12.1 Englisch als dominierende Konkurrenzsprache
12.2 Antizyklische, wenngleich wenig beachtete Positiventwicklung
12.3 Deutsch neben Englisch: Argumente pro Sprachenvielfalt
13.Die künftige Basis für Deutsch als - zweite - Fremdsprache (L3)
14.Germanistik und Wissenschaftssprache Deutsch
14.1 Tendenzen bei der Sprachvermittlung im Hochschulbereich
14.2 Konsequenzen für die DAAD-Lektorenprogramme
15.1 Die traditionelle Germanistik
15.2 Neuen Entwicklungen "German (and European) Studies" /
"Cultural Studies" Rechnung tragen
16. Aktuelles Volumen öffentlicher Deutsch-Fördermaßnahmen im Ausland
17.1 Deutsch-Aktivitäten vs. "Konkurrenzsprachen"
in den südlichen GUS-Staaten
17.2 Deutsch-Aktivitäten vs. "Konkurrenzsprachen"
in Nordamerika (USAlKanada)
18.Handlungsbedarf und Desiderata
Literaturverzeichnis
4
Abkürzungsverzeichnis
A = Österreich ("Austria")
AA = Auswärtiges Amt AHK = Außenhandelskammer(n) AKBP = Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik AKP = Auswärtige Kulturpolitik AP = Auswärtige Politik
ARD = Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der
Bundesrepublik Deutschland ASP = Auswärtige Schulpolitik Art. = Artikel AvH = Alexander von Humboldt(-Stiftung) BBC (WorldService) = British Broadcasting Corporation Bd. = Band BIP = Bruttoinlandsprodukt BMP = Berliner Morgenpost BRD = Bundesrepublik Deutschland BSP = Bruttosozialprodukt BVA = Bundesverwaltungsamt BZ = Berliner Zeitung bzgl. = bezüglich bzw. = beziehungsweise ca. = zirka CDC = Carl Duisberg Centren CETv = China Entertainment Television CFI = Canal France International CH = Schweiz ("Confederatio Helvetica") D = Deutschland
DAAD = Deutscher Akademischer Auslandsdienst DaF = Deutsch als Fremdsprache DDR = Deutsche Demokratische Republik d.h. = das heißt
DIHT = Deutscher Industrie- und Handelstag dpa = Deutsche Presseagentur DSD = Deutsches Sprachdiplom
DSK-KMK Deutsches Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz DSH = Deutsche Sprachprüfung fur den Hochschulzugang DW = Deutsche Welle EC = European Community et. al. = et alii etc. = etcetera EU = Europäische Union
EG = Europäische Gemeinschaft
EWG = Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
FAZ = Frankfurter Allgemeine Zeitung
FRG = Federal Republic of Germany
EZB = Europäische Zentralbank
5
GdS = Gesellschaft deutscher Sprache
GfdS = Gesellschaft für deutsche Sprache
ggf. = gegebenenfalls
GI = Goethe-Institut
GIIN = Goethe Institut Inter Nationes
GUS = Gemeinschaft Unabhängiger Staaten
Hg. = Herausgeber (Singular)
Hgg. = Herausgeber (Plural)
HSK = Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft
i.d.R. = in der Regel
i.d.S. = in diesem Sinne
IDT = Internationaler Deutschlehrertagung lIDS = Institut fur Deutsche Sprache lfA = Institut fur Außenbeziehungen Jg. = Jahrgang Jh. = Jahrhundert KAS = Konrad-Adenauer-Stiftung KMK = Kultusministerkonferenz KP = Kommunistische Partei lt. = laut LI = Muttersprache L2 = erste Fremdsprache L3 = zweite Fremdsprache L4 = dritte Fremdsprache LKZ = Länderkonzeptionen deutscher SSprache/Germanistik
m.E. = meines Erachtens
Mio. = Million(en) MSOE = Mittel-, Süd-Ost-Europa NC = Numerus clausus
NHK = Nippon Hoso Kyokai (Japan Broadcasting Corporation) NZZ = Neue Zürcher Zeitung o.ä. = oder ähnlich PNdS = Prufungsnachweis deutscher Sprache RAI = Radio Televisione Italiana ROI = return on investment RTL = Radio Television Luxembourg SLFZ = Sprachlemforschungszentrum SZ = Süddeutsche Zeitung
6
taz = tageszeitung
TOEFL = Test of English as a Foreign Language TVE = Television espafiola TV5 = Television 5 u.a. = unter anderem
