Inhalt
1. EINLEITUNG 3
2. JURIST VERSUS DICHTER 4
3. RECHTSPRECHUNG ZUR ZEIT SHAKESPEARES 4
4. RECHTSITUATION IN „DER KAUFMANN VON VENEDIG“ 5
4.1. DER PROZESS UND DAS RECHT IM DRAMA. 5
4.1.1. Die Frage nach der Richterpflicht 6
4.1.2. Die Lösung der Portia 7
4.2. DER PROZESS VOR DEM HINTERGRUND DER BEIDEN RELIGIONEN: JUDENTUM UND CHRISTENTUM. 8
5. RECHTSEMPFINDEN DER EINZELNEN SCHLÜSSELFIGUREN. 10
5.1. SHYLOCK - DER JÜDISCHE BANKIER 10
5.2. ANTONIO - DER KÖNIGLICHE KAUFMANN 11
5.3. PORTIA - DIE JUNGE ERBIN. 13
6. RECHTSSITUATION IN „MAß FÜR MAß“ 14
6.1. DER BEGRIFF DER GNADE UND SEINE JURISTISCHE BEDEUTUNG 14
6.2. RELIGIÖSE ARGUMENTATION. 16
7. RECHTSEMPFINDEN DER EINZELNEN SCHLÜSSELFIGUREN. 17
7.1. ANGELO - DER STATTHALTER. 17
7.2. VINCENTIO - DER HERZOG 18
7.3. ISABELLA - DIE NOVIZE 19
8. VERGLEICH DES GNADEN - MOTIVS ANHAND DER BEIDEN FRAUEN. 20
9. SCHLUSS. 22
10. LITERATURVERZEICHNIS. 23
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1. Einleitung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Gerechtigkeit und des Rechts in den Werken Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ und „Maß für Maß“. In dieser Hausarbeit werde ich versuchen, die angeführten Fragen zu beantworten:
- Beinhaltet die Wendung des Prozesses ein Juristentrick der Portia?
- Ist der Schein von Shylock und Antonio unsittlich und schon deshalb nichtig?
- Worin liegt der Konflikt im „Kaufmann von Venedig“?
- Kann Shylock das Recht auf Rache mit der Ähnlichkeit zwischen Juden und Christen begründen?
- Was hat die Gnade für eine Bedeutung im Recht?
- Was bedeutet der Sinn des Titels „Maß für Maß“ für das Drama?
- Und: Was unterscheidet die beiden Frauen in Bezug auf das Gnaden - Motiv? Beginnen werde ich mit einer kurzen Darstellung des Unterschieds der beiden Berufe, Jurist und Dichter, um die dichterische Argumentation Shakespeares besser verstehen zu können. Erst nach dieser kurzen Einführung erscheint es meiner Meinung nach deutlich, dass Shakespeare kein Jurist sein kann und auch nicht zu sein braucht. Wichtig finde ich vor allem, zu verstehen, was seine tatsächliche Aufgabe ist und ich werde die starke, juristische Kritik in dieser Hausarbeit hintanstellen. Die Rechtsprechung zur Zeit Shakespeares werde ich ebenfalls zur Einführung anschließen.
Anschließend werde ich mit dem Stück „Der Kaufmann von Venedig“ beginnen. Da es mein Anliegen war, dieses Stück besonders hervorzuheben, wird es einen Großteil meiner Hausarbeit ausmachen. Zum Vergleich stelle ich noch das weitere Stück „Maß für Maß“ von Shakespeare dar.
Die Untersuchungen dieser beiden Stücke gliedere ich, der Übersicht halber, systematisch gleich auf. Als Erstes erarbeite ich die Rechtssituation des jeweiligen Stücks, in dem ich auf die einzelnen Rechtsprobleme und Rechtssituationen eingehe. Dies ist wiederum in juristische Tatsachen, religiöse Motive und den Gnadenversuch gegliedert. Mir war es besonders wichtig, diese Argumente getrennt zu behandeln. Als Zweites werde ich die einzelnen, für mich entscheidenden Figuren, nach ihrem Rechtsempfinden und ihren daraus resultierenden Handlungen kurz charakterisieren. Am Ende werde ich noch den Versuch anstellen, das Gnadenmotiv anhand der beiden weiblichen Figuren Portio („ Der Kaufmann von Venedig“) und Isabella („Maß für Maß“) zu beschreiben. Ich hoffe, damit ein rundes, übersichtliches und in sich stimmiges Konzept über
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‚Shakespeare als Jurist in „Der Kaufmann von Venedig“ und „Maß für Maß“ ‘ gefertigt zu haben.
2. Jurist versus Dichter
Es ist ein missliches Unternehmen, einen Dichter vor das Forum der Jurisprudenz zu ziehen. Denn die Begriffe Jurist und Dichter sind als Einheit ein Paradoxon. Beide Tätigkeiten schließen eine Vereinigung natürlicher Bestimmungen aus. Denn die Aufgaben, die beiden Berufsfeldern gestellt werden, wurzeln in verschiedenen Funktionen des menschlichen Geistes. Der Jurist muss mit aller Schärfe logischen Denkens die nüchternsten Alltäglichkeiten poesielos betrachten. Nicht so der Dichter! Seine Aufgabe ist es gerade, das Menschliche im Menschen mit seinen Worten zu rühren, aufzuwecken und nichts unversucht zu lassen, diesen Erfolg herbeizuführen. 1 So kann der Dichter einen nicht mehr erträglichen Zustand abändern, doch er kann nicht Jurist im engeren Sinne sein, er kann das überlieferte Recht nicht anwenden wollen bis zur Grenze der Menschlichkeit. Man sollte daher nicht die missliche Lage des kritischen Juristen verkennen, wenn er die Sonde am Dichterwerk legen will. 2
3. Rechtsprechung zur Zeit Shakespeares
Zur Zeit Shakespeares basierte das Zivil- und Strafrecht auf dem „common law“, einem schwer zu definierenden, ungeschriebenen, an Präzedenzfällen orientierten Korpus an Traditions- und Gewohnheitsrechten. Dies wurde von professionellen Spezialisten praktiziert. Da gesetztes, von den Menschen gemachtes Recht ungerechte Urteile nicht immer verhindern konnte, ließ sich die Rechtsprechung des Common Law und des festgeschriebenen Statute Law in besonderen Fällen mit Billigkeitsrecht anfechten. Einem vernunftrechtlichen Prinzip, das Gerechtigkeit auch gegen bestehendes Recht durchsetzen sollte. Im Laufe der Zeit änderte sich die Zuständigkeit und Auslastung der einzelnen Gerichtshöfe und die Prozessflut steigerte den Bedarf an qualifizierten Juristen gewaltig. Shakespeare machte sich die Theatralik der Gerichtssituation, wie zum Beispiel im „Kaufmann von Venedig“ und „Maß für Maß“, zu nutze. Er baute sie jedoch nie zum bestimmenden Strukturelement der Handlung aus. 3 Im englischen Rechtsleben vermisst man manches, was
1 Strasser, J.: Shakespeare als Jurist. S. 3 Zeile 4-28.
2 Ebd. S. 4 Zeile 1-11.
3 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 5 Zeile 5-25.
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einem bis dahin als selbstverständliche Voraussetzung einer funktionierenden Rechtspflege erschien, wie zum Beispiel ein Zivilgesetzbuch, ein Handelsgesetzbuch, eine Zivilprozessordnung, ein nach rationalen Gesichtspunkten aufgebautes und durchgebildetes System juristischer Begriffe. Stattdessen begegnet man einer Rechtstechnik, die vorrangig in Präjudizieren und Fallgruppen denkt. 4
Die römische Rechtspflege hat in stärkerem Maße das Handels- und Seerecht beeinflusst. Der Handel wurde meist von Kaufleuten verschiedenster Herkunft ausgeübt, die eine starke römisch-rechtliche Färbung hatten. Für die Abwicklung kaufmännischer Rechtshändel war das gewöhnliche Verfahren vor den Common Law Courts daher nicht geeignet. 5 Anhand dieser Ausarbeitung wird ersichtlich, warum das Stück „Der Kaufmann von Venedig“ mit römischem Recht interpretiert wird. Ein weiteres Indiz könnte sein, dass in der Zeit Shakespeares (16. und 17. Jahrhundert) das Common Law davon bedroht gewesen ist, vom römischen Recht beiseite geschoben zu werden. Das römische Recht genoss in diesem Streit die Sympathie der Herrscher, weil sich ihm die politische Forderung nach absoluter Verbindlichkeit des königlichen Willens ableiten ließ. 6 In der Zeit des „Kaufmanns von Venedig“ und von „Maß für Maß“ wurde Shakespeare von beiden Rechtseindrücken geprägt.
