1 Einleitung: Rituale und veränderte Lernkultur in der Grundschule
Kinder in der Grundschule brauchen vor allem Sicherheit und eine solide Vertrauensbasis, um erfolgreich lernen und sich in die schulische Gemeinschaft integrieren zu können - gerade zu Beginn der Schulzeit. Rituale wirken in diesem Kontext als vertrauensbildende Maßnahmen, da sie sich wiederholende Orientierungspunkte schaffen, die Kinder im Grundschulalltag brauchen. Rituale haben in der Grundschule einen festen Platz; sie regeln und strukturieren das tägliche Zusammenleben und Arbeiten von Schülern und Lehrern. Viele Menschen bringen dem Terminus „Ritual“ negative Gefühle entgegen, da sie den genannten Begriff mit Vorschriften gleichsetzen, die die persönliche Freiheit einschränken, disziplinieren und unterdrücken. Rituale werden heute (noch) häufig auf von außen aufoktroyierte Verhaltensabläufe oder Disziplinierungsmaßnahmen reduziert, ohne die Chancen zu sehen, die sie z.B. im Rahmen des Aufbaus kooperativer Lern- und Arbeitsformen im Unterricht bieten. Im Rahmen meiner bisherigen Schulpraxis habe ich mich bereits intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und weitgehend positive Erfahrungen mit Ritualen im Unterricht gemacht. Jedoch gab es auch schon Situationen, in denen ich Rituale als für die Kinder eher lästig bzw. scheinbar sinnentleert beobachten konnte. Diese augenscheinliche Ambivalenz des Ritualbegriffes hat mich dazu bewogen, mich ausführlicher mit den theoretischen Grundlagen dieses Themenkomplexes auseinanderzusetzen.
Im Zuge der Recherche zu diesem Themenfeld fiel auf, dass der Kanon seriöser, wissenschaftlicher Literatur sich diesbezüglich als äußerst übersichtlich herausstellt. Hieran anknüpfend soll kurz der aktuelle Forschungsstand skizziert werden: Nach Petersen (2005) mehren sich seit 1980 (wieder) pädagogische Aufsätze über schulische Rituale, womit hiermit eine Tendenz durchbrochen wurde, die diesen Themenkomplex seit 1968 weitgehend ausklammerte. Gemessen an der in der Unterrichtspraxis (auch innerhalb meiner Praktika) beobachtbaren Fantasie und Vielfalt ritueller Handlungsabläufe ist der Bestand wissenschaftlicher Publikationen eher als kärglich zu bezeichnen.
Die vorliegende Klausur soll einerseits einen Versuch darstellen, den Ritualbegriff unter wissenschaftlichen Kriterien kritisch zu betrachten; darüber hinaus sollen die erlangten Erkenntnisse mit schulpraktischen Erfahrungen vernetzt werden, um zu einer einem ausgewogenen Fazit bezüglich der Themenstellung zu kommen. Das erste Kapitel dieser Klausur dient dazu, den gemeinsamen Duktus verschiedener Definitionsversuche des Ritualbegriffes herauszustellen; zudem soll eine Abgrenzung zu verwandten Termini erfolgen und prägnant auf die Inter- 2
dependenz der Begriffe Ritual und Rhythmisierung eingegangen werden. In den nachfolgenden Kapiteln soll zunächst ein themenbezogener Rückblick auf eigene schulpraktische Erfahrungen vorgenommen werden, um die Ambivalenz des Ritualbegriffes zu illustrieren und eine Diskussionsgrundlage zu schaffen. Weitergehend sollen im Kernstück dieser Arbeit die diversen Funktionen von Ritualen unter besonderer Berücksichtigung des Aufbaus einer modernen Lernkultur herausgestellt werden und der Versuch einer Kategorisierung von Ritualen erfolgen. Ein weiteres Augenmerk soll daraufhin auf der Initiierung und Überprüfung von Ritualen im schulischen Kontext liegen. Die Möglichkeiten und Grenzen von Ritualen sollen im darauf folgenden Kapitel diskutiert werden, bevor ein Fazit zur Thematik gezogen werden soll.
2 Definitionsansätze und Begriffsabgrenzung
Die Schwierigkeit einer eindeutigen Begriffsbestimmung besteht in den unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Literaturen. Nachfolgend soll eine konsensfähige Definition erarbeitet werden und von bedeutungsähnlichen Begriffen abgegrenzt werden.