UdSSR = Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken USA = Vereinigte Staaten von Amerika u.u. = unter Umständen VDS = Verein Deutsche Sprache VoA = Voice of America Vol. = Volume VR = Volksrepublik (China) vs. = versus
WiWi = Wirtschaftswissenschaften
z.B. = zum Beispiel ZDF = Zweites Deutsches Fernsehen ZfA = Zentralstelle fiir das Auslandsschulwesen z.T. = zum Teil
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Vorwort
Die Öffnung Osteuropas, wo 16 neue Niederlassungen eröffnet wurden, und die Sparpolitik haben das GI und andere bundesdeutsche Mittlerorganisationen in eine doppelte Sinnkrise gestürzt, die sie nicht allein lösen können: Was kann, was sollen sie wo auf der Welt leisten? Was ist der Stellenwert von Sprache und Kultur in der Außenpolitik? Wie viel von den Leitsätzen zur AKP, die eine Enquetekommission des Bundestags 1970 unter Vorsitz von Ralf Dahrendorf formuliert hat, ist heute noch gültig? Stimmen die Programme vor Ort mit den Zielen überein, die sich die "Goetheaner" setzen und öffentlich verkünden? Wo sind die Prioritäten? (Henard 2001: 1)
Dazu will ich in dieser Arbeit die Frage diskutieren, wie Realpolitik, Kulturpolitik und Sprachenpolitik zusammenhängen und welche Rolle Deutsch als Fremdsprache (DaF) hierbei spielt. Dabei sollen sowohl die Außen- wie die Innenperspektive berücksichtigt werden, d.h., welche Rolle spielt Deutsch in der Gemeinschaft der Sprachen, welche Tendenzen sind zu beobachten und wie versucht die deutsche Kulturpolitik lenkend in diese Entwicklungen einzugreifen. Weitere Fragen, die ich erörtern möchte, sind u.a.: Welche Rolle spielt Deutsch in internationalen Organisationen? Wovon hängt das Prestige einer Sprache ab? Wie viel eigenes Sprachbewusstsein bzw. eigene Sprachloyalität ist vonnöten, um die Förderung des Deutschen international voranzubringen?
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Einleitung
Deutschland muss sparen, wenn es - wie aus aktuellem Anlass - nicht gerade· um Terrorismusbekämpfung und innere Sicherheit geht, was sich aus zusätzlichen Eimiahmen aus erhöhter Tabak- und Versicherungssteuer (zwischen)finanzieren lässt. Bei der Finanzierung von auswärtiger Kultur- und somit Sprachpolitik sind die Ressourcen versiegt, sodass der verabschiedete Vierjahresplan zur Sanierung der öffentlichen Haushalte unweigerlich das Goethe-Institut Inter Nationes (GIIN), den staatlichen Auslandssender Deutsche Welle (DW) sowie die übrigen bundesrepublikanischen Mittlerorganisationen trifft. Im Falle des GIIN mit seinen 129 Außenstellen müssen die Ausgaben im Laufe des gerade angebrochenen Jahres 2002 dauerhaft um 12 Prozent oder 28 Millionen Mark zurückgefahren werden, was unverzüglichen Handlungsbedarf bedeutet, sowohl bei Entlassungen als auch bei Schließungen - 25 Auslandsvertretungen sind es insgesamt, wobei die Auswahl oftmals zufiUlig, wenn nicht gar willkürlich scheint. Man solle das Personal "auf den Stand vor 1989" zurückfUhren, lautet eine der Vorgaben der politischen Entscheidungträger. Der Kampf der GI "ums Überleben eröffnet ein weiteres trübes Kapitel der deutschen Sprachpolitik im Ausland, nachdem man hier zu Lande offenbar mehr und mehr davon überzeugt ist, dass die Deutschland-Werbung von den Werbeagenturen wirksamer betrieben wird als von den Sprachlehrern oder gar jenen Schriftstellern, die man auf schlecht besuchte Lesereisen durch die Welt schickt." (Ueding 2001: 1)
