottung gleich und birgt die Gefahr, den Anschluss an die übrige Stadt zu verlieren (vgl. Schneider 2005, S. 88).
4.3.3 Gemeindepsychologische Perspektive
In der Gemeindepsychologie wurde eine Anzahl von Qualitätsstandards benannt, die auch als Kriterium für eine gelungene Sozialraumorientierung brauchbar erscheinen:
- In Hinblick auf die Partizipation ist zu prüfen, ob die Umsetzung der Sozialraumorientierung die Beteiligungsmöglichkeiten der Betroffenen qualitative weiterentwickelt
- Inwieweit die Sozialraumorientierung Prozesse der Selbstorganisation der Betroffenen ermöglicht (Empowerment)
- Beachtet werden sollte auch, inwiefern in der Umsetzungspraxis der Sozialraumorientierung die Strukturen sozialer Netzwerke genutzt, bzw. das Ressourcenpotential der Bürgerinnen verbessert wird (Netzwerk- /Ressourcenorientierung) (vgl. Straus 2005, S. 73).
Diese Aspekte sind sicherlich wichtig, aber sie dürfen nicht dazu missbraucht werden, die Verantwortung vollständig an die Betroffenen abzugeben, sondern die gesellschaftliche Verantwortung, der Gemeinschaft aufzugeben. D. h. es müssen auch die Mittel
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für eine gelungenes Empowerment bereitgestellt werden, damit anderweitig aufgefangen kann, was Adressatinnen nicht in der Lage sind zu leisten. Die Stärkung der Rechte und Aktivitäten von Betroffenen ist eine wichtige Perspektive. Gleichzeitig müssen jedoch auch die Bedingungen gegeben sein, um Bedürfnisse befriedigen zu können. (vgl. Röh 2006).
4.3.4 Das Konzept der Community Care als Ergänzung
Community Care kann als Vorstellung für ein Leben von Menschen mit Demenz und anderen Behinderungen in der Gemeinde und als Teil der Gemeinde verstanden werden. Die Professionellen (also Sozialarbeiterinnen, Ärztinnen, Pflegekräfte u. a.) haben ebenso wie bürgerschaftlich engagierte Menschen unverzichtbare Aufgaben, die alle ihre eigene Berechtigung haben. Professionelle und bürgerschaftlich Engagierte sind dabei aufeinander angewiesen, es handelt sich um eine gemeinsame Aufgabe aller Bürgerinnen (vgl. Wunder 2006).
Der Frage, der ich nun nachgehen möchte, lautet: Kann durch Community Care als einer Sorge, Fürsorge und Verantwortung innerhalb der Gemeinde und der Gemeinschaft, als ein Aspekt des Sozialraums ein menschenwürdiges Leben für Menschen mit Demenz gelingen?
In der Behindertenhilfe hat sich längst die Überzeugung durchgesetzt, dass Großinstitutionen - wie sie in der Altenhilfe nach wie vor Standard sind - als Alleinherrscher im Bereich der sozialen Sorge Aussonderung und Abhängigkeit schaffen. Folglich ist der Gedanke, Menschen zurück in die Gemeinde zu holen nahe liegend. Dieser Gedanke kann sich im Bereich der Hilfe für Menschen mit Behinderung auf einen zustimmungsfähigen Konsens berufen (vgl. Wunder 2006).
Es besteht jedoch eine immense Differenz „zwischen dem Leben in der Gemeinde und dem Leben als Teil der Gemeinde“ (Wunder 2006). Wer in einem Ort oder einer Stadt wohnt, lebt zwar in der Gemeinde, muss aber nicht zwingend am Leben der Gemeinde teilhaben. Auch die Zuständigkeit der Gemeinde für die Sorge der Menschen mit Hilfebedarf und der Sorge durch die Gemeinschaft ist ein großer Unterschied (vgl. Wunder 2006). So ist z. B. formal für einen hannoverschen Stadtteil ein bestimmter sozialpsychiatrischer Dienst zuständig. Die Gemeinschaft der in diesem Stadtteil lebenden Menschen aber fühlt sich für Menschen mit Demenz keineswegs verantwortlich. Dies zeigt, dass gerade in gemeindebezogenen Konzepten - wie z. B. in der Sozialpsychiatrie -eine enorme Gefahr besteht, dass gerade dort Vereinsamung und Ausschluss von der Teilhabe stattfinden. Insofern ist es angezeigt, den Gedanken der Sozialraumorientierung durch die Besinnung auf Care-Aspekt zu ergänzen. „Care“ bedeutet dabei, Verantwortung zu tragen für Integration und Teilhabe. Sie bemüht sich, Menschen, die von Marginalisierung bedroht sind, „in die Gemeinde zurückzuholen, sie zu beteiligen, sie wertzuschätzen durch Integration auch ihrer tätigen Beiträge in der Gemeinde“ (Wunder 2006). Bezogen auf Menschen mit Demenz bedeutet dies, sie in ihrem Sozialraum am Gemeinschaftsleben zu beteiligen und ihre Fähigkeiten - die es immer gibt - zu nutzen und sie dadurch wertzuschätzen. Daher kann Community Care nicht heißen, frei und selbständig zu leben und für sich selber zu sorgen (vgl. Wunder 2006), sondern am Gemeinschaftsleben teilzunehmen und dort auch Hilfe zu erhalten.
Bei der Community Care geht es also nicht allein um die Auflösung der „Anstalten“, Pflegeheime und die Forderung des Lebens innerhalb der Örtlichkeit der Gemeinde, sondern darum, wie wir alle leben möchten. Beim Konzept der Community Care werden also auch Fragen des Dritten Sozialraums berücksichtigt, wie Dörner (2007) diesen Bereich nennt. „Als Dritter Sozialraum wird zunächst unspezifisch der soziale Raum zwischen dem Privaten, Familiären und dem Öffentlichen beschrieben. Gemeint sind damit Nachbarschaften, Vereinsleben“ (Zechert 2007) usw. Damit geht es bei der Community Care auch um Gemeinwesenarbeit (siehe Seite 46 f.) und Soziale Netzwerkarbeit (siehe Seite 51 ff.), die unter dem Begriff Community Living diskutiert werden (vgl. Wunder 2006).
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4.3.5 Die Rolle der Professionellen
Sollen vermehrt bürgerschaftliche Helferinnen in die Arbeit mit Menschen mit Demenz einbezogen werden, macht dies keineswegs professionelle Hilfe überflüssig. Vielmehr erfordert es Fachkräfte, um Nachbarschaftsnetzwerke einzubeziehen und es auch Menschen mit stärkerer Beeinträchtigung zu erlauben, von den Entwicklungen zu profitieren. Andernfalls besteht die Gefahr, dass nur eine kleine Gruppe von Menschen von bürgerschaftlichem Engagement profitiert. Zudem ist für bestimmte Situationen, gerade wenn es um Anleitung, Moderation und gegebenenfalls Supervision geht (s. auch S. 57 f.), durchaus Fachkompetenz erforderlich. Es geht also mehr um einen Umbau statt um einen Abbau von Fachlichkeit (vgl. Wunder 2006).
Professionelle Hilfe ist wichtig, um alle Bedarfslagen zu berücksichtigen, den Hilferahmen zu organisieren und bestimmte Grenzen einzuhalten (vgl. Wunder 2006). Soziale Arbeit könnte hier den Blickwinkel auf die Bedürfnisse und Rechte (vgl. S. 32 und 69) von Menschen mit Demenz richten. Dabei kann sie Gesprächsführungskompetenzen nutzen und den Rahmen für die Hilfe z. B. im Sinne des Case Managements gestalten. Genauso wären - und das würde sich bezogen auf den Sozialraum vielleicht eher anbieten als einzelfallbezogene Maßnahmen - gemeinwesenorientierte Ansätze zu entwickeln, die einerseits die Menschen mit Demenz fokussieren und dabei andererseits die Ressourcen des Gemeinwesens beachten. Möglicherweise könnte es folglich darum gehen, den einzelnen Menschen in seinen Bedürfnissen zu berücksichtigen und trotzdem sozialräumlich zu arbeiten. Das bedeutet auch, Lebensbedingungen zu formen, die bedürfnisgerecht sind. Für die Gestaltung von Nähe und um Vertrautheit zu entwickeln und Kontakte zu ermöglichen hingegen, ist bürgerschaftliches Engagement (vgl. Seite 62 f.), die Interaktion also mit Bürgerinnen entscheidend. Denn nur so kann Inklusion von Menschen mit Behinderung, Menschen mit Demenz stattfinden. Zudem können sich Bürgerinnen häufig mehr Zeit als Professionelle nehmen können, die gerade in der Arbeit mit Menschen mit Demenz wichtig ist. Nur wenn Bürgerinnen beteiligt werden, können die Teilhaberechte von Menschen mit Demenz verwirklicht werden (vgl. Wunder 2006).
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Räume, in denen Menschen Leben, sind nicht nur durch Straßen verbunden, sondern auch durch ein soziales Beziehungsnetz. Diese Beziehungen besitzen immer auch eine räumliche Komponente (vgl. Barth 2001, S. 42). Zudem ist der Sozialraum, als Raum, in dem Interaktion stattfindet nicht ohne Menschen und ihre Beziehungen zu denken. Insofern ist es lohnend, sich mit sozialen Netzwerken auseinanderzusetzen. Der Netzwerkbegriff wurde erstmals in den 1960er Jahren von dem Sozialanthropologen John Barnes verwendet, der die sozialen Strukturen auf einer kleinen norwegischen Insel untersuchte. Er stellte fest, dass Personen, die sich wiederum (teilweise) untereinander kannten, innerhalb der Insel miteinander durch unterschiedlich starke Bindungen verbunden waren. Darüber hinaus besaßen sie auch außerhalb der Insel mehr oder weniger feste Beziehungen, wenn auch teilweise nur indirekt (über Dritte). Auch schwache Bindungen waren keineswegs bedeutungslos, sondern ermöglichen erst den Zugang zu Ressourcen. Allein mit den Analyseinstrumenten für Gruppen ließen sich die Beziehungen der Bewohnerinnen nicht beschreiben (vgl. Lenz 1997, S. 577 f.). Dem Netzwerkkonzept liegt deshalb die Vorstellung zugrunde, dass Menschen mit anderen Menschen sozial verbunden sind. Für diese Tatsache wird eine bildliche Darstellung gewählt, bei der Menschen als Knoten sichtbar gemacht werden, von denen Verbindungslinien zu anderen Menschen - ebenfalls als Knoten symbolisiert - verlaufen. Werden die Beziehungszusammenhänge mehrerer Personen skizziert, ergibt sich dadurch das Bild eines Netzwerkes (vgl. Lenz 1997, S. 577). Netzwerkarbeit kann einerseits als Analyse und Nutzung des Netzwerkes eines einzelnen Menschen verstanden werden. Andererseits als Prozess der Vernetzung, die Konstruktion neuer Netze bzw. die Vernetzung bereits vorhandener Netzwerke (vgl. Fischer 2003a, S. 67). Für die vorliegende Arbeit ist es vor allem relevant, auf welche Weise durch soziale Netzwerk(-arbeit) die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz verwirklicht werden können. Netzwerke können als Ressource dienen, um Bedürfnisungleichgewichte aufzuheben. Es muss allerdings auch bedacht werden, dass es dabei nicht um eine reine Instrumentalisierung von sozialen Beziehungen gehen kann. Folglich ist Austauschgerechtigkeit (vgl. S. 28) zu achten, um keine neuen sozialen Probleme entstehen zu lassen. Netzwerkarbeit kann sich auf verschiedene Bezugsebenen richten: einen einzelnen Menschen mit Demenz, eine Gruppe, ganze Organisationen oder das Gemeinwesen. Soziale Netzwerkarbeit hat sich dann als besonders erfolgreich erwiesen, wenn sowohl die individuellen Netzwerke gestärkt, als auch die Gruppennetze beachtet werden (Fischer 2003a, S. 68).
