Inhalt
Abk ürzungen 5
Einleitung 6
I. 9 Romeo und Julia auf dem Dorfe
1. Die Basis der Liebe in der Vergangenheit 9
2. Umstände der scheiternden Liebe 11
a) Gesellschaftliche Normen 11
b) Leidenschaft und Sexualität 13
3. Selbstmord als einziger Ausweg? 15
II. 19 Die drei gerechten Kammacher
1. Die Funktion der Liebe im Leben der drei Kammmacher 19
2. Objekt der Liebe: Züs Bünzlin 21
3. Das Hervorbrechen der Leidenschaft während des Wettlaufs 23
4. Funktionalisierte Liebe als Kritik an der privatwirtschaftlichen 24
Ordnung
III. 2 7 Die mißbrauchten Liebesbriefe
1. Viggi Störtelers Instrumentalisierung seiner Ehefrau Gritli 27
2. Der dreifache Missbrauch 29
3. Liebe aus Eigennutz: Viggi und Kätter 31
4. Läuterung und wahre Liebe: Wilhelm und Gritli 33
IV. 3 5 Dietegen
1. Die Basis der Liebe im Tod 35
2. Küngolts besitzergreifende Liebe 36
3. Der doppelte Sündenfall 38
3
4. Läuterung und Vereinigung 40
V. 4 3 Das verlorne Lachen
1. Utopie einer idealen Liebe in einer idealen Gesellschaft 43 2. Das Scheitern der Liebe in der Realität 44 3. Verirrung und Reifung 46 4. Liebe im Dienst der Gesellschaft 48
VI. Liebe in Seldwyla: Ein didaktisches Programm 50
1. Ursachen der scheiternden Liebe 50 2. Gelingende Liebe als Garant einer humanen Gesellschaft 52
S c h l u s s 5 3
L i t e r a t u r 5 4
4
Abkürzungen
D = Dietegen DU = Deutschunterricht GK = Die drei gerechten Kammacher GLL = German Life & Letters GQ = German Quarterly ML = Die mißbrauchten Liebesbriefe RuJ = Romeo und Julia auf dem Dorfe VL = Das verlorne Lachen VR I = Vorrede zum ersten Band WW = Wirkendes Wort ZdPh = Zeitschrift für deutsche Philologie
5
Einleitung
„Was ewig gleich bleiben muß, ist das Streben nach Humanität“ 1 - so formuliert Gottfried Keller in einem Brief an den befreundeten Literaturhistoriker Hermann Hettner eines seiner Hauptanliegen, das sich häufig in seiner Dichtung manifestiert. 2 So ist auch in seinem Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla die Kritik an der Unmenschlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft und der Appell für eine humane Neuorientierung präsent. Dabei spielt das höchste der menschlichen Gefühle, die Liebe, eine besondere Rolle, denn nur sie kann uns, wie unter anderem Kellers Lehrer Ludwig Feuerbach formulierte, zu wahren, vollständigen Menschen machen: „Du bist nur, wenn du liebst.“ 3
Im Folgenden soll gezeigt werden, inwiefern die bislang in der Forschungsliteratur fehlende systematische Untersuchung der scheiternden und gelingenden Liebesbeziehungen in den Novellen neue Perspektiven der Interpretation des Seldwyla-Zyklus eröffnet. Die Liebesbeziehungen der fünf analysierten Novellen unterscheiden sich alle voneinander und sind daher in besonderem Maße geeignet, verschiedene Aspekte der Liebe in Seldwyla zu beleuchten, um zu einem umfassenden Bild zu gelangen. Die Reihenfolge der Interpretationen richtet sich nach der Anordnung der Novellen innerhalb des Zyklus. Als Quelle wurde die von Bernd Neumann herausgegebene Reclam-Ausgabe verwendet. 4 Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der bekanntesten und von der Forschung am intensivsten untersuchten Novelle Kellers, Romeo und Julia auf dem Dorfe. Zunächst werden die Umstände der erwachenden Liebe zwischen Sali und Vrenchen thematisiert. Hier wird in erster Linie erörtert, ob sich die beiden Jugendlichen wirklich nur vorbedingungslos in das „Selbst“ ihres Gegenübers verlieben oder inwieweit das gemeinsam erlittene Schicksal der Verarmung ihrer Familien ihre Liebe bedingt. Im zweiten Teil wird gezeigt, was Sali und Vrenchen unter Glück verstehen und inwiefern sie in ihrem Denken von den gesellschaftlichen Wertvorstellungen geprägt sind. Das dritte Kapitel widmet sich der Bedeutung von
1 Gottfried Keller an Hermann Hettner (16.9.1850). In: Keller, Gottfried. Gesammelte Briefe in vier Bänden. Band 1. Hg. Carl Helbling. Bern 1950, 329.
