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Die zweite Phase ist bestimmt von der Kritik der Vergangenheitsbewältigung. 5 Sie kann von 1957 bis 1984 datiert werden. Diese Zeit wird durch eine verschärfte Verfolgung von Verbrechen der Nationalsozialisten bestimmt. Beispielsweise wird 1958 eine Arbeitsstelle für die Erforschung von NS - Verbrechen eingerichtet. Symbolisiert werden diese verschärften Strafverfolgungsbemühungen durch die Auschwitz -Prozesse in Frankfurt. Diese Phase findet ihren Höhepunkt mit dem Engagement der Studentenbewegung von 1968.
Die letzte Phase welche 1985 beginnt und noch immer andauert, wird von Assmann als Phase der Erinnerung bezeichnet. 6 Diese kann wiederum in zwei Teilbereiche untergliedert werden: Vergangenheitsbewältigung und Vergangenheitsbewahrung. 7 Der erste Teilbereich wird durch Helmut Kohl symbolisiert. Unvergessen dürfte unter anderem seine Versöhnungsgeste mit dem damaligen französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand über den Gräbern von Verdun sein. Hier wurde zwischen einst verfeindeten Staaten Versöhnung zelebriert. Richard von Weizsäcker steht jedoch für den zweiten Teilbereich, der Vergangenheitsbewahrung. Anstelle von
Versöhnungsgesten tritt nun das ewigliche Versprechen der Täter an die Opfer, sich der begangenen Untaten stets zu erinnern. Nun wird auch die Schwäche des ersten Teilbereichs deutlich: Versöhnungsgesten sind vielleicht zwischen Staaten möglich, zwischen Opfern und Tätern jedoch nur bedingt. Für die Irreparabilität des Schadens kann es nur eine Solidarität in der Erinnerung geben. 8 Gerade die Phase der Nachkriegszeit war verstärkt durch sogenannte Selbst -Entlastungsmechanismen geprägt. 9 Assmann nennt hier zuerst den Mechanismus des Schweigens. Schweigen als eine bewusste Reduktion von Kommunikation ist hiermit gemeint, und nicht eine Art Verdrängen, das eher unterbewusst abläuft. In der Praxis wurden also konkrete biographische Erfahrungen der Zeit des Nationalsozialismus überhaupt nicht debattiert. Die Reaktion des Schweigens ist somit bezeichnend für die Gründungsphase der Bundesrepublik. Als zweiten Mechanismus führt Assmann das Opfer - Syndrom an. 10 Insofern dann doch über die Zeit des Dritten Reiches gesprochen
5 Assmann 1999, S. 144.
6 Ebenda, S. 144.
7 Ebenda, S. 145.
8 Ebenda, S. 146.
9 Ebenda, S. 140
10 Ebenda, S. 141.
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wurde, ist strikt darauf geachtet worden den Unterschied zwischen Regime und Volk herauszustellen. Man konnte sich in der Kollektivunschuld üben. Dieser Mechanismus war jedoch nicht nur Sinnbild der Gründungsjahre, er ist vielmehr bis in die jüngste Vergangenheit anzutreffen. Der letzte von Assmann benannte Mechanismus betrifft den Anti - Kommunismus. 11 Gerade am Beginn und Wiederaufbau des neuen Staates konnte es man sich nicht leisten dem Krieg zu gedenken, da ja zuerst der ideologische Gegner im Osten eingedämmt werden musste. Man ist sogar dazu übergegangen das eigene historische Erbe von sich selbst abzuspalten indem das jeweilige Staatsverständnis des Nachbarstaates mit der NS - Ideologie gleichgesetzt wurde. Dieser Mechanismus ist mit dem Ende des kalten Krieges obsolet geworden.
3. Klaus Naumann: Krieg als Text
Klaus Naumann ist Politologe und Historiker und arbeitet für das Hamburger Institut für Sozialforschung.
