Die Abbildungen auf der Titelseite:
Oben rechts: Die St. Bonifatiuskirche im Jahre 1939 nach der Neugestaltung der Wand hinter dem Hauptaltar. Mitte links: Die St. Bonifatiuskirche auf einer Postkarte aus dem Jahre 1941 Unten rechts: Fronleichnamprozession im Jahre 1954
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Vorwort
Am 4. Februar des Jahres 1969 gab der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg im „Amtlichen Anzeiger“ bekannt, dass eine Straße auf der Elbinsel Wilhelmsburg den Namen „Krieterstraße“ erhalten habe.
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Die Straße liegt im damaligen Neubaugebiet zwischen der Neuenfelder Straße und der Thielenstraße im Bahnhofsviertel
Charakters, unendlicher Menschengüte und unermüdlicher Hingabe an sein hohes Amt, dessen edle Herzensbildung jeden in seinen Bann zog, der ihm als Priester wie als Mensch näher treten durfte. Die Erinnerung an ihn wird uns allen teuer sein.“
1 Amtlicher Anzeiger, Teil II des Hamburger Gesetz- und Verordnungsblattes; herausgegeben vom Senat der
Freien und Hansestadt Hamburg, Staatliche Pressestelle, Nr. 26, Donnerstag, den 6. Februar 1969
2 Brief des Dr. jur. Walter Dudek vom 27. 2. 1963 an Pfarrer Großstück von der Kirchengemeinde
St. Bonifatius; aufbewahrt in der Chronik der Kirchengemeinde St. Bonifatius, Hbg.-Wilhelmsburg.
Dr. Dudek war von 1924 bis 1933 Oberbürgermeister von Harburg - Wilhelmsburg. Von 1946 bis 1953
war er Senator der Finanzen der Freien und Hansestadt Hamburg.
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Damit der vorbildliche Geistliche und verdienstvolle Staatsbürger, Karl-Andreas Krieter, nicht in Vergessenheit gerät, habe ich mir seit Jahren das Ziel gesetzt, sein Leben und Wirken zu beschreiben.
Karl-Andreas Krieter wurde im Jahre 1890 geboren. Er starb im Jahre 1963. Von 1923 bis 1934 wirkte Karl-Andreas Krieter in Harburg-Wilstorf als Pastor der katholischen Kirchengemeinde St. Franz-Josef. Dieser Abschnitt seines Lebens ist bereits beschrieben und veröffentlicht. 3 Vom Oktober 1934 bis zum August des Jahres 1961 war Karl-Andreas Krieter Pfarrer der St. Bonifatius-Gemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg. Während der 27 Jahre, die er in dieser Gemeinde tätig war, erlebte er die Diktatur Adolf Hitlers, den Beginn und das Ende des 2. Weltkrieges und danach die Anfangsjahre der Bundesrepublik Deutschland. Die Menschen in der katholischen Kirchengemeinde St. Bonifatius, die persönliche Erinnerungen an Karl-Andreas Krieter haben, werden von Jahr zu Jahr weniger. Deswegen hatte ich mich schon im Jahre 2003 entschlossen, meine Recherchen zum zweiten Teil der Biografie des Pfarrers Krieter mit der Befragung von Zeitzeugen zu beginnen. 4 Diese Recherchen nahmen im Laufe von sechs Jahren einen so großen Umfang an, dass es sich lohnt, sie gesondert zu veröffentlichen. Die Berichte von 35 Zeitzeugen beleuchten das Leben in der Kirchengemeinde St. Bonifatius und vor allem auch die Person des Pfarrers Krieter aus den verschiedensten Blickwinkeln. Für das Bemühen des Biografen sind sie äußerst hilfreich. Dem interessierten Normalleser bieten sie eine lebendig-bunte Folge von Bildern und Eindrücken, die in dieser Art einmalig und sehr unterhaltend sind. Ulrich Krieter im November 2009
3 Krieter, Ulrich, Karl-Andreas Krieter - Pastor der katholischen Kirchengemeinde St. Franz-Josef in
Harburg-Wilstorf. Sein Leben und Wirken im Rahmen der Geschichte Deutschlands und
Harburg-Wilhelmsburgs in den Jahren 1923 bis 1934 ,
Grin-Verlag für Akademische Texte, 2008, ISBN 978-3-638-95144-9
4 Der zweite Teil der Biografie des Pfarrers und Dechanten, Karl-Andreas Krieter, ist in Kürze zur
Veröffentlichung bereit.
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Die Zeitzeugen:
Adamczyk, Irmtraud,................................................................................................................. 6 Bergmann, Renate................................................................................................................... 14 Chowanietz,Walter .................................................................................................................. 30 Czys, Jürgen und Werner........................................................................................................ 45 Diedrich, Rudi, ........................................................................................................................ 57 Ernst, Joachim......................................................................................................................... 61 Fittkau, Uwe ............................................................................................................................ 79 Greschek,Werner..................................................................................................................... 89 Gross, Gerhard ........................................................................................................................ 92 Hölsken, Herbert, .................................................................................................................... 96 Herbert Hölsken, ................................................................................................................... 111 Herbert Hölsken, ................................................................................................................... 112 Jonek, Werner ....................................................................................................................... 117 Kinne, Bernhard,................................................................................................................... 130 Kränkel, Christa .................................................................................................................... 139 Kuhnigk, Monika................................................................................................................... 150 Lisiewicz, Albin...................................................................................................................... 159 Matzat, Gertrud und Grytka, Johannes................................................................................ 181 Matuszczak , Ewald und Elke ............................................................................................... 192 Mlotek, Hilde ......................................................................................................................... 199 Müller, Marianne .................................................................................................................. 213 Nowacki , Erna ...................................................................................................................... 221 Pachowiak , Karla ................................................................................................................. 233 Schwalfenberg, Margret........................................................................................................ 247 Stryakowski, Anton................................................................................................................ 258 Swoboda, „Jonny“ und Martha Swoboda ............................................................................ 265 Walczak , Peter ...................................................................................................................... 282 Wantoch, Waldemar von....................................................................................................... 286 Weichler, Manfred................................................................................................................. 291 Wellner, Karl-Heinz .............................................................................................................. 304 Wesolowski, Gerhard............................................................................................................. 322 Wollersen, Hedwig................................................................................................................. 326 Die Auswahl der Zeitzeugen erhebt keinerlei Anspruch auf irgendwelche Vollständigkeit. Sie kam bei meiner Suche nach historischen Quellen zur Anfertigung einer Biografie des Pfarrers Karl-Andreas Krieter, im Laufe der Zeit und weitgehend zufällig zustande. Sie resultierte
a) aus meiner persönlichen Bekanntschaft mit einigen Gemeindemitgliedern,
b) aus Hinweisen auf weitere Zeitzeugen, die ich durch meine Gesprächspartner erhielt,
c) aus literarischen Quellen, die mir in die Hände fielen und
d) - vor allem - aus der dankenswerten Bereitschaft der befragten Zeitzeugen, Zeit für ein Gespräch aufzubringen oder mir zu schreiben. Ulrich Krieter im November 2009
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Adamczyk, Irmtraud, geborene Demus
geboren im Dezember 1924
wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Hamburg-Harburg Gespräch vom 20. 1. 2004
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A.: = Frau Adamczyk Kt. = Ulrich Krieter
Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.
Kt.: Am Anfang bin ich immer wenig vornehm. Ich frage nach dem Geburtsjahr. A.: (lacht) Das ist überhaupt kein Problem. Ich bin im Dezember 1924 geboren, in Römerstadt, in der ehemaligen Tschechoslowakei. Kt.: Sind Sie von dort aus nach Wilhelmsburg gekommen?
A.: Nein, nein, ich bin erst ... mein Bruder war (während der letzten Kriegsjahre) in der Luftfahrtsforschungsanstalt (in Braunschweig tätig), weil er Ingenieur war, und hat da gearbeitet. Er war von der Luftwaffe wegkommandiert worden, weil er bei irgendeinem Gerät - von einem abgestürzten englischen Flugzeugeine Verbesserung gemacht hatte. Seine Adresse in Braunschweig war unsere einzige Anschrift in Deutschland. Ich kam im November 1945 dahin. Vorher war ich zusammen mit meiner Freundin unterwegs auf einem Lastwagen, der mit Fahrrädern und Lebensmitteln beladen war. Die Tschechen haben uns alles weggenommen und uns über die Grenze geschafft. Dann habe ich bei Braunschweig meinen Bruder wieder getroffen. Danach habe ich bis 1948 in der Landwirtschaft auf dem Feld arbeiten müssen. 1948, im März, kam ich zur Vorstellung nach Hamburg, zum Herrn Dechant (Krieter). Mit meiner Anstellung als Lehrerin hat es geklappt.
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Der Dechant hat mit der Schulbehörde verhandelt, und dann bin ich zum 1. April 1948 eingestellt worden. Als ich mich vorgestellt habe, sagte der Dechant: „Und wissen Sie auch, dass das Ideal für eine katholische Lehrerin die Ehelosigkeit ist?“ Ich weiß nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe. Als ich mich dann später mit meinem Mann (der ebenfalls Lehrer an der Bonifatiusschule war) angefreundet habe, haben wir beiden uns nur abends - in der Dunkelheit - getroffen.
Wir sind an der Trasse der Reichsstraße, die damals im Bau war, spazieren gegangen. Der Dechant sollte zunächst nichts von uns erfahren. Aber irgendwie hat der Dechant es dann aber doch erfahren. Er hat dann wohl Rektor Nolte angesprochen: „ Ich glaube, da bahnt sich etwas an.“ Herr Nolte fand das aber wohl ganz gut und hat nichts zu uns gesagt.
Unser Kollegium, das war ein ganz altes Kollegium, wie Sie es auf dem Bild ja gesehen haben.
Es gab mehrere alte Kolleginnen, die nach dem Lehrerinnenideal der alten Zeit wirklich unverheiratet geblieben waren. Und da waren wir drei Jüngeren: Frl. Matzen, die kam aus Heide, Frl. Redepenning und ich. Wir drei mussten dann natürlich irgendwie untergebracht werden. Also da, das muss ich sagen, hat sich der Herr Dechant rührend um uns gekümmert. In der „Alten Schule“, ganz oben, unterm Dach, waren ein großer Raum und zwei Seitenzimmer. Dort wurden Frl. Matzen und ich untergebracht. Und Maria Redepenning hat irgendwo anders in diesem Haus einen Raum gekriegt. Unseren großen Raum konnte man nur schlecht beheizen. Es gab nur einen alten Ofen. Es war kalt, und dann konnten wir ins Pfarrhaus gehen und konnten uns Torf holen. Also da hat der Dechant
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schon sehr gut für uns gesorgt. Also wirklich, so uneigennützig! Er ist selbst zu uns heraufgestiegen und hat sich angeschaut, ob das alles gut ging. Ich habe dann auch von irgendwoher eine Matratze gekriegt, und der Dechant hat für einen Tisch gesorgt. Den hat er über Herrn Ciuda, der in Wilhelmsburg eine Tischlerei hatte, angeschafft. Also der Dechant hat sich rührend um uns gekümmert! Das muss ich sagen! Und so habe ich ihn eigentlich in Erinnerung, so selbstlos und für sich selbst so bescheiden. Also, das sind meine Eindrücke bis heute. Später hatte ich ja mit ihm nicht mehr viel zu tun, höchstens durch den Religionsunterricht, wenn er in die Schule kam. Das wurde dann aber anders, als die Kapläne kamen und die Kapläne den Unterricht in der Schule übernahmen. Ansonsten war ja immer der Rektor, Herr Nolte, derjenige, der mit Herrn Dechant alles verhandelt hat.
Kt.: Noch einmal zu der „Alten Schule“! Ganz unten war in dem Haus nach 1945 das Pfarrbüro.
A.: Ja, rechts unten, wenn man hineinkam, rechts!
Kt: Da wohnte und arbeitete die Pfarrsekretärin, Frau Spiegel. Zu der haben Sie wenig Kontakt gehabt?
A.: Im Gegenteil, viel Kontakt hatten wir! Wir haben damals doch noch unser Gehalt unten bei ihr abgeholt. Und Frau Spiegel! Also, was die immer so vom Herrn Dechant erzählt hat! Also „Herr Dechant, Herr Dechant, Herr Dechant!“, das waren ihre ständigen Worte. Sagen Sie `mal, lebt die Frau Spiegel noch?
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Kt: Das ist unwahrscheinlich. Ich weiß gar nicht, wo sie geblieben ist. Ich weiß nur, dass Frau Spiegel 1961 in den Ruhestand gegangen ist, im selben Jahr wie Dechant Krieter.