2 Vgl. Freund, Winfried. „Novelle.“ In: Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit. 1848-1890. Hg. Edward McInnes und Gerhard Plumpe. München 1996, 462-527, 466.
3 Feuerbach, Ludwig. Gesammelte Werke. Band 1. Frühe Schriften, Kritiken und Reflexionen. (1828-1834). Berlin 1981, 216.
4 Keller, Gottfried. Die Leute von Seldwyla. Hg. Bernd Neumann. Stuttgart 1993.
6
Leidenschaft und Sexualität in der Beziehung der Jugendlichen. Abschließend wird diskutiert, ob ihr Selbstmord tatsächlich den einzigen Ausweg darstellt und was dafür verantwortlich ist, dass die Jugendlichen keine andere Perspektive sehen. Im zweiten Teil der Arbeit wird auf die Novelle Die drei gerechten Kammacher eingegangen. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage nach der Funktion der Liebe im Leben der Kammmachergesellen. Hierbei ist von besonderem Interesse, inwiefern ihre Besessenheit von Kapital und Erfolg ihr Gefühlsleben beeinflusst. Im zweiten Teil wird die von den Gesellen umworbene Züs Bünzlin charakterisiert und gezeigt, inwieweit sie aufgrund ihrer Einstellung zu Geld und Besitz als Seelenverwandte ihrer Freier gesehen werden kann. Nachdem im dritten Kapitel näher auf die Bedeutung des Wettlaufs als Höhe- und Wendepunkt der Novelle eingegangen wird, wird im Schlusskapitel diskutiert, inwiefern die Schilderung der Liebe im Leben der Kammmacher als Kapitalismuskritik verstanden werden kann. Der dritte Teil der Arbeit untersucht die Liebe in der Novelle Die mißbrauchten Liebesbriefe. Im ersten Kapitel wird Viggis Fehlverhalten gegenüber seiner Frau Gritli erörtert und gezeigt, inwiefern er sie durch seine Lieblosigkeit in den Missbrauch, der im zweiten Teil genauer analysiert wird, treibt. In den letzten beiden Kapiteln werden die Liebesbeziehungen von Viggi und Kätter und von Wilhelm und Gritli kontrastiv gegenüber gestellt, um zu zeigen, welche Aspekte eine gelingende Liebe von einer scheiternden Liebe unterscheiden.
Die vierte zu untersuchende Novelle ist mit Dietegen die von der Forschung am wenigsten beachtete Erzählung des Zyklus. Im ersten Teil der Ausführungen werden die besonderen Umstände der erwachenden Liebe zwischen Küngolt und Dietegen geschildert. Bereits dort deutet sich die Herrschsucht des Mädchens, die im zweiten Kapitel thematisiert wird, an. Nachdem im dritten Kapitel auf die Verfehlungen und Entfremdung des Paares eingegangen wird, wird abschließend ihr Reifungsprozess als Basis der schlussendlich gelingenden Liebe erörtert. Im fünften Teil der Arbeit wird die letzte und längste Erzählung des Zyklus, Das verlorne Lachen, analysiert. Hierbei ist von besonderem Interesse, dass diese Novelle erstmals mit der Schilderung einer idealen Liebesbeziehung einsetzt, die dann nach der Hochzeit zu scheitern droht. Die gelingenden und scheiternden Phasen der Liebe werden im zweiten und dritten Kapitel der Interpretation einander gegenüber gestellt. Erst nach beidseitigen Verirrungen und Reifungsprozessen, die im dritten Teil der Ausführungen thematisiert werden, finden Jukundus und Justine wieder zueinander
7
um dann, wie das vierte Kapitel zeigt, mit ihrer gelingende Liebe und Ehe einen Dienst für eine menschlichere Gesellschaft zu leisten. Im letzten Teil der Arbeit werden zunächst nochmals zusammenfassend die Ursachen der scheiternden Liebesbeziehungen erörtert, um im Anschluss aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen eine Beziehung Bestand haben kann und inwiefern gelingende Liebe für Keller als Grundstein einer humanen Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist.