2.1 Definitionsversuche des Ritual-Begriffs
Im pädagogischen Kontext finden sich verschiedene Definitionen, die jeweils diverse Ebenen in den Fokus rücken. So kann zum einen die vereinheitlichende Wirkung von Ritualen akzentuiert werden: Hauke Piper betont, dass Rituale für alle Teilnehmenden gleichartige Handlungsabläufe darstellen, durch deren Mitvollzug die Teilnehmenden ihre Zugehörigkeit zur Gruppe zeigen. Rituale stiften somit einen gemeinsamen Bezugspunkt ( zitiert nach Kaiser, 2005). Demgegenüber akzentuiert Richard Meier den wiederholenden Charakter von Ritualen: „Rituale sind wiederkehrende, gestaltete Handlungen, die in einer gewohnten Ausprägung und Reihenfolge der Bestandteile ablaufen.“ (zitiert nach Kaiser, 2005) Zudem sei unser Alltag von vielen Situationen und Handlungen geprägt, die Ritualen sehr nahe kämen; der graduelle Unterschied zwischen alltäglichen Handlungen und Ritualen liegt Meier zufolge in dem „besonderen Charakter“ von Ritualen. Hinsichtlich dieses besonderen Charakters stellt Jutta Standop heraus, dass es sich bei Ritualen im schulischen Kontext stets um feierlichfestlich Handlungen handle, die einen hohen Symbolgehalt besäßen (Standop, 2008). Zusammenfassend kann man somit folgende Merkmale zusammenfassen, um den Begriff des Rituals zu definieren: Zum einen zeichnen sich Rituale durch feste, sich wiederholende Handlungsmuster aus und sind an ein bestimmtes szenisches Arrangement (Raum, Situation,..) gebunden. Weitergehend kann konstatiert werden, dass Rituale von Personen (Klasse, Schule,…) in Interaktion gemeinsam hergestellt und getragen werden - somit besitzen Rituale eine soziale 3
Komponente. In Ritualen kommt, fußend auf dieser sozialen Komponente, immer eine gewisse Leitidee zum Ausdruck, Rituale besitzen für beteiligte Personen somit einen hohen Stellenwert. Zuletzt muss festgehalten werden, dass Rituale sich auch immer auf emotionaler Ebene vollziehen und daraus resultierend in ihrer Bedeutung wie auch Wirkung auf den einzelnen Teilnehmer nicht immer vollständig erklärbar sind.
Rituale sind verlässlich wiederkehrende Handlungssequenzen, die strukturbildende und Vertrauen schaffende Erfahrungen des Lebens unterstützen (Wermke, 2000). Auf die Schule bezogen bedeutet dies, dass Rituale ein Sich- Wohl- Fühlen, ein Sich- Zugehörig- Fühlen und ein Sich- Sicher- Fühlen mitbegründen können.
2.2 Begriffsabgrenzung
Der Begriff des Rituals muss weitergehend klar von folgenden, bedeutungsnahen Begriffen differenziert werden: Im Gegensatz zu Ritualen, die das Zusammensein innerhalb der Lerngruppe gestalten sollen, besteht die Intention von Regeln darin, Missstände zu bekämpfen; Regeln können als eine Art Appell verstanden werden, fordern Einhaltung und wollen/ sollen das Individuum im Sinne des Wohls der Gemeinschaft disziplinieren. Durch Sanktionen, die idealtypisch mit der Lerngruppe verabredet wurden, soll eine dauerhafte Verhaltensänderung bewirkt werden. Vom Terminus des Rituals lässt sich weitergehend der in der Soziologie verwendete Begriff der Gewohnheit abgrenzen: Gewohnheiten können als Verhaltensweisen oder Einstellungen definiert werden, die sich automatisiert haben; sie werden in das eigene Verhaltensrepertoire integriert und ohne Emotion bzw. „Dramatik“ von der Gruppe umgesetzt. Als Form eines der Funktion beraubten, quasi „erstarrten Rituals“ kann die Zeremonie (bzw. Tradition) aufgefasst werden. Zwar besitzt eine Zeremonie noch das Charakteristikum
einer von der Schul- bzw. Klassengemeinschaft gemeinsam vollzogenen Feierlichkeit, jedoch bleibt die Mitwirkung, die Kreativität der Schüler meist auf der Strecke.