A.: Später war es so, dass wir unser Gehalt überwiesen bekamen, auf unser Postscheckkonto. Aber davor haben alle Lehrkräfte ihr Gehalt bei Frau Spiegel abgeholt. Das hat gut geklappt.
Über dem Pfarrbüro wohnte in der „Alten Schule“ die Familie Nolte, gegenüber Dr. Heimann vom Krankenhaus „Groß-Sand“. Über Noltes haben zuerst zwei Nonnen gewohnt und, als die weg waren, wohnten da Frau Kraushaar und ihre Schwester. 1952 haben wir (Herr Johannes Adamczyk und Frau Adamczyk) geheiratet. Da haben wir die Wohnung über der Wohnung des Dr. Heimann bekommen. Dass der Hans und ich diese Wohnung gekriegt haben, dazu muss ich sagen, das haben wir auch dem Herrn Dechant und Herrn Nolte zu verdanken. Der Dr. Heimann hätte es nämlich gern gesehen, wenn die Wohnung an einen Arzt des Krankenhauses vergeben worden wäre.
Kt: War Herr Nolte eigentlich schon Rektor, als Sie an der Bonifatiusschule mit ihrer Tätigkeit als Lehrerin begonnen haben?
A.: Nein, da war noch Herr Rohde als Rektor da - ein Jahr lang oder etwas länger. Ganz genau weiß ich nicht, wann Herr
Nolte gekommen ist. Kt: Herr Nolte wurde von Dechant Krieter aus Hamburg geholt ...
A.: Ja, als Herr Nolte da war, hat der Dechant sich selbst nicht mehr so viel um die Schule kümmern müssen. Er hat immer mit Herrn Nolte verhandelt. Und ich glaube, Herr Nolte hat alles im Sinne vom Herrn Dechant gemacht. Damit war Herr Dechant sicher zufrieden, denn Herr Nolte hat ja sehr viel erreicht. Da ging es doch damals um die Lehrergehälter, um die 80 oder 90 Prozent (die von der Schulbehörde Hamburgs bezahlt werden sollten). Herr Nolte war damals der Vorsitzende des (katholischen) Lehrerverbandes und hat sehr viel verhandelt. Ich glaube, da war der Dechant dem Herrn Nolte dankbar, dass der ihm das alles abgenommen hat. Aber die Wiedereröffnung der Katholischen Schule (nach der nationalsozialistischen Zeit), das war ein Verdienst vom Herrn Dechant! Dass die Katholische Schule vor dem Krieg
schon bestanden hatte, das habe ich von meiner Kollegin, Frau Kraushaar, erfahren,
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(die schon vor dem Krieg Lehrerin an der Bonifatiusschule gewesen war). Kt.: Kam der Dechant zum Religionsunterricht in die Schule? A.: Am Anfang ja, später haben die Kapläne den Religionsunterricht gegeben. Kt.: Ich habe im Jahre 1952 selbst die Bonifatiusschule besucht. Was mich damals sehr gestört hat, war, dass die Schüler gemeinschaftlich zum Beichten in die Kirche geführt wurden, während der Schulzeit! Das fand ich schrecklich! A.: Ja, aber wissen Sie, da war Herr Dechant noch von der ganz alten Schule! Und auch die Lehrer noch! Da standen ja Frau Kraushaar und die anderen älteren Kolleginnen und Kollegen hundertprozentig dahinter! Aber das glaube ich, dass Sie das gestört hat.
Kt: War die Schulmesse eigentlich eine „Zwangsschulmesse“? A.: Na, „Zwangsschulmesse“ würde ich das nicht nennen! Wir haben zweimal pro Woche eine Schulmesse gehabt. Und wir Lehrkräfte haben immer am Tag vorher auf die Schulmesse aufmerksam gemacht. Die Schulmesse fand immer um viertel nach sieben (Uhr) - vor dem Unterricht - statt, und das war schon ein bisschen früh! Von der Kirche sind wir (Lehrkräfte und die Schulkinder) dann gleich in die Schule gegangen. Der Besuch der Schulmesse war natürlich auch für die Lehrkräfte verpflichtend, denn man kann den Besuch der Schulmesse ja nicht von den Schülern verlangen, wenn man selbst nicht da ist. Ich selbst habe nicht nachgezählt, wer (aus meiner Schulklasse) zur Schulmesse gekommen ist. Es sollen aber einige Lehrkräfte ihre Schüler gezählt haben. Einige Lehrkräfte sollen auch abgefragt haben, wer sonntags in der Messe gewesen war und wer nicht hingegangen war.
Kt.: Ist der Dechant eigentlich bei Feiern des Lehrerkollegiums anwesend gewesen?
A.: Er hat `mal schnell reingeguckt. Wir haben damals mit Herrn Nolte vom Kollegium aus zum Beispiel Fasching gefeiert. Da hat der Dechant `mal reingeguckt und ist dann aber bald wieder gegangen. Er ist nie lange geblieben, aber immerhin, er ist da gewesen, doch, doch! Kt.: Die Fronleichnamsprozessionen wurden sicher auch von der Schule vorbereitet und getragen.
A.: Ja, eigentlich ja! Damals waren die Feierlichkeiten nicht nur auf dem Schulhof. Wir sind noch über die Straße gegangen! Da war noch das alte zerstörte Gemeindehaus da, in dem der (Hausmeister) Herr Czys mit seiner Familie wohnte. Dahin sind wir mit der Prozession hingezogen, über die Straße! Während der Prozession war auch Polizei da, die den Verkehr absperrte. Seit wann wir die Fronleichnamfeier in der Gemeinde nur noch auf dem Schulhof gefeiert haben, weiß ich nicht. Eine genaue Jahreszahl kann ich Ihnen (in diesem Zusammenhang) nicht sagen. Aber wie die Altäre vorbereitet wurden, und wie mein Mann geholfen hat beim Altaraufbau auf dem Schulhof, daran erinnere ich mich genau, z.B. wie das Zelt (über dem Altar) entworfen wurde und wie das Kreuz aussah. Das weiß ich noch ganz genau.
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Kt.: Wie war in der älteren Zeit die Sitzordnung der Kinder und der erwachsenen Gläubigen während des Gottesdienstes?
A.: Na ja, damals hatten wir ja noch getrennte Schulklassen. Die Klasse, die Sie selbst in der Bonifatiusschule besucht haben, war ja auch noch eine reine Jungenklasse! Aber es gab auch schon eine gemischte Klasse, die hatte Frl. Redepenning. In der Kirche waren die Schüler auch getrennt! Die Mädchen saßen links, und die Jungen saßen rechts. Also das war schon so. Kt.: Gab es bei den Erwachsenen auch eine Trennung? A.: Das glaube ich nicht. Aber komischerweise setze ich mich (heute) in der Kirche auch immer links hin. (Frau A. lacht) Das steckt wohl so drin! Kt.: Glauben Sie, dass die Organisation des Gottesdienstes durch den Dechanten und seine Pädagogik insgesamt etwas „vom alten Stil“ waren? A.: Das glaube ich! Aber wissen Sie, er war für mich so ein natürlich frommer Mann. Also mich hat das nicht gestört! Kt.: War Dechant Krieter ein besonders guter Redner? A.: Also, ich hatte an seinen Predigten nichts auszusetzen, wenn ich jetzt so überlege. Er erschien mir da auch „menschlich“. Natürlich war er vielleicht ein bisschen „orthodox“ oder - wie man das heute nennen will - starr in seinen Ansichten. Aber das ist aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Er war ja auch nicht mehr so jung! (Dechant Krieter wurde im Jahre 1890 geboren.) Aber man hat bei ihm immer die „menschliche Seite“ gespürt. Auch - glaube ich - wenn er mit Eltern oder Müttern gesprochen hat, merkte man, dass er immer hilfsbereit war, selbstlos!
Kt.: Ein guter Sänger- beim Gottesdienst- war er wohl auch nicht. A.: Das war er sicher nicht. Wissen Sie, er war ja überhaupt ein stiller Mann. Pathos lag ihm nicht, auch beim Predigen nicht! Aber das ist ja viel besser, natürlich und menschlich zu sein.
Kt.: Wissen Sie, ob der Dechant viel zu Besuch in die Familien gegangen ist? A.: Wenn Erstkommunion war oder so etwas, dann hat er wohl Besuche in den Familien gemacht, das kann ich mir gut vorstellen; aber immer nur kurze Zeit, denn sonst wäre er ja überhaupt nicht überall hingekommen. Kt.: Hat der Dechant Sie getraut? A.: Ja! In der Krankenhauskapelle! Kt.: Gab es da vorher „Brautunterricht“ durch ihn ?
A.: Daran erinnere ich mich nicht! Aber da fällt mir eine Sache ein, bei der er mir sehr geholfen hat. Ich musste doch die „Missio“ machen, weil ich an der Schule ja auch Religionsunterricht zu erteilen hatte. (Das Erlangen der „Missio“ ist eine Ausbildung mit anschließender Prüfung. Sie vermittelt die kirchliche Erlaubnis, katholischen Religionsunterricht erteilen zu dürfen.) Da hat er mir sehr geholfen. Das war zeitlich eine hohe Belastung für mich, neben meiner Unterrichtsarbeit auch noch so oft nach Hamburg zur Ausbildung fahren zu müssen. (Die Ausbildung fand durch Jesuitenpatres statt, die in Hamburg -Schlump - ihren Sitz hatten.) Außerdem kam ich mit dem Dozenten nicht gut aus, was bestimmt nicht meine Schuld war. Mein Mann, der Hans, hat das `mal
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dem Dechant erzählt. Da hat der Dechant gesagt: „ Schluss! Aus! Sie kommen zu mir! Sie werden bei mir die Ausbildung machen, und Sie kriegen dann von mir die „Missio“!“
Also das hat mir sehr geholfen. Ja, ein sehr „menschliches“ Verhalten, das war wohl typisch. So habe ich ihn in Erinnerung, immer hilfsbereit. Kt.: Können Sie noch etwas zu den Vereinen in der Gemeinde sagen? A.: Ich glaube, das Vereinsleben hat er sehr unterstützt. Da gab es doch den Verein, bei dem Frau Kraushaar Vorsitzende war. Kt.: Den Elisabethverein?
A.. Ja, ich glaube, so hieß der. Aber da war ich zu jung, um da Mitglied zu sein. Wenn die Zusammenkünfte der Frauen des Elisabethvereins stattfanden, war der Dechant immer dabei! Das weiß ich von Frau Kraushaar. Und bei Kolping (Gesellenverein) hat er sich auch oft sehen lassen, obwohl da später die Kapläne den Vorsitz übernommen haben. Kt.: Was wissen Sie vom Kirchenchor?
A.: Zuerst hat der Lehrer Dormeier den Kirchenchor geleitet. Der Herr Dormeier spielte auch die Orgel, und später hatte Herr (Lehrer) Proksch die Leitung des Kirchenchores.
Kt.: Gab es eigentlich zu Ihrer Zeit noch einen polnischen Verein? A.: Nein, aber 1948, als ich nach Wilhelmsburg gekommen bin, da gab es noch die polnische Messe. Da wurde polnisch gesungen. Die Messe fand immer sonntags vor der Kindermesse statt, um 8 Uhr.
Kt.: Es gab noch 1952 einen polnischen Geistlichen, der in der Messe polnisch predigte. Das weiß ich, weil ich bei ihm oft Messdiener war. Damals waren auch die Schüler der Bonifatiusschule - am Namen konnte man das sehen - fast alle noch polnischer Abstammung. A.: Ja, natürlich, das war so.
Kt.: Später hat es dann viele Spanier gegeben. Die hatten auch ihre eigene Messe und einen eigenen Geistlichen. Der spanische Geistliche, Euquerio Bragado, hat einige Zeit lang im Pfarrhaus gewohnt und ist dort verpflegt worden.
Kt.: Wissen Sie etwas über die Anfänge des Wilhelmsburger Krankenhauses „Groß-Sand“ ?
A. Ich weiß nur, dass mein Mann die Urkunde geschrieben hat, die bei der Grundsteinlegung eingemauert worden ist. (Die Grundsteinlegung erfolgte am 11. Mai 1949) Und bei der Eröffnung des Krankenhauses haben wir gesungen, meine Schüler und ich. (Die Einweihungsfeier fand am 15. Januar 1950 statt.)
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Bergmann, Renate, geborene Deinert
geboren 1939
wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Toppenstedt Gespräch am 28. 11. 2006
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B.: = Frau Bergmann Kt. = Ulrich Krieter
Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.
Kt. Zu Beginn des Gespräches frage ich immer nach dem Geburtsjahr. B.: Ich bin 1939 in Wilhelmsburg geboren. Kt.: Hatten Sie Geschwister?
