1. Einleitung
Im Finalspiel der Fussball Weltmeisterschaft 2006 ereignete sich zehn Minuten vor Ende der Nachspielzeit folgende Szene. Der französische Superstar Zinedine Zidane versetzte dem Italiener Marco Materazzi einen heftigen Kopfstoss in die Brust. Materazzi ging zu Boden. „Die Empörung war gross. Zunächst. «Der Heiligenschein zerstört» (FAZ), «Das Genie ist tot» («Bild»), «Der Engel gefallen» («New York Times»). Denn der Kapitän der französischen Fussballnationalmannschaft hatte zehn Minuten vor Ende der Nachspielzeit im WM-Finale in Berlin etwas getan, was einem Helden nie passieren darf: Er hat sich brutal gerächt. Er hat sich schuldig gemacht. Bis Anfang Woche, bis englische Lippenleser das Motiv für Zidanes Tat lieferten. Der Italiener Materazzi soll ihn mit Worten wie Hure und Terrorist provoziert haben. Von da an fing die Rollenverteilung an zu erodieren, neue Deutungsmuster kamen auf, und Zidane wurde in einer Woche vom Rächer zum Märtyrer, der seine Ehre verteidigt.“ 1 Die Wandlung der Reputation Zidanes, ist an die Information über die Art und Weise der Provokation, die zum Kopfstoss geführt hat geknüpft. Dies ermöglicht eine interessante Gegenüberstellung von physischer und sprachlicher Verletzung. Indem die Öffentlichkeit den französischen Mittelfeldstar quasi rehabilitiert hat, klassifizierte sie die sprachliche Verletzung, welche ihm Materazzi zugefügt hatte, als mindestens gleich schlimm wie Zidanes physischer Angriff. Dies impliziert, dass von der Sprache eine verletzende Kraft ausgehen kann, die in ihrer Zerstörungskraft der physischen Gewalt in nichts nachsteht. Doch woraus bezieht die Sprache diese Kraft zu verletzen? Was macht den Menschen zum durch Sprache verletzbaren Subjekt? Und wie kann (oder soll) gegen diese zerstörerische Kraft von Sprache vorgegangen werden? Dies sind die zentralen Fragen dieser Arbeit.
In einem ersten Teil soll durch Erläuterung der Konzepte des Illokutionären Sprechaktes (bei John L. Austin) und der Anrufung (bei Luis Althusser) eine Erklärung für die sprachliche Verletzbarkeit von Menschen gefunden werden. Der erste Teil soll damit die Grundlage für das Verständnis der Ausführungen zu Judith Butles Text Hass spricht 2 erarbeiten, der im zweiten Teil im Mittelpunkt steht. Der zweite Teil ist der normativen Frage nach dem richtigen Umgang mit verletzender Sprache gewidmet. Butlers Buch liefert dazu eine äusserst interessante und unkonventionelle Antwort.
1 NZZ am Sonntag.
2 Butler 2006.
3
2. Wie kann Sprache verletzen?
Dass es Verletzung durch Sprache gibt, ist unbestritten. Dieses Phänomen ist jedoch mit der Intuition über das Wesen von Sprache schwer vereinbar. Über etwas sprechen zu können bedeutet doch eben gerade das Gegenteil von einer gewalttätigen Antwort auf eine Konfliktsituation. Oder mit den Worten Jürgen Habermas’ gesprochen, kann ein Konflikt durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ 3 friedlich in Konsens überführt werden. Darüber hinaus scheint es schwer nachvollziehbar, wie Sprache, die im traditionellen Verständnis ein körperloses System von Zeichen ist, eine derart massive Bedrohung für das Subjekt darstellen kann. Das folgende Kapitel soll die Frage klären, wie und wodurch Sprache verletzen kann.
2.1. Sprechen ist Handeln
Um eine mögliche Antwort auf die Frage zu finden, warum die Sprache eine verletzende Kraft besitzt, scheint es sinnvoll, sich Austins Überlegungen, die er in seiner bekannten Vorlesungsreihe how to do things with words entwickelt hat, zu vergegenwärtigen. Diese Überlegungen beinhalten in ihrem Kern die Erkenntnis, dass Sprache eine performative Seite hat - dass sprachliche Äusserungen einen Handlungswert besitzen. Diese bahnbrechende Erkenntnis stellt vor allem in zwei Punkten einen Bruch mit dem traditionellen Verständnis der Philosophie von Sprache dar. Dies sind die Überwindung des „wahr/falsch-Fetisch“ 4 (a) und die Überwindung der Auffassung von Sprache als ein Repräsentationssystem (b). 5
(a) Für Jahrhunderte war der einfache Aussagesatz der alleinige Untersuchungs-gegenstand der Sprachphilosophie. Die Sprache wurde als ein Mittel aufgefasst, mit dem man Aussagen über die Welt machen kann, die entweder wahr oder falsch sein können. Austin bricht mit dieser Auffassung indem er zeigt, dass über den Wahrheitswert eines Aussagesatzes nur entschieden werden kann, wenn dieser als „Äusserung-in-einer-Situation [und] somit als Verständigungshandlung betrachtet wird.“ 6
