1. Einleitung
„Kulturindustrie sublimiert nicht, sondern unterdrückt.“ - Lakonisch, nüchtern, sachlich könnte man diese elementare Feststellung beschreiben, deren ganzes Ausmaß so in ihrer Form wirklichkeitsfremd scheint. Doch wenn man will, stellt dieses kurze Zitat aus dem Kapitel „Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug“ des Buches „Dialektik der Aufklärung“ eine der bedeutsamsten Schlussfolgerungen Theodor W. Adornos dar: die Rolle der Kulturindustrie an sich.
Ausgehend von diesem Standpunkt soll primär die Wirkung der Kulturindustrie auf die Gesellschaft als ganzes betrachtet werden. So soll der Versuch gewagt werden, die Kulturindustrie nach Adorno näher zu präzisieren, deren Funktionsweisen sichtbar zu machen und den allgemeinen Charakter der „Riesenmaschinerie“ aufzudecken und immer wieder ein spezieller Fokus auf den Rezipienten bzw. Konsumenten gesetzt werden. Nur durch die Wirkung der Kulturindustrie auf den Einzelnen, können im Folgenden dann die Aspekte Macht, Herrschaft und Ideologie im Zusammenhang mit der Kulturindustrie gesehen werden. Die schon angesprochene Unterdrückung des Einzelnen wird hier die wesentliche Brücke zwischen Individuum und Gesellschaft schlagen und so im Kontext eingebettet Macht und Herrschaft aus der Sichtweise Adornos erläutert.
Abschließend wird insbesondere die „Rolle der Herrschenden“ herausgegriffen werden: Ein in der Fachliteratur wenig beachteter Aspekt ist die Rolle der Herrschenden in der Kulturindustrie. Schnell abgestempelt durch die eindeutig in der Tradition Marx folgenden Sichtweise der „Herrschaft der Großindustriellen“ soll ihr Einfluss, ihre Funktion und Position differenziert betrachtet werden. Gerade die Fragen „Findet ein Machterhalt der Herrschenden durch die Kulturindustrie statt?“ oder „Unterliegen die Herrschenden nicht auch der Kulturindustrie?“ werden hier als Richtungsweiser dienen.
Insgesamt soll somit ein konsistentes Bild der Kulturindustrie geschaffen werden, ausgehend von den allgemeinen Mechanismen, die dann mit der Wirkung auf den Einzelnen verdeutlich werden sollen. Dies ist wiederum nötig, um den gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsaspekt fundiert bewerten und schlussendlich Schlussfolgerungen über die Herrschenden ziehen zu können.
Im Großen und Ganzen soll sich die Arbeit sehr nah am tatsächlichen Text halten, um ein so unverfälschtes Bild der Kulturindustrie liefern zu können, wie es nur möglich ist. Somit sollen die vielen Zitate einen Einblick in das Denken Adornos geben damit so seine Argumentation besser verstehen werden kann. Gerade die kurzen Zusammenfassungen nach jedem Punkt gleichsam wie das Fazit sollen dann etwas mehr reflektiert sein und dadurch die Argumentation etwas kritischer beleuchten.
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2. Funktionsweisen der Kulturindustrie - Versuch einer Definition
Einer genauen Definition von Kulturindustrie entzieht sich Adorno vollkommen und gerade deshalb ist es auch nicht leicht für diesen nebulösen Begriff eine klare Abgrenzung herauszuarbeiten. Im Folgenden wird ein Zugang zu einer möglichen Definition im Wesentlichen anhand der Beschreibung von Eigenschaften der Kulturindustrie laufen. Der erste Gesichtspunkt der Kulturindustrie ist ihr Charakter der Unterwerfung: Das Individuum soll ihr vollends gehorchen. Adorno formuliert dies in einem Widerspruch: „Die städtebaulichen Projekte aber, die in hygienischen Kleinwohnungen das Individuum als gleichsam selbstständiges perpetuieren sollen, unterwerfen es seinem Widerpart, der totalen Kapitalmacht, nur um so gründlicher. 1 Hinter dieser Kapitalmacht stehe die Kulturindustrie in ihrer vollen Größe. Dies wird auch durch die „unendliche“ Reichweite der Kulturindustrie an einem anderen Beispiel verdeutlicht: „Die Talente gehören dem Betrieb, längst ehe er sie präsentiert.“ 2 Subsumiert bedeutet dies, dass durch die Unterwerfung des Individuums die Freiheit und Selbstständigkeit des Einzelnen relativiert werde. Hinzu kommt, dass diese Unterwerfung durch die unendliche Reichweite der Kulturindustrie nur umso mehr bestärkt wird. Sie wisse schon lange vor dem Menschen Bescheid, was mit ihm passieren werde.
Diese Wissens-Asymmetrie führt weiter zum nächsten Aspekt, der diesem eigentlich immanent ist: die Abhängigkeit des Menschen von der Kulturindustrie und der somit vorgeheuchelten „Pseudoindividualität“ 3 .
