1. Zur Begrifflichkeit: Raum/ deutscher Stadt-Raum und
Sicherheit:
Bei „Raum“ handelt es sich um einen Begriff, der Mehrdeutigkeit impliziert und daher der Konkretisierung bedarf. Im Rahmen der folgenden Ausarbeitung wird Raum im Sinne von „Stadt-Raum“ in Anlehnung an das heutzutage weitgehend verbreitete relativistische Raumverständnis im Rahmen der Stadt- und Regionalsoziologie. 1 verwendet. Demnach greifen menschliches Handeln und räumliche Strukturen ineinander (Shenton-Bärlocher 2004). Der städtische Raum wird somit als Produkt verstanden, welches durch menschliche Handlungs- und Aneignungsprozesse entsteht (Läpple 1993: 36). Das relational orientierte Raumkonzept betont somit die „Dualität von Raum“, d.h. einerseits die Art und
1 Unter Stadt- und Regionalsoziologie versteht man eine „spezielle Soziologie“, die sich mit der gesellschaftlichen Organisation im besiedelten Raum befasst (Dangschat/Frey 2005: 1). Weise, wie sich Individuen oder Gruppen ihre jeweiligen Stadt-Räume erschaffen/erschließen und andererseits, wie räumliche Strukturen das jeweilige Handeln steuern. (Dangschat/Frey 2005: 1). Im Folgenden wird der Zusammenhang von „Stadt-Raum“ in Deutschland“ - im vorstehenden Sinn - und „Sicherheit“ im Zentrum der Betrachtung stehen. Der Begriff Sicherheit wird überwiegend als „Abwesenheit von Kriminalität“ 2 verstanden. In allen anderen Fällen erfolgt eine Konkretisierung der Bedeutung, entweder in Form von Wortzusätzen oder Erläuterungen.
2. Gesellschaftlicher Wandel und Un-Sicherheit im städtischen Raum:
2.1 Ökonomie vs. Politik:
Die Krise des „Fordismus“ und der hierdurch bedingte Übergang in die als „postfordistisch“ bezeichnete Phase seit Mitte der 1970er Jahre stellt in Deutschland (sowie in anderen hoch entwickelten, kapitalistischen Ländern) die
Ursache für eine weitreichende gesellschaftliche Veränderung dar. Fordismus war in Deutschland insbesondere gekennzeichnet durch spezifische Arbeitsteilung in der industriellen Produktion, Massenproduktion, ein hohes Lohnniveau, relative Vollbeschäftigung sowie Massenkonsumption. Der Staat regulierte durch gezielte wirtschaftspolitische Interventionen die Kapitalanhäufung und sicherte als Wohlfahrtsstaat soziale Risiken der Erwerbstätigen und der Arbeitslosen ab (Wehrheim: 2006: 19). „Klassenungleichheit sollte durch Statusgleichheit im Zugang zu den zentralen gesellschaftlichen Institutionen der Bildung, der medizinischen Versorgung und der
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sozialen Sicherung durchkreuzt werden“ (Kronauer 2002: 116). Armut, bzw. mit Armut verknüpfte Randgruppen waren die Ausnahme und wurden als Folge nicht erfolgter Integration gewertet. Sozial-, Sicherheits- und Kriminalpolitik verfolgte demzufolge integrative Ziele (Wehrheim 2006: 19).
Im Zuge des Postfordismus ist es zur weitgehenden Technisierung und Automatisierung der industriellen Produktion, flexibler Spezialisierung von Arbeitsbereichen, verstärkter globaler Konkurrenz von Märkten und Waren, Bedeutungszuwachs des Finanzsektors, sowie fortschreitender Tertiarisierung gekommen. Seit den 1990er Jahren wird diese Entwicklung zudem begleitet von einer Wirtschaftspolitik der Deregulierung und Flexibilisierung unter starker Betonung ökonomischer Interessen. Es hat sich eine Neustrukturierung des Arbeitsmarktes, eine Nachfrage neuer beruflicher Qualifikationen, Massen- 2Unter „Kriminalität“ versteht man Straffälligkeit, d.h. die Gesamtheit der Straftaten, die innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe während eines bestimmten Zeitabschnittes und in einem bestimmten Gebiet verübt werden (Wahrig-Burgfeind 2004).
arbeitslosigkeit, stark differierende Lohnniveaus („Niedriglohnsektor“), sowie eine Krise der Sozialsysteme ergeben. Eine zunehmende Heterogenisierung von Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen ist entstanden, die infolge der Kürzung von Sozialleistungen (z.B. „Hartz IV“), sowie einer zunehmend strafenden und ausschließenden Tendenz in Sozial-Sicherheits- und Kriminalpolitik 3 zu einer starken sozialen Polarisierung zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten geführt hat, bzw. zu „Gewinnern“ und „Verlierern“ der Modernisierung. (Wehrheim 2006: 20/Dangschat 1994: 80).