Netzwerke beschreiben den Beziehungsraum, in welchem Menschen leben und auftreten. Abhängig von der biographischen Lebenslage gibt es Familien-, Freundes-, Partner-, Arbeits- und Freizeitnetzwerke in vielfältigen Gruppierungen und mit teilweisen Überschneidungen. Eine Vielzahl von Netzwerkeinstellungen treten dabei auf: Lebenswelten werden abgegrenzt oder nicht, es kann personelle Überschneidungen geben. Neben-, Mit- oder Gegeneinander von Teilnetzwerken innerhalb des Lebenslaufs sind häufig und die (Teil-)Netzwerke weisen unterschiedliche Dimensionen auf (vgl. Straus 2005, S. 74 f.). Soziale Netzwerke und Beziehungen haben dabei immer auch eine sozialräumliche Komponente: einerseits werden über die Netzwerke Beziehungen hergestellt werden, andererseits besitzen Netzwerke immer auch eine räumliche Komponente, sind in (teilweise flexiblen) Räumen zu verorten.
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5.1 Sozialkapital
Netzwerke liefern zudem das Potential für Sozialkapital. Über ein ausgeprägtes Sozialkapital wird der Zusammenhalt gestärkt und trägt zur Sicherung des Lebensraumes und damit der Würde von Menschen mit Demenz wie auch ihrer Angehörigen bei. Der Begriff des Sozialkapitals fand in den vergangenen Jahren eine breite Verwendung - vor allem in den Sozial- und Politikwissenschaften. Geprägt wurde der Begriff unter anderem von Barnt und Colemann. Besonders populär wurde er durch Robert D. Putnam (vgl. May 2004, S. 79).
Dabei wird der Begriff nicht immer eindeutig verwendet. Vielmehr gibt es ein reiches Spektrum von Ansätzen, in denen die Konstruktion des Sozialkapitals genutzt wird. Ziel dieser Arbeit ist es nicht, das „Begriffsdurcheinander“ (Karstedt 2004, S. 48) aufzulösen sondern vielmehr zu schauen, welche Ideen für ein menschenwürdiges Leben der Menschen mit Demenz hilfreich erscheinen. Dabei wird der Schwerpunkt auf die Wirkungen von Sozialkapital in und durch Netzwerke gelegt.
Verwirrend erscheint, dass teilweise Ursachen und Wirkungen in Studien zu Sozialen Kapital vermengt werden (vgl. May 2004, S. 79). Logisch lässt sich dieser Widerspruch möglicherweise dadurch auflösen, dass die Hypothese verfolgt wird, dass sich Nutzen und Wirkungen nicht trennen lassen. Dazu ist es jedoch zunächst erforderlich, zu beleuchten, wie Sozialkapital beschrieben wird.
Einigkeit besteht hinsichtlich des Begriffs des Sozialkapitals darüber, dass Soziale Netzwerke Wirkungen hervorrufen (vgl. Putnam et al. 2001) und sich aus der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen ein innerer Nutzen ergibt. Über dies gibt es allerdings auch Motive zu einer stärkeren instrumentellen Nutzung von Beziehungen (vgl. May 2004, S. 79). Neben diesem intrinsischen Nutzen befasst sich die Forschung zudem auch mit den externen, den öffentlichen Effekten des Sozialkapitals. Somit weisen soziale Netzwerke einen Wert auf (Putnam et al. 2001, S. 21) und stellen sowohl ein privates, als auch ein öffentliches Gut dar (Hoch et al. 2005, S. 496).
Sozialkapital ist eine Konzeption, bei der Gemeinschaftlichkeit als soziale Netzwerke sowie abgrenzbare Austauschbeziehungen betrachtet werden, die in die Familie, Nachbarschaften, Vereine u. a. Gruppen integriert sind. Insofern stellt es ein Analyseinstrument des Kleinräumigen und in der Folge auch ein politisches Instrument dar (vgl. Karstedt 2004, S. 47). Bei Putnam (2000) werden im Zusammenhang mit Sozialen Kapital vor allem die Aspekte der Netzwerke bürgerschaftlichen Engagements, auf Gegenseitigkeit beruhende Austauschverhältnisse sowie soziales Vertrauen beschrieben. In ihrer Verknüpfung werden die gesellschaftliche Koordination und Kooperation zwischen Individuen erleichtert (vgl. Hoch et al. 2005, S. 495). Gerechte Austauschbeziehungen können auch als ein Ziel Sozialer Arbeit definiert werden, wenn man davon ausgeht, dass Ungleichgewichte in sozialen Beziehungen soziale Probleme verursachen können (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 280 ff.).
Somit bilden die sozialen Netzwerke eine gesellschaftliche Ressource, ein soziales Kapital. Bindungen der Menschen untereinander sind die Basis für das Sozialkapital. Besonders ausgeprägt ist Sozialkapital in sozialen Gruppen (bonding social capital). Diese Gruppen, z. B. Vereine, können über einzelne Mitglieder ebenfalls in Beziehung zueinander treten, es entstehen also Brücken. (bridging social capital) Diese Verbindungen verstärken das Sozialkapital. Stadtteile mit einer ausgeprägten Netzwerkstruktur weisen also mehr Sozialkapital auf. Dieses bietet ein Potential, das dazu führen kann, dass die Einzelne bei Bedarf Unterstützung erfahren kann. Zudem lassen sich bei hohem Sozialkapital weitere positive Effekte feststellen wie Toleranz, eine liberale Einstellung zu Bürgerrechten, eine gleichmäßigere Einkommensverteilung usw. (Eichener 2003a, S. 21 ff.). Allerdings muss kritisch gefragt werden, ob nicht gerade durch diese Toleranz das Sozialkapital höher ist, denn Putnam hat lediglich eine Korrelation und keinerlei Ursache für die Sozialkapitalerklärung festgestellt.
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Pierre Bourdieu (1983, zit. Nach Hoch & Otto 2005, S. 496) hingegen betont in seiner Konzeption von Sozialen Kapital deutlicher die Reproduktion sozialer Ungleichheit, die Teilung der Gesellschaft in Gruppen mit verschiedenen Ressourcen sozialen Kapitals. Weiter verdeutlicht er, dass Sozialkapital immer in Zusammenhang mit anderen Kapi-talsorten (z. B. ökonomisches und kulturelles Kapital) steht. Diese Kapitalsorten gemeinsam beeinflussen die soziale Situation eines Menschen bzw. soziokulturellen Milieus. Dennoch ist Sozialkapital als wichtige Voraussetzung für Hilfsbereitschaft zu bewerten. So ist in besonders dichten Beziehungsnetzwerken die Bereitschaft, uneineigennützig zu handeln deutlich höher (vgl. Eichener 2003a, S. 22 f.). Soziale Netzwerke ermöglichen daher gleichzeitig Unterstützungsleistungen und Teilhabe, denn wer in ein Netzwerk ein-gebunden ist, ist zugleich gesellschaftlich eingebunden. Wie andere Kapitalsorten auch, kann soziales Kapital als Ressource angesehen werden, die auch für die Soziale Arbeit und Menschen mit Demenz genutzt werden kann.
5.2 Netzwerktypen
Bullinger et al. (1998, S. 70 ff.) unterschieden verschiedene Typen von Netzwerken nach dem Grad der jeweiligen Organisation. Diese Unterteilung ist deshalb interessant, weil sie die Analyse strukturieren kann:
Primäre oder mikrosoziale Netzwerke sind z. B. familiäre/verwandtschaftliche, nachbarschaftliche und freundschaftliche Netzwerke, die sich vor allem durch einigermaßen regelmäßigen face-to-face-Kontakt auszeichnen (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 70 f.). Die primären sozialen Netzwerke sind deshalb von zentraler Bedeutung, weil Gesellschaft letztendlich nicht Gemeinschaft, im Sinne von intimem sozialem Zusammenleben ersetzen kann (Bullinger et al. 1998, S. 81). Kann Teilhabe also letztendlich immer nur in einem Teilbereich der Gesellschaft stattfinden, nur im Kleinen? Unter sekundären oder makrosozialen Netzwerken sind soziale Institutionen wie Kindergarten, Arbeitsstelle, Geschäfte, Altenheime, Freizeiteinrichtungen usw. zu verstehen. Es handelt sich folglich um „global-gesellschaftliche Netzwerke“ (Bullinger et al. 1998, S. 82), in die Menschen hineinsozialisiert werden und die das Alltagsleben von Menschen entscheidend prägen. Es können marktwirtschaftliche und öffentliche institutionelle Netzwerke unterschieden werden. Zu den ersteren gehören z. B. Betriebe, Firmen der Industrie sowie Dienstleistungsunternehmen, die weitestgehend über den Markt gesteuert werden. Zu den öffentlichen Netzwerken gehören alle politischen infrastrukturellen und sozialstaatlichen Netzwerke, die weitestgehend über Steuern finanziert werden (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 82). Fragwürdig ist allerdings, ob es diese Trennung nach wie vor gibt. Denn es ist heutzutage durchaus eine Mischfinanzierung auch primär öffentlicher Einrichtungen wie z. B. Altenheimen üblich. Auch bei den öffentlichen Leistungen z. B. der Krankenkassen wird vermehrt auf (marktgesteuerten) Wettbewerb gesetzt.
Im Bereich „Demenz“ gibt es vielfach zusammenarbeitende Institutionen, die sich zu einem Netzwerk zusammenschließen (z. B. im Netzwerk Demenz in Koblenz 5 ). Diese formellen Zusammenschlüsse können als Erweiterung vorhandener Kontakte und Kooperationen bewertet werden. Soziale Arbeit könnte hier organisatorische Aufgaben übernehmen.
Bisher sind Einfluss und Funktion vieler sekundärer Netzwerke für die Individuen nur wenig empirisch untersucht. Diese Netzwerke scheinen jedoch zunehmend bedeutender geworden zu sein, was sich vielfach in einer Abhängigkeit von diesen Institutionen zeigt (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 84 f.). So sind wir auf Supermärkte angewiesen, weil die wenigsten Menschen selbst alle Nahrungsmittel anbauen. Zudem ist eine immer größer werdende Gruppe von Menschen z. B. durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit von staatlichen Sozialleistungen abhängig.
Neben den ersten beiden Netzwerktypen können tertiäre oder mesosoziale Netzwerke benannt werden, die eine Alternative zu primären und sekundären Netzwerken bil-
5 www.demenz-koblenz.de
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den oder als vermittelnde Instanz auftreten. Dazu zählen beispielsweise Selbsthilfegruppen, Nichtregierungsorganisationen und Wohlfahrtsverbände (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 82 ff.).
Die beschriebenen Netzwerke sind dabei häufig miteinander verwoben. Mikro- Makro- und Mesoebene überschneiden sich (vgl. Fischer 2003a, S. 71). Netzwerke sind zudem nicht starr, sondern sie verändern sich im Laufe des Lebens sowohl qualitativ als auch quantitativ (vgl. Fischer 2003a, S. 72) und müssen gerade in Übergangsphasen (vom Berufsleben zur Rente, bei Krankheit) den Lebensumständen angepasst werden. Da können aus tertiären Netzwerken auch primäre Kontakte entstehen. Neben der Unterscheidung verschiedener Netzwerktypen können Kategorien zur Beschreibung der Eigenschaften auf unterschiedlichen Ebenen für die Erfassung von Netzwerkstrukturen hilfreich sein. Bei den Eigenschaften von sozialen Beziehungen kann die Interaktion nach Intensität (Stärke der Bindungen, z. B. Häufigkeit), Reziprozität (Grad der Wechselseitigkeit und Symmetrie) und Multiplexität (Nutzung der Beziehung auf unterschiedliche Arten oder Beschränkung auf eine einzige Angelegenheit, Bestimmung z. B. nach Anzahl der Inhalte) (vgl. Lenz 1997, S. 578 f.) unterschieden. Zur Beschreibung der Struktur von Netzwerkstrukturen können Größe und Reichweite sowie Dichte bestimmt werden. Wenn die Mehrzahl beteiligter Personen an einem Netzwerk auch tatsächliche Kontakte untereinander hat, spricht man von einer hohen Dichte (vgl. Lenz 1997, S. 579).
Als Kategorien zur Beschreibung von Kommunikationsrollen kommen „Star“-Position, „Brücke“ und „Gatekeeper“ in Frage:
Mit der „Star“-Position werden solche Netzwerkmitglieder beschrieben, die eine Menge Beziehungen zu anderen Mitgliedern des Netzwerkes haben, im Zentrum vieler Interaktionen stehen und somit leicht zu erreichen sind. Eine Brückenfunktion üben diejenigen Mitglieder aus, die zu mehreren Lebensbereichen gehören und auf diese Weise eine Verbindung herstellen können. Das Rollenmuster des „Gatekeepers“ charakterisiert Personen, die Informationen zwischen den einzelnen Teilbereichen des Netzwerks kontrollieren und Beziehungen zum Umfeld halten (vgl. Lenz 1997, S. 579).
