Inhaltsverzeichnis
Vorwort 4
Einleitung 5
1. Kierkegaard, Leben und Werk - Leitgedanken 8
2. "Der Begriff Angst - Eine schlichte psychologisch-andeutende Überlegung in
Richtung auf das dogmatische Problem der Erbsünde" 14
2.1. Die Möglichkeit oder der Schwindel der Freiheit. 19
Abschlie ßende Gedanken und Folgerungen 23
Anhang 25
Literaturverzeichnis. 26
Prim ärliteratur 26
Sekund ärliteratur 26
2
Vorwort
Die Briefe Franz Kafkas (geschrieben 1920) an Milena Jesenská „wurden der Liebesroman, der keiner seiner Romane wurde“. 1 Wie ein roter Leitfaden durchzieht sich die Rede von Angst durch jene Briefe, so oft, dass Kafka das Wort mehrmals in Anführungszeichen setzen muss. Diese Angst, die auf alles ausgedehnt werden kann, ist eine Angst vor Missverständnissen, welche die Liebe selbst hervorruft, aber auch eine Angst, die in der Vorwegnahme den Missverständnissen erst ihr eigenes gespenstiges oder dämonisches Leben zu geben droht, sie kann, wie Kafka am Ende der Briefe schlussfolgert zur „Angst vor dem Größten wie dem Kleinsten“ werden, fügt aber dennoch hinzu: “Allerdings ist diese Angst vielleicht nicht nur Angst, sondern Sehnsucht nach etwas, was mehr ist als alles Angstmachende“. 2
Sören Kierkegaards Veröffentlichung Der Begriff Angst 3 ist zwar kein Liebesroman, aber eine Abhandlung über die Angst, gerade eben, weil die Angst mehr ist als Angst, auch wenn sie es auf eine zweideutige Weise zeigt, so zielt und weist sie auf etwas, was es zu verstehen gilt. Für Kierkegaard „[ist] Angst [...] der erste Widerschein der Möglichkeit, ein Aufblitzen und doch ein furchtbarer Zauber“. 4
Kierkegaard behandelt das Thema Angst nicht isoliert, es erschließt eher die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Obwohl seine Abhandlung über die Angst kein Liebesroman im herkömmlichen Sinne wird, weist Angst dennoch einen Zusammenhang mit Liebe - im Positiven wie im Negativen - auf, denn in Angst kann der Mensch sich in sich selbst verschließen, aber ebenso kann er auch so auf sich selbst aufmerksam werden, dass er dadurch die Verbindung zwischen sich selbst und dem anderen erkennt.
1 Sørensen 1968, S. 40 zitiert in: Grøn 1999, S. 7
2 Kafka 1966, S. 192
3 Vier Tage nach den Philosophischen Brocken veröffentlicht Kierkegaard am 17.06.1844 den Begriff Angst als pseudonymes Werk, das den vollen Titel: "Der Begriff Angst. Eine schlichte psychologisch-hinweisende Überlegung in Richtung auf das dogmatische Problem der Erbsünde von Vigilius Haufniensis" trägt. Dieses Pseudonym wurde nach der Fertigstellung der Schrift eingefügt und nur für BA verwendet. VIGILIUS HAUFNIENSIS (im Folgenden kurz: VIGILIUS) läßt sich übersetzen mit der Wachmann/ der Wachsame /der Achtsame von (aus) Kopenhagen. Intention dieser Pseudonymsetzung ist es vermutlich, die Wachsamkeit und Aufmerksamkeit für einen Problembereich zu indizieren, der anderen im Dunkel (vermeintlicher Aufgeklärtheit der Zeit) entgangen ist. VIGILIUS ist also nicht im Sinne von Nachtwächtern zu verstehen, der Wache hält, um Ruhe und Ordnung auch im Dunkeln zu gewährleisten, sondern im Gegenteil im Sinne eines Menschen, der aufmerksam und wachsam ist, während die anderen im Dunkeln "umnachtet" und daher unaufmerksam für die Thematik von BA sind (vgl. Dietz 1993, S. 253).
4 Tagebücher III, S. 292; Die Belege aus den Tagebüchern Kierkegaards beziehen sich auf die fünfbändige Auswahl, die Hayo Gerdes übersetzt hat (Düsseldorf/Köln 1962-1974). Zitiert in: Grøn 1999, S. 7; Umstellung: N.R.