Anhand des folgenden Punktes kann dies noch mehr verdeutlicht werden: Die Kulturindustrie unterwerfe nicht nur das Individuum, sondern manipuliere den Menschen viel mehr in einer subtilen Art und Weise, die das Unterwerfen fast obsolet erscheinen lässt. Dadurch, dass die Bedürfnisse der Menschen durch die Kulturindustrie so manipuliert würden, dass sie rückwirkend deren benötigen, was ihnen nur die Kulturindustrie liefern könnte, sind sie von ihr abhängig wie der Drogenabhängige von der Droge. Pointiert formuliert er, dass „das Amusementbedürfnis weithin von der Industrie hervorgebracht [wurde]“ 4 und somit der „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ 5 den Konsumenten als Objekt versklavt. Dem kritischen Leser wird jetzt aber auffallen, dass gezielt des Wort „Konsument“ und nicht allgemein Mensch gebraucht wurde: Jetzt könnte man schlussfolgern, dass doch nicht alle Menschen der Kulturindustrie „zum Opfer fallen“. Dem entgegnet Adorno mit dem „Level-Verhalten“. „Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann [...]“ 6 . Somit kann man sinnvollerweise den Menschen allgemein mit dem Konsumenten gleichsetzen. Folglich wird
1 Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 2008. S.128
2 Ebd. S.130
3 Ebd. S.164
4 Ebd. S.152
5 Ebd. S.129
6 Ebd. S.131
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erneut dem Konsument eine Auswahl, eine Chance zur Selbstverwirklichung vorgetäuscht, die er in Wahrheit gar nicht nutzen kann.
Dadurch, dass die „Kultur heute alles mit Ähnlichkeit [schlägt]“ 7 und „die Maschine auf der gleichen Stelle [rotiert]“ 8 finde eine „Reproduktion des Immergleich“ 9 statt. Nur so könne die Kulturindustrie als „Riesenmaschinerie“ den Markt bedienen und die selbst generierten Bedürfnisse der Konsumenten stillen. Dies zeigt den fatalen Charakter der Kulturindustrie, den Adorno mit eigenen Worten als autoritär bezeichnet 10 : Auf diese Weise werde die Unterwerfung und Manipulation nur noch verfestigt, da das System immer gleich „tickt“ und es so keine Möglichkeit für Abweichler gäbe. Bestärkt wird die ganze Problematik durch die „Filterfunktion“ der Kulturindustrie. Sie bestimme, was gesehen wird und alles was man sieht, werde durch ihren Filter gesehen. 11 Dies trägt nicht nur zur Kontrolle der Konsumenten bei, sondern viel mehr auch zur Selbsterhaltung des Systems als Ganzes.
All dies beeinflusst den Menschen existentiell: „Jede Spur von Spontaneität des Publikums im Rahmen des offiziellen Rundfunks [...] wird gesteuert und absorbiert.“ 12 Viel mehr soll „der Zuschauer [...] keiner eigenen Gedanken [mehr] bedürfen“ 13 und so als kritikloses Wesen leben. Zusätzlich soll „[...] ihm kein Augenblick die Ahnung von der Möglichkeit des Widerstands geben [werden].“ 14
Der janusköpfige Charakter der Kulturindustrie kann aber noch weiter an diesem Punkt verdeutlicht werden: „[Der Herrscher] sagt: Es steht dir frei, nicht zu denken wie ich, dein Leben, deine Güter, alles soll dir bleiben, aber von diesem Tag an bist du ein Fremdling unter uns.“ 15 So wird dem Untertanen zynisch die Möglichkeit des „Abweichens“ präsentiert, ebenso wie ihm Freiheit und Selbstständigkeit dargeboten wurde, aber im selben Satz noch wird unterschwellig die Drohung und das Verbot ausgesprochen. Es findet keine physische Strafmaßnahme mehr statt, sondern „nur“ noch eine psychische, die viel tiefer in den Kern des Individuums vordringt.
„Mit der Flucht aus dem Alltag, welche die gesamte Kulturindustrie in allen ihren Zweigen zu besorgen verspricht [...]“ 16 , bietet sie die ideale Möglichkeit alle genannten negativen Aspekte zu negieren und lavieren. Die Ohnmacht des Individuums in seiner Rolle als Konsument, der Betrug am Menschen an sich, den die Kulturindustrie Tag für Tag begehe, kann nur durch diese Verschleierung und Manipulation ausgeglichen werden.
7 Horkheimer/Adorno 2008, S.128
8 Ebd. S.142
9 Ebd. S.142
10 Vgl. Ebd. S.129
11 Vgl. Ebd. S.134
12 Ebd. S.130
13 Ebd. S.145
14 Ebd. S.150
15 Ebd. S.141
16 Ebd. S.150
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Arbeit zitieren:
stud. rer. pol Maximilian Ott, 2009, Ideologie, Macht und Herrschaft in der Kulturindustrie, München, GRIN Verlag GmbH
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