4. Rechtsituation in „Der Kaufmann von Venedig“
4.1. Der Prozess und das Recht im Drama
Schon früh sind Juristen auf den Shylock Prozess eingegangen. Bezeichnend ist, dass sie sich von vornherein in ihrem Urteil nicht einig sind. So kennzeichnet der Rechtsgelehrte, Rudolf von Ihering, Portias Wendung des Vertrages gegen Shylock, als einen Advokatentrick, der auf keiner juristische Grundlage beruht. Aus dem Grund, da das Herausschneiden des Fleisches das Vergießen des Blutes voraussetzt und so auch nicht schriftlich in dem Vertrag festgehalten werden musste. Dieses Argument wird später untersucht werden. Shakespeare versetzt das Stück unbekümmert darum, ob Ort, Zeit und Handlung zueinander passen, in eine Periode, in der der Gläubiger einen Rechtsanspruch an Leib und Leben seines Schuldners geltend machen konnte. 7 Fraglich ist aber, ob die Lösung des Konfliktes zu rechtfertigen ist. Betrachtet man zunächst den Gläubiger und seinen Schuldschein, stellt sich die Frage, ob man diesen Schein als rechtsgültig behandeln muss. Der Rechtsgelehrte Ihering
4 Zweigert, K. / Kötz, H.: Einführung in die Rechtsvergleichung. S. 177 Zeile 29-36.
5 Ebd. S. 191 Zeile 20-25.
6 Ebd. S.191 Zeile 40-47.
7 Strasser, J.: Shakespeare als Jurist. S. 9 Zeile 15-19.
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ist der Meinung, dass der Schein an sich nichtig ist, da er etwas Unsittliches enthält. Dies muss man zweifellos zugeben, wenn man die moderne Rechtsanschauung zugrunde legt. 8 Solche Rechtsgeschäfte, bei denen Teile des menschlichen Körpers Gegenstand des Rechtsverhältnisses waren, galten schon in der Shakespearischen Zeit, besonders unter dem Einfluss der Kirche, als unsittlich. 9 Wie Portia, als Juristin, auf diese Argumentation während des Prozesses eingeht, wird später in dem Kapitel „Lösung der Portia“ zu klären versucht. Prozessverfahren wird als Beweisführung und Argumentation entfaltet. Damit setzt eine Partei ihre eigene Rechtssituation der Beurteilung der am Prozess Beteiligten aus. Shylock zeigt sich im Prozess als sozialunfähig und einzelgängerisch und beruft sich in seiner Argumentation auf seine eigene Anmaßung. 10
Der Hinweis auf eine gemeinsame soziale Ordnung über allem Streit, trifft bei ihm auf taube Ohren. Er unterscheidet zwischen einer generellen Norm und der eigenen Rechtsbehauptung. Shakespeare stellt uns zwei Anschauungen gegenüber, deren Vertreter Shylock und Portia sind. Diese beiden Vertreter verkörpern das Prinzip eines noch geltenden strengen Rechtes (römisches Recht) und eine Volkempfindung, die bereits billiger fühlt (Billigkeitsrecht). Hierin liegt gerade der Konflikt im „Kaufmann von Venedig“. 11
4.1.1. Die Frage nach der Richterpflicht
Die Pflicht des Richters ist es, das positive Recht anzuwenden, auch wenn seine Anwendung eine Härte bedeuten würde. Er muss es anwenden bis zur Grenze des menschlichen, sittlichen Empfindens. Denn der Glaube an die Hoheit und Unbestechlichkeit des Gerichtes würde sonst schwinden. Unsicherheit und Willkür würden einreißen, Staat und Gesellschaft würden, wegen der folgen eines einzigen Fehltritts, in sich zusammenbrechen. 12 Der Richter ist also nur Organ des geltenden positiven Rechtes, über ihm steht die Rechtsordnung als eine höhere Macht. 13 „Dem Richter, der ein sachlich zwar richtiges, aber schlecht motiviertes Urteil fällt, wird man den Vorwurf der Gefühlsjuristerei doch nicht ersparen können.“ 14
8 Ebd. S. 9 Zeile 19-27.
9 Ebd. S. 8-11.
10 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S. 103 Zeile 4-36.
11 Strasser, J.: Shakespeare als Jurist. S. 12 Zeile 14-20.
12 Ebd. S. 18 Zeile 1-27.
13 Ebd. S. 22 Zeile 26-28.
14 Ebd. S. 22 Zeile 17-19.
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4.1.2. Die Lösung der Portia
Portia erkennt den Schuldschein an sich zwar als ungewöhnlich an, doch nach geltendem Recht Venedigs, durchaus als anfechtbar. Die Rechtsordnung stand also unzweifelhaft auf Seiten des Shylock. Und wenn es je eine Zeit gegeben hat, in der ein Schuldner seinem Gläubiger mit Leib und Leben verfallen war, so muss es auch eine Zeit gegeben haben, in der ein Schein, wie der fragliche, auch Rechtsgültigkeit hatte. Portia kann also das Recht, das sich aus dem Schein ergibt, zugestehen, weil die Rechtsordnung dieser Zeit, in die der Dichter die Szene verlegt wissen will, Schuldverträge unter Verpfändung des Leibes und des Lebens noch nicht als unsittlich bezeichnete. 15 Doch ist dies nun ein Juristentrick, den Portia anwendet? Das Ergebnis ist folgendes:
Bevor es zu dem vermeintlichen Juristentrick der Portia kommt, gibt es noch eine interessante Szene. In dem Augenblick, als Shylock das Messer an Antonio ansetzen will, fordert Portia ihn auf, einen Arzt holen zu lassen, um die Wunden zu behandeln. Shylocks Antwort daraufhin ist:
„Ist das so angegeben in dem Schein? (…) Ich kann‘ s nicht finden, ‘s ich nicht in dem Schein.“
Dies ist meines Erachtens die Wende des Prozesses. Portia setzt voraus, dass bei der Entfernung eines Pfund Fleisches per Gesetz ein Arzt anwesend sein müsste, um die Wunden zu stillen. Shylock aber verweigert dies. In diesem Moment wird aus dem verhandelten Zivilprozess ein Strafprozess, denn es wird deutlich, dass Shylock Antonio ans Leben will. Shylock: „(…) Ich will sein Herz haben, wenn er verfällt; / denn wenn er aus Venedig weg ist, so kann ich
Handel treiben, wie ich will. (…)“ (III,1) 16
Shylock trickst hier als Erster, wenn er sagt, dass die Anwesenheit eines Arztes nicht im Schein notiert und so auch unnötig sei. Portia geht auf seine Argumentation ein, indem sie ihm darauf hin untersagt, Blut zu vergießen, da dies auch nicht im Schein festgehalten sei. Sie ahmt ihn nach, überlistet ihn damit und richtet nach dem strengen Recht, indem sie, wie es Shylock verlangt, fester an den Buchstaben des Scheines hält. 17 Also hat Portia recht und nach den Buchstaben des Gesetzes treu gerichtet. 18 Syhlock: „Ich fordre das Gesetz.“ (IV,1) 19
15 Ebd. S. 10 Zeile 18-30; S. 11 Zeile 1-11.
16 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 45 Zeile 33-35.
17 Strasser, J.: Shakespeare als Jurist. S. 23 Zeile 19-24.
18 Ebd. S. 26 Zeile 1-3.
19 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 69 Zeile 16.
