1. Einleitung
Glaubt man einigen der in dieser Arbeit angeführten Autoren (u.a. Gelfert 2000) leben wir in einer Kitschgesellschaft. Wir schauen schnulzige TV-Serien, wie „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten“ oder die „Schwarzwaldklinik“, wir stellen uns Hummel-Figuren, Gartenzwerge oder Maneki Neko-Katzen in unsere Umgebung und wir lesen sentimentale Romane und Taschenbücher von der Tankstelle. Schnell könnte man zustimmen: ja, wir leben in einer Kitschgesellschaft. Doch wirft die Frage nach dem, was Kitsch eigentlich ist, einige Probleme auf. Diesen Problemen widmet sich die nachfolgende Arbeit. Dabei reiht sie sich nicht in die Tradition der zahlreich erschienen Arbeiten zum Thema ein und versucht rekursiv eine Eingrenzung des Begriffes anhand der vorzufindenden Gegenstände durchzuführen, sondern sie ist eine kritische und konstruktive Betrachtung des Untersuchungsfeldes.
Zunächst wird dazu versucht die Herkunft des Begriffs zu klären und weiterhin die Eckpunkte der Diskussion um Kitsch nachzuzeichnen. Anschließend widmet sich die Arbeit vor allem den Zusammenhängen und Abhängigkeiten, in welchen sich der Kitsch befindet. Diese Zusammenhänge und Abhängigkeiten werden an Hand von Beispielen charakterisiert und bilden Grundlage für den Versuch einer Definition. Auf Basis dieser Definition folgt die verbleibende Arbeit der Gegenwart und stellt sich die Frage, ob eine wissenschaftliche Diskussion über Kitsch und Kunst überhaupt noch nötig ist.
Die zur Thesenbildung herangezogene Literatur ist umfangreich und wird argumentativ gegenübergestellt. Starken Einfluss hatten dabei vor allem die Werke von Umberto Eco, Severin Zebhauser und Andreas Dörner sowie Ludgera Vogt. Trotz einigen inhaltlichen Übereinstimmungen mit deren Thesen, stellt die vorliegende Arbeit Anspruch auf eine eigene Argumentationsstruktur sowie eine individuelle Betrachtungsweise und Schlussfolgerung.
2. Etymologie und die Problematik der Definition - eine Diskussion
Ist von „Kitsch“ die Rede, schnellen augenblicklich Assoziationen in das menschliche Bewusstsein und das Wort wird vom Nutzer wie auch vom Empfänger als eindeutiger und ähnlich assoziierter Begriff hingenommen. Die Spannung, welche jedoch zwischen Wort und Begriff herrscht, wird auf der Suche nach einer
22
Definition deutlich. Denn hierbei trifft die Anzahl der Diskutanten auf die gleiche Anzahl an Vorstellungen über die Zuordnung und Anwendbarkeit des Begriffes. Der Versuch, über die Herkunft des Begriffes seine Definition abzuleiten, stößt alsbald auf ähnliche Probleme, da diese zum einen nicht sicher belegt ist und zum anderen wandelt sich der Gebrauch und Sinngehalt von Begriffen im historischen Sinne ähnlich wie die Lebensverhältnisse, Gewohnheiten oder Wertvorstellungen der Menschen. Dennoch lohnt es sich, einen Blick auf verschiedene etymologische Ansätze zu richten.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit entstand der Begriff „Kitsch“ in Süddeutschland in Münchener Kunstkreisen. Hier taucht er Ende des 19. Jahrhunderts erstmals auf und verbreitet sich schnell über Deutschland und später über dessen Grenzen hinaus(vgl. Zebhauser, S.4ff). München war zu dieser Zeit eine Art Zentrum des Gemäldehandels. Vor allem durch die Industrialisierung empor geklommene neureiche Amerikaner fanden in München ihre Anlaufstelle für den Kauf europäischer Kunst und bescherten dem Kunsthandel eine hohe Nachfrage, welche baldig durch die der industriellen Revolution zu verdankenden Reproduktionstechniken