Laut Max Weber kann die Ordnung einer Gesellschaft nach dem Prinzip einer ständischen Gliederung erklärt werden. Demnach ist es das Bewusstsein, einem bestimmten Stand anzugehören und sich von einem anderen zu unterscheiden. Dieses ständische Selbstverständnis wird begründet durch eine spezifische Ehre, die ein bestimmtes Verhalten zumutet und angemessenes, ehrbares Handeln durch Achtung belohnt (vgl. Abels Band 1, 2007: 316f.). Die ursprüngliche Sozialform, von der einst die ausgeprägte Haltung zur Ehre bestimmt und gelebt wurde, - der Stand - existiert nicht mehr. Ebendiese Standesehre hat sich zum Sozialprestige gewandelt.
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebten die Gesellschaften rasche technisch-ökonomische Umwälzungen und organisierten ihre Sozialbeziehungen nach sachlichen Interessen und Marktgesichtspunkten (vgl. Frevert 1991: 14). Wertsetzungen höherer Lebensform sind transformiert
worden in solche der allgemeinen Würde, die durch die Gruppe kontrolliert und als Rechtschaffenheit anerkannt wird (vgl. Vogt/Zingerle 1994: 9f.). Als Würde oder Menschenwürde bezeichnet man einen sozialen, inneren, sittlichen Wert der Persönlichkeit und auch das Verhalten in dem Wissen um diesen Wert.
Generell kann zwischen den folgenden Feldern der Ehrsemantik unterschieden werden, Ehre: - als Symbol für außergewöhnliche, herausragende, besondere und positive Taten innerhalb einer Gesellschaft in Form von öffentlichen Ehrungen, Ehrenzeichen oder Ehrtiteln, z.B. das Bundesverdienstkreuz,
- als Ehrenamt, eine institutionalisierte Form der symbolischen Gratifikation in Form von entgeltfreiem Engagement für die Gesellschaft, z.B. Beispiel Schöffen,
- im Zusammenhang mit Beleidigungen prominienter Persönlichkeiten des politischen oder kulturellen Lebens durch Medien und inszenierte oder selbstverschuldete Skandale, gefolgt von persönlichem Schaden, Reputationsverlust oder sogar dem Medientod, z.B. die Barschel-Affäre, - als Berufsehre in Form von traditional-berufsständischen Ehrenkodizes, z.B. Anwälte, und - als Kollektivstereotyp innerhalb internationaler Beziehungen in Form von nationaler Ehre, z.B. die heikle Beziehung zwischen Japan und China (vgl. Vogt/Zingerle 1994: 11f.).
Anhand dieses Überblicks ist ersichtlich geworden, wie vielfältig der Begriff Ehre interpretiert und verwendet wird. Neben der Ehre spielen aber auch Normen und Werte innerhalb einer Gesellschaft für die menschliche Entwicklung eine wichtige Rolle. Werte geben den allgemeinen Orientierungsrahmen für das Denken und Handeln und Normen wiederum sind Regeln, über deren Einhaltung die Gesellschaft wacht. Sie schreiben vor, wie gehandelt werden soll (vgl. Vogt/Zingerle 1994: 15).
