1. Einleitung
Im Jahre 1905 kam es im damaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, zu einem der größten Eingeborenenaufstände der Kolonialgeschichte. In seinen Konsequenzen und vor allem in der Brutalität der deutschen Gegenmaßnahmen war diese sogenannte Maji-Maji-Erhebung weit bemerkenswerter als zum Beispiel der vieldiskutierte Herero- und Hottentot-tenaufstand in Deutsch-Südwestafrika. Dennoch ist dieses Ereignis „im historischen Bewusstsein der Deutschen so gut wie nicht existent.“ 1
Dabei liegt in diesem Fall eine durchaus außergewöhnliche Quellenlage sowie ein zufrieden stellender Forschungsstand vor: Auf deutscher Seite stehen sämtliche Akten der Kolonialverwaltung, unzählige Presseartikel und gar ein (höchst zweifelhaftes) Buch des damaligen Gouverneurs der Kolonie, Graf von Götzen, zur Verfügung. Zudem kann auf ein „Oral History“-Projekt der Universität Dar-es-Salaam zurückgegriffen werden, das auch die Sichtweise der Aufständischen und betroffenen Zivilisten dokumentiert. So präsentiert sich dem Historiker ein ungewöhnlich vielschichtiges, differenziertes Bild der Ereignisse, das bereits Grundlage für mehrere Monographien gewesen ist. Auf die Werke von Karl-Martin-Seeberg und Joseph F. Safari soll im folgenden besonderer Bezug genommen werden. Die vorliegende Arbeit wird dabei, vor allem auch in Anbetracht ihrer Kürze, lediglich den Versuch unternehmen, die wesentlichen Ursachen, Voraussetzungen und Konsequenzen des Aufstandes sowie seine Bedeutung für moderne Ansätze der Kolonialgeschichte kurz zusammenzustellen und zu reflektieren, ohne weitergehende Forschung zu betreiben.
2. Kurze Geschichte Deutsch-Ostafrikas:
Die Ostküste Afrikas im Gebiet des heutigen Tansanias sah sich bereits vor Ankunft der Deutschen mit Fremdherrschaft konfrontiert. Früh fielen vor allem die Küstengebiete unter die Herrschaft arabischer Sultane und Kaufleute, die dort unter anderem einen lebhaften Skla-venhandel betrieben und sich bis in das 19. Jahrhundert behaupten konnten. Einen Kolonialisierungsversuch Portugals ab 1498 konnten sie durch einen militärischen Sieg 1740 endgültig abwehren. 2
In deutschen Besitz gelangte das Gebiet erst zwischen 1885 und 1899, als vor allem der Kaufmann Carl Peters so genannte „Protektionsverträge“ mit einheimischen Herrschern ab- 1 RainerTetzlaff, Koloniale Entwicklung und Ausbeutung. Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutsch-Ostafrikas 1885-1914, Berlin 1970, S. 220.
2 Joseph F. Safari, Grundlagen und Auswirkungen des Maji-Maji-Aufstandes von 1905. Kulturgeschichtliche Betrachtungen zu einer Heilserwartungslehre in Tansania, Köln 1972, S. 46f.
2
schloss. 3 Seine „Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“ erhielt 1885 einen kaiserlichen Schutzbrief und im folgenden Jahr eine Finanzgarantie vom Reich. Da es ihm und seiner Gesellschaft jedoch nie gelang, das Gebiet auch nur ansatzweise zu befrieden, musste er das Deutsche Reich um Militärhilfe bitten. Nach der Niederschlagung des so genannten „Küsten-aufstandes“ 1888-1890 wurde das Schutzgebiet am 1. Januar 1891 offiziell zur deutschen Kronkolonie erklärt und eine Reichsverwaltung installiert. 4 Im Vergleich zu den übrigen deutschen Schutzgebieten war das 995.000 qkm große Gebiet mit 7,7 Millionen Einwohnern ausgesprochen bevölkerungsreich und wurde mit 5336 Weißen zur zweitgrößten Siedlungskolonie. Trotz der Ausfuhr von Kautschuk und Baumwolle sollte die neue Kronkolonie bis zur Abtretung an England ein riesiges Zuschussgeschäft bleiben und insgesamt 122 Millionen Mark an Reichszuschüssen verschlingen. Zudem gelang auch den deutschen Regierungstruppen erst 1898 die völlige „Pazifizierung“, die jedoch nur etwas mehr als sechs Jahre Bestand haben sollte.
