Inhalt
Einleitung 3
1. Der "konsequente" Naturalismus 5
1.1. Der Zusammenhang - Naturalismus und Industrialisierung 6
1.2. Die Kunst: Ihr Wesen und ihre Gesetze 8
1.3. Das literarische Leben -
Die revolutionäre Prosa Papa Hamlet als "Dachstubenidyll" 10
2. Holz’ und Schlafs Papa Hamlet 11
2.1. Die Entstehungsgeschichte des Papa Hamlet oder zur Wahl des Pseudonyms 12
2.2. Rhetorik und Jargon -
Die Bedeutung der Sprache als Mittel der Wortkunst in Papa Hamlet 13
Schlussbetrachtung 15
Quellenverzeichnis 17
Pers önliche Erklärung 1
2
Einleitung
Franz von Stuck (1863 - 1928), Mitbegründer der Münchner Sezession (1892), gefeierter Vertreter des Neoklassizismus mit starker Wirkung auf den Jugendstil, wird zu den Münchner Malerfürsten gezählt und bevorzugte in seinen Werken schwebend-unwirkliche Darstellungen aus dem Reich der Fabel so wie allegorische und symbolhafte Gestaltungsweisen, und Heinrich Rudolf Zille (1858 - 1929) bevorzugte in seiner Kunst eher Themen aus dem Berliner "Milljöh". Sozialkritisch wie lokalpatriotisch stellte er Szenen und Figuren dar, die vornehmlich aus sozialen Unterschichten und/oder Randgruppen herausresultierten. Wenn es überhaupt so etwas wie eine naturalistische Zeichenkunst gegeben hat, dann war der Schilderer der Proletarier- und Kleinbürgerwelt mit Sicherheit einer ihrer Hauptvertreter. Zwei Künstler einer Generation - wodurch sich die berechtigte Frage stellt: „[K]ann es größere Gegensätze zwischen zeitgenössischen Künstlern geben? Und doch, neben ihrem Herkommen aus einfachen Verhältnissen gibt es eine weitere Gemeinsamkeit: beide haben nach Photographien gearbeitet. Zille hat sein »Milieu«, das nach ihm seinen Namen bekommen hat, immer wieder mit der Kamera eingefangen und uns eine Reihe dokumentarisch wertvoller Aufnahmen hinterlassen. [...] Sein typisch weicher Strich, die in die Szene hineingesetzten Figuren und der makabre Witz der Unterschrift sind freilich seine Zugaben und geben dem Bild eine Aggressivität, die die Photographie bei aller bedrückenden Düsterheit nicht hat. Von Franz von Stuck wissen wir seit ein paar Jahren, daß er bei Bildnissen die Umrisse des Kopfes von selbstgefertigten Porträtaufnahmen auf die Leinwand durchpauste.“ 1 Bei aller Ähnlichkeit des vollendeten Bildes mit der Photographie treten auch bei Franz von Stuck die Unterschiede deutlich hervor. Die eher glasig harte Farbgebung in Stucks Bildern gibt etwas Statuarisch-Pompöses wider, die den Photographien in ihrer weichen Charakteristik nicht eigen ist.
Aber wozu einleitend der Vergleich zwischen Franz von Stuck und Heinrich Rudolf Zille? Nicht zu unrecht vertritt Walter Schmähling die Ansicht, dass „...zu rasch und zu kurz [geschlussfolgert wird], wenn man den Hauptunterschied zwischen repräsentativer Kunst und Dichtung und dem Naturalismus nur im Verhältnis zur Wirklichkeit zu finden glaubt. Die Menschen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wollten der Wirklichkeit durchaus auch in der Kunst begegnen.“ 2 Die Naturalisten standen sozusagen dem Streben nach getreuer Wiedergabe der Wirklichkeit nicht im Gegenstrom zu ihrer Zeit. Lohnenswert scheint wohl eher die Frage: Wie weit sich ihr Wirklichkeitsbegriff von denen ihrer Zeitgenossen unterschied?