4
Die Angst ist auch in dieser Hinsicht - greifen wir Kafkas Worte noch einmal auf - „mehr als alles Angstmachende“.
Einleitung
Søren Aabye Kierkegaard Der Denker und sein Leben - eine Warnung
Es gibt wohl nur sehr wenige Philosophen, bei denen das Denken so eng mit dem Leben verknüpft ist wie bei Sören Kierkegaard. Demzufolge liegt die Versuchung nahe, Kierkegaards Denken und Schreiben als Ausdruck seines Lebens zu werten und damit auch eventuell - zu entwerten. Obwohl sich intimste Tagebuchaufzeichnungen und Liebesbriefe in seinen ästhetisch-philosophischen Schriften wiederfinden lassen und einige seiner Bücher als Botschaft für eine einzige Person gedacht sind, dass die unglückselige Verlobungsgeschichte von ihn immer wieder erneut thematisiert und philosophisch reflektiert wurde, läßt zunächst auf eine außergewöhnliche Einheit von Leben und Werk schließen. Vieles wird natürlich erst durch Kierkegaards Lebensgeschichte verständlich, dennoch gehen die Bewegungen und Ergebnisse, wie die Triftigkeit und Bündigkeit seines Denkens weit über die Kontingenz eines Lebenslaufes hinaus. Offensichtlich gehört Kierkegaard auch zu jener Art von Menschen, deren geistiges Schaffen durch ein bedeutsames Erlebnis bestimmt ist und dementsprechend aus lauter Variationen zu ein und demselben Thema, aus der vielfältigen und vielschichtigen Abwandlung eines einzigen Grundmotivs zu bestehen scheint. 5 Von der Kraft, die sich aus solch einem großen Erlebnis heraus entwickeln kann, sagt Nietzsche einmal: „aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene Formen aus sich nachzuformen“ und meint, dass es Menschen gäbe, die diese Kraft so wenig besäßen, dass sie an einem einzigen Erlebnis, an einem einzigen Schmerz wie an einem kleinen blutigen Riß verbluteten. 6 Kierkegaard mag sehr nachhaltig und abgründig an der merkwürdigen wie seltsamen Geschichte seiner Verlobung gelitten haben, zugrunde gegangen ist er jedoch nicht - eher gelang es ihm aus dem Scheitern der angestrebten Vereinigung geistiges Kapital zu schlagen, obwohl Regine Olsen bis zu seinem Tode die einzige Frau blieb, zu der er in eine nähere und innigere Beziehung trat. Zeit seines Lebens blieb er ihr auf sonderbare, doch in der für ihn typischen Weise innerlich verbunden. Der im ersten Teil folgende biographische kurze Abriss
5 Vgl. Guarda 1980, S. 13
6 Nietzsche, Friedrich: Werke in 3 Bänden, herausgeg. von Karl Schlechta. 5. Auflage, München 1966. I, S. 213. Zitiert in: Guarda 1980, S. 14
5
teilt nur soviel vom Leben Kierkegaards mit, wie zum Verständnis des darauf folgenden unerlässlich scheint, erhebt aber keineswegs den Anspruch etwas vom Werk des Philosophen zu erklären. Der zweite Abschnitt geht konkret auf Kierkegaards Schlüsselwerk "Der Begriff Angst" ein unter besonderer Beachtung des Aspektes der Freiheit in Verbindung mit der Angst. Eine Abhandlung über die Angst, die gerade deshalb ein Schlüsselwerk ist, weil hier Themen zusammengefasst und vorweggenommen werden, die sich in übrigen Schriften entfalten. Themen aus vorausgegangenen Werken (besonders hervorzuheben wäre EO 7 ) werden in BA weitergeführt, jedoch mit einer Richtungsänderung, die einen neuen Ausgangspunkt für die folgenden Schriften Kierkegaards liefert. 8 Die Monographie die Kierkegaard dem "Begriff Angst" gewidmet hat, ist von größter Bedeutung für die Entwicklung der Tiefenpsychologie sowie der Existenzphilosophie gewesen. 9 „[Die] „Angst“