Neben der vorstehend erwähnten Kürzung der Finanzmittel aus dem Bundeshaushalt kommt erschwerend hinzu, dass "heute allenthalben vom schwindenden Interesse an der deutschen Sprache im Ausland die Rede ist" (Ueding 2001: 1) - so der Tenor auf dem letztjährigen Erlanger Germanistentag oder auf dem Weltkongress der· Deutschlehrer in Luzern im Sommer 2001. Als wichtigster Grund für die schwindende Attraktivität anderer europäischer Sprachen im Allgemeinen und des Deutschen im Besonderen dient der universale Siegeszug des Englischen. Dennoch mutet diese Tendenz antizyklisch an, da bekanntlich reale ökonomische ebenso wie politische Macht die Attraktivität einer Sprache erhöhen. Besetzen doch sowohl der Sprachraum als auch das Wirtschaftspotenzial der größten Gruppe deutscher Muttersprachler innerhalb Europas die unangefochtenen Spitzenplätze. Trotzdem lernen immer mehr Franzosen statt des Deutschen als zweite Fremdsprache (L3) das Spanische, sinkt die Zahl der deutsch sprechenden Osteuropäer und gelingt es ausschließlich mittels massiver politischer Interventionen, die Rechte des Deutschen als EUKonferenzsprache wenigstens oberflächlich zu wahren. Die Realität gibt Auskunft über den tatsächlichen Status der deutschen Sprache innerhalb der EU-Institutionen: gerade mal ein Prozent aller offJZiellen Dokumente ist auf Deutsch abgefasst, ja es gibt zuweilen deutsche EU-
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Beamte, die das Englische, mitunter gar das Franzoeische besser beherrschen als die Muttersprache ihres Entsenderlandes, deren Gebrauch sie nach Möglichkeit vermeiden diesem spezifisch deutschen Phänomen von Anbiederungsgehabe bis hin zur Selbstaufgabe will ich im Verlauf dieser Arbeit ein eigenes Kapitel widmen (vgl. "Sprachilloyalität").
1. "Attraktivitäts-Faktoren" der internationalen Stellung einer Sprache
Die Attraktivität einer Sprache hängt von einer Fülle weiterer Faktoren ab:
N ihrer natürlichen Stärke (Größe der Sprecherzahlen von Mutter- und Fremdsprache, geographische Verbreitung, Verbreitung als Schulfremdsprache in der Welt);
N ihrer politischen und "symbolischen" Stärke (Verwendung in internationalen Organisationen, Verträgen und Konferenzen; akzeptierte Verwendung im zwischenstaatlichen Verkehr, Anzahl der Länder, in denen diese Sprache offiziellen Status besitzt [Amts- bzw. Staatssprache], politisches Gewicht eines oder mehrerer Länder der Sprachgemeinschaft);
ihrer wirtschaftlichen Stärke (BIP oder BSP der Sprachmutterländer, Anteil N
am regionalen oder globalen Handel, Umfang der Auslandsinvestitionen, Konzernsprache in Großunternehmen, Berufsfachsprache, studienbegleitender Unterricht an Hochschulen);
ihrer wissenschaftlichen Stärke (Verwendung in wissenschaftlichen N
Publikationen, als Konferenzsprache auf wissenschaftlichen Kongressen und in Datenbanken, Sprachstudium an Hochschulen)
ihrer kulturellen Stärke (Verbreitung in Literatur, Printmedien, Film, N
Fernsehen; Nutzung deutscher Sprachkenntnisse ausländischer Gesprächspartner, privat und durch die Medien; Präsenz in der Unterhaltungselektronik, Jugendkultur, Sprache der Werbung und des Zeitgeists). (OebeI2000: 73)
Von nicht unerheblicher Bedeutung ist des weiteren die landesspezifische touristische Anziehungskraft etwa Frankreichs, das unter Urlaubern zum wiederholten Mal die unangefochtene Spitzenposition in der Destinationspopularität einnimmt - zweifellos begünstigende geographische oder klimatische Verhältnisse allein können hier als
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Begründung nicht genügen. Mit Deutschland hingegen wird "kein übermäßig faszinierender Lebensstil assoziiert, wie etwa mit Italien, Frankreich oder den USA 'Savoir vivre' lässt sich nicht ins Deutsche übersetzen und ein 'Gennan way of life' löst jenseits unserer Grenzen kaum Begeisterung aus." (Hoffmann 2001: 3).