Das Ziel seiner Monographie war das, wie er es bezeichnet, Schwellenjahr der Erinnerungskultur 1995. 12 Naumann hat anhand der verschiedensten Presseartikel- und Berichte, die zu sämtlichen Gedenk- und Erinnerungstagen verfasst wurden, versucht die Prozeduren des Gedenkjahres herauszufiltern. Er wollte eine „[…] Syntax des Gedenkens an das Ende von Vernichtungskrieg und NS - Regime […]“ 13 herausfinden. Er gibt einen Eindruck über die stetige Präsenz des Krieges, auch 50 Jahre nach seiner Beendigung. Sein Werk kann als eine Art Collage einer subjektiven Presseberichterstattung gesehen werden.
Zuerst musste er jedoch generell feststellen, dass sich die deutsche Bevölkerung immer noch in einer floating gap, der Unterschied zwischen der Generation, die den Krieg noch selbst erlebt hat und somit selbst erinnert und der symbolisch sich erinnernden Nachwelt, befand. Seine These des Schwellenjahres 1995 konnte er anhand mehrerer Veränderungen allgemeiner Art ableiten. Zum ersten wurde 1995 der Mythos der sauber gebliebenen Wehrmacht widerlegt, zum zweiten wurde in einem wahren Erinnerungsmarathon den Opfern wie noch nie zuvor gedacht und schließlich wurden drittens aber auch die deutschen Zivilverluste in hohem Maße gewürdigt. Diese
11 Assmann 1999, S. 141.
12 Naumann 1998, S. 303.
13 Ebenda, S. 13.
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Beobachtungen allgemeiner Art manifestierten sich in den einzelnen Gedenkveranstaltungen. Hier sei beispielhaft der Befreiungstag von Auschwitz angeführt: Nicht nur eine erstmalige Einladung an ein deutsches Staatsoberhaupt war bemerkenswert, vielmehr jedoch der allgemeine Tenor der Pressetexte. Die Trennlinie der Erinnerung verlief nicht mehr zwischen Verleugnung und Erinnerung, sondern zwischen Enthistorisierung und Historisierung.
Als weitere wichtige Neuerung des Jahres 1995 konnte Naumann eine verstärktere Ausdifferenzierung der einzelnen Akteursgruppen feststellen. Wo zu früheren Jahren nur zwischen relativ heterogenen Großgruppen wie zum Beispiel den Soldaten oder den Ortsbevölkerungen unterschieden wurde, wurde nun in homogenere Einzelgruppen unterteilt. Die Gruppen der Bombengeschädigten, der Flüchtlinge und Vertriebenen, der Wohnbevölkerung, der Sieger, der nationalsozialistischen Opfer und der Soldaten konnten aus den Pressetexten herausgelesen werden. Die Gruppe der Soldaten hatten die größten Sympathieschwankungen zu verzeichnen. Weiterhin wurde das überlieferte Bild des bloßen Pflichtsoldaten mit größerer Skepsis betrachtet als in den Jahren zuvor. Galten die Soldaten früher auch als Bewahrer der Heimat, gerade an der Ostfront, so wurden sie nun als Geschlagene dargestellt.
Des Weiteren untersuchte Naumann die Selbstdarstellung und Repräsentation der einzelnen Erinnerungsgemeinschaften. In historischen Berichten wurde oftmals der Begriff die Deutschen gebraucht, zumeist ging es jedoch immer um spezifische Gruppenschicksale. 14 Für alle diese Erinnerungsgemeinschaften war es verlockend sich zuvorderst als Opfer zu sehen und darzustellen. Einigen gelang es jedoch eine differenziertere Selbstwahrnehmung vorzunehmen.
Die Erinnerungsgemeinschaft der Bombengeschädigten hatte 1995 ihren zentralen Gedenkort in Dresden, symbolisiert durch die Frauenkirche, gefunden. Jedoch war man sich unsicher wie man mit dem zivilen Massentod umgehen sollte und ob es möglich war eine unschuldige Klage zu erheben. Die Erinnerungsgemeinschaft der Vertriebenen hatte noch keine zentrale Gedenkstätte gefunden, sie tat sich auch schwer sich selbst nicht nur als Opfer wahrzunehmen. Im Gegenteil, die Erinnerungsgemeinschaft war eher versucht das eigens erlittene Leid aufzurechnen und „[…] in eine
14 Naumann 1998, S. 317.
Arbeit zitieren:
Michael Gamperl, 2007, Erinnerungskultur in Deutschland 1945-1995, München, GRIN Verlag GmbH
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