1 Einleitung
Ich möchte zunächst darauf eingehen, wie sich meine Themensuche gestaltet hat, warum ich mir genau dieses Thema ausgesucht habe, um eine Hausarbeit darüber zu schreiben, und welche Fragestellungen im Wesentlichen in dieser Arbeit thematisiert werden sollen.
Ich fand es zunächst recht schwierig, ein Thema zu finden, dass sowohl meine Interessen bedienen würde und sich gleichzeitig auch gut innerhalb der beiden Fächer „Erziehungswissenschaft“ und „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit“ integrieren lassen würde. Ich bin allgemein sehr an geschichtlichen Inhalten interessiert und schaue mir auch gern Entwicklungen innerhalb einer Gesellschaft an, was mich zu der Idee brachte, mir die Geschichte der Erziehung genauer anzuschauen. Um die Thematik etwas einzuschränken, beschloss ich dann, mich im Wesentlichen auf die Erziehung zur Zeit des Nationalsozialismus und die heutige Zeit zu beschränken und diese beiden miteinander zu vergleichen.
Den zweiten Teil meiner Arbeit möchte ich gern der Lebenswelt-Theorie und den Ansichten zum gelingenden Leben widmen. Ich bin persönlich sehr an diesen Theorien interessiert und würde gern für mich persönlich wissen, ob sie einen Ausgangspunkt für mein professionelles Handeln bilden könnten. Zum Schluss meiner Arbeit und auch um eine Verbindung zum ersten Teil der Arbeit herzustellen, würde ich gern die Lebenswelttheorie anhand eines Beispiels aus der Praxis konkretisieren und habe dazu die Schulsozialarbeit ausgewählt.
Ich hoffe, durch die Beschäftigung mit dem Thema ein größeres Verständnis für und einen größeren Überblick über die Jugend und Erziehung von früher, von heute und auch für und über die Lebenswelt-Theorie zu bekommen.
2 Erziehung im Nationalsozialismus
Auch zur Zeit des Nationalsozialismus gab es natürlich unterschiedliche pädagogische Ansätze. An dieser Stelle beziehen sich meine Ausführungen jedoch nur auf die pädagogischen Vorstellungen von Hitler und seinen Gefolgsleuten (Ernst Krieck, Alfred Baeumler, Baldur von Schirach), da andere Ansätze in der Staatsform, wie sie damals bekanntermaßen praktiziert wurde, sowieso nicht beachtet und umgesetzt wurden. Die Darstellungen fallen in stark gekürzter Form, ohne die Hinzunahme von umfassenden biographischen Hintergründen der jeweils dargestellten Personen statt, da dies den Rahmen der Arbeit überschreiten würde. Wichtig ist mir, bei jeder Dar-
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stellung die Fakten herauszustellen, die wichtig für den NS-Staat und seine Organisation von Erziehung als Ganzes waren.
2.1 Pädagogische Konzepte im Nationalsozialismus 2.1.1 Adolf Hitler
„Eine Erziehungstheorie im engen Sinne gibt es bei Adolf Hitler nicht.“ 1 Seine Vorstellungen und Ziele von Erziehung lassen sich lediglich aus seinen Reden, aus Interviews oder auch seinen Schriften implizit entnehmen. Eine wichtige Aussage über seine pädagogischen Ansichten lässt sich aus einem aufgezeichneten Gespräch, das er mit Hermann Rauschning führte, entnehmen:
„Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muß weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das erste und wichtigste. So merze ich die tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. So kann ich Neues schaffen. Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das lernen, was sie ihrem Spieltriebe folgend sich freiwillig aneignen. Aber Beherrschung müssen sie lernen. Sie sollen mir in den schwierigsten Proben die Todesfurcht besiegen lernen.“ 2
Dieses Zitat veranschaulicht sehr deutlich, was die Ziele von Hitlers pädagogischen Vorstellungen waren. Und implizit auch, wie er sie erreichen wollte. Häufig macht er deutlich, dass er sich in der Verantwortung sieht, die Jugend zu erziehen und zu formen, so dass sie im Endeffekt seinen Vorstellungen einer nahezu perfekten Jugend entspricht. Dabei spielt Bildung eine eher untergeordnete Rolle, was eventuell auch daran liegen mag, dass mehr Bildung in einer Gesellschaft möglicherweise auch zu mehr Regimegegnern hätte führen können. Auch der Hinweis auf seine „Ordensburgen“ lässt bereits erkennen, dass er als Erziehungsmittel geschlossene Gruppierungen heranzuziehen gedenkt, in denen die Jugend dann erzogen werden kann und soll. In einer Rede im Jahre 1938 beschreibt Hitler sein Erziehungsideal wie folgt:
1 Offermanns, Alexandra; Die wußten, was uns gefällt, S.110.
2 Rauschning, Hermann; Gespräche mit Hitler, S. 237.
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„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes, als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum ersten Male überhaupt frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfron, in die SA oder in die SS, in das NSKK usw. Und wen sie dort zwei Jahre oder eineinhalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs oder sieben Monate geschliffen, alles mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS usw., und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ 3
Hitler möchte die Jugend der deutschen Nation quasi von der Wiege bis zum Tod in die nationalsozialistische Maschinerie eingliedern und sein Ziel ist es, nicht auch nur einen einzigen abtrünnigen (vielleicht noch eigenständig denkenden) Menschen in seinen Reihen zu wissen. Giesecke formuliert in seinem Buch „Hitlers Pädagogen“ Hitlers Erziehungsideal als „ein Aufwachsen als nahezu ausbruchssichere NS-Karriere, gegründet auf ein Erfahrungsmonopol ohne Alternativen.“ 4
2.1.2 Ernst Krieck
„Ernst Krieck wurde 1882 als Sohn eines unselbständigen Maurers und Kleinbauer in Vögisheim in Südbaden geboren. Er besuchte die Realschule, anschließend das Lehrerseminar, war mit 18 Jahren Junglehrer und blieb mit Unterbrechungen bis 1928 als Volksschullehrer tätig.“ 5
Ernst Krieck agierte im nationalsozialistischen Kontext hauptsächlich aus einer politischen Motivation heraus und gilt geradezu als Begründer der politischen Pädagogik. Mit ihm eng verknüpft ist der Begriff des „völkischen Erziehungsstaates“. „Er versuchte, durch eine Aufarbeitung der deutschen Geschichte und Geistesgeschichte
3 Fest, Joachim C.; Das Gesicht des Dritten Reiches, S.311f.
4 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 17.
5 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 31.
4
die „deutsche Eigenart“ herauszufinden und daraus entsprechende Vorschläge für die Neuformierung von Volk und Staat zu entwickeln.“ 6 In seinem pädagogischen Hauptwerk von 1922 mit dem Titel „Philosophie der Erziehung“ stellt er die für die damalige Zeit innovative These auf, dass nicht „das, was einzelne Personen wie Eltern und Lehrer mit Kindern absichtsvoll - also intentional - tun, sei das entscheidende an der Erziehung, sondern die Art und Weise, wie Kinder in den sozialen Gemeinschaften aufwachsen.“ 7 Diese Sichtweise von Erziehung liegt natürlich auf einer Linie mit den Erziehungs- und Formungsvorstellungen Hitlers. Auch er sieht als einzig wirksames Instrument, die Jugend gesellschaftskonform zu erziehen eine Erziehung in einer sehr engmaschigen und organisierten Form an. „Sein weitgefaßter Erziehungsbegriff umfasst drei notwendige miteinander verbundene Abstufungen, […]“ Die erste Stufe umfasst den sogenannten einheitlichen Lebensgrund. Damit werden die unbewussten Wirkungen, Bindungen und Beziehungen von Mensch zu Mensch bezeichnet. Diese Stufe der Erziehung bildet die unterste Schicht. Darauf folgend ist die Rede von der zweiten Stufe als Erziehung durch gemeinschaftliche Zusammenschlüsse, die ein bewusstes Ziel hat, jedoch noch nicht als Erziehertätigkeit im engeren Sinne angesehen werden kann. Als die dritte und oberste Schicht ist Unterricht im weitesten Sinne anzusehen, wobei hier auch alle Bildungs- und Kulturformen mit ihrer Entstehung und ihrer Wirkung gemeint sind. „Krieck unterscheidet vier gleichberechtigte Formen der Erziehung:
1. Die Gemeinschaft erzieht die Glieder.
2. Die Glieder erziehen einander.
3. Die Glieder erziehen die Gemeinschaft.
4. Die Gemeinschaft erzieht die Gemeinschaft. Diese Formen der „Fremderziehung“ werden ergänzt durch zwei Formen der „Selbsterziehung“.
1. Die Gemeinschaft erzieht sich selbst.
2. Der Einzelne erzieht sich selbst.“ 8
Kriecks wichtigste These bestand also darin, dass Erziehung ein soziales Phänomen ist, immer schon vorhanden, dort, wo Menschen leben. Sie ist keine von außen an die Gemeinschaften herangetragene zusätzliche, künstliche Institution, auch keine
6 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 34.
7 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 35.
8 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 37.
5
kulturelle Erfindung der Menschheit. Lediglich die Formen, in denen die Gemeinschaften die Erziehung organisieren, sind kulturell geprägt, also auch veränderbar. Krieck geht in späteren Schriften davon aus, dass Massenbewegungen, wie z.B. die Hitlerjugend, die SA oder die SS von großer erzieherischer Bedeutung sind, womit er natürlich absolut konform mit Hitlers Ansichten ist. Auch die Einstellungen bezüglich einer unbedingt notwendigen lebenslangen (regime-zuträglichen) Erziehung teilt Krieck mit Hitler.