Auch hat die "'Lingua Tertii Imperii' (Klemperer) unser sprachliches Erbe wohl dauerhaft kontaminiert, und wir können sie nicht mehr umstandslos allein als Sprache Goethes oder Nietzsches, Thomas Manns oder Gottfried Benns präsentieren. Wer wird zum Beispiel auf absehbare Zeit das schöne, alte Wort 'Heil' noch unreflektiert in den Mund nehmen können!" (Hoffmann 2001: 3). Das Deutsche sei laut Peter Nelde von der Katholischen Universität Brüssel halt noch immer "von den Grausamkeiten der Deutschen im Zweiten Weltkrieg belastet (Kainberger 2001: 1). Anlässlich des von GdS im Spätherbst 2001 in Brüssel veranstalteten Kongresses "Deutsch im vielsprachigen Europa" erinnerte Petra Braselamm von der Universität Innsbruck in diesem Zusammenhang daran, dass das polnische Sprachengesetz vom Oktober 1999 an erster Stelle gegen das Deutsche und erst an zweiter Stelle gegen das Russische gerichtet sei (Kainberger 2001: 1). Der mittlerweile aus dem Amt geschiedene GI-Chef Hilmar Hoffmann rät angesichts einer solchen Deutsch-Phobie im Ausland zu "Gelassenheit - und pragmatischem Realismus" (Hoffmann 2001: 3), was man mit weniger Wohlwollen als Opportunismus verstehen mag.
Die zentrale Lage Deutschlands in Europa - keine andere Sprachgemeinschaft ist von so vielen anderen Sprachgemeinschaften direkt umgeben wie die deutsche - ist ein weiterer, wenn auch auf den ersten Blick nicht zwangsläufiger Nachteil für die Lernattraktivität des Deutschen in den Nachbarländern. Darüber hinaus leben in vielen europäischen Ländern Deutschsprachige als mehr oder minder geschützte Minderheiten, weshlab das Deutsche sich mit vielen anderen Sprachsystemen und Ideologien in Kontakt bzw. in Konflikt befindet. Offensichtlich besteht die Neigung, solchen Konflikten auszuweichen.
Nicht von der Hand zu weisen ist bei alledem sicherlich der überaus hohe Schwierigkeitsgrad des Deutschen mit drei Genus, lernunfreundlichem Flexionssystem, Groß- und Kleinschreibung etc. Ein weiteres Problem, mit dem Deutschlerner konfrontiert werden, sind die vielen unterschiedlichen Ausprägungen mit zahlreichen Dialekten und selbst Unterschieden im Standarddeutsch; es sei nur an die z.T. gravierenden Unterschiede zwischen dem Norddeutschen, Bayerischen,
Österreichischen und dem Schweizerischen erinnert. Ein Beispiel: "Was die Franzosen mit dem Wort 'boucher' und Briten mit 'butcher' bezeichnen, ist auf Deutsch
11
'Schlächter', 'Schlachter', 'Metzger', 'Fleischer', 'Fleischhauer und 'Fleischhacker'. Oder: Was in Westdeutschland neudeutsch 'Aerobic' heißt, nennt man in Ostdeutschland 'Popgymnastik', der westdeutsche 'Revierpolizist ' kommt dem ostdeutschen 'Abschnittsbevollmächtigten' gleich." (Kainberger 2001: 1)
2.1 Sprache als Instrument der auswärtigen Politik
Die Möglichkeit, die eigene Sprache in Außenbeziehungen und im internationalen Verkehr benützen zu können, bringt :für einen Staat, :für seine Wirtschaft und seine Bevölkerung erhebliche Vorteile mit sich. Solche Vorteile sind:
bei Verträgen: Verbindlichkeit der Auslegung, Anwendung eigener vertrauter N Rechtsvorstellungen;
in Verhandlungen und Diskussionen: Vertraute Argumentationsstrukturen, N
Metaphern, präzise verbale Ausdrucksmög1ichkeit;
bei Ausschreibungen und Angeboten: Schnelle und direkte Reaktionsmöglichkeit N
ohne Zwischenschaltung von Übersetzern;
in Medien und Film: Durch Fallbeispiele aus dem eigenen Land, Wahl der N
Schauplätze, Wahl eigener Autoren oder Darsteller Vermittlung des Eindrucks der "universellen" Gültigkeit der eigenen Zivilisation und Tradition - wie heute in der angelsächsischen Medien- und Kulturproduktion ganz deutlich wird.
