Selbstbewusstsein in den Werken Schellings und Pauens
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 04
(a) Begriffsklärung und Fragestellung
(b) Begründung
(c) Vorgehensweise
Erster Teil: Subjektivität im philosophischen Denken Pauens
Forschungsstand -. 05
Die „Heidelberger Schule“ und das präreflexive Ich 05
Skeptizismus 06
Pauens Theorie der Subjektivität 08
Kriterien für eine selbstbewusste Person 08
Genese von Subjektivität - Rückkehr zum präreflexiven Selbst? 10
Exkurs : Identitätstheorie - Lösung des Geist-Körper-Problems? 12
Zweiter Teil: Subjektivität im philosophischen Denken Schellings
Das Werk Schellings 14
Naturphilosophie und Transzendentalphilosophie 16
Selbstbewusstsein als erstes Prinzip des Wissen 18
Zusammenfassung : Vergleich beider Konzepte 22
Bibliographie 24
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Selbstbewusstsein in den Werken Schellings und Pauens
Selbstbewusstsein ist spätestens seit Descartes ein zentraler Aspekt zur Analyse des menschlichen Selbstverständnisses. Umgangssprachlich wird der Begriff
Selbstbewusstsein zur Beschreibung einer Person verwendet, die ein besonders sicheres und couragiertes Auftreten beweist. 1 Im philosophischen Sinne dagegen wird eine Person als selbstbewusst charakterisiert, wenn sie ihre eigenen mentalen Zustände kennt und sich ihrer bewusst ist. Diese mentalen Zustände umspannen alle geistigen, psychischen Phänomene, Ereignisse oder Prozesse einer Person. Dazu gehören Empfindungen oder Wahrnehmungen wie zum Beispiel eines Schmerzes oder einer Rotwahrnehmung, Gefühle wie Trauer oder Freude, aber auch Einstellungen (Wünsche, Überzeugungen, Hoffnungen, Befürchtungen usw.). 2
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, was ist Selbstbewusstsein, vergleichend in den Werken Schellings und Pauens. Hierbei geht es vor allem darum, Unterschiede sowie möglicherweise Gemeinsamkeiten hervorzuheben.
(b) Begründung
Der am 27. Januar 1775 in der württembergischen Stadt Leonberg geborene Schelling befasste sich früh mit naturwissenschaftlichen Problemen und suchte Antworten auf die Frage, wie der Mensch als ideelles Wesen mit der Natur in Einklang gebracht werden kann. Ein ähnliches Anliegen steht gegenwärtig dem philosophischen Interesse Pauens voran, der mit den Bedenken aufräumt, dass die Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften langfristig betrachtet unser Selbstverständnis als bewusster, selbstbewusster und freier Person umstoßen. 3 Wie aber kann der Konflikt zwischen Natur und Mensch aufgelöst werden? Welches Verständnis von Selbstbewusstsein ist dem zugrunde zu legen? Es wird sich zeigen, dass sowohl Schelling als auch Pauen hierauf einen mehr oder minder gleichen Erklärungsansatz bevorzugen und Selbstbewusstsein als einen ontogenetischen Prozess sowie als Leistung des Verstandes interpretieren.
1 Vgl. Newen, Albert, Vogeley, Kai, Selbst und Gehin. Menschliches Selbstbewusstsein und seine neurobiologischen Grundlagen. Paderborn 2000, S. 9.
2 Schrader, Wolfgang H., Selbst, in: Ritter, Joachim (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 9 Basel
3 Vgl. Pauen, Michael, Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes, München 2007, S. 234.
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Selbstbewusstsein in den Werken Schellings und Pauens
(c) Vorgehensweise
Die inhaltliche Vorgehensweise erstreckt sich über drei Schritte. Zuerst widmet sich die Arbeit Pauens Überlegungen, legt den aktuellen Forschungsstand offen und problematisiert den Streit zwischen Vertretern der klassischen und skeptischen Position, bevor sie sich anschließend zweitens um Schellings Perspektive und schließlich um eine komparative Zusammenfassung bemüht.
