Inhaltsverzeichnis
Einleitung .................................................................................................................... 04 Biographischer Abriss ................................................................................................. 05 (Der Stellenwert der) Religion im Leben Wittgensteins ............................................ 06 Wesen der Religion ...................................................................................................... 07 Religiöser Glaube basiert nicht auf Vernunftschlüssen ............................................. 09 Glaube ist eine Lebenseinstellung ............................................................................... 11 Können religiöse und nichtreligiöse Menschen einander verstehen? ........................ 14
Einwände ...................................................................................................................... 19 Schlussfolgerungen ..................................................................................................... 20 Bibliographie ................................................................................................................ 23
Einleitung
Was ist Religion? Wer auf diese Frage eine Definition erwartet oder eine präzise Wesensbestimmung erhofft, sucht beim Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951) vergebens. Dieser gehört unumstritten zu den wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Denken hat maßgeblich dazu beigetragen, den Blickwinkel der Philosophie auf die Sprache zu richten und den Beginn einer linguistischen Wende („linguistic turn“) in der Philosophie einzuleiten. Gemessen an seiner Lebenszeit ist Wittgensteins Ruhm im deutschen Sprachraum jungen Datums, denn während sich Wittgenstein in den angelsächsischen Ländern, zumindest in Fachkreisen, längst einer Popularität erfreute und von Kennern seiner Gedankenwelt für einen der bedeutendsten Denker gehalten wurde, zugleich für denjenigen, der die geistige Lage am besten repräsentiert, blieb er in Deutschland bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges der breiten Öffentlichkeit unbekannt. 1 Peter Sloterdijk schreibt deshalb: „Er [Wittgenstein] impfte die anglo-amerikanische Welt mit dem Wahnsinn der
ontologischen Differenz, indem er vorkritische Empiriker anhielt zum Staunen darüber, nicht wie die Welt, sondern dass die Welt ist.“ 2 Die vorliegende Arbeit versucht mehreren Fragen nachzugehen: Was versteht Wittgenstein unter Religion? Wie verhalten sich Vernunft und religiöser Glaube zueinander? Welchen Stellenwert nimmt die Religion im Leben des Philosophen ein? Mittelpunkt der Untersuchung bildet hierbei Wittgensteins Spätphilosophie, weshalb beispielsweise Ausführungen über die Rolle der Religion im Traktat weniger Beachtung geschenkt werden konnten. Das Ergebnis der Analyse wird zeigen, dass religiöser Glaube eine besondere Bedeutung im Leben Wittgensteins spielt und im Vergleich zu wissenschaftlichen oder herkömmlichen Phänomenen im Alltag fundamental verschieden ist. Methodisch setzt die Arbeit mit einer kurzen Biographie ein, erörtert das Wesen der Religion aus Sicht des Philosophen und ermittelt anschließend das Spannungsverhältnis zwischen religiösen Glauben und der Vernunft.
Das Thema ist - auch aufgrund des umfangreichen Nachlasses - weitestgehend gut erschlossen. Eine ausführliche Diskussion über die Beziehung von Ethik und Religion in Wittgensteins Früh- und Spätphilosophie hat Weiberg in jüngster Zeit
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veröffentlicht. Ihr Interesse richtet sich zum einen auf eine Einführung in das Werk und zum anderen darauf, die gewonnenen Erkenntnisse in den Kontext Wittgensteins Gesamtphilosophie zu stellen. Gleichermaßen ehrgeizig ist Kroß’ Ziel, einen Beitrag zur Aufklärung des von Wittgenstein selbst formulierten philosophischen Programms „Klarheit als Selbstzweck“ zu leisten. Nicht zuletzt sei außerdem auf das Unternehmen von Regine Munz hingewiesen, die Wittgensteins Religionsbegriff als Beispiel für eine Analyse der Sprache und Methode desselben anführt. Munz konzentriert ihr Augenmerk auf die mittlere Schaffensphase Wittgensteins und setzt sich mit seinem religions- und sprachphilosophischen Denken auseinander, indem sie sich weniger auf die inhaltliche und dafür mehr auf die methodische Dimension seiner Aussagen beschränkt.