B.: Meine Eltern hatten 5 Kinder. Neben mir waren da noch mein ältester Bruder Dieter (1935), mein zweiter Bruder Georg (1937), meine jüngere Schwester Eva-Maria (1944) und noch ein Bruder Michael (1950). Kt.: Wo haben Ihre Eltern gewohnt?
B.: Bonifatiusstraße 18, das war in der Mitte der Bonifatiusstraße. Kt.: Wie hießen denn Ihre Eltern und wann sind die geboren? B.: Meine Mutter, Johanna Deinert, geborene Krosse, ist 1909 geboren. Sie ist von Oberhausen nach Wilhelmsburg gekommen. Mein Vater, Paul Deinert, ist 1908 geboren. Er ist zusammen mit seinem Bruder Willi - eigentlich hieß der Valentin - so um 1918 / 1919 - aus Schlesien nach Wilhelmsburg gekommen. Mein Vater hatte 6 Brüder. Früher hieß die Familie meines Vaters Dej. Sie haben den Familiennamen auf Deinert umändern lassen. Sie lebten als Kinder in Schlesien auf einem kleinen Bauernhof. Mein Onkel Willi ist dann als Erster von dort weggegangen, weil er gehört hatte, dass man in Wilhelmsburg Arbeit finden könne. Da war ja die Wollkämmerei, und auch im Hamburger und Harburger Hafen gab es Arbeit. Onkel Willi hat dann aber Arbeit in der Mühle der Firma Georg Plange gefunden. Seitdem spielte die Firma Plange im Leben der Deinerts eine ganz große Rolle. Mein Onkel ist in dieser Firma Obermüller geworden und hat bis zu seiner Pensionierung dort gearbeitet. Der Onkel Willi hat es möglich gemacht, dass die anderen Geschwister aus Schlesien (Deinert / Geschwister des Vaters) und aus Oberhausen (Krosse / Geschwister der Mutter) ebenfalls nach Wilhelmsburg kommen konnten.
Onkel Willi hat in den Jahren 1928 bis 1930 das Haus in der Bonifatiusstraße gebaut, in dem unsere Familie gewohnt hat. Er und mein Vater haben zwei Schwestern geheiratet. Onkel Willi hat die ältere Schwester, Maria, geheiratet, und mein Vater die jüngere Schwester, Johanna. Es war ein großes Haus mit zwei Stockwerken. Damals wurde man zwar beim Hausbau vom Staat unterstützt, aber mein Onkel hatte ja eigentlich gar nicht genug Geld, um solch ein Haus zu bauen. Er musste einen großen Kredit aufnehmen. Meine Mutter hat immer geklagt: „Die Zinsen fressen uns auf.“ 22 Prozent Zinsen waren das! Sie hat mir mehrmals gesagt: „Ich musste wieder zu Pfarrer Krieter gehen und mir das Geld für die Zinsen leihen.“ Mein Onkel musste sich von der Firma Plange gelegentlich sein Gehalt im Voraus bezahlen lassen, um bei der Zinsenzahlung nicht in Verzug zu geraten. Um die Finanzierung des Hauses zu schaffen, war zunächst fast das ganze Haus vermietet.
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Meine Eltern haben deswegen ganz oben, auf dem Dachboden, gewohnt, und Onkel Willi und Tante Maria wohnten in einer Dienstwohnung der Firma Plange, in der Trettaustraße 40.
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Damals gab es in Wilhelmsburg viele Montagearbeiter. Diese Männer wohnten bei uns „auf Kost und Logis“. Das bedeutete, dass meine Mutter für alle diese Leute waschen, putzen und kochen musste. Das war viel Arbeit! Außerdem war es ja auch schwierig, für alle diese Leute die Lebensmittel zu bekommen. Später hat dann mein Onkel Willi zwei weitere Brüder aus Schlesien nach Wilhelmsburg geholt und dazu noch aus Oberhausen seine Schwiegermutterunsere Oma - und vier Geschwister seiner Frau. Auf diese Weise wurden die Montagearbeiter so nach und nach gegen die ganze „Sippe Deinert-Krosse“ ausgewechselt. Als wir Kinder geboren waren, war es im Haus sehr eng, aber alle waren ja verwandt und die Schwierigkeiten, die es wegen der Enge doch hin und wieder gab, wurden irgendwie behoben. Kt.: War denn „die ganze Sippe“ katholisch?
B.: Ja, ja! Alle - auch die Oberhausener - waren erzkatholisch! So wurden auch wir Kinder erzogen. Es gab gar nichts anderes! Kt.: Das heißt, dass Vater und Onkel von Anfang an Kontakt zur Bonifatiusgemeinde hatten? Wenn sie um 1918 nach Wilhelmsburg gekommen sind, dann haben sie die Pfarrer Algermissen, Dr. Offenstein und Schmidts erlebt.
B.: Pfarrer Schmidts hat meine Eltern am 10. 2. 1934 getraut. Meine Elternbesonders meine Mutter - waren so eingestellt, dass das Wort des Geistlichen für sie das Evangelium war, auch politisch gesehen. Ein besonders guter Kontakt bestand später zum Kaplan Kruse. Der war ja in der Kriegszeit in der Gemeinde, als die schweren Bombenangriffe passierten. Damals wurden viele Dinge aus der Kirche und aus dem Pfarrhaus bei uns zu Hause aufbewahrt. Ich kann mich erinnern, dass bei uns zu Hause Messdienerkleidung gewaschen und genäht wurde. Meine Brüder und ich mussten sie dann zurückbringen, wahrscheinlich ins Pfarrhaus, denn die Sakristei ist ja damals durch einen Bombenabwurf zerstört worden. (Karsamstag, 31. 3. 1945) Das weiß ich noch gut. Wegen der Bombenangriffe war damals für Kinder auch die so genannte „Frühkommunion“ möglich. 1944, als meine Schwester geboren wurde, war ich 5 Jahre alt. In diesem Alter bin ich schon zur Erstkommunion gegangen! Das hat Dechant Krieter damals erlaubt. Mein Bruder, der zwei Jahre älter war, hatte damals bei Dechant Krieter nachmittags Kommunionunterricht im Gemeindehaus. Zu diesem Unterricht bin ich immer mitgegangen. Das war ja auch so nah zu unserem Haus, mir hat es nichts ausgemacht, sondern ich habe das gern getan. Der Dechant hat das beobachtet und hat dann einmal zu mir gesagt: „Du kannst deine Mutter fragen, ob sie einverstanden ist. Wenn du willst und wenn du von zu Hause aus darfst, dann kannst du mit deinem Bruder gleichzeitig zur Erstkommunion gehen.“ Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich mit dieser Nachricht nach Hause gekommen bin. Meine Mutter war in der Waschküche, die unten im Keller war, mit der Wäsche beschäftigt. Ich habe sie dann durch das offene Fenster - die Wäscheschwaden stiegen hoch - gefragt, ob ich, wie mein Bruder, auch zur Erstkommunion gehen dürfe. Na ja, das hat sie dann erlaubt.
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Kt.: Dechant Krieter kannte natürlich Ihre Mutter? B.: Also, die kannte er ganz genau! Kt.: War er auch häufiger in der Familie zu Besuch?
B.: Nicht so häufig, aber man sah sich und kannte sich. Ich weiß zum Beispiel, dass ich als Kind einmal ins Pfarrhaus gehen musste, um Dechant Krieter zum Geburtstag zu gratulieren. Meine Oma hatte zu diesem Zweck ein Gedicht gemacht. Ich musste ein Geschenk bringen. Wir haben übrigens oft Geschenke gebracht. Mein Onkel hatte durch seine Arbeit bei Plange ja immer Mehl, das so genannte „Potentat“. Mehl und Eier haben wir oft ins Pfarrhaus gebracht. Wir hatten nämlich auch Hühner. Diese Geschenke wurden durch uns Kinder gebracht, weil das unauffällig war. Es sollte kein Gerede der Nachbarn entstehen.
Zum Geburtstag des Dechanten zurück! Ich musste also ein Geschenk bringen und das Gedicht meiner Oma aufsagen. Den Schluss erinnere ich noch: „Er geb` dir Kraft, das schwere Amt in seinem Weinberg zu verwalten! Und trifft dich seine Hand auch schwer, und weh´n die Stürme noch so kalt, den Humor musst du dir erhalten!“
Den Schlussteil, die Sache mit dem Humor, sollte ich besonders betonen. Kt.: Wie alt war die Oma zu dieser Zeit etwa?
B.: Ja, ... die Oma war immer eine Oma! Sie konnte nicht gehen; sie war für uns Kinder eigentlich immer alt. Sie hat immer gesessen - dabei zum Beispiel Kartoffeln geschält - aber sie war immer für uns da. Sie war so lieb! Sie hatte immer Zeit für uns. Meine Mutter dagegen war immer beschäftigt. Sie hatte zu viel Arbeit!
Kt.: Die Oma hat also das Gedicht gemacht, um Dechant Krieter zu erfreuen? B.: Oma hat immer Gedichte gemacht, lustige und bedeutungsschwere. Dieses Gedicht hat sie gemacht, um den Dechanten zu ehren! Meine Oma und ihre Töchter haben die Priester - die „geistlichen Herren“ wie man sagte - ja noch sehr geehrt. Die Priester standen für sie jenseits von Gut und Böse. Meine Tante und meine Mutter hatten im Glauben ihren ganzen Halt. Und meine Oma war sicherlich eine ganz tief gläubige Frau, die kaum Zweifel (an ihrem Glauben) hatte. Ich empfand sie gelegentlich zwar auch als eine etwas ängstliche Frau. Sie hatte vor vielen Sachen große Angst, vielleicht hatte sie sogar Lebensangst, aber den Halt gab ihr der Glaube. Meine Tante, meine Mutter und die Oma haben zueinander ein sehr enges Verhältnis gehabt. Ich habe über die Religiosität der drei Frauen später oft nachgedacht, und diese Art von Frömmigkeit hat mich später dann auch geärgert, fast abgestoßen. Meine Tante hat mir zum Beispiel einmal einen Brief geschrieben, nachdem sie eine Primiz erlebt hatte. Sie schrieb, dass sie es als tiefes Erlebnis empfunden habe, „aus diesen neu geweihten Priesterhänden, die so nahe bei Gott sind“, die heilige Kommunion zu empfangen. So etwas mochte ich später nicht mehr hören! Kt.: Welche Primiz war das, etwa die Primiz von Joachim Ernst?
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B.: Nein, ich weiß es nicht genau. Aber die Primizianten aus Wilhelmsburg standen natürlich auch ganz oben, Joachim Ernst, Johannes Rataij, Wolfram Trojok, Karl-Heinz Schulz und allen voran natürlich Heinrich Pachowiak (der spätere Weihbischof) samt seiner Schwester Karla! Die Schwester Karla war mit den Priestern gleich zu stufen!
Als Pfarr-Referentin hatte Frl. Pachowiak sozusagen auch die Weihen! Für meine Tante waren alle diese Leute ganz großartig.
Kt.: Haben eigentlich die Männer der Familien Deinert / Krosse die „geistlichen Herrschaften“ ebenso verehrt wie die Frauen das getan haben? B.: Also, mein Vater wollte das eigentlich nicht so mitmachen! Ich weiß auch, dass meine Mutter ihn zur Beichte „gejagt“ hat. Mein Onkel Willi wurde von seiner Frau auch immer so gedrängelt. Das hat uns als Kinder manchmal richtig amüsiert. Mein Vater hat sich oft geärgert, dass er in religiösen Dingen nicht mitreden konnte, dass er nicht gefragt wurde, dass er nichts dagegen sagen sollte. Mein Vater ist bei der Arbeit im Hafen auch mit Kommunisten zusammengekommen. Eine Zeit lang hat er sich - wie meine Mutter sagte - bei den Kommunisten „herumgetrieben“. Das war in der Nachkriegszeit, als er aus der Gefangenschaft zurückgekommen war. Er hat bei seiner Arbeit von den
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Kommunisten wohl allerhand gehört, was er dann gelegentlich auch zu Hause anbringen wollte. Das lief dann so ab: Mein Vater holte tief Luft, und wollte gerade etwas sagen, da kam meine Mutter ihm schon zuvor: „Paul, sei ruhig! Bist du ruhig!“ Er sollte nichts sagen. Was gegen die Kirche war, das sollte gar nicht erst gesagt werden!
