Einleitung
Mehrsprachigkeit spielt in unserer heutigen globalisierten Welt eine nicht mehr wegzudenkende Rolle. Sie gilt als wichtiger Bestandteil der kulturellen Vielfalt und als Schlüsselqualifikation für eine erfolgreiche Integration in die Gesellschaft. Sprachlich rückt die Welt immer näher zusammen, die Arbeitsmärkte werden internationalisiert, und besonders die Länder Europas sind auf dem Wege sich zu vereinigen. Sprachliche Vielfalt und die Akzeptanz anderer Kulturen sind dabei ein wichtiger Faktor der gegenseitigen Annäherung. Der Fremdsprachenunterricht an Schulen stellt einen wichtigen Bestandteil dar, um Kinder und Jugendliche an Sprachen heranzuführen. Hierbei stehen bei der Vermittlung Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Spanisch im Mittelpunkt. In meiner Bachelorarbeit im Bereich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) setze ich mich mit mehrsprachigen Schulmodellen auseinander. Es soll hierbei allerdings der Fokus nicht auf die erwähnten Sprachangebote von Schulen gerichtet sein, sondern sich dem Modell der türkischen Sprache im Unterricht anhand mehrerer Schulen und Unterrichtsmodelle genähert werden. Die Fähigkeit, die türkische Sprache zu beherrschen, wird in unserem Bildungssystem selten als sprachliche Ressource gesehen, und so existieren Förderungsmaßnahmen in den Bereichen Türkisch als Muttersprache längst nicht flächendeckend, und Angebote im Bereich Türkisch als Fremdsprache sind kaum vorhanden. In dieser Bachelorarbeit sollen Unterrichtsmodelle dargestellt werden, in denen die türkische Sprache in das deutsche Schulsystem aufgenommen wurde. Es soll diskutiert werden, ob die Einbindung von Türkisch an Schulen neue gesellschaftliche Chancen für Kinder und Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund aufwirft und ob die Förderung und Einbeziehung der Erstsprache der Integration hilft. Findet der Erstspracherhalt, wie der Mannheimer Soziologe Hartmut Esser anführt, zu Lasten des Erwerbs von Zweitsprache statt, oder unterstützt die Förderung der Muttersprache das Erlernen der deutschen Sprache? (vgl. Esser 2006: www.wzb.eu) Welche Verantwortung hat das deutsche Bildungssystem gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, und welche Maßnahmen sind seitens der Schulen ergriffen worden?
Deutschland ist ein mehrsprachiges Land, hier leben über 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus 200 verschiedenen Staaten (www.bundesregierung.de, 2007). Seit der Immigrierung von Gastarbeitern ab den 50er Jahren, überwiegend aus
2
südeuropäischen Ländern, hat sich in der Gesellschaft und entsprechend in den deutschen Schulen viel verändert. Im föderalen Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland haben die Bundesländer unterschiedliche Konzepte im Umgang mit Mehrsprachigkeit an Schulen und deren Förderung etabliert. In dieser Arbeit werde ich interdisziplinär vorgehen. Im ersten Teil möchte ich auf die Begriffe Mehrsprachigkeit und Migration eingehen und politische und gesellschaftliche Forderungen mit einbeziehen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Türkisch an Schulen darstellen. Im Kapitel 4 werde ich verschiedene Schul- und Unterrichtsmodelle in Bremen, Hamburg und Niedersachsen vorstellen, in denen Türkisch einen Unterrichtsgegenstand ausmacht. In allen Schulen habe ich mit der Schulleitung Gespräche führen und mir einen Eindruck über die verschiedenen Unterrichtsformen machen können. In Hamburg und Hannover besuchte ich deutsch-türkisch bilinguale Grundschulen. Des Weiteren habe ich in einer Privatschule in Hannover, in der über 70% der Schülerinnen und Schüler einen türkischen Migrationshintergrund haben, ebenfalls ein Gespräch mit der Schulleitung führen können. In Bremen konnte ich in einem Oberstufenkurs „Türkisch als zweite Fremdsprache“ hospitieren und einen Fragebogen einsetzen. Dieser wird von mir in dargestellt und ausgewertet. Im letzten Punkt dieser Arbeit werden die gesammelten Erkenntnisse aus der Literatur, den geführten Gesprächen und der Hospitation sowie der empirischen Untersuchung diskutiert und ein Ergebnis dargestellt.