Gerade durch die Vernetzung von Netzwerken kann schließlich das so genannte „bonding capital“ (Braun 2001) als spezielle Form des bereits erwähnten Sozialkapitals entstehen (vgl. S. 52 ff.).
5.3 Netzwerkanalyse
Um Netzwerke zu verstehen, muss man die Strukturen analysieren, die Qualität der Beziehungen begreifen und erfahren, was die Beteiligten in und mit diesen Beziehungen beabsichtigen. Damit ist klar, dass eine Netzwerkanalyse immer auch einen lebensweltlichen, subjektiven Zugang erfordert. Allerdings bliebe auch eine Lebensweltanalyse, bei der die konstituierenden Netzwerke fehlten, unvollständig. Weiter sind soziale Beziehungen in der Regel an einen konkreten Raum gebunden. Somit kann unter Sozialraum auch die räumliche Dimension sozialer Beziehungen begriffen werden. Dabei ist zu beachten, dass Menschen in unterschiedlichen räumlichen Zusammenhängen handeln. Demzufolge würde eine lebensweltlich angesetzte, sozialräumliche Netzwerkperspektive die Beziehungen der Menschen in ihrer subjektiven, sozialen und geographischen Lage erfassen. Die Verwendung des Begriffs als sozialgeographisch abgetrennter Raum steht diesem Verständnis gegenüber. Dort sind allein objektive Merkmale entscheidend (vgl. Straus 2005, S. 75 f.). Sicherlich ist die zweite Variante einfacher zu bestimmen, weil lediglich die eine äußere, eher objektive Sicht berücksichtigt wird, während die subjektive Wahrnehmung außer Acht gelassen wird. Daraus ergibt sich eine wenig dimensionale Perspektive. Damit werden zwei sehr unterschiedliche Versionen sozialräumlicher Netzwerkanalysen vorstellbar:
- eine Beschreibung sozialer Beziehungsnetze innerhalb einer objektiv definierten Sozialregion, bei der alle Beziehungen außerhalb dieser Grenzen ausgeblendet werden
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- eine Beschreibung sozialer Netzwerke, bei der räumliche Bezüge einer Person oder Personengruppe in ihren Netzwerkbeziehungen analysiert werden - auch über objektiv festgesetzte sozialräumliche Grenzen hinaus (lebensweltlicher Zugang). (vgl. Straus 2005, S. 76).
Weil Menschen sich aber selten in einen objektiv festgelegten Raum einsperren lassen, scheint ein lebensweltlicher Zugang für die Soziale Arbeit brauchbarer, zumal sie den Bedürfnissen und der subjektiven Sicht gerechter wird. Beziehungen lassen sich eben nicht rein „objektiv“ bewerten.
Im Mittelpunkt einer Netzwerkanalyse und -beschreibung kann neben einer Person („persönliches“ oder „egozentrisches“ Netzwerk) mit ihren Beziehungen und den Beziehungen der beteiligten Menschen untereinander auch eine Institution in einer Region stehen (vgl. Lenz 1997, S. 581 f.). Zum Netzwerk einer Altenberatungsstelle können z. B. Krankenhäuser, Ärztinnen, Alten(pflege)heime, Fachkräfte, Selbsthilfegruppen usw. gehören.
5.3.1 Vorteile und Nutzen der Netzwerkanalyse Vorteile:
Die Einteilung in verschiedene Netzwerktypen ermöglicht eine differenzierte Analyse verschiedener Lebensbereiche der Klientinnen. Sie trägt dazu bei, das soziale Umfeld zu strukturieren und die Beziehungen zu beleuchten. Einzelne Aspekte lassen sich genauer ergründen und damit Stärken und Schwächen genauer beschreiben. Darauf aufbauend kann dann die notwendige Unterstützung bestimmt werden. Sie kann als Ausgangspunkt für sozialarbeiterisches Handeln genutzt werden (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 90).
Nachteile:
Netzwerkanalysen begutachten auch die primären Netzwerke und können zu einer „Kolonialisierung der Lebenswelt“ der Klientinnen führen, denn das zusätzliche Wissen ermöglicht natürlich auch eine Kontrolle des Systems (vgl. Bullinger et. al. 1998, S. 90 f.). Zu bedenken ist außerdem, dass Netzwerke auch die Funktion des Vergnügens und Zeitvertreibs sichern. Sie sollten deshalb nicht einseitig als Unterstützung gesehen werden. Eine Instrumentalisierung des Netzwerkes könnte das persönliche Netzwerk möglicherweise so sehr belasten, dass Kontakte völlig abgebrochen werden. Werden private persönliche Netzwerke wiederbelebt, birgt das die Gefahr, dass traditionelle Rollenmuster etabliert werden. Klientinnen können es auch als befreiend erleben, manche Netze verlassen zu haben. Das erneute Zusammenfügen dieser Netzwerkstrukturen würde deshalb dem Anspruch Sozialer Arbeit nicht gerecht (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 90).
Besonders hervorzuheben ist auch, dass die Netzwerkforschung tendenziell eine horizontale Blickrichtung einnimmt. Fragen der Macht werden überwiegend ausgespart. Somit bleiben Fragen des Machtgefälles zwischen Menschen außer Acht. Soziale Ungleichheit wird also nicht erfasst (vgl. Bullinger & Nowak 1998, S. 90 f.).
5.4 Soziale Netzwerke im Alter und bei Demenz
Auch und gerade für ältere Menschen haben soziale Netzwerke eine große Bedeutung. Denn soziale Unterstützung hat für die Erhaltung der Gesundheit und den Umgang mit Krankheit eine wichtige Funktion (vgl. Waller 2006, S. 35). Wie in den übrigen Altersgruppen auch, sind bei älteren Menschen geschlechts- und schichtspezifische Unterschiede festzumachen. Es kann jedoch allgemein festgehalten werden, dass die Netzwerke älterer Menschen gewöhnlich kleiner als die junger Menschen sind. Es zeigt sich, dass Menschen, die früher ein größeres und intensiveres soziales Netzwerk pflegten, auch im höheren Alter netzwerkorientierter handeln. Allerdings gilt dies nur unter der Prämisse, dass Lebens- und Sozialbedingungen dies weiterhin erlauben (vgl. Bullinger et al. 1998, S.
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79). Interessant sind in diesem Kontext auch die Betrachtungen zu Netzwerken von Menschen mit Behinderung: Menschen mit einer Behinderung - und die Demenz ist schließlich eine Behinderung - sind sozial weniger eingebunden als Erwachsene ohne Behinderung. Dies zeigt sich besonders darin, dass Menschen mit Behinderung weniger Freunde und Bekannte haben, seltener auf Vertrauens- und Freizeitbeziehungen zurückgreifen können und weniger auf Unterstützungsnetzwerke für die Lösung von Problemen zurückgreifen können. Somit fehlen ihnen wichtige soziale Ressourcen (vgl. Bullinger et al. 1998, S. 81). Zwar ist empirisch bislang nicht belegt, dass das, was für Erwachsene mit Behinderung gilt auch für Menschen mit Demenz zutrifft, es ist aber davon auszugehen, dass dies der Fall ist - möglicherweise sogar verstärkt, da auch aufgrund des Alters das Netzwerk kleiner wird. Damit treffen wieder zwei Faktoren zusammen, die soziale Netzwerke verkleinern: Alter und Behinderung.
Mehr als ein Drittel der Menschen, die über 60 Jahre alt waren, lebte 1991 in einem Ein-Person-Haushalt. Bei Frauen waren es 47 %, bei Männern 14 %. Allerdings bedeutet alleine zu leben nicht zwangsläufig Einsamkeit (Fischer 2003a, S. 75 ff.). Vielfach ist es heutzutage so, dass weniger der Raum die darin entstehenden Netzwerke leitet, sondern umgekehrt Netzwerke unterschiedliche und variable Räume bestimmen. Ein Regionsbegriff, welcher flexible Grenzen kennt, die sich aus veränderlichen Interaktionen definiert, würde diesem Verständnis entsprechen (vgl. Straus 2005, S. 79). Solch ein Verständnis von Raum der Realität sicherlich sehr nah, aber er lässt sich auch viel schwerer durch sozialarbeiterische Strategien erfassen, weil Sozialarbeit vielfach auf einen konkreten geographischen Raum ausgerichtet ist. Gerade familiäre und andere private Netze nehmen eine bedeutende Aufgabe bei der Betreuung hilfe- und pflegebedürftiger Menschen ein. Dies wird auch staatlich unterstützt, denn in § 3 SGB XI (Pflegeversicherung) heißt es, dass die Pflegeversicherung vornehmlich die häusliche Pflege und die Bereitschaft der Angehörigen, die Pflege zu übernehmen, stärken soll (vgl. BFSFJ 2005, S. 312).
Die Bedeutung primärer Netzwerke für die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen ist unbestritten, zumal wenn man sich vor Augen hält, dass ca. 68 % der Menschen mit Pflegebedarf in der eigenen Wohnung leben (vgl. BFSFJ 2005, S. 313). Die Unterstützung durch private und familiäre soziale Netzwerke ist dabei in der Regel sehr hoch. Ungefähr 92 % der pflegebedürftigen Menschen werden von Familienangehörigen betreut. Wie kann das sein, wenn nur 68 % in der eigenen Wohnung leben? Erklärt werden könnte das so, dass 68% der Menschen, die gesetzliche Pflegeleistungen erhalten, zuhause leben, aber 92 % der pflegebedürftigen Menschen (ob sie nun Pflegeleistungen erhalten oder nicht) von Angehörigen versorgt werden, oder dass auch diejenigen, die in Heimen leben auf die Unterstützung sozialer Netze zurückgreifen können (vgl. BFSFJ 2005, S. 313).
Soziale Netzwerke haben also eine große Bedeutung für Menschen mit Demenz. Davon jedenfalls ist aufgrund des obigen Zahlenmaterials auszugehen; auch wenn hinsichtlich der Betroffenen selbst die demographische Datenlage bislang noch unbefriedigend ist.
5.5 Soziale Netzwerkarbeit/Soziale Vernetzung
Für die sozialarbeiterische Praxis bahnt die Netzwerkperspektive Handlungsmöglichkeiten: auf der Ebene einzelner Personen, auf der professionellen Ebene und durch die Verknüpfung alltäglicher und professioneller Hilfenetze (vgl. Lenz 1997, S. 532 ff.). Soziale Vernetzung als Arbeitsweise Sozialer Arbeit bezieht sich z. B. auf Probleme sozialer Isolation und asymmetrische Austauschbeziehungen (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 280 f., S. 359). Dies gilt gerade für Menschen mit Demenz, denen befriedigende mitmenschliche Beziehungen oftmals fehlen, sodass es für sie keine oder wenig ausgeprägte Netzwerke gibt, die zur Lösung von Alltagsproblemen beitragen können. Über professionelle Unterstützung Vernetzung und soziale Mitgliedschaften (z. B. in Interessengruppen, im Gemeinwesen) kann dann dennoch soziale Integration ermöglicht
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werden. Im Falle stabilisierter asymmetrischer Austauschbeziehungen steht die Wiederherstellung der Symmetrie von Geben und Nehmen, Rechten und Pflichten im Vorder-grund. Problematisch erweist es sich allerdings vielfach, dass Adressatinnen Sozialer Arbeit für gegenseitige Austauschverhältnisse als wenig attraktiv angesehen werden.
