1 Einführung und Abgrenzungen
Das Thema Alkoholabhängigkeit in Zusammenhang mit der Familie ist breit gefächert. Insbesondere wenn die Auswirkungen auf die Kinder berücksichtigt werden sollen, können nicht alle Aspekte dieser Problematik überblickt werden. Die Komplexität dieses Themas besteht insbesondere in der Definition der Zielgruppe. So sind Kinder aus alkoholbelasteten Familien als soziale Gruppe zu betrachten. Diverse Studien differenzieren hinsichtlich des Alters der Kinder, da auch erwachsene Menschen immer noch „Kinder aus alkoholbelasteten Familien“ sein können. Das Thema suchtkranker Eltern kann somit nicht auf eine bestimmte Altersgruppe reduziert werden. Zudem wird häufig danach unterschieden, ob ein Elternteil abhängig ist oder beide und ob die Mutter oder der Vater den trinkenden Elternteil darstellt.
Ein weiteres Differenzierungskriterium ist, ob der alkoholabhängige Elternteil behandlungsbedürftig ist oder ob er bereits abstinent lebt. Offensichtlich kann diese Thematik auf Grund seiner Diversität auf unterschiedliche Gesichtspunkte hin überprüft werden, weshalb es notwendig erscheint gewisse Abgrenzungen vorzunehmen. Die vorliegende Arbeit bezieht sich daher ausschließlich auf Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien und geht nicht auf Unterschiede in der Familienkonstellation oder in der Suchtgeschichte ein. Zu Beginn wird das Thema Alkoholabhängigkeit in seiner Gesamtheit beleuchtet. Es wird insbesondere auf verschiedene Ansätze eingegangen, welche die Genese von Alkoholismus zu erklären versuchen.
Anschließend soll die Situation von Kindern und Jugendlichen aus alkoholbelasteten Familien dargestellt und im Rahmen dessen auf die Schwierigkeiten, welche sich aus der Kommunikation in der Familie ergeben, hingewiesen werden. Schließlich müssen Überlegungen angestellt werden, wie die Jugendhilfe auf diese Schwierigkeiten reagieren kann und welche sozialpolitischen Maßnahmen ergriffen werden können, um die Basis für einen adäquaten Umgang mit den betroffenen Kindern zu schaffen.
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2 Alkoholabhängigkeit
Im Rahmen einer Auseinandersetzung mit dem Thema der Alkoholabhängigkeit ist es notwendig, dass die Wirkungen und Auswirkungen von Alkoholkonsum als bekannt vorausgesetzt werden können. Nur auf der Grundlage eines fundierten Basiswissens ist es möglich, die Folgen von Alkoholismus in ihrer gesamten Bandbreite überschauen zu können.
Diesbezüglich werden im Folgenden insbesondere die Epidemiologie der Alkoholproblematik in Deutschland, die Differenzierung von Missbrauch und Abhängigkeit und darauf aufbauend die verschiedenen Ausprägungen von Alkoholismus einer näheren Betrachtung unterzogen.
2.1 Epidemiologie der Alkoholproblematik in Deutschland
Alkohol kann in Deutschland, trotz der Tatsache, dass die Alkoholabhängigkeit in der Bundesrepublik als eine der häufigsten chronischen Krankheiten gilt, legal erworben und konsumiert werden.
Deutschland gehört zudem zu den Ländern mit dem höchsten Alkohol - Pro - Kopf -Verbrauch. So gelten bundesweit 2,4% der Bevölkerung als alkoholabhängig, 4% aller Bundesbürger konsumieren Alkohol missbräuchlich. Bundesweite Schätzzahlen gingen 1997 von etwa 2,5 Millionen Alkoholkranken aus, die einer Behandlung bedürfen.
In den letzten Jahren sind außerdem steigende Zahlen von alkoholabhängigen Jugendlichen zu verzeichnen. Obwohl der Gebrauch und die Abgabe von alkoholischen Getränken in der Bundesrepublik durch das Jugendschutzgesetz (JuSchG) im §9 geregelt ist und dieses im Jahr 2004 um das „Gesetz zur Verbesserung des Schutzes junger Menschen vor Gefahren des Alkohol- und Tabakkonsums“ zusätzlich erweitert wurde, beträgt der Anteil der Alkoholabhängigen unter Jugendlichen etwa 1% (Vgl. Klein, 2005, S.14f.).