2.3 Zur Interdependenz der Termini Ritual und Rhythmisierung
Rituale tragen dazu bei, Schulzeit zu rhythmisieren und Lern- und Arbeitsprozesse zu strukturieren. Somit kann unauflösbare Interdependenz zwischen diesen beiden Begriffen konstatiert werden. Wie bereits skizziert wurde, helfen Rituale u.a., Grundschülern, sich in komplexen lebensweltlichen Situationen zurechtzufinden - somit auch in der zeitlichen Struktur des Schulalltages. Der Terminus Rhythmisierung beschreibt nach Petersen (2005) die zeitliche Gliederung von Ereignissen im Sinne von harmonischen Wechseln und regelmäßiger Wiederkehr. Somit kann festgehhalten werden, dass Rituale ein eben solches Instrument darstellen,
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den Alltag in der Grundschule zu rhythmisieren. Ebenso wie Rituale vermittelt auch Rhythmisierung im schulischen Alltag ein Gefühl von Verlässlichkeit, Sicherheit und Geborgenheit, führt zu Ordnung und Übersichtlichkeit der Geschehnisse. Innerhalb des Unterrichtsgeschehens ermöglicht Rhythmisierung eine kindgerechte Gestaltung von natürlichen Gegensätzen, z.B. Ruhe- und Bewegungspausen, die sich mit Arbeits- und Konzentrationsphasen abwechseln. Die Rhythmisierung des Schulalltags muss sich hierbei zunehmend an den natürlichen Bio-Rhythmen der Kinder orientieren; in diesem Kontext können beispielsweise offene Lern-formen maßgeblich dazu beitragen, dem natürlichen Anspannungs- und Entspannungsrhythmus der Kinder entgegenzukommen und somit ein kindgerechteres Lehren und Lernen in der Grundschule zu ermöglichen. Besonders in der heutigen Gesellschaft mit veränderten Familienstrukturen, wachsendem Umgang mit elektronischen Medien und einer reizstarken Umwelt verliert der Alltag von Kindern an Struktur und Zuverlässigkeit. Schulpädagogik versucht daher verstärkt, Rituale und feste Regeln einzuführen, um dem Schulalltag einen gleichmäßigen Rhythmus zu geben, durch welchen den Kindern Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, ihr Wohlbefinden gestärkt und ihnen angstfreies Lernen ermöglicht werden soll (Standop, 2008).
2.4 Die rhythmisierende Wirkung von Ritualen im Unterricht
Im Folgenden soll nun exemplarisch aufgezeigt werden, wie Rituale einen Schultag zu rhythmisieren vermögen. Zu Unterrichtsbeginn dienen Rituale dazu, die Aufmerksamkeit der Kinder zu konzentrieren. Hierzu können exemplarisch entweder visuelle (z.B. ein erhobener Arm) oder akustische Zeichen (z.B. Klangstäbe, Klangschale, Regenstab, …) als Ruhezeichen eingesetzt werden, um den Schülern zu signalisieren, dass der Schultag nun beginnt. Bewährt haben sich als akustische Ruhezeichen Instrumente, bei denen der Ton nachklingt, so dass die Kinder genügend Zeit haben, ihre Plätze einzunehmen und Ruhe einkehren zu lassen. Den gleichen Effekt erzielt man mit einem Kassettenrekorder, wenn die eingespielte Musik langsam ausklingt. Ein negatives Beispiel für ein in der Praxis häufig verwendetes visuelles Zeichen stellt beispielsweise eine Karte dar, auf dem ein Mund mit einem Zeigefinger abgebildet ist, die für alle sichtbar an der Tafel angebracht wird. Die hier dargestellte Geste mutet veraltet an und besitzt einen zu autoritären Charakter. Als weitere Formen, wie der Unterricht beginnen kann, sind vor allem Bewegungsspiele, Klatsch- und Rhythmusspiele sowie Begrüßungslieder zu nennen; zunehmend finden kinesiologische Übungen/ Spiele (nicht nur zu Unterrichtsbeginn) Eingang in den Unterricht: diese sollen die Konzentration der Kinder erhöhen und (regelmäßig praktiziert) die Schüler in ihrer motorischen Entwicklung fördern.
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Arbeit zitieren:
Dirk Feldmann, 2007, Rituale und Rhythmisierung im Grundschulalltag, München, GRIN Verlag GmbH
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