günstig gedeckt werden konnten (vgl. Zebhauser 2006, S.14ff). Lassen sich Zeit, Ort und Grund der Entstehung des Wortes nachzeichnen, ist die etymologische Abstammung unklar. Zum einen wird der Begriff mit dem mundartlichen „kitschen“, was im süddeutschen Sprachraum so viel wie Straßenschlamm zusammenkehren bedeutet, in Verbindung gebracht, wobei das Gekitschte oder Kitsch der geglättete Schlamm ist (vgl. Willkomm, S.17.f). Weiterhin besteht die Annahme, dass das Wort sich aus dem englischen Wort „sketch“ ableitet, was zu Deutsch Skizze bedeutet und in Anbetracht der vielen Englisch sprechenden Kunden nahe zu liegen scheint (vgl. Avenarius 1920, S.98). Dabei wird vermutet, dass Kunsthändler eher Skizzen kauften, da diese billiger und somit leichter und öfter zu verkaufen waren. Folglich wurden das Billigere und das öfter Verkaufte zum Kitsch. Demgegenüber hält Friedrich Kluge einen Wegfall des „s“ am Anfang eines Wortes in der Sprachbildung für sehr ungewöhnlich (vgl. 1975, S.372). Daher wirkt die Vermutung über die mundartliche Herkunft, welche sich im mecklenburgisch-umgangssprachlichen Verb „kitschen“ als jedwede Art der schnellen Fortbewegung manifestiert, neben der süddeutschen Variante wahrscheinlicher. Der Bezug bei der Abstammung aus dem mecklenburgi-
33
schen Sprachgebrauch besteht dabei zum Schnellgemachten, Oberflächlichen und Billigen (vgl. Zebhauser, S.6).
Eine Definition lässt sich zwar nicht aus der ungewissen Herkunft des Wortes ableiten, jedoch sind bereits in dieser Diskussion die Ansätze für eine Typologisierung der Auffassung von Kitsch nachweisbar. Folgt man dabei Ludgera Vogt, lassen sich produktions-/distributionsorientierte, objektorientierte und rezeptions-orientierte Argumentationsmuster in der Diskussion um die Charakterisierung von Kitsch nachweisen (vgl. Vogt 1994, S.363).
Begreift man Kitsch als ein massenhaft produziertes sowie umgesetztes Objekt, verstehen sich dahinter mehrere Annahmen, welche ein solches umschreiben. Zum einen herrscht die Auffassung, dass das Objekt nicht der Autonomie des Künstlers, sondern der Bedürfnisse einer erfolgreichen Vermarktung unterworfen sein muss (vgl. Zimmermann 1982, S.36). Anderseits wird einem massenhaft produzierten Gegenstand eine Einfachheit unterstellt, welche nicht mit der Komplexität von Kunst gleichgestellt werden kann. So spricht Pazaurek vom „Massen-schund“ als Gegensatz zur künstlerisch durchgeistigten Qualitätsarbeit (vgl. 1912, S.349).
Letztlich vermutet Umberto Eco, stecke hinter den distributionsorientierten Auffassungen eine Verachtung der Massen (vgl. 1994, S.39f), demnach eine Verachtung des Durchschnitts, welcher sich oftmals auch in der neuartigen Bezeichnung von Objekten als sogenannter „Mainstream“ wiederfindet. Die Verachtung gilt also nicht dem eigentlichen Objekt, sondern der großen durchschnittlichen Masse, von welcher es konsumiert wird. Daraus schlussfolgert Eco, dass allein massenhafte Herstellung und Kunst sich nicht gegenseitig ausschließen müssen (vgl. 1994, S44ff), da klassische Musik oder Literatur, wie die Werke Goethes, Schillers oder Beethovens, massenhaft produziert und konsumiert wurden und werden, ohne das Prädikat des Kitsches erhalten zu haben (vgl. Dörner; Vogt 1994, S.189). Gleichviel worauf also verschiedene distributive Argumente für Kitsch beruhen, lassen sie sich nicht auf alle massenhaft produzierten und konsumierten Objekte anwenden. Ergo können sie kein alleiniges Merkmal und folglich auch nicht Definitionsgrundlage für Kitsch sein.