1. Von der monolingualen zur multilingualen Schule
Multikulturalität und Mehrsprachigkeit ist in den meisten Schulen in Deutschland der Normalfall und das deutsche Schulsystem längst nicht mehr als monolingual zu bezeichnen. Durch die wachsende Zahl an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund haben es sich viele Schulen in ihren Profilen zur Aufgabe gemacht, ihre Unterrichtskonzepte auf ein multikulturelles Umfeld umzustellen, und versucht, Fördermaßnahmen für Nichtmuttersprachler zu etablieren. Mehrsprachigkeit soll befürwortet und gefördert werden. Allerdings sind die Fördermaßnahmen an Schulen längst nicht flächendeckend, und so kann eine Schule auch stark einsprachig geprägt sein und die Sprachförderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund vernachlässigt werden.
3
„Mit dem Eintritt in die Bildungsinstitutionen wird den Kindern die Normalität ihres mehrsprachigen Alltags genommen. Im Kindergarten und in der Schule werden sie mit Einstellungen und Haltungen zu ihrer Muttersprache konfrontiert, die ihre bisherige Sprachentwicklung ausgesprochen skeptisch betrachten“ (Jampert 2002: 63).
Eine Einstellung im Umgang mit Mehrsprachigkeit ist die Auffassung, Kindern und Jugendlichen bevorzugt Deutsch beizubringen. Die Förderung der Zweitsprache gilt hierbei eher als hinderlich. Eine andere - und auch gleich konträre - Ansicht ist die Auffassung, dass Mehrsprachigkeit einen festen Platz im Schulleben einnehmen soll und ebenso die Erstsprache gefördert werden soll (vgl. Gogolin 2003: 19). Für die türkische Sprache bieten im zweiten Fall Schulen vereinzelt einen Herkunftssprachunterricht an. In dieser Unterrichtsform werden die Schülerinnen und Schüler in ihrer Muttersprache unterrichtet. Dies erfolgt oft in jahrgangsübergreifenden Gruppierungen als Ergänzungsfach in den Nachmittagsstunden und wird vielfach von muttersprachlichen Lehrkräften angeboten. Der Herkunftssprachunterricht an Schulen galt lange Zeit als Rückkehroption für Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern nach Deutschland immigrierten. Er sollte dazu dienen, dass nach einem Aufenthalt in Deutschland die Wiedereingliederung in das Schulsystem der jeweiligen Herkunftsländer möglich ist (vgl. www.bundesregierung.de, 2001).
Betrachtet man den Begriff der Mehrsprachigkeit an Schulen bezüglich des allgemeinen Sprachangebots, werden, wie bereits erwähnt, überwiegend die Fremdsprachen offeriert, die im Kanon der Schulfächer bekannt sind, und selten die Herkunftssprachen von Schülerinnen und Schülern. So sind deutsch-englisch bilinguale Schulformen in Deutschland keine Seltenheit. Besonders das bilinguale Angebot, bei dem die Förderung der Muttersprache im Mittelpunkt steht, gibt es nur äußerst selten und wird auf ca. 50 Schulen in Deutschland geschätzt (vgl. Gogolin et al. 2007: 32). Unter dem Oberbegriff „bilinguale Schule“ stehen verschiedene Modelle: „ … vom Schulmodell, das auf Fachunterricht in einer der üblichen Schulfremdsprachen, zumeist Englisch, gerichtet ist, bis zum Modell, in dessen Fokus die Förderung der Bilingualität mit Deutsch und einer der Lebenssprachen von Kindern aus zugewanderten Familien steht“ (ebd.: 32).