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Das Prinzip, das Shylock angewendet wissen möchte, kehrt Portia nun gegen ihn selbst. 20 Tatsächlich wendet sie in diesem Prozess einen Advokatentrick an.
4.2. Der Prozess vor dem Hintergrund der beiden Religionen: Judentum und Christentum
Shylocks Rede über die gleiche Natur von Juden und Christen hört sich an wie eine Begründung der Menschenrechte durch das Naturrecht. Shylock versucht sein Recht auf Rache mit der Ähnlichkeit zwischen Juden und Christen zu begründen. 21 Die Kehrtwendung des Prozesses ist nicht ohne Vorbilder. Sie geht auf den „Processus Belial“, eine mittelalterliche Tradition, zurück. „Dabei klagt Satan den Erlöser vor Gottes Thron an und wird von den Tugenden als Töchtern Gottes auf der Basis seiner eigenen Kriterien verdammt.“ 22 Wenn man dies berücksichtigt, werden hinter dem Stück Konturen eines Szenarios sichtbar, in dem Shylock die Stelle des Teufels einnimmt, Antonio die Christi, Portia die einer der Töchter Gottes, nämlich der Gnade, die sie in ihrer Rede vor Gericht anruft und Bassanio nimmt die Stelle der sündigen Menschheit an. 23 Shylock hat hier die Position des Teufels und das ist ein tiefes antisemitisches Vorurteil. Vor diesem Hintergrund werden die Religionen gegeneinander in Stellung gebracht: Das Judentum als Religion des Rechts und das Christentum als Religion der Liebe. Im Judentum hat Gott mit dem israelischen Volk einen Vertrag geschlossen, nach dem er sie behandeln will, wenn sie sich dem Gesetz unterwerfen. Wer sich an diesen Vertrag hält, muss nicht erlöst werden: Gott ist ein Gerechter. Dieser Glaube ist im Christentum völlig unmöglich. Der Mensch bedarf von vornherein der Gnade, da er von Natur aus sündig ist. Da das Christentum eine Erlösungsreligion ist, führt es das Opfer wieder in die Kultur ein, was der Vertrag des israelischen Volkes mit Gott unnötig gemacht hatte. 24
Ironischer weise wurden die Juden selbst zu bevorzugten Sündenböcken einer Opferreligion, obwohl sie aufgrund ihrer eigenen Gerechtigkeit auf den Opferritus verzichteten. Der zentrale Mythos hielt wegen der Opferung Christi die Neigung wach, die Juden zu opfern. Dies ist auch im „Kaufmann von Venedig“ nachvollzogen. Antonio opfert sich unter der Drohung Shylocks für Bassanio. Das macht Shylock zum Schuldigen an diesem Opfer und damit wird
20 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S. 104 Zeile 14-23.
21 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S. 102 Zeile 12-35.
22 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S. 104 Zeile 29-31.
23 Ebd. S. 104 Zeile 27-38.
24 Ebd. S. 105 Zeile 3-31.
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er zum Sündenbock der Christen. Er, der das Prinzip der Opferung, nämlich die Liebe um des Rechtes willen, ablehnt. 25
Doch das Prinzip des Gegensatzes der Religionen beginnt schon früher. Nämlich schon an der Stelle, an der Shylock von Antonio für den Geldverleih keine Zinsen nehmen will. Wie es im 5. Buch Mose geschrieben steht:
„Wenn ihr jemanden aus eurem Volk Geld, Lebensmittel oder irgendetwas anderes leiht, dann nehmt keine
Zinsen! Nur von Ausländern dürft ihr Zinsen verlangen, nicht von Israeliten.“ 26
Ausgangspunkt für Shylocks Handeln ist, dass er sich Antonio gegenüber wie einen Bruder verhält, wenn er tatsächlich keine Zinsen nehmen will. Damit zieht er Antonio auf die Ebene des Gleichen. Wenn Shylock keinen Zins verlangt, muss er, wenn er sein Jude - Sein nicht verlieren will, Antonio auf die Seite des Judentums ziehen. Denn nur so kann er den Verzicht auf Zinsen begründen.
Antonio: „(…) Willst du dies Geld uns leihen, leih es nicht / Als deinen Freunden; (…) Nein, leih es lieber deinem Feind: (…)“
Shylock: „(…) Ich wollt‘ Euch Liebes tun, Freund mit Euch sein, (…) Das Nöt’de schaffen und keinen Heller
Zins / Für meine Gelder nehmen; (…)“ (I, 3) 27
Antonio bemerkt, dass Shylock sich auf der Ebene des Gleichen bewegt, als er zu Bassanio sagt: „Der Hebräer / Wird noch ein Christ: er wendet sich zur Güte.“ (I, 3) 28 Als Sicherheit will Shylock „einen Pfund Fleisch nahe dem Herzen“ aus Antonios Körper. 29 Denn das Zeichen, um zu diesem jüdischen Volk zu gehören, ist die Beschneidung im Fleisch. Die ‚Beschneidung des Herzens‘ ist ein metaphorisches Gebot Gottes und bedeutet, dass sich die Juden an die Gesetze Gottes halten und nicht halsstarrig sein sollen. Shylock aber nimmt dieses metaphorische Gebot, um es real an Antonio auszuführen. 30 In dem dunklen Wonnegefühl, Antonio sich aus dem Weg schaffen zu können, lässt er sich von ihm vor dem Notar jenen furchtbaren Schuldschein ausstellen. 31
25 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S. 106 Zeile 17-26.
26 5 Buch Mose 23; 20-21.
27 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 18 Zeile 18-22.
28 Ebd. S. 19 Zeile 33.
29 Greiner, B.: Beschneidung des Herzen. S. 38 Zeile 25-35.
30 Greiner, B.: Beschneidung des Herzen. S. 39 Zeile 10-29.
31 Freund, F.: Shakespeare als Rechtsphilosoph. S. 55 Zeile 11-14.
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5. Rechtsempfinden der einzelnen Schlüsselfiguren
5.1. Shylock - der jüdische Bankier
Der Jude Shylock ist in Venedig ein Fremder. Er isst nicht mit den Christen und nimmt auch nicht an ihrem Karneval und Festen teil. Er hasst die Großzügigkeit und Verschwendung und schließt sich dadurch selbst aus der Gemeinschaft aus. Außerdem schließt er sein Haus mit seinen Schätzen ab. Er ist ein shy- lock, ein Abschließer. 32 Dies liegt an seinem Beruf, denn er lebt vom Geldverleih gegen Zinsen, einem Gewerbe, welches die ehrbaren christlichen Kaufleute nicht ausüben. Shylock verlangt Sicherheiten und hält die List in seinem Gewerbe für erlaubt. 33 „Die Verachtung gegenüber seinem Gewerbe bezieht er auf sein Judentum.“ 34 Seine Außenseiter- Perspektive wird mit so eindringlicher Sprachkraft gestaltet, dass seine große Rede in III, 1, in der er seine unmenschliche Rache an Antonio zu rechtfertigen versucht, immer wieder als Hilferuf einer gedemütigten Kreatur nach Toleranz verstanden wird. 35
„ (…) Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir ‘ne halbe Million gehindert (…) Und was hat er für einen Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? (…) Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen wirs euch auch darin gleichtun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Menschlichkeit? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu,
Rache!“ ( III, 1) 36
Er geht auf den Handel mit Antonio nur in der Hoffnung ein, sich an ihm dafür rächen zu können, dass dieser ihn auf dem Rialto geschmäht hatte, er auf seinen Rock gespien hatte, ihn getreten hatte wie einen Hund und sein Geschäft behindert hatte. 37 „Kein Zweifel: Er will Antonio ans Leben.“ 38
Shylock ist ein geldgieriger Mensch, der seine Tochter lieber tot sehen würde, als auf seinen Schaden zu verzichten. 39 Er hängt an ihr wie an einem Besitz und nicht wie an einer Seele. 40 „ (…) Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren! Wollte, sie läge
eingesargt zu meinen Füßen und die Dukaten im Sarge (…)“ (III, 1) 41
32 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S.94 Zeile 27-32.