Naheliegender als die Distribution ist das eigentliche Objekt als Maßstab für Kitsch. Während Hermann Broch den Effekt eines Objektes, welcher auf Grund seiner beschränkten schon zahlreich erprobten Wirkung in wiederholter Form auf
44
das Publikum zugeschnitten wird (vgl 1933, S.185), zum Merkmal erhebt, führt Walter Killy anhand einer scheinbar stilistisch homogenen Textmontage, bestehend aus sieben Sätzen von sieben Autoren, eine Analyse durch (vgl. 1961, S.240ff). Ergebnis dieser ist ein Katalog an Merkmalen, welche immanent für Kitsch seien. Er führt dabei ähnlich wie Broch auf, dass die Erzeugung von Reizen durch häufig verwendete Effekte typisch sei und dass dabei jedes Mittel, unter anderem auch die Auflösung von Gattungsgrenzen, der gewünschten Wirkung unterworfen wird. Die Illusion tritt als Wunschvorstellung an erste Stelle. Broch beschreibt diese dominante Norm des Empfindens als „das Böse im Wertesystem der Kunst“ und als „die Bösartigkeit einer allgemeinen Lebensheuchelei“ (Broch 1955, 295ff).
Dem setzt Umberto Eco ein kunsthistorisches Argument entgegen. Der Erzeugung von Effekten folgt nicht zwangsläufig der Ausstoß aus der Kunst. Beispiele hierfür sind die antike Musik und die Tragödie. Er unterscheidet dabei zwischen Kunst, als einer intendierenden und immer gesellschaftlich verflochtenen Schöpfung und der Kunstfertigkeit, welche nur homogene Perzeption zulässt und folglich keine immanenten Bildungsfunktionen besitzt. Demnach kann sich Kunst nicht auf Grund seiner implizierten intendierenden Eigenschaft selbst disqualifizieren, sondern es ist viel mehr die Absicht, welche hinter der Verwendung mancher Merkmale steckt, die ein Werk als Kunst oder als eine zweckgebundene Kunstfertigkeit erscheinen lässt (vgl. Eco 1994, S.62ff). Helmut Kreutzer kritisiert, dass Killy literarischen Kitsch mit Trivialliteratur gleichsetzt. Killys Merkmale Kumulation, Repetition, Synästhesie und Lyrisierung seien auch in der hohen Kunst des 19 und 20. Jahrhunderts vorzufinden, wobei sie in anderen Trivialliteraturfamilien, wie dem Wildwest-Roman gänzlich fehlen (Kreuzer 1967, S261ff). Kitsch stellt also aus objektsorientierten Gesichtspunkt solche Werke dar, welche an Hand von Merkmalen beschrieben werden, die ihnen zum einen nachgewiesen werden, zum anderen aber anhand der selbigen identifiziert werden. Ginge man also bei einem Vergleich von Äpfeln und Birnen ähnlich vor, würde man beide darauf untersuchen, welches die bessere Birne ist. Das Ergebnis wäre ähnlich eindeutig, wie das derjenigen die Kitsch nach objektsorientierten Kategorien betrachten. Killy hinterfragt seine ausgewählten Sätze nicht auf die Zuordnung zum Kitsch, sondern ordnet sie anhand der Merkmale, welche sie zwangsläufig selbst mit sich führen, dem Kitsch zu. Darü- 55