Kt.: Wie war die Beziehung Ihrer Mutter zum Dechant Krieter? B.: Ich erinnere nichts Besonderes. Der Dechant gehörte einfach zur Kirche. Er gehörte so zu der Kirche wie der Kirchbau selbst oder wie die Bäume vor der Kirche. Der blieb! Nur die Kapläne wechselten und brachten gelegentlich etwas Unruhe, auch Trauer, wenn sie sich von der Gemeinde verabschiedeten. - Der Dechant war einfach da. An dem gab es nichts zu kritisieren. Schwieriger war das mit seiner Schwester; Therese hieß seine Schwester, glaube ich. Jedenfalls hieß eine Schwester so. Später war noch eine andere Schwester im Pfarrhaus (Agnes). Die war anders! Wer aber von den Schwestern im Pfarrhaus etwas zu sagen hatte, das war Therese. Wenn man an der Tür des Pfarrhauses klingelte, hat man gedacht: „Hoffentlich kommt nicht Therese an die Tür!“ Aber sie kam natürlich! Sie machte die Tür auf, und dann wusste man, dass man ungelegen kam. Man wurde von ihr nicht direkt zum Kaplan oder zum Dechant gelassen, sondern man wurde ins Empfangszimmer (rechts neben der Eingangstür) gebracht. Wenn alles gut ging, wurde man dann vom Geistlichen in dessen eigenes Zimmer geholt. Man fühlte sich durch Therese kontrolliert. Die Schwester des Dechanten sah das wohl als ihre Aufgabe an. Sie wollte bestimmt den Dechanten schützen. Kt.: Vor Arbeitsüberlastung?
B.: Das wohl nicht. Ich nehme an, dass sie ihn vor seiner eigenen Gutmütigkeit schützen wollte. Man ist ja früher ganz oft ins Pfarrhaus gegangen und hat dort seine Not und sein Elend geklagt. Es war ein gängiger Weg ins Pfarrhaus, und der Dechant hat den Leuten immer geholfen. Er hat auch unserer Familie geholfen. Zum Beispiel hat er uns zu Frau Pachowiak geschickt (der Mutter von Heinrich und Karla Pachowiak, der Vorsitzenden des Elisabethvereins und Leiterin der Pfarrcaritas). Da bekamen wir Kleidungsstücke. Man konnte mit vielen Nöten zum Pfarrer gehen! Und Therese hatte wohl tatsächlich Angst, dass ihr Bruder zu mildtätig sei.
Ich selbst habe mit Therese ja erst als Jugendliche häufiger zu tun gehabt. Wenn ich als junges Mädchen ins Pfarrhaus kam, hat Therese auf mich den Eindruck gemacht, als habe sie Angst um die Moral der Kapläne. Sie hat bestimmt gedacht, wir als junge Mädchen würden den Kaplänen nachlaufen. Das wollte sie wohl verhindern. Wenn ich es heute richtig bedenke, könnte es auch sein, dass die Kapläne selbst - durch Bemerkungen oder Handzeichen - ihr das Gefühl gegeben haben, wir Jugendlichen müssten an der Tür abgewimmelt werden. Wie auch immer, wenn man zum Dechant oder zu den Kaplänen wollte, musste man Therese umgehen.
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Kt.: Ja, sie war die „Alte Schleuse“. (Beide Gesprächspartner lachen, denn „Alte Schleuse“ hieß - damals wie heute - eine Straße in der Nachbarschaft des Pfarrhauses.)
B.: Zur Schwester Therese noch eine andere Sache! Bei uns zu Hause gab es immer den Satz: „Die Kapläne bekommen im Pfarrhaus nicht genug zu essen!“ In unserem Hause spielte das Essen dagegen immer eine ganz große Rolle, weil eigentlich alle Bewohner schon einmal gehungert hatten. Andererseits ging es uns besser als anderen. Bei uns gab es Hühner und Karnickel, wir hatten Mehl und Eier, wir konnten Kuchen backen. Darum kamen die Kapläne gern, und Mutti hat denen immer etwas zu essen gemacht. Das haben übrigens nicht alle Kapläne uns gedankt. Der Kaplan Hölsken zum Beispiel hat später einmal bei anderen Leuten gesagt: „Zu Deinerts gehe ich nicht mehr, bei denen muss ich immer essen!“
Kt.: Jedenfalls stand die Haushälterin Therese in dem Ruf, den Kaplänen das Essen im Pfarrhaus recht schmal zu gestalten.
B.: So ist es. Sie konnte aber auch ganz nett sein. Ich erinnere mich, dass mein Bruder und ich von ihr die Erlaubnis bekommen haben, im Vorgarten des Pfarrhauses Löwenzahn zu stechen, das Futter für unsere Karnickel. Kt.: In welchem Vorgarten? In dem Vorgarten, der sich neben der Sakristei der Kirche befand? Da hatte sie zwei Apfelbäume stehen und da baute sie auch Gemüse an.
B.: Nein, da nicht! Da durfte niemand hinein! Wir haben den Löwenzahn im anderen Vorgarten gestochen. Der lag zu der Seite des Nachbarhauses hin, zu dem Haus, in dem Dr. Gebauer wohnte (Chefarzt des Krankenhauses Groß-Sand).
Kt.: Nun noch einmal zurück zu Ihrer eigenen Person. Getauft sind Sie also in Wilhelmsburg, von Pfarrer Krieter. Und Pfarrer Krieter hat auch Ihren Kommunionunterricht gehalten, nicht wahr?
B.: Ja, ich weiß auch noch, was er immer zum eucharistischen Brot gesagt hat: „Es sieht aus wie Brot, es schmeckt wie Brot, es fühlt sich an wie Brot, und es ist doch kein Brot!“ Das hat er immer wiederholt, und wir haben es im Chor nachgesprochen. „Es sieht aus wie Brot, es schmeckt wie Brot, es fühlt sich an wie Brot und ist doch kein Brot!“ In der Schule - später - als er einmal den Kaplan im Religionsunterricht vertreten hat, hat er sich ans Fenster gestellt, aus dem Fenster geguckt und gesagt: „Sämtliche Reisen des Apostels Paulus begannen in Antiochia. Sämtliche Reisen des Apostels Paulus begannen in Antiochia!“ Diesen Satz mussten wir dann im Chor wiederholen. Das war seine Lehrmethode, bestimmte Lehrsätze richtig einzupauken. So schlecht war diese Lehrmethode gar nicht! Die Sätze kenne ich heute immer noch. Kt.: Wissen Sie sonst noch etwas über seinen Religionsunterricht? B.: Über den Religionsunterricht eigentlich nicht. Aber ich habe noch eine andere Erinnerung. Mit Dechant Krieter als wichtigsten Geistlichen fand alle Jahre nach Weihnachten - am „Fest der unschuldigen Kinder“ - die
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„Kindersegnung“ statt. Ich kenne den Brauch der „Kindersegnung“ seit meiner frühesten Kindheit.
Bevor ich aber auf die „Kindersegnung“ zu sprechen komme, muss ich noch etwas vorweg erzählen: Meine Brüder - Dieter und Georg - waren Messdiener, und ein Messdiener durfte immer den „Tritt“ bereit stellen, wenn über dem Tabernakel die Monstranz aufgestellt werden sollte oder wenn die Monstranz nach der Anbetung aus dem Sakramentshäuschen wieder herunter geholt werden musste. Der Dechant war ja verhältnismäßig klein. Wenn die Monstranz da oben auf dem Hochaltar stand, konnte er die Monstranz gar nicht herunterheben ohne den „Tritt“ zu benutzen. Der „Tritt“ hatte zwei Stufen. Auf die musste der Dechant steigen, wenn er an die Monstranz heranreichen wollte. Wir Kinder haben immer ganz gespannt beobachtet, ob wohl alles gut gehen würde; ob der Dechant wohl einmal mitsamt der Monstranz vom „Tritt“ herunterfallen würde. Er ist nie gefallen!
Aber nun zur „Kindersegnung“! Bei der Kindersegnung war in dem Sakramentshäuschen über dem Tabernakel statt der Monstranz ein rotes Samtkissen ausgelegt. Darauf lag in einem weißen Hemdchen ein „Jesuskind“ mit ausgebreiteten Armen. Dieses „Jesuskind“ sollte in einer Prozession der Kinder durch die Kirche getragen werden.
Ja, und mein Bruder - diesmal war es Georg - musste nun auf den „Tritt“ und dann noch mit einem Knie auf den Altar steigen, um das „Jesuskind“ samt Kissen für die Prozession aus dem Sakramentshäuschen herunter zu holen. Das war spannend! Nachdem das gelungen war, setzte sich eine ganz große Prozession in Bewegung. Stellen Sie sich das einmal vor! Die ganze Kirche war gefüllt mit Kindern! Es gab ja so viele Kinder! So viele Kinder gibt es heute gar nicht mehr. Die ganz kleinen Kinder waren natürlich in Begleitung ihrer Mütter da. Aber, wie gesagt, zur Kindersegnung, am 28. Dezember, war die Kirche immer total voller Kinder! Bei der Prozession waren die Prozessionsfahnen dabei, große und kleine, alle Messdiener gingen mit und - das war das Schönste
- auch alle Kinder gingen hinter dem „Jesuskind“ her. Man musste als Kind nicht in der Bank sitzen bleiben, sondern konnte mitgehen, konnte sich bewegen. Bei der Prozession wurde natürlich auch gesungen. Ich weiß noch heute das Lied, das immer gesungen wurde: „Bei deiner Fahn`, o Jesulein, da wünsch` ich mir, Soldat zu sein. Möcht` retten gar so gerne, die Kindlein in der Ferne. Die Heidenkinder arm und klein, dass sie doch nicht verloren sei´ n! Die Heidenkinder, arm und klein, dass sie doch nicht verloren sei` n! Es gibt auch noch eine zweite Strophe:
„Und bist du auch noch jung und klein, kannst doch du schon Apostel sein, Gebet und Opfer spenden, den Heiden hinzusenden.
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Damit manch´ armes Heidenkind den Weg zum schönen Himmel find`! Damit manch´ armes Heidenkind,den Weg zum schönen Himmel find`!“ Schön, nicht? Das haben wir ganz laut gesungen, ja richtig voller Inbrunst und aus voller Kehle. (Frau Bergmann lacht herzlich)
Kt.: ( auch lachend) Ach ja, und dann war sicher auch der `Nickneger´ dabei. (`Nickneger`, diesen Namen gab man unter katholischen Jugendlichen einer Gipsfigur, die Geldspenden aufnehmen konnte. Die Figur stellte einen niedlichen, schwarzhäutigen Jungen dar. Der Kopf des Kindes war beweglich. Das „Negerkind“ bedankte sich durch ein Kopfnicken, wenn eine Münze in die Spardose zu seinen Füßen geworfen wurde. Diese Figur stand noch in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in nahezu jeder katholischen Kirche vor der Krippe, die während der Weihnachtszeit aufgebaut war. Die Spenden kamen der „Heidenmission“ zugute.)
B.: Ja, die Prozession kam an dem „Negerkind“ vorbei. Die Figur stand ja vor der Krippe. Da wurde gespendet, und das „Negerkind“ bedankte sich durch Kopfnicken.
Kt.: Wo fand die eigentliche „Kindersegnung“ statt? B.: Die Kinder mussten sich an der Kommunionbank in Reihen nebeneinander aufstellen und dann wurden sie (durch Handauflegen auf den Kopf und ein Kreuzzeichen auf der Stirn) abgesegnet. Kt.: Den Segen erteilte der Dechant allein?
B.: Nein, auch die beiden Kapläne teilten den Segen aus. Die Geistlichen waren also zu dritt. Es waren ja enorm viele Kinder, die gesegnet werden sollten. Kt.: Es waren also nicht nur die Ganz kleinen Kinder, die gesegnet wurden? B.: Nein, nein! Alle Kinder der Gemeinde waren da. Das war für die Kinder eine sehr stimmungsvolle Veranstaltung, und für die Mütter bestimmt auch. Ich weiß, dass die Mütter diese Segnung ganz wichtig nahmen.
Ach, beim Stichwort „stimmungsvoll“ fallen mir die Theaterstücke ein, die in der Gemeinde aufgeführt worden sind. Das waren richtig große Mysterienspiele! Ein Spiel hatte den Titel: „Die heilige Elisabeth.“ Dieses Spiel hat Frl. Pachowiak eingeübt. Bei einem anderen Spiel hat meine Schwester, die damals ein Baby war, mitgespielt. Sie war das „Jesuskind“. Das Spiel wurde 1945 oder 1946 aufgeführt. Da war doch alles kaputt; die Kirche und vor allem auch das Gemeindehaus. In dem Spiel sollte die Muttergottes, also Maria mit dem Kind, still wie eine Statue dastehen. Sie sollte sich überhaupt nicht bewegen. Die erwachsene Spielerin, die Maria, konnte ja so still und ohne Bewegung stehen, aber für das Baby war das natürlich problematisch. In dem Stück kam ein Vagabund mit einer Geige zur Maria. Als er spielte - daran kann ich mich so genau erinnern! - hat meine kleine Schwester mit den Füßen gewackelt. Davon hat man später noch erzählt! - Aber, auch bei diesen Mysterienspielen war die Kirche immer überfüllt. Die Theaterstücke wurden in der Kirche aufgeführt. Das war damals der einzige große Raum, der zur Verfügung stand. Später, als das
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neue Gemeindehaus erbaut war (die Einweihung geschah am 26. Februar 1956), wurde immer noch viel Theater gespielt. Da habe ich auch mitgemacht. Davon habe ich noch Fotos.