33 Suerbaum, U.: Shakespeares Dramen. S. 165 Zeile 31.
34 Kullmann, T.: William Shakespeare. S. 114 Zeile 5-19.
35 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 413 Zeile 22-26.
36 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 44 Zeile 6-11.
37 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 88 Zeile 19-26.
38 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S. 95 Zeile 36.
39 Flatter, R.: Triumph der Gnade. S. 124 Zeile 13.
40 Gundolf, F.: Shakespeare. Sein Wesen und Werk. S. 407 Zeile 8.
41 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 44 Zeile 32-35.
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Und er ist umso bösartiger geworden, als seine Tochter Jessica mit dem Christen Lorenzo geflohen ist und eine Menge seines Geldes mitgenommen hat. Nun sinnt er auf Rache und wird zum verbitterten Rächer. 42 Shylock wird zum Inbegriff eines Racheethos. 43 Er besteht auf die wörtliche Erfüllung des Vertrages. Das staatliche Recht, das er dabei für sich geltend macht, ist ebenso fragwürdig wie seine Rache. Denn der Jude appelliert an ein Gesetz, das mit dem Rechtsempfinden Venedigs nicht übereinstimmt. Shylock wird am Ende wie ein böser Kobold zunichte gemacht. Spätestens an dieser Stelle ist er eine komische Figur, trotz aller Lebensfülle, die Shakespeare ihm verleiht. 44 Manchmal lacht man über Shylock, doch ist ein Mensch nicht schon deshalb komisch, weil wir über ihn lachen. Es fällt schwer, Shylock als eine komische Figur aufzufassen. 45 Shylock komisch spielen zu lassen, hieße, die Gefahr für Antonio herabzumindern, denn je realer die Lebensgefahr Antonios ist, desto größer muss die Freude über seine Rettung sein. 46
5.2. Antonio - der königliche Kaufmann
Der Kaufmann Antonio ist in erster Linie ein großzügiger, selbstloser Freund, der zu jedem Opfer bereit ist. 47 Doch er ist ein trauriger Mann und deswegen nicht die erfreulichste Gestalt des Stücks. Er ist nicht nur betrübt, auch getrübt, verdüstert und beladen. 48 Man will mehr wissen über Antonios Traurigkeit. Eine Erklärung besteht darin, dass er homosexuell ist und seine Mißlaune daher kommt, dass er im Begriff ist, seinen „Liebes- Freund“ 49 Bassanio zu verlieren. 50 Antonio droht das Gesetz, das die Welt regiert, nämlich die heterogeschlechtliche Liebe. So bringt er sich tragischer weise mit seinem Freundschaftsdienst um seinen Freund. 51 Wenn man die Drohung Shylocks unter dem Gesetz des Liebescodes sieht, kann das Herausschneiden eines Pfundes Fleisch auch als Kastration Antonios gedeutet werden. Wenn Antonio Bassanio weiter lieben will und weiter an dem Liebesspiel teilnehmen will, muss er zu einer Frau werden. Oder aber: Wenn er Bassanio nicht weiter lieben kann, muss er sterben, da er seinen Freund nicht glücklich verheiratet sehen möchte. 52 „(…) Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl! (…)
42 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S.95 Zeile 28-31.
43 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 90 Zeile 9-12.
44 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 86 Zeile 18-21.
45 Flatter, R.: Triumph der Gnade. S. 122 Zeile 7-37.
46 Flatter, R.: Triumph der Gnade. S. 124 Zeile 32-38.
47 Suerbaum, U.: Shakespeares Dramen. S. 165 Zeile 13.
48 Gundolf, F.: Shakespeare. Sein Wesen und Werk. S. 413 Zeile 32-36.
49 Greiner, B.: Beschneidung des Herzen. S. 36 Zeile 12.
50 Flatter, R.: Triumph der Gnade. S. 119 Zeile 27-30.
51 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S.92 Zeile 34-36.
52 Ebd. S. 122 Zeile 32-38.
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Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzählt ihr / Den Hergang von Antonios Ende, sagt, Wie ich euch liebte,
In der Zeit Shakespeares schlossen sich homosexuelle Freundschaft und die heterosexuelle Liebe nicht aus. 54 Shakespeare schrieb Antonio auf diese Weise, da diese Rad eben nur so in den psychologischen Mechanismus des Stücks hineinpasst. Der Mann, auf den Shylock mit dem Messer losgeht, muss einer sein, der sich ohne großen Widerstand in sein Schicksal ergibt. 55 Shakespeare brauchte einen Mann, dem das Dasein keine besondere Freude mehr macht. 56 Der bürgerliche Kaufmann Antonio steht zwischen seinem Freund, dem adligen Bassanio, und seinem Feind, dem Juden Shylock. 57 Antonio, als Christ, ist nicht fähig, sich in die Lage des jüdischen Außenseiters hineinzuversetzen. 58 Er verachtet Shylock, weil er für geliehenes Geld Zinsen nimmt. Er ist der Meinung, dass Freunde keinen Zins voneinander nehmen sollten. Shylock begründet damit seinen Hass auf Antonio:
„Ich haß ihn, weil er von den Christen ist, / Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt
Umsonst Geld ausleiht, und hier in Venedig / Den Preis der Zinsen uns herunterbringt.“ (I, 3) 59 Da Shylock aber Zinsen nimmt, behandelt er alle anderen Menschen wie seine Feinde. 60 Antonio verlangt in seinem Gewerbe keine Sicherheiten, seine Bereitschaft zum Risiko macht seine Leistung als Kaufmann aus. 61 Sein Kaufmannethos beruht auf aristokratischen Werten und Haltungen in der Welt des bürgerlichen Handels. 62 Antonio ist der Einzige im Stück, der wahres Christentum zeigt und beweist. Er führt es nicht nur im Munde, sondern lebt es wirklich aus. 63 Auf die Frage Portias, am Ende des Prozesses, ob er Gnade über Shylock walten lassen will, antwortet Antonio, dass er ihm die Hälfte des Gutes zurückgibt, die sonst dem Staat übergeben wird. Er lässt also, in diesem Sinne, Gnade über Shylock walten, der ohne sein Gut ein Bettler geworden wäre.
53 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 71 Zeile 6-22.
54 Greiner, B.: Beschneidung des Herzen. S. 36 Zeile 8-10.
55 Flatter, R.: Triumph der Gnade. S. 120 Zeile 33-36.
56 Ebd. S. 121 Zeile 4.
57 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S.127 Zeile 15.
58 Kullmann, T.: William Shakespeare. S. 155 Zeile 38-40.
59 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 15 Zeile 32-35.
60 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S.93 Zeile 15-17.