2.2 Differenzierung von Missbrauch und Abhängigkeit
Der schädliche Gebrauch einer Substanz wird auch als Missbrauch bezeichnet. Kennzeichnend für diesen missbräuchlichen Konsum sind körperliche, psychische und soziale Probleme auf Seiten des konsumierenden Menschen. Abhängigkeit wird allgemein nach dem Abhängigkeitscharakter unterschieden. So kann eine psychische oder auch physische Abhängigkeit vorliegen. Symptome,
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welche auf eine körperliche Abhängigkeit hinweisen, bestehen in einer Toleranzsteigerung und in Entzugssyndromen. Eine Tolenranzsteigerung kann so definiert werden, dass immer höhere Mengen der jeweiligen Substanz, in diesem Falle Alkohol, konsumiert werden müssen, um die Wirkung zu erreichen, welche zu Beginn des Konsums durch geringere Dosen verursacht wurde. Zeichen akuter Entzugssyndrome sind delirante Zustandsbilder, produktivpsychotische Symptome, epileptische Krampfanfälle und u. U. Bewusstlosigkeit und Koma. Entzugssyndrome sind gekennzeichnet durch Zittern, Schwitzen, Unruhe, Angst, Depressionen und Krampfanfälle. Im Rahmen des Entzugs können auch Alkoholhalluzinosen und das Delirium tremens (Entzugsdelir) auftreten. Im Rahmen einer psychischen Abhängigkeit treten Symptome auf wie ein gesteigertes Verlangen nach Alkohol, eine verminderte Kontrollfähigkeit im Hinblick auf den Beginn, die Beendigung und die Menge des Alkoholkonsums, ein zunemend auf die Beschaffung und den Konsum von Alkohol gerichtetes Interesse sowie ein stetiger Konsum trotz subjektiv wahrgenommener negativer Konsequenzen (Vgl. Klein, 2005, S.15).
In Addition dazu definieren die zwei führenden modernen Diagnosesysteme „International Classification of Diseases 10” (ICD-10) und “Diagnostic and Statistical Manual IV” (DSM-IV) Diagnosekriterien für die Feststellung einer
Alkoholabhängigkeit, welche sich auf den Konsum und auf die aus diesem resultierenden medizinischen und psychosozialen Folgeschäden beziehen.
2.3 Darstellung der verschiedenen Abhängigkeitstypen
Die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit, wie sie in den Klassifikationsschemata vorgegeben ist, gestaltet sich auf Grund einer Vielzahl individuell ausgeprägter Abhängigkeitsformen nicht ganz einfach. Die Grenzen zwischen einem adäquaten und einem abhängigen Trinkverhalten verlaufen meist fließend. So kann Alkoholabhängigkeit idealtypisch in vier sogenannte Abhängigkeitstypen unterteilt werden.
Die Abhängigkeitstypen lassen sich nach „Trinkanlass, -menge, -dauer und Grad der körperlichen Abhängigkeit“ (Zobel, 2008, S.58) differenzieren. Ein Spiegeltrinker, welcher häufig auch als Gewohnheitstrinker bezeichnet wird, trinkt kontinuierlich und erlebt dabei in den meisten Fällen auch keine Rauschzustände
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mehr. Bei Spiegeltrinkern liegt eine körperliche Abhängigkeit vor, da der konstante Alkoholkonsum darauf abzielt, eine bestimmte Alkoholkonzentration im Blut beizubehalten um Entzugserscheinungen entgegenzuwirken. Spiegeltrinker sind meist über einen langen Zeitraum in der Lage ihren Alkoholkonsum vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Dies ist deshalb möglich, da der Konsum bei Spiegeltrinkern als kontrolliert bezeichnet werden kann und sie, wie beschrieben, üblicherweise keine Rauschzustände erleben.