Kt.: Fällt Ihnen noch etwas anderes zur Gemeinde ein, vielleicht zu Besonderheiten der Gottesdienste?
B.: Also, ich weiß noch gut, wie der Dechant seine Predigten an den Festtagen immer angefangen hat: „Meine liebe, zum Fest so und so versammelte Gemeinde.“ So fing er immer an. Darauf haben wir regelrecht gewartet. Kt.: Haben Sie zu seinen Predigten besondere Erinnerungen? B.: Das kann ich gar nicht mehr beurteilen. Wir haben auch zu Hause nie etwas kritisiert. Wir Kinder, Mutter und Tante haben den Predigern einfach zugehört. Wir kritisierten höchstens, dass die Predigt zu lange gedauert hatte. Nur mein Vater war da eine Ausnahme. Der hat sich gelegentlich über Predigten geärgert, weil er gern etwas dazu gesagt hätte. Meine Mutter dagegen hat alles in Demut angehört und gesagt: „Aus jeder Predigt kann man etwas entnehmen!“ Meine Mutter wollte nichts gegen die Priester hören. Kt.: Wissen Sie noch etwas zu den Schulmessen? B.: Ja, es gab zweimal in der Woche so genannte „Schulmessen“ für die Schulkinder, vor Unterrichtsbeginn. Da bin ich oft hingegangen, denn unsere Lehrerin, Frl. Kraushaar, hat das ja kontrolliert. Sie hat sich (in ihrem Heft) für das Fach Religion einen Strich (hinter dem Schülernamen) gemacht, wenn man zum Schulgottesdienst erschienen war. Wenn man häufig kam, stand man schon etwas besser bei ihr da. Außerdem durfte ich nach der Schulmesse im Unterricht ein Butterbrot essen, weil ich ja zur Kommunion gegangen (und deswegen noch nüchtern) war. Kt.: Wie war es mit dem Beichten?
B.: Wenn man zum Dechanten zur Beichte ging, hatte man gar keine Probleme. Kt.: Also, wenn man es sich mit dem Beichten einfach machen wollte, dann ging man zum Dechanten?
B.: Der Dechant war gütig! Der war überhaupt immer gütig! Ich habe nie erlebt, dass der Dechant einmal wütend gewesen wäre, dass er uns angeschnauzt oder uns weggejagt hätte. Das gab es nicht! Entsprechend war er beim Beichtehören. Er hörte sich die Beichte in Ruhe an und sagte dann etwas Begütigendes. Bei den anderen Geistlichen war es doch schon `mal so, dass mit Druck nachgefragt wurde oder dass einem das Gefühl vermittelt wurde, man müsse sich schämen. Also, ich finde, dass das Wort „gütig“ am besten zum Verhalten des Dechanten als Beichtvater passt.
Kt.: Erinnern Sie sich an die Fronleichnamfeste in der Gemeinde? B.: Ja, für die Fronleichnamsaltäre wurden von überall her Blumen gesammelt. Auch von uns hat man Blumen geholt; besser gesagt, meine Geschwister und ich mussten die Blumen zum Pfarrhaus schleppen. Wannen voller Blumen! Meine Schwester hat mir gerade noch vor kurzer Zeit gesagt, wie sehr sie sich von Kindheit an darüber geärgert hat, dass den Blumen einfach der Kopf abgerissen wurde, weil man die Blumenköpfe für die Altäre oder gar zum Blumenstreuen
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während der Prozession verwenden wollte. Mich selbst hat das nicht so sehr geärgert, aber dass es eigentlich schade um die schönen Blumen war, das ist auch mir bewusst gewesen. Andererseits waren die Kinder (bei den Lehrkräften) gut angeschrieben, die möglichst viele Blumen gebracht haben. Kt.: Wer hat denn die Blumen entgegengenommen und die Altäre geschmückt? B.: Die Lehrer und Lehrerinnen der Katholischen Schule. Die Schule war auch für das Schmücken der Altäre zuständig.
Kt.: Nach der kirchlichen Feier von Fronleichnam war nachmittags die weltliche Feier, nicht wahr?
B.: Ja, die fand (in den ersten Jahren nach dem Krieg) bei Witt, in Stillhorn statt. Das war das größte Gemeindefest. Nachmittags veranstalteten die Lehrkräfte der Schule dort für die Kinder Spiele. Es gab auch etwas Gutes zu essen. Abends war für die Erwachsenen Tanz. Für mich ist heute erstaunlich, dass so viele Leute hinaus nach Stillhorn gekommen sind. Das war ja ein sehr weiter Weg, den die meisten Leute zu Fuß machen mussten. Die meisten Leute hatten damals noch kein Auto. Trotzdem war es bei Witt immer brechend voll. Viele, viele Leute waren da!
Kt.: Gab es noch ein anderes weltliches Fest, das die Gemeinde gefeiert hat? B.: Ja, zu Fasching gab es ein Maskenfest, in Stübens Gaststätte. Kt.: Ich möchte gern noch etwas über die Katholische Schule und die Lehrkräfte zu Ihrer Zeit hören. Haben Sie an eine Lehrkraft besondere Erinnerungen? B.: Ja, an Frl. Kraushaar. Die war sehr streng. Wir hatten sie acht Jahre lang. Später haben wir „Prokschepaul“ (= Paul Proksch) gekriegt. Der war noch ein Mensch! Bei ihm kamen auch Jungen in unsere Klasse. Vorher waren wir immer eine reine Mädchenklasse gewesen. Bei Frau Adamczyk hatten wir Hauswirtschaft. Die war sehr lieb und freundlich. Und dann hatten wir auch Frl. Redepenning. Von Frl. Redepennig ist mir am besten in Erinnerung, dass sie immer zum „Father“ gegangen ist. („Father“ ließ sich der Kaplan Goedde gern nennen. Bevor er im Jahre 1951 in Wilhelmsburg auf eine Kaplanstelle kam, war er jahrelang in Kanada Pfarrer gewesen. Wie der mit Kaplan Goedde gleichzeitig in Wilhelmsburg tätige zweite Kaplan, Hölsken, in einem Interview am 27. 7. 2004 erzählte, ist die Bezeichnung „Father“ von K.-A. Krieter erfunden worden. Mit dieser Bezeichnung sollte das Problem umgangen werden, dass es in einer Pfarrei nicht zwei Pfarrer zugleich geben konnte.) Im Zimmer des „Father“ Goedde, im Pfarrhaus, trafen sich regelmäßig einige Frauen der Marianischen Kongregation. Die beteten den Rosenkranz und führten fromme Gespräche. Über diesen Verein haben wir immer gelacht. Aber Frl. Redepenning hat für die Marianische Kongregation geworben. Wir sollten auch kommen! Und dann bin ich mit anderen jungen Mädchen auch einmal hingegangen. Da hat uns eine Standarte besonders beeindruckt, die da stand. Darauf war eine Taube abgebildet, die den Heiligen Geist symbolisieren sollte. Die Taube hatte ihre Schwanzflügel nach unten ausgebreitet. Zu diesem Bild haben wir jungen Mädchen dann gesagt: „Das ist der Heilige Geist mit Rückstrahler!“ (Frau Bergmann lacht.) Aber die frommen Gespräche und das
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Beten des Rosenkranzes, das war überhaupt nichts für uns! Die Frauen von der Marianischen Kongregation nahmen sich auch so wichtig. Das war alles ein bisschen elitär. Wie gesagt, schließlich haben wir über diesen Verein gelacht. Aber Frl. Redepenning hat weiter geworben. Sie hat uns auch nahe gelegt, nach der Schule in die Kirche zu gehen und da den Rosenkranz zu beten. Manchmal, um ihr zu gefallen, haben wir das auch getan.
Zuerst mochte ich Frl. Redepenning ganz gern. Aber dann hatte sie bei mir plötzlich vollkommen verspielt. Das hing mit unserem Sportunterricht zusammen. Den hatten wir in der Schule am Rotenhäuser Damm, in der Turnhalle des Gymnasiums. Das Gymnasium hatte damals gerade neue sanitäre Einrichtungen bekommen. Und plötzlich verlangte Frl. Redepenning von uns Mädchen, dass wir uns nach dem Sport alle nackt ausziehen und duschen sollten. (Frau Bergmann lacht.) Das hatte es ja noch nie gegeben! Ich habe gedacht, für mich bräche die Welt zusammen. Wie konnte diese Frau auf der einen Seite sagen, wir sollten den Rosenkranz beten, und auf der anderen Seite, wir sollten gemeinsam nackt duschen. Also, solch eine „Sauerei“ hatte ich nicht erwartet! (Frau Bergmann lacht.) Die Frau hatte bei mir verspielt. Der konnte ich nichts mehr glauben.
Ach, und dann hat sie uns auch noch den so genannten `lebenskundlichen Unterricht´ erteilt. So hieß die angebliche sexuelle Aufklärung. Da wurden Jungen und Mädchen getrennt. Wir Mädchen gingen für diesen Unterricht in das kleine (1948 gebaute, einräumige) Kolpingheim. Das war ja nun auch ein kleiner, besonderer Raum. Wir saßen da so schön eng beisammen! Frl. Redepenning verbreitete eine richtig schöne Stimmung und dann hat sie uns aus einem Buch vorgelesen. „Das heimliche Königreich“ war der Titel. Das Buch würde ich heute zu gerne noch einmal lesen! (Frau Bergmann lacht.) Von sexueller Aufklärung stand nichts darin. Es war nur alles so geheimnisvoll! So geheimnisvoll!! Man mochte sich gar nicht bewegen! Was man mitbekam, war nur: Man konnte „die Reinheit verlieren“. Man sollte aufpassen. „Mädchen, achte! Du kannst deine Reinheit verlieren!“ Ich wusste gar nicht, was damit gemeint war. Aber dass es gefährlich war, „die Reinheit zu verlieren“, das habe ich gemerkt. Später habe ich mich über diese Art von Aufklärungsunterricht geärgert.
Kt.: Vielleicht noch ein Wort zum Rektor Nolte?
B.: Bei Noltes war ich ja so gut wie zu Hause, vor allen durch Margret, seine jüngste Tochter; auch durch Elisabeth, die etwas ältere Tochter. Ich mochte Herrn Nolte gerne. Der hat mir manchmal über die Haare gestrichen und zu mir gesagt: „Na, du schwatter Düvel, wie geht es dir?“ Er war zu mir sehr väterlich, wirkte auf mich aber auch stark. Das hat mir gut getan, denn meinen eigenen Vater hatte ich ja bei meiner so dominanten Mutter immer als schwach erlebt. Ich habe mir immer gewünscht: „So müsste dein eigener Vater sein, wie der Herr Nolte!“ Der hatte etwas zu sagen, der war anerkannt.
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Kt.: Wie haben Sie ihn als Schulleiter erlebt?
B.: Ja, dass er ein strenges Regiment führte, dass er im Treppenhaus der Schule „grölen“ konnte und dass er wegen dieses „Grölens“ allgemein gefürchtet war, habe ich wohl erlebt. Er konnte ja auch so ein „bulliges Gesicht“ ziehen. Aber ich, weil ich ja bei Noltes zu Hause verkehrte, ich kannte ihn ganz anders. Ich hatte überhaupt keine Angst vor ihm! Er hat uns oft, wenn er bei Hochzeiten die Orgel spielen musste, zum Singen geholt. Das war immer ganz lustig. Meine Freundin Margret kam dann zu uns nach Hause gelaufen: „Komm schnell zum Singen, da ist wieder eine Hochzeit.“ Dann wurden schnell die Hände gewaschen, und los ging es. Seine Töchter und ich, wir haben so einen kleinen Chor gebildet. Da wurde der Blasebalg der Orgel noch getreten ! „Segne, du Maria...“ und „So nimm denn meine Hände…“ wurde von uns gesungen. Das waren die Standardlieder. Die Hochzeitsleute haben Herrn Nolte für das Orgelspiel und das Singen Geld gegeben, und wir haben auch ein paar Groschen abbekommen.
Kt.: Den Hauptanteil des Geldes hat er behalten? B.: Na klar! Wir haben von ihm ein paar Groschen bekommen. Kt.: Zum Schluss erzählen Sie mir bitte noch etwas über Ihre Beziehung zur Gemeinde während der Zeit, als Sie Jugendliche waren. B.: Ich war Pfarrjugendführerin des BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend), natürlich nicht von Anfang an.