61 Suerbaum, U.: Shakespeares Dramen. S. 165 Zeile 21.
62 Ebd. S. 165 Zeile 11.
63 Flatter, R.: Triumph der Gnade. S. 121 Zeile 15-17.
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5.3. Portia - die junge Erbin
In Belmont ist Portia genauso traurig wie Antonio in Venedig, aber aus dem umgekehrten Grund: So wie Antonio nicht verhindern kann, dass Bassanio sich eine Frau wählt, so kann sie sich nicht selbst einen Mann wählen. 64 Sie ist die hellste und allseitig regste Gestalt dieses Dramas. Sie spielt Schicksal für Antonio, Bassanio und Shylock. Antonio hilft Bassanio zur Freite, wo Portias Liebe wehrlos auf dem Spiel steht und als Antonios Leben wehrlos auf dem Spiel steht, biegt Portia das Gesetz zu seinen Gunsten. 65 Portia, die umworbene Erbin, fungiert als Rechtssprecherin und führt die Wende des Prozesses herbei. 66 Dabei verweist sie auf Gottes Gnade und das Vater unser. 67 Im „Kaufmann von Venedig“ werden menschliche Schuld, göttliche Gnade, Vergeltung und Vergebung im Monolog der Portia zum ersten Mal ganz grundsätzlich im Werke Shakespeares zur Diskussion gestellt. Und auch das Problem der Gerechtigkeit und des Rechts werden erstmalig in Verbindung mit der Vergebung ausdrücklich erörtert. 68
Portia bewegt, als Jurist verkleidet, den Juden in der Gerichtsszene dadurch zum Verzicht auf seinen Anspruch, dass sie den Vertrag überwörtlich auslegt. In der Entscheidung Portias siegt die humanistische Vernunft, über dem Juden, der nun klein beigeben muss. 69 Sie empfiehlt Shylock in der Gerichtsszene, gegenüber Antonio Gnade walten zu lassen. 70 „So muß der Jude Gnad‘ ergehen lassen“
„Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang, (…)/ Wenn Gnade bei dem Recht steht; darum, Jude, Suchst du um Recht schon an, erwäge dies: / Daß nach dem Lauf des Rechts unser keiner
Wenn du darauf bestehst, so muß Venedigs / Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort
Zum Nachteil einen Spruch tun.“ (IV, 1) 71
Aber Portia selbst übt keine Gnade gegenüber Shylock aus und mit ihr denkt der ganze Kreis des Spiels, außer Antonio, nicht daran, mit ihren Worten ernst zu machen. Vielmehr fällt das Recht mit erbarmungsloser Härte über Shylock her. 72
64 Schwanitz, D.: Das Shylock Syndrom. S.93 Zeile 30.
65 Gundolf, F.: Shakespeare. Sein Wesen und Werk. S. 403 Zeile 28-40.
66 Suerbaum, U.: Shakespeares Dramen. S. 164 Zeile 36.
67 Kullmann, T.: William Shakespeare. S. 119 Zeile 3.
68 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 86 Zeile 2-7.
69 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 87 Zeile 16-18.
70 Ebd. S. 87 Zeile 29.
71 Shakespeare, W.: Kaufmann von Venedig. S. 68 Zeile 30-40; S. 69 Zeile 1-14.
72 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 96 Zeile 7-12.
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6. Rechtssituation in „Maß für Maß“
6.1. Der Begriff der Gnade und seine juristische Bedeutung
Der Herzog von Wien, Vincentio, muss feststellen, dass als Folge seiner allzu milden Herrschaft in seinem Staat die Sittenlosigkeit überhand nimmt. Er überträgt seine Machtbefugnisse dem für seine Sittenstrenge bekannten Angelo und dem weisen alten Staatsrat Escalus, um die notwendigen strengen Maßnahmen nicht als herrscherliche Willkür erscheinen zu lassen.
Herzog: „Eure Macht ist gleich der meinen: / So schärft nun oder mildert die Gesetze, Wie’s Eure Einsicht
heischt. (…)“ (I,1) 73
Sie sollen in seiner Abwesenheit Zucht und Ordnung wiederherstellen. In Wirklichkeit bleibt er jedoch in Wien, um als Mönch verkleidet, jederzeit eingreifen zu können. 74 Der verkleidete Herzog hält die Schicksalsfäden in der Hand und entwirrt sie auf diese Weise, dass nicht die irdische Gerechtigkeit das letzte Wort erhält, sondern die Welterklärung, bei der alle Unvollkommenheiten versinken und auch das schwerste Unrecht zu Boden fällt. Angelo ist jene Figur, die das böse Prinzip repräsentiert und Isabella ist der Engel, der ihm als gutes Prinzip entgegentritt. Das Böse geht schließlich unter, doch nicht durch Genugtuung, Rache und Strafe, sondern durch Anerkennung einer neuen Weltordnung. 75 Nach Angelos Sicht war das Gesetz nicht tot, sondern es schlief und er nimmt seine Aufgabe, es wieder zu erwecken, sehr ernst:
„Das Recht darf nicht zur Vogelscheuche werden, / Als ständ‘ es da, um Habichte zu schrecken,
Und bliebe regungslos, bis sie zuletzt/ Gewöhnt, darauf ausruhn, statt zu fliehn.“ (II,1) 76
Bei „Maß für Maß“ kann man sich mit der juristischen Frage beschäftigen, die in das Stück hineinspielt: mit der Frage von der Gnade und ihrer Bedeutung im Recht. 77 Shakespeare weiß sehr lebhaft die Kehrseite der Gnade zu zeigen und weiß auch, wie er alle Gefahren vor Augen führen kann, die eine unangemessene, verfehlte Ausübung des Begnadigungsrecht mit sich bringen. Ein Missbrauch des Gnadenrechts ohne vorherige Wahl und Prüfung untergräbt die Gerechtigkeit und damit die Sicherheit des Staates. 78
73 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 7 Zeile 13-15.
74 Kindlers Literatur Lexikon. S. 6123 Zeile 35-46.
75 Kohler, J.: Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz. S. 163 Zeile 11-20.
76 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 20 Zeile 6-9.
77 Kohler, J.: Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz. S. 164 Zeile 8-10.
78 Ebd. S. 177 Zeile 20-26.
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Das Gesetz muss Rechtssicherheit in einem Rechtsstaat schaffen. 79 Die Rechtssphäre des Bürgers bedarf der hinreichend sicheren Abgrenzung, so dass sich der Adressat in seinem Verhalten hierauf einrichten kann. Bestimmtheit, Klarheit, Verlässlichkeit der Rechtsordnung und damit Rechtssicherheit ist also ein Gebot des Rechtsstaats. 80 Doch die Begriffe der Gnade, wie Barmherzigkeit, Milde, Schonung, Verzeihung und Straferlass 81 , können die Rechtssicherheit nicht gewährleisten. Sie sind, gegenüber der Definition des Rechts, gerade gegenteilig. Im Rechtsstaat existiert lediglich ein Recht auf Anhörung und Prüfung des Gnadengesuchs, sie sind in den meisten Ländern nur durch Gesetze möglich. Die Haupthandlung in „Maß für Maß“ kreist um Angelo, den Statthalter, der sich an dieses Rechtsprinzip zu halten versucht. Laut Kohler hat Angelo einen dreifachen Fehler begangen, den man als einen Regentenfehler, einen juristischen Fehler und einen allgemein menschlichen Fehler bezeichnen kann. Juristisch habe er durch Anwendung eines tatsächlich gewordenen Strafgesetzes auf Claudios Handlung gefehlt; denn dieses Gesetz habe nicht nur geschlummert, sondern sei tot gewesen. Als Regent habe er gefehlt, indem er Claudio nicht sofort nach dem Spruche begnadigte. Der dritte menschliche Fehler ist das Abhängig-Machen der Gnade von einem Privatvorteil. 82 Doch im strengrechtlichen Sinne hat Angelo nur ein einziges Delikt verübt: er hat sich für eine amtliche Handlung einen privaten Vorteil ausgedacht. 83 Angelo scheitert mit einer Tugend in einer plötzlichen Gier, die ihn ebenso überrascht wie foltert und die unwiderstehlich darauf drängt, gestillt zu werden. In seinem großen Monolog nach Isabellas Weggang tut sich das Entsetzen eines Menschen kund, der sich bisher in seinem autonomen Tugendwillen für unangreifbar gehalten hat. 84
Das Schuldigwerden des Statthalters hat die Wahrheit der Rede Isabellas von der Gnadenbedürftigkeit jedes Menschen derart bekräftigt, dass schon hier davon gesprochen werden kann, dass der Schluss von „Maß für Maß“ im Voraus angerührt wird, an dem Angelo selbst als der Schuldige vor der Frage Gnade oder Recht steht. 86
79 Degenhart, C.: Staatsrecht I. Staatsorganisation. S. 48 Rn. 123 Zeile 1-3.
80 Ebd. S. 126 Rn. 354 Zeile 4-7.
81 Wahrig. Deutsches Wörterbuch. Zeile 1-3.
82 Freund, F.: Shakespeare als Rechtsphilosoph. S. 67 Zeile 3-13.
83 Ebd. S. 68 Zeile 9-12.
84 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 171 Zeile 15-17.
85 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 36 Zeile 3-13.
86 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 174 Zeile 27-32.