5.5.1 Begleitung von Gruppennetzwerken als Aufgabe Sozialer Arbeit Gruppen-Netzwerke von Menschen (mit Beeinträchtigung) können ganz unterschiedliche Ziele haben. Diese sind nicht einfach da und entwickeln und gestalten sich von selbst, sondern in der Regel ist eine Initiierung und Begleitung durch Helfende notwendig. Bei den Netzwerken kann es sich sowohl um die Vernetzung einzelner Personen als auch die Vernetzung von Gruppen handeln. In Düsseldorf ist in diesem Zusammenhang ein Netzwerk von Bürgerinnen entstanden, die sich zur Aktivität im bürgerschaftlichen Engagement zusammengeschlossen haben, um für ältere, benachteiligte Bevölkerungsgruppen verschiedenste Dienstleistungs- und Freizeitangebote anzubieten (vgl. Fischer 2003b, S. 91 ff.). Bei allen positiven Entwicklungen dieses Netzwerkes stellt sich die Frage, ob es den Bedürfnissen der Hilfsbedürftigen ausreichend gerecht wird und diese mit einbezieht. Profitieren auch diejenigen, die als „schwierig“ eingeschätzt werden von den Aktivitäten? Im Zusammenhang mit der Initiierung und Kooperation solcher Netzwerke ergeben sich z. B. für die Soziale Arbeit unterschiedliche Aufgaben:
5.5.1.1 Anschubfunktion und Zielgruppenkontakt
Gelegentlich entstehen zwar von Bürgerbewegungen auch Selbstorganisationen (Bürgerinitiativen), bei denen eigenständig Netzwerke gebildet werden. Gewöhnlich ist jedoch eine Erstinitiierung durch Professionelle notwendig. So sind Professionelle häufig diejenigen, die Gleichbetroffene zu einem Netzwerk im Sinne von Selbsthilfe zusammenbringen (Alleinerziehende, Essgestörte usw.) (vgl. Fischer 2003b, S. 93 f.). Diese sicherlich häufig sehr hilfreichen Netzwerke, die Menschen auch aus ihrer Isolation befreien und in der sie Gleichgesinnte finden können, bergen allerdings die Gefahr, dass sie sich als Problemgruppe gemeinsam von übrigen Teilen der Gesellschaft ausschließen. Dies kann allerdings in der Regel sicherlich der völligen Isolation vorgezogen werden, zumal hieraus auch weitere Netze entstehen können.
Viele Menschen haben zudem durch die eher passiv machenden Strukturen in Schule und Beruf, bei denen es erforderlich ist, sich gewissen Normen anzupassen, wenig gelernt, Eigeninitiative zu entwickeln, um bestehende Strukturen zu verändern. Somit muss der Widerwille und das Aufgeben von Vertrauten zunächst von außen initiiert werden (vgl. Fischer 2003b, S. 94).
Professionelle haben somit anfangs vor allem die Aufgabe, richtungweisend und animierend zu wirken. Dazu gehört z. B. die gezielte Werbung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Verschiedene Werbeträger wie Printmedien, Radio usw. können dazu genutzt werden, je nachdem welche Zielgruppe erreicht werden soll. Als hilfreich erweisen sich auch Multiplikatorinnen, die in bestimmten Einrichtungen z. B. ihre Klienten für das Projekt werben (vgl. Fischer 2003b, S. 94). Ausgelassen bleiben aber möglicherweise diejenigen, die keinerlei Kontakte haben.
Für Menschen mit Demenz wären möglicherweise Netzwerke hilfreich, in denen sich Bürgerinnen für Aktivitäten mit Menschen mit Demenz zusammenschließen. Für die daraus entstehenden Aktivitäten käme es aus professioneller Sicht vor allem darauf an, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten, d. h. sowohl der Menschen mit Demenz als auch der freiwillig tätigen Bürgerinnen berücksichtigt würden.
5.5.1.2 Information, Beratung, Gründungshilfe
Diese Beratung im Zusammenhang mit dem Netzwerk findet auf verschiedenen Ebenen statt.
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In Bezug auf einzelne Menschen geht es darum, zu überprüfen, in welchen Bereichen Lücken auftreten und wie das Netzwerk hilft, diese zu schließen. Parallel können die individuellen Ressourcen herausgearbeitet werden, um das eigene Netz besser zu nutzen. Denn um sich in das Netzwerk einzubringen, sind nicht allein die individuellen Ressourcen relevant, sondern auch jene, die sich durch das individuelle soziale Netz ergeben. Einfacher ausgedrückt: Wenn eine Person, die im Netzwerk tätig ist, für bestimmte Aufgaben auf weitere Personen und deren Informationen zurückgreifen kann, so stellt das auch eine Ressource dar (vgl. Fischer 2003b, S. 94 f.).
Ein weiterer Aspekt der Beratung ist die Information über bestehende Aktivitäten und ein orientierender Überblick über Möglichkeiten der Selbstorganisation, Hilfe und Unterstützung für diejenigen, die aktiv werden wollen. Diese Hinweise sind als Optionen zu verstehen, die den Interessierten als Möglichkeiten offen stehen (vgl. Fischer 2003b, S. 94). Daher kommt es darauf an, diese Informationen in einer Form zu präsentieren, welche die Interessierten ansprechen. Sollen auch Menschen mit Demenz einbezogen werden - was immer wünschenswert wäre -, sind diese Informationen möglicherweise weniger über Sprache, als vielmehr über Tätigkeit, Ausprobieren und Begleitung zu erbringen. Die Sprache ist gerade das Medium, das Menschen mit Demenz am wenigsten zur Verfügung steht.
Die Beratung stellt somit eine Übergangshilfe von einem in das nächste Netzwerk dar: das persönliche Netz wird mit einem bereits existierenden verknüpft.
Schon vor Gründung eines Netzwerks kann eine Beratung erfolgen, wobei es eines Kreises von Interessierten bedarf, die sich zur Bildung eines Netzwerkes entscheiden. Eine Möglichkeit für die Sozialarbeit besteht z. B. darin, eine Konferenz zu moderieren, bei der das Vorgehen abgesprochen wird. - Schließlich handelt es sich bei der Netzwerkberatung immer auch um eine begleitende Beratung, die dann angefordert werden kann, wenn es Probleme oder Krisen gibt oder für den Prozess Hindernisse auftreten (vgl. Fischer 2003b, S. 95).
5.5.1.3 Netzwerkmanagement
Im Rahmen des Managements und der Organisation kommt den professionellen Helfern vor allem die Rolle der Garanten für die Sicherung von Rahmenbedingungen. Das Auftreten ähnelt einer Managerin, die Räume sowie sachliche und finanzielle Mittel für die Gründung bereitstellt. Damit ergibt sich als Aufgabe, Gelder bei Ministerien, Verbänden, Sponsoren usw. zu beschaffen, Räume bereitzustellen und in der Öffentlichkeit für das Netzwerk zu werben. Im Laufe der Zeit wird dann das Netzwerk in die Lage versetzt, diese Aufgaben selbständig zu übernehmen und die Beraterin kann sich stärker zurückziehen (vgl. Fischer 2003b, S. 95).
5.5.1.4 Fortbildung
Im Zuge des Verselbständigungsprozesses des Netzwerkes wird es notwendig sein, besonders aktiven Netzwerkmitgliedern Fortbildung in Kursen, Seminaren usw. zur Verfügung zu stellen. Dazu können allgemeine Themen zählen, die sich primär auf das Netzwerk selbst beziehen wie Öffentlichkeitsarbeit, Beratungstechniken, Moderation oder Pressearbeit (vgl. Fischer 2003b, S. 96) oder solche, die mit den jeweiligen speziellen Zielen des Netzwerkes zusammenhängen. Bei einem Demenz-Netzwerk wären das zum Beispiel Themen, die mit dieser besonderen Lebensform zusammenhängen. Ebenso brauchen jedoch auch die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen Fortbildung, um auf die anfallenden Tätigkeiten vorbereitet zu werden, sowie im weiteren Verlauf eventuell kollegiale Beratung oder Supervision.
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5.5.1.5 Koordination, Vernetzung bestehender Netze, Organisationsentwicklung
Vergrößert sich das Netzwerk in der Weiterentwicklung, fällt der professionellen Netzwerkbegleitung verstärkt die Aufgabe zu, die Koordinierung bestehender Teile des Netzes zu übernehmen. Übergreifende Projekte und zentrale Aufgaben wie Fortbildung sind dann zu erfüllen. Auch eine intensivierte Lobbyarbeit ist zu leisten, die Werbung in Politik und Verbänden mit einschließt. Schließlich umfasst diese Entwicklungsstufe der Organisationsentwicklung auch eine Vernetzung bereits bestehender Netzwerke (vgl. Fischer 2003b, S. 96).
5.5.1.6 Evaluation
Um zu vermeiden, dass sich der Prozess der Vernetzung willkürlich verselbständigt, ist eine durchgängige Evaluation und Supervision erforderlich. Sie sichert eine notwendige Kontrolle über die Entwicklung und prüft gleichzeitig, inwieweit die Netzwerkakteure in den Prozess eingebunden sind (vgl. Fischer 2003b, S. 97).
Außerdem ist es essentiell, dass das Netzwerk die Interessen der Betroffenen anspricht, sich diese einbringen können und sich das Netzwerk eine relative Offenheit bewahrt, d. h. dass es nicht zu einem elitären Kreis wird, der Neue oder Mitglieder mit anderen Interessen ausschließt.
6 Bürgerschaftliches Engagement und Demenz
In den vorangegangenen Kapiteln war vielfach von Rahmenbedingungen und Strukturen möglicher Ressourcen die Rede, die für Menschen mit Demenz genutzt werden könnten und sollten, um menschenwürdige Bedingungen zu erreichen. In diesem Kapitel nun geht es um die Akteure im System: die engagierten Bürgerinnen. Früher bestand Helfen in der Regel in der Gabe von Zeit. In der Moderne allerdings gestaltete sich das Helfen tendenziell über die Gabe von Geld, um die Not der Anderen durch bezahlte Fachkräfte zu lindern. Im Laufe der Entwicklung hat sich die Arbeitszeit der Menschen allgemein verkürzt. Zudem wirkt sich der technische Fortschritt deutlich zeitsparend aus und es gibt immer größer werdende Bevölkerungsgruppen, die nur noch freie Zeit haben (z. B. Langzeitarbeitslose, Rentnerinnen) (vgl. Dörner 2007, S. 68). Für diese Menschen hat Freizeit keinen Wert mehr. Menschen wünschen sich zwar Freizeit, aber nur bis zu einem bestimmten Grad kann diese auch genossen werden. Bei einer Arbeitsunterlastung hingegen hat Freizeit keinen Sinn. Dieser Sinn kann nur durch „Bedeutung für Andere“ wieder erreicht werden (Dörner 2007, S. 69 u. a.). Problemlagen sind heute vielfältiger als früher. Eine Beteiligung der Bürgerinnen erscheint sinnvoll. Trotzdem werden auch weiterhin Professionelle Kräfte notwendig sein. Zum einen, weil eine gewisse Grundhilfe immer gewährleistet sein muss, eine Hilfe, die jedem zugute kommt und nicht nur denjenigen, um die sich Bürgerinnen freiwillig kümmern. Zum anderen ist es bei der Vielschichtigkeit der Problemlagen erforderlich, die engagierten Bürgerinnen zu koordinieren, zu begleiten, fortzubilden. Bereits heute sind gut ein Drittel (34%) der Bevölkerung freiwillig engagiert und weitere 32 % an einem Engagement interessiert (vgl. Keupp 2007a, S. 16). Dieses Potential zeigt, dass das bürgerschaftliche Engagement durchaus viele Möglichkeiten bietet, die auch für Menschen mit Demenz genutzt werden könnten.
6.1 Nachbarschaft und die anderen solidaritätsstabilisierenden Institutionen Grundsätzlich wollen Menschen zunächst nur widerwillig helfen - auch wenn sie Bedeutung für andere brauchen. Verschiedene Sozialräume oder Institutionen - Dörner (2007) unterscheidet vier - sollten das solidarische Helfen gewährleisten: der „familiäre Haushalt, die Nachbarschaft, die Kommune und die Kirchengemeinde“ (Dörner 2007, S. 80). Allerdings wird nicht näher bestimmt, was diese Sozialräume ausmacht, sondern eher geschaut, ob sie die Funktion, Helfen sicherzustellen, noch erfüllen.
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Der familiäre Haushalt, der Ort, an dem Menschen mit Demenz altern und sterben wollen, gehört zum privaten Sozialraum. Es ist also die private (Miet-)Wohnung. Wenn Familie, Angehörige dies nicht sicherstellen können, sollte es Aufgabe der „Bewegung der helfenden Bürger“ (Dörner 2007, S. 81) sein, ihre Potentiale einzusetzen, um dieses Ziel zu erreichen. Es geht also um die Orientierung an dem Ziel, es Menschen zu ermöglichen, bis zum Lebensende in ihrem Zuhause zu bleiben. Heime bieten keine Lösung für den Fall, dass alle anderen Hilfen versagen, denn dann ergibt sich dort eine „Konzentration der Unerträglichkeit“ (Dörner 2007, S. 81).