Dominanz in der Kulturproduktion führt wiederum zu beträchtlichen N ökonomischen Vorteilen;
kontinuierliche Anpassung der eigenen Sprache an den globalen Fortschritt N
(Ausbau und Modernität der eigenen Sprache);
Abbau von Bildungsschranken - und damit Klassenschranken - in der eigenen N
Gesellschaft durch die Möglichkeit, neue wissenschaftliche und technische Zusammenhänge sowie Informationen aus dem Ausland der eigenen Bevölkerung in ihrer Muttersprache vermitteln zu können. Dies verbreitert die soziale Basis für die Rezeption der Informationen. (Oebel 2000: 75)
Wegen dieser Vorteile hat "jede Sprachgemeinschaft ein gewissermaßen natürliches Interesse an einer möglichst starken internationalen Stellung der eigenen Sprache"
12
(Ammon 1991: 1). Von allen Sprachgemeinschaften oder Ländem,'die auf Grund ihrer Größe und ihres internationalen Gewichts dazu in der Lage sind, wird deshalb eine Politik der Förderung und Verbreitung der eigenen Sprache im Ausland betrieben. (Ammon 1991: 3).
Die Stärke der internationalen Stellung einer Sprache ist u.a. das Resultat einer Anzahl aktueller und geschichtlicher Einflussfaktoren - die Sprachverbreitungpolitik gehört dabei zu den besonders wirksamen Faktoren. In dieser Politik zeigen sich erhebliche Unterschiede in den Zielsetzungen und den Methoden der großen sprachverbreitenden Nationen Frankreich, Großbritannien, den USA einerseits und Deutschland andererseits.
2.2 Sprachverbreitungspolitik: Sprachpolitik nicht gleich Sprachenpolitik Bevor ich näher auf diesen Unterschied eingehe, noch die folgenden theoretischen Überlegungen:
Häufig werden die Termini "Sprachpolitik" und "Sprachenpolitik" nebeneinander verwendet, obwohl es zweckmäßig ist, diese Bezeichnungen jeweils bestimmten Aktivitäten zuzuordnen. Den Terminus "Sprachpolitik" reserviert man besser für Aktivitäten, die sich nach "innen", d.h. auf die eigene Sprache richten (z. B. Normierung, Reform, Ausbau). In der "Sprachenpolitik" dagegen, von manchen Autoren auch als "Sprachverbreitungspolitik" (engl.: "language spread policy", frz.: "politique de la diffusion de langue") bezeichnet, geht es um die Einflussnahme des Staates oder anderer gesellschaftlicher Machtgruppen auf die Stellung der eigenen Sprache im Kontext von bzw. in der Konkurrenz mit anderen Sprachen. Sie zielt in ihrer offensiven Ausrichtung auf die Verbreitung der eigenen Sprache und in ihrer defensiven Ausrichtung auf die Verhinderung ihrer Verdrängung. (vgl. auch Glück 1992~ Ammon 1991 ~ Kleinandam 1992; Phillipson 1994)
Nicht wenige kritische Intellektuelle, die jede Äußerung eines Nationalgefühls ablehnen, fragen: Warum sollen Staaten oder Sprachgemeinschaften überhaupt wünschen, dass sich ihr Idiom außerhalb des eigenen Sprachgebiets verbreitet, wenn nicht aus Nationalstolz oder gar nationalistischer überheblichkeit.
ZweIfellos liegt der Verbreitungsabsicht der eigenen Sprache auch so etwas WIe Nationalstolz zugrunde. Sprache ist unter anderem Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Großgruppe (Nation) und ihrer kulturellen Tradition.