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6.2. Religiöse Argumentation
Gewisse christliche Grundvorstellungen lassen sich nach 1600 in Shakespeares Dramen nachdrücklicher auswirken als bisher. Dies ist am stärksten in „Maß für Maß“ der Fall. 87 Nun besteht eine geheimnisvolle Beziehung zwischen Menschsein und Schwäche, Unordnung, Schuld und Untergang, „die den menschlichen Stolz auf seine Würde und Tugend um so mehr als Selbsttäuschung erscheinen läßt, als gerade die innerweltliche Tugend und der Wille zum Guten wieder und wieder in paradoxer Weise in ihr Gegenteil umschlagen.“ 88 Aber von der neuen Sicht des Menschen, wie auch von der neuen religiösen Optik des Shakespearischen Dramas aus vermag nun, dass nicht nur das strafende Recht, sondern auch die Vergebung dem Menschen notwendig ist. 89 In „Maß für Maß“ herrscht also der Zweifel an der Kraft und Harmonie des menschlichen Daseins.
Hier ergibt sich zunächst eine wirkungsvolle und bedeutsame Situation daraus, dass Isabella Angelo verzeiht. Sie bewährt damit das Ethos der vergebenden Liebe auch gegenüber dem Feind und dem Schuldigen, der selbst nichts von Gnade wissen will. 90 Nicht die Liebe Gottes steht im Zentrum des Dramas, sondern vor allem die Unzulänglichkeit des Menschen vor Gericht und seine Vergebungsbedürftigkeit. „Der Verweis auf die christliche Gottesvorstellung ergibt sich erst als Notwendigkeit aus dem innerweltlichen Befund der menschlichen Daseinssituation und ihrer Fragwürdigkeit.“ 91 Am glücklichen Ende machen sich die Beteiligten den Geist der Bergpredigt zu eigen. Ihr ist der Titel des Stücks entnommen. 92 „Urteilt nicht über andere, damit Gott euch nicht verurteilt. Denn so wie ihr jetzt andere verurteilt, werdet auch ihr verurteilt werden. Und mit dem Maßstab, den ihr an andere legt, wird man euch selber messen. 93 Also liegt der Sinn des Dramas nicht in dem harten „Maß für Maß“ des Titels, sondern der negativen Androhung des unbarmherzigen Gerichts für den Unbarmherzigen. Dies enthält den Imperativ zur Vergebung in sich. 94
87 Ebd. S. 131 Zeile 37-40.
88 Ebd. S. 129 Zeile 22-27.
89 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 129 Zeile 37-42; S. 130 Zeile 1-3.
90 Ebd. S. 143 Zeile 5-9.
91 Ebd. S. 146 Zeile 13-18.
92 Kindlers Literatur Lexikon. S. 6124 Zeile 46-51.
93 Matthäus 7, 1-2.
94 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 146 Zeile 6-9.
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7. Rechtsempfinden der einzelnen Schlüsselfiguren
7.1. Angelo - der Statthalter
Angelo ist streng, aber nicht weniger streng gegen sich; was er für gerecht hält, das gilt auch für ihn selbst. Die Gerechtigkeit ist für ihn das Höchste.
An dieser Textstelle offenbart sich Angelos Gerechtigkeitsvorstellung. Dass es noch etwas Höheres gibt als die Gerechtigkeit, nämlich die Gnade, muss Angelo im Laufe des Stückes erst noch lernen. Er beweist, so sagt er, gerade durch seine Härte Mitleid. 96 Er versucht, die innere Gerechtigkeit seiner Weigerung zu beweisen:
„Faßt Euch, schönes Mädchen;/ Denn das Gesetz, nicht ich, straft Euern Bruder.
Wär‘ er mein Vetter, Bruder, ja mein Sohn, / Es ging‘ ihm so: sein Haupt wird morgen fallen.“ (II,2) 97 Angelos Buchstabentreue gegenüber dem Gesetz bricht erst später zusammen, während die junge Novizin Isabella bei ihm für ihren Bruder Claudio um Gnade bittet. 98 Angelo ist kein Verbrecher, wie er zu allererst den Anschein macht. Nein, wer Angelo verkennt, verkennt das gesamte Stück. Er ist genau genommen von dem richtigen Weg abgekommen, der er aber am Ende durch Isabella und Vincentio, den Herzog, wieder findet. 99 Der Statthalter ist kein Bösewicht, seine Tugend ist durchaus ehrlich. 100 Seine wesentlichste Eigenschaft ist seine Tugend. 101 Angelo kann den Ruf des Herzogs zur Demut und zur Gnade nicht vernehmen, da er die Welt und sich selbst grundsätzlich anders versteht, als Vincentio dies tut. 102 Dass Angelo schuldig geworden ist, ergibt sich aus jedem seiner Monologe; sie sind nicht Ausdruck einer lustspielhaften Selbsttäuschung, sondern der eines tragischen, echten Schuldbewusstseins. 103
„O mein furchtbarer Fürst!/ Ich wäre schuld’ger wohl als meine Schuld,
Dächt‘ ich, ich könnt‘ Euch irgend noch entschlüpfen, / Da ich erkannt, wie Ihr mein Tun durchschaut, Dem ew’gen Richter gleich. Drum, gnäd’ger Fürst, / Nicht längre Sitzung prüfe meine Schande; Statt des Verhörs nehmt mein Geständnis an;/ Unmittelbarer Spruch und schneller Tod
95 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 33 Zeile 14.
96 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 164 Zeile 20.
97 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 32 Zeile 27-30.
98 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 455 Zeile 22-24.
99 Flatter, R.: Triumph der Gnade bei Shakespeare. S. 137 Zeile 1-21.
100 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 154 Zeile 21.
101 Ebd. S. 152 Zeile 29.
102 Ebd. S. 152 Zeile 22-25.
103 Ebd. S. 184 Zeile 24-27.
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Ist alles, was ich flehe.“ (V,1) 104
Als Angelo erkennt, dass der Fürst um seine Missetat weiß, bricht er umso vollständiger zusammen. 105 Das Drama mündet am Ende in eine Harmonie ein, die vom Gedanken der Vergebung ebenso innerlich, wie äußerlich, durch die Heirat mit Mariana, bestimmt ist. 106
7.2. Vincentio - der Herzog
Der Herzog Vincentio ist die wohl auf den ersten Blick unschärfste Figur des Dramas. Immer wieder erscheint er szenenweise zufällig in seinem Tun und launisch mit seinem ganzen Gehabe. 107 Vincentio gibt zwei Gründe für sein Verhalten an. Einmal soll dem Sittenverfall in Wien Einhalt geboten werden, wofür er den Stellvertreter Angelo bestimmt. Er übergibt Angelo eine durch Ausschweifung und Laster zerrüttete Stadt. 108 Er gibt dem Statthalter keine genauen Verfahrensregeln, er bezieht sich nicht, wie Angelo dies vermisst, auf Details der Amtsführung. 109 Und das Zweite erst später eingeführte Anliegen des Herzogs ist die Prüfung seines Stellvertreters, der ein tüchtiger und scheinbar leidenschaftsfreier Mann ist. 110 Die Rolle Vincentios ist schon zu Beginn die eines die Handlung lenkenden und überwachenden Weisen, der sich nicht nur im Hintergrund hält, sondern das Geschehen mit seiner Menschenkenntnis kommentiert und es schließlich aktiv dem Ende entgegenführt. 111 „Sei’s unbedingt auf Tod! Tod so wie Leben, / Wird dadurch süßer. Sprich zum Leben so:
Stündlich bedroht; du bist nur der Narr des Todes, / Denn durch die Flucht strebst du ihm zu entgehn, Und rennst ihm ewig zu. (…)/ Hast du nicht Glut noch Triebe, Mark noch Schönheit, Der Güter froh zu sein. Was bleibt nun noch, / Das man ein Leben nennt? Und dennoch birgt
Dies Leben tausend Tode: dennoch scheun wir / Den Tod, der all die Widersprüche löst. 112
Dieser Monolog Vincentios ist die längste Rede im ganzen Drama und übergipfelt den Sinnzusammenhang der Kerkerszene. Die Frage ist, ob man die Rede des Herzogs nicht für
104 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 95 Zeile 14-22.