Viele Kinder mit türkischem Migrationshintergrund wachsen in einem Umfeld auf, in dem die türkische Sprache im Alltag eine wichtige Funktion hat (vgl. Dirim et al. 2004: 23). Spätestens zum Schuleintritt kommen die Kinder mit der deutschen Sprache in Kontakt (ebd.). Hierbei handelt es sich dann oft um das beschriebene monolinguale
4
sprachliche Umfeld, in dem die eigene Muttersprache wenig bis keine Funktion mehr hat und in der Schule nicht gefördert wird.
2. Schülerinnen und Schüler mit türkischem Migrationshintergrund im
deutschen Bildungssystem
„Die europäische Migration hat in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in vielen sozialen Lebensbereichen der Bundesrepublik zu Veränderungen geführt“ (Hohmann 2005: 31).
In diesem Kapitel soll der Begriff Migration in der Bundesrepublik Deutschland kurz geschichtlich dargestellt und dabei speziell auf Schülerinnen und Schüler mit türkischem Migrationshintergrund eingegangen werden.
In Deutschland leben derzeit ca. 15,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, was ca. ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmacht (vgl. Pfeiffer 2008: 103). Mehr als die Hälfte der Menschen davon besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit (vgl. www.bundesregierung.de, 2007). Im Jahr 1960 war in Deutschland nahezu Arbeitsvollbeschäftigung in der heimischen Bevölkerung erreicht. Um den Bedarf an weiteren Arbeitskräften zu decken, wurden Arbeiter aus mediterranen Ländern angeworben. Am 30.10.1961 wurde eine Anwerbevereinbarung mit der Türkei geschlossen (Meinhardt. 2. Auflage 2006: 34). Zuvor hatten weitere Länder Europas Anwerbevereinbarungen mit der deutschen Regierung beschlossen. Im September 1964, ca. vier Jahre nach Abschluss der ersten Vereinbarungen, immigrierte der millionste Gastarbeiter nach Deutschland (ebd.). Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Deutschland nicht mehr monokulturell und monolingual. Laut Ceri (2008: 13) lassen sich Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland grob in vier verschiedene Gruppierungen einteilen: Arbeitsmigranten, die als Gastarbeiter aus mediterranen Ländern nach Deutschland gekommen sind (überwiegend in den 50er und 60er Jahren), deutschstämmige Aussiedler aus überwiegend osteuropäischen Ländern,
Bürgerkriegsflüchtige und Asylbewerber sowie Zuwanderer aus Ländern der Europäischen Union. Heute sind Schülerinnen und Schüler mit türkischem Migrationshintergrund überwiegend in Deutschland geboren.
5
Zu Personen mit Migrationshintergrund zählen
„ … auch die in Deutschland geborenen eingebürgerten Ausländer sowie eine Reihe von in Deutschland Geborenen mit deutscher Staatsangehörigkeit, bei denen sich der Migrationshintergrund aus dem Migrationsstatus der Eltern ableitet“ (Ceri 2008: 13).
Im Bundesland Bremen haben ca. 25 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund (vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland. In Ceri 2008: 16). Dabei stellt die Gruppe mit türkischem Migrationshintergrund mit sechs Prozent der unter 16jährigen den größten Anteil dar (ebd.:18).
Der Begriff „Migration“ und die daraus oft resultierende Synopse zur fremden Herkunft und zur fremden Sprache stellt demnach ein weites Feld dar, welches längst nicht pauschal mit dem Begriff „Einwanderer“ zu betiteln ist. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein Großteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Deutschland geboren ist und viele die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Die Konnotation „Ausländer“ wird aber im gesellschaftlichen Diskurs oft beibehalten, ebenso kommen die Begriffe „Fremdheit“ und „Nichtzugehörigkeit“ vor (vgl. Meinhardt. 2. Auflage 2006: 25).