Ist ein Mensch nicht in der Lage lediglich kleinere Mengen Alkohol zu konsumieren, sondern endet sein Konsum meist in einem Rausch, kann er als Rauschtrinker bezeichnet werden. Da dieser Abhängigkeitstyp es vermag auch längere abstinente Phasen auszuhalten, betrachtet er sich selber häufig nicht als alkoholkrank. Dem Rauschtrinker ist es nicht möglich seinen Konsum zu beenden bevor er in hohem Maße betrunken ist. Dieses Verhalten, das auch als Kontrollverlust betitelt wird, mündet insofern in vielen Fällen in Eskalationen, als dass der Betroffene in seinem Rausch aggressives oder andere Formen von unkontrolliertem Verhalten aufweist. Einen weiteren Abhängigkeitstyp stellt der Konflikttrinker dar, welcher sich von den bereits genannten Typen durch einen, von äußeren Umständen beeinflussten, Konsum unterscheidet. Er konsumiert Alkohol um inneren Spannungen und Konflikten entgegenzuwirken. Die Trinkmenge ist abhängig von der jeweiligen Stresssituation, weshalb die Gefahr, eine psychische Abhängigkeit zu entwickeln, als besonders hoch eingestuft werden kann. Der Alkoholkonsum stellt hier eine Konfliktlösungsstrategie dar und kann zu einem komulativen Konsum führen, da diese Strategie häufig zu neuen Komplikationen mit der Umwelt führt, welche wiederum bewältigt werden müssen.
Die Abhängigkeit beim Periodischen Trinken besteht darin, dass der Betroffene in unregelmäßigen Intervallen in teilweise tagelangen Phasen exzessiven Alkoholkonsum betreibt. Diese extremen Trinkphasen, die keines besonderen Anlasses bedürfen, wechseln sich mit längeren, oft monatelangen, abstinenten Phasen ab, welche zu erreichen jedoch in den meisten Fällen mit schweren Entzugserscheinungen verbunden ist.
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Es muss festgehalten werden, dass diese Darstellung der Abhängigkeitstypen als idealtypische Einteilung zu betrachten ist. So können die verschiedenen Formen des Alkoholismus auch als „Mischformen“ (Zobel, 2008, S.60) auftreten. Diese Eingliederung illustriert jedoch, dass eine Alkoholabhängigkeit nicht über Menge, Häufigkeit, Regelmäßigkeit oder Auffälligkeit definiert werden kann. Vielmehr liegt eine Abhängigkeit vor, wenn der Verzicht auf Alkohol nicht mehr möglich ist, physische oder psychische Folgeerscheinungen erkennbar sind und/oder der Konsum negative Auswirkungen auf den Betroffenen oder seine Umwelt hat (Vgl.: Zobel, 2008, S.58f.).
3 Die Genese einer Alkoholabhängigkeit - Mögliche Erklärungsversuche
So wie es unterschiedliche Formen von Alkoholabhängigkeit gibt, können auch die Ursachen für eine Abhängigkeit sehr vielfältig sein. Es kann heute davon ausgegangen werden, dass es auch in Bezug auf die Entstehung einer Abhängigkeit keine allgemeingültige Erklärung gibt; angenommen wird jedoch, dass es eine Reihe begünstigender Variablen gibt, die zur Entwicklung einer Abhängigkeit beitragen können.
Im Folgenden werden drei mögliche Bedingungsmodelle vorgestellt, welche jedoch nicht als konkurrierend sondern als sich um neue Überlegungen ergänzend betrachtet werden sollten.
3.1 Multifaktorielles Modell - eine sozialmedizinische Perspektive
Wie bereits dargestellt, kann die Genese von Alkoholabhängigkeit nur durch eine Koexistenz verschiedener Faktoren erläutert werden. Das multifaktorielle Modell geht somit von den folgenden drei großen Variablengruppen aus, welche miteinander operieren:
-„der Alkohol mit seinen spezifischen Wirkungen
-das Individuum mit seinen körperlichen und psychischen Eigenschaften, wie sie sich bei der jeweiligen genetischen Disposition im Laufe des Lebens entwickelt haben und
-das soziale Umfeld mit interpersonalen, sozialisierenden Beziehungen“ (Klein, 2005, S.16f.)
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Es wird deutlich, dass die Interaktion diverser Komponenten eine wichtige Rolle im Rahmen der Suchtentwicklung spielt.
Bei der Benennung des sozialen Umfeldes werden besonders die sozialisierenden Beziehungen hervorgehoben. Dies weist darauf hin, dass die Familie als Sozialisationsinstanz eine bedeutende Rolle im Prozess der Entstehung von Alkoholabhängigkeit zu spielen scheint. Auf diesen Zusammenhang wird zu einem späteren Zeitpunkt genauer eingegangen.
3.2 Alkoholabhängigkeit als Auseinandersetzungsprozess zwischen Mensch
und Umwelt - eine systemwissenschaftliche Sichtweise
Aus systemischer Perspektive wird das Trinken von Alkohol nicht als eine Krankheit sondern als symptomatisches Verhalten definiert. Suchtphänomene werden hier unter gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten betrachtet, wobei suchtfördernde Strukturen Berücksichtigung finden.