3 Krämer 2006, S. 2.
4 Austin 1979, S. 168.
5 Vgl. Krämer 2001, S. 137f.
6 Krämer 2001, S. 138.
4
(b) Austin vollzieht durch die Entdeckung des Performativen einen Rückgriff auf die mystische Auffassung von Sprache in voraufgeklärter Zeit. Indem die griechische und dann auch die neuzeitliche Aufklärung das Zeichen als etwas entlarvt hat, das zwar auf ein Objekt in der Welt verweist, dieses Objekt aber unmöglich selber ist, hat sie der Sprache ihren Zauber genommen. Austin gibt ihn ihr teilweise zurück indem er zeigt, dass es Äusserungen gibt, die genau das vollziehen, was sie beschreiben. 7
Es gibt also Äusserungen, mit denen ein Sprecher eine Handlung vollziehen kann. Austin nennt sie performative Äusserungen und grenzt sie von den konstativen Äusserungen ab, mit welchen etwas über die Welt ausgesagt wird, das wahr/falsch ist. Performative Äusserungen hingegen können glücken oder nicht glücken. Diese begriffliche Dichotomie, die alle sprachlichen Äusserungen aufgrund der Kriterien wahr/falsch und glücken/nicht glücken einer der beiden Kategorien zuordnet, verwirft Austin aber mitten in seiner Vorlesungsreihe. Er macht deutlich, dass es sprachliche Äusserungen gibt, die sowohl performative, als auch konstative „Züge“ haben. Das Prädikat wahr/falsch kann also auch auf Performativa zutreffen und es gibt Konstativa, die glücken/nicht glücken können.
Statt dem begrifflichen Gegensatzpaar konstativ/performativ führt Austin eine triadische Begriffsunterscheidung ein, welche nicht verschiedene Arten von Äusserungen unterscheidet, sondern die „sprachliche Äusserung an sich“ in einzelne Akte unterteilt. Es sind dies der lokutionäre, der illokutionäre und der perlokutionäre Akt. Der lokutionäre Akt bezeichne die „gesamte Handlung, »etwas zu sagen«“ 8 , so Austin. Die Illokution bestimmt er als den „Akt, den man vollzieht indem man etwas sagt“ 9 . Dabei zeichnet sich die Illokution wie die performative Äusserung einerseits dadurch aus, dass sie einen Handlungswert besitzt, andererseits, dass sie glücken oder nicht glücken kann. 10 Die Perlokution beinhaltet das, was man beim Hörer bewirkt (Gefühle, Gedanken, Handlungen) dadurch, dass man etwas sagt. 11
7 Vgl. Krämer 2001, S. 138.
8 Austin, S. 112.
9 Austin, S. 117.
10 Im Folgenden werde ich aus Gründen der Klarheit und auf Grund der Tatsache, dass Butler terminologisch nicht zwischen illokutionär und performativ unterscheidet nur noch den Begriff Illokution für den handlungsfähigen Sprechakt verwenden. Ich möchte allerdings auf Krämers interessante Studie (vgl. Krämer 2001, S. 135-153) verweisen, die zeigt, dass bei Austin der Begriff Illokution keinesfalls zwingend denjenigen des Performativen ersetzt.
11 Vgl. Austin, S. 118.
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In Austins Terminologie könnte eine sprachliche Attacke also als Illokution aufgefasst werden: Indem sie geäussert wird, vollzieht der Sprecher einen verletzenden Akt an seinem Gegenüber. Der Sprecher ist also Täter im wahrsten Sinn des Wortes. Die physische Dimension, die die Sprache durch die Lokalisierung einer handelnden Kraft (in der Gestalt des illokutionären Aktes) erhält, macht Austins Theorie für die Erklärung verletzender Sprache interessant. Hate speech 12 verletzt unseren „sozialen Körper“ 13 kraft der Körperlichkeit von Sprache.
Die Idee hate speech als illokutionären Akt aufzufassen, werde ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit erneut aufgreifen.
Eine andere Grundlage für die Erklärung der Verletzbarkeit durch Sprache lässt sich in Althussers Theorie der Anrufung verorten. Diese soll im folgenden Abschnitt dargestellt werden.
2.2. Anrufung
In seinem Buch Ideologie und ideologische Staatsapparate 14 entwickelt Luis Althusser ein Konzept, das den Menschen als ein Subjekt darstellt, das seine Existenz durch eine sprachliche Handlung erlangt. Diese Handlung nennt er Anrufung oder Interpellation. Im Folgenden soll nun dieser subjektkonstituierende Vorgang der Anrufung erläutert und für die Verwendung im Zusammenhang mit hate speech fruchtbar gemacht werden. 15 „Die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte an.“ 16 Diese zentrale These in Althussers Theorie beschreibt in verdichteter Weise den komplexen Vorgang der Anrufung. Sie beinhaltet, dass der Anrufende die Ideologie sei, und dass der/die Angerufene durch den Akt der Anrufung einem Wandel unterzogen werde: Er werde vom Individuum zum Subjekt transformiert. Dabei wird auch angetönt, dass es vor der Anrufung keine Subjekte gibt.