Pauen grenzt sich in seiner Untersuchung des Selbstbewusstseins von zwei unterschiedlichen Strömungen in der Philosophie des Geistes ab: Zum einen von einer an idealistische Vorstellungen geknüpften „klassischen“ Theorie, die unter Selbstbewusstsein einen „unhintergehbaren Ausgangspunkt zur Aneignung von Realität“ versteht, wonach Selbstbewusstsein „ein Verhältnis des Erkennenden zu sich selbst“ voraussetze und „als Folge davon, zur Realität, das durch andere epistemische Formen nicht zu ersetzen und auch nicht weiter zu analysieren sei.“ 4 Hierbei bezieht sich Pauen auf Positionen von Descartes, Kant und Fichte sowie auf Ulrich Pothast 5 , Dieter Henrich oder Manfred Frank. Die andere entgegengesetzte Strömung kann durch die Auffassung charakterisiert werden, dass das Ich eine bloße Fiktion und nur aus Gründen der Konvention und Pragmatik nicht aufgegeben worden sei. Als Vertreter dieser Position können beispielsweise David Hume, Nietzsche, Schopenhauer und in der aktuellen Debatte Daniel Dennett, Marvin Minsky oder Thomas Metzinger angeführt werden.
Die „Heidelberger Schule“ und das präreflexive Ich
Der von Pauen als „klassisch“ ausgewiesene Ansatz impliziert ihm zufolge das Unternehmen, die Realität des Ich gegenüber naturalistischen Forschungsprogrammen zu verteidigen. 6 Die Grundidee ist dabei, dass Ich auf eine präreflexive Vertrautheit des Subjekts mit sich selbst zurückzuführen. So schreibt Dieter Henrich: „Jede Rückbeziehung des Ich auf sich setzt eine Vertrautheit mit ihm voraus, die zudem von der Art sein muss,
4 Vgl. Pauen, Selbstbewusstsein: Ein metaphysisches Relikt? Philosophische und empirische Befunde zur Konstitution von Subjektivität. In: Newen, Albert, Vogeley, Kai, Selbst und Gehin, S. 101.
5 Vgl. Pothast, Ulrich, Über einige Fragen der Selbstbeziehung, in: Philosophische Abhandlungen, Bd. 36, Frankfurt/ Main 1971, S. 18 ff.
6 Vgl. Pauen, Was ist der Mensch? S. 140.
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Selbstbewusstsein in den Werken Schellings und Pauens
dass es sie auf sich zu beziehen vermag.“ 7 Damit verweist Henrich auf einen Gedanken, der ebenfalls bei Manfred Frank anklingt, dass jeder Selbstbezug oder jede Selbstzuschreibung irgendeiner Eigenschaft eine nicht weiter analysierbare präreflexive Form des Selbstbewusstseins erfordert: „Selbstbewusstsein lässt sich überhaupt nicht beschreiben als Relation von etwas zu noch etwas, auch wenn das zweite ,etwas es selbst sein sollte; denn wenn immer ein Selbstbezug als selbstbewusster sich ankündigt, war die Beziehung durch eine prärelationale Vertrautheit unterlaufen. [...] Selbstbewusstsein [ist] ein nicht weiter analysierbarer Sachverhalt, [...] den wir ohne semantische Einbußen nicht in eine anonyme Ding-Ereignis-Sprache, ja nicht einmal System der Demonstrativ-Pronomen oder Kennzeichnungen [...] übersetzen können.“ 8 Bevor sich das Subjekt eine konkrete Eigenschaft zuschreiben kann, muss es sich also zunächst seiner selbst gewahr werden 9 , dass heißt, ohne ein präreflexives Selbstbewusstsein verfügte man nicht über das Erkenntnisvermögen, Eigenschaften auf sich zu beziehen. „Hätte [man] keine Vertrautheit mit sich“, resümiert Henrich, „die [...] allen Begegnungen vorausginge, so würde [man] nie wissen können, was [man] sich selber zuzurechnen hat. [Man] würde sogar nicht einmal einen Sinn in der Aufforderung finden, Begegnendes mit sich selber zu identifizieren.“ 10
Skeptizismus
Aus der Sicht führender Neurowissenschaftler wird die Realität des Ich dennoch in Zweifel gezogen. So betrachtet Gerhard Roth das Ich als ein „Konstrukt, welches das Gehirn entwirft, um komplexe kognitive, exekutive und kommunikative Aufgaben besser bewältigen zu können“ 11 und argumentiert in Anlehnung an David Hume dafür, dass Ich als „ein Bündel von Wahrnehmungen, Vorstellungen und Empfindungen“ 12 zu begreifen. Ähnlich äußert sich Marvin Minsky über die Beschaffenheit des Bewusstseins, das er mit der Metapher einer „Gesellschaft verschiedener Geister“ beschreibt: „Wie die Mitglieder einer Familie könnten diese [Geister] zusammenarbeiten, um sich gegenseitig zu helfen,
7 Henrich, Dieter, Selbstbewusstsein, in: Bubner, Rüdiger, Cramer, Konrad, Wiehl, Reiner (Hrsg.), Hermeneutik und Dialektik. Methode und Wissenschaft. Lebenswelt und Geschichte, Tübingen 1970, S. 266.