105 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 186 Zeile 5.
106 Ebd. S. 191 Zeile 23-26.
107 Ebd. S. 175 Zeile 6-9.
108 Ebd. S. 148 Zeile 23.
109 Ebd. S. 151 Zeile 1-3.
110 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 454 Zeile 21-35.
111 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 178 Zeile 4-8.
112 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 45 Zeile 9-33; S. 46 Zeile 1-13.
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sich nehmen muss, da sie dem unmittelbaren Vorhaben Vincentios logisch zuwiderläuft. 113 Der Vorwurf der Inkonsequenz entfällt jedoch, wenn man sich klar macht, dass das Religiöse in den Shakespeare- Dramen nach 1600 nie als durchweg fester Glaube dargestellt wird. 114 Aufgrund von Vincentios Erkenntnis des menschlichen Daseins erscheint er immer deutlicher als der Lenker der Schicksale dieses Dramas. 115
7.3. Isabella - die Novize
Eine Parallelfigur zu Antonio aus dem „Kaufmann von Venedig“, diesem wahrhaft edlen Menschen, finden wir in „Maß für Maß“ in der Figur der Isabella. 116 Isabella ist eine junge, unerfahrene Frau, die in ihren Tugendvorstellungen sehr extrem ist und sich sogar noch strengere Regeln für das Kloster wünscht, in das sie eintreten will. 117 „(…) Ich sprach’s nicht, als begehrt‘ ich mehr, / Im Gegenteil, ich wünschte strengre Zucht
Sankt Klarens Schwesterschaft und ihrem Orden.“ (I, 5) 118
Sie hofft zu Beginn des Stücks auf die Zustimmung ihres Bruders Claudio, ihren Entschluss, ihre Keuschheit höher zu bewerten als sein Leben. Shakespeare zeigt, im Verlauf dieses Dramas an seiner Heldin einen Wandel an. Obwohl sie in der Schlussszene noch im Glauben ist, ihr Bruder sei durch Angelo getötet worden, fleht sie den Herzog an, den Statthalter nicht zu töten, sondern Gnade walten zu lassen. 119
„Huldreicher Fürst, / Ich fleh Euch, schaut auf diesen Mann der Schuld,
Als lebte Claudio noch. Fast muß ich denken, / Aufricht’ge Pflicht hat all sein Tun regiert, Bis er mich sah. Wenn es sich so verhält, / Laßt ihn nicht sterben! Claudio ward sein Recht, Weil er den Fehl beging, für den er starb. / Doch Angelo -Sein Tun kam nicht dem sünd’gen Vorsatz gleich, / Und muß begraben ruhn als eitler Vorsatz,
Der starb entstehend.- Gedanken sind nicht Taten; / Vorsätze nur Gedanken.“ (V, 1) 120
Isabella wirft die Fragen von Schuld, Recht, Strafe und Gnade im Zusammenhang mit dem menschlichen Dasein und dem Walten der Gottheit in einer Weise auf, die dem Sinn von
113 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 179 Zeile 2; S. 180 Zeile 22.
114 Ebd. S. 182 Zeile 8-11.
115 Ebd. S. 182 Zeile 21-23.
116 Flatter, R.: Triumph der Gnade bei Shakespeare. S. 153 Zeile 33.
117 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 455 Zeile 36-40.
118 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 16 Zeile 26-28.
119 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 457 Zeile 2-5.
120 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 98 Zeile 1-11.
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„Maß für Maß“ gemäß ist. 121 Gerade als eine „Heilige“, wie Lucio sie bezeichnet, aber fällt ihr die Rolle eines Anwalts der Gnade in besonderem Maße zu. 122 Die Jungfrau spricht nun mit einer Dringlichkeit von der göttlichen und der Größe der menschlichen Verzeihung, wie sie in diesem Sinnzusammenhang der Rede bisher bei Shakespeare, anlässlich des Vergebungsmotivs, nicht bekannt war. 123
8. Vergleich des Gnaden - Motivs anhand der beiden Frauen
Isabella und Portia
Shakespeares interessantesten juristischen Dramen, der „Kaufmann von Venedig“ und „Maß für Maß“, gehen auf Rechtssagen zurück, in denen ein Teil der an dem Dichter bewunderten Rechtsphilosophie liegt. Dies ist aber nur ein kleiner Teil, dem der bearbeitende Dichter teils durch eine unerreichbare Individualisierung der handelnden Personen und psychologischen Entwicklung ihrer Handlungen das Beste zugesetzt hat. 124 Eine thematische Verwandtschaft von „Kaufmann von Venedig“ und „Maß für Maß“ ist offensichtlich. Beide werden durch einen Komplex an Themen strukturiert, in dem sich Fragen nach Sexualität, Recht, Gnade, Autorität und Macht verbinden. 125
In „Maß für Maß“ ist, ähnlich wie im „Kaufmann von Venedig“, eine juristische Lage gegeben. Angelo entreißt ein altes, in Vergessenheit geratenes Gesetz, welches dem Rechtsempfinden der Mitmenschen augenscheinlich nicht mehr gemäß ist und die daher nach einem Billigkeitsentscheid und der Gnade als Rechtswohltat verlangen. Shakespeare sah auch schon im „Kaufmann von Venedig“ eine solche Problematik. 126 Die Genugtuung der Beteiligten über Portias Urteil über Shylock ist in diesem Sinne Ausdruck ihres Selbstgefühls und ihres vollkommenen Triumphs. Die Durchsetzung des Rechts, welches im Spiel als das eigentlich Vorbildliche besteht, setzt das Menschentum wieder in seine Befugnisse. Die komische Gestalt Shylocks entspricht diesem geistigen Rahmen, ihm gegenüber ist Mitleid wenig angebracht. Die religiöse Überzeugung zu Beginn von Portias Rede ist keine
121 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 158 Zeile 9-14.
122 Ebd. S. 159 Zeile 11.
123 Ebd. S. 159 Zeile 14-20.
124 Freund, F.: Shakespeare als Rechtsphilosoph. S. 54 Zeile 19-26.
125 Schabert, I.: Shakespeare Handbuch. S. 457 Zeile 34-37.
126 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 159f. Zeile 29-f.25.
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eigentliche Wirklichkeit in diesem Stück. Im „Kaufmann von Venedig“ geht besonders der Zweifel am Menschen ab, der für das Gnadenlob Portias wichtig ist. Hier ist ein altes christliches Selbstbewusstsein zu erkennen; Vergebung und menschliche Sündhaftigkeit sind untrennbar miteinander verbunden. Doch die Tatsache der menschlichen Schwäche ist in diesem Drama keine Erfahrung der Gestalten, sondern nur christliche Reminiszenz ohne wirkliche Verbindlichkeit. Diese christliche Reminiszenz meldet sich im Portia- Monolog, ist aber nicht stark genug, um das Drama weiterzutragen. Dies ist der Punkt, an dem sich die Entwicklung des „Kaufmanns von Venedig“ und „Maß für Maß“ grundlegend unterscheidet. Auch in „Maß für Maß“ empfiehlt eine Frau, Isabella, die Gnade und auch dort wird der Gnadenpreis zur Achse des Dramas. Isabellas Rede hatte mit der Bitte um Vergebung für den Bruder begonnen. Sie hat nur gefleht, ohne auf die juristische Lage des Claudio- Falles einzugehen und hat das Unrecht des Bruders als solches zugestanden, da es gerade im Wesen der Gnade liegt, dem Unrecht zu antworten. Als Angelo jedoch hart bleibt, vertieft sich die Mahnung der Jungfrau; sie klagt das scheinhafte Menschentum an, wie es der Statthalter lebt und vertritt. Portia weiß von der Nichtigkeit des Menschen vor Gott zu berichten, aber „Maß für Maß“ erkennt hier den entscheidenden Punkt. Isabella sagt weiter, der Statthalter soll an sein Herz klopfen, ob es sich nicht auch ähnlicher Fehler schuldig fühlt. Damit schließt sie ihre Rede von der Gnade. 127 „Fragt Euer Herz, / Klopft an die eigene Brust, ob nichts drin wohnt,
Das meines Bruders Fehltritt gleicht: bekennt sie / Menschliche Schwachheit, wie die seine war,
So steig‘ aus ihr kein Laut auf Eure Zunge / Zu Claudio’s Tod. (II, 2) 128
Doch Isabella macht ernst; Angelo erhält die Verzeihung und nicht die Strafe. Die „Heilige“ Isabella besinnt sich auf die Schuldverstricktheit des Menschen überhaupt und dies ist der Hauptunterschied zwischen ihr und Portia im „Kaufmann von Venedig“. Isabella predigt die Vergebung nicht nur, sondern sie vollzieht sie sogar frei. 129 „Der Kaufmann von Venedig“ und „Maß für Maß“ sind gerade in dem Gnaden- Motiv grundverschieden ausgelegt. Doch ist nicht die Verschiedenheit des juristischen Falls in „Maß für Maß“ maßgebend für den Gnaden- Ethos in dem späteren Stück, sondern der Umstand, dass dort die geistigen Voraussetzungen für die Vergebung eher gegeben sind, als im „Kaufmann von Venedig“. 130
127 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 167 Zeile 29-36; S. 168 Zeile 1-26.