8
Romeo und Julia auf dem Dorfe I.
1. Die Basis der Liebe in der Vergangenheit
Bereits der Titel der Erzählung verweist auf Shakespeares Tragödie Romeo and Juliet (1595) und legt damit die Einordnung der Novelle in die Motivtradition von Liebe und Tod der Kinder verfeindeter Elternhäuser nahe. 5 Keller nimmt eine aktuelle Zeitungsmeldung zum Anlass, um diese Fabel wieder aufzugreifen 6 und Shakespeares Romeo und Julia in die dörfliche Welt des 19. Jahrhunderts zu versetzen.
Wie in Shakespeares Drama ist auch die Liebesgeschichte Salis und Vrenchens eng mit der „Verfallsgeschichte der Väter“ 7 verknüpft, 8 was bereits im Moment des Erwachens der Liebe zwischen den Jugendlichen deutlich wird: Sali und Vrenchen, die, bis aus ihren Vätern Manz und Marti im Streit um einen Acker aus wohlhabenden Freunden finanziell ruinierte Feinde wurden, eng befreundet waren, begegnen sich nach einigen Jahren wieder und werden sich sofort ihrer gegenseitigen Liebe bewusst. Dies geschieht exakt in dem Moment, als der Konflikt zwischen ihren Vätern in einem Zweikampf auf einer Brücke seinen Höhepunkt erreicht: In dem Bemühen der Jugendlichen, die kämpfenden Männer voneinander zu trennen, „erhellte ein Wolkenriss [...] das nahe Gesicht des Mädchens, und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und schöner gewordene Gesicht“ (RuJ, 91). Dieses blitzartige Wiedererkennen ruft die Wiederbelebung der bereits in der Kindheit vorhandenen gegenseitigen Anziehung hervor, die, wie die Äußerungen der Jugendlichen zeigen, auch während der Zeit der Trennung nicht verloren ging. 9
5 Zum Motiv des herkunftsbedingten Liebeskonflikts vgl. Frenzel, Elisabeth. Motive der Weltliteratur. Stuttgart 1999, 465-483. Zum Romeo-und-Julia-Stoff vgl. Frenzel, Elisabeth. Stoffe der Weltliteratur. Stuttgart 1998, 689-692.
6 Vgl. Metz, Klaus-Dieter. Literaturwissen. Gottfried Keller. Stuttgart 1995, 40.
7 Koebner, Thomas. „Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Die Recherche nach den Ursachen eines Liebestods.“ In: Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Band 2. Stuttgart 1990, 203-234, 212.
8 Vgl. Melzer Helmut. „Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe.“ In: Deutsche Novellen von Goethe bis Walser. Interpretationen für den Deutschunterricht. Band 1: Von Goethe bis C.F. Meyer. Hg. Jakob Lehmann. Königstein 1980, 255-269, 257.
9 So erinnert sich der heranwachsende Sali immer wenn die Familie Marti erwähnt wird „unwillkürlich nur an die Tochter, [...] deren Andenken ihm gar nicht verhasst war“ (RuJ, 82). Nach ihrem Wiedersehen gesteht er Vrenchen dass sie ihm „ohne dass [er, R.B.] wollte oder wusste [...] doch immer im Sinn gelegen“ (RuJ, 100) habe und dass er immer fühlte, dass er sich irgendwann in sie verlieben würde müssen (vgl. RuJ, 100). Vrenchen bestätigt diese Gefühl für die eigene Person (vgl. RuJ, 100).