7 "So im ersten Teil von Entweder -Oder [In EO ziehen sich ästhetisches und ethisches Lebensverständnis wechselseitig in Zweifel, so dass die Lebensanschauung, die zunächst vom Leser sympathisch aufgenommen wurde, dennoch auch in Frage gestellt wird.] bei dem jungen Ästhetiker „A“; der in der Angst vor der Setzung der ethischen Stufe lebt und dabei im einzelnen und insbesondere dem Aspekt der Verstrickung Ausdruck gibt: „Was ist das, was mich bindet [!]? Woraus war die Fessel [!] gemacht, mit der der Fenris-Wolf gebunden [!] wurde? ... aus dem Lärm, den Katzenpfoten machen, wenn sie über die Erde geht, aus dem Bart von Frauen, aus den Wurzeln der Felsen... aus dem Atem der Fische und dem Speichel der Vögel. So bin auch ich mit einer Fessel gebunden, die aus dunklen Einbildungen gemacht ist, aus ängstigenden [!] Träumen [!], aus unruhigen [flatterhaften, weil nicht zur Entscheidung führenden] Gedanken, aus bangen Ahnungen [!], aus unerklärten [weil ursachlosen] Ängsten." Die Fessel ist „überaus geschmeidig, weich wie Seide, gibt auch der stärksten Anspannung nach und läßt sich nicht durch Verschleiß in Stücke reißen.“ [...] So nichtig und so elastisch ist die Verstrickung; weil es die „Freiheit“ selber ist, die die „Fessel“, die „Gebunden“heit „in sich selbst“[...] zustande bringt. Und einer solchen Poesie sind die Aspekte und Merkmale des rein psychologischen, unmoralischen Angst-Begriffes im Übrigen und bezeichnenderweise fähig. Ähnlich die übrigen Angst-Erfahrungen der Ästhetiker [in EO1]: u.a. - um auf ein weiteres Beispiel bei „A“ lediglich zu verweisen - die „Zweideutigkeit“ der Angst. [...] Es folgt in Verbindung mit der Gestalt Don Juans, des zweiten Ästhetiker-Typus: vor allem die Musik im Gegensatz zum „Geist.“ Zum „Geist“ im Sinne des Sprachgebrauches vom „Geist des Kampfes“, vom „Geist der Versöhnung“ usw., d.h. vom „Geist“ als ethischem (nicht unbedingt: als gutem) Willen. Demnach: die Musik im Gegensatz zum ethischen Willen; oder noch genauer und weniger missverständlich: die Musik, die „in dem unmittelbar Geistigen als Geist bestimmt [die im verwirklichten ethischen Willen: in der Verwirklichung dieser wesentlichsten Seite des menschlichen Geistes], nicht ihren absoluten Gegenstand [sondern nur einen Gegenstand per accidens] haben kann;“[...] mit sich anschließender Schilderung der „dämonischen“ Angst in der Musik: der dämonischen Nichtverwirklichung des Geistes als ethischen Willens. Einem starken Vorklang zu Vigilius` Kapitel über die „dämonischen Angst vor dem Guten.“ Und im selben Sinne: Don Juan als „... die ganze Gewalt der Sinnlichkeit, die in Angst geboren wird, und Don Juan selbst ist diese Angst, aber diese Angst ist eben die dämonische Lebenslust ...“[...], d.h. sie ist die Nichtverwirklichung dessen, was verwirklicht werden sollte, sie ist das noch gar Nichts der Verwirklichung des Geistes als ethischen Willens: das Nichts der Angst in dieser Hinsicht. Und es erscheint schließlich - nach „A“ und nach Don Juan - an der dritten Gestalt des Ästhetikertums im ersten Teil von [EO], an „Johannes, dem Verführer“, dem im engsten und eigentlichsten Sinne Verdorbenen unter ihnen: u.a. die Unfähigkeit, das Geistige, hier in Gestalt des Gewissens, zu verwirklichen; auch hier mit der Folge der Angst [...]: dem Stehen- und Steckenbleiben in der Nichtverwirklichung, im noch gar Nichts der Angst: in der Ursachenlosigkeit, der In-Determination, der sympathetisch-antipathetischen Gleichgewichtigkeit mit ihrer Beklemmung und Verstrickung. Sodann , im zweiten Teil von [EO], in besonders gründlicher Ausführung durch „ Gerichtsrat Wilhelm“, den „Ethiker“ [„E“]: das Angst-Begriffs-Merkmal des „Geistes“, der „nicht als Geist bestimmt ist.“ Das heißt: die Menschlichkeit, die sich nicht als ethische Menschlichkeit aktualisiert hat. [...] Und auch hier bedeutet die Nichtverwirklichung: Verstrickung in die Angst.“ (EO1/2. Diederichs, Düsseldorf 1956, S. 37; 40; 77; 139 f.; 330 f. zitiert in: Rochol 1984, XLV - XLVII; Einfügungen und Auslassungen: N. R.)