Biographischer Abriss
Ludwig Wittgenstein wird als jüngstes von acht Kindern des Ehepaares Karl und Leopoldine Wittgenstein am 26. April 1889 in Wien geboren. Die Familie ist jüdischer Abstammung, wahrt aber Distanz zum Judentum und lässt die Kinder römisch-katholisch taufen. 3 Der Vater geht einer Beschäftigung in der Stahlindustrie nach und wird als eine Persönlichkeit beschrieben, die Dynamik und Kraft ausstrahlt, keinen Widerspruch zulässt und das unangefochtene Oberhaupt der Familien darstellt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr wird Wittgenstein privat erzogen und von Hauslehrern unterrichtet. Nach drei Jahren auf der kaiserlichen und königlichen Staatsoberrealschule in Linz beginnt Wittgenstein ein Maschinenbaustudium in Berlin-Charlottenburg, wechselt später als Research Student an die Technische Universität Manchester, entwickelt zunehmend Interesse für die Grundlagen der Mathematik und bricht schließlich sein Ingenieurstudium ab, um sich auf das Anraten von Gottlob Freges an der Universität Cambridge einzuschreiben. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldet sich Wittgenstein zum freiwilligen Kriegdienst, beschäftigt sich jedoch weiter mit Logik und Philosophie, sodass er 1918 in italienischer Kriegsgefangenschaft das Manuskript der „Logisch-Philosophischen Abhandlung“ abschließen und 1921 durch Russells Unterstützung in W. Ostwalds „Annalen der Naturphilosophie“ veröffentlichen kann. 1919 aus der Gefangenschaft nach Wien zurückgekehrt, überrascht er seine Familie mit dem Entschluss, sein
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Vermögen zu verschenken und Volksschullehrer zu werden 4 und unterrichtet sechs Jahre in verschiedenen Orten Niederösterreichs. 1929 reist Wittgenstein wieder nach Cambridge. Seine „Logisch-Philosophische Abhandlung“, die 1922 auf Vorschlag G.E. Moores mit dem Titel „Tractatus logico-philosophicus“ umbenannt worden ist, wird als Dissertation anerkannt und Wittgenstein nimmt eine Lehrtätigkeit an der Universität auf. Im selben Jahr erscheint außerdem seine philosophische Arbeit „Some Remarks on Logical Form“, die bereits erste Anzeichen einer Neuorientierung von Wittgensteins philosophischen Interesse enthält, nämlich die Hinwendung zur Vielfalt „logischer Funktionen“ der Sprache anstelle der bisher vordergründig berücksichtigten Darstellungsfunktion. 1939 wird Wittgenstein als Nachfolger auf den Lehrstuhl von G.E. Moore berufen. Er gibt Vorlesungen zu Fragen der Ästhetik, Psychologie, Ethik und des religiösen Glaubens. 5 Unterbrochen wird seine Lehrtätigkeit vom freiwilligen Einsatz im Krankenhausdienst während des Zweiten Weltkrieges. In der Zeit danach entsteht die letzte Fassung von Teil 1 der „Philosophischen Untersuchungen“ mit ihren drei Blöcken, §§ 1-189 von 1938, §§ 190-421 von 1944 und §§ 422-693. Ende 1947 gibt Wittgenstein seinen Lehrstuhl auf, der auf seinen Wunsch von G.H. v. Wright übernommen wird. Er zieht sich nach Irland zurück, wo er die meiste Zeit gänzlich abgeschieden verbringt und stirbt am 29. April 1951 in Cambridge.
(Der Stellenwert der) Religion im Leben Wittgensteins
Sowohl Wittgensteins Früh- als auch Spätphilosophie zeichnen sich durch ein ungebrochenes Interesse für Religion aus, obwohl es kein einschlägiges Werk gibt, das seinen Standpunkt zum religiösen Glauben eindeutig wiedergibt. 6 Äußerungen über Religion tauchen an verschiedenen Stellen seiner Veröffentlichungen wie beispielsweise in seinen geheimen, in der Gefangenschaft geschriebenen Tagebüchern (1914-1916) oder in den im Nachlass erschienenen Vermischten
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Bemerkungen in Form kurzer Notizen auf. 7 Überliefert ist außerdem eine Vorlesung in Nachschriften aus den Jahren 1938.
John L. Mackie bezeichnet die Wittgensteinschen Aussagen über Religion als „Religion ohne Glauben“ 8 . In dieser auf den ersten Blick merkwürdigen Feststellung hebt Mackie auf die vielfältigen Verwendungsweisen des Wortes „glauben“ in der Umgangssprache ab. In dieser wird der Ausdruck „glauben“ zumeist kognitiv gebraucht: „Glauben, dass“ ist eine gebräuchliche Kennzeichnung für Annahmen (Hypothesen) und putative Überzeugungen. Mackie stellt im Verlauf seiner Analyse heraus, dass Wittgensteins Religionsverständnis das Wort „glauben“ gerade nicht im eben erläuterten Gebrauchssinn zulässt. 9 Sätze der Religion stellen für ihn gegenüber den Sprachspielen der Wissenschaften, der Alltagssprache sowie der Religionsphilosophie ein eigenes Sprachspiel dar, das zuweilen Begriffe und grammatischen Regeln der genannten anderen Sprachspiele aufweist. Sprachspiele, erläutert Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen, beziehen sich auf „in sich geschlossene Systeme der Verständigung“ 10 , beziehen sich also auf eine bestimmte Art und Weise des Zeichen-, Wort- und Satzgebrauches wie Fragen, Behauptungen oder Befehle, die in alltäglichen Situationen auftreten können. 11 Die Tatsache, dass religiöse Sätze ein eigenes Sprachspiel samt eigener Regeln bilden, verknüpft Kroß richtigerweise mit der Frage, welchen „Referenzstatus“ diese Sätze haben können, oder welche Kriterien zur Verfügung stehen, um religiöse Glaubenssätze, die einen kognitiven Gebrauch vermuten lassen, von kognitiven Sätzen, die in „religiöser Verkleidung“ 12 vorkommen, unterscheidbar wahrzunehmen. Gleicherweise ist zu bezweifeln, ob religiöse Sätze, sofern sie nichtreferentiell sind und sich daher jeden Verifikationsmöglichkeiten entziehen, die für Behauptungssätze der Alltagssprache oder der Wissenschaft Anwendung finden, überhaupt einen Sinn haben. 13 Wittgenstein hat sich Zeit seines Lebens mit solchen Fragen befasst und diese mit seinen persönlichen Glaubenserfahrungen untermauert, dessen Ergebnis
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Arbeit zitieren:
André Schmiljun, 2008, Wittgenstein über Religion und religiösen Glauben , München, GRIN Verlag GmbH
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