9
Nachdem Sali und Vrenchen sich verabschiedet haben, werden die Empfindungen Salis geschildert, der nach der Begegnung „weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit noch Elend“ (RuJ, 91f.) bemerkt, sich „so reich und wohlgeborgen wie ein Königssohn“ (RuJ, 92) fühlt und ununterbrochen an die Ursache dieser Gefühle denken muss. Daher begibt er sich am Nachmittag des dem Wiedersehen folgenden Tages zu seinem Heimatdorf, das ihm jetzt wie „ein himmlisches Jerusalem [...] mit zwölf glänzenden Pforten“ (RuJ, 93) erscheint. Er begegnet Vreni in ihrem völlig heruntergekommenen Elternhaus. In einem kurzen Gespräch äußert das Mädchen, dass ihrer Meinung nach der Streit der Väter zwischen Sali und ihr stehe und es zwischen ihnen nicht gut ausgehen werde. Sali hingegen vertritt die Ansicht, sie könnten „das Elend [vielleicht] nur gut machen, wenn [...] [sie, R.B.] zusammenhalten und [...] [sich, R.B.] recht lieb sind“ (RuJ, 96). Salis Äußerungen nach wäre die Liebe zwischen den Sprösslingen der verfeindeten Familien (auch) als Wiedergutmachung für das begangene Unrecht der Väter zu verstehen: „Die Schuld der Väter treibt die Kinder in die Liebe“. 10 Wenn Sali im Verlauf der Erzählung äußert, dass Armut und Elend seine Liebe zu Vrenchen „stärker und schmerzhafter [machen], so dass es um Leben und Tod geht“ (RuJ, 108), wird nochmals deutlich, dass die Ursachen für die Intensität seines Gefühls auch außerhalb von Vrenchens Person liegen. Die Annahme, dass Sali und Vrenchen sich nicht nur um ihrer selbst willen lieben, wird auch dadurch gestützt, dass sie in sich „zugleich das verschwundene Glück des Hauses“ (RuJ, 132) sehen: Beide teilen das gleiche Schicksal. In ihrer Kindheit hatten sie „die Ehre ihres Hauses gesehen [...] und erinnerten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie gewesen und daß ihre Väter ausgesehen wie andere Männer, geachtet und sicher“ (RuJ, 132). Als sie sich nun nach Jahren der Trennung wieder begegnen, verlieben sie sich nicht nur vorbedingungslos in die Person des Gegenübers, sondern auch in die in ihr enthaltene Erinnerung an ein vergangenes glückliches Leben, in ein Bild der Vergangenheit. 11 So lässt sich erklären, dass ihre Empfindungen füreinander sofort so intensiv sind, ohne doch das Gegenüber wirklich zu kennen: Vrenchen sind die Gedanken Salis unbekannter als der türkische Kaiser und Sali äußert, dass ihm Vrenchens Sinn weniger bekannt sei als der Papst (vgl. RuJ, 102), so dass sie zu dem Schluss kommen, sich „weniger [zu, R.B] kennen als wenn [sie sich, R.B.] nie gesehen hätten“ (RuJ, 102f.). Auch das während ihres Treffens auf dem Acker wieder
10 Richter, Hans. Gottfried Kellers frühe Novellen. Berlin 1966, 124.
11 Vgl. Richter (1966), 126.
10
aufgegriffene Zähnezählen ihrer Kindheitstage deutet darauf hin, dass ihre Beziehung den Versuch darstellt, vergangenen Zeiten wieder lebendig zu machen. Die Basis der Liebe zwischen Sali und Vrenchen scheint eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu liegen.
2. Umstände der scheiternden Liebe
Neben dem Titel der Erzählung finden sich auch im Text wiederholt Hinweise auf die scheiternde Liebe und den tragischen Schluss. 12 Im Folgenden soll dargestellt werden, unter welchen sozialen und individuellen Umständen die Liebesbeziehung zwischen Sali und Vrenchen, die letztendlich im Selbstmord endet, misslingt.
a) Gesellschaftliche Normen
Vrenchen und Sali haben den bürgerlichen Moralkodex und das Wertsystem der Gesellschaft ihrer Zeit vollständig internalisiert: Sittlichkeit, Moral, Tugend und Ehrenhaftigkeit sind die primären Maßstäbe ihres Handelns. 13 Ihre Kindheit haben sie in Elternhäusern verbracht, die zumindest an der Fassade diesen Werten entsprachen. Die Scheinheiligkeit des Ehrbegriffs ihrer Väter, die gleich zu Beginn der Novelle in der mutwilligen Unterschlagung des Eigentums des schwarzen Geigers deutlich wird, musste den Kindern verborgen bleiben. Möglicherweise ist die Unbedingtheit, mit der die Jugendlichen an den gesellschaftlichen Werten festhalten, und die Absolutheit, die diesen in ihrem Denken zukommt, gerade damit zu erklären, dass sie den Zerfall der Ehre ihrer Familien miterleben mussten. In dem „unehrenhaften“ Zustand, in dem sie jahrelang zu leben gezwungen waren, konnten diese Werte ihnen den Halt vermitteln, den ihnen ihre Familie nicht mehr geben konnte, und es ihnen ermöglichen, sich von dem Verfall ihrer Elternhäuser abzugrenzen und integere Persönlichkeiten zu bleiben. Allerdings geht mit dieser Absolutsetzung des gesellschaftlichen Wertsystems die Unfähigkeit einher, dieses hinterfragen und auf die Brauchbarkeit für das eigene Leben hin prüfen zu können. Dies wird insbesondere nach dem Angriff Salis auf Vrenchens gewalttätigen Vater,
12 Beispiele: „Ich glaube, das Elend macht meine Liebe zu dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben und Tod geht“ (RuJ, 108); „Es wäre das beste, wir beide könnten sterben!“ (RuJ, 110); „Denn diese armen Leutchen mußten an diesem einen Tag, der ihnen vergönnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen als das leidenschaftliche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres Lebens.“ (RuJ, 122)