Die türkische Gesellschaft in Deutschland ist längst nicht mehr als eine ethnische Minderheit anzusehen. Türkisch gehört zusammen mit dem Russischen zu den meist gesprochenen Sprachen von Einwohnern mit Migrationshintergrund. Die meisten Türken außerhalb der Türkei leben in der Bundesrepublik. Im Bundesland Bremen leben in der Altersgruppe der 6-18jährigen 4.654 Schülerinnen und Schüler mit türkischer Staatsangehörigkeit sowie 3.696 deutsche mit türkischer Herkunft (Informationsmaterial zum „Bündnis zur Wahrung der Herkunftssprache und zweiten Fremdsprache Türkisch“, Manuskript, Bremen, Stand 10.2008). Viele Kinder und Jugendliche leben in Deutschland mit einer „bikulturellen Identität“ (vgl. Schader. 2. Auflage 2004: 26). Sie leben zwischen zwei Kulturen, welche oft sprachlich voneinander getrennt sind. Im Sprachvergleich unterscheiden sich Deutsch und Türkisch erheblich voneinander. Bezüglich der Wortstruktur weisen Türkeitürkisch und Deutsch große morphologische Unterschiede auf (vgl. Johanson et al. 1999: 11). Auch die türkische Syntax unterscheidet sich von der deutschen, dies sollte beim Vermitteln von Lesen und Schreiben in der Erst- und Zweitsprache bei bilingualen Kindern immer
6
Berücksichtigung finden (vgl. Siebert-Ott. 2. Auflage 2006: 153). Abschließend muss in diesem Punkt angemerkt werden, dass sich das Türkisch der Menschen, die in Deutschland geboren wurden, von dem Standarttürkisch, das in der Türkei gesprochen wird, unterscheidet.
2.1 Mehrsprachigkeit
Im Zuge der Beschreibung des Begriffs der Migration unter besonderer Berücksichtigung der Bevölkerung mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland möchte ich ebenso auf den Begriff der Mehrsprachigkeit eingehen und unterschiedliche Typen erläutern. Mehrsprachiges Aufwachsen stellt in vielen Ländern Europas einen Normalzustand dar (vgl. Jampert 2002: 61). Als mehrsprachig wird eine Person bezeichnet, die mehr als eine Sprache beherrscht. Begrenzt auf Zweisprachigkeit können ebenfalls unterschiedliche Definitionen auftreten: „Manche verstehen darunter die perfekte, muttersprachenähnliche Beherrschung zweier Sprachen, für andere ist ein Kind bereits zweisprachig, wenn es eine Sprache beherrscht und eine zweite Sprache mehr oder weniger versteht, aber nicht spricht“ (Ulich. 2. Auflage 2005: 15).
Unter dem Begriff der simultanen Mehrsprachigkeit (bei zwei Sprachen Bilinguismus) steht der Erwerb zweier Muttersprachen, die gleichzeitig im Kindesalter erlernt werden. Das Kind lernt zwei oder mehrere Sprachen zur selben Zeit auf natürlichem Wege und ohne eine gezielte und gesteuerte Sprachvermittlung (vgl. Lambeck: 1984. In Müller et al. 2. Auflage 2007: 15). Hierbei erfolgt die Sprachvermittlung beispielsweise über den Vater, der mit dem Kind Deutsch spricht, und die Mutter, die dem Kind Türkisch vermittelt, oder durch den Kontakt mit der deutschen Sprache außerhalb des türkischsprachigen Elternhauses wie z.B. in einem Spielkreis, in dem nur deutsch gesprochen wird.