8 Vgl. Grøn 1999, S. 8 ff
9 Vgl. Jacobsen/Waechter 1987, S. 68
6
richtet sich nicht wie die Furcht auf einen bestimmten, bedrohlichen Gegenstand, sondern sie begleitet das Erwachen des Geistes zu seiner eigenen, unendlichen Möglichkeit. Insofern richtet sie sich auf das schlechthin Unbestimmte, Unfaßbare, Unbekannte. Im Grunde ist die Angst die Reflexion des Geistes in sich selbst. Sie ist die unausweichliche Begleiterin der Geistwerdung des endlichen Geistes. Die Spannung zwischen der Endlichkeit, d.h. der schlechtsinnigen Abhängigkeit des Geistes von der „Macht, die ihn gesetzt hat“ und seiner ihm mehr oder weniger bewußten unendlichen Möglichkeit äußert sich notwendig in der Angst. Theologisch ist die „Angst“ für Kierkegaard bedeutsam als psychologische Vorbedingung für den „Sprung“ der Sünde, d.h. den Sprung in die „Verzweiflung“, bzw. in den Glauben, welcher die Angst ständig überwindet, während in der Verzweiflung das Selbst sich der Angst ergibt und damit sich selbst aufgibt. Mit dem „Begriff Angst“ interpretiert Kierkegaard unter einschneidender Form Umformung das Dogma von der Erbsünde: mit der fortschreitenden Geschichte der Sündhaftigkeit des menschlichen Geschlechts wächst zwar für den Einzelnen die Angst und damit die versuchliche Möglichkeit zum Sprung in die Sünde der Verzweiflung; dieser Sprung aber wird stets vom Einzelnen voll verantwortet. Es gibt keine Erb„sünde“, allenfalls eine Erb„angst“.“ 10
Anders als die bisherigen pseudonymen Werke, die Kierkegaards vor BA (am 17. Juni 1844) veröffentlichte, ist diese Schrift keine Mischung aus lyrisch-poetischen, epischen und philosophischen Elementen, sondern in Form einer strengen wissenschaftlichen Abhandlung mit systematischen Aufbau, die konsequent nach Paragraphen gegliedert ist. 11 Und zu Recht trifft Liessmann die Aussage, dass „[aber genau das mißtrauisch stimmen sollte.] [Da] Kierkegaard [...] nie ein systematischer Denker sein [wollte], und den großen, geschlossenen Systemen des Idealismus [...] seine wiederholte Kritik [galt]. Wenn er, ähnlich wie Hegel, einen paragraphenmäßig gegliederten Aufbau vorlegt, dann wohl nicht unbedingt aus der Überzeugung, eine entscheidende Frage ließe sich systematisch erschließen; eher liegt die Vermutung nahe, es handle sich um eine Form kritisch-ironischer Mimesis.[Vielleicht ist] Vigilius Haufniensis’ wissenschaftliche Abhandlung über den Begriff Angst [...] keine offene Satire auf die überzogenen Ansprüche der Wissenschaften, aber in ihrem Verfahren eine Abhandlung über deren Grenzen. Zumindest kritisiert das Vorwort schon die Hybris einer Philosophie - und damit ist Hegel gemeint -, die glaubte, mit dem Zauberwort der Vermittlung und dem Verfahren des dialektischen Dreischritts These-Antithese-Synthese alle Widerspruche, vor allem jene zwischen Denken und Sein, wenn nicht gelöst, so doch aufgehoben zu haben. Dagegen opponiert Vigilius Haufniensis: »Wen man so den letzten
10 Ebd., S. 68 - 69
11 Vgl. Liessmann 1999, S. 85
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Marta Cornelia Broll, 2004, Sören Aabye Kierkegaard - Der Begriff Angst, München, GRIN Verlag GmbH
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