In der Soziologie bezieht sich der Begriff Ehre auf Individuen und Kollektive von der Familie bis hin zur Nation. Man kann Ehre besitzen und verlieren. Sie kann verliehen, angestrebt, errungen, gemehrt, vermindert, zu- und abgesprochen werden (vgl. Vogt/Zingerle 1994: 16). Die Ehre dient Menschen als Bestimmungsgröße ihrer Identität, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrer Moralität. Menschen werden innerhalb einer Gesellschaft vom vorherrschenden Ehrgefühl in ihrer Entwicklung vom Kleinkind bis hin Seite 2 von 8
zur Entwicklung der eigenen sozialen Kompetenz entscheidend geprägt. „Über Ehre identifiziert sich das Individuum, als Mitglied der Gruppe, die ihm ihrerseits Status, d.h. Würde und Wert in den sozialen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Gruppe verleiht“ (Vogt/Zingerle 1994: 18). Wenn man den Begriff Ehre soziologisch differenzieren möchte, kann er wie folgt definiert werden, Ehre: - als angeboren oder mit Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe,
- als Handlungen des Subjekts, die normative Erwartungen der Gruppe erfüllen und honoriert werden, - als Reputation, konstituiert von äußeren Qualitäten, die von der sozialen Umwelt in bestimmter Weise gedeutet und bewertet werden,
- als Teil der eigenen Identität in Abhängigkeit der sozialen Stellung, - als im Gewissen verankerte Moralität der Person, - von besonderen Personenkreisen exklusiv beansprucht und
- als Mittel der Unterscheidung gegenüber anderen genutzt werden und als Menschenwürde (vgl. Vogt/Zingerle 1994: 17).
Laut Georg Simmel fordert die Ehre vom Einzelnen diejenigen Verhaltensweisen, die auch den Zwecken seines Lebenskreises dienen. Die Ehre sei ein wirkungsvolles Mittel der sozialen Selbsterhaltung. Hinsichtlich Integration und Differenzierung steht sie zwischen sozialer Rechtsordnung und individueller Moral (vgl. Abels Band 2, 2007: 252). Kurzum die Ehre steht in enger Verbindung mit der Moral. Wenn Menschen moralisch handeln, folgen sie ihrem Gewissen. Das menschliche Gewissen bringt jemanden dazu, entweder aus Schuldgefühlen heraus oder eben aus Überzeugung zu handeln. Somit ist die Ehre der ideale Kontrollmechanismus, der in gewissem Maße für das richtige Verhalten der Mitglieder innerhalb einer Gesellschaft garantiert. Ich betone bewusst, dass die Ehre nur in gewissem Maße korrektes Verhalten hervorruft. Denn die Ehre schafft es zwar, die Mitglieder einer Gesellschaft zur Verinnerlichung der Gruppennormen zu bewegen, aber es können auch Verhaltensweisen auftreten, die einerseits vom Recht, andererseits von der Moral verboten sind, beispielsweise das Duell.
In unserer heutigen Gesellschaft gibt es keine Duelle wie nach damaliger Vorstellung. Lediglich finden Tennisduelle oder parlamentarische Rededuelle im Wahlkampf statt, die sich in Ursache und Ausgangheute geht es „weder um Ehre noch um soziale Pflichten, sondern um Kräftemessen und Leistungsvergleich“ (Frevert 1991: 14) - grundlegend von den damaligen Duellen unterscheiden. „Seit dem 16. Jahrhundert bürgerte sich - zunächst in Spanien, Frankreich und Italien, nach dem Dreißigjährigen Krieg vermehrt auch in deutschen Territorien - eine andere Form des männlichen Zweikampfs ein, das Duell“ (Frevert 1991: 27). Vorgänger des Duells waren die Fehde, - eine inneradlige Feindschaft zwischen mehreren, bei der die private Rache im Vordergrund stand - der gerichtlichte Zweikampf - ein offizieller Akt, der im Beisein des Richters stattfand, bei dem sich Kläger und Beklagter gegenüberstanden und mit den Schwertern um ihren Rechtsanspruch fochten - und das ritterliche Turnierindem Ritter in einem offenen Wettstreit miteinander um Ehre und Ruhm fochten (vgl. Frevert 1991: 24ff.). Seite 3 von 8
Früher verstand man unter dem Duell die Verteidigung der eignen oder der Ehre einer anderen Person, oftmals duellierten sich Männer auch um die Ehre einer Frau. Frauen besaßen derzeit nicht das Recht, ihre Ehre mit eigener Kraft zu verteidigen. Verlor die Frau ihre körperlich-sexuelle Integrität, indem sie ihren Körper einem Mann hingab, der dazu kein Recht hatte, büßte auch sie ihre Ehre ein. „Die durch einen Mann verletzte Ehre konnte nur durch einen Mann geheilt werden: entweder, bei unverheirateten Frauen, auf dem Wege der Eheschließung oder, bei verheirateten Frauen, durch ein Duell zwischen Ehebrecher und Ehemann“ (Frevert 1991: 277).