Bürgerschaftliches Engagement wurde - nicht zuletzt durch die grundlegenden Tätigkeiten der Enquête-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ - verstärkt in der öffentlichen Diskussion thematisiert (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 493), häufig im Zusammenhang mit Partizipation und Selbstorganisation. Es enthält die Hoffnung, den Gemeinsinn wiederzugewinnen, es erweitert die Handlungsspielräume für die Lebensbewältigung und sorgt als gesundheitsförderndes Mittel für Wohlbefinden (vgl. Oelschlägel 2001, S. 181). Kritisch bedacht werden sollte, dass sich hinter den Ansätzen, Menschen (in ihrem sozialen Engagement) zu bestärken der Trend des Sozialstaatsabbaus verbergen kann (vgl. Lüttringhaus 2001, S. 179). Bürgerschaftliches Engagement enthält also die Ambivalenz zwischen den positiven Wirkungen des Engagements und der taktischen Nutzung der positiv besetzten Wörter „Engagement“, „Partizipation“ usw. für die Privatisierung sozialer Aufgaben.
Gleichzeitig zeichnet sich ein weiteres Spannungsverhältnis ab: Das zwischen zunehmender Professionalisierung einerseits und der Stärkung von Selbsthilfe und Empowerment andererseits. Im Zuge des „Psychowildwuchses“ in den 70er und 80er Jahren war die Entwicklung fachlicher Standards und eine möglichst hoher Professionalisierungsgrad der Hilfeleistungen im psychosozialen Bereich durchaus angebracht. Dies führte jedoch dazu, dass Selbsthilfekräfte vernachlässigt wurden. Heute wird zunehmend in Frage gestellt, ob eine weitere, durchgängige Professionalisierung tatsächlich zu einer besseren Qualität der Hilfe führt, wenn eigene Lösungen der Nutzerinnen kaum beachtet werden. Weil Menschen eben häufig selbst gute Ideen haben, sollte auch die Eigenaktivität der Betroffenen genutzt werden. Denn rein professionelle Lösungen fördern häufig auch eine passive Konsumentenhaltung. Auch entwickeln Selbsthilfegruppen manchmal hilfreichere Lösungen als Professionelle (vgl. Keupp 2007a, S. 12 ff.). Schwierig wird es, wenn Menschen nicht in der Lage sind, ihre Probleme mit nicht-professioneller Unterstützung zu lösen. Deshalb darf bürgerschaftliches Engagement nicht zu totaler Eigenverantwortung der Bürgerinnen und zu einem völligen Abbau staatlicher Hilfeleistungen führen. Ein weiterer Kontrast stellt sich dar, wenn sich gleichzeitig die Ökonomisierung verstärkt und das Ehrenamt neu entdeckt und forciert wird, um öffentliche Mittel einzusparen (vgl. Keupp 2007a, S. 14). Da stellt sich durchaus die Frage, ob durch ehrenamtliche Tätigkeit die Profite gesteigert werden sollen. Damit stellt sich die Aufgabe (auch für Sozialarbeit), die Spannung zwischen professioneller und bürgerschaftlicher Hilfe zu harmonisieren. Es wird aber vermutlich niemals zu einer völligen Harmonie kommen, sondern durchgängig ein Prozess bleiben. Vor diesem kritischen Hintergrund lassen sich nun die positiven Möglichkeiten des (Bürgerinnen-)Engagements beschreiben.
6.2 Was ist unter bürgerschaftlichen Engagement zu verstehen?
Nach Hoch & Otto (2005, S. 493) ist Bürgerschaftliches Engagement im Sozialraum als Handeln mit folgenden Eigenschaften gekennzeichnet:
- Verantwortungsübernahme für Andere
- Fähigkeit zur Gemeinschaftlichkeit und Aktivität als Mitbürgerin
- Bildung von Sozialkapital
- freiwilliges Engagement
- Zielt nicht auf materiellen Gewinn
- Ist am Gemeinwohl orientiert
- Findet im öffentlichen Raum statt
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- Wird in der Regel gemeinschaftlich, in Kooperation mit Anderen unternommen (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 493).
Im Gegensatz zum traditionellen Ehrenamt, das tendenziell individuumszentriert ist, ist bürgerschaftliches Engagement eine Handlungsart, bei dem verschiedene Akteure in wechselseitig aneinander ausgerichtetem sozialem Handeln beteiligt sind mit dem Ziel der Produktion sozialer Güter innerhalb des öffentlichen Raums. Es manifestiert sich in verschiedenen Organisationsgraden und Strukturen (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 493 f.). Seit den 1990er Jahren wird der Begriff Bürgerschaftliches Engagement auch als Arbeitsbezeichnung für ehrenamtliche/freiwillige Tätigkeiten im sozialen Bereich vorgeschlagen (vgl. Burmeister 2002, S. 182 f.). Dies ist vor allem auf kommunitaristische Philosophien aus den USA zurückzuführen, in denen die Bürgerbeteiligung als notwendiger Bestandteil demokratischer Gesellschaften bewertet wird (vgl. Etzioni 1995, 1997). Zur Beschreibung des gesamten Bereichs freiwilliger und ehrenamtlicher Tätigkeiten wird seit diesem Jahrtausend der Begriff des freiwilligen Engagements bevorzugt verwendet (vgl. Burmeister 2002, S. 183).
Für bürgerschaftliches Engagement stellt Sozialkapital (vgl. S. 52) eine wichtige Grundlage dar. In Stadtteilen mit deutlichen sozialen Problemen werden wenige Partizipationsstrukturen aufgebaut. Folglich ist bürgerschaftliches Engagement immer auch von den Lebensbedingungen der Menschen abhängig. Wichtig ist es, Menschen, die ohnehin eher benachteiligt sind, nicht auszuschließen (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 497). Kooperationsstrukturen einer Vereins- und Initiativenstruktur, die also möglichst viele Beteiligte einbeziehen, sind für die Entwicklung Sozialen Kapitals wichtige Voraussetzung. Dies wiederum ist eine der zentralen Bezugsgrößen einer systematischen Engagementförderung, die auf weitere Effekte im Sozialraum gerichtet ist (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 497).
6.3 Stadtteilpolitik, Nachbarschaft
Dennoch konnte festgestellt werden, dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders engagiert zeigen. Dies sind vor allem Familien mit Kindern, in denen die Eltern einen höheren Bildungsabschluss besitzen. Auch die Wohnform beeinflusst die Engagementbereitschaft. So ist die Wohnzufriedenheit eine wichtige Bedingung für die Identifikation mit dem Stadtteil und das auf diesen bezogenes Engagement (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 498 f.). Andere Quellen (Oelschlägel 2001, S. 182) belegen hingegen, dass auch Menschen, die nicht der Mittelschicht angehören und Hilfe suchen, solche Potentiale aufweisen, wenn ihr schichteigener Bestand an Fähigkeiten genutzt wird. Wenn man davon ausgeht, dass alle Menschen Fähigkeiten besitzen, so ist zu erwarten, dass auch die Begabungen von Menschen mit Demenz für bürgerschaftliches Engagement aktiviert werden könnten - wenn wir dann über die nötige Methodik verfügen.
In Stadtteilen gelingt es nicht immer, eine Alltagskultur zu entwickeln, die sozialräumliche Gemeinwesen befähigt, verschiedene soziale Bedürfnisse zu befriedigen und soziale Probleme wenigstens teilweise unabhängig zu bearbeiten. Gleichfalls gelingt es nicht immer, soziale Strukturen und Netzwerke zu bilden, die als nachhaltige Ressource verfügbar sind (vgl. Hoch & Otto 2005, S. 499).
Weil eben nicht alle Stadtteile die gleichen Voraussetzungen mitbringen, unterschiedliche Bedingungen herrschen, kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich tragfähige Netzwerkstrukturen überall bilden können. Weiter muss überlegt werden, dass nicht die Verantwortung für soziale Probleme allein an die Bewohner des Stadtteils abgegeben werden, sondern der Staat als Gesamtgesellschaft eine Verantwortung trägt, zur Bearbeitung sozialer Probleme beizutragen, wenn die eigenen Ressourcen nicht ausreichen (Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzip).
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6.4 Motivation für bürgerschaftliches Engagement
Im Folgenden soll nun aufgegriffen werden, warum und unter welchen Rahmenbedingungen Menschen aktiv werden und welche Handlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben.
Menschen - so die Erkenntnisse der kritischen Psychologie (Abl 2007) - werden zwar nicht unmittelbar oder allein durch die Lebensumstände determiniert, aber diese bieten ihnen gewisse Möglichkeiten, was eine eindimensionale wenn-dann-Beziehung ausschließt. Tatsächlich gibt es eine Wechselbeziehung zwischen den objektiven Lebensbedingungen und den subjektiven Gründen für menschliches Handeln. Dadurch wird klar, dass sich Menschen nicht einfach für oder gegen bürgerschaftliches Engagement entscheiden, sondern „innerhalb subjektiv sinnhafter Handlungsräume - vom persönlichen Nahbereich über die Erfahrungswelt im Stadtteil bis zur Wahrnehmung von Politik auf gesamtstaatlicher Ebene - sich orientieren und für oder gegen Engagement optieren“ (Oelschlägel 2001, S. 183). Ein Individuum hat demnach immer objektiv und subjektiv bestimmte Wahlmöglichkeiten. D. h. objektiv gegebene Optionen können nur dann wahrgenommen werden, wenn sie für die Betroffene auch einen subjektiven Nutzen haben, ihren Präferenzen entsprechen (vgl. Oelschlägel 2001, S. 183). Es kann folglich davon ausgegangen werden, dass Menschen nur dann motiviert handeln, wenn dies mit ihren Interessen übereinstimmt und sie das auch erkennen (vgl. Oelschlägel 2001, S. 183 f.).
Die Ziele des bürgerschaftlichen Engagements müssen sich somit an den tatsächlich gegebenen Lebensumständen sowie den subjektiven Möglichkeiten der Beteiligten ausrichten. Das bezieht die Perspektive der Menschen mit ein und bedeutet z. B., dass die Menschen, die aktiviert werden sollen, sich vorstellen können müssen, was geschehen soll und was sie davon haben. Stärker als bisher müsste demnach der einzelne Mensch, der aktiviert werden soll, berücksichtigt und einbezogen werden. D. h. die Ziele müssen sowohl konkrete Sachfragen enthalten (nicht: du sollst dich engagieren) und sich an die beteiligten Menschen richten (vgl. Oelschlägel 2001, S. 184). Menschen brauchen, um aktiv zu werden, auch einen gewissen Umfang an Freiräumen, denn auch Konflikte, Misserfolge und Enttäuschungen müssen verarbeitet werden und können auch zeitweilig handlungsunfähig machen (vgl. Oelschlägel 2001, S. 184).
Trotz vorhandener Bereitschaft zum Engagement kann nicht davon ausgegangen werden, dass Menschen von sich aus aktiv werden. Da bürgerschaftliches Engagement auch einen öffentlichen Charakter aufweist, gehört es dazu, dass es gezielt angefordert und unterstützt wird, Würdigung erfährt und Wege dafür geebnet werden (vgl. Oelschägel 2001, S. 186).