128 Shakespeare, W.: Maß für Maß. S. 34 Zeile 23-28.
129 Sehrt, E.: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. S. 189 Zeile 25-35.
130 Ebd. S. 100 Zeile 7-40; S. 101 Zeile 1-11.
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9. Schluss
Wendet Portia nun einen Juristentrick an, um Antonio vor der Attacke Shylocks zu retten? Dadurch, dass sie den Schein buchstabentreu auslegt, gelingt ihr, Shylock das Herausschneiden des Fleisches aus Antonios Körper zu untersagen. Shylock hat wenige Minuten zuvor die Anwesenheit eines Arztes abgelehnt, da dies im Schein nicht vorgesehen ist. Portias Trick ist es nun, sich diese Interpretation von Recht zu nutze zu machen und verlangt, dass bei der Entfernung des Fleisches kein Blut fließen darf. Denn davon würde auch nichts im Schein stehen. Damit wird die Wende des Stückes herbeigeführt. Die Frage, ob der Schein von Shylock und Antonio von vornherein unsittlich und damit nichtig ist, lässt sich mit der Begründung Strassers beantworten: Shakespeare wollte die Prozessszene in eine Zeit versetzen, in der solch ein Schein Rechtsgültigkeit hatte. Dies kann man an Portia während des Prozesses erkennen. Sie macht keine Anstalten, den Schein für ungültig zu erklären, somit ist diese Fragestellung hier unwichtig. Der große Konflikt in „Kaufmann von Venedig“ liegt demzufolge im Prinzip des geltenden Rechts und eines Rechtsgefühls, das mittlerweile billiger fühlt. Es stoßen zwei unterschiedliche Rechtsempfindungen bzw. Gesetze aufeinander, die die Problemsituation des „Kaufmanns“ ausmachen. Die Frage, ob Shylock sein Recht auf Rache mit den Ähnlichkeiten der beiden Religionen begründen kann, würde ich verneinen. Denn gerade in den Religionen wird das Prinzip der Rache völlig anders behandelt. Während sich die Juden an die von Gott gegebenen Gesetze halten müssen, bedarf der Mensch im Christentum von vornherein der Gnade. Ein weiterer Grund wäre, dass Shylock ein metaphorisches Gebot Gottes real an Antonio ausführen möchte. Daraus ergibt sich, dass er Antonio töten möchte und dafür ist in keiner Religion eine Rechtfertigung zu finden. Er kann sich nicht auf die Ähnlichkeiten der Religionen beziehen. Die Bedeutung der Gnade im Recht kann so beschrieben werden, dass Gnadenrecht unter dem Gesetz stehen muss, da sonst die Gefahr besteht, dass die Gerechtigkeit und die Sicherheit des Staates zusammenbrechen könnten. Denn die Gnade ist, in ihrer Begrifflichkeit, das exakte Gegenteil des Rechts und darf, wenn überhaupt, nur unterordnend eingesetzt werden. Der Titel „Maß für Maß“ soll nicht, wie erwartet, die negative Androhung des unbarmherzigen Gerichts für den Unbarmherzigen enthalten, sondern das Drama macht sich die Bergpredigt zu eigen und enthält somit den Imperativ zur Vergebung in sich. Die Antwort auf die letzte Frage nach dem Unterschied des Gnaden-Motivs der beiden Frauen, würde ich so beantworten, dass Isabella ernst macht und Angelo frei vergibt während Portia für Shylock, trotz ihrer großen
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Gnadenrede, keine Gnade ergehen lässt. Das Gnaden- Motiv ist in diesen beiden Stücken demnach völlig unterschiedlich behandelt. „Was ist der Sinn von all dem? Vergebung, das ist der Sinn. Gäbe es mehr Verzeihung auf Erden, mehr Versöhnung, so stünde es besser um die Menschen. Das ist es, was Shakespeare meint.“ 131
10. Literaturverzeichnis
Quellen:
Shakespeare, William: Der Kaufmann von Venedig. Komödie. Stuttgart: Phillip Reclam jun. GmbH & Co. 2006.
Shakespeare, William: Maß für Maß. Komödie. Stuttgart: Phillip Reclam jun. GmbH & Co. 2005.
Forschungsliteratur:
Degenhart, Christoph: Staatsrecht I Staatsorganisationsrecht. 22., neu bearb. Aufl. Heidelberg: C.F. Müller Verlag 2006.
Flatter, Richard: Triumph der Gnade. Shakespeare - Essays. Wien: Verlag Kurt Desch 1956.
Freund, Fritz Dr.: Shakespeare als Rechtsphilosoph. Kaufmann von Venedig und Maß für Maß. In: Jahrbuch der deutschen Shakespeare- Gesellschaft. Hrsg. Von F.A. Leo. Bd. 28. Weimar: A. Huschke 1893.
Greiner, Bernhard: Beschneidung des Herzens. Konstellation deutsch - jüdischer Literatur. München: Wilhelm Fink Verlag 2004.
Gundolf Friedrich: Shakespeare. Sein Wesen und Werk. 1. Bd. Berlin: Georg Bondi 1928.
Ihering, Rudolf von Dr.: Der Kampf ums Recht. 10. Aufl. Wien: Manz’ sche k.u.k. Hof-Verlag- und Universitäts- Buchhandlung 1891.
131 Flatter, R.: Triumph der Gnade bei Shakespeare. S. 157 Zeile 6-8.
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Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutsche Ausgabe begr. V. Wolfgang von Einsiedel. 14. Band. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG 1974. S. 6123-6124.
Kohler, Josef: Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz. 2. Aufl. Berlin/ Leipzig: Dr. Walter Rotschild 1919.
Kullmann, Thomas: William Shakespeare. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2005.
Schabert, Ina: Shakespeare - Handbuch. Die Zeit - Der Mensch- Das Werk - Die Nachwelt. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 2000.
Schwanitz, Dietrich: Das Shylock- Syndrom oder die Dramaturgie der Barbarei. Frankfurt a. M.: Eichborn 1997.
Sehrt, Ernst Theodor: Vergebung und Gnade bei Shakespeare. Stuttgart: K.F. Koehler Verlag 1952.
Suerbaum, Ulrich: Shakespeares Dramen. Tübingen / Basel: A. Finke Verlag 2001.
Strasser, Johannes: Versuch einer Studie über Shakespeare als Jurist. Halle: Druck und Verlag von Otto Thiele (Hallesche Zeitung) 1907.
Zweigert, Konrad: Einführung in die Rechtsvergleichung: auf dem Gebiete des Privatrechts / von Konrad Zweigert und Hein Kötz. 3., neubearb. Aufl. Tübingen: Mohr 1996.
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Julia Stekeler, 2008, Shakespeare als Jurist in "Kaufmann von Venedig" und "Maß für Maß"., München, GRIN Verlag GmbH
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