Von dem simultanen Erwerb zweier Erstsprachen (2L1) wird der Begriff des versetzten (sukzessiven) kindlichen Spracherwerbs einer weiteren Sprache als der Muttersprache abgegrenzt (vgl. Müller et al. 2. Auflage 2007: 15). Das Kind kommt beispielsweise erst nach zwei Jahren mit der deutschen Sprache in Kontakt, nachdem es in den ersten Lebensjahren nur die türkische Sprache vermittelt bekommen hat. Im Falle von türkischen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ergeben sich so
7
unterschiedliche Sprachbiographien. Ein Großteil ist in Deutschland geboren und hat Deutsch simultan mit Türkisch erlernt oder kam erst zum Zeitpunkt des Eintritts in den Kindergarten oder sogar in die Grundschule mit der deutschen Sprache in Kontakt. Ein anderer Teil ist im Kindes- oder Jugendlichenalter nach Deutschland gekommen und hat Deutsch als Zweitsprache gelernt (L2). In diesem Falle wird von einem gesteuerten Erwerb einer Sprache gesprochen, da die Sprache nicht auf natürlichem Wege erlernt wird, sondern dies über Sprachunterricht geschieht. Somit gibt es im Sprachgebrauch mehrere Definitionen, wenn von Mehrsprachigkeit die Rede ist.
Das Elternhaus, in dem eine jeweilige Sprache oder mehrere gesprochen werden, spielt für die Kinder und Jugendlichen ebenfalls eine wichtige Rolle. So wird bei vielen der Kinder und Jugendlichen in den Elternhäusern Türkisch gesprochen, während außerhalb Deutsch die Kommunikationssprache ist. Das Sprachmilieu in den meisten Schulen in Deutschland ist, bis auf die Ausnahme des Fremdsprachenunterrichts, Deutsch. Das Deutsch in der Schule, mit dem selbst Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund sprachliche Probleme haben können, stellt für türkische Kinder naturgemäß eine starke Unterscheidung zur Umgangssprache dar. „Es besitzt die Besonderheiten einer Fach- oder (je nachdem, wie weit man im Bildungsgang ist) sogar einer Wissenschaftssprache“ (Gogolin 2006: 40).
2.2 Erfolgschancen für Kinder mit Migrationshintergrund - Selektivität des
deutschen Bildungssystems
„Fast 50 % der Jugendlichen aus Migrantenfamilien besuchen die Hauptschule … 20% der Jugendlichen aus Migrantenfamilien haben keinen Hauptschulabschluss“ (Ratzki. 2. Auflage 2003: 23).
Nach wie vor gibt es zwischen der Herkunft von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und ihren schulischen Kompetenzen und Erfolgen eine enge Kopplung. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund gehören tendenziell zu den Bildungsbenachteiligten des Schulsystems (vgl. Krüger-Potratz. 2. Auflage 2006: 64). Dabei ist die Teilhabe an Bildung ein wichtiger Faktor für die Integration. Das deutsche Schulsystem ist hierarchisch aufgebaut und in verschiedene Schulstufen eingeteilt. Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund sind überwiegend in Realschulen und an Gymnasien anzutreffen (siehe Grafik 1) (vgl. Ceri 2008: 21). Bei
8
dem Versuch, nach Ursachen für die Bildungsbenachteiligung zu suchen, kann zwischen außerschulischen und innerschulischen Aspekten unterschieden werden. „Bei den außerschulischen Aspekten geht es um die Merkmale der Migrantenkinder oder ihrer Eltern, bei den innerschulischen dagegen um die Merkmale der Schule als Institution“ (ebd.: 42).
Je besser der Schulabschluss im Schulsystem ist, desto größer ist das Angebot an Wahlmöglichkeiten für das spätere Berufsleben. Eine wichtige Hürde ist hierbei der Übergang von der Grundschule in eine Sekundarschule, danach findet ein Wechsel zwischen den Schulstufen seltener statt.
„Dreimal so viele deutsche wie ausländische Kinder wechseln von der Grundschule auf ein Gymnasium; je nach Bundesland wiederholen ausländische Schüler/innen im Vergleich zu deutschen zwei- bis viermal so oft eine Klasse …“ (Krüger-Potratz. 2. Auflage 2006: 64).