2.2 Politik/Ökonomie: „Sicherheitsorientierung“:
Der gesellschaftliche Wandel der „postfordistischen Phase“ hat zu einem städtischen Strukturwandel geführt. Die Sicherheitsorientierung im Stadt-Raum gewinnt für Politik und Ökonomie zunehmend an Bedeutung. Drei zentrale Tendenzen dieser Veränderung im Zusammenhang mit räumlichen Strukturen und Sicherheit können beobachtet werden: Städte sehen sich aufgrund von finanziellen Engpässen infolge von Deindustrialisierung sowie Massenarbeitslosigkeit (Einbußen bei der Gewerbesteuer/Mehrausgaben für soziale Leistungen) sowie nationaler/europäischer/globaler Konkurrenz einer verstärkten Standortpolitik ausgesetzt. Es erfolgt eine Ausrichtung auf den tertiären Sektor der Wirtschaft sowie eine Orientierung auf gewinnträchtige Unternehmen und finanzstarke Einwohner. Folglich werden „harte“ Standortfaktoren, wie Verkehrsinfrastruktur oder Lohnnebenkosten sowie „weiche“ Standortfaktoren, wie qualitativ hochwertiges, gut ausgebautes Bildungswesen, internationale Kulturangebote, attraktive Wohnquartiere, Möglichkeiten für gehobenen Konsum sowie Sauberkeit und Sicherheit betont (Wehrheim 2006: 27). Eine Politik der „Ästhetisierung von Stadt-Raum“ wird betrieben, welche infolge
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der sozialen Polarisierung und damit entstehenden Konfliktlinien auf die Schaffung eines sicheren und sauberen Ambientes in den zentralen Stadtteilen zielt. Häußermann und
Siebel (1987)/Dangschat (1994) haben bereits in der Förderung dieser Infrastruktur eine Verdrängung unterer gesellschaftlicher Schichten aus ihren angestammten Quartieren zugunsten einer Markierung von „Räumen der Sieger“ erkannt und somit eine räumliche Behandlung sozialer Probleme angedeutet.
3 Seit Mitte der 1990er Jahre werden in Deutschland bspw. generelle Verbote, die speziell dazu geeignet sind, den öffentlichen Stad-Raum zu regulieren -z.B. Verbot des Schlafens, Lagerns oder Kampierens auf Straßen oder Grünanlagen, des Bettelns generell etc.- auf Kommunal- und Landesebene über Sicherheits- und Ordnungsgesetze wieder eingeführt (Wolf 1999: 14ff.).
Als Folge der Tertiarisierung von Stadt-Raum werden zunehmend „Produktions-
Landschaften“ von „Konsumptions-Landschaften“ abgelöst. Bei Letzteren handelt es sich in der Regel um private Räume der öffentlichen Spähre („semi-öffentliche Räume“) (Sieverts 1997: 95). Diese „neuen Raumtypen“ der konsumorientierten Dienstleistungen, wie „Shopping-Malls“, „Passagen“, „,Themenparks“, „Urban Entertainment Center“ sowie „Bahnhöfe modernen Typs“ verbreiten sich an den Rändern von deutschen Städten sowie in deren Zentren. Sie gliedern sich an Dienstleistungszentren und (neue) Wohngebiete. Eine verstärkte Privatisierung des städtischen Raumes zeichnet sich ab (Wehrheim 2006: 28). Unter den Bedingungen eines verschärften Standortwettbewerbs sind diese „neuen Raumtypen“ insbesondere durch die starke Betonung eines sicheren und sauberen Ambientes gekennzeichnet. Die Herstellung von Sicherheitsgefühlen („Wohlfühl-Faktor“) wird als bedeutsame Komponente erachtet, um potentielle Konsumenten anzulocken, bzw. den Umsatz zu steigern (HDE 1997: 1ff.). Es werden gezielt rechtliche (z.B. Wahrung und Durchsetzung von „Jedermannsrechten“/„Hausrecht“/„Hausordnung“), technische (z.B. Videoüberwachung), personelle (z.B. privater Sicherheitsdienst), architektonische (Herstellung von exklusivem Charakter durch die Verwendung luxuriöser Baumaterialien/konstruktionen) sowie Techniken des Raumdesigns (z.B. Metallspitzen auf Mauervorsprüngen sowie Blumenkästen, um Sitzen oder Anlehnen zu verhindern/spezielle Gestaltung von Sitzmöbeln, um längeres Verweilen oder aber Liegen zu vermeiden) eingesetzt, um entweder das Verhalten der Konsumenten zu disziplinieren und/oder unerwünschte, „unnütze“ („Nicht-Konsumenten“/“Arme“), bzw., als von der Mehrheit der Gesellschaft als potentiell „gefährlich“ klassifizierte Besucher (respektive Gruppen von ausländischen Jugendlichen, Drogenabhängige, Punks, Bettler, Obdachlose, Migranten), durch die Betonung von Exklusivität, bzw. durch die Beschränkung von Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten auszuschließen (Wehrheim 2006: 50ff.). Politische und ökonomische Veränderungen in Verbindung mit starker
Sicherheitsorientierung führen zu verstärkter Privatisierung von öffentlichem Raum sowie
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Arbeit zitieren:
Klaudia Gabriele Geisler, 2007, Vertiefte Auseinandersetzung zum Zusammenhang "Raum und Sicherheit", München, GRIN Verlag GmbH
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