Entscheidend war allein die Tatsache, dass die Duellanten ihre Ehre höher schätzten als ihr Leben. Gesellschaftlichen Konventionen musste in bestimmten sozialen Institutionen und Kreisen unbedingter Gehorsam erwiesen werden (vgl. Frevert 1991: 13). Es ging um soziale Macht, Klassenverhältnisse und den drohenden Verlust der sozialen Stellung. Die Verteidigung fand in Form eines Zweikampfessozusagen in Form einer Prüfung - statt. Der Gewinner ging nicht nur als Sieger und Verteidiger der Ehre hervor. Er behielt sein Leben, denn der Verlierer wurde getötet. Wer sich weigerte, seine Ehre zu verteidigen, riskierte den Vorwurf der Feigheit und wurde fortan gemieden oder aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
Damals war es auch eine Ehre und Selbstverständlichkeit für sein Vaterland in den Krieg zu ziehen und sein Leben für die politische Ehre seines Landes zu riskieren. Die Verteidigung der Ehre hatte derzeit viel mit Pflichtbewusstsein und Gehorsam zu tun. Soziale Institutionen betrachteten und proklamierten den Zweikampf als legitimes Mittel der Konfliktregelung, so dass die Männer dem Zwang ihrer gesellschaftlichen Stellung öffentlich ausgesetzt und verpflichtet waren (vgl. Frevert 1991: 217). Es gab damals aber auch Gegner von Duellen und Duellanten. Diese empfanden das Duell als unmoralisch, unchristlich, ungesetzlich, irrational und antimodern. Das Duell verlor seine soziale Exklusivität, da jeder Lehrer, jeder Apotheker und Ingenieur seine persönlichen Konflikte im Duell austragen konnte. Auf Dauer wurde dadurch der elitäre, für seine Attraktivität unerlässliche Auserwähltheits-Nimbus des männlichen Ehrenzweikampfes zerstört (vgl. Frevert 1991: 292). Die Entmilitarisierung und die Destabilisierung des Bürgertums in den Krisenjahren der Weimarer Republik trugen ebenso maßgeblich zum Niedergang des Duells bei und desweiteren sind die beschleunigte Fragmentierung des Bildungsbürgertums, der Aufstieg des neuen Mittelstandes bestehend aus kaufmännischen und technischen Angestellten, die Inflation und Akademikerarbeitslosigkeit auch entscheidende Ursachen für den Bedeutungsrückgang des Duells (vgl. Frevert 1991: 312f.). Denn die bislang verbindlichen Umgangsformen und Verhaltensstile lockerten sich und durch berufliche und soziale Differenzierungsprozesse konnte sich der Bürger von tradierten, kanonisierten Normen, Rollenzuweisungen und Konventionen befreien. Beleidigungen wurden von da an eher vor Gericht geahndet oder schlicht übersehen.
Eine ähnliche Bereitschaft auch körperlich seine Ehre zu verteidigen gibt es heutzutage nur noch innerhalb Verwandtschaftsgruppen der Mittelmeerländer. Dort hat Ehre viel mit traditionellem Ursprung zu tun. Die Familie ist die oberste und wichtigste Organisation sozialer Beziehungen. Ehre ist eine Angelegenheit der Seite 4 von 8
Arbeit zitieren:
Anja Kegel, 2008, Die Ehre im Wandel der Zeit , München, GRIN Verlag GmbH
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Tugenden des Menschen im Mittelalter
Deutsch - Erörterungen und Aufsätze
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