Eine deutliche Mehrheit der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund besucht nach der Grundschule eine Hauptschule, eine Minderheit an Schülerinnen und Schülern wechselt nach der Grundschulzeit auf das Gymnasium (vgl. Ceri 2008: 21).
Deutsche Schulen sind im Vergleich zu anderen Schulsystemen sehr selektiv, dies zeigt sich an der hohen Anzahl an Schülerinnen und Schülern, die am Ende eines Schuljahres nicht versetzt werden (vgl. Auernheimer. 2. Auflage 2006: 8). Eine Selektion geschieht nicht nur zwischen den Schulformen, sondern ebenso durch die Zuordnung in einzelne Förderklassen. Anhand einer grafischen Darstellung (entlehnt aus: Statistisches Bundesamt Datenreport 2006. In Ceri 2008: 22) soll prozentual verdeutlicht werden, wie hoch der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen im Schuljahr 2004/2005 war.
9
Grafik 1: Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem
(Auszug)
Wie der Darstellung zu entnehmen ist, besucht ein Großteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund eine Hauptschule, die Wenigsten gehen auf ein Gymnasium. Neben den vier dargestellten Schulformen sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund darüber hinaus zu 13,1% an Integrierten Gesamtschulen, zu 16,1% an Abendschulen und mit 23,5% im Vorschulbereich vertreten. Auf den Grundschulbereich fallen 11,5%. In keinem Land der Welt stehen Schulerfolg und soziale Herkunft in einem so engen Verhältnis wie in Deutschland. Die Schulformtrennung ist gleichzeitig eine Trennung der sozialen Gruppierungen (vgl. Ratzki. 2. Auflage 2006: 24). Ein Teil der Kinder verlässt die Schule ganz ohne Schulabschluss (vgl. Kröhnert et al. 3. Auflage 2007: 31). Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund haben nach dem Schulabschluss Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Jugendliche mit
Migrationshintergrund einen geringeren Bildungserfolg im deutschen Schulsystem haben als Kinder ohne Migrationshintergrund. Bei einer Ausblendung der unterschiedlichen sprachlichen Vorraussetzungen zeigt sich im Verhältnis zu Altersgenossen ohne Migrationshintergrund, dass ohne jegliche Förderung die Schullaufbahn zu geringeren Erfolgen führt. Auch die PISA-Studie belegt, dass Schulerfolge eng damit zusammen hängen, ob Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben und aus welcher sozialen Schicht sie stammen (vgl. Hunger et al. 2. Auflage 2006: 51).
10
Laut Gogolin (1994: 151) hat das deutsche Bildungswesen ein „monolinguales Selbstverständnis“ entwickelt, in dem die deutsche Sprache für Migrantenkinder einzig und allein ein Sprachgegenstand in den Schulen ist. „Unter Umständen zunehmender Pluralisierung der Schülerschaft aber, die sich als Konsequenz der Migration für Bildung und Erziehung einstellt, erweist sich dieses Selbstverständnis mehr und mehr als dysfunktional“ (ebd.: 3).
2.3 Türkisch in der Schule, Förderung der Mehrsprachigkeit
Während in den 60er und 70er Jahren türkische Gastarbeiter oft einen ungesteuerten
deutschen Spracherwerb hatten 1 , sind die Kinder der folgenden Generationen größtenteils in Deutschland geboren und wurden spätestens beim Eintritt in die Grundschule mit der deutschen Sprache konfrontiert. Wie in Punkt 1 dargestellt, hatte der Herkunftssprachunterricht in den 60er Jahren noch die Aufgabe, eine Reintegration in die Türkei zu ermöglichen. Türkischen Familien sollte die Möglichkeit offen gehalten werden, dass ihre Kinder „nahtlos“ in das türkische Schulsystem zurückkehren könnten (vgl. Meinhard 2. Auflage 2006: 37). Die meisten Familien leben heute seit nunmehr vielen Jahren in Deutschland, und eine Rückkehroption wird bei vielen gänzlich ausgeschlossen.