6.5 Freiwilligenarbeit mit Menschen mit Demenz
Auch Menschen mit Demenz können von bürgerschaftlichen Engagement profitieren. Dem freiwilligen Engagement für Menschen mit Demenz kommt zukünftig eine immer größer werdende Bedeutung zu. Auch im 4. Altenbericht stellt die Bundesregierung die Bedeutung des freiwilligen Engagements für Menschen mit Demenz heraus (BMFSFJ 2002, S. 215 ff.) und verweist auf die bereits bestehenden Aktivitäten. Hervorzuheben ist allerdings, dass es dabei vor allem um eine finanzierbare Lösung geht. Das mag auch richtig und wichtig sein, jedoch darf es dabei weder zu einer Ausbeutung von Freiwilligen kommen, noch darf es als Grundlage für gesetzliche Leistungseinsparungen dienen. Ein erster Anreiz für freiwilliges Engagement für Menschen mit Demenz bietet das 2002 eingeführte Pflegeleistungsergänzungsgesetz. Ziel des Gesetzes ist es, pflegebedürftigen Menschen, die nicht dauerhaft in einer stationären Einrichtung leben, und die einen hohen Bedarf an allgemeiner Betreuung und Beaufsichtigung haben, mehr Unterstützung zu ermöglichen. Neben den regulären Leistungen der Pflegeversicherung können bis zu 460 € pro Kalenderjahr zusätzlich beantragt werden. Neben ungedeckten
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Kosten für Kurzzeit-, Tages- oder Nachtpflege und Angebote allgemeiner Betreuung und Anleitung der Pflegedienste, können auch anerkannte regionale Betreuungs- und Entlastungsangebote zweckgebunden finanziert werden. Diese dürfen allerdings keine grundpflegerischen oder hauswirtschaftlichen Leistungen umfassen. Darunter fallen auch so genannte niedrigschwellige Betreuungsangebote, bei denen durch einen Kurs geschulte Freiwillige stundenweise etwas mit einem Menschen mit Demenz unternehmen, um Angehörige zu entlasten (vgl. Alzheimer Europe 2005, S. 90 f.). Gelänge es, das bestehende Potential von Freiwilligen (vor allem Frauen im Rentenalter) zu nutzen und auch neue Gruppen für freiwilliges Engagement zu motivieren, so wäre dies eine gute Basis für eine neue Pflegekultur. Freiwillige haben mehr Zeit für Menschen mit Demenz als Professionelle, es könnten möglicherweise persönliche Beziehungen entstehen und Raum geschaffen werden für Kommunikation. Zu berücksichtigen ist dabei das Wohlbefinden der Menschen mit Demenz. Dazu ist Kitwoods (2005) personzentrierter Ansatz hilfreich. Für eine erfolgreiche Ausschöpfung des Freiwilligenpotentials sind jedoch auch die Bedürfnisse und Wünsche der Freiwilligen stärker zu berücksichtigen (vgl. Strasser & Stricker 2006, S. 31). Aber reicht es aus, Menschen einfach zu Menschen mit Demenz zu schicken? Sie brauchen auch Fortbildung, Begleitung und Austausch. Menschen mit Demenz können durch bürgerschaftliches Engagement und Freiwilligenaktivitäten Begleitung erfahren, die es ihnen ermöglicht, eine größere Zahl ihrer Bedürfnisse zu befriedigen. Durch den Kontakt mit anderen Bürgerinnen werden die Chancen der Teilhabe erweitert. Somit ist es dank bürgerschaftlichen Engagements möglich, zur Würde von Menschen mit Demenz beizutragen. Der umgekehrte Weg, nämlich dass auch Menschen mit Demenz bürgerschaftlich aktiv werden (vgl. Seite 17), ermöglicht ihnen Beteiligung und befriedigt dass Bedürfnis nach sinnvoller Aktivität. Diese Möglichkeit steht aber bisher kaum zur Verfügung.
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Gesetzliche Finanzierungsgrundlagen für Menschen mit Demenz sind tendenziell individuumszentriert: Da sind zum einen die Hilfen der Pflegeversicherung (SGB XI) als teilweise Absicherung der Pflegebedürftigkeit („Teilkaskoversicherung“) sowie die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu nennen, sowie die Zahlungen durch die gesetzliche Rentenversicherung (SGB VI) und die nachrangig Leistungen der Sozialhilfe (für ältere Menschen SGB XII). Näheres hierzu findet sich z. B. bei Brill et al. (2005). Gesetzliche Leistungen haben den Vorteil, dass sie einen Rechtsanspruch darstellen und nicht allein eine freundliche Geste nach „Gutdünken“ sind. Jeder Mensch, der die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt, hat diesen Anspruch. Allerdings werden die Bedingungen nicht immer jeder Einzelnen gerecht, sodass die Gefahr besteht, dass manche zu kurz kommen und nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt werden. Wie könnte jedoch eine sozialräumliche Finanzierung Sozialer Arbeit mit Menschen mit Demenz gestaltet werden? Eine gesetzliche Finanzierungsoption ist zunächst nicht zu erwarten. Allenfalls findet in Modellprojekten des Bundes eine Finanzierung beispielsweise von bürgerschaftlichen Projekten der Altenhilfe oder eine Unterstützung von Netzwerken statt. Auch eine Finanzierung der Kommunen als freiwillige Leistung wäre vorstellbar. Freiwillige Leistungen sind aber deshalb immer unsicher, weil sie jederzeit gestrichen werden können, wenn es den Zuständigen darum geht, Einsparungen zu bewirken. Allerdings kann durch solche Projekte auch kaum eine längerfristige Finanzierung sichergestellt werden. Möglicherweise könnten Leistungen der Pflegeversicherung im Rahmen Kommunaler Steuerung stärker sozialräumlich ausgerichtet werden. Dort spielt Sozialarbeit jedoch eher eine untergeordnete Rolle.
Angesichts dieser gesetzlichen Finanzierungslücke sind Alternativen zu überlegen und zu erproben. Sinnvoll erscheint es, den Fokus auf die Finanzierung durch Stiftungen, über Fundraising und Sponsoring zu richten. Vorteil dieser Form der Finanzierung liegt darin, dass Träger, Einrichtungen, Menschen, die mit und für Menschen mit Demenz aktiv sind z. B. in Netzwerken oder innerhalb eines Stadtteils als Angehörige, engagierte Politikerin, Einrichtungsleiterin usw. Angebote und Projekte so ausrichten können, dass sie dafür bereitwillige Spender finden. Dazu ist es erforderlich, dass sie sich so in der Öffentlichkeit präsentieren, dass sie Spender zu Zuwendungen (finanzieller und immaterieller Art) motivieren. Kontakte und Vernetzung sind dafür eine wichtige Voraussetzung. Kontakte führen dabei vermutlich auch zu einer besseren Einbindung ins Gemeinwesen. Die bessere Einbindung ins Gemeinwesen wiederum fördert eine öffentliche Basis. Sind die Angebote einer Einrichtung an die Bedürfnisse des Sozialraums und der dort lebenden Menschen (nicht nur der betroffenen Menschen mit Demenz) angepasst, so bewirkt dies vermutlich eine bessere Einbindung in den Sozialraum. Die Finanzierung über verschiedene Arten von Spenden führt auch zu wirksamer Beteiligung: Denn es können sich verschiedene Akteure beteiligen, die sich überlegen können, für welche Zwecke sie ihre Mittel bereitstellen wollen. Insofern haben sie ein deutliches Mitspracherecht. Wenig Erfolg versprechende oder erfolglose Projekte haben damit geringe Chancen auf Finanzierung. Zudem ermöglicht eine Finanzierung, beispielsweise über Stiftungen, eine stärkere Flexibilität als die Förderung durch öffentliche Hände und lässt auch ungewöhnliche Wege zu.
Gerade in Anbetracht immer weiterer staatlicher Einsparungen ist die Option einer außergesetzlichen Finanzierung zu bedenken und umzusetzen. Diese materiellen und finanziellen Ressourcen innerhalb des Gemeinwesens zu erschließen, könnte Aufgabe Sozialer Arbeit sein. Ressourcenerschließung ist eine der ältesten Arbeitsweisen Sozialer Arbeit (vgl. Staub-Bernasconi 2007, S. 300). Dabei ist über Kooperation und Partizipation
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eine Verbesserung der materiellen und infrastrukturellen Situation von Menschen mit Demenz herstellbar.
Im Bereich sozialräumlicher Ansätze könnte sich hier also ein neues Feld für Soziale Arbeit ergeben: Einerseits in der Erschließung finanzieller Ressourcen, andererseits aber auch für die Finanzierung der eigenen Arbeit.
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Abschließend möchte ich einige Ideen zur Diskussion stellen, wie sozialräumliche Ansätze entwickelt werden könnten, um Lebensbedingungen menschenwürdig zu gestalten und Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu verwirklichen. Diese Entwürfe sind bewusst fragmentarisch gehalten, um nicht vorzeitig einzuengen und eine gewisse Offenheit zu wahren. Weniger als ein ausgereiftes Konzept, sondern mehr als eine Idee, rücke ich den Gedanken der „Assistierten Inklusion“ (siehe Seite 67 f.) in den Mittelpunkt. Sie könnte eine Option sein, auch Menschen mit Demenz die Realisierung ihrer Bedürfnisse, Partizipation und damit ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen.
8.1 Demenz als kulturelle Variante
Als These stelle ich somit zur Diskussion, dass Menschen mit einer Demenz ein normales, aber dennoch ihren speziellen Bedürfnissen gerechtes und an den Erfordernissen der Demenz orientiertes Leben führen wollen. D. h. Menschen mit Demenz haben generell die gleichen Bedürfnisse wie gesunde Menschen. Denn wollen sie nicht genau wie wir autonom sein, z. B. selbst Einkaufen, wenn sie das vorher auch getan haben? Haben sie nicht auch das Bedürfnis, anderen zu helfen, was ihnen vielfach nicht zugetraut wird? Wollen sie nicht genauso unverwechselbar sein, wie wir auch (was eine Reduzierung auf die Demenz ausschließt)? Wollen sie nicht auch anerkannt werden? Brauchen sie nicht ebenso Ressourcen und Fertigkeiten, damit sie die für sie relevanten Ziele (die durchaus sehr individuell sind) erreichen können?
Denn Bedürfnisse sind offenbar global: sie gleichen sich über alle Kulturen hinweg. Jedoch sind die sprachlichen Codes, die Weise, in der die Bedürfnisse als Wünsche artikuliert werden, kulturell variabel (vgl. Seite 26 ff.). Insofern ließe sich sagen, dass wir gut daran tun, Menschen mit Demenz als Mitbürgerinnen mit einer Variante unserer Kultur zu bezeichnen. So wird z. B. oft die Unruhe von Menschen mit Demenz nicht als Ausdruck von Bedürfnissen erkannt (z. B. Bedürfnis nach Ausdrucksmöglichkeiten), sondern als störend erlebt. Ähnlich ergeht es Südeuropäern, wenn sie sich im nordeuropäischen Raum aufhalten: Ihre kulturell verankerten Gesten und lautstarken Lebensäußerungen (z. B. in Trauerritualen) werden von Nordeuropäern bisweilen nur als ungesteuert, unkontrolliert, unangemessen beschrieben. Menschen aus der „demenziellen Kultur“ erleben möglicherweise Vergleichbares: Ihre Form, Bedürfnisse auszudrücken, kann uns als ungesteuerter Bewegungsdrang erscheinen. Tatsächlich kann es aber so sein, dass Bewegung bei ihnen auch schon in gesunden Tagen Wohlbefinden auslöste (z. B. bei Menschen, die Wandern in gesunden Tagen als befriedigendes Ereignis erlebten). Dann könnte auch beim Leben in der „demenziellen Kultur“ dieses Bedürfnis bestehen. Wenn wir es nicht richtig einordnen, kann es aber uns Normalsinnigen jetzt nur noch als ungesteuerter Bewegungsdrang imponieren.
Oder nehmen wir das menschliche Bedürfnis nach Orientierung (vgl. Seite 28). Als Orientierung dienen uns sprachliche Beschreibungen, Straßenschilder, das Wiedererkennen von Piktogrammen und anderen optischen Wegmarken. All dies hilft den Menschen aus der „demenziellen Kultur“ meist wenig. Stattdessen kann es sie sogar verwirren: unterschiedliche Farbmuster (auch Straßenmarkierungen) am Boden werden von ihnen unter Umständen als Schwellen interpretiert, selbst wenn sie für uns nur rein ästhetische Signale darstellen. Umgekehrt sind bestimmte farbliche Codierungen als Markierung für Schwellen und andere Gefahrenpunkte für Menschen in der „demenziellen Kultur“ ähnlich hilfreich wie in unserer Kultur ein Warndreieck.
Wenn wir also akzeptieren, dass die Demenz eine kulturelle Variante darstellt, wird klar, dass Menschen mit Demenz zwar die gleichen biologischen, biopsychischen und biopsychosozialen Bedürfnisse (vgl. Seite 28) haben wie wir, ihnen jedoch individuell unter-
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schiedlich begegnet werden muss. Dabei muss jedoch beachtet werden, dass die Entsprechung der Bedürfnisse von Menschen nicht allein demenzspezifisch sein muss, sondern die Art und Weise, in der Bedürfnisse verwirklicht werden, ohnedies von Mensch zu Mensch variieren.