Ich bin in dieses Amt hineingewachsen, weil ich von klein auf in der Gemeindejugend war. Das Leben der Kinder unserer Familie spielte sich zwischen Schule und Kirche ab. Etwas anderes gab es nicht! Wir lebten wie auf einer katholischen Insel. Mit evangelischen Leuten wollte meine Mutter gar nicht erst in Berührung kommen. Als ich älter wurde, bin ich in meiner Freizeit zur „Gruppe“ des BDKJ ins Gemeindehaus gegangen. Ach, während wir so über die Jugendgruppen sprechen, erinnere ich mich plötzlich an die Zeit, als ich noch ganz jung war. Da ging ich noch nicht zur Schule. Da hieß die Mädchengruppe noch „Lioba“. Die Mädchen haben sich damals in der Wohnung der Gruppenführerin getroffen. (Das Gemeindehaus war seit dem 31. 3. 1945 zerstört.) Sie wohnte in der Nähe der Straße „Alte Schleuse“. Man musste bei der Schmidtstraße nach links und anschließend die Brücke über den Veringkanal überqueren. Im ersten Haus nach der Brücke hat die Gruppenführerin gewohnt. In ihrem privaten Zimmer haben sich die Mädchen von „Lioba“ getroffen. Das war die jüngere Gruppe der „Marianischen Kongregation“. Aber das war alles vor meiner Zeit als Jugendliche. Ich selbst bin zur Gruppe des BDKJ gegangen.
Kt.: Die Gruppen des BDKJ waren nach Jungen und Mädchen getrennt? B.: Die jüngeren Gruppen waren getrennt, die älteren Gruppen haben viel gemeinsam gemacht.
Kt.: Dann waren Sie also „Pfarrjugendführerin“ gemeinsam mit dem „Pfarrjugendführer“ Gerd Wesolowski?
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B.: Ja, gemeinsam mit Gerd Wesolowski. Von den männlichen Jugendlichen habe ich neben Gerd Wesolowski die Namen Bernhard Krystkowiak und Bernhard Kinne in Erinnerung. Die waren alle etwas älter als ich. Bei den weiblichen Jugendlichen waren da Elisabeth und Margret Nolte, Maria Poprawa, Maria Piochacz und viele, viele andere. Annemarie Poprawa war eine Zeit lang meine Gruppenführerin.
Ich habe mich für die Arbeit als Pfarrjugendführerin sehr begeistern lassen, auch von den Kaplänen! Zu meiner Zeit war das besonders Kaplan Hölsken. Meiner Mutter hat mein Engagement für die katholische Jugendarbeit gefallen. Sie hat gedacht, da sei ich in guten Händen, da sei ich nicht in der „bösen Welt“. Sie war froh, dass ich nicht „auf verrückte Gedanken“ kam. Wir Jugendlichen haben dann erlebt, wie der Saal des neu erbauten Gemeindehauses (Einweihung im Februar 1956) genutzt werden konnte. Wir haben darin die ersten Feste veranstaltet, auch Laienspiele haben wir aufgeführt. Die Küche im neuen Gemeindehaus haben wir genutzt und natürlich auch die neuen Gruppenräume. Das neue Gemeindehaus hat das Leben der Gemeinde enorm erneuert und vorangetrieben.
Durch die Jugendarbeit bin ich übrigens dazu geführt worden, ins Kloster, zu den Germeter Schwestern bei Warburg, zu gehen. Die haben da ein Säkularinstitut für Seelsorgehilfe und Familienpflege. Da wurde ich ausgebildet als Seelsorgehelferin. Der Nachfolger von Kaplan Hölsken, Kaplan Schmidt, hatte erlebt, wie sehr ich mich für die Jugendarbeit engagierte. Darauf hat er mir nahe gelegt, zu den Germeter Schwestern zu gehen. Da könnte ich dieselbe Arbeit wie in der Bonifatiusgemeinde beruflich tun. Ich habe dann ein Praktikum bei den Schwestern gemacht, habe mir noch einige Bedenkzeit genommen, wurde aber von den Kaplänen (der St. Bonifatiusgemeinde) Schmidt, Kobold und Stechmann stark in dem Beschluss gestärkt, zu den Schwestern zu gehen. Tatsächlich bin ich dann auch 13 Jahre lang Schwester gewesen.
Danach bin ich (aus der Schwesterngemeinschaft) ausgetreten. Heute bin ich glücklich verheiratet. Ich weiß noch, wie der Dechant reagiert hat, als er hörte, dass ich zu den Schwestern gehen wollte. Ich brauchte nämlich von ihm ein Führungszeugnis. Ich habe ihn also vor der Kirche daraufhin angesprochen und habe gedacht, er werde von meinem Entschluss (zu den Germeter Schwestern zu gehen) genauso begeistert sein wie die Kapläne. Seine Reaktion war aber ganz anders: „Ach, du Schreck, auch das noch!“, hat er gesagt. Da war ich ganz geplättet. „Jetzt passiert nun auch noch so etwas!“, schien er zu denken. Ich bin dann ganz niedergeschlagen hinter ihm her zum Pfarrbüro getrottet, zur „Alten Schule“, Groß-Sand 2. Da hat er mir dann mein Führungszeugnis ausgestellt. Er hat mich auch noch so einiges gefragt, aber ich weiß nicht mehr, was er gefragt hat. Aber der Schreck darüber ist haften geblieben, dass der Dechant von meinem Entschluss so gar nicht begeistert war, dass er nicht gesagt hat: „Schön! Du wirst bestimmt einmal eine gute Schwester!“ Er hat mich nicht freudevoll angeguckt.
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Kt.: Nun ja, er wusste, dass seine Schwester Anna, als Nonne bei den Vinzentinerinnen, nicht besonders glücklich war. Zusätzlich war seine jüngste Schwester, Agnes, aus dem Orden der Vinzentinerinnen ausgetreten und er hatte sie in Wilhelmsburg im Pfarrhaus aufnehmen müssen. Im Pfarrhaus sind auch Sie selbst seiner Schwester Agnes begegnet, nicht wahr? B.: Richtig, sie war die freundlichere der beiden Schwestern des Dechanten. Kt.: Haben Sie sonst noch eine Erinnerung an Dechant Krieter? B.: Meine Freundin, Margret Nolte, und ich hatten immer einen Spitznamen für ihn. „Kalle“ haben wir ihn genannt. Wir haben ja oft zwischen Kirche und dem Haus Groß-Sand 2, wo Noltes wohnten und wo unten auch das Pfarrbüro war, in den Trümmern und später im Bausand gespielt. Da kam der Dechant oft vorbei, und immer hatte er einen weißen Schal um den Hals gelegt. Er musste ja vom Pfarrhaus ins Büro gehen. Das war nur ein kurzer Weg. Darum hat er keinen Mantel angezogen, aber er trug immer einen Schal. Wir haben dann immer gesagt: „Kalle kommt!“ Wir haben ja gern Rad geschlagen und Handstand gemacht; ohne Unterbrechung, immer wieder. Ich weiß noch, wie eine Nonne aus dem Krankenhaus „Groß-Sand“ uns einmal dabei beobachtet hat und zu uns gesagt hat: „O Gott, wenn das die liebe Muttergottes sieht! Diese nackten Beine!“ Handstand und Radschlagen haben wir natürlich nicht weiter gemacht, wenn der Dechant ankam. Dann hieß es immer: „Kalle kommt!“ Einmal hat er uns dann daraufhin angesprochen. Da waren wir ganz perplex. Da hat er nett mit uns gesprochen, in seiner freundlichen Art, und dann hat er zum Schluss gesagt: „Ihr müsst aber nicht immer „Kalle“ von mir sagen!“ Da kannte er seinen Spitznamen also längst! Und wir haben uns so geschämt! Aber er war gar nicht böse mit uns. Ganz lieb hat er zu uns gesagt: „Ihr müsst aber doch nicht immer „Kalle“ von mir sagen!“ Also, er war alles andere als ein Kinderschreck! Er kannte auch alle Kinder mit Namen und wusste genau, zu welchen Familien sie gehörten. Und man hatte eigentlich großen Respekt vor ihm, aber man mochte ihn auch gern. Er kannte jeden. Er kannte Wilhelmsburg.
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Chowanietz,Walter
und Chowanietz, Gertrud, geborene Poprawa geboren 1933 und 1935
wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Hbg. -Wilhelmsburg Gespräch am 8. 2. 2005
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WCh. = Walter Chowanietz GCH. = Gertrud Chowanietz Kt. = Ulrich Krieter
Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.
Kt.: Ich beginne das Gespräch immer mit der Frage nach den Geburtsdaten. WCH.: Ich heiße Walter Chowanietz und bin 1933 geboren. GCH.: Ich heiße Gertrud Chowanietz, bin eine geborene Poprawa und bin 1935 geboren.
Kt.: Walter, du bist hier in Wilhelmsburg geboren? WCH.: Ja, in der Veringstraße, und ich bin bis zum heutigen Tag immer in Wilhelmsburg geblieben. Meine Eltern sind aus Oberschlesien. Sie sind 1928 nach Harburg-Wilhelmsburg gekommen. Sie haben in Wilhelmsburg gewohnt. Mein Vater hat in seinen letzten Berufsjahren in der Kupferhütte, im Freihafen, gearbeitet. Bis zur Ausbombung hat unsere Familie am Kleinen Kanal gewohnt. Meine Eltern waren katholisch und waren fest in die Bonifatiusgemeinde eingebunden.
GCH.:. Meine Großeltern sind um die Jahrhundertwende nach Wilhelmsburg gekommen, als so Viele aus dem Osten nach Wilhelmsburg gekommen sind. Mein Vater ist schon hier in Wilhelmsburg geboren, im Jahre 1903. Meine Mutti ist 1905 geboren. Sie ist mit ihren Eltern zugezogen. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten sich nach dem 1. Weltkrieg für Deutschland entschieden. Sie kamen aus Gnesen in Posen. Mein Großvater war Eisenbahner. Ich selbst und alle meine Geschwister, wir sind hier in Wilhelmsburg geboren. Auch ich habe immer hier - in Wilhelmsburg - gewohnt. Kt.: Wie war es mit euren beruflichen Laufbahnen? WCH.: Sieben Jahre habe ich die Schule am Reiherstieg besucht. Die Bonifatiusschule gab es zur Zeit meiner Einschulung (1939) als katholische Schule (Bekenntnisschule) nicht mehr. Als die Bonifatiusschule nach dem Krieg wieder eröffnet wurde, war ich während meines achten und neunten Schuljahres dort. 1946 ist die Katholische Schule wieder aufgemacht worden. 1948 bin ich schulentlassen worden und dann in die Lehre gegangen. Ich habe den Beruf des Elektrikers erlernt, habe in dem Beruf meinen Meister gemacht, war dann 21 Jahre auf der Kupferhütte und danach 23 Jahre beim Hamburger Staat, als technischer Angestellter im Bauamt.
GCH.: Ich habe den Beruf „Kaufmännische Angestellte“ erlernt. Während meiner ersten 4 Schuljahre habe ich die Schule II besucht, danach die Schule Bonifatiusstraße, von 1946 bis 1950. 1950 bin ich aus der Schule entlassen worden. Nach der Lehre habe ich im Büro gearbeitet. Nach der Heirat habe ich noch so lange gearbeitet, bis die Kinder kamen. Danach war ich Hausfrau, Mutter, Altenpflegerin, alles!
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Kt.: Ihr seid also beide gleich im Jahre 1946 , kaum dass die Katholische Schule wieder eröffnet war, zur Bonifatiusschule gewechselt. Wie kam das eigentlich? WCH.: Ganz einfach, weil wir Katholiken waren und sind. Als wir noch zur Schule Fährstraße gegangen sind, hatten wir ja die Erstkommunion in der Bonifatiuskirche. Da gab es in unserer Wohngegend aus der Gemeinde die Frau Kinne. Die hat die Schäfchen der Gemeinde zusammengehalten. Als Kinder bekamen wir monatlich ein Zettelchen. Darauf mussten wir unseren Namen schreiben, und der Pastor oder der Kaplan konnte dann sehen, ob wir zur Kommunion gegangen waren oder nicht. Kt.: Das ist ja eine interessante Geschichte!
WCH.: Ja, das war so! Wir katholischen Kinder waren ja weit verstreut. Wir hatten zwar im Gemeindehaus Religionsunterricht, aber das war auf freiwilliger Basis. Als dann das Gemeindehaus und die Kirche ausgebombt waren, hat sich das natürlich auch negativ auf dem Religionsunterricht ausgewirkt. Da haben wir nicht mehr so viel Unterricht gehabt. Wir haben „Steine gekloppt“, damit das Seitenschiff der Kirche zugemauert werden konnte. Kt.: Wer hat den Religionsunterricht gehalten, Pater Jussen oder Pater Kruse? WCH.: Nein, das war Dechant Krieter selbst. Wir waren ja auch nicht viele Kinder. In Sachen Kapläne erinnere ich den Namen Rademacher. Der war unser Präses im Kolpingverein (von 1946 bis 1949).