Ab der Einschulung in die Grundschule führen viele Kinder mit Migrationshintergrund einen sprachlichen „Mehr-Fronten-Kampf“ (Veith 2002: 59), eine tägliche Auseinandersetzung mit zwei Sprachen. Während im Elternhaus die Familiensprache oft Türkisch ist, erleben die Kinder ab dem ersten Schultag eine monolingual deutsche Schulumgebung. Nur vereinzelt findet dabei der Einbezug der türkischen Sprache einen Platz in der Schule. Ein Umgang mit Mehrsprachigkeit ist nicht flächendeckend vorzufinden. Zur Darstellung der vorhandenen Unterrichtsformen, in denen die türkische Sprache einbezogen wird, sollen hier Sprachunterrichtsformen dargestellt werden (Gogolin 2003: 22):
1 Im Zuge dieser Diskussion trat des Öfteren der Begriff des „Gastarbeiterdeutsch“ auf (Dirim et al. 2004: 215).
11
Arbeit zitieren:
Paul Haller, 2009, Mehrsprachige Schulmodelle unter besonderer Berücksichtigung der türkischen Sprache im Unterricht, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und Schulerfolg bei Kindern mit ...
Examensarbeit, 89 Seiten
Moderne Kinderliteratur am Beispiel Peter Härtlings 'Ben liebt Ann...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 17 Seiten
Die Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund ...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Masterarbeit, 100 Seiten
Die Darstellung bikultureller weiblicher Adoleszenz in aktuellen deuts...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Magisterarbeit, 133 Seiten
Beitrag der Sprach- und Orientierungskurse des neuen Zuwanderungsgeset...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Magisterarbeit, 125 Seiten
Im Spannungsfeld zwischen poetischem Realismus und gespenstischen Phan...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Über den Umgang mit Konflikten in den Kinder- und Jugendbüchern Christ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Examensarbeit, 58 Seiten
Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit in der Schule
Sammelband, 28 Seiten
Fortschreibung und Wandel des Mädchen- und Frauenbildes in der Mädchen...
Examensarbeit, 145 Seiten
Diagnose und Förderung deutschsprachlicher Kompetenzen bei Kindern u...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Masterarbeit, 94 Seiten
Neurowissenschaften und Schulpädagogik - eine Erörterung am Beispiel d...
Diplomarbeit, 89 Seiten
Die Sprache als Schlüssel zum Bildungserfolg?
Kinder mit Migrationshintergru...
Examensarbeit, 78 Seiten
Brecht, Bertolt - Entdeckung an einer jungen Frau - Gedichtinterpretat...
Referat / Aufsatz (Schule), 3 Seiten
Elternarbeit und Elternmitarbeit in der Schule
Untersuchung zur Zusammenarbei...
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Examensarbeit, 90 Seiten
Fatma und Mustafa - Integration von Migrationskindern durch die Grunds...
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Examensarbeit, 105 Seiten
Analyse des Buches "Lady Punk" von Dagmar Chidolue, Ein typi...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Ursachenfeld Familie im Kontext der Entstehung und Aufrechterhaltung v...
Untersuchung am Beispiel eines...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 162 Seiten
Bilingualismus und bilinguale Spracherziehung aus linguistischer Persp...
Examensarbeit, 108 Seiten
Paul Haller's Text Mehrsprachige Schulmodelle unter besonderer Berücksichtigung der türkischen Sprache im Unterricht ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Paul Haller hat den Text Mehrsprachige Schulmodelle unter besonderer Berücksichtigung der türkischen Sprache im Unterricht veröffentlicht
Paul Haller hat einen neuen Text hochgeladen
Der Schutz bekannter Marken unter besonderer Berücksichtigung der zivi...
Vertrags- und Haftungsfragen u...
Enzo Baiocchi
0 Kommentare