Beispiel: Eine Frau mit Demenz fiel ihrer Betreuerin dadurch auf, dass sie immer wieder (anscheinend unpassend) anfing zu singen. Beschäftigte man sich mit ihrer Biographie, so ergab es sich, dass diese Frau in Stresssituationen schon immer gesungen hatte und damit das Bedürfnis nach Erholung befriedigen konnte, wie ihre Tochter berichtete. Es war bei ihr übrigens ein Verhaltensmuster, das einer familiären Tradition entsprach.
Hier zeigt sich, dass diese Art der Bedürfnisbefriedigung also nichts Demenzspezifisches war, sondern biographisch als sehr individuelles Verhalten verstehbar wurde. Die Veränderung bestand lediglich darin, dass die Frau die Hintergründe ihres Verhaltens nicht mehr kommentieren konnte.
Es lässt sich also sagen, dass die Wahrnehmung von Demenz als kultureller Besonderheit den Blick dafür öffnet, dass diese Gruppe von Menschen zu unserer kulturellen Vielfalt beitragen kann. Um jedoch einen wirklichen Beitrag leisten zu können, müssen ihnen Möglichkeiten der Teilhabe geboten werden. Dann stellen sie im Sozialraum nicht nur eine „störende“ Herausforderung dar, sondern sie können ihr Potential einbringen und den Sozialraum interessanter gestalten. Dazu muss ihnen durch Assistenz der Zugang eröffnet werden.
8.2 Assistierte Inklusion
Damit Menschen mit Demenz weiterhin im Sozialraum leben können und der Sozialraum für sie erhalten werden kann, benötigen sie Assistenz, durch die eine Inklusion verwirklicht werden kann. Grundidee ist, dass durch eine oder mehrere Assistentinnen die Defizite bei der Orientierung in unserer Kultur wenigstens teilweise ausgeglichen werden. Ein ähnliches Prinzip wird bei der Integration/Inklusion z. B. von Kindern mit Behinderung in der Regelschule bereits seit längerer Zeit erfolgreich praktiziert. Beispiel: Eines Tages ging Frau Lehmann nicht mehr zum Kirchenchor, in dem sie viele Jahre gesungen hatte. Schon seit einiger Zeit wurde sie häufig unruhig, wenn ihre Stimme nicht probte und lief im Raum umher. Vielleicht wusste sie nicht, was sie tun sollte, vielleicht brauchte sie nur etwas Bewegung. Jedenfalls fühlten sich einige andere Sängerinnen dadurch gestört. Keiner versuchte, Frau Lehmanns Verhalten zu verstehen. Hinzu kam, dass Frau Lehmann häufig vergaß, zu den Proben zu erscheinen, nicht mehr zur Haustür kam, wenn sie von einer anderen Chorsängerin abgeholt werden sollte, weil sie die Klingel nicht hörte. Die anderen Teilnehmerinnen wollten Frau Lehmann irgendwann nicht mehr mittragen, weil sie gelegentlich auch bei Auftritten zwischen den einzelnen Stücken laut dazwischen fragte, welches Lied als nächstes dran sei. Dies aber stimmte Frau Lehmann sehr traurig und sie verließ resigniert diese vertraute Gruppe.
An dieser Stelle wäre eine persönliche Assistenz, z. B. eine gut geschulte freiwillige Helferin hilfreich gewesen, um es Frau Lehmann zu ermöglichen, weiterhin im Chor mitzuwirken. Diese hätte einerseits Frau Lehmanns Verhalten auffangen und kompensieren können, indem die freiwillige Helferin Frau Lehmann. zuflüsterte, was als Nächstes dran ist. Andererseits hätte es ihre Aufgabe sein können, nach weiteren Möglichkeiten zu suchen, wie Frau Lehmann ihre Bedürfnisse, z. B. das nach Gemeinschaft im Chor verwirklichen kann. Außerdem hätte sie als geschulte Person zwischen Frau Lehmann und den Menschen in ihrem Umfeld vermitteln können. Indem Defizite von Menschen mit Demenz teilweise kompensiert werden, wird einerseits Teilhabe für diese Menschen (wieder) möglich, und wird andererseits die Akzeptanz von Menschen mit Demenz wie auch dem gesamten Phänomen Demenz erhöht werden. Eine wichtige Aufgabe der Assistentinnen wäre es zudem, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zu erkennen und im Aus-
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tausch innerhalb eines Freiwilligenteams und mit der Betroffenen nach Wegen suchen, diese so weit wie möglich zu verwirklichen.
Dies erfordert Mut, weil es eine relativ neue Idee ist, nicht nur jüngeren Menschen mit einer Behinderung sondern auch älteren Menschen mit der Demenz als Behinderung Teilhabe zu ermöglichen. Darüber hinaus könnte der Sozialraum von Menschen mit Demenz länger für sie zugänglich sein. Über die Assistenz wird dieser erschlossen oder sogar neue Räume geöffnet. Gleichzeitig ist auch die Assistenz an sich unter Umständen schon ein positiver Kontakt, wenn die Assistentin auf die psychischen Bedürfnisse (u. a. Seite 30 ff.) eingeht. Das verstehe ich unter „assistierter Inklusion“. Es könnte sich künftig lohnen, nach Umsetzungsmöglichkeiten für das Modell der „assistierten Inklusion“ zu suchen und zu überprüfen, wie diese Assistenz gestaltet werden muss, damit sie die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Demenz berücksichtigt und zwar auf eine individuell angemessene Weise. Zu evaluieren wäre dabei auch, wie lange solch eine Assistenz ökonomisch sein kann: Menschen mit Demenz haben in der Regel eingeschränkte Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzuhaben. Je größer die persönlichen Einschränkungen und je weniger angepasst die Umwelt an die Bedürfnisse ist, je weniger Personen es gibt, die als Ressource genutzt werden, desto weniger Möglichkeiten haben Menschen mit Demenz. Eine Option, um Menschen mit Demenz mehr Flexibilität zu ermöglichen, ist die persönliche Assistenz. Je geringer die Einschränkungen von Menschen mit Demenz, desto weniger Assistenz wird wohl notwendig sein. Umgekehrt ist umso mehr Assistenz erforderlich, je größer die persönlichen Schwierigkeiten sind. Zu untersuchen wäre, ob und wann ein Grenzwert erreicht wäre, bis zu dem die Flexibilität möglich ist. In diesem Kontext ist auch zu erforschen, welche Bedingungen Inklusion ermöglichen.
8.2.1 Was brauchen nun Assistentinnen?
Zu erkunden und zu erproben wäre, welche persönlichen Voraussetzungen Menschen mitbringen müssen, die Menschen mit Demenz begleiten möchten. Vor allem aber sollten sie ihrerseits angemessen unterstützt werden: Durch geeignete Vorbereitung und durch kontinuierliche, professionelle Unterstützung. Dass Freiwillige genau dies wünschen, hat die Forschung bereits vor langer Zeit gezeigt. Gerade diese Bezugsarbeit könnte als wichtige Aufgabe für die Soziale Arbeit gesehen werden. Im Übrigen fielen hier der Sozialen Arbeit vor allem übergreifende Aufgaben zu. Da ginge es darum, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und anderen Menschen im Umfeld (z. B. im Stadtteil) zu erkennen und weiterhin dann, diese Menschen entsprechend zusammenzubringen. Zunächst durch die Gründung eines Vereins oder eines Netzwerkes, in dem sich Institutionen oder auch Einzelpersonen zusammenschließen, um gemeinsam auf eine Verwirklichung von Bedürfnissen von Menschen mit Demenz und eine assistierte Inklusion hinzuwirken. Dafür müsste auch allgemein der entsprechende Sozialraum für das Thema sensibilisiert werden und ein öffentliches Interesse dafür geschaffen werden. Soziale Arbeit könnte hier auch Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Da ginge es u. A. darum, gezielt für die Assistenz zu werben. Auf dieser Basis könnten auch ungewöhnliche Ideen verwirklicht werden: Wie wäre es, ein „Überraschungs-Demenz-Café“ zu eröffnen. Nicht für Menschen mit Demenz, sondern für alle. In dem Café bedient dann vielleicht eine freundliche ältere Dame mit schwarzer Schürze und gestärkter weißer Bluse. Unsere Dame, lassen wir sie Frau Maier heißen, „Maier mit ai“ wie sie immer sagt, hat eine demenzielle Erkrankung. Mit Hilfe ihrer Assistentin kann sie diese Aufgabe, die ihr viel Spaß macht, bewältigen.
8.3 Was noch zu tun ist
Es erscheint wünschenswert, Gesetze immer daraufhin zu überprüfen, ob sie „de-menzfreundlich“ sind, also ob sie Menschen mit Demenz nicht benachteiligen, wie das auch in anderen Bereichen der Arbeit mit Menschen mit Behinderung üblich ist. Hierzu müsste überprüft werden, ob bestehende Gesetze (z. B. Gesetz zur Gleichstellung behin-
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derter Menschen (BGG)) ausreichen. Zwar gelten bislang nur 2 % der bundesdeutschen Bevölkerung als demenziell erkrankt. Gerade deswegen ist es wichtig, diese besonders schutzbedürftige Gruppe von Menschen besonders zu berücksichtigen. Denn es kann kaum erwartet werden, dass Menschen mit einer Demenz selbst für ihre Rechte eintreten können, solange ihre Bedürfnisse und ihre spezifischen Formen des Ausdrucks nicht stärker berücksichtigt werden.
Einen Blick auf die Rechte von Menschen mit Demenz (vgl. auch Seite 17 f.) ermöglicht auch die im nächsten Abschnitt formulierte Erklärung der Rechte von Menschen mit Demenz. Darin sind erneut Bedürfnisse und Wünsche von Menschen mit Demenz enthalten.
8.4 Deklaration der Rechte von Menschen mit Demenz
Verständlicherweise wird bei der Unterstützung von Menschen mit Demenz in den meisten Fällen aus der Rolle der Helfenden gesprochen, gehandelt und gedacht, auch wenn wir uns darum bemühen, dabei immer wieder die Binnenperspektive der Betroffenen aufzusuchen. Um mit einer gewissen Radikalität die Betroffenen selbst zu Worte kommen zu lassen und damit gleichzeitig einen Perspektivewechsel der Helfenden anzumahnen, kann ein Weg gewählt werden, den schon 1974 eine Gruppe nordamerikanischer Pflegekräfte unter Leitung der Pflegewissenschaftlerin Amelia Barbus bei einem Seminar in Lansing / Michigan (USA) gingen (Barbus, 1975): Sie entwarfen im Rahmen eines Workshops zum Thema „Die sterbenskranken PatientInnen und die Helfenden“ eine Deklaration der „Menschenrechte Sterbender“. Diese Deklaration wurde in verschiedensten Varianten seither immer wieder aufgegriffen. Stanley und Zoloth-Dorfman (2001) empfehlen sogar, dass alle Pflegenden, die für Menschen am Lebensende tätig sind, sie als „Checkliste“ für ihre Arbeit nutzen.
In enger Anlehnung an dieses Vorgehen habe ich im Folgenden (auf der Basis der Ausführungen dieser Arbeit) eine „Deklaration der Rechte von Menschen mit Demenz“ entworfen. Auch sie soll dazu beitragen, dass wir Helfenden uns daran erinnern, dass es nicht unser „Gutmenschentum“ ist, das Menschen mit Demenz ihre Rechte sichert, sondern, dass die Betroffenen über Menschenrechte verfügen, die einen Anspruch formulieren, dem wir uns zu beugen haben, soll unsere Arbeit glaubwürdig auf tragfähigen menschenrechtlichen Prinzipien ruhen. Diese Rechte der Menschen mit Demenz sind nicht als Menschenrechte im engeren Sinne zu verstehen, sondern sollen einen Perspektivwechsel der Helfenden veranlassen.
Deklaration der Rechte von Menschen mit Demenz
1. Ich habe das Recht, bis zu meinem Tod wie ein lebendiges menschliches Wesen behandelt zu werden und dabei als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu bleiben.