13
Wenn diese Großgruppe oder Sprachgemeinschaft an den Wert ihrer Kultur und Zivilisation auch für andere Völker glaubt, liegt es nahe, für den Hauptträger dieser kulturellen Werte, die eigene Sprache, zu werben. Diese Werbung kann von einem behutsamen Anbieten bis zu einem "kulturmissionarischen" oder gar "kulturimperialistischen" Agi(ti)eren reichen. Außerdem kann diese Verbreitungspolitik offen oder eher verdeckt praktiziert werden.
Deutlich ist ein "kulturmissionarisches" Motiv in der Sprachverbreitungspolitik Frankreichs. Weil seine politische Klasse und die Eliten diese überzeugung nicht verhehlen, betreibt Frankreich seine Sprach- und Kulturverbreitungspolitik nicht nur mit massivem finanziellen Aufwand, sondern auch ganz offen. So schreibt der Abteilungsleiter im Pariser Außenministerium Jean-David Levitte: Fester Bestanteil der Außenpolitik Frankreichs sei es,
"Ideen, universelle Werte und seine Sprache in der ganzen Welt zu verbreiten ... Wir zielen (dabei) auf ein bestimmtes Publikum ab. Es geht uns nicht darum, jedem Französisch beizubringen, sondern es geht uns um die Entscheidungsträger. Wichtig ist, dass die Eliten .. , in der Lage sind, sich auf Französisch auszudrücken und Frankreich ... als Vorbild an(zu)sehen".
Diesen "kulturpolitischen Auftrag" Frankreichs "gewährleisten 12.000 Personen in 150 Ländern" und Finanzmittel von "fiinfMilliarden Franc jährlich".
Darüber hinaus diene die Sprach- und Kulturverbreitungspolitik Frankreichs aber auch dazu, "ein günstiges Umfeld für die französische Diplomatie zu schaffen und unternehmerischen Aktivitäten den Weg zu bereiten." (Levitte 1994: 1-4; vgl. ferner Kleinadam 1992).
In dieser letzten Äußerung klingt bereits an, dass es über den Nationalstolz hinaus ein weiteres und - eher noch wichtigeres - Motiv für die Verbreitung der eigenen Sprache gibt: Wirtschaftliche und auch machtpolitische Interessen.
Dieses Motiv tritt erkennbar in den Vordergrund, wenn man die britische und die USamerikanische Sprachverbreitungspolitik betrachtet. Sie richtet sich im Vergleich mit der französischen von vornherein und direkter auf die Durchsetzung der genannten Interessen. Und sie wird verdeckter als im Falle Frankreichs praktiziert.
14
Schon in der zu Ende gehenden kolonialen Epoche der SOer Jahre hieß es in vertraulichen britischen Regierungsberichten, dass man britische Interessen auch in der postkolonialen Zeit dadurch schützen müsse, dass man in die akademische Infrastruktur der bisherigen Kolonien investiert und Sprachverbreitung unter dem Dach des Commonwealth und dem Schutz der Vereinigten Staaten treibe. Englisch solle innerhalb einer Generation zur allgemeinen Zweitsprache in der Welt gemacht werden.
"Regierungs- und Privatstiftungen in der Zeit von 1950 bis 1970 große Summen aufgewendet, vielleicht die größten in der Geschichte, dieje für die Verbreitung einer Sprache ausgegeben wurden ( ... ) Die Verbreitung des Englischen wurde als Mittel zu politischem Einfluss gesehen, als eine Möglichkeit, über Rivalen zu siegen." (phillipson 1997: 47).
Großbritannien wendet dafür - vor allem über das British Council - erhebliche Finanzmittel auf. Die USA dagegen bedienen sich vorwiegend der Arbeit der internationalen Organisationen sowie von Stiftungen wie der Ford- und der Rockefeller Foundation und Freiwilligenorganisationen wie dem "Peace Corps".