So stellt der Alkoholkonsum aus systemischer Betrachtungsweise eine Lösungsstrategie für ein Dilemma dar, was bedeutet, dass der Betroffene trinkt um mit einer schwierigen Situation umzugehen. Das symptomatische Verhalten erweist sich also als nützlich, da es, zumindest kurzfristig, eine Erleichterung bedeutet, schafft jedoch auch erneute Konfliktsituationen.
In diesem Kontext soll auf verschiedene Konzepte eingegangen werden, welche im Interaktionsprozess des Funktionssystems mit der Umwelt angekurbelt werden. Alkoholabhängigkeit kann als „Produkt eines spezifisch funktionierenden Ökosystems“ (Guntern in Molter / Osterhold, 2003, S.65) benannt werden. Das Ökosystem kann in drei Teilkräfte untergliedert werden: Das Referenzsystem (z.B. Organismus), die biosoziale Umwelt (Menschen, Tiere, gesellschaftlich erwartete Rollen, Werthaltungen, Natur- und Kulturprodukte uvm.) und die physikalische Umwelt (z.B. klimatische Verhältnisse) stellen diese, auch als Strukturkomponenten bezeichneten, Teilkräfte dar. Auch die sich zwischen diesen Strukturkomponenten abspielenden Informationsprozesse gelten als Teile des Ökosystems.
Das Ökosystem gilt als das kleinste Gefüge, das zu Entwicklung und Leben in der Lage ist, weshalb es als Grundlage für eine adäquate oder abweichende Entwicklung des Menschen betrachtet werden kann. Da eine Alkoholabhängigkeit ein
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normdeviantes Verhalten darstellt, kann diese ebenfalls als Produkt des Ökosystems verstanden werden.
Komprimiert kann die Entstehung von Alkoholismus sowie von anderen normdevianten Verhaltensweisen als ein Prozess beschrieben werden, zu dessen Beginn eine „anormale Entwicklung der Informationsprozesse“ (Guntern in Molter / Osterhold, 2003, S.65) steht. Darauffolgend entsteht eine ebenfalls nicht adäquate Entwicklung von „Materie-Energieprozessen“ (z.B. missbräuchlicher Alkoholkonsum), welche wiederum negative Auswirkungen auf die Strukturen haben, auf welchen die Informationsprozesse basieren. Diese Störungen der Informationsprozesse können die Organisationen im Ökosystem nachhaltig beschädigen, wie im folgenden Konzept veranschaulicht wird. (Vgl.: Guntern in Molter / Osterhold, 2003, S.65f.) Wie bereits beschrieben ist ein Ökosystem die kleinste Einheit, welche fähig ist, sich zu entwickeln. Um diese Entwicklung unbeschadet zu vollziehen, ist eine ständige Organisation im System unerlässlich, da der Organisationsprozess der Assimilation an die Lebensbedingungen dient. So könnte man den Organisationsprozess eines Systems insofern als eine dem Überleben dienende Technik bezeichnen, dass im Rahmen der Organisation unter den vielfältigen Handlungsalternativen gewählt und eine Lebensstrategie verwirklicht wird. Solch eine Strategie besteht also in einer „zielorientierten Kombination von Transaktionen“ (Guntern in Molter / Osterhold, 2003, S.69) , meint also bewusste und unbewusste Prozesse, die einer bestimmten Intention dienen. In Anlehnung an diese Prozesse kann das Konzept der hierarchischen Niveaus der Lebensstrategien erläutert werden (Vgl.: Guntern in Molter / Osterhold, 2003 S.67 ff.).
Die Anpassung an ihre Umwelt, also die Organisation, wird von Humansystemen üblicherweise in Form von angemessenen Strategien vollzogen. Der Organisationszyklus kann als beendet betrachtet werden, wenn die Strategie zu dem angezielten Ergebnis führt. Ist dies jedoch nicht der Fall, das heißt, ist es nicht möglich die angestrebte Zielvorstellung mit Hilfe einer allgemein akzeptierten Strategie zu erreichen, erfolgt eine Strategiewahl auf einem hierarchisch darunterliegenden Strategieniveau.
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Arbeit zitieren:
Katrin Böhmer, 2008, Inwiefern wirkt sich Alkoholabhängigkeit in der Familie auf die Kinder aus und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Jugendhilfe?, München, GRIN Verlag GmbH
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