ber hinaus wird bei einem solchen Vergleich oftmals vergessen, überhaupt den Apfel auf seine Birnenqualität zu überprüfen, dass heißt auch die akzeptierte und als solche kanonisierte Kunst nach den Merkmalen des Kitsches zu untersuchen. Denn auch an sogenannte hohe Kunst sind Erwartungen geknüpft und Bedürfnisse müssen erfüllt werden. Es findet also kein Vergleich statt, sondern eine Identifikation nach den immanenten Merkmalen in den jeweils herangetragenen Kategorien. So wird Kunst auf seine impliziten Eigenschaften untersucht und Kitsch auf seine Wirkung und Effekte (vgl. Fetzer 1980, S.78f). Somit ist auch eine objektsorientierte Definition nachweislich unzureichend und fehlerbehaftet. Neben dem eigentlichen Objekt als Kriterium für Kitsch wird oftmals auch der Rezipient samt seiner Beziehung zum Objekt als Indikator für Kitsch herangezogen. Kitsch sei demnach das, was der primitive ungebildete Mensch konsumiere (vgl. Vogt 1994, S.365f). Killy leitet dies aus dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert ab. Der aufstrebende Kleinbürger kleidete sich nicht nur scheinbar herrschaftlich, sondern trachtete auch nach dem Genuss der Kunst, welcher bis Dato nur dem Adel vorbehalten war. Diese Kunst, so Killy, war jedoch nur eine Pseudokunst, welche lediglich die Kennzeichen der Kunst zu tragen schien. (vgl. Killy 1961, S250ff). Er folgert daraus: „So ist der Kitschkonsum eng mit der kleinbürgerlichen Halbbildung verbunden, die heute auch den größten Teil der sogenannten „Gebildeten“ und besitzenden Klassen ergriffen hat“ (Killy 1961, S.252). Kitsch ist also ein Produkt des sozialen Wandels und, glaubt man Killy, gleichwohl die Kunst des Halbgebildeten.
Ist für Killy noch der Gegenstand Hauptmerkmalsträger für Kitsch, löst sich Ludwig Giesz gänzlich vom diesm und führt als Größe den Kitschmenschen ein, der dadurch charakterisiert sei, dass er nicht nur genießt, sondern er ist von der eigenen Rührung gerührt. Giesz beschreibt diesen Zustand als Rührseligkeit, als die “Totalherrschaft des Gefühls im Seelenleben eines Menschen“ (Giesz 1960, S.238). Kitsch ist folglich der Auslöser für den Selbstgenuss eines unechten Gefühls durch den Kitschmenschen. Der Gegenstand an sich kann also beliebig sein, sodass Hans Ulrich Gumbrecht feststellt: „In seinen attraktiveren Versionen setzt der Kitsch-Begriff voraus, dass es um eine Haltung, eine Einstellung, einen sozialen Typus geht, eben um den "Kitsch-Menschen", und nicht um eine Unterscheidung zwischen Gegenständen, die "an sich" kitschig oder geschmackvoll wären. Niemand wird Dürers "Betenden Händen" oder all den Engelein, welche die
66
Arbeit zitieren:
David Jugel, 2009, Die kitschige Diskussion über Kitsch, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Wahrnehmung im Theater der Avantgarde. Analyse der Wahrnehmungskon...
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
David Jugel's Text Die kitschige Diskussion über Kitsch ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
David Jugel hat den Text Die kitschige Diskussion über Kitsch veröffentlicht
David Jugel hat einen neuen Text hochgeladen
A Zimmermann
Hochschule und Schule in der internationalen Diskussion
Chancen und Risiken neuer Entw...
Olga Graumann, Mikhail Pevzner, Margitta Rudolph, Irena Diel
WOLK 1: Der LASAREWSKI-REPORT zum Wolf in Rußland. Über die Vernichtu...
Die Wolfsansiedlung und ihr Pr...
Alexander Brückner, Walter Rathgeber, Wasilij Matwejewitsch Lasarewski, Narcisse Seppey, Domenico Laffi, Alexander Theodor von Middendorf, Jürg Steiner, F. I. Walewskij, Knut Bengelmann, Giordano Cayetano Brunelli, Valentino Bonvicini, Claus Taaks, Claus Gampe, Irina Mironova
0 Kommentare