2.1.3 Alfred Baeumler
Alfred Baeumler wurde 1887 im Sudentendeutschen Neustadt an der Tafelfichte ge-boren, das in jener Zeit zu Österreich gehörte. „Sein Vater war Porzellanmacher und ging 1896 nach Nürnberg. Baeumler legte dort 1908 sein Abitur ab und studierte in München, Bonn und Berlin zunächst Kunstgeschichte, dann Philosophie und Ästhetik. Nach der Promotion 1914 wurde er von 1915 bis 1918 österreichischer Soldat und 1919 deutscher Staatsbürger.“ 9
Der Name Alfred Baeumlers ist eng mit der Bücherverbrennung von 1933 verknüpft. Damals verbrannten die Nazis alle Bücher und Schriften von Autoren, die sie für die Feinde der deutschen Kultur hielten. 1933 war auch das Jahr, in dem Baeumler aus einer politischen Unzufriedenheit heraus in die NSDAP eintrat. Er wollte etwas verändern, etwas bewirken, anstatt nur, wie bis dato passiert, in theoretischen Schriften zu kritisieren. 10 „Baeumlers politische Vision war ein neues deutsches Reich, das auf germanischer Tradition basierte, d.h. darauf, dass es getragen wird von den Wehrbünden der Männer und gegliedert ist durch persönliche Führer-Gefolgschaft-Beziehung in wechselseitiger Treue. Alles, was dieser Vision widerspricht oder entgegenwirkt, verfällt der Kritik.“ 11
Baeumler stellt in seinem Erziehungsideal zwei unterschiedliche Typen Mensch gegenüber. Zum einen den politischen Menschen bzw. Soldaten, den er persönlich als das Erziehungsideal ansieht und zum anderen den theoretischen Menschen vom Typus des Gebildeten. Letzterer ist laut Baeumlers Auffassung nicht besonders volksnah und wird von selbigem zwar mit Respekt, aber mit ebenso viel Misstrauen behandelt. Trotz dieser Unterscheidung und der Ablehnung eines theoretischen
9 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 77.
10 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 78f.
11 Giesecke, Hermann, Hitlers Pädagogen, S. 80
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Menschen sieht Baeumler die Bildung ansich auch für den Nationalsozialismus als wichtig an.
Der politische Mensch unterscheidet sich vom gelehrten Mensch dadurch, dass er handelt. „Die Inhalte dieser Handlungen werden dabei durch die historische Zugehörigkeit des Menschen zu einem bestimmten Volkstum, einer bestimmten Rasse bestimmt und dürfen eben nicht richtungslos sein.“ 12
In vielen seiner Reden und Schriften zeigen sich “antidemokratische, antiliberale, antifeminine und antibürgerliche Ressentiments“ 13 . Baeumler war- ebenso wie auch Krieck, ein klarer Verfechter der deutlichen Unterscheidung von männlicher und weiblicher Daseinsberechtigung. Die Emanzipation ist für ihn „das Symbol jener im Ersten Weltkrieg siegreichen bürgerlichen Kultur, die dem deutschen Wesen nicht gemäß sei. Bei Baeumler nimmt der anti-feminine Affekt skurrile Züge an, wenn er beklagt, dass in der Weimarer Rechtspflege „Weiber“ über Männer zu Gericht sitzen dürfen, oder wenn er die Studentinnen ignorierte und seine Hörer ostentativ mit „Meine Herren!“ anredete.“ 14
Baeumler wollte „die auf Gelderwerb und Genuß beruhende Gesellschaft ablösen durch eine männerbündische Sozialstruktur von „Mannschaften“, in denen Führer und Geführte in gegenseitiger Treue einander verschworen sein sollen.“ 15 Als Mittel zur Verwirklichung seines Weltbildes sah er seine Theorie der deutschen Leibesübungen an. Hierdurch unterscheidet sich sein Konzept deutlich von dem Kriecks. „Für Baeumler beginnt die Erziehung (…) beim Leiblichen.“ 16 Gymnastik, Spiel und Tanz sieht er jedoch nicht als geeignete Mittel an, um auf die männliche Erziehung Einfluss zu nehmen, sondern möchte diese der Frau vorbehalten. Trotzdem wird der männliche Körper als Gesellschaftsganzes gesehen, das die Pflicht hat, sich körperlich zu schulen und gesund zu sein, um innerhalb der Gemeinschaft seine Pflicht erfüllen zu können. Gleichzeitig ist diese Schulung aber auch nur innerhalb der Gemeinschaft und in Zusammenschlüssen möglich- „als Einpassen in bestehende Ordnungen“ 17 . Spaß am Sport und an der Gemeinsamkeit sollten darüber hinweg täuschen, dass die gemeinsame Aktivität Mittel zum Zweck war. Zweck war die Bildung eines Charakters, der vollkommen hinter der Ideologie stand. Die Sportler sollten diesen Charakter quasi ausbilden, ohne es selbst zu merken.
12 Offermanns, Alexandra; Die wußten, was uns gefällt, S. 122f.
13 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 84.
14 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 84.
15 Giesecke, Hermann; Hitlers Pädagogen, S. 87.
16 Offermanns, Alexandra; Die wußten, was wir wollten, S. 126.
17 Offermanns, Alexandra; Die wußten, was wir wollten, S. 127.
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Arbeit zitieren:
Kathrin Renczikowski, 2009, Erziehung im Nationalsozialismus und heute in Verbindung mit einer Darstellung von Theorie und Praxis des sozialarbeiterischen Lebensweltkonzeptes, München, GRIN Verlag GmbH
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