GCH.: Nach Rademacher kamen als Kapläne Goedde und Hölsken. Das ist so meine Zeit gewesen!
Kt.: Bitte noch einmal zurück zum Religionsunterricht. Wie oft fand der statt? WCH.: Einmal die Woche.
Kt.: Mich interessiert noch einmal die Geschichte mit der Frau Kinne. WCH.: Ja, die war im Elisabethverein und hat sich wirklich für die Gemeinde eingesetzt. Nach dem Krieg, als die CARE-Pakete kamen, war sie auch bei der Verteilung der Pakete engagiert.
Kt.: Mich interessiert besonders dieser Zettel, mit dem die Teilnahme an der Kommunion kontrolliert wurde.
WCH.: Auf dem Zettel konntest du oben deinen Namen eintragen. Der Zettel wurde von der Frau Kinne ins Haus gebracht. Einmal im Monat war „Gemeinschaftskommunion“ für die Kinder. Wenn wir zum Empfang der Kommunion an die Kommunionbank gingen, haben wir den Zettel darauf abgelegt.
Kt.: Galt das Verfahren für die Mädchen auch?
GCH.: Ja, das war ja wohl auch für statistische Zwecke gut. Da stand in der Nähe der Kommunionbank ein Körbchen, und wenn du vom Empfang der Kommunion zurückgingst - das geschah damals ja noch alles in Reih und Glied
- dann hast du dein Zettelchen in dieses Körbchen gelegt. Jetzt, Walter, wo du das erzählst, erinnere ich mich auch daran.
Kt.: Walter, deine Erstkommunion muss so um das Jahr 1942 gewesen sein.
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GCH.: Walter, hast du dein Kommunionbild nicht mehr, das wir von der Gemeinde zur Erstkommunion bekommen haben? Da steht das Datum drauf. Meine Erstkommunion war am 16. April 1944.
WCH.: Ja, dann muss meine Erstkommunion 1942 gewesen sein. Ich erinnere mich auch an das Bild, das man zur Erstkommunion von der Gemeinde geschenkt bekam. Das war ein Foto vom Innenraum der Kirche vorne, vom Hauptaltar der Kirche.
Kt.: Ihr seid während des Krieges zur Erstkommunion gekommen. Das war eine schwere Zeit.
GCH.: Ja, damals war es schwierig, die weißen Kommunionkleider der Mädchen zu bekommen. Da hat Pastor Krieter dafür gesorgt, dass fast alle Mädchen weiße Kommunionkleider bekamen. Da hat er wohl Beziehungen gehabt, oder er hat dafür gesorgt, dass Kleider weitergegeben wurden, die im Vorjahr benutzt worden waren. Ich selbst hatte auch kein eigenes Kommunionkleid. Ich habe das Kleid meiner älteren Schwester getragen. Und ich weiß, dass ich braune Halbschuhe tragen musste! Neben mir saß bei der Erstkommunion ein Mädchen, das trug ein kariertes Kleid. Also, manche Eltern konnten sich das weiße Kleid für ihr Mädchen wirklich nicht leisten. Kt.: Also konnte man sich nicht so schön machen, wie man es gern gehabt hätte? GCH.: Nein, aber das spielte auch keine große Rolle! Wir und die Eltern waren froh, dass wir überhaupt Erstkommunion feiern durften. Das war ja damals ganz anders als heute.
WCH.: Und wir Jungen haben noch die kurzen blauen Hosen angehabt, also Kommunionanzüge mit kurzen Hosen, keinen „Frack“ wie manche Jungen heute. Einen Kommunionanzug zu bekommen, war bei den Jungen auch ein großes Problem. Die meisten Jungen trugen geliehene Sachen. Ich selbst hatte das Glück, einen eigenen Anzug zu haben. Kt.: Ist vom Kommunionunterricht etwas zu berichten? GCH.: Da habe ich gar keine Erinnerung. WCH.: Ich auch nicht! Das ist ja auch lange her.
GCH.: Wir gingen ja in die Schule II . Ich weiß gar nicht, wie sie von der Gemeinde aus an uns herangekommen sind.
WCH.: Wir haben doch einmal pro Woche den Religionsunterricht gehabt. Es waren ja auch nicht so viele Kinder. Die meisten waren mit der Kinderlandverschickung weg. Es waren doch nur die Wenigen, die in Wilhelmsburg geblieben waren, die nicht mit ihren Schulklassen weggefahren waren. Da hatte der Pastor schon die Übersicht. GCH.: Vom Religionsunterricht erinnere ich besonders den Katechismusunterricht. Wir mussten alle Fragen und Antworten auswendig lernen. Frage 1: „Wozu sind wir auf Erden?“ Antwort: „Wir sind auf Erden, um den Willen Gottes zu tun und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Also, wir haben das auswendig gelernt, dass wir es nur so herunterrattern konnten! Wo der Religionsunterricht aber stattgefunden hat, daran kann ich mich einfach nicht erinnern.
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Kt.: Wo befand sich denn nun die Schule II genau? GCH.: In der Georg-Wilhelm-Straße, da beim Bunker. WCH.: Meine Schule war in der Fährstraße, Nummer 90. Das war die Schule III. Da sind wir eingeschult worden. Mein Bruder war zuerst in der Katholischen Schule in der Bonifatiusstraße gewesen und ist dann zur Fährstraße gekommen. Er gehört zum Jahrgang 1928. Ich hatte dann in der Schule Fährstraße aber eine katholische Lehrerin, das war Frl. Neugebauer. (Sie war vorher Lehrerin in der Katholischen Schule gewesen) Und Frl. Sittkus war eine sehr gläubige, evangelische Lehrerin. Die hat uns daran erinnert, zum katholischen Religionsunterricht in unsere Gemeinde zu gehen. Auch wenn Sammlungen stattfanden, dann sorgte sie dafür, dass das auch den Kirchen zugute kam, auch der katholischen. Das war etwas Besonderes, deswegen erinnere ich mich daran. Die hat mehr dahinter gestanden als so mancher Katholik. Kt.: Was für eine Sammlung war das denn, das Winterhilfswerk? WCH.: Das Winterhilfswerk sowieso! Nein ich meine andere Sammlungen, Zeugsammlungen und manchmal auch Geldsammlungen. Wie gesagt, das kam den Kirchen zugute. Wir sind dann zum Gemeindehaus der Emmaus-Gemeinde gegangen und haben die Sachen dort abgegeben. Zu mir hat Frl. Sittkus gesagt: „Walter du bist ja katholisch, du gibst das dann in der katholischen Gemeinde ab.“
Kt.: Das ist außergewöhnlich, denn ansonsten achtete die NSDAP doch streng darauf, dass Sammlungen nur unter ihrer Regie stattfanden. WCH.: Ja, aber es ist wirklich so, dass in Wilhelmsburg das Wirken der NSDAP gar nicht so ausgeprägt war. In Wilhelmsburg konnte man zum Beispiel „Guten Morgen“ sagen, wenn man in einen Laden ging. In Schlesien war das ganz anders! Als ich dort war, habe ich erlebt, dass man nichts verkauft bekam, wenn man beim Betreten des Ladens nicht „Heil Hitler“ gesagt hatte. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass in Wilhelmsburg in der Schule etwas Besonderes in Sachen Nationalsozialismus gelaufen ist. Natürlich waren wir in der DJ. Da mussten wir natürlich mit „Heil Hitler“ grüßen. Aber in der Schule war das nicht so, dass wir mit „Heil Hitler“ stramm stehen mussten! Es gab einige wenige Lehrkräfte, die darauf bestanden haben, zum Beispiel bestand der Schulleiter darauf.
Kt.: Flaggenappelle, gemeinsames Hören von Radio-Ansprachen der Parteigrößen, gab es das nicht?
WCH.: Ja, so zum 1. Mai etwa, gab es so einen Flaggenappell, aber sonst weiß ich nichts davon. Das ist nicht mehr in meiner Erinnerung. GCH.: Ich war sowieso noch zu jung. Ich habe überhaupt nichts mitgekriegt. Kt.: Walter, du warst in der DJ.
WCH.: Ja, man war da Mitglied, weil man dadurch Beschäftigung hatte, keine Langeweile. Man war dadurch von der Straße weg. Das hat sich auch nicht überschnitten mit dem Religionsunterricht.
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Kt.: Was wurde bei der DJ gemacht?
WCH.: Geländespiele, wir mussten auch „stramm stehen“, also Erziehungsmaßnahmen fanden statt, aber ... ach Gott ... Wir haben auch mit Holz-Handgranaten „gekämpft“. Im Grunde genommen war es „Krieg-Spielen“. Kt.: Wer hatte die Führung?
WCH.: Der „Stamm-Jugendführer“ hieß Busse. Der trug eine schicke, weiße Kordel. Das war mir aber alles nicht so wichtig. Wenn du von zu Hause aus nicht so auf die Nazi-Sache eingeschworen warst, dann hast du das alles nicht so wahrgenommen, nicht ernst genommen. Ich weiß noch, wie mein Vater am Fenster stand und mit der „Goebbels-Schnauze“ (dem „Volksempfänger“ = Radio-Apparat) den englischen Sender BBC hörte. Wenn jemand an die Tür klopfte, wurde der Apparat natürlich ausgestellt. Es sind ja manche verpfiffen worden, dass sie den englischen Sender gehört hätten. Aber auf diese Weise hat man manche Sachen gehört, die man sonst nicht hörte. Auch vor Luftangriffen war man eher gewarnt. Oder man hörte, wo Bomben gefallen waren. Man konnte vergleichen, was der deutsche Sender und was BBC sagte. Wir (Deutschen) waren noch dauernd am Siegen, da haben die anderen schon gesagt, dass etwas von ihnen zurück gewonnen sei. Aber so richtig mitbekommen hast du das alles als Kind ja noch nicht. Kt.: Aber war es nicht aufregend, wenn BBC angestellt war? WCH.: Ja, dass den Eltern die Angst im Nacken saß, dass irgendjemand das Abhören von BBC mitbekam, haben wir schon gemerkt. Auch, dass wir Kinder das Radio nicht einschalten und dass wir nicht alleine BBC hören durften, war klar! Es war ja immer die Gefahr gegeben, dass wir Kinder gefragt wurden: „Was habt ihr in den Nachrichten gehört?“
Kt.: Könnt ihr mir etwas von euren Erlebnissen in der Kriegszeit erzählen? Wart ihr während der Luftangriffe im großen Bunker?
WCH.: Meine Familie hat ja am Kleinen Kanal gewohnt. Da stand in der Nähe ein kleiner Bunker, wie es sie überall gab. Allerdings, an dem Tag, an dem wir ausgebombt wurden, da waren wir zufällig im großen Bunker gewesen. Als wir vom Bunker zurückkamen, sahen wir, dass unser Haus zerbombt war. Da hat man eben in den Trümmern gebuddelt, um noch Habseligkeiten heraus zu graben. Es hatte zum Glück nicht gebrannt. Das Haus war nur zerschlagen worden. Weil in der Nähe die Firma Jung war, sind da auch Brandbomben gefallen, richtige, so sechseckige Phosphordinger. Die sind dann nicht alle hochgegangen. Wir Kinder haben die Reste ins Wasser geworfen. Da haben sie dann im Wasser losgelegt. Wir wussten ja gar nicht, in welche Gefahr wir uns begeben haben. Also, nach der Ausbombung am Kleinen Kanal haben wir in der Fährstraße ein Zimmer und eine Küche gekriegt. Da sind wir aber auch ausgebombt worden. Eine Bombe ist dort hinten ins Haus gefallen, nur die Front des Hauses stand noch. An diesem Tag waren wir, meine Mutter und ich, während des Luftangriffs im Keller. Mein Bruder war zu dieser Zeit schon zum Wehrdienst eingezogen. Er ist ja vier Jahre älter als ich. Sonst haben wir bei
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Luftangriffen immer in einem Raum in der Wohnung gesessen. Weil dieser Angriff am Tage war, waren die Männer zur Arbeit. Da haben wir uns in den Keller geschleppt, meine Mutter und ich. Wären wir in dem Raum geblieben, wäre es für uns vorbei gewesen. Deswegen sage ich immer, dass ich damals ein zweites Leben bekommen habe. Ich habe Glück gehabt, dass im Keller neben der Tür eine Bank gestanden hat. Unter der lag ich dann, über mir Schutt. Ich höre meine Mutter heute noch, wie sie geweint hat. Aber man konnte ja nicht antworten. Ach, wenn man davon erzählt, kommen einem alle die Erinnerungen hoch. Als ich später in der Lehre war, und es bei der Arbeit viel Staub gab, habe ich zuerst gedacht, ich müsste die Lehre abbrechen. Ich konnte, nachdem ich so verschüttet gewesen war, keinen Staub vertragen. Eigentlich war es mit dem Staub auf der Arbeit gar nicht so schlimm, aber mein Unwohlsein kam von innen. Das kannst du nicht steuern. Erst nach einiger Zeit habe ich mich an Staub gewöhnt.