13 Vgl. Melzer (1980), 259.
11
der „halb um Angst um Vrenchen, halb im Jähzorn“ (RuJ, 104) geschieht, deutlich. Marti wird durch die ihm von Salis zugefügten Verletzungen seines Verstandes beraubt, was den Liebenden in ihrer Sicht der Dinge endgültig die Möglichkeit verwehrt, ihre Liebe zu leben. Für Vrenchen ist eine Beziehung zu Sali nun unmöglich geworden, „auch wenn alles andere nicht wäre“, da „dies immer ein schlechter Grundstein [...] [ihrer, R.B.] Ehe sein [würde]“ (RuJ, 108). Beide glauben, „in der bürgerlichen Welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissensfreien Ehe glücklich sein zu können“ (RuJ, 132). Dieses Gefühl wird als „die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in ihren Häusern geglüht hatte“ (RuJ, 132), bezeichnet. Vrenchen und Sali stehen daher ihrem eigenen Glück im Weg, indem sie die Norm, dass eine Liebesbeziehung mit einem Menschen, der dem eigenen Vater beziehungsweise dem Vater der Geliebten etwas zuleide getan hat, nicht eingegangen werden darf, über ihr persönliches Wollen erheben. Die Unnatürlichkeit dieses Vorgangs wird vor allem daran deutlich, dass die Tat nichts an den Gefühlen ändert, die das Mädchen für Sali empfindet, sie ihn nun also nicht verachtet oder nicht mehr lieben kann. Auch spielt das Unglück des Vaters im Denken Vrenchens keine Rolle mehr, nachdem er ins Irrenhaus eingeliefert wurde. Taucht der Vater im weiteren Verlauf der Erzählung auf, dann nur als Hinderungsgrund eines gemeinsamen Lebens. Aufgrund ihrer unkritischen Übernahme der bürgerlichen Wertvorstellungen geben Sali und Vrenchen ihre gemeinsame Zukunft und die Aussicht auf ein glückliches Leben jedoch auf. Das bürgerliche Dasein ist das für sie einzig denkbare, doch das bleibt ihnen verwehrt. Wie sich die beiden ein ideales Leben vorstellen wird unter anderem in Vrenchens Lügengeschichte deutlich, die sie ihrer Nachbarin kurz vor dem endgültigen Verlassen ihres Elternhauses erzählt. Sie entwirft hier das Bild eines geordneten, bürgerlichen Lebens: Sali habe beim Lottospiel ein Vermögen gewonnen, das es ihnen ermögliche, zu heiraten und in eine Haus in der Stadt zu ziehen, wo Vrenchen sich ein Leben als „wohlhabende Stadtfrau“ (RuJ, 116) ausmalt. Die Vorstellung, ein ehrbares Brautpaar zu sein, dem ein Platz in der Gesellschaft zukommt, ist vor allem für Vrenchen essentiell. In dem ersten Wirtshaus, in dem Sali und Vrenchen auf ihrem Weg zur Kirchweih einkehren und wo eine Atmosphäre bürgerlicher Ordnung und Rechtschaffenheit herrscht, ist davon die Rede, dass das Mädchen „[sich] wenigstens auf Stunden [...] an einem stattlichen Ort zu Hause träumen“ (RuJ, 120) möchte. In dem zweiten Gasthaus sitzen die beiden „lang und gemächlich am Tische, wie wenn sie zögerten und sich scheuten,
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