2. Ich habe ein Recht darauf, von Menschen umsorgt zu werden, die in meinem Handeln einen Sinn entdecken können.
3. Ich habe das Recht, Gefühle und Emotionen auf die mir eigene Art und Weise ausdrücken zu dürfen.
4. Ich habe das Recht, nicht alleine gelassen zu werden.
5. Ich habe das Recht, dass meine innere Welt geachtet wird und als für mich real anerkannt wird. Dazu gehört auch eine für mich sinnvolle Betätigung.
6. Ich habe das Recht, nicht respektlos getäuscht zu werden.
7. Ich habe das Recht, von meiner Familie und für meine Familie Hilfen zu bekommen, damit ich meine Krankheit annehmen kann.
8. Ich habe das Recht, in Frieden und Würde zu leben.
9. Ich habe das Recht, als Person anerkannt und nicht alleine über meine Demenz definiert zu werden.
10. Ich habe das Recht, von fürsorglichen, empfindsamen und klugen Menschen um-sorgt zu werden, die sich bemühen, meine Bedürfnisse zu verstehen und die fähig
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sind, innere Befriedigung daraus zu gewinnen, meinen Weg in der Demenz zu begleiten.
8.5 „Wenn ich groß bin, will ich auch dement sein“
Sicher ist diese Überschrift (in der Formulierung angelehnt an die Werbung der LBS 6 ) provokant und viel zu überspitzt. Aber vielleicht ist es gar nicht so abwegig, dass ein Kind damit zum Ausdruck bringen könnte, nachdem es erfahren hat, dass die Großmutter an Demenz erkrankt ist: „Ich mag meine Großmutter, die erscheint so zufrieden, wie sie lebt; so möchte ich auch leben.“ Es sollte also ein Ziel sein oder wenigstens eine Utopie sein dürfen, dass Menschen mit Demenz so menschenwürdig und auch überwiegend zufrieden leben, dass das „Schreckgespenst Demenz“ wenigstens allmählich ein bisschen verblassen kann oder Menschen gelernt haben, damit umzugehen und Demenz als eine mögliche Lebensform begreifen, die ein würdiges Leben ermöglicht.
6 LBS-Film: Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer sein. Quelle: Internet, URL: http://www.taunussparkasse.de/12e11a3064de88bf/index.htm. Zugriff: 15.08.2007.
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9 Fazit
Bislang sind die Hilfen für Menschen mit Demenz fast ausschließlich Einzelfallbezogen. Denn die überwiegenden Leistungen, die Menschen mit Demenz zustehen (Leistungen der Pflegeversicherung, Sozialhilfe), stehen nur der konkreten Einzelperson zu, nicht ganzen Betroffenengruppen. So müssen z. B. Alten(pflege-)einrichtungen ihre gesamten Leistungen über die einzelnen Menschen abrechnen. Eine Veränderung der Angebotsstruktur für Menschen mit Demenz, wie sie diese Diplomarbeit vorschlägt, könnte also bereits an den Finanzierungsstrukturen in Deutschland scheitern. Es gibt auch (abgesehen von Modellprojekte wie z. B. Aktion Demenz e. V. - Aktion für ein besseres Leben mit Demenz 7 ) keine wirklich sozialräumlich orientierten Finanzierungsoptionen. Es fehlt eine gesetzliche Grundlage, die Rahmenbedingungen so verändern könnte, dass auch sozialräumliche, präventive, integrative Formen der Begleitung verstärkt werden. Diese muss vom Gesetzgeber gewollt und mit angestoßen werden. Um eine Motivation für die Veränderung der Verhältnisse zu schaffen, müssten auch finanzielle Anreize entwickelt werden. Nach wie vor werden eifrig weiter neue Großeinrichtungen für Menschen mit Demenz gebaut, jeder schmückt sich mit einen Teilbereich für Menschen mit Demenz, doch die Integration bleibt auf der Strecke, findet bestenfalls innerhalb der Gruppe von Menschen mit einer Demenz statt. Eine Integration, eine inklusives Leben als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, als Bürgerin mit Rechten und Pflichten im Rahmen des Möglichen wird kaum thematisiert.
Wahrscheinlich hat Dörner (2007) Recht, wenn er sagt, dass Integration bereits in der Schule beginnen müsse. Wie sollen Menschen andernfalls den Umgang mit anderen, auch zunächst eher fremden Menschen erlernen, wenn nicht bereits in Schule und Berufsleben? - Letztendlich bleibt es also womöglich bei der Utopie einer veränderten Gesellschaft, in der auch Menschen mit Demenz ihren Platz für ein gleichberechtigtes, menschenwürdiges Leben finden (Wancata et al. 2007).
9.1 Zusammenfassende Überlegungen
Grundsätzlich steht der Sozialarbeit heute eine große Anzahl von Handlungskonzepten und Beschreibungsmodellen für soziale Probleme zur Verfügung. Diese könnten durchaus menschenwürdige Perspektiven für Menschen, die in der Demenz leben, eröffnen. Aber gerade für die Gruppe der Menschen mit Demenz werden diese Ansätze bislang (zu) wenig genutzt.
In der vorgelegten Arbeit habe ich zu beschreiben versucht, welchen Nutzen die sozialarbeiterische Perspektive in diesem Handlungsfeld leisten würde: bestehende Netzwerke zu identifizieren und zu analysieren öffnet den Blick für die Integrationsmöglichkeiten von Menschen mit Demenz in ihr gesellschaftliches Umfeld - vorausgesetzt es gelingt, die Bürgerinnen, die im entsprechenden Sozialraum leben, ausreichend zu aktivieren. Dies würde im Idealfall nicht nur eine Leistung der Helfenden darstellen, sondern würde im Dialog mit den Betreffenden realisiert. Dies wiederum ermöglicht es, Menschen mit Demenz ihre Würde nicht nur zu erhalten, sondern eine würdevolle Neugestaltung einer ungewohnten Lebenssituation herbeizuführen. Die Nutzung sozialräumlicher Ressourcen eröffnet die Chance, dass Menschen mit Demenz einerseits in ihrem Personen-Sein vollständig wahrgenommen werden und andererseits eine vollständige Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen im Netzwerk gewinnen. Damit könnten ihre eigenen Bedürfnisse (wie z. B. das nach Zugehörigkeit (vgl. S. 28)) erfüllt werden. Gleichzeitig ergäbe sich daraus die Chance, dass sie selbst Bedürfnisse anderer (wie z.B. Austauschgerechtigkeit) ihrerseits erfüllen. In diesem Prozess des sozialen Austausches bleiben Menschen mit Demenz also nicht Objekte professioneller Hilfen, sondern würden selbst zu handelnden
7 http://www.aktion-demenz.de/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=17&Itemid=54 Zugriff: 02.09.2007
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Subjekten in ihrem sozialen Umfeld. Dass sie hierbei die erforderliche Assistenz benötigen (s. S. 67), verringert nicht den Wert dieses Konzeptes.
Von solchen Idealzuständen sind wir aber zurzeit in Deutschland noch weit entfernt. Menschen mit Demenz werden nach wie vor eher aus medizinischer Perspektive als Defektwesen beschrieben und gesehen, für die Lebensqualität nicht oder nur sehr schwer erreichbar ist. Oftmals weggeschlossen in totale Institutionen wie Pflegeheime, zeigen sie schließlich die extremen Ausfälle und Defekte, die von ihnen auch „erwartet“ werden. Hier begegnen wir also möglicherweise einer ähnlichen Situation, wie sie im Bereich der Psychiatrie als Hospitalismus-Phänomen bei hospitalisierten Langzeitkranken beschrieben wurden (Wancata et al. 2007).
Sozialarbeit könnte hier wichtige Aufgaben der Veränderung wahrnehmen:
- So warten In diesem Bereich Forschungsaufgaben: Eine Forschung, in der die im Verlauf dieser Arbeit skizzierten Erkundungsprozesse von bestehenden Ressourcen in Gang gesetzt werden und in der im Feld analysiert wird, welche Bedeutung die genannten Handlungsansätze haben oder haben könnten.
- Zum anderen durch praktisches Tun: ein Tun, das den Blick auf die Demenz mehr unter dem Aspekt des Sozialraumes wagt, gleichzeitig einen Personzentrierten Zugang zu einzelnen Betroffenen anstrebt und dabei deren Bedürfnisse berücksichtigt.
Schließlich könnten dann auch die Grenzen der bisher bestehenden sozialen Erkenntnismöglichkeiten ausgelotet werden wie sie die hier geschilderten Handlungsansätze und Wahrnehmungs-Perspektiven vorschlagen. Solche Grenzen und auch ihre Risiken zu erkennen, kann der erste Schritt dazu sein, weiter die Forschung voranzutreiben und dabei die bisher gedachten Konzepte konstruktiv zu erweitern oder sogar zu überwinden.
9.2 Abschließende Fragen und Gedanken
In dieser Arbeit wurden also vor allem grundlegende Überlegungen zu den Möglichkeiten eines menschenwürdigen Lebens für Menschen mit Demenz aus sozialräumlicher Sicht diskutiert. Diese können als Ausgangspunkt für viele weitere Fragen und Aufgaben gesehen werden, auf die es weder pauschale, noch einfache Antworten geben wird. Wahrscheinlich hat die vorliegende Arbeit letztlich sogar mehr Fragen aufgeworfen, als im begrenzten Rahmen einer theoretischen Diplomarbeit beantwortet werden konnten. Diese Arbeit hat gezeigt, dass eine spezielle, zusätzliche weitere Perspektive für die Demenz eingenommen werden sollte, um diesem Phänomen gerecht zu werden. Es bleibt die Frage, wie Soziale Arbeit das Bild von Demenz (u. a. durch Öffentlichkeitsarbeit) so ergänzen könnte, dass beispielsweise die Bedürfnisse der Betroffenen mit in den Blick gelangen. An diesen Gedanken anknüpfend könnte überlegt werden, wie in der Öffentlichkeit in den sozialen Tätigkeitsfeldern einerseits und bei den Angehörigen andererseits die betroffenen Menschen mit ihren Bedürfnissen derart in den Vordergrund gerückt werden, dass Menschen mit Demenz nicht ausschließlich als „demente Defektwesen“ wahrgenommen werden. Dabei müssten die unterschiedlichsten Blickwinkel berücksichtigt werden (vgl. S. 14 f.). Zu erforschen wäre es dann, ob und wie günstigere Rahmenbedingungen die Bedürfnisbefriedigung von Menschen mit Demenz tatsächlich fördern können.
Es kann nach dem Gesagten auch die Hypothese aufgestellt werden (der es forschend nachzugehen gälte), dass sozialräumliche Herangehensweisen den Handlungsspielraum von Menschen mit Demenz erweitern und damit deren Möglichkeiten für ein menschenwürdiges Leben verbessern. Es ist davon auszugehen, dass sozialräumliche Perspektiven auf jeden Fall einen viel versprechenden Weg weisen. Bleibt die Frage, wie sozialräumliche Ansätze in der Arbeit mit Menschen mit Demenz konkretisiert werden könnten. Wie müsste ein tragfähiges sozialräumliches Konzept im Alltag konkret aussehen? Und: wie kann die Wirkweise eines solchen Vorgehens evaluiert werden?
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Theoretisch wurde von mir gezeigt, dass bürgerschaftliches Engagement und die damit verbundene „assistierte Inklusion“ eine Möglichkeit darstellen könnte, zur Bedürfnisbefriedigung von Menschen mit Demenz beizutragen. Weiter müsste allerdings konzeptionalisiert werden, wie ein geeignetes Bürgerinnenengagement real aussehen könnte und danach müsste dessen Wirkweise erprobt evaluiert werden. Manche der Im Verlauf dieser Arbeit geäußerten Gedanken mögen bislang noch utopisch erscheinen. Dies kann daran liegen, dass unser Wissen über das Phänomen Demenz einerseits und über sozialräumliche Konzepte in diesem Zusammenhang andererseits noch lückenhaft ist. Es ist auch denkbar, dass die skizzierten Utopien sich in der Realität als nicht tragfähig erweisen. Das sollte uns jedoch nicht daran hindern, erste Schritte in die beschriebene Richtung zu wagen.
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Arbeit zitieren:
Katrin Student, 2009, Ein wertvolles Leben für Menschen mit Demenz, München, GRIN Verlag GmbH
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