Nach der Ausbombung in der Fährstraße haben wir in der Rudolfstraße gewohnt. Da war eine Betriebswohnung der Kupferhütte, in der mein Vater ja arbeitete, frei geworden.
Kt.: Gertrud, gab es auch bei dir besondere Erlebnisse? GCH.: Ach, die möchte ich eigentlich gar nicht erzählen! Man leidet ja heute noch daran! Diese Bunkerzeit! Wir haben ja von Anfang an Angst vor den Angriffen gehabt. Erst sind wir in den Keller gegangen. Als der Bunker dann fertig war, haben wir im 2. Stock (des Bunkers), Zimmer 17, unseren Platz gehabt. In den letzten Jahren haben wir oben im 6. Stock des Bunkers Tag und Nacht verbracht. Ich möchte davon nicht weiter erzählen, weil ich heute noch darunter leide. Es war schrecklich zu sehen, wie die vielen Flugzeuge herangeflogen kamen, dann im Bunker das Fallen der Bomben und das Schießen der eigenen Flak (= Flugabwehrkanonen) zu erleben. Im Bunker ging manchmal das Licht aus, alles war dunkel, und dann diese Enge! Ich versuche, die Erinnerungen an die Kriegszeit zu verdrängen, aber je älter man wird, je mehr kommt das hoch, wenn man zur Ruhe kommt. Man kann das wirklich nicht steuern.
WCH.: Also, den Bau des Bunkers habe ich auch miterlebt. („In den Jahren 1942 / 43 wurden die beiden Flakbunker auf der Spülfläche an der Weimarer Straße gebaut. Sie boten Tausenden Wilhelmsburgern Schutz und Zuflucht bei den Luftangriffen. Von allen Seiten, sogar von Neuhof, aus dem Osten der Insel und dem Bahnhofsviertel strömten Frauen und Kinder in die Bunker.“ Zitat aus: Keesenberg, Hermann, Wilhelmsburg während des 2. Weltkrieges und nach demselben, In: Reinstorf, E. Geschichte der Elbinsel Wilhelmsburg von Urbeginn bis zur Jetztzeit, Verlag Buchhaus Wilhelmsburg, Georg Romanowski, Hamburg, 1955, S.327) Da, wo jetzt die Wiese ist, war ja einmal das Wilhelmsburger Stadion. Ich erinnere mich besonders an ein Spiel darin, das Spiel Hamburg gegen Berlin. Auf dem Stadiongelände wurden dann Baracken aufgestellt. Als Kinder haben wir zugeschaut, als die Baugruben für
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die beiden Bunker ausgeschachtet wurden. Das kindliche Auge sieht die Dinge ja anders als das Auge eines Erwachsenen. Ich habe damals immer das Gefühl gehabt, dass der große Bunker genauso tief war wie er hoch ist. Und die Masse Menschen, die da beim „Schippen“ war, die Mischmaschinen, die Massen von Eisen! Damals wurde ja noch alles mit der Hand vor Ort gemacht. Ich habe in meinem Leben gesehen, wie die beiden Bunker aufgebaut wurden, wie die Bunker gesprengt werden sollten - der kleine Bunker ist ja erfolgreich gesprengt worden - und ich habe gesehen, wie der große Bunker nach dem Kriege innen aussah. Als ich bei der Baubehörde gearbeitet habe, musste ich in den Bunker rein, weil der Plan bestand, den Bunker oben zu begrünen. Innen sah es wie in einer Kraterlandschaft aus. Die Treppenhäuser, alles, alles war zerstört! Es war schon ein seltsames Gefühl, diesen Bunker in diesem Zustand zu sehen. Man hatte ja sozusagen das ganze Leben des Bunkers miterlebt! Kt.: Ich habe eine Frage zur ersten Bauphase der Bunker. Haben nur Bauarbeiter von Firmen die Bunker gebaut?
WCH.: Es waren auch sehr viele Kriegsgefangene eingesetzt, man hat auch Strafgefangene gesehen. Der große Bunker ist ja nie ganz fertig geworden. Deswegen durfte nur die normale Bevölkerung den Bunker nutzen, die Strafgefangenen mussten draußen bleiben. Es gab von der Veringstraße aus so eine Art Schützengräben zum Bunker. Darin mussten die Kriegsgefangenen und Strafgefangenen bleiben. Das war schon grausam! Erst wenn die Gänge im Bunker von der Normalbevölkerung frei waren, durften auch diese Gefangenen in den Bunker. Sie mussten dann aber in den Gängen unten bleiben. GCH.: Im Bunker waren in den Räumen unten Bänke aufgestellt. In den oberen Stockwerken gab es Säle mit Etagenbetten. Die Säle wirkten auf mich als Kind riesig groß. Die Zimmer wurden entsprechend den Wohnblöcken zugeteilt, damit man die Leute finden konnte und damit jeder wusste, wohin er sich zu begeben hatte. Das Schlimmste an der ganzen Situation, wenn es wieder hieß zum Bunker zu flüchten, war die Angst, wenn die Sirenen losheulten. Ich nahm dann immer meinen kleinen Bruder an die Hand, und Mutti musste mit der Lütten (= der jüngeren Schwester) hinterher. Meine ältere Schwester war in der Kinderlandverschickung. Ich war ja nicht zu halten, wenn Alarm war. Einmal kamen wir auf dem Weg zum Bunker an der Schule II vorbei. Und dann fielen auch schon die Bomben. Jemand rief uns zu, wir sollten in ein Haus flüchten. Ich habe aber meinen Peter (= den jüngeren Bruder) genommen und bin weiter zum Bunker gerannt. Als wir später aus dem Bunker zurückkamen, war dieses Haus, in das wir flüchten sollten, total zerstört. Darin wären wir umgekommen. Viele Menschen hatten sich in dieses Haus geflüchtet, weil darin die Kellerräume als Schutzräume ausgebaut waren. Im Zusammenhang mit einem anderen Alarm kann ich mich auch an diese Strafgefangenen erinnern. Bei denen waren auch Pferde und Wagen. Als wir aus dem Bunker herauskamen, war vor dem Bunker ein Bombentrichter voller Toter. Ich habe noch in Erinnerung wie ein totes Pferd mit verdrehten Augen da lag. Diese Bilder habe
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ich noch so deutlich vor mir! Allein diese Sache, dass nur wir noch in den Bunker hinein durften, die Gefangenen aber nicht! Und der ganze Bunker wackelte, wenn die Bomben fielen! Und dann war es im Bunker dunkel! Wir klammerten uns so an unsere Mutter! Auch sie muss ja Angst gehabt haben. Ringsum hörte man nur Geschreie! Es war einfach grausig! Alles war dunkel, und diese hässlichen Betonwände! Noch heute bewirken diese Kriegserlebnisse bei mir Phobien!
Kt.: Der Luftangriff auf die Bonifatiuskirche war am 31. 3. 1945. Dabei wurde das Seitenschiff total zerstört.
WCH.: Ja, danach haben wir „Steine gekloppt“, damit die Seitenwand der Kirche wieder aufgebaut werden konnte. Einige Zeit lang war unter der Orgelempore der Hauptaltar, bis dann die Kirche wieder zugemauert war. Ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat. Ich weiß nur, dass wir später, als der Altar wieder vorn war, oft den Blasebalg der Orgel treten mussten. Das hat dann
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oft nicht so gut geklappt. Manchmal haben wir beim Treten auch mit Absicht eine Pause gemacht. Dann blieb der Orgel die Luft weg, und die Leute haben gefragt: „Wer hat denn da nun wieder geörgelt?“
Kt.: Wer hat die Orgel gespielt?
WCH.: Erst war das der Lehrer Dormeier, dann der Lehrer Rohde und später war es der Rektor Nolte.
GCH.: Nein, Herr Rohde hat die Orgel nicht gespielt! Der war nach dem Krieg kurze Zeit Schulleiter der Katholischen Schule. Danach war Nolte der Rektor. Der hat auch die Orgel gespielt, aber der Herr Rohde nicht! WCH.: Du hast Recht, Herr Rohde hat die Orgel nicht gespielt. --- Küster waren nach dem Krieg der Herr Zagorski und danach Valentin Greschek. Kt.: Walter, du hattest an der Schule Fährstraße die Lehrerin Neugebauer, die katholisch war. Ist sie nach Wiedereröffnung der katholischen Schule zur Bonifatiusschule zurückgegangen?
WCH.: Nein, die hat uns zwar gesagt, dass wir katholischen Schüler zur Bonifatiusstraße wechseln könnten. Sie selbst ist aber geblieben. GCH.: Ich hatte an der Schule II auch eine Lehrerin, die katholisch war. Die ist aber auch nicht zur Bonifatiusstraße gegangen.
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Kt.: Zuerst war die Bezahlung der Lehrer an der Schule Bonifatiusstraße noch nicht endgültig geklärt. Vielleicht sind die beiden Lehrerinnen deswegen nicht zur Bonifatiusstraße gegangen und deswegen war es in den ersten Jahren gar nicht leicht, Lehrer und Lehrerinnen für die Katholische Schule in Wilhelmsburg zu bekommen.
WCH.: Ich habe Nolte noch als Lehrer gehabt. Aus der Schule entlassen wurde ich vom Schulleiter Rohde. Kt.: Wisst ihr etwas vom Neubau des Gemeindehauses? WCH.: Da waren erst einmal das Beseitigen des Schutts und das „Steine-Kloppen“ für den Bau des Kolpingheimes angesagt. Die beiden Geschäftsleute von Prodzinski und von Wantoch hatten wegen ihrer Firmen Lastwagen. Die haben den Schutt weggefahren und Baumaterial für das Kolpingheim herangefahren. Ein- oder zweimal pro Woche haben wir für das Kolpingheim gearbeitet. Für unser leibliches Wohl hat dann der Bäcker Alfons Ballhausen gesorgt. Der brachte Backwaren vorbei, denn wer arbeitet, muss ja auch etwas essen.
GCH.: Übrigens hat der Alfons Ballhausen auch bei Festen der Gemeinde für das leibliche Wohl gesorgt, Kuchen gespendet. Der hatte seine Bäckerei am Wilhelmsburger Bahnhof. Auch den Tischler Ciuda in der Veringstraße muss man erwähnen. Der hat auch viel für die Gemeinde getan! Es wurde in der Gemeinde ja wirklich viel ehrenamtlich gemacht. Der Zusammenhalt war großartig.
WCH.: Die drei Genannten waren ja im Gesellenverein, später „Kolping“ genannt. Aus den Gesellen sollen Meister werden, das war` s doch! Der von Prodzinski als Fahrradhändler, von Wantoch als Kohlenhändler, der Tischler Ciuda, Alfons Ballhausen als Bäcker, alle haben ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinde gestellt; auch der Martinus Press, der Bauingenieur und Polier bei der Baufirma Harriefeld war. Die waren damals in der Kolpingfamilie und in der Gemeinde die Elite. Alfons Ballhausen und Martinus Press waren im Kirchenvorstand, Press auch im Bauausschuss und im Elternrat der Schule. Ich selbst war auch im Bauausschuss, als die Kirche unter Pfarrer Franz erneuert wurde. Deswegen weiß ich Etliches davon.
GCH.: Diese Leute waren auch Vorbilder. Sie haben die Jüngeren zur Mitarbeit herangezogen, und schon war man mitten drin in der Gemeindearbeit! Zum Thema Neubau des Gemeindehauses fällt mir ein, dass wir losgezogen sind und in der Gemeinde so genannte „Bausteine“, also regelmäßige, kleinere Spenden für den Bau des Gemeindehauses gesammelt haben. Zwei oder drei Mark monatliche Zahlung als „Bausteine“. Kt.: Sagt euch der Name Paul Ulitzka etwas?
WCH.: Der ist der Rendant der Gemeinde gewesen. Den habe ich selbst noch im Kirchenvorstand erlebt. Ich bin 1963, mit dreißig Jahren, unter Pfarrer Großstück, in den Kirchenvorstand gekommen. Da war Herr Ulitzka noch
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Ulrich Krieter, 2009, Die St. Bonifatius-Gemeinde in Hbg.-Wilhelmsburg zur Zeit des Pfarrers Krieter, München, GRIN Verlag GmbH
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