1 Best/Schmitt 1977, S. 11; Umformung: M.B.
2 Ebd., S. 11-12; Auslassung und Einfügung: M.B.
3
Viele damalige neue Vorstellungen der Naturalisten, wirken heute wohl eher vertraut auf uns oder werden gar als Selbstverständlichkeit betrachtet. Sie sind, so Hanno Möbius, „...Zeichen für die fortwährende Aktualität sozialdarwinistischer-liberaler Vorstellungen, zweckrationaler Prinzipien und objektivistischer Maßstäbe, sowohl im Denken als auch in unserer gesellschaftlichen Praxis.“ 3 Der Naturalismus als die erste Kunstströmung der industriellen Gesellschaft, der Zusammenhang und die Affinität zur Technik sind Gegenstand der Diskussion des ersten Teils der vorliegenden Arbeit. Obwohl die Naturalisten ihre Erkenntnisse nicht nur aus dem Studium der avancierten ausländischen Literatur empfingen, schärfte jene Literatur des Auslandes den Blick der avantgardistischen deutschen Literaten für ihre eigene Gegenwart. Die Naturwissenschaft als eine theoretische Erkenntnis ist der Angelpunkt des naturalistischen Selbstverständnisses und sie begründet das Primat der Theorie. Mit anderen Worten formuliert: „Auf der Basis einer naturwissenschaftlich abgesicherten Theorie sollen - nunmehr unangreifbar - literarische Techniken entwickelt (bzw. z. T. aus der Tradition übernommen) werden, die beliebig anwendbar, also allumfassend gültig sind. Der literarische Gegenstand wird für die Naturalisten zugunsten der Methode sekundär.“ 4 Der daraus resultierende Kristallisationspunkt jener naturalistischen Theorie ist das Gesetz. Diese weltanschauliche Grundposition, die am avanciertesten von Holz in der Publikation: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze zum Tragen kommt, ist ein weiterer Aspekt der Auseinandersetzung des ersten Teiles dieser Arbeit, bevor im Mittelpunkt des zweiten Teiles die von Arno Holz und Johannes Schlaf „...gemeinsam erarbeitete experimentelle Skizze »Papa Hamlet« [als...] Ausgangspunkt in der Entwicklung des deutschen Naturalismus steht. [Denn, s]owohl die späteren Stücke von Holz als auch die von [Gerhard] Hauptmann sind in ihrer Form ohne »Papa Hamlet« nicht denkbar.“ 5 Obwohl Papa Hamlet inhaltlich wohl eher ein Verlegenheitswerk zu sein scheint: Ein alternder, verarmter Schauspieler findet sich in der Realität keinen Halt, erschlägt im Affekt seinen Sohn und stirbt letztendlich im Alkoholrausch, etabliert Holz auf der sprachlichen Ebene eine neue Darstellungsart. Adalbert von Hanstein (1861-1904) bezeichnete diese Darstellungstechnik als Sekundenstil, weil die Zustände und Veränderungen einzelner Aspekte „Sekunde für Sekunde“ der Realität in „Zeit und Raum geschildert werden“. 6 Vor dem Hintergrund, dass Sprache nach der Auffassung von Holz ein bloßes Reproduktionsmittel sei, beleuchtet der letzte Abschnitt die Funktionalität von Sprache in Papa Hamlet näher.
3 Möbius 1982, S. 8; Auslassung: M.B.
4 Ebd., S. 12.
5 Ebd., S. 78; Auslassung, Umstellung und Einfügungen: M.B.
6 Vgl. Hanstein, Adalbert von: Das jüngste Deutschland. Zwei Jahrzehnte miterlebte Literaturgeschichte. Leipzig 1901, S. 157. Zitiert nach: Bunzel 2008, S. 101.
4
1. Der "konsequente" Naturalismus
Am avanciertesten ist die Literaturtheorie des Naturalismus von Arno Holz in Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze entwickelt worden. Nach Hanno Möbius Ansicht muss sich „[a]n dieser konsequenten Systematisierung der weltanschaulichen und ästhetischen Theoreme des Naturalismus [...] die Literaturgeschichtsschreibung orientieren, weil die übrigen, mehr gelegentlichen theoretischen Entwürfe[ 7 ] der Naturalisten - im Verhältnis zu Holz - weniger durchdacht sind und die Prinzipien einer sich wissenschaftlich verstehenden Literatur nicht entschieden genug vorantreiben.“ 8 Die Einwände gegen diesen Status der Holz`schen Theorie, dass die Konzeption weder konzis formuliert noch in den Kreisen der Naturalisten unumstritten gewesen sei, fallen weniger ins Gewicht.
„Im Alltagsgebrauch und in der germanistischen Sekundärliteratur, soweit sie sich nicht näher auf den Gegenstand einläßt, gilt «naturalistisch» im allgemeinen als Kürzel für «naturgetreue Abbildung», die mit «fotografischer Genauigkeit» verglichen wird.“ 9 Hanno Möbius vertritt hierzu die Ansicht, dass „[s]olche oder ähnliche Formeln [...] die Programmatik und Leistung der naturalistischen Literaten so sehr [vergröbern], daß sie als falsch zurückgewiesen werden müssen. An Holzens Literaturtheorie [ließe...] sich beispielhaft zeigen, wie sehr die Erkenntnis, prinzipiell nie eine vollkommene Nachahmung der Natur erreichen zu können, im Mittelpunkt des Selbstverständnisses steht. Allerdings versuchen die Naturalisten in einer Zeit zunehmender technischer Beherrschung der Natur, auch die Literatur durch Anwendung moderner naturwissenschaftlicher Verfahren und durch die Übernahme positivistischer Theoreme exakter, «wissenschaftlicher» zu sein.“ 10 Auch in Theo Meyer Statement zum deutschen Nationalismus steht die Holz`schen Theorie in ihrer Tragweite im Vordergrund: „... Arno Holz, [ist es] gewesen, der versuchte, durch theoretische Reflexion und sprachliches Experimentieren eine echte Revolutionierung der Sprache zu erwirken, neue, expressive Sprachformen zu entwickeln und damit zugleich eine enorme Ausweitung der Welterfahrung und des Bewußtseinshorizonts zu erreichen. [...] Es ist ein Fehlgriff der literarischen Wertung, wenn man Arno Holz künstlerisches Versagen, eine Diskrepanz zwischen Entwurf und
7 Die Entwürfe sind zum großen Teil gesammelt in: Literarische Manifeste des Naturalismus. Hrsg. von Erich Ruprecht. Stuttgart 1962.
8 Möbius 1982, S. 13; Auslassung; Umformung und Änderung der Fußnotennummerierung: M.B.
9 Möbius 1980; S. 9.
10 Ebd., S. 9; Auslassungen, Einfügung und Umstellung: M.B.
5
Arbeit zitieren:
Marta Cornelia Broll, 2009, Wie nah oder fern waren die Naturalisten in ihrem Bestreben nach getreuer Wiedergabe der Wirklichkeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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