Ideologie ist bei Althusser ein äusserst facettenreicher und teilweise diffuser Begriff. Er soll hier daher lediglich durch seine zentralen Merkmale charakterisiert werden.
12 Der Terminus hate speech bezeichnet sprachliche Äusserungen, die mit der Absicht Personen oder Gruppen zu verletzten, zu bedrohen, oder in irgendeiner Weise zu diskriminieren getätigt werden.
13 Vgl. Krämer, Sybille (2006): Über die Idee der verkörperten Sprache, Vortrag in der Reihe „Was ist Sprache“. Philosophische Gesellschaft Zürich, 27. April 2006, Handout.
14 Althusser 1977.
15 Vorauszuschicken ist, dass es in Althussers Theorie um die Kritik an den Mechanismen einer kapitalistischen Gesellschaft geht. So ist für Althusser die Anrufung primär der Effekt aus der Notwendigkeit der Unterwerfung neuer Individuen unter die Regeln und die Ordnung der Ideologie. Diese Notwendigkeit resultiert daraus, dass die Arbeitskraft stets reproduziert werden muss. Seine (marxistisch geprägten) Überlegungen zur Subjektkonstituierung sind demzufolge durch politisch-ideologiekritische Gesichtspunkte bestimmt. Nichtsdestotrotz sind sie auch in einem linguistischen Kontext interessant.
16 Althusser 1977, S. 140.
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Für Althusser ist die Ideologie „die Vorstellung des imaginären Verhältnisses der Individuen zu ihren tatsächlichen Existenzbedingungen.“ 17 Dieses System von Vorstellungen, Bildern und Begriffen wirkt funktional auf den Menschen ein - meist ohne dass er sich dessen bewusst wird. Dadurch beherrscht die Ideologie den Menschen und verhindert seine Freiheit. Doch die Ideologie ist eine notwendige Instanz einer jeden Gesellschaft. Althussers Ziel ist deshalb nicht eine ideologiefreie Gesellschaft, sondern eine klassenlose Gesellschaft, in welcher „die Ideologie das Vehikel [sei], durch welches, und das Element, in welchem das Verhältnis der Menschen zu ihren Existenzbedingungen sich zum Nutzen aller Menschen lebt.“ 18
Die Ideologie hat in Althussers Augen eine materielle Existenz. Mit anderen Worten ist sie gelebte (gesellschaftliche) Praxis. Gesteuert werden die in der Praxis geltenden, sozialen Wertvorstellungen durch Ideologische Staatsapparate, wie Kirche, Schule, Familie oder (mit zunehmender Wichtigkeit) die Massenmedien. Die Gemeinsamkeit dieser Ideologischen Staatsapparate liegt in der sie durchdringenden Ideologie der herrschenden Klasse.
Wie werden nun aber die Individuen als Subjekte angerufen? Althusser veranschaulicht das allgemeine Muster der Anrufung anhand seines bekannten Beispiels, in dem jemand von einem Polizisten angesprochen wird:
„[…][W]ir behaupten ausserdem, dass die Ideologie in einer Weise „handelt“ oder „funktioniert“, dass sie durch einen ganz bestimmten Vorgang, den wir Anrufung nennen, aus der Masse der Individuen Subjekte „rekrutiert“ (sie rekrutiert sie alle) oder diese Individuen in Subjekte transformiert (sie transformiert sie alle). Man kann sich diese Anrufung nach dem Muster der einfachen Anrufung durch einen Polizisten vorstellen: „He, Sie da!“ 19 „He, Sie da!“ Indem sich die angesprochene Person umwendet, erkennt er/sie die Subjektivierung an und wird dadurch zum Subjekt. Er/sie bestätigt damit, dass genau er/sie mit dem Ruf gemeint war. Oder anders gesagt: Dadurch, dass der/die Angerufene durch das Umwenden bestätigt, dass genau er/sie mit dem Ruf gemeint war, grenzt er/sie sich von den Anderen ab, was ihn/sie als genau das Subjekt konstituiert, das er/sie ist. Dies vollziehe sich in Wirklichkeit jedoch nicht in einem Nacheinander, sondern „die Existenz der Ideologie und die Anrufung der Individuen als Subjekte [sei] ein und dasselbe.“ 20 Menschen sind demzufolge schon vor ihrer Geburt Subjekte, weil sie durch
17 Althusser 1977, S. 133.
18 Scharmacher 2004, S. 50.
19 Althusser 1977, S. 142.
20 Vgl. Scharmacher, S. 53.
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Arbeit zitieren:
Mathias Haller, 2007, „Wie ein Schlag ins Gesicht…“ Überlegungen zur verletzenden Gewalt von Sprache, München, GRIN Verlag GmbH
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