8 Frank, Manfred, Selbstbewusstsein und Selbsterkenntnis. Essays zur analytischen Philosophie der Subjektivität, Stuttgart 1991, S. 6.
9 Vgl. Pauen, Selbstbewusstsein, S. 103.
10 Henrich, Selbstbewusstsein, S. 267.
11 Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handel,. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt/Main 2001, S. 551.
12 Ders., Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Frankfurt/Main, 1996, S. 329.
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Selbstbewusstsein in den Werken Schellings und Pauens
und doch ihre eigenen mentalen Erfahrungen machen, von denen die übrigen nichts wissen. Mehrere solcher Agenturen könnten viele Agenten gemeinsam haben, und doch nicht mehr über die internen Aktivitäten der anderen erfahren als Leuten, die Wand an Wand wohnen.“ 13 Auch der Philosoph Daniel Dennet bestreitet die Realität des Ich und geht davon aus, dass das Bewusstsein aus einer Vielzahl innerer Entwürfe besteht, aus Selbstinterpretationen körperlicher und mentaler Aktivitäten, die miteinander verknüpft werden und ein fiktionales Ich ausbilden. 14
Es ist Pauens Verdienst, den scheinbaren Widerspruch zwischen der klassischen und skeptischen Theorie aufzulösen, der sich insbesondere in der Tatsache manifestiert, dass die Vertreter des einen Lagers das Selbst als unbezweifelbares Faktum postulieren, wohingegen die Skeptiker das Ich für eine Konstruktion und Fiktion des Gehirns halten. Das Argument, welches Pauen in die Diskussion bringt, verdeutlicht den Unterschied des von beiden Lagern in Anspruch genommenen Begriffs der Subjektivität. Vertreter der klassischen Theorie behaupten, dass für jede einzelne Selbstzuschreibung einer Eigenschaft der Bezug auf ein präreflexives Selbst notwendig ist. Vertreter der skeptischen Theorie konzentrieren dagegen ihre Einwände auf die zeitliche Integrität des Selbstbewusstseins, welche von den Befürwortern indessen nicht berücksichtigt wird. Ihr Argument besagt nämlich nichts darüber, ob der bei der Selbstzuschreibung gewählte Bezugspunkt über längere Zeit stabil bleiben muss. Daraus schließt Pauen, dass beide Positionen von zwei verschiedenen Begriffen von Subjektivität ausgehen. Befürworter der klassischen Theorie stützen sich auf die Existenz eines präreflexiven Selbst. Die Bedenken der Gegner jedoch scheinen sich gegen eine andere Konzeption von Subjektivität zu richten, welche auf das empirische Ich abzielen. Hierzu schreibt Pauen: „Die Konzeption, die sich mit dem oben skizzierten Argument der Befürworter verteidigen lässt, erweist sich als wesentlich schwächer als diejenige, die die Gegner angreifen. Bei Hume, Minsky und Dennet geht es schließlich um Zweifel an der Integrität des empirischen Ich, doch die lassen sich eben auch mit den Argumenten für das präreflexive Selbst nicht endgültig ausräumen.“ 15 Auf der Grundlage dieser Erkenntnis entwickelt Pauen seine Theorie der Subjektivität, die im folgenden eingeführt werden soll.
13 Minsky, Marvin, Mentopolis, Übersetzt von Malte Heim, Stuttgart 1990, S. 290.
14 Vgl. Pauen, Selbstbewusstsein, S. 104.
15 Ders., Selbstbewusstsein, S. 105.
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Arbeit zitieren:
André Schmiljun, 2008, Der Begriff Selbstbewusstsein bei F. W. J. Schelling und Michael Pauen , München, GRIN Verlag GmbH
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