Die rapide Ausbreitung des Englischen nach dem Zweiten Weltkrieg wird häufig als eine "natürliche Entwicklung", als ein "Selbstläufer" betrachtet. Es ist zwar richtig, dass diese Ausbreitung zu einem Teil auf der Attraktivität der weltweit verbreiteten Jugendkultur; der Dominanz bei Filrn- und Fernsehproduktionen - kurz: der Unterhaltungselektronik - und neuerdings des Computers und des Internets - beruht, wodurch diese Sprache ein Image der Modernität gewonnen hat. Es trifft auch bis zu einem gewissen Grad zu, dass die Verbreitung des Englischen "eine unvermeidliche Begleiterscheinung der amerikanischen wirtschaftlichen, militärischen und politischen Hegemonie war." Gleichwohl war und ist diese Entwicklung kein "Selbstläufer" , sondern vollzog und vollzieht sich auch "verschanzt hinter internationalen Organisationen ( ... ) und wurde nicht dem Zufall überlassen." (Phillipson 1997: 49).
Die stürmische Verbreitung des Englischen war auch das Ergebnis bewusster und zielgerichteter Sprachverbreitung. Als 1990 die kommunistischen Regime Osteuropas zusammenbrachen, bot sich den USA und Großbritannien die Möglichkeit, Englisch auch in einer Region zu verbreiten, in der es bisher hinter Deutsch noch zurücklag. Der britische Außenminister Douglas Hurd proklamierte damals das Ziel, alles zu tun, um Englisch auch in Osteuropa rasch zur führenden Fremdsprache zu machen. Und das British Council vermerkt stolz in seinem Jahresbericht 1991/92:
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"The Council responded with speed and imagination to the truly enormous demand ... for what Britain signifies to them: liberal democracy, the free market and above all, the English language."
Der dänische Linguist Rohert Phillipson, einer der besten Kenner der angelsächsischen Sprachenpolitik, knüpft an dieses Zitat die Frage:
"One wonders whether the German Foreign Minister considered making a comparable proclamation of German as the language of eastern European liberation and economic incorporation." (Phillipson 1994).
Angelsächsische Entwicklungspolitik für andere Länder zielte und zielt vor allem auf Verbreitung und Stellung seiner eigenen Sprache ab. Dabei wird Englisch meist ideologisiert, nämlich als eine anderen Sprachen überlegene Sprache, in der demokratische Werte, Menschenrechte und individuelle Freiheit transportiert werden. Weil die Sprachverbreitungsabsicht - anders als im Falle Frankreichs. - eher verdeckt bleibt, ist sie ein besonders wirksames Mittel zur Durchsetzung eigener politischer und wirtschaftlicher Interessen. Generell versteht es die angelsächsische Sprachenpolitik, nationale Interessen nicht als solche erscheinen zu lassen, sondern sie als übernationales, globales Interesse zu präsentieren. Robert Phillipson charakterisiert diese Sprachenpolitik drastisch als "Sprachimperialismus" (Phillipson 1990/1994/1997; vgl. ferner die "Annual Reports" des British Councils).
Die spezifisch auf politische und ökonomische Interessen ausgerichtete Sprachenpolitik Großbritanniens und der USA sowie die zusätzlich "kulturmissionarisch" akzentuierte Sprachenpolitik Frankreichs werden auch dadurch deutlich, dass sie nicht - wie die deutsche - auf alle Schichten der Bevölkerung zielt, sondern vorwiegend auf die großstädtischen Eliten. Also auf die Meinungs-, Funktions- und Machtträger von morgen sowie auf die Bediensteten des Wissenschafts- und Kulturbetriebs. Deshalb erscheint es der angelsächsischen und französischen Sprachenpolitik also durchaus hinnehmbar, dass bis heute in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern Deutsch an den Grund- und den Berufsfachschulen häufiger als Englisch gelernt wird und Französisch nur eine marginale Rolle spielt.
Diese kurzen Informationen zur französischen und englischen Sprachenpolitik habe ich vorausgeschickt, weil nicht wenige Kommentatoren und Multiplikatoren in Deutschland nur den Aspekt des ihnen unerwünschten Nationalstolzes sehen, aber offensichtlich die Wirksamkeit und Wichtigkeit des Instruments Sprache in der
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Prof. Dr. Guido Oebel, 2002, Die deutsche auswärtige Kultur- und Sprachpolitik und ihr Einfluss auf den DaF-Unterricht im Ausland , München, GRIN Verlag GmbH
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