3. Der Maji-Maji-Aufstand:
1905 nämlich wurden die deutschen Kolonialherren von einem breit angelegten Eingebore-nenaufstand im Süden des Schutzgebietes überrascht, der „ ... von der heutigen Afrikaforschung wegen seines ’mysteriösen’ Charakters nur sehr mühsam verstanden ... werden kann.“ 5 und daher eine eingehende Untersuchung seiner kultisch-religiösen Voraussetzungen in der Bevölkerung erfordert:
3.1 Die Maji-Ideologie:
Bei allen Stämmen im südlichen Tansania spielt der „Schlangengott“-Kult eine wichtige Rolle. Man glaubt an den Gott Koleo 6 (auch: Bokero 7 ), der nach alten Bantu-Mythen in den Stromschnellen des Rufiji-Flusses lebt und über das Medium Hongo in Kontakt zu den Menschen tritt. Der Hongo steht in ähnlichem Verhältnis zu Koleo wie Jesus zu Gott und befällt ein menschliches Medium, das daraufhin „Lilungu“ - magische Kräfte - besitzt. 8
3 Karl-Martin Seeberg, Wir gehören alle zu einem Volk. Maji-Maji als Einigungsideologie und sein Prophet Kinjiktile, in Journal Geschichte 5 / 1989, S. 36 - 45, S. 36.
4 Karl-Martin Seeberg, Der Maji-Maji-Krieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Historische Ursprünge nationaler Identität in Tansania, Berlin 1989, S. 53f.
5 Tetzlaff, Koloniale Entwicklung, S. 212.
6 Safari, Grundlagen, S. 58.
7 Seeberg, Volk, S.40.
8 Ebd.
3
Als von einem solchen Hongo besessen galt um 1904 Kinjiktile aus dem Dorf Ngarambe im Matumbiland, der um diese Zeit begann, prophetische Reden zu halten und zum Kampf gegen die weißen Kolonialherren aufzurufen. 9 Dabei verbreitete er eine „geradezu revolutionäre“ 10 Lehre, die im wesentlichen drei Punkte umfaßte: Zum einen kündigte Kinjiktile die Rückkehr der Ahnen zur Unterstützung im Kampf an. Dabei machte er sich geschickt den „ausgeprägten Ahnenkult“ der meisten Bantuvölker zunutze. 11 Die Ahnen waren so etwas wie „ ... die kleinen Götter der Familie ...“ 12 und wurden als wichtige Unterstützung im Kampf gesehen.
Zum anderen rief der Prophet die einzelnen Stämme auf, „ ... keinen Krieg (mehr) gegenein-ander zu führen. Wir müssen uns verteidigen ... Koleo hat mich beauftragt, euch zur Freiheit zu führen unter der Bedingung, dass wir einig sind.“ 13 Zum Freiheitskampf habe er zudem das Maji, eine „neue Medizin“, von Koleo erhalten, die „Schutz vor den europäischen Waffen“ 14 versprach.
So entwickelte Kinjiktile unter Verwendung unter verschiedenem Namen weit verbreiteter mythischer Elemente eine neuartige „revolutionäre Ideologie“ 15 , mit der es ihm gelang, zum ersten Mal viele Stämme in einer „ ... neuen, dynamischen Synthese, die ... Einheit, Schutz und Führerschaft versprach ...“ 16 zu einen. So konnte er mit dem Maji „traditionelle Stammeskulte und religiös-chiliastische Vorstellungen für eine antikoloniale Widerstandsbewegung mobilisieren.“ 17 Auch bei der Verbreitung seiner Widerstandsbotschaft und eigentlichen Kriegsvorbereitung griff er auf traditionell afrikanische Elemente zurück: Man verbreitete die Ideologie durch eine „Flüsterkampagne“, die Njiwiywila, und verwendete dabei eine Geheimsprache. 18 So gelang es, die Stämme des Südens für die gemeinsame Sache zu motivieren, auch wenn diese (wie die militärisch starken Ngoni) zum Teil gar nicht an die Wirksamkeit des Maji glaubten, sondern es lediglich als Ideologie ansahen. 19
Schließlich kam es zu einem einzigartigen Aufstand, bei dem „... erstmals in der Geschichte Ostafrikas zahlreiche Völker gemeinsam - und zwar nicht nur Soldaten, sondern die gesamte
9 Ebd.
10 Ebd., S. 42.
11 Safari, Grundlagen, S. 30.
12 Ebd., S. 31.
13 Ebd., S. 60.
14 Seeberg, Volk, S. 44.
15 Tetzlaff, Koloniale Entwicklung, S. 216.
16 Seeberg, Volk, S.42.
17 Tetzlaff, Koloniale Entwicklung, S. 216.
18 Seeberg, Volk, S. 43.
19 Ebd.
4
Arbeit zitieren:
Oberstudienrat Thorven Lucht, 1995, Der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika 1905-1